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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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IV.

Ein großes Reisigfeuer, wie Noemi in ihrer Jugend es gesehen hatte, flackerte im Hofe Unserer Lieben Frau und warf einen hellen Schein auf das schwarzgraue Gemäuer der Wallfahrtskirche und die Hütten ringsum.

Ein junger Bursche spielte Ziehharmonika, aber die Leute, die eben erst aus der Abendmette gekommen waren und das Abendbrot zubereiteten oder auch schon aßen im Innern der Hütten, hatten noch keine Lust zum Tanzen.

Dazu war es noch zu früh. Am leuchtenden Abendhimmel glühten die ersten Sterne auf, und das dunkle Rot im Westen, hinter der Aussichtswarte, verblaßte allmählich.

Tiefer Frieden lagerte über dem in aller Eile aus dem Boden gewachsenen Dörfchen, und die Klänge der Ziehharmonika und das Stimmengewirr und Gelächter in den Hütten kamen wie aus weiter Ferne.

Da und dort, vor den kleinen, längs der Mauern brennenden Feuern, beugte sich eine dunkle Frauengestalt geschäftig über das dampfende Essen.

Die Männer, die am Abend zuvor den Hausrat herbeigeschafft hatten, waren schon wieder mit ihren Fuhrwerken und Pferden aufgebrochen. Nur die Frauen, die Greise, die Kinder und etliche junge Burschen blieben zurück, und obgleich sie alle des Glaubens waren, nur zur Buße hier zu sein, versuchten sie sich die Zeit möglichst fröhlich zu vertreiben.

Die Damen Pintor verfügten über zwei Hütten, die zu den ältesten zählten und gleichsam ihr Eigentum geworden waren durch die Geschenke und frommen Gaben, die ihre Ahnen der Kirche gestiftet hatten zur Zeit, da die Erzbischöfe von Pisa noch in dem nahen Hafen landeten, die sardischen Gemeinden besuchten und die Messe in dem Wallfahrtskirchlein lasen.

Und dort, zwischen zwei Hütten im Winkel des Hofes, lehnte auch noch die Steinbank an der Mauer, auf der die Muhme Pottoi einst Frau Maria Christina wie eine Königin thronen sah, im Kreise all ihrer Mägde, die mit ihr zu dem Kirchlein gepilgert kamen.

Jetzt saßen dort Esther und Ruth, schlicht und dunkel wie zwei Nonnen, mit einem weißen Tuch auf dem Kopf, die Hände unter der Schürze, an die ferne Noemi, an den fernen Giacinto denkend.

Ihr Abendbrot war ziemlich karg gewesen: eine Milchsuppe, die den Magen nicht beschwerte und den Geist hell und klar erhielt. Trotzdem erschauerte Esther dann und wann wie unter Gewissensbissen, wie unter einem geheimen, fast schuldbewußten Gedanken. Giacinto – der heimlich abgeschickte Brief ...

Neben den beiden kauerte, die Arme um die Knie geschlungen, Grixenda an der Mauer und lachte dem jungen Ziehharmonikaspieler zu. In der angrenzenden Hütte saßen ihre Verwandten, mit denen sie zu dem Fest gegangen war, um einen als Tischtuch auf die Erde gebreiteten Sack herum und verzehrten ihr bescheidenes Mahl; und während die eine von ihnen ein Knäblein in den Schlummer wiegte, rief die andere dem jungen Mädchen zu:

»Komm, Grixenda, iß wenigstens ein Stück Kuchenbrot! Was soll sonst deine Großmutter sagen? Daß wir dich verhungern lassen?«

»Grixenda, hörst du nicht? Sie rufen nach dir! Also – geh schon«, sagte Esther.

»Ach, liebes Fräulein Esther! Ich bin nicht hungrig – ich möchte nur tanzen ...«

»Zuannantò! Willst du nicht zum Essen kommen? Siehst du nicht, daß deine Weisen wie der Wind sind? Sie verscheuchen die Leute!«

»Warte doch, bis sie sich gütlich getan haben!« sagte die Wucherin, die aus der Tür rechts neben den Damen Pintor trat und die Zähne mit dem Fingernagel säuberte.

Auch sie hatte zu Abend gegessen und begann nun im Schein des Feuers zu stricken.

Und dann entspann sich zwischen ihr, den Damen, dem jungen Mädchen und den Frauen in der Hütte das übliche Gespräch. Wie sie im Dorf während des ganzen Jahres nur von dem Fest sprachen, so sprachen sie nun auf dem Fest von ihrem Dörfchen.

»Ich verstehe nicht, wie Sie Ihr Haus ganz allein lassen konnten, Muhme Kallina«, sagte ein großes Mädchen, das unter der Schürze eine Schüssel Sauermilch anbrachte, ein Geschenk des Pfarrers an die Damen Pintor.

»Nun, Natòlia, mein Vögelchen – ich ließ zu Hause ja nicht solche Schätze zurück wie dein Herr, der Pfarrer!«

»Zum Kuckuck! Geben Sie mir doch Ihren Hausschlüssel. Dann lauf' ich schnell ins Dorf, suche Ihr Haus durch und flüchte dann in die Stadt!«

»Meinst du, daß es so schön ist in der Stadt?« fragte Fräulein Ruth mit ernster Stimme, und Fräulein Esther, die inzwischen die Sauermilch umgefüllt hatte und Natòlia die Schüssel nebst einem kleinen Trinkgeld reichte, schlug ein Kreuz.

»Der Himmel behüte uns vor der Stadt!«

Beide dachten das gleiche, an Lias Flucht, an Giacintos Kommen, und zu ihrem Erstaunen hörten sie Grixenda murmeln:

»Wo es doch die Stadtmenschen zu uns – aufs Land zieht!«

Die Leute begannen aus den Hütten auf den Hof zu treten. Da und dort tauchte in den niedrigen Türen eine Frau auf, die sich den Mund mit der Schürze abwischte und dann den Kindern nachlief, um sie zu haschen und zu Bett zu bringen.

Eine von Grixendas Verwandten ging auf den Ziehharmonikaspieler zu und reichte ihm ein in vier Teile gebrochenes Kuchenbrot.

»Da – iß, mein Junge! Was soll sonst deine Großmutter sagen? Daß ich dir nichts zu essen gebe?«

Der junge Bursche beugte sich vor, biß ein Stück von dem Kuchenbrot ab und spielte dann weiter.

Aber noch immer entschloß sich niemand zum Tanzen, so daß Grixenda und Natòlia, ärgerlich über die Trägheit der Frauen, eine boshafte Bemerkung machten.

»Da sieht man's wieder! Wenn die Männer nicht da sind, macht euch das ganze Fest kein Vergnügen!«

»Wenn wenigstens Efix da wäre, der Knecht von Fräulein Ruth! Sogar der würde euch genügen!«

»Ach, der ist doch steinalt! Was soll ich mit Efix anfangen? Nein, lieber tanze ich mit einem dürren Ast!«

Da schlug plötzlich der Hund des Pfarrers auf der Aussichtswarte an und kam lautbellend in den Hof herabgerannt. Die Frauen hörten auf zu sticheln und erhoben sich, um nachzusehen, was es gäbe. Zwei Männer kamen die Landstraße herauf, und während der eine auf einem kleinen Kamel zu sitzen schien, beugte sich der andere wie über eine riesige Heuschrecke, deren Flügel die langen Beine des spaßigen Reiters gleichmäßig auf und ab zucken ließen. Doch als die beiden näher kamen, erhellte der Feuerschein ihre wunderlichen Gestalten: der eine war Efix, der auf einem mit Säcken und Kissen schwer bepackten Gaul saß, der andere ein Fremdling, dessen flink durch den Hof gleitendes Fahrrad rötlich glitzerte.

Grixenda sprang auf und lehnte sich bestürzt an die Mauer; auch die Ziehharmonika verstummte plötzlich.

