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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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II.

Im Morgengrauen machte er sich auf den Weg und ließ den jungen Burschen zur Bewachung des Gutes zurück.

Die Straße führte bis zum Dorf ständig bergauf, und er wanderte langsam auf ihr dahin, weil er im vorigen Jahr das Sumpffieber gehabt und eine große Schwäche in den Beinen zurückbehalten hatte. Hin und wieder blieb er stehen und blickte auf das Gut zurück, das leuchtendgrün zwischen den beiden Feigenhecken ruhte; und die Hütte dort oben, die schwarz zwischen dem Blaugrün des Schilfrohrs und dem Weiß des Felsgesteins nistete, erschien ihm wie ein Nest – ein wirkliches Vogelnest. Jedesmal, wenn er fortging, betrachtete er sie so, halb zärtlich und halb traurig, ganz wie ein Vogel, der in die Ferne zieht. Ihm war fast, als ließe er dort sein besseres Ich zurück, die Kraft, welche die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit von der Welt verleiht; und während er die Straße emporstieg, durch die blühende Heide, vorbei an den Binsen und dem niedrigen Erlengestrüpp am Fluß, kam er sich wie ein Pilger vor, der mit einem kleinen härenen Sacke auf der Schulter und einem Holunderstabe in der Hand auf einen Ort der Buße zustrebt: die Welt.

Doch des Herrn Wille geschehe immerdar! Und plötzlich öffnete sich das Tal vor seinen Blicken, und wie auf einem gewaltigen Schutthaufen taucht auf der Kuppe eines Hügels die alte Schloßruine auf. Aus einem schwarzen Gemäuer blickt ein blaues, leeres Fenster wie das Auge der Vergangenheit auf die schwermütige, rötlich im Schein der aufgehenden Sonne erglühende Landschaft herab, auf die sanft gewellte, grau und gelb gefleckte Ebene, auf das silbergrüne Band des Flusses, auf die weißen Dörfchen, die langgeschwungenen Höhen und die blaugoldene Wolke der Nuoreser Berge in der Ferne.

Klein und schwarz schreitet Efix in die strahlende Helle hinein. Die schrägen Sonnenstrahlen fluten leuchtend über das Land; jede Binse trägt ein Silbergespinst, aus jedem Wolfsmilchgebüsch steigt ein Vogelruf; und dort winkt auch schon der grün und weiß gescheckte, von Schatten und Sonnenstreifen durchfurchte Kegel des Galteberges, und an seinem Fuße ruht das kleine Dorf, das nur aus Schutt und Trümmern zu bestehen scheint: aus den Resten der alten Römerstadt.

Lange geborstene Mauern, eingestürzte Häuser ohne Dach, zerfallene Höfe und verwilderte Gärten, noch ziemlich gut erhaltene Hütten, die aber fast noch trauriger anmuten als all die Trümmer, säumen die steilen, in der Mitte mit mächtigen Sandsteinquadern gepflasterten Straßen ein; Lavabrocken liegen umher und erwecken den Anschein, daß ein Erdbeben die alte Stadt zerstört und die Bewohner in alle Winde zerstreut habe; da und dort taucht auch ein neues Haus fast schüchtern in der trostlosen Öde auf, und Granatapfel- und Johannisbrotbäume, etliche Feigensträucher und Palmen verleihen der traurigen Stätte ein freundlicheres Gepräge.

Aber je höher Efix stieg, desto öder und verlassener wurde es um ihn her, und zu allem Überfluß ragten dort am Straßenrand, im Schatten des Berges, zwischen dichtem Brombeer- und Wolfsmilchgestrüpp, auch noch die Überreste eines alten Kirchhofs und die zerfallene Basilika düster in den Himmel. Die Straßen waren wie ausgestorben, und die Felsen auf der Bergkuppe schimmerten wie Leichensteine ins Land.

Efix machte vor einem großen, an den alten Friedhof grenzenden Tor halt. Die beiden Tore waren fast gleich; drei verwitterte, grasüberwucherte Stufen führten zu ihnen empor. Aber während das Tor des alten Kirchhofs nur von wurmstichigem Gebälk überdacht war, wölbte sich über dem der Damen Pintor ein steinerner Rundbogen, und auf dem Pfeiler war ein verblaßtes Wappen angedeutet: ein Ritterkopf mit einem Helm und ein mit einem Schwert gewappneter Arm. Darunter stand als Wahlspruch: Quis resistit hujas?

Efix schritt durch den weiten, viereckigen Hof, durch den sich ein breiter, wie das Straßenpflaster aus Sandsteinquadern zusammengefügter Rinnstein zog, nahm den Sack von den Schultern und blickte um sich, ob nicht eine seiner Herrinnen zu sehen sei. Das einstöckige Haus erhob sich am Ende des Hofes, im Schutz des Berges, der wie eine riesige, weiß und grün gescheckte Haube auf ihm zu ruhen schien.

Drei kleine Türen gähnten unter einer Holzveranda, die um das ganze Haus lief und zu der außen eine morsche Stiege emporführte. Ein schwärzliches Seil, das um die in der untersten und obersten Stufe eingerammten Nägel geknotet war, ersetzte das abgebrochene Geländer. Die Türen, die Stützen und das Geländer der Veranda waren zierlich geschnitzt, aber alles drohte einzustürzen, und es sah aus, als wenn das schwarzverwitterte, wurmstichige Holz beim geringsten Lufthauch zu Staub zerfallen müßte.

