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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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XIII.

Draußen erwartete ihn Zuannantