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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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XV.

Lange Zeit führte er sie hinter sich her.

Sie pilgerten von Fest zu Fest, allein oder gemeinsam mit anderen Bettlern, wie auf einen unerreichbar fernen Ort der Strafe zuwandernde Verdammte.

Die Feste waren eines wie das andere. Die meisten fielen in den Frühling oder Herbst und spielten sich im Umkreis der kleinen Kirchen ab, auf Bergen, auf Hochebenen, am Rand der Täler. Und dann war es immer, als begänne es mit einemmal zu blühen in der das ganze Jahr verlassenen Gegend, als ergösse sich eine Flut von Leben und Freude über die unwirtlichen Heideflächen. Die bunten Farben der Trachten, das Scharlachrot der Mieder, das Gelb der Kopftücher, das tiefe Blau der Schürzen leuchteten wie viele Blumen durch das Grün der Sträucher und das Gold der Stoppeln.

Und allenthalben wurde getrunken, gesungen, getanzt, gelacht ...

Efix, der nun auch wie die anderen Bettler gekleidet ging, zog die beiden Blinden hinter sich her, und ihm war, als seien sie sein Schicksal: seine Schuld und seine Sühne. Er mochte sie nicht, aber er ertrug sie mit unendlicher Geduld. Im August und September ging es mühselig bergauf, bergab durchs Land. Zunächst stiegen sie auf den Orthobeneberg, zum Fest des Erlösers.

Es war August, der Vollmond tauchte blutrot aus dem Meer auf und übergoß die Wälder mit seinem Licht. Von dort oben konnte Efix auch seinen Heimatberg in der Ferne sehen, und im Gebet verbrachte er die Nacht unter dem schwarzen Kreuz, das den blauen Himmel mit der grauen Erde zu verbinden schien. Gegen Morgen tönte eintöniger Bittgesang aus dem Tal herauf. Dort nahte ein Wallfahrerzug, und im Nu fleckten sich die Felsen weiß und rot, lachende Kindergesichter tauchten zwischen den Sträuchern auf, und unter den Eichen knieten die alten Hirten wie bekehrte Drudenpriester nieder.

Auf dem in den kahlen Fels gemeißelten Altar schimmerte der Kelch in der Sonne, und der Erlöser dort schien seine Fahrt gen Himmel noch aufzuschieben und hielt wie zur ewigen Mahnung das Kreuz zwischen die graue Erde und den blauen Himmel. Da ertönte plötzlich ein leises Schluchzen. Es kam aus dem Munde eines Bettlers, der zwischen zwei Blinden hinter einem Strauch kniete. Es war Efix.

Und im September stiegen sie auf den Gonareberg. Das Wetter war wieder trüb und stürmisch, wie aufgewühlt von heftigen Gewittern. Unter den sturmgepeitschten Büschen flossen schlammige Bächlein die Hänge hinab, und der ganze Berg erzitterte unter dem Rollen des Donners. Trotzdem strömten die Gläubigen von allen Seiten auf den gewundenen Pfaden und Straßen zu dem Kirchlein empor, wie das Blut durch die Adern zum Herzen strömt.

Von einer Felsgrotte, in der er mit seinen Gefährten Schutz gesucht hatte, sah Efix die Gestalten im Nebel vorüberschreiten, wie über den Wolken, und die Geschichte der Sintflut, die der junge Blinde erzählte, erschien ihm wie ihre eigene Geschichte. Ja, nur die Erzväter waren den Fluten entronnen und flüchteten nun auf den Berg. Mit ihren Frauen und Söhnen kamen sie die Hänge herauf und waren traurig und froh zugleich, weil sie alles verloren und alles gerettet hatten.

Efix hatte ständig Angst, wiedererkannt zu werden, obwohl er nun wie ein Städter gekleidet ging und einen grauen, struppigen Bart hatte, der fast aussah wie eine Maske aus Eselsfell. Scheu sah er nach den auf dem Pfad vorüberschreitenden Gestalten, ob nicht irgendein Bekannter darunter sei, und duckte sich dann und schloß die Augen wie ein Kind, das sich verstecken will.

Ein einsamer Reiter auf einem schwarzen Pferd kam langsam den Hang herauf, dicht eingehüllt in seinen weiten, dunkelrot gefütterten Flauschmantel. Der Wind wehte den Mantel hoch und ließ den gestickten Quersack und die plumpen Beine des Reiters mit den silberglänzenden Sporen sehen. Die Kapuze beschattete ein gutmütiges und leicht spöttisches Gesicht, das sich nun den Bettlern zuwandte und zu einem Grinsen verzog, während die Hand ihnen ein paar Münzen zuwarf.

Efix öffnete die Augen wieder und richtete sich vorsichtig auf.

»Weißt du, wer das war?« sagte er zu dem jungen Blinden. »Mein ehemaliger Herr!«

Als der Regen aufgehört hatte, stiegen die drei Gefährten weiter bergan, stumm und gebückt, als suchten sie einen verlorenen Gegenstand auf dem Weg. Die Wolken jagten über die Felsen, und die Sträucher und Bäume bogen sich im Wind, als wenn sie sich losreißen wollten aus der Erde und den Wolken folgen. Der Donner grollte noch immer, alles war in wilder Bewegung, und auch Efix fühlte sich von dem Aufruhr erfaßt wie ein welkes Blatt.

   

Sie stellten sich neben einem Wegweiser auf.

Der Sturm tobte noch immer, aber später brach die Sonne durch das Gewölk, jagte es auseinander und trieb es bis zum Horizont zurück. Ringsum leuchteten nun die Berge und die Täler, in denen der Nebel sich zusammenballte, wie zu silbrig schimmernden Seen.

Die Bettler wärmten sich im Sonnenschein, Efix nahm die Almosen entgegen und zitterte beim Klang jedes Schrittes vor Angst, Don Predu wiederzusehen; dennoch hob er ab und zu das Haupt, als lauschte er einer fernen Stimme.

Er glaubte wieder vor seiner Hütte auf dem Gut zu sitzen, hörte das Schilfrohr rauschen, und eine Stimme in seinem Herzen rief ihm zu:

»Efix, wenn du wirklich zur Buße hier bist, warum fürchtest du dann, wiedererkannt zu werden? Steh auf, wenn dein Herr vorbeikommt, und begrüße ihn.«

Und auf einmal ließ ein Gefühl der Freude ihn erschauern und durchdrang ihn wie die Sonne, die seine Kleider trocknete und seine frosterstarrten Glieder wärmte. Ja, er dachte nun wieder an seine Herrinnen, liebte sie noch immer und wartete auf Don Predu, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Aber Don Predu kam nicht wieder vorbei.

Statt seiner kam nach dem Hochamt eine Schar von hübschen Bauernmädchen in einer langen Kette lachend den Hang herabgelaufen.

»Hast du den dicken Mann gesehen, der das Abendmahl nahm«, sagte eine. »Das ist ein Adliger, ein reicher, verwunschener Gutsbesitzer.«

»Ja, ich weiß. Den hat ein armes Mädel, das er heiraten sollte und nicht geheiratet hat, verwünschen lassen.«

»Unsinn, Maria, was faselst du da? Sie ließ ihn im Gegenteil verwünschen, damit er sie heiraten sollte.«

»Deshalb brauchst du mich nicht zu stoßen! Den Hals sollst du dir brechen, Franziska Bè!«

Mit schimmernden Zähnen und einem Schwall loser Worte eilten sie an Efix vorbei. Eine blieb flüchtig stehen, um den Bettlern eine Münze zuzuwerfen, und der Wind blähte ihr gesticktes Tuch.

Efix wartete weiter auf Don Predu. Auch die »Erzväter«, die schweigsamen Frauen, die jungen Burschen mit den federnden Knien, die kleinen Hirten mit den traurigen Augen, sie alle stiegen wieder zu Tal. Nur Don Predu war nicht zu sehen.

Efix wartete und wartete. Aber gegen Mittag waren die Leute schon längst alle wieder zu den Hütten auf der schmalen Lichtung im Tal zurückgekehrt, und Don Predu war noch immer nicht vorbeigeritten.

Da führte Efix seine Gefährten zu dem Kirchlein empor, vor dem nur noch etliche junge Burschen sich an dem steil abfallenden Felsen festklammerten, um dem Wettrennen der Berberhengste am Hang zuzusehen. Der Sturm schien die langgestreckten Rosse mit den weitvorgebeugten, in wallende Mäntel gehüllten Reitergestalten den Weg entlangzuwirbeln.

Efix ließ die Blinden an der Mauer sitzen, betrat das Kirchlein und näherte sich auf den Fußspitzen den Stufen des Altars, auf denen Don Predu regungslos im Gebet kniete: mit erhobenem Gesicht und bläulich im goldenen Kerzenschein schimmernden Haar, den rot gefütterten Mantel weit zurückgeschlagen, die Sporen an den Füßen, ein getreues Ebenbild der Kreuzfahrer, die der Knecht auf einem alten Bild in der Basilika gemalt gesehen hatte.

Er betete inbrünstig, aber als Efix ihn an der Kapuze zupfte, drehte er sich um, erst überrascht, dann zornig, ohne den Bettler wiederzuerkennen.

»Zum Teufel! Nicht einmal hier hat man Ruhe vor euch!«

»Don Predu! Herr! Ich bin's, Efix, erkennen Sie mich nicht?«

Don Predu sprang auf und breitete den bauschigen Mantel weit auseinander, als wenn er seinen Knecht in die Arme schließen wollte. Und wie zwei alte Freunde sahen sie sich in die Augen.

»Nun?«

»Nun?«

»Ja«, sagte dann Don Predu, der zuerst die Fassung wiederfand, »Giacinto hat mir erzählt von deinen Heldenstücklein, Alter. Nun, ich muß sagen, du hast da ein recht bequemes Gewerbe ergriffen, alter Faulpelz! Ein feines Gewerbe, ja! Da – nimm!«

Er reichte ihm eine Münze, aber Efix sah ihn nur traurig mit seinen treuen Hundeaugen an und seufzte, ohne sich gekränkt zu fühlen.

»Don Predu, Herr, erzählen Sie mir von meinen Damen.«

»Deine Damen? Wer bekommt die noch zu Gesicht? Die vergraben sich doch wie Maulwürfe in ihrem Bau.«

»Und Giacinto?«

»Den Hungerleider habe ich neulich in Nuoro gesehen. Warum hast du ihn nicht mitgenommen zum Betteln? Und weißt du, was er nun plant? Grixenda will er heiraten – ja, diese andere Hungerleiderin will er heiraten, der Narr!«

»Das ist schön von ihm. Er hatte es versprochen«, sagte Efix und fühlte sich wieder freudig bewegt. »So wird ihr nun doch noch die Gnade zuteil, um die sie stets gefleht hat, Herr«, meinte er und lächelte bei den Verwünschungen, mit denen Don Predu, ärgerlich über die flüchtige Anwandlung von Güte, ihn überschüttete und fühlen ließ, daß er nur ein Bettler war.

   

Nach dem Fest des Heiligen Cosimo und Damiano in Mamojada pilgerten Efix und die Blinden nach Bitti, zur Mutter aller Gnaden. Vor der Ankunft machten sie in der Nähe von Orune Rast, aber trotz seiner Müdigkeit schlief Efix nicht ein, aus Angst, daß ihm sein Sack samt den auf den letzten Festen gesammelten Almosen gestohlen werden könnte. Er betete leise und öffnete immer wieder die Augen, um nach seinen Begleitern zu sehen, die unter einer Eiche schliefen.

Es war noch Nacht, aber im Osten stahl sich schon ein bleicher Schimmer über die gegen das Meer zu offenen Berge: dort graute schon der Morgen. Und plötzlich glaubte Efix, übermannt vom Schlaf, nicht länger die Augen offen halten zu können und zu träumen. Er sieht, wie der alte Blinde sich aufrichtet, wie er sich lauschend vorbeugt, die Hand an den Stamm der Eiche legt und aufsteht, wie er nach kurzem Zögern auf ihn zugeschlichen kommt und mit gekrümmter Hand den Sack aus dem Dunkel fischt.

Efix rührt sich nicht, sagt kein Wort, und langsam, ohne sich umzublicken, schreitet der Alte zwischen den Sträuchern und Felsen davon, hebt sich schwarz und groß gegen die blaue Berglehne ab.

Erst als er ihn nicht mehr sah, merkte er, daß er nicht geträumt hatte, und sprang auf. Aber da war ihm plötzlich, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zu Boden und zwänge ihn, sich wieder zu setzen und regungslos auf seinem Platz zu verharren. Und nach und nach verwandelte sich die Überraschung in eine ungestüme Freude, in den Wunsch, laut aufzujubeln. Leise lachte er in sich hinein, und ringsum färbte sich der Himmel rot und blau, und im Dickicht zwitscherten die Meisen.

Sieh an, dachte er. Der Herr hat mich befreit von meinem einen Gefährten. Oh, welche Last hat er von mir genommen! Er weckte den anderen und erzählte ihm von dem Vorfall.

»Siehst du, Efix? Bist du nun überzeugt? Ich wußte stets, daß er ein Heuchler ist. Habe ich's nicht gleich gesagt? Und du hast ihn mit dir herumgeschleppt, hast mich Tag und Nacht mit ihm gequält. Jetzt werden wir ihn anzeigen, werden ihn suchen und ihm die Knochen brechen.«

Efix lächelte. Auf dem Fest war er fast glücklich. Eine unübersehbare Menge erfüllte die Kirche, die Fluren ringsum, den Pfad, der zu dem Dörfchen führte. Eine Prozession wand sich ununterbrochen um die Wallfahrtskapelle wie eine rot und weiß, gelb und schwarz gefleckte Schlange. Wie große Falter flatterten die Fahnen durch die Luft, und fromme Choräle, das Schellengeläute der zum Rennen aufgezäumten Pferde und fröhliche Rufe mischten sich in den ernsten Bittgesang der Pilger.

Efix hatte sich abseits von dem Kirchlein aufgestellt, in einem Winkel, an dem nicht viele Leute vorbeikamen. Der Blinde brummte ständig vor sich hin zwischen seinen eintönigen Klagen und trug ein finsteres, drohendes Gesicht zur Schau.

Gegen Abend – die Einnahme war heute sehr gering gewesen – machte er seinem Zorn Luft und beschuldigte Efix, daß er den anderen Gefährten umgebracht hätte, um sich seiner zu entledigen und ihn zu berauben.

Efix lächelte.

»Komm«, sagte er und nahm ihn bei der Hand, und nachdem sie eine Weile gegangen waren: »Hörst du?« Und wirklich hörte der Blinde die Stimme des anderen Gefährten, der dort, vor ihnen, um ein Almosen bettelte. »Aber macht es jetzt nicht wie neulich«, sagte Efix. »Wenn ihr euch wieder prügelt und sie euch verhaften, wasche ich meine Hände in Unschuld.«

Da beugte sich der wahre Blinde über den falschen und fragte ihn leise, zwischen den Zähnen: »Warum hast du das getan, Verräter?«

»Weil es mir in den Sinn kam.«

Efix lächelte. Der Blinde sah gleichsam dieses Lächeln und geriet in Wut. All sein Zorn auf den diebischen Gefährten kehrte sich gegen den anderen, den guten.

»Ich will nicht länger mit dir herumziehen. Lieber werfe ich mich auf den Boden und verhungere. Du bist ein Narr, ein elender Tropf, du begleitest mich nur, um dich lustig zu machen und mich zu quälen. Scher dich zum Teufel! Häng dich auf!«

»Das sagst du nur, weil du weißt, daß ich dich nicht verlasse«, erwiderte Efix. »Du kennst mich genau, obwohl du blind bist, und ich dich nicht, obwohl ich sehe. Aber wenn du glaubst, einen anderen und besseren Gefährten finden zu können, so such ihn ruhig. Ich werde dir sogar helfen dabei.«

Der falsche Blinde preßte den gestohlenen Sack ängstlich an sich und hörte schweigend zu. Nun packte er Istènes Hand und sagte: »Zum Teufel, bleib doch bei mir!«

Hand in Hand, wie Efix sie aus der Wache in Fonni hatte kommen sehen, fast herausfordernd, standen sie da und schienen darauf zu warten, daß er etwas sagen sollte. Da nahm er den kleinen Beutel mit den gesammelten Münzen heraus, schwenkte ihn vor ihren Gesichtern und sah sie lächelnd an. Dann ließ er ihn in die Hand des wahren Blinden fallen und schritt davon.

Frei! Endlich wieder frei! Dennoch hatte er das Gefühl, er zöge die beiden Gefährten noch immer hinter sich her, und machte sich Sorgen um sie.

Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag wanderte er das Isalletal hinab, bis er ans Meer gelangte. Dort warf er sich zwischen zwei Linden ins Gras, und ihm war, als hätte er endlich heimgefunden nach seiner Wanderung um die ganze Welt.

Aber im Traum erschien ihm wieder der Blinde, der mit aschgrauen, über den vorstehenden Zähnen geöffneten Lippen neben ihm kauerte und ihn verhöhnte und bemitleidete:

»Du glaubst heimgefunden zu haben, glaubst auszuruhen von dem beschwerlichen Weg. Paß auf, Efix, jetzt erst fängt deine Wanderung wirklich an!«

   

Während er allmählich auf der Straße zu dem Gut emporstieg, hörte er in weiter Ferne die klagenden Töne einer Ziehharmonika, die ihm fast wie eine Sinnestäuschung seiner an den Festtrubel gewöhnten Ohren erschienen.

Soviel längst entschwundene Dinge kamen ihm wieder in den Sinn, und durch die Blätter um ihn her ging ein Flüstern und Raunen, als wenn sie ihn begrüßen wollten. Und dort war auch schon die Hecke, der Fluß, der Hügel, die Hütte. Er war nicht etwa gerührt, aber die sanft verhaltene Klage, die wie aus den Tiefen des stillen, grünen Wassers kam, lockte ihn wie ein Ruf.

Er ging weiter, blickte auf und sah plötzlich, daß das Gut ziemlich verwildert war. Es sah fast aus, als fehlte ihm schon lange ein Herr. Die Bäume waren fast alle schon ihrer Früchte beraubt, und da und dort hing ein geknickter Ast zu Boden.

Zuannantò, der unter der schattigen Laube vor der Hütte saß, spielte Ziehharmonika, und einschläfernd breitete sich die eintönige Weise über die verlassene Gegend.

Beim Anblick des Fremdlings, der gebückt näher kam, um in die Hütte zu sehen, hörte der junge Bursche auf zu spielen, und seine sanften Augen blitzten drohend auf.

»Was wünschen Sie?«

Der Fremde nahm die Mütze ab.

»Gevatter Efix!« rief der junge Bursche, spielte weiter und sprach und lachte in einem Atemzug. »Sie sind also doch nicht tot? Und es hieß doch, Sie wären nach Amerika ausgewandert, wären reich geworden und hätten Ihren Herrinnen viel Geld geschickt. Jetzt betreue ich das Gut, und wenn ich will, kann ich Sie wie einen Dieb von dannen jagen. Aber ich tu's nicht. Wollen Sie ein paar Trauben? Greifen Sie zu. Don Predu, mein Herr, pfeift auf dieses Stückchen Land, er hat so viele andere Güter. Das große, Badde Saliche, das wirft wenigstens etwas ab. Die Erträgnisse hier schickt mein Herr meistens seinen Basen, Ihren Herrinnen, zum Geschenk. Die aber schließen sich ständig in ihr Haus ein, wie ein Igel in sein Stachelkleid. Ach, Gevatter Efix, ich muß Ihnen was erzählen. Neulich nachts – ich schließe mich bei Nacht immer in der Hütte ein, weil ich mich vor den Geistern fürchte und Großmutter immer an der Tür kratzen höre – nein, dieser Schreck neulich nachts! Ich fühlte plötzlich, wie sich etwas Weiches an meinen Füßen bewegte. Ich schrie auf, der Schweiß brach mir aus allen Poren, aber morgens merkte ich dann, daß es nur ein verletzter Hase gewesen war. Ja, der hatte sich in der Schlinge gefangen, hatte sich losgerissen und saß nun mit gebrochenem Pfötchen da und sah mich mit flehenden Augen an – wie ein Mensch. Ich verband ihm das Pfötchen, aber dann bekam er Fieber und starb mir schließlich unter den Händen.«

Efix hatte sich vor die Hütte gesetzt und schaute in die Ferne.

»Was meinst du?« fragte er nach einer Weile ernst. »Wird Don Predu mich wieder in seinen Dienst nehmen?«

Da blitzten die Augen des jungen Burschen wieder drohend auf.

»Und mich soll er wohl fortjagen? Und was soll ich dann anfangen? Grixenda heiratet doch bald und zieht fort. Und was soll ich dann tun? Betteln gehen? Nein, machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie sind doch alt!«

»Du hast recht«, sagte Efix und senkte das Haupt. Aber seine Gefügigkeit nahm den jungen Knecht für ihn ein.

»Don Predu ist so reich, daß er Sie trotzdem anstellen kann. Er kann Sie auf eins von seinen anderen Gütern schicken, denn ich möchte hierbleiben. Es ist so hübsch hier, das sagt auch Grixenda.«

»Was macht Grixenda?«

»Die näht ihr Brautkleid.«

»Sag mal, Zuannantò, war Don Giacinto schon wieder einmal im Dorf?«

»Mein Schwager?« sagte der Junge stolz. »Ja, der war hier, im vergangenen Juli. Grixenda ging es damals so schlecht, es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre gestorben. Ja, und so kam er her ...«

Er schwieg, das Gesicht über die Ziehharmonika gebeugt, die Augen verdüstert von Erinnerungen.

»Sag mir alles, Zuannantò. Mir kannst du es ruhig sagen, ich gehöre doch wie zur Familie.«

»Nun gut, ich werde es Ihnen sagen. Also – Grixenda ging es damals sehr schlecht, sie schwand dahin wie ein Lichtlein. Nachts hatte sie Fieber, und wie im Wahn stand sie auf und sagte: ›Ich will nach Nuoro gehen.‹ Aber als sie die Tür öffnen wollte, konnte sie es nicht. Sie verstehen, draußen stand die Großmutter und stemmte sich gegen die Tür und hinderte sie am Fortgehen. Nun, und so ging ich eines Tages nach Nuoro. Ich fand meinen Schwager an einem Ort, der wie die Hölle ist: in der Mühle. Ich erzählte ihm alles, und er ließ sich drei Tage Urlaub geben und kam mit. Er hatte sich einen Gaul gemietet, weil das billiger ist als ein Wagen, und ließ mich hinter sich aufsitzen. Oh, es war herrlich, so über den Boden zu fliegen, man kam sich wie ein Riese vor. Und dann hat er um Grixenda angehalten, und zu Allerheiligen werden sie heiraten.«

»Bei wem hat er um sie angehalten?«

»Ich weiß nicht. Bei ihr selbst wohl?«

»Sag mal, Zuannantò, war Don Giacinto damals auch bei seinen Tanten, bei meinen Herrinnen?«

Wieder zögerte der junge Bursche.

»Ja«, sagte er dann, »er war dort. Ich glaube, sie haben sich gezankt, denn er kam mit roten Augen heraus, als wenn er geweint hätte. Grixenda sah ihn an und lachte gezwungen. Da sagte er: ›Jetzt haben sie mich zum letztenmal gesehen!‹«

Efix stellte keine weiteren Fragen. Er übernachtete in der Hütte, und da sich inzwischen ein heftiger Wind erhoben hatte und das Schilfrohr am Hang wie eine verdammte Seele seufzte und der junge Knecht sich fürchtete, begann Efix Legenden aus der Bibel zu erzählen, in ähnlichem Tonfall wie der Blinde.

»Ja, es war einmal ein König, der die Bäume anbeten ließ, unter dem Vorwand, daß es verzauberte Wesen seien. Ja, die Bäume und die Tiere und das Feuer. Da verwirrte der Herr in seinem Grimm die Knechte dieses Königs so sehr, daß sie sich verschworen, ihren Gebieter zu erschlagen. Ja, er ließ sie einen goldenen Götzen anbeten, und daher rührt die Geldgier in der Welt, daher kommt es, daß selbst ein Verwandter den anderen umbringt, nur um des Geldes willen. Sogar die unschuldigsten Gemüter beten ja das Geld an.«

Dann begann er den Tempel und die Paläste des Königs Salomo zu schildern. Zuannantò schlummerte ein, während er noch immer erzählte. Draußen rauschte das Schilfrohr heftig im Wind, als kämpfte es eine gewaltige Schlacht.

Und als Efix im Morgengrauen vor die Hütte trat, sah er wirklich an die hundert Rohre geknickt zu Boden hängen, und um sie her gestreut die langen Blätter, wie zerbrochene Schwerter. Und die Überlebenden schienen sich traurig über ihre toten Gefährten zu beugen, schienen sie zu liebkosen mit ihren zerfetzten Blättern.

»Nehmen Sie sich ein paar Trauben mit, Gevatter Efix«, sagte der junge Bursche und verabschiedete sich nachdenklich von ihm. »Wenn Don Predu Sie wieder herschicken sollte, würde ich mich freuen. Dann könnten wir uns zum Zeitvertreib Geschichten erzählen. Und gehen Sie auch zu Grixenda und grüßen Sie sie von mir.«

Und wie einst steigt Efix wieder die Straße zum Dorf empor. Der Morgen ist fast kalt, die weißen Hügel sind wie von Schnee bedeckt, die Berge über den in der Ebene verstreuten Dörfern rauchen wie Kohlenmeiler, und still, wie ausgestorben liegt das Land im Frührot da.

Da schöpfte Efix neuen Mut und glaubte heimzukehren zur Wiege seines Leids, wie der verlorene Sohn, nachdem all seine Hoffnungen zerronnen waren.

Kurz entschlossen ging er zu der Wucherin und mußte lachen, als die Alte, obwohl sie ihn nicht gleich erkannte, ihn freundlich empfing, im Glauben, daß er ein Fremder sei, ein Knecht, den irgendein Gutsbesitzer zu ihr schickte, um sie um Geld zu bitten.

»Kallina, alte Hexe, erkennst du mich nicht? Aber auch du bist mächtig zusammengeschrumpft!«

Sie hielt die kleinen Filzschuhe in der Hand, ließ erst den einen fallen, dann den anderen, und bückte sich, um sie wieder aufzuheben.

»Siehst du, Efix? Mein Fluch ist in Erfüllung gegangen. Weißt du noch, wie du mich damals umbringen wolltest?«

»Dazu bin ich noch immer bereit, wenn du nicht gleich still bist! Sag mal, wie geht's dir eigentlich?«

»Nicht sehr gut. Seit einer Weile habe ich immer Kopfweh, und die Schmerzen und die Schlaflosigkeit haben mich so klein, so gebeugt gemacht ...«

Geschieht dir recht! dachte Efix; aber er sprach es nicht aus.

»Ein teuflischer Schmerz – der Kopfschmerz, lieber Efix. Ich habe ein Gelübde getan, im Oktober zum Heiligen Franziskus zu wallfahren ...«

»Hör zu«, sagte Efix, der sich an den Herd gesetzt hatte und keine Miene machte, zu gehen, »es hat keinen Sinn, daß du eine Wallfahrt machst. Wenn du Buße tun willst, dann büße zu Hause!«

»Ich brauche nicht zu büßen! Wenn ich hingehe, gehe ich aus Frömmigkeit. Meine Seele hat mit Gott zu tun, nicht mit einem Sünder deinesgleichen.«

Efix senkte das Haupt.

»Hör mal«, fuhr er fort, »ich brauche Kleider und Geld. Du mußt mir helfen, Kallina. Du kannst schon, wenn du willst. Ich bin wie ein Soldat, der im Krieg war. Ich kehre heim, aber ich kann nicht dieses Gewand anbehalten.«

»Sag mir wenigstens, wo du warst.«

»Ach, überall. Ich wollte mir ein wenig die Welt ansehen. Ich bin bis ins Morgenland gekommen, wo einst der Tempel und Palast des Königs Salomo standen. Dieser Palast war ganz aus Gold, an den Türen waren statt der Klinken goldene Äpfel, und auch die Teller und Schüsseln waren aus Gold, ja sogar die Schlüssel und die Riegel an den Toren ...«

Die Frau schielte ihn mißtrauisch an, während sie neue Senkel in die kleinen Schuhe flocht, ohne deshalb die alten fortzuwerfen, die sich vielleicht noch einmal zum Zusammenschnüren eines kleinen Bündels verwenden ließen. Warum redete er so wunderliches Zeug, im singenden Tonfall eines Bettlers? Machte er sich lustig über sie? Oder hatte er Fieber?

»Lieber Efix, bei deinem Umherzigeunern haben wohl nicht nur deine Schuhe gelitten, sondern auch dein Verstand?«

Trotzdem borgte sie ihm das Geld.

Aber er ging noch immer nicht.

»Ich kann doch nicht so durchs Dorf gehen und mich zum Gespött von Don Predus Mägden machen. Du mußt mir die Kleider besorgen. Geh, gib deinem Herzen einen Stoß, zeig, daß auch du ein guter Christ bist!«

»Wieso auch ich? Ich bin ein besserer Christ als du, mein Lieber. Ich habe nicht Haus und Heimat verlassen, um mich auf meine alten Tage in der Welt herumzutreiben ...«

»Wenn du nicht gleich still bist, greife ich nach der Eisenstange dort, verstanden, Kallina!«

Den ganzen Tag fuhren sie fort, einander zu beschimpfen, halb im Scherz, halb im Ernst. Trotzdem ging die Alte am Nachmittag fort und kaufte ein fast neues Gewand von einer Frau, deren Mann nach Amerika gefahren war.