Eine kleine, beleibte, schwarzgekleidete Frau, die ein weißes Tuch um das dunkle, eckige Gesicht trug, trat auf die Veranda; sie beugte sich über das Geländer, erblickte den Knecht, und ihre schwarzen, mandelförmigen Augen leuchteten freudig auf.

»Ah – Fräulein Ruth! Guten Morgen, Herrin!«

Hurtig kam Fräulein Ruth die Treppe herab, mit dicken Beinen, die in dunkelblauen Strümpfen steckten. Sie lächelte ihn freundlich an und ließ die schneeweißen Zähne unter der von einem zarten Flaum beschatteten Lippe sehen.

»Und Fräulein Esther? Und Fräulein Noemi?«

»Esther ist zur Messe gegangen, Noemi steht eben auf. Herrliches Wetter, Efix! And wie steht es mit dem Gut?«

»Gut, gut – Gott sei Dank, sehr gut.«

Auch die Küche hatte einen mittelalterlichen Einschlag: groß, niedrig, mit einer rußgeschwärzten Balkendecke. Zu beiden Seiten des gewaltigen Herdes lief eine geschnitzte Holzbank an der Wand entlang; durch das Gitter des Fensters sah die grüne Berglehne herein. An den kahlen, rötlichgrauen Wänden waren noch die Spuren der nach und nach verschwundenen Kupferpfannen zu bemerken; und die verrosteten Nägel, an denen einst die Sättel, Harnische und Waffen hingen, waren wie zur Erinnerung dort geblieben.

»Nun, Fräulein Ruth?« fragte Efix, während die Herrin einen kleinen kupfernen Kaffeekessel auf das Feuer setzte. Aber sie wandte ihm nur das breite, dunkle, weißumrahmte Gesicht zu und bedeutete ihn durch ein Blinzeln, sich noch eine Weile zu gedulden.

»Hol mir doch einen Eimer Wasser, bis Noemi herunterkommt!«

Efix holte den Eimer unter der Bank hervor, ging auf die Tür zu, schaute sich aber auf der Schwelle noch einmal scheu und fragend um und betrachtete sinnend den schwankenden Eimer.

»Der Brief war wohl von Don Giacinto?«

»Der Brief? Es ist ein Telegramm ...«

»Barmherziger Gott! Es ist ihm doch nichts zugestoßen?«

»Nein, gar nichts. Geh jetzt ...«

Es war zwecklos, weitere Fragen zu stellen, bevor Fräulein Noemi herunterkam; denn obwohl Fräulein Ruth die älteste der drei Schwestern war und die Hausschlüssel verwahrte – viel zu verwahren gab es allerdings nicht mehr –, tat sie doch nie etwas aus freien Stücken und wies jede Verantwortung von sich.

Er ging auf den Brunnen zu, der wie ein riesiges, in einem Winkel des Hofes aufgeworfenes Hünengrab aussah und eingefaßt war von mächtigen Sandsteinblöcken, auf denen in alten zerbrochenen Töpfen Goldlack und Jasmin blühten. Ein Jasminzweig rankte sich an der Mauer empor und lugte über sie hinweg, wie um zu sehen, was es dort draußen gäbe in der Welt.

Wie viele Erinnerungen weckte dieser düstere, moosbewachsene Winkel mit dem hellen Braun des Goldlacks und dem zarten Grün des Jasmins im Herzen des Knechts!

Er glaubte Fräulein Lia wieder bleich und schmal wie eine Binse auf der Veranda stehen zu sehen, die Augen starr in die Ferne gerichtet, als wollte auch sie ergründen, was es dort draußen gäbe in der Welt. Genau so hatte er sie auch am Tage der Flucht dort oben stehen sehen, unbeweglich gleich einem Fährmann, der in die geheimnisvollen Tiefen des Wassers späht ...

Wie schwer diese Erinnerungen sind! Schwer wie der volle Wassereimer, der in die Tiefe zieht, in den schwarzen Brunnenschacht hinab.

Doch als Efix nun wieder aufblickte, sah er, daß die große, schlanke Frauengestalt, die leichten Schritts auf den Balkon trat und die Ärmelbündchen ihres schwarzen, fein gefältelten Mieders zuhakte, nicht Lia war.

»Ah – Fräulein Noemi! Guten Tag, Herrin! Kommen Sie nicht herunter?«

Mit schwarzem, golden schimmerndem Haar, das sich in zwei breiten Flechten um ihr blasses Gesicht schmiegte, beugte sie sich über das Geländer, dankte ihm mit einem flüchtigen Blick aus ihren schwarzen, gleichfalls golden unter den langen Wimpern schimmernden Augen für seinen Gruß, sprach aber kein Wort und kam auch nicht herunter.

Sie öffnete Türen und Fenster – heute war ja keine Gefahr, daß ein Windstoß sie zuschlage und die Scheiben zertrümmere, die übrigens schon seit vielen Jahren fehlten – und breitete sorgsam eine gelbe Decke in die Sonne.