»Mein Gott, Fräulein Esther! Ihr Neffe!«

Zitternd standen die Damen auf, und Fräulein Esther sagte mit hoher, fast wie das Blöken eines Zickleins klingender Stimme:

»Giacinto! Giacinto – mein Neffe ... Aber träume ich auch nicht? Bist du's wirklich?«

Er war vor ihnen vom Rad gestiegen und blickte befangen um sich. Dann fühlte er, wie die welken Hände der Tante nach den seinen griffen, und sah an der Mauer das bleiche Gesicht und die perlschimmernden Augen Grixendas.

Dann umringten alle Frauen ihn, starrten ihn an, betasteten ihn, fragten ihn aus. Die Wärme ihrer Leiber schien ihn heimlich zu erregen. Er lächelte, fühlte sich wie im Kreise einer vielköpfigen Familie und begann sie, eine nach der anderen, zu umarmen.

Die einen wichen erschrocken zurück, die anderen lachten verlegen und schauten zu ihm auf.

»Ist das so Brauch in deiner Heimat? Fräulein Esther, Fräulein Ruth, er verwechselt uns mit Ihnen! Er hält uns alle für seine Tanten!«

Efix hatte inzwischen die Kissen abgeschnallt und trug sie durch die schmale Tür in die leere Hütte. Grixenda half ihm, sie auf die Steinbank an der Wand zu legen, fegte den kleinen Raum aus und machte das Lager zurecht, während sie in der Hütte nebenan Giacinto ehrerbietig, fast schüchtern auf die Fragen der Tanten antworten hörte.

»Ja, Tante, von Terranova aus mit dem Rad! Was ist das schon? Eine Kleinigkeit! Auf einer so ebenen und einsamen Straße kann man in einem Tag um die Welt fahren. Ja, Tante Noemi war mächtig überrascht, als sie mich sah. Sie hatte mich sicher nicht erwartet und glaubte wohl zunächst, ich hätte mich in der Tür geirrt!«

Seine Worte und seine fremde Mundart gingen Grixenda tief zu Herzen. Hatte sie das Gesicht des jungen Mannes, der aus fernen Landen kam, vorhin auch nicht deutlich gesehen, so waren ihr doch seine große Gestalt und sein volles, golden schimmerndes Haar aufgefallen. Und schon empfand sie etwas wie Eifersucht, weil Natòlia, die Magd des Pfarrers, sich in die Hütte der Damen gedrängt hatte und mit ihm plauderte.

Wie vorlaut, wie dreist von Natòlia! Dem Fremdling zu Gefallen machte sie sich sogar über die Hütten lustig, die doch heilig waren, weil die Gläubigen, die frommen Kinder der Kirche, in ihnen wohnten.

»Nicht einmal in Rom gibt's so prächtige Paläste wie hier! Sehen Sie doch die Vorhänge dort an! Die haben die Spinnen ganz umsonst gesponnen. Ganz zu schweigen von den Mäusen! Glauben Sie ja nicht, wenn jemand heute nacht Sie an den Füßen kitzelt, daß ich es bin, Don Giacinto!«

Grixenda biß sich auf die Lippen und klopfte an die Wand, um Natòlia zum Schweigen zu bringen.

»Hören Sie? Klopfgeister gibt's hier auch.«

»Ach, das ist nur eine Frau, die klopft«, flocht Fräulein Ruth schüchtern ein.

»Geister, Mäuse und Frauen kümmern mich nicht«, erwiderte Giacinto gelassen.

Und Grixenda, die noch immer nebenan an der Wand lehnte, lachte laut auf. Wie sie vorhin den Weisen der Ziehharmonika gelauscht hatte, so lauschte sie nun der Stimme des jungen Mannes und lachte fröhlich, obwohl sie am liebsten geweint hätte.

   

Froh – auf eine ernste Weise froh waren übrigens alle in der ärmlichen Hütte der Damen Pintor.

»Ich glaube zu träumen«, sagte Esther, die dem Neffen das Essen vorsetzte, während Ruth ihn wie gebannt, mit leuchtenden Augen ansah und Efix ein Fäßchen Wein aus dem Sack nahm und seinen Herrinnen über die Schulter zulächelte.

Giacinto saß auf der Steinbank, die zu verschiedenen Zwecken – als Tisch und als Lager diente, und ließ es sich schmecken; und auch er glaubte zu träumen.

Nach dem kühlen Empfang durch Noemi war er sich wie ein Fremder – und ein Fremder war er ja auch – vorgekommen zwischen diesen Menschen, die so anders waren als er; nun aber sah er, wie die Tanten ihn aufmerksam bedienten, wie der Knecht ihm freundlich zulächelte wie einem Kind, wie die jungen Mädchen ihn zärtlich und verliebt betrachteten. Er hörte die sanfte Weise der Ziehharmonika, erblickte die tanzenden Schatten im Feuerschein und bildete sich ein, daß sein Leben nun weiterhin so bleiben müßte, so abenteuerlich und fröhlich.

»Anpassen muß der Mensch sich können«, sagte Efix und schenkte ihm einen Becher Wein ein. »Sieh das Wasser an! Warum gilt es für weise? Weil es die Form des Gefäßes annimmt, in das man es füllt.«

»Der Wein doch auch, wie mir scheint!«

»Ja, der Wein auch! Nur daß der Wein zuweilen überschäumt, das Wasser nicht.«

»Oh, das Wasser auch, wenn man es auf dem Feuer ins Wallen bringt«, sagte Natòlia.

Da kam Grixenda hereingestürzt, packte die Magd am Arm und zog sie mit sich fort.

»Laß los! Was fällt dir ein?«

»Nichts! Aber du läßt es an der schuldigen Achtung fehlen vor dem Fremden!«

»Grixenda! Dich hat wohl die Tarantel gestochen, daß du so närrisch bist?«

»Ja, und deshalb will ich tanzen.«

Schon hatten sich etliche Frauen um den Musikanten geschart und reichten sich nun die Hände zum Reigen. Die Knöpfe an ihren Miedern funkelten im Feuerschein, ihre Schatten kreuzten sich auf dem grauen Boden. Langsam stellten sie sich in einer langen Reihe auf, Hand in Hand, und hoben zögernd die Füße im Takt des Tanzes; aber sie waren noch steif und unsicher und schienen sich gegenseitig zu behindern.

»Man merkt, der Meister fehlt noch! Ein Mann! Ruft doch wenigstens Efix herbei!« rief Natòlia, und als Grixenda sie in den Arm zwickte, setzte sie hinzu: »Ach, dich sticht der Haber! Soll ich ihn etwa auch mit meiner Achtung beehren?«

Aber bei dem Geschrei war Efix aufgetaucht und näherte sich nun, im Takt den Boden stampfend und mit den Armen wippend wie ein wirklicher Tänzer.

»Zum Fest – zum Fest kam ich gezogen ...« sang er vor sich hin.

Neben Grixenda angelangt, ergriff er ihren Arm, reihte sich zwischen die Tänzerinnen ein und schien tatsächlich durch seine Gegenwart den Reigen zu beschwingen. Flinker bewegten sich die Füße der Frauen, hoben und senkten sich scharrend im Takt; die Glieder lösten sich, die Gesichter leuchteten freudig auf.

»Da ist der Meister! Los jetzt! Stimmung!«

»Schneller! Schneller!«

Ein unsichtbares Zauberband schien die Tanzenden zu umschlingen und ließ sie verschmelzen zu einer geschlossenen, fröhlich bewegten Kette. Langsam begann die lange Reihe sich zu krümmen und schloß sich schließlich zu einem Kreis. Dann und wann trat eine Frau hinzu, löste zwei verschlungene Hände, flocht die eigenen dazwischen und vergrößerte so den bunten Reigen, hinter dem in dichtem Kranze die Schatten über den Boden wirbelten. Und immer hurtiger hoben sich die Füße und stampften ununterbrochen die Erde, wie um sie aufzuwecken aus ihrer starren Ruhe.

