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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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XIV.

Von dort pilgerten sie zu dem Heiligengeistfest. Der Blinde wußte genau, wie die einzelnen Feste fielen und welchen Weg sie einschlagen mußten, und eigentlich führte er den Gefährten, nicht der Gefährte ihn.

Als sie durch Nuoro kamen, ging Efix mit ihm zur Mühle, ließ ihn an der Mauer lehnen und ging Giacinto Lebewohl sagen.

»Ich geh' nun weit, weit fort. Leb' wohl. Vergiß dein Versprechen nicht.«

Giacinto wog gerade einen Sack gemahlener Gerste. Er blickte unter den mehlbestäubten Lidern auf und lächelte.

»Was für ein Versprechen?«

»Richtig zu wägen«, sagte Efix rätselhaft und ging.

Als er den Sack gewogen hatte, eilte Giacinto ins Freie und sah, wie die beiden Bettler sich Hand in Hand entfernten, bleich und zitternd wie zwei Kranke. Er rief ihnen nach, aber Efix winkte ihm nur mit der Hand ein letztes Lebewohl zu, ohne sich umzudrehen.

Gleich hinter dem Ort gerieten sie in Streit, weil der Blinde, obwohl er noch einen vollen Sack hatte, die Vorübergehenden anbetteln wollte, indes Efix meinte: »Wozu betteln, wo wir noch genug haben?«

»Und morgen? Denkst du nicht an morgen? Du bist ein schöner Bettler. Man sieht, daß du ein Neuling bist.«

Da merkte Efix, daß er nur nicht betteln wollte, weil er sich schämte, und wurde rot vor Scham.

Das Wetter war inzwischen schlecht geworden. Gegen Abend begann es zu regnen, und die beiden gingen auf eine Schäferhütte zu. Aber drinnen wollte man sie nicht dulden, und so mußten sie unter einem Laubdach neben dem Schafpferch Schutz suchen. Die Hunde heulten, ein grauer Schleier lag über der feuchten Ebene, und Regen und Wind löschten immer wieder das kleine Feuer aus, das Efix anzufachen versuchte.

Der Blinde verzog keine Miene unter seiner starren Leidensmaske. Die Arme um die Knie geschlungen, mit großen, gelb im Schein des Feuers schimmernden Zähnen und bläulichen, gesenkten Lidern saß er da – er legte sich niemals hin – und erzählte eine Geschichte nach der anderen.

»Du mußt wissen, daß es volle dreizehn Jahre dauerte, bis das Haus des Königs Salomo fertig dastand. Es lag in einem großen Wald, dem Libanon, so genannt nach den hohen Zedern, die dort wuchsen. Ein kühler, schattiger Ort. Das ganze Haus bestand aus goldenen und silbernen Säulen, mit reich geschnitzten Balken darüber, und Marmorfliesen wie in den Kirchen. Mitten im Haus war ein Springbrunnen, aus dem Tag und Nacht Wasser floß, und die Wände waren aus kostbaren, hell geschliffenen Steinen. Die Schätze, die es dort gab, lassen sich gar nicht aufzählen. Die Teller waren aus Gold, die Schüsseln waren aus Gold, und das ganze Haus war geschmückt mit goldenen Äpfeln und Lilien. Auch die Halsbänder der Hunde waren aus Gold, das Geschirr der Pferde aus Silber, die Decken aus schwerem Purpurstoff. Und eines Tages kam die Königin Saba angezogen, die von diesen Dingen am anderen Ende der Welt hatte erzählen hören und neidisch war; denn auch sie war reich und wollte sehen, wer wohl der Reichere sei. Die Frauen sind bekanntlich neugierig ...«

Herbeigelockt durch die Erzählungen des Blinden, kam nun ein Hirte auf den Laubschuppen zugelaufen, tief geduckt, um nicht naß zu werden. Die anderen Hirten folgten ihm.

Ermuntert durch den Erfolg, richtete sich der Blinde lebhaft auf und gab die Geschichte von Tamar und den Eierkuchen zum besten.

Die Hirten lachten und stießen sich mit den Ellenbogen an. Sie brachten Milch und Brot, gaben dem Blinden sogar Geld.

Efix aber war traurig, und kaum waren sie allein, da zankte er den Gefährten aus wegen seiner Arglist und seines schlechten Beispiels.

»Du sprichst genau wie meine Mutter«, sagte der Blinde und schlief im Regen ein.

Auf dem Heiligengeistfest war nur eine kleine, aber auserwählte Schar von Leuten: reiche Hirten mit dicken Frauen und schönen schlanken Töchtern. Hoch zu Pferd kamen sie angeritten: die Männer stolz und wettergebräunt, im Gürtel ein langes, in einer gepreßten Lederscheide steckendes Messer; die jungen Burschen groß und sehnig, mit blitzenden Zähnen und Augen, flink wie Beduinen; die Mädchen gertenschlank, sanft wie die biblischen Frauengestalten in den Mären des Blinden.

Das Wetter war noch immer neblig, und das braune Kirchlein zwischen dem Felsgeröll und Buschwerk der Ebene war umlagert von unendlich tiefer Stille, von würzigem Waldgeruch. Die über den grauen Himmel jagenden Wolken ließen die Landschaft noch seltsamer erscheinen.

Den ganzen Vormittag tauchten neue Reiter im Nebelgrauen auf dem Pfade auf. Schweigend stiegen sie ab, als kämen sie zu einer heimlichen Versammlung in diese entlegene Gegend. Efix, der mit dem Blinden vor dem Eingang der Kirche saß, glaubte zu träumen.

Auch hier gab es keine anderen Bettler, und als die kräftigen, stolzen Männer, aus deren Mund und Nüstern ein heißer Dunst von Leben quoll, an ihm vorbeischritten, beschlich ihn ein Gefühl von Furcht, von Scham, von Neid. Das waren wirklich Männer. Ihre Hände waren wie gewaltige Pranken und bereit, das Glück zu greifen, wo immer es sich bot. Wie Räuber, wie vogelfreie, über das Gesetz erhabene Gesellen sahen sie alle aus. Sie bereuten sicherlich nicht ihre Schuld, sofern sie eine hatten, machten sich keine Gewissensbisse, wenn sie sich mit der Faust ihr Recht im Leben erzwangen. Ihm war, als sähen sie ihn verächtlich an, während sie ihm ein paar Münzen zuwarfen, als schämten sie sich seiner und wollten ihn mit dem Fuß beiseitestoßen wie einen schmutzigen Lumpen.

Dann aber schweiften seine Blicke in die Ferne. Und hinter jener Nebelwand, so schien ihm, fing eine andere Welt an, tat sich das große Tor auf, von dem der Blinde gesprochen hatte, das Tor zur Ewigkeit. Da bereute er seine Anwandlung von Scham.

An seiner Seite sagte der Gefährte unermüdlich seine Bettelsprüche auf oder wandte sich an ihn, damit die Vorübergehenden es hören sollten: »Wozu sind wir wohl auf der Welt? Als Last für die Mitleidigen, die uns ein Almosen spenden?«

»Ja, lieber Bruder, wozu sind wir wohl auf der Welt?«

»Nun, guter Freund, alles geschieht auf Gottes Willen. Wir sind nur Werkzeuge in seiner Hand, und er bedient sich unser, um das Herz der Menschen zu prüfen, wie der Bauer sich des Spatens bedient, um das Land umzugraben und zu sehen, ob es fruchtbar ist. Ja, Leute, seht in uns nicht zwei arme Wesen, trauriger als welkes Laub, unreiner als Aussätzige, seht in uns Werkzeuge Gottes, um euer Herz zu rühren.«

Wie harte, klingende Blumen fielen die Kupfermünzen vor ihnen zu Boden. Zwei schmucke junge Burschen aus Nuoro begannen, um den Mädchen Eindruck zu machen, Heller nach dem Blinden zu werfen. Aus der Ferne zielten sie auf seine Brust und lachten jedesmal, wenn sie ihn trafen. Dann nahmen sie Efix aufs Korn und hatten ihre Kurzweil wie auf einem Schützenfest. Efix zuckte bei jedem Wurf zusammen und ihm war, als steinigten sie ihn. Aber er hob die Münzen fast gierig auf, und als das Spiel zu Ende war, bereute und schämte er sich wieder.