Gegen Abend kehrte Efix heim zu seinen Herrinnen. Ja, erst gegen Abend, wie nach einem freien Tag, verbracht in müßigem und unbefriedigendem Umherstreifen. Dort oben war es sehr still und traurig. Der Berg hing über das dunkle Haus, am blaßgrünen Abendhimmel glitt der junge Mond tiefer und tiefer, darüber glitzerte der Abendstern.

Das Tor war geschlossen, längs der Mauer und auf den Stufen wucherte das Gras wie vor einer längst verlassenen Behausung, und Efix hatte Angst, zu klopfen.

Er sah Grixendas schmale Tür, die wie ein goldener Spalt in der schwarzen Mauer leuchtete, und erinnerte sich an Zuannantòs Auftrag.

Grixenda stand am flackernden Feuer und trocknete ihre nassen Röcke. Sie war barfuß, und ihre schlanken Beine schimmerten kupferbraun. Als sie den Alten erblickte, ließ sie die Röcke fallen, lachte und schrie freudig auf, als sie ihn erkannte.

»Was, Grixenda! Du gehst noch immer an den Fluß? Läßt dein Bräutigam das zu?«

»Arbeitet er nicht auch? Ist er vielleicht zu vornehm zum Arbeiten? Nein, wenn er das wäre, läge ich längst unter der Erde ... Nun, wollen Sie nicht nähertreten? Setzen Sie sich, der Sack drückt doch sicher. Der ist wohl voll Gold? Haben wohl heimlich Ihr Glück gemacht, alter Schlaukopf?«

Er setzte sich und stellte den Sack auf den Boden. Dann schaute er Grixenda an, und Grixenda ihn, mit einem spöttischen Blinzeln, als wenn sie ihm zu verstehen geben wollte, daß sie die Wahrheit wüßte.

»Aber auch wir, Gevatter Efix, auch ich und Giacinto werden es noch zu etwas bringen. Wer weiß, vielleicht werden auch wir noch reich, Gevatter Efix. Alles ist möglich auf der Welt, ich glaube es wenigstens.«

»Und seid ihr nicht schon reich? Wer ist wohl reicher als ihr?«

Sie beugte sich ganz nah zu ihm, anmutig und kindlich wie früher.

»Das habe ich schon immer gesagt! Als Ihre Damen nicht wollten, daß Giacinto und ich heirateten, weil ich arm bin, da sagte ich: Bin ich nicht jung? Habe ich ihn nicht lieb? Und sind Fräulein Noemi und Don Predu mit all ihrer Habe vielleicht reicher als wir? An Jahren vielleicht, aber sonst nicht.«

Efix zuckte zusammen.

»Heiraten die beiden denn?«

»Ja, sie heiraten. Er verzehrte sich, wie ich mich im vorigen Frühjahr verzehrte. Es hieß, er wäre behext. Und das war er ja auch – ja, von Liebe behext! Er ritt sogar nach Oliena, um eine alte Zauberin um Rat zu fragen, und neulich, in der vorigen Woche erst, pilgerte er zu Unserer Lieben Frau nach Gonare und opferte drei Taler, damit sie ein Wunder wirken möge. So erzählen sich die Klatschbasen im Dorf.«

Efix sah sinnend zwischen seinen Knien zu Boden.

»Soll ich wirklich heimkehren?« fragte er sich im stillen. »Werden sie nicht glauben, daß nur der günstige Wind mich nach Hause lockt?«

Und plötzlich, einen kurzen Augenblick lang, tat es ihm fast leid, daß Noemi vor seiner Heimkehr in die Heirat eingewilligt hatte. Aber er bereute es gleich und stand auf. Ach, welch ein Sünder war er noch immer!

»Glaubst du, daß Don Predu jetzt dort ist?« fragte er und drehte sich noch einmal um, ehe er ging.

»Ich bin hier, nicht dort, Gevatter Efix«, sagte Grixenda und lief ihm lachend nach. »Ich kann es Ihnen nicht sagen. Gehen Sie hin, sehen Sie selbst nach, denn wenn Ihre Herrinnen mich sehen, verriegeln sie immer doppelt und dreifach das Tor.«

Er ging. Aber wieder krampfte sich ihm das Herz zusammen, als er vor dem Eingang stand, und ihm war, als hallten seine Schläge gegen das Tor bang und unheimlich durch sein Inneres.

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