»Kommen Sie nicht herunter, Fräulein Noemi?« wiederholte Efix, der noch immer zu ihr emporsah.

»Doch, doch, gleich ...«

Aber wieder strich sie sorgsam die Decke glatt und schien versonnen auf die Landschaft zur Rechten und zur Linken zu blicken, die in wehmütiger Schönheit vor ihr ausgebreitet lag: auf die weite Sandebene, durchbrochen vom glitzernden Band des Flusses, von Pappelreihen, von niedrigen Erlen und Schilf- und Wolfsmilchflächen, auf die düstere Basilika inmitten des Brombeergestrüpps, auf den alten Kirchhof, wo zwischen dem hellen Grün des wuchernden Grases wie weiße Margueriten die Gebeine der Toten schimmerten, und auf die trotzige Burgruine auf dem Hügel in der Ferne.

Noch immer lagerte die Vergangenheit düster über der Gegend. Aber Noemi ließ sich dadurch nicht traurig stimmen; seit frühester Kindheit war sie daran gewöhnt, dort drüben die Gebeine der Toten bleichen zu sehen, die im Winter zu frieren schienen in der fahlen Sonne und auf denen im Frühjahr der Tau blinkte. Niemand dachte daran, sie fortzuschaffen; weshalb also hätte sie daran denken sollen?

Fräulein Esther aber, die langsam und in sich gekehrt aus der neuen Kirche im Dorf zurückkommt, bekreuzt sich, als sie zu dem alten Friedhof gelangt, und spricht ein Gebet für die toten Seelen.

Esther vergißt niemals etwas und hat ein Auge für alles. Und so bemerkt sie, als sie nun den Hof betritt, daß irgend jemand Wasser geschöpft hat aus dem Brunnen, und stellt den Eimer an seinen Platz; dann entfernt sie ein Steinchen aus dem Goldlacktopf, geht in die Küche, begrüßt Efix und fragt ihn, ob er schon seinen Kaffee bekommen habe.

»Ja, ja – schon lange, Herrin.«

Inzwischen war auch Noemi mit dem Telegramm in der Hand heruntergekommen. Aber sie entschloß sich nicht, es vorzulesen; es bereitete ihr fast ein heimliches Vergnügen, die bange Neugier des Knechts auf die Folter zu spannen.

»Esther«, sagte sie und setzte sich auf die Bank neben dem Herd, »warum legst du dein Tuch nicht ab?«

»Heute vormittag ist Messe in der Basilika, ich gehe gleich wieder. So lies doch vor!«

Auch Esther setzte sich auf die Bank, und Fräulein Ruth folgte ihrem Beispiel. Und wenn die drei Schwestern so nebeneinandersaßen, sahen sie sich seltsam ähnlich; nur daß sie eben drei verschiedene Lebensalter verkörperten: Noemi die Jugend, Esther die Reife und Ruth das Alter – ein rüstiges, von heiterer Ruhe verklärtes Alter.

Der Knecht war vor sie hingetreten und wartete; aber nachdem Fräulein Noemi das gelbe Papier auseinandergefaltet hatte, betrachtete sie es starr, als wenn sie die Worte darauf nicht entziffern könnte, und schüttelte es schließlich ärgerlich in der Hand.

»Nun, er telegraphiert, daß er in wenigen Tagen hier sein wird. Das ist alles.«

Sie erhob die Augen und errötete, als ihr strenger Blick auf Efix' Gesicht fiel; auch die beiden anderen schauten ihn an.

»Verstehst du? Ganz so, als wenn er hier zu Hause wäre.«

»Was sagst du dazu?« fragte Fräulein Esther, mit einem Finger durch den Spalt des Tuches zeigend.

Efix leuchtete über das ganze Gesicht; die vielen kleinen Fältchen um seine lebhaft blitzenden Augen sahen wie Strahlen aus, und er versuchte seine Freude nicht zu verbergen.

»Ich bin zwar nur ein armer Knecht, aber ich sage mir, der Himmel weiß schon, was er tut.«

»Gottlob, endlich einmal ein vernünftiges Wort«, sagte Fräulein Esther.

Noemi aber war wieder totenbleich geworden. Entrüstete Worte drängten über ihre Lippen, und obgleich sie sich wie immer vor dem Knecht zu beherrschen verstand – sie gab übrigens nicht viel auf seine Meinung –, erwiderte sie doch:

»Damit hat doch der Himmel nichts zu tun, und darum handelt es sich ja auch nicht. Es handelt sich«, setzte sie nach kurzem Zögern hinzu, »ja, es handelt sich darum, ihm kurz und bündig zu antworten, daß in unserem Haus kein Platz für ihn ist.«

Da breitete Efix die Arme aus und beugte ein wenig den Kopf zurück, als wollte er sagen: Nun, weshalb fragt ihr mich dann um Rat?

Esther aber lachte scharf auf, erhob sich und schlug zornig die schwarzen Zipfel ihres Tuches zurück. »Und zu wem soll er dann gehen? Vielleicht zum Herrn Pfarrer, wie die Fremden, die kein Obdach finden?«

»Ich würde ihm eher überhaupt nicht antworten«, schlug Fräulein Ruth vor und nahm Noemi das Telegramm aus der Hand, das diese unruhig immer wieder auf- und zufaltete. »Kommt er trotzdem, so ist's gut. Dann können wir ihn wie jeden Fremden aufnehmen. Tritt ein, bring Glück herein!« setzte sie hinzu, als wenn sie einen in die Tür tretenden Gast begrüßen wollte. »Und wenn er nicht gut tut, ist es noch immer Zeit, ein Wort zu sagen.«

Aber Esther sah lächelnd ihre Schwester an, die die schüchternste und unentschlossenste von allen dreien war, neigte sich auf sie zu und legte die Hand auf ihre Knie: »Ihn fortzujagen, meinst du wohl? Ausgezeichnet, liebe Schwester! Und wirst du das Herz dazu haben, Ruth?«

Efix überlegte. Plötzlich hob er den Kopf und legte die Hand beteuernd an die Brust.

»Dafür werde ich schon sorgen«, versprach er feierlich.

Da begegneten seine Augen denen Noemis, und er, der stets Angst hatte vor diesen hellen, kalten, abgrundtiefen Augen, begriff, daß die junge Herrin sein Versprechen ernst nahm.

Doch er bereute es nicht. Er hatte ja schon ganz andere Verantwortungen auf sich genommen in seinem Leben.

   

Er blieb den ganzen Tag im Dorf.

Zwar war er unruhig wegen des Gutes – obwohl es in dieser Jahreszeit dort wenig zu stehlen gab –, aber ihm schien, daß ein heimlicher Zwiespalt seine Herrinnen bekümmerte, und er gedachte nicht aufzubrechen, bevor er sie nicht einig sah.

Fräulein Esther räumte in der Küche auf und ging dann wieder fort, um sich in die Basilika zu begeben. Efix versprach, bald nachzukommen; aber als Fräulein Noemi nach oben ging, trat er wieder in die Küche und bat Fräulein Ruth, die auf dem Boden kniete und etwas Teig auf einem niedrigen Schemel knetete, leise um das Telegramm. Sie hob den Kopf und schob mit der mehlbestäubten Faust das Tuch aus der Stirn.

»Hast du gehört?« spielte sie leise auf Noemi an. »Sie bleibt stets die alte! Der Stolz beherrscht sie ...«

»Richtig«, bekräftigte Efix sinnend. »Wer adligen Geblütes ist, der bleibt es auch, Fräulein Ruth. Sie finden eine alte Münze auf dem Boden, glauben zunächst, sie sei aus Eisen, weil sie ganz schwarz angelaufen ist; doch reiben Sie sie dann blank, so sehen Sie, daß sie aus lauterem Gold ist ... Gold bleibt Gold ...«

Ruth erkannte, daß sie Noemis verwerflichen Stolz nicht zu entschuldigen brauchte vor Efix, und da sie sich stets willig der Meinung der anderen anschloß, heiterte sich ihr Gesicht wieder auf.

»Weißt du noch, wie stolz mein Vater war?« sagte sie und wühlte die roten, blaugeäderten Hände wieder in den blassen Teig. »Er sprach genau so. Er hätte Giacinto sicher nicht einmal erlaubt, an Land zu gehen. Was meinst du, Efix?«

»Ich? Nun, ich bin zwar nur ein armer Knecht, aber ich meine, Don Giacinto wäre trotzdem an Land gegangen.«

»Du meinst, er ist der Sohn seiner Mutter«, seufzte Ruth, und auch der Knecht seufzte leise. Immer und immer wieder umhüllte sie der Schatten der Vergangenheit.

Aber der Alte machte eine abwehrende Geste, wie um diesen Schatten zu verscheuchen, und während er mit aufmerksamen Augen die Bewegungen der roten Hände verfolgte, die den weißen Teig walkten, kneteten und schlugen, fuhr er ruhig fort:

»Er ist ein guter Junge, und der Himmel wird ihm helfen. Aber man muß darauf achten, daß er sich nicht das Sumpffieber holt. Ferner sollte man ein Pferd für ihn kaufen, weil die Leute dort – auf dem Festland nicht gewohnt sind, zu Fuß zu gehen. Aber das laßt meine Sorge sein. Das Wichtigste ist, daß die Herrinnen untereinander einig sind.«

»Und sind wir das nicht? Hast du uns vielleicht streiten hören? Willst du jetzt nicht lieber zur Messe gehen, Efix?«

Da begriff er, daß sie ihn verabschiedete, und ging in den Hof. Aber er blickte um sich, ob er nicht auch noch gleich mit Fräulein Noemi sprechen könnte. Ah – dort steht sie ja auf der Veranda und holt gerade die Decke herein. Sie herunterzubitten, ist wohl zwecklos; nein, er muß schon selbst zu ihr hinaufgehen.

»Fräulein Noemi, dürfte ich Sie etwas fragen? Freuen Sie sich eigentlich?«

Erstaunt, mit der Decke unterm Arm, sah Noemi ihn an.

»Über was denn?«

»Nun, daß Don Giacinto kommt. Sie werden sehen, er ist ein guter Junge.«

»So? Wo hast du ihn denn kennengelernt?«

»Das sieht man doch schon aus seinen Briefen. Er wird es bestimmt zu etwas bringen. Man muß ihm ein Pferd kaufen ...«

»Und auch die Sporen dazu, natürlich ...«

»Hauptsache ist, daß die Herrinnen untereinander einig sind. Ja, das ist das Wichtigste.«

Sie zupfte ein Fäserchen von der Decke und warf es in den Hof; ihr Gesicht hatte sich verdüstert.

»Wann sind wir schon einmal nicht einig gewesen? Ich denke, bisher doch immer.«

»Ja – aber – mir scheint, Sie freuen sich nicht über die Ankunft Don Giacintos.«

»Soll ich vielleicht einen Freudengesang anstimmen? Er ist doch kein Messias«, sagte sie und verschwand in der Tür, durch die man in ein helles Zimmer sah, mit einem alten Bett, einem alten Kleiderspind und einem scheibenlosen Fensterchen, das auf die grüne Berglehne ging.

Efix stieg die Treppe hinunter, pflückte eine kleine rötliche Goldlackblüte, hielt sie zwischen den auf dem Rücken verschränkten Händen und ging so nach der Basilika.

Die Stille und Kühle des ragenden Berges lagerte über allen Dingen. Nur das Gezwitscher der Drosseln in den Brombeersträuchern belebte die Gegend und mischte sich mit dem eintönigen Beten der Frauen in der Kirche. Auf den Zehenspitzen, mit der Goldlackblüte in der Hand, trat Efix ein und kniete hinter der Kanzelsäule nieder.

Die Basilika zerfiel von Jahr zu Jahr mehr; alles war dort grau von Feuchtigkeit und Moder. Durch die Ritzen im Holzdach fluteten die schrägen Sonnenstrahlen silbrig flimmernd über die Köpfe der knienden Frauen, und die Heiligenfiguren, die sich bräunlich vom schwarzen, rissigen Grund der noch die Wände schmückenden Bilder abhoben, glichen diesen schwarz und blau gekleideten Frauengestalten, die alle gelblichblasse Gesichter hatten, eine eingefallene Brust und einen schweren, vom Sumpffieber aufgetriebenen Leib. Auch ihr Gebet hatte einen schweren, eintönigen Klang, der wie aus weiter Ferne, wie aus einer längst versunkenen Zeit herüberzuzittern schien. Jetzt drehte sich der Priester im schwarzen, weißverzierten Chorgewand langsam mit erhobenen Händen um; ein Strahlenbündel spielte um sein bleiches Haupt wie um das eines Propheten. Und hätte der kleine Mesner nicht dann und wann das silberne, helltönige Glöckchen in der Luft geschwenkt, wie um den Spuk ringsum zu bannen, so hätte Efix trotz der blendenden Lichtflut, trotz des Gezwitschers der Vögel geglaubt, einer Geistermesse beizuwohnen. Dort sind sie alle noch, genau wie früher: Don Zame, der in seinem Betstuhl kniet, und etwas abseits Fräulein Lia, die so blaß in ihrem schwarzen Tuch aussieht, fast wie die Gestalt auf dem alten Gemälde dort, zu dem die Frauen ab und zu emporschauen. Es ist das Bild der Büßerin Magdalena, das nach der Wirklichkeit gemalt sein soll. Liebe und Trauer, Hoffnung und Reue lachen und weinen aus ihren unergründlichen Augen, spielen um ihren schmerzlichen Mund ...

Da verstummte der Gesang der Frauen plötzlich, und einige rüsteten sich zum Aufbruch. Efix, der die ganze Zeit sein Haupt an die Säule der Kanzel gelehnt hatte, schreckte aus seinen Träumen auf und folgte Fräulein Esther, die nach Hause ging, ins Freie.

Die schon hoch am Himmel stehende Sonne glühte auf das Dörfchen herab, das verlassener als je in der blendenden Helle des heißen Mittags dalag. Die aus der Kirche strömenden Frauen verschwanden da und dort, lautlos wie Gespenster, und wieder hüllten tiefe Einsamkeit und Stille das Haus der Damen Pintor ein. Fräulein Esther trat an den Brunnen, um ein Nelkenpflänzchen mit einem kleinen Brett vor der Sonne zu schützen, eilte dann flink die Treppe hinauf und schloß Türen und Fenster. Der Boden der Veranda knarrte unter ihren Schritten, und von der Mauer und dem morschen Holz rieselte grauer Staub wie Asche herab.

Efix wartete, daß sie wieder herunterkommen sollte. In der Sonne auf den Stufen sitzend, die Mütze tief in die Stirn gezogen, um sein Gesicht ein wenig zu beschatten, schnitzte er mit seinem Taschenmesser einen Pfahl zurecht, den Fräulein Ruth vor dem Eingang anbringen wollte. Aber die im Sonnenlicht blitzende Klinge blendete seine Augen, und die welke Goldlackblüte zitterte auf seinen Knien. Er fühlte seine Gedanken verworren kreisen und dachte an das Sumpffieber, das ihm im vorigen Jahre schwer zugesetzt hatte.

Sollte es mich schon wieder am Kragen haben?

Da kam Fräulein Esther mit einem Blumentopf in der Hand wieder herunter; er rückte zur Seite, um sie vorbeizulassen, und hob das von der Mütze beschattete Gesicht.

»Sie gehen doch nicht mehr fort, Herrin?«

»Wohin soll ich denn gehen um diese Zeit? Zum Mittagbrot hat mich doch niemand eingeladen.«

»Ich möchte Ihnen gern etwas sagen. Freuen Sie sich eigentlich?«

»Über was denn, mein Lieber?«

Sie war wie eine Mutter zu ihm, aber ziemlich stolz; sie hatte stets nur den Knecht in ihm gesehen.

»Nun – nun, daß ihre Schwestern beide damit einverstanden sind, daß Don Giacinto herkommt.«

»Freilich freue ich mich. Es mußte ja so kommen.«

»Er ist ein guter Junge. Er wird sicherlich sein Glück machen. Man sollte ihm ein Pferd kaufen. Aber ...«

»Aber?«

»Aber man darf ihm von Anfang an nicht zuviel Freiheit lassen. Die jungen Leute sind alle gleich. Ich erinnere mich noch: wenn mir in meiner Jugend jemand den kleinen Finger gab, nahm ich gleich die ganze Hand. Und dann – Sie wissen doch, Fräulein Esther – die Pintors sind ein herrisches Geschlecht ...«

»Wenn mein Neffe kommt, Efix, werde ich zu ihm sagen wie zu einem Gast: Setz dich und tue so, als wärest du hier zu Hause. Trotzdem wird er merken, daß er nur ein Gast ist ...«

Da stand Efix auf und schüttelte die Späne des Pfahls von seinen Ärmeln. Alles ging gut, und trotzdem bewegte ihn ein Gefühl von Unruhe; er hatte noch etwas auf dem Herzen, wagte aber nicht zu sprechen.

Langsam folgte er der Herrin, nahm die Mütze ab, um den Pfahl besser einrammen zu können, und wartete wieder geduldig, bis Fräulein Esther zurückkam, um Wasser am Brunnen zu schöpfen.

»Kommen Sie, geben Sie her!« sagte er und nahm ihr den Eimer ab; und während er Wasser schöpfte, schaute er unverwandt in den Brunnen, um seiner Herrin nicht ins Gesicht blicken zu müssen; denn er schämte sich, den Lohn zu verlangen, den sie ihm noch schuldete.

»Sagen Sie, Fräulein Esther – ich sehe die Schilfbündel gar nicht mehr. Haben Sie sie verkauft?«

»Ja, ich habe sie zum Teil verkauft, an einen Händler aus Nuoro. Den Rest haben wir zum Ausbessern des Daches verwandt, und auch zur Bezahlung des Maurers. Du weist doch, der Sturm hat am letzten Fastentag die Schindeln entführt.«

Und so drang er nicht weiter in sie. Es gibt so viele Wege, wie man seine Dinge ordnen kann, ohne den Leuten weh zu tun, die man gern hat. Deshalb machte er sich auf den Weg zur Wucherin Kallina und begrüßte unterwegs die Großmutter des jungen Burschen, der zur Bewachung des kleinen Gutes zurückgeblieben war. Groß und dürr, mit welkem, von einem schwarzen Tuche eingerahmtem Gesicht saß die Alte auf den Stufen vor ihrem verwitterten Häuschen und strickte. An ihrem langen, gelben, runzligen Hals hing eine Korallenkette, an ihren Ohren glitzerten zwei goldene Ohrringe wie leuchtende Wassertropfen, und es schien fast, als hätte sie im Altern ganz vergessen, diesen Schmuck ihrer Mädchenjahre abzulegen.

»Gott zum Gruß, Muhme Pottoi! Wie geht's uns? Der Junge ist auf dem Gut geblieben, kommt aber heute abend zurück.«

»Ah – du bist's, Efix! Der Herr sei mit dir. Na, von wem war denn der Brief? Vom jungen Herrn Giacinto? Nehmt ihn gut auf, wenn er kommt. Schließlich kehrt er doch ins Haus seiner Väter heim, ist Don Zames Seele, denn die Seelen der Alten leben in den Jungen weiter. Sieh dir bloß Grixenda, meine Enkeltochter, an! Die ist vor sechzehn Jahren, an Christi Himmelfahrt, zur Welt gekommen, während ihre Mutter starb. Nun, schau sie doch an, ist sie der Mutter nicht wie aus dem Gesicht geschnitten? Dort kommt sie gerade ...«

Und richtig kommt Grixenda dort vom Fluß herauf, mit einem Wäschekorb auf dem Kopf: groß, schlank, den Rock über die schimmernden Beine hochgestreift, die schmal und kerzengerade sind wie die eines Rehs. Und von einem Reh hat sie auch die länglich geschnittenen Augen, die feucht in dem blassen, ebenmäßigen Gesicht glänzen. Ein rotes Band preßt den zarten Busen unter dem über dem Hemd ausgeschnittenen Mieder zusammen.

»Ei – sieh an, Gevatter Efix!« rief sie freundlich und rauh zugleich, stellte den Korb auf seinen Kopf und wühlte in seinen Taschen. »O – wie garstig! Den ganzen Tag denke ich an Sie, und Sie haben mir nichts mitgebracht – nicht einmal eine Mandel.«

Efix ließ sie gewähren und freute sich ihrer Anmut. Die Alte aber mit dem starren Gesicht und den gläsernen Augen sagte sanft:

»Der gute Don Zame selig kehrt zurück.«

Da erstarrte Grixenda plötzlich, und ihr hübsches Gesicht und ihre schönen Augen glichen nun fast denen ihrer Großmutter.