Unterdessen bereiteten die Frauen das Mahl. Sie hatten ein Feuer unter einem einsamen Baum angezündet, und der Rauch mengte sich mit dem Nebel. Die roten Tupfen ihrer Mieder leuchteten durch das eintönige Grau, noch lebhafter als die Flammen. Es wurde weder gesungen noch zum Tanze aufgespielt auf diesem Fest, das dem Knecht wie eine Versammlung von Hirten und Wegelagerern erschien, die sich eingefunden hatten, um ihre Frauen wiederzusehen und die heilige Messe zu hören.

Mittags lagerten sich alle um das Feuer unter dem Baum, und der Priester setzte sich in ihre Mitte. Das Wetter klärte sich auf, ein goldener Sonnenstrahl brach durch die Wolken und fiel durch das Geäst des Baumes auf die Schmausenden. Die Hirten am Boden, die Frauen mit den Körben in der Hand, der Priester, der zum Schutz gegen die Nässe einen Sack um die Schultern geworfen hatte, die lachenden Kinder, die schweifwedelnden Hunde, die in der Erwartung eines Knochens keinen Blick von ihren Herren wandten, all das gemahnte an die beschauliche Ruhe eines biblischen Bildes.

Die mitleidigen Frauen brachten den beiden Bettlern große Teller mit Fleisch und Brot, und als der Blinde ihre Schritte im Gras rascheln hörte, hob er die Stimme und erzählte.

»Ja, es war einmal ein König, der Bäume und Tiere anbeten ließ, und sogar das Feuer. Da verwirrte Gott in seinem Zorn die Knechte dieses Königs, daß sie sich verschworen, ihren Gebieter zu erschlagen. Und sie erschlugen ihn auch. Ja, er ließ einen goldenen Götzen anbeten, und daher rührt die Geldgier in der Welt, daher kommt es, daß selbst ein Verwandter den anderen umbringt, nur um des Geldes willen. Auch mir haben die lieben Verwandten alles fortgenommen, als sie sahen, daß ich blind war. Wie der Sturm im Herbst die Bäume plündert, so plünderten sie mich.«

Die Leute ritten bald wieder fort, und wieder blieben die beiden Männer allein zurück in der öden Gegend. Der Nebel zerteilte sich, am lichtblauen Horizont tauchten schwarze Büsche auf. Dann wurde es auf einmal strahlend hell, als wenn geisterhafte Hände die Nebelschleier zerrissen, und ein großer, siebenfarbiger Regenbogen wölbte sich über dem Land, und darunter ein zweiter, der aber kleiner und blasser war. Große, gelbe, wie von Tau benetzte Hahnenfüße leuchteten auf den silbernen Wiesen, und die ersten Sterne, die inzwischen am Abendhimmel aufgegangen waren, lächelten den Blumen zu. Himmel und Erde schienen sich zu spiegeln ineinander. Auf dem einsamen, noch vom Rauch umschleierten Baum schluchzte eine Nachtigall.

Da rannen Efix plötzlich große Tränen über die Wangen. Er wußte nicht warum. Er fühlte sich ganz allein auf der Welt, mit der Nachtigall als einzigem Gefährten. Noch immer glaubte er zu spüren, wie die Münzen der jungen Burschen aus Nuoro seine Brust trafen und zuckte zusammen, als steinigten sie ihn. Aber es war eher wie ein Freudenschauer, wie die Wollust des Leidens.