»Schneller! Schneller!«

Auch die Ziehharmonika klang immer fröhlicher und beschwingter. Ausgelassene Freudenschreie tönten dazwischen, wie um die Tanzweise anzufeuern und zu steigern zu einem Taumel trunkener Klänge.

»Heisa! Juchheisa! Juchheirassassa!«

Alle kamen herbeigeeilt, um zuzuschauen, und dort in einem dunklen Winkel des Hofes sah Grixenda das Haar Giacintos golden zwischen den weißen Kopftüchern der Tanten schimmern.

»Gevatter Efix, fordern Sie Ihr Patenkind doch auch zum Tanzen auf«, sagte Natòlia.

»Ja, der ist gewiß ein guter Tänzer.«

»Und ellenlang wie der Kirchturm dort!«

»Still, Natòlia, du Feuerzunge!«

»Deine Augen brennen weit mehr als meine Zunge, Grixenda.«

»Und deine glühen wie im Feuer.«

»Still, Frauen, und getanzt!«

Zum Fest – zum Fest kam ich gezogen ...

»Heisa! Juchheisa! Juchheirassassa!«

Wie ein helles Pferdegewieher zitterten die Schreie durch die Luft, und wie erfaßt und mitgerissen von der Lust am Tanzen bewegten sich die Beine der Frauen immer schneller unter dem dunklen Tuch der Röcke, die zierlichen Füße immer flinker zwischen dem Spitzengekräusel der roten Borten.

»Don Giacinto! Kommen Sie doch!«

»Schneller! Schneller!«

»Ja doch, kommen Sie! Kommen Sie!«

Alle Frauen blickten nun lächelnd in den dunklen Winkel dort.

Da riß er sich plötzlich von den beiden alten Damen los, blieb aber in der Mitte des Hofes zögernd stehen. Und nun öffnete sich der Kreis der Frauen wieder, dehnte sich wieder zu einer langen Kette aus, und wie in kindlichem Spiel kam diese auf den Fremdling zugetanzt, kreiste ihn ein, nahm ihn in die Mitte und schloß sich wieder.

Zwischen Grixenda und Natòlia eingereiht, alle anderen um Haupteslänge überragend, schien er die Seele des wirbelnden Reigens zu bilden; und er fühlte, wie Grixendas kleine Hand sich in die seine stahl, während Natòlias harte, warme Finger sich leidenschaftlich um die seinen schlangen, als wären sie und er ein Liebespaar.

   

Auch der Pfarrer trat aus seiner Hütte, blickte freundlich um sich mit seinem rosigen Kindergesicht und setzte sich dann neben die Damen Pintor.

»Ein hübscher Bursche – Ihr Neffe, Fräulein Ruth.«

Er nahm eine silberne Schnupftabaksdose heraus, schüttelte sie, klappte den Deckel auf und reichte sie auf der flachen Hand zunächst Fräulein Esther, dann Fräulein Ruth und schließlich sogar Kallina.

»Ja, ein hübscher Bursche, Fräulein Esther, aber ich rate zur Vorsicht.«

Er raffte sein Priestergewand hoch, um das Döschen wieder einzustecken, schlang sein blauseidenes Tuch um den Hals und schlug die Zipfel auf der Brust übereinander.

»Vorsicht, Fräulein Esther! Wir haben allerdings auch getanzt, als wir noch junge Füße hatten. Und nun – was tun wir nun?«

Esther weinte vor Freude, nieste aber zum Schein.

»Ihr Schnupftabak ist wie Pfeffer, Hochwürden Paskà.«

   

Am glücklichsten von allen war freilich Efix. Er lag auf einem Heuhaufen in einer der leeren Hütten und glaubte noch immer zu tanzen und Giacinto zu bewundern. Und er lächelte ihm freudig zu wie die Frauen. Ja, wie innerhalb des Reigens hatte die Gestalt des »Jungen« bereits den ersten Platz in seinem Leben eingenommen.