»Don Zame kehrt zurück?«

»Ach, genug mit diesem Unsinn«, sagte Efix und stellte den Korb vor die Füße des Mädchens; aber dieses lauschte wie gebannt den Worten der Alten, und auch er glaubte, als er weiter die Straße entlangschritt, die Vergangenheit aus jedem Mauerwinkel dräuen zu sehen. Dort hinten auf der Steinbank vor dem grauen Haus des Milese sitzt ein dicker Mann in einer Samtjoppe, deren helles Braun das rote Gesicht und den schwarzen Bart klar hervorhebt.

Ist das nicht Don Zame? Wie er sich in die Brust wirft, die Daumen in den Westentaschen, die anderen roten Finger um die goldene Uhrkette gekrampft! Den ganzen Tag sitzt er dort, um die Vorübergehenden zu beobachten und zu verspotten. Aus Angst vor seiner bösen Zunge schlägt manch einer einen anderen Weg ein, so auch Efix, um unbemerkt das Haus der Wucherin zu erreichen.

Eine Feigenhecke umgab wie eine mächtige Mauer den Hof der Muhme Kallina. Sie saß am Spinnrocken: klein, mit bloßen, in gestickten Filzschuhen steckenden Füßen, mit aschgrauem Gesicht und golden im Schatten des zurückgestreiften Kopftuches funkelnden Raubvogelaugen.

»Ei, lieber Efix! Wie geht's? Was machen deine Damen? Und was führt dich zu mir? Komm, nimm Platz, verschnaufe dich ein wenig!«

Schläfrige Hennen, die sich unter dem Gefieder krauten, muntere Katzen, die hinter ein paar rosigen Schweinchen herjagten, weiße und blaugraue Tauben, ein angepflockter Esel und die Schwalben in der Luft gaben dem Hof etwas von einer Arche Noah. Das Häuschen schmiegte sich an das alte, neu instand gesetzte Haus des Milese, das wohl ein neues Dach hatte, dessen Mauern aber da und dort zerbröckelt waren wie unter den Krallen der Zeit, die sich ihre Beute nicht ungestraft rauben lassen wollte.

»Das Gut?« sagte Efix, der sich neben der Alten an die Wand lehnte. »Das blüht und gedeiht. Heuer werden wir mehr Mandeln haben als Blätter. Und dann werde ich dir alles bezahlen, Kallina. Sei unbesorgt ...«

Sie runzelte die kahlen Brauen und folgte mit den Augen dem Garn ihrer Kunkel.

»Sieh an, daran habe ich nicht einmal gedacht! Wären alle wie du, dann wären die sieben Taler, die du mir schuldest, im Nu hundert.«

Der Kuckuck soll dich holen! dachte Efix. Zu Weihnachten hast du mir vier Taler geborgt, und jetzt sind es schon sieben!

»Nun, Kallina,« setzte er leise hinzu und senkte den Kopf, als wenn er mit den Schweinchen spräche, die zudringlich seine Füße beschnupperten, »gib mir noch einen Taler dazu. Dann sind es im ganzen acht, und im Juli werde ich sie dir, so wahr die Sonne scheint, auf Heller und Pfennig zurückbezahlen ...«

Die Wucherin gab ihm keine Antwort; aber sie musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen und ballte abwehrend die Faust gegen ihn.

Efix zuckte zusammen und packte sie am Handgelenk, während die Schweinchen vor den Katzen flüchteten und die Hühner aufgeregt durcheinanderflatterten bei diesem Lärm.

»Zum Teufel, Kallina! Wenn's nicht solche Käuze gäbe auf der Welt wie mich, könntest du dein Wuchergeschäft an den Nagel hängen und Blutegel fangen gehen ...«

»Lieber Blutegel fangen, als sich aussaugen lassen von einem solchen Tropf, wie du es bist! Ja, du Narr, ich borge dir den Taler. Meinetwegen auch gleich zehn oder hundert, wenn du willst. Borge ich sie doch auch anderen, angeseheneren Leuten als dir, deinen Herrinnen zum Beispiel. Aber verwünschen werde ich dich stets, solange du ein solcher Narr bleibst – mit anderen Worten, bis zu deinem Tode. Warte, ich hole jetzt das Geld ...«

Und sie ging ins Haus und holte fünf Silberlire.

Mit den klingenden Münzen in der Faust ging Efix fort, während die Alte ihm spöttisch nachwinkte.

»Bestell deinen Damen einen schönen Gruß und sag, ich wünschte ihnen ewige Jugend.«

Aber er war gewillt, allen Spott zu ertragen, um bei Ankunft des jungen Herrn Giacinto schmuck und sauber auszusehen. Ihm zu Ehren wollte er sich eine neue Mütze kaufen, und so stieg er denn in Mileses Laden hinab und ließ sich sogar herbei, den Mann zu grüßen, der auf der Bank saß. Es war Don Predu, der reiche Verwandte seiner Herrinnen.