Sein Gefährte, der an der geschlossenen Tür lehnte, die Hände um die Knie geschlungen, schlief und schnarchte.

   

Von dort pilgerten sie nach Fonni zum Märtyrerfest. Sie legten stets nur kleine Strecken zurück und rasteten häufig in den Schäferhütten, wo der Blinde an den Hirten aufmerksame Zuhörer fand. Er schien sie alle wiederzuerkennen – »am Geruch«, wie er sagte. Den einfältigeren und gottesfürchtigen erzählte er die rührendsten Geschichten aus dem Alten Testament, den jungen und aufgeklärten allerlei Abenteuer, die in seinem Munde fast anstößig wirkten.

Dieses Verhalten des Gefährten betrübte Efix tief. Manchmal fühlte er sich so heftig abgestoßen, daß er sich vornahm, ihn zu verlassen. Dachte er dann aber näher darüber nach, so dünkte ihm, daß seine Buße dadurch um so vollkommener sei, und er sagte sich im stillen: Es ist, als führte ich einen Kranken, einen Aussätzigen. Um so höher wird Gott mir mein barmherziges Werk anrechnen.

Unterwegs schlossen sich ihnen andere Bettler an, die auch zu dem Fest wanderten. Alle begrüßten den Blinden wie einen alten Bekannten; Efix aber betrachteten sie mit argwöhnischen Blicken.

»Du bist doch noch gesund und rüstig«, sagte ein junger Lahmer. »Wie kommt es, daß du betteln gehst?«

»Ich habe ein heimliches Leiden, das an mir zehrt und mich am Arbeiten hindert«, antwortete Efix, aber er schämte sich seiner Lüge.

»Der Herr befiehlt, daß man arbeiten soll, solang man kann. Könnte ich doch auch arbeiten! Ach, glücklich ist, wer arbeiten kann.«

Da mußte Efix an Giacinto denken, der frohen Muts und gut geworden war, seitdem er Arbeit gefunden hatte, und er fragte sich bekümmert, ob er sich nicht wieder versündigt hatte, als er seine Herrinnen verließ.

So wanderte er weiter und weiter des Weges, fand aber keinen Frieden. Seine Gedanken weilten stets dort in der Ferne, zwischen dem Schilfrohr und den Erlen auf dem Gut. Zumal am Abend, wenn die Nachtigallen sangen, quälte ihn das Heimweh.

Was wird Don Predu denken, der mich noch immer mit Fräulein Noemis Antwort erwartet? Aber Gott wird schon weiterhelfen, wird alles zum Guten wenden – nun, wo ich mit meiner Todsünde und meinem Fluch fern von ihnen bin.

Weiter und weiter wanderte er inmitten der Bettlerschar durch das grüne Mammojadatal. Höher und höher, gegen Fonni zu, auf steinigen Pfaden, über denen im Abendgewölk die zerklüfteten Berge von Gennargentu dräuten: wie gewaltige Mauern und Burgen, wie silberne Städte und blaudunstige Wälder. Aber ihm schien, als wäre sein Leib nur ein leerer Sack, hin und her gebeutelt vom Wind, zerfetzt, beschmutzt, nur noch wert, zu den Lumpen geworfen zu werden.

Und seine Gefährten waren nicht besser daran als er. Sie wanderten und wanderten, wußten nicht wohin, wußten nicht warum. Die Jahrmärkte, zu denen sie zogen, waren ohne tieferen Sinn für sie, nicht fröhlicher, nicht trauriger als die einsamen Gegenden, in denen sie Rast machten, um sich auszuruhen oder zu essen.

Trotzdem zankten sie sich, schrien sich häßliche Worte zu, lästerten Gott, beneideten einander und hatten all die Leidenschaften glücklicher Menschen. Efix, todmüde, mit dem schleichenden Fieber in den Gliedern, versuchte nicht, sie zu bekehren. Nicht einmal Mitleid hatte er mit ihnen. Wie im Traum schritt er dahin, fühlte sich entführt von einer Geisterschar, wie so oft in den Nächten auf dem Gut. Er war längst tot und irrte noch immer ruhelos durch die Welt, ausgestoßen aus dem Reich des Jenseits.