Und in Gedanken schweifte er zu dem Augenblick zurück, wo er zu dem Haus seiner Herrinnen geeilt war, um Lias Sohn zu begrüßen. Welch ein ergreifender Augenblick! Seine Freude war so groß gewesen, daß er sich nicht mehr erinnerte, was er gesagt, was er getan hatte. Er sah nur noch, wie Noemis starre und doch vor innerer Erregung zitternde Gestalt ihm folgte und heimlich zu ihm sagte:

»Brecht jetzt auf, geht zu dem Fest – die anderen erwarten euch.«

Und so hatte sie sie gleichsam fortgeschickt, und erst beim Abschied, erst als das Hoftor sich langsam vor ihr schloß, hatte ihr Gesicht sich wieder aufgehellt.

Und als sie dann an dem kleinen Gut vorbeikamen, hatten sie eine Weile haltgemacht, Efix hatte mit der Zärtlichkeit eines Liebenden seinen Hügel gezeigt, den sanftgeschwungenen Hang, auf dem das Schilfrohr rötlich in der untergehenden Sonne wogte, die kleine Hütte, die ihn zwischen all dem Grün erwartete.

»Hier lebe ich das ganze Jahr. Und Euer Gnaden werden mich besuchen, wenn es Gemüse und Obst ins Dorf zu schaffen gibt ... Ihr Roß da vermag die schweren Säcke freilich nicht zu tragen«, setzte er hinzu und schloß die Augen vor dem hellen Glanz des Fahrrades.

»Ich fahre doch nach Nuoro«, sagte Giacinto; aber er musterte das Gut mit prüfendem Blick, fast wie ein lebendes Wesen.

»Manchmal werden Sie schon kommen. Solange es noch nicht zu heiß ist, oder auch im Herbst, wenn es sich so kühl dort oben im Schatten ruht. Und nachts – da leistet uns dann hier der Mond Gesellschaft – und die Melonen in dem Gärtchen dort schimmern wie Glaskugeln in seinem Licht ...«

»Ja, manchmal werde ich kommen«, versprach Giacinto und sprang gewandt vom Rad.

Und dann hatte er, gleichsam bewogen durch die Schilderungen des Gefährten, den Vorschlag gemacht, das Gut zu besichtigen.

Und sie hatten das Pferd an der Hecke unten zurückgelassen, von der es hin und wieder ein Blättchen abrupfte, und hatten das Gut besichtigt.

Efix machte den neuen Herrn auf die Dämme aufmerksam, die er selbst errichtet hatte; und erstaunt betrachtete der junge Mann die Erd- und Steinmassen, die der kleine Knecht im Lauf der Jahre aufgetürmt hatte, und dann ihn selbst, wie um die gewaltige Leistung besser würdigen zu können.

»Ganz allein? Alle Achtung! Du mußt in deiner Jugend ein starker Mann gewesen sein.«

Efix errötete.

»Ja, das war ich. Und den Weg habe ich auch angelegt.«

Langsam schlängelte sich dieser den Hügel empor, eingesäumt von kleinen Mauern, die ihm Halt gaben wie die Erdwälle den Hängen und Halden des kleinen Gutes.

Höher und höher stiegen sie, blieben auf jeder Terrasse stehen und drehten sich um, um das Werk des kleinen Mannes zu bestaunen, und der Fremdling bekundete eine kindliche Neugier, die den Knecht belustigte.

»Schwillt der Fluß im Winter an?«

»Und was ist eigentlich das?« fragte er und bog den Zweig eines Bäumchens zu sich herab.

Er kannte weder die Bäume noch die Gemüse; er wußte nicht einmal, daß die Ströme im Frühling aus den Ufern treten. Dort war ein Beet Zuckererbsen, die schon bleich in ihren schwarzgetüpfelten Hülsen ruhten, dort längs der feuchtglänzenden Ackerfurche eine Granatapfelhecke, dort ein rötlich blühendes Kartoffelfeld, dort der Lauch, der im sanften Winde zitterte, und dort der Kohl, auf dem es wimmelte von leuchtendgrünen Raupen. Schwärme von weißen und gelben Schmetterlingen gaukelten durch die Luft, ließen sich auf den Erbsenblüten nieder und nippten an ihnen; Heuschrecken klammerten sich an den Stengeln fest und fielen wieder ab wie Blätter im Winde; Bienen summten an den niedrigen Mauern entlang, wie vergoldet vom schimmernden Staub der Blüten, auf denen sie hin und wieder rasteten; im eintönigen Grün des Bohnenfeldes flammte dunkelrot der Klatschmohn.