Don Predu würdigte ihn nur eines verächtlichen Kopfnickens, spitzte aber neugierig die Ohren, um zu hören, was der Knecht wohl kaufe.

»Ich möchte eine Zipfelmütze, Antonio. Aber hübsch lang muß sie sein und nicht voll Mottenlöcher.«

»Ich habe sie doch nicht aus dem Haus deiner Damen geholt«, erwiderte Milese, der berüchtigt war wegen seiner scharfen Zunge. Und Don Predu räusperte sich draußen zum Zeichen seiner Zustimmung, während der Kaufmann eine kleine Leiter emporkletterte.

»Alles altert und alles kann sich erneuern – so wie das Jahr«, entgegnete Efix, der mit den Blicken der ausgemergelten Gestalt Mileses folgte, der nach altem Brauch noch eine Ziegenfellweste trug.

Das Lädchen war klein, aber gedrängt voll. Auf den Regalen leuchteten scharlachrote Stoffballen, und daneben schimmerte giftgrün der Minzenlikör in bauchigen Flaschen; die Mehlsäcke machten sich mit ihren weißen Leibern über den schwarzen Höckern der Heringsfäßchen breit, und in dem kleinen Schaufenster lächelten die nackten Frauen aus den Ansichtskarten gnädig auf das ranzige Backwerk in den Blechbüchsen und auf die bunten Seidenbänder herab.

Indes Milese die langen schwarzen Tuchmützen aus einer Schachtel nahm und Efix mit gespreizter Hand ihre Weite maß, öffnete jemand die kleine Tür zum Hof; und in ihrem von Weinlaub umrankten Rahmen wurde eine stattliche Frauengestalt sichtbar, die auf einer breiten Truhe thronte und mit sanften Bewegungen Flachs spann, fast wie eine Königin der Vorzeit.

»Dort sitzt meine Schwiegermutter. Frag sie doch, ob diese Mützen mich nicht selbst neun Peseten kosten,« sagte Milese, während Efix eine von ihnen aufsetzte, sie tief in die Stirn zog und die Quaste fein säuberlich auf den Scheitel legte. »Du hast dir gleich die feinste ausgesucht; du bist gar nicht so bescheiden, wie es immer heißt.«

»Die ist zu eng.«

»Weil sie noch neu ist. Mann Gottes! Nimm sie ruhig. Neun Peseten – das ist so gut wie nachgeworfen.«

Efix nahm sie ab und zog sie nachdenklich glatt; schließlich legte er das Geld der Wucherin auf den Tisch.

Don Predu sah zur Tür herein, und der Umstand, daß Efix eine so prächtige Mütze kaufte, machte auch Mileses Schwiegermutter stutzig. Mit einer stummen Kopfbewegung winkte sie den Knecht zu sich und fragte ihn feierlich, wie es seinen Herrinnen gehe. Letzten Endes waren sie doch aus adligem Hause, und nur ein Emporkömmling, ein reichgewordener Hausierer wie ihr Schwiegersohn Milese konnte es an der schuldigen Achtung vor ihnen fehlen lassen.

»Grüße sie herzlich von mir und sage Fräulein Ruth, ich würde sie bald einmal besuchen. Wir waren doch stets gute Freundinnen, obwohl ich nicht von altem Adel bin wie sie.«

»Herzensadel ist auch ein Adel«, erwiderte Efix höflich; doch sie drehte nur die Kunkel flüchtig in der Hand, als wollte sie sagen: Sprechen wir nicht davon!

»Auch mein Bruder, der Pfarrer, schätzt deine Herrinnen sehr. Er fragt mich immer: ›Wann werden wir wieder einmal mit den Damen zum Marienfest pilgern?‹«

»Ja«, fuhr sie fast wehmütig fort, »früher, als wir noch jung waren, da gingen wir immer alle zusammen zum Fest. Damals freute man sich noch über jede Kleinigkeit. Heutzutage aber scheinen die Leute sich des Lachens geradezu zu schämen.«

Efix legte sorgfältig seine Mütze zusammen.

»So Gott will, werden meine Herrinnen dieses Jahr auch wieder zu dem Fest pilgern – um zu beten, nicht zum Vergnügen ...«

»Das freut mich. Und sag mal, wenn ich fragen darf: Ist es wahr, daß Lias Sohn herkommt? Man erzählte es sich heute morgen im Laden.«

Da Milese an die Tür gegangen war und über irgend etwas lachte, was Don Predu ihm zuraunte, rief Efix mit betonter Würde: »Ja, es ist wahr. Deshalb bin ich ja im Dorf; ich soll ein Pferd für ihn kaufen.«

»Ein Schaukelpferd?« fragte nunmehr Don Predu und lachte dröhnend. »Ach so, deshalb sah ich dich auch vorhin aus der Höhle der alten Kallina kommen.«

»Und was kümmert Sie das? Sie haben wir doch noch nie um etwas gebeten.«

»Das walte Gott, du alter Narr. Ich würde euch auch nichts geben. Aber einen guten Rat hab' ich für euch: Laßt den Jungen, wo er ist!«

Aber Efix hatte den Laden schon stolzen Hauptes verlassen und eilte, ohne etwas zu erwidern, mit der Mütze unterm Arm davon.

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