In Fonni, wo die Bettler sich im Gedränge der bunten Menge vor der Kirche sammelten, kam eine neue Qual hinzu. Er hatte Angst, daß jemand ihn wiedererkennen könnte, und versuchte sich hinter seinem Gefährten zu verstecken.

Neben ihnen saßen zwei andere Bettler: ein alter Blinder und ein junger Mensch, der sich vor der Ankunft die Brust unter der rechten Warze aufgeritzt und dann mit dem Saft eines giftigen Krautes eingerieben hatte, um eine künstliche Geschwulst zu erzeugen, die er vor den Leuten als bösartiges Geschwür ausgab.

Efix war zornig über diesen Betrug, und als die Münzen in den Hut seines Gefährten fielen, errötete er bei dem Gefühl, daß auch er die Mitleidigen betrüge.

Und die Münzen fielen und fielen. Nie hätte er gedacht, daß es soviel Mitleidige gäbe auf der Welt. Die Frauen besonders waren sehr freigebig, und ein sanfter Schatten trübte jedesmal ihre Augen, wenn das künstliche Geschwür des jungen Bettlers, eitrig und schwarz, blau wie eine Feige, zwischen den Falten des aufgeknöpften Hemdes hervorsah.

Fast alle blieben mit vorgebeugtem, forschendem Gesicht stehen. Die einen waren groß und zart und sahen mit ihren grün und gelb gestickten Schürzen und ihren purpurroten Mänteln fremd und seltsam aus, als kämen sie von weither, wie aus dem alten Ägypterland. Die anderen hatten breite Hüften, volle, rotwangige Gesichter und schwellende Lippen, die feucht schimmerten wie der Rand eines Honignapfes.

Efix antwortete mit gesenkten Augen auf ihre Fragen und nahm die Almosen traurig entgegen.

Aber auch einige Männer scharten sich um den alten Blinden und den falschen Kranken, und einer beugte sich zu ihm herab, um das Geschwür aus der Nähe zu besehen.

»Gott soll mich schützen«, sagte er, »bei ihm war's genau so. Und er lebte nur noch ein Jahr.«

»Ein Jahr nur?« rief ein anderer. »Ach, in einem Jahr könnte ich kaum drei von den Dingen erledigen, die ich im Sinn habe. Da – nimm!«

Und er warf dem Kranken eine Silbermünze zu. Da erhob sich ein Wettstreit, wer dem armen Teufel, der so bald sterben mußte, wohl am meisten gäbe. Die Münzen regneten in seinen Sack, so daß Efix' Gefährte gelb wurde vor Neid. Mittags weigerte er sich, zu essen. Stumm saß er da und schien Böses zu sinnen. Als die Menge schließlich wieder auf dem freien Platz zusammenströmte und die Frauen im Vorbeigehen in die Tasche griffen, um dem vermeintlichen Kranken ein Almosen zu geben, begann er plötzlich zu rufen: »Seht ihn doch näher an! Er ist gesünder als ihr alle! Er hat sich absichtlich mit einer vergifteten Nadel geritzt!«

Da beugte sich einer über ihn, um die künstliche Geschwulst aus der Nähe zu betrachten, und der Bettler ließ es bleich und stumm geschehen, sagte kein Wort. Aber der alte Blinde, sein Begleiter, richtet sich plötzlich drohend auf, schwankend wie ein Baumstämmchen im Wind, machte ein paar unsichere Schritte auf Istène zu und ließ die Fäuste wie zwei Hämmer auf seinen Kopf herabsausen.