Und tiefe, duftgetränkte Stille breitete sich mit den Schatten der kleinen Mauern über den Hang, und es war so warm und traulich in diesem weltvergessenen, von den Feigenhecken eingefriedeten Erdenwinkel, daß der Fremdling sich nunmehr vor der Hütte ins Gras warf und am liebsten gar nicht weitergewandert wäre.

Über das Schilfrohr auf dem Hügel glitten die Maiwolken weiß und zart wie leuchtende Schleier. Er blickte ins tiefe Blau des Himmels und glaubte wie auf Daunen zu ruhen.

Er sah, wie Efix die Hütte öffnete, sich umdrehte und ihn pfiffig mit dem Zeigefinger zu sich winkte, wie er dann wieder zurückkehrte, sorgfältig etwas auf dem Rücken versteckte und sich mit einem listigen Blinzeln zu ihm ins Gras kniete. Träumte er?

Er setzte sich auf, schlang die Arme um die Knie und ließ sich eine Weile bitten, ehe er die buntgestreifte Kürbisflasche voll gelben Weins ergriff, die der Knecht ihm reichte. Schließlich setzte er sie an den Mund, und während er den süßen, würzigen, bernsteingelben Wein aus dem engen Hals der Flasche trank, überrieselte es ihn wie ein Wollustschauer.

Efix, der noch immer verzückt neben ihm kniete, sah ihn an. Dann trank er auch und hätte am liebsten geweint vor Glück.

Die Bienen ließen sich auf der Kürbisflasche nieder. Giacinto riß einen Grashalm zwischen seinen Beinen aus, starrte auf den Boden und fragte:

»Von was leben meine Tanten eigentlich?«

Es wurde Zeit, ihn einzuweihen in alles. Efix deutete mit der Kürbisflasche in die Gegend, nach rechts und links.

»Sehen Sie, Euer Gnaden, so weit das Auge reicht, gehörte das Tal einst Ihren Vätern. Ein mächtiges Geschlecht fürwahr! Jetzt freilich ist von all der Herrlichkeit nur dieses kleine Gut geblieben; aber es ist wie das Menschenherz, das auch in der Brust der Alten rüstig weiterschlägt. Und von ihm leben wir.«

»Ach, mein Großvater, dieser Starrkopf! Er hat die Familie ins Unglück gestürzt ...«

»Aber wäre er nicht gewesen, so wären Euer Gnaden nie geboren worden.«

Giacinto hob rasch die Augen, senkte sie aber gleich wieder: tief bekümmerte Augen.

»Und warum wird man überhaupt geboren?«

»Ausgezeichnet! Weil Gott es will.«

Giacinto gab keine Antwort. Er sah noch immer starr zu Boden und seine Lider zuckten verräterisch. Doch willig trank er wieder und schloß die Augen, während Efix sich mit gekreuzten Beinen neben ihn setzte und einen Stein in die Hand nahm.

»Sind Sie nicht froh, daß Sie nun hier sind, Euer Gnaden?«

»Sag nicht immer ›Euer Gnaden‹ zu mir,« erwiderte der junge Mensch. »Ich bin nicht adlig, ich bin gar nichts. Sag ruhig du zu mir, wie ich zu dir. Ob ich froh bin? Nein. Ich kam nur her, weil ich nicht wußte, wohin ich gehen sollte ... Dort – in meiner Heimat gibt es zu viele Menschen. Dort muß man ein Lump sein, wenn man es zu etwas bringen will. Ach, du hast ja keine Ahnung, wie viele Reiche es dort gibt. Aber sie verschwinden in der Menge ...«

Er deutete mit der Hand in die Ferne und bewegte die Finger, wie um das Gewimmel dieser Menge zu veranschaulichen, und Efix sah auf seinen Fuß und murmelte gerührt und mitleidig: »Barmherziger Himmel!«

Am liebsten hätte er sich über den »guten Jungen« gebeugt und ihm gesagt: Nun bin ich ja bei dir, nun soll es dir an nichts mehr fehlen. Aber er konnte ihm nur wieder die Kürbisflasche reichen, wie eine Mutter ihrem weinenden Kinde die Brust reicht.