Zunächst duckte Istène den Kopf bis auf die Knie, schnellte dann hoch, packte seinen Gegner bei den Beinen und versuchte ihn zu Boden zu reißen. Als ihm das nicht gelang, biß er ihn ins Knie. Sie sprachen kein Wort, und ihr Schweigen ließ den Auftritt noch gefährlicher erscheinen. Im Nu ballte sich ein dichter Menschenknäuel um sie zusammen, und das Kreischen der Frauen mischte sich mit dem Gelächter der Männer.

»Ich möchte nur wissen, wie er ihn gesehen hat!«

»Ach, der ist doch gar nicht blind! Der Teufel hol die ganze Bande, sie sind allesamt Heuchler ...«

»Und ich habe ihm gleich dreimal etwas gegeben! He du, wie hast du dir das Geschwür beigebracht? Sag es mir, und ich gebe dir noch mehr. Dann mache ich's nach, um mich vom Militär zu drücken!«

»Achtung! Da kommen die Gendarmen!«

Die Menge machte den Gendarmen Platz. Groß, mit rot und blau am Hute wehenden Federn, standen sie vor den am Boden verkrallten Bettlern.

Der Alte zitterte vor Wut, öffnete aber nicht den Mund. Der andere hatte seine Fassung wiedergefunden und beteuerte mit kläglicher Stimme, daß er nichts wüßte. Er hätte nichts getan, hätte nur plötzlich gefühlt, wie ein anderer über ihn herfiel wie eine einstürzende Mauer.

Die Gendarmen befahlen ihnen aufzustehen und führten sie ab. Die Menge folgte ihnen in einem langen Zuge. Auch Efix ging mit, aber seine Beine zitterten, über seinen Augen lag ein Schleier.

»Jetzt werden sie auch mich verhaften, werden erfahren, wer ich bin, werden alles herausbekommen und mich bestrafen.«

Aber niemand kümmerte sich um ihn, und als die beiden Blinden in der Wache verschwunden waren, verlief sich die Menge, und er blieb allein auf einem Stein sitzen und wartete.

Er hatte Angst, aber um nichts in der Welt hätte er den Blinden im Stich gelassen. Drei Stunden blieb er dort sitzen. Es war totenstill, die Leute waren alle unten auf dem Fest, und das Dörfchen war in diesem Winkel wie ausgestorben. Die Sonne glühte auf die Schindeldächer der niedrigen Hütten herab, der Nachmittagswind trug aus der Ferne würzigen Kräuterduft herüber, ein paar verwehte Stimmen, eine fröhliche Weise ...

Die tiefe Ruhe verwirrte ihn noch mehr. Zum erstenmal sah er klar, wie die Felszinnen dort auf den Bergen in der durchsichtigen Luft, den gewaltigen Irrtum seiner Buße. Nein, so hatte er sich das bestimmt nicht vorgestellt!

Und seine armen Herrinnen, die dort in der Ferne einsam und verlassen litten? Zum erstenmal dachte er daran, heimzukehren, seine letzten Tage wie ein treuer Hund zu ihren Füßen zu beschließen. Heimkehren, auch die eigene Seele opfern, aber sie nicht leiden lassen: das war die wahre Buße! Aber er konnte seinen Gefährten nicht im Stich lassen. Und schon öffnet sich das Tor der Wache wieder und die beiden Blinden treten heraus, Hand in Hand wie Brüder.

Efix ging auf sie zu, nahm seinen Gefährten bei der Hand. So kehrten sie zu dritt auf den Kirchplatz zurück und suchten dort überall den falschen Kranken. Die Menge tanzte und sang, die untergehende Sonne überflutete den Kirchturm, die Dächer und die hohen Bäume ringsum mit ihrem roten Schein, aus der Kirche tönte frommer Lobgesang, und der Weihrauchduft mischte sich mit dem Duft der blühenden Gärten.

Aber so eifrig sie auch suchten, der falsche Kranke war nicht wiederzufinden: weder auf dem Platz selbst, noch in der Kirche, noch auf den Straßen in der Umgebung. Jemand sagte, er sei aus Angst vor den Gendarmen ausgerissen. Und so blieb Efix bei den beiden Blinden zurück.

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