»Ja, wir wissen, wie verteufelt schwer die Menschen es dort haben. Aber hier ist das ganz anders, hier kann man es zu etwas bringen. Ich werde Ihnen erzählen, wie der Milese sein Glück gemacht hat. Der kam eines Tages bettelarm hier an, wie ein Vogel ohne Nest ...«

Bekümmert, mit gesenktem Kopf hörte Giacinto zu, kräuselte verächtlich den Mund, kaute zornig an dem Halm und warf sich plötzlich mit dem Gesicht ins Gras. »Ach, wenn du wüßtest! Aber woher sollst du es wissen? In Rom lebt ein Fürst, der Ländereien so groß wie ganz Sardinien besitzt, und ein anderer, ein Emporkömmling, der in Zeiten der Hungersnot mehr Geld zur Verfügung stellt als unser König.«

»Auch in Sardinien gibt es einen Geistlichen, der im Tag dreihundert Taler zu verzehren hat«, sagte Efix kleinlaut; und dann mit erhobener Stimme: »Dreihundert Taler, verstehen Sie, Euer Gnaden?«

Aber Giacinto schien nicht im mindesten überrascht zu sein. Trotzdem fragte er nach einer Weile:

»Wo wohnt er? Kann man ihn nicht einmal kennenlernen?«

»Er wohnt in Calangianus, in der Provinz Gallura.«

Zu weit! Und wieder begann Giacinto mit sinnenden Augen von den märchenhaften Reichtümern der vornehmen Leute auf dem Festland zu erzählen, von ihren Lastern und ihrem ausschweifenden Lebenswandel.

»Sind sie denn auch glücklich?« fragte Efix fast ärgerlich.

»Und sind wir vielleicht glücklich?«

»Ja, ich bin glücklich. Euer Gnaden. Da – trinken Sie aus, trinken Sie sich Mut an!«

Giacinto trank aus, und Efix schüttete die letzten Tropfen ins Gras. Die Bienen fielen darüber her, und alles ringsum verlor sich wie in sanftem Summen.

   

Doch nach der Ankunft im Hofe Unserer Lieben Frau machte der junge Mensch einen zufriedeneren Eindruck. Er hatte seine Tanten und die anderen Frauen umarmt, hatte sich das Essen munden lassen und wie ein junger Hirte auf dem Feste mitgetanzt. Jetzt schlief und schnarchte er, und Efix hatte ihn vorhin friedlich auf dem schmalen Lager an der Wand liegen sehen, mit geschlossenen Lidern, die so zart waren, daß das helle Blau der Augen durch sie hindurchzuschimmern schien, mit rötlichblondem, über das weiße Kissen verstreutem Haar und geballten Fäusten wie ein träumendes Kind. Die brennende Kerze am Boden hatte er ganz vergessen. Efix bückte sich, blies sie aus und dachte im stillen, daß alle Pintors so waren: verschwenderisch und leichtsinnig.

Nun, vielleicht war es besser, so zu sein. Auch er legte sich zurück und ballte die Fäuste. Durch die Ritzen im Dach flimmerten die Sterne, und in ihrem Zittern schien der zirpende Gesang der jungen Grillen mitzuschwingen.

Es roch nach Erlen und nach Minze, alles war versunken in zitterndem Schweigen, wie in einem sanftrauschenden Wasser, und Efix dachte an längst entschwundene Abende, an fröhliche Tänze und nächtliche Lieder, an Fräulein Lia, die auf dem Felsblock im Winkel des Hofes kauerte wie eine junge Gefangene, die an ihren Fesseln nagt und sich ganz heimlich rüstet zur Flucht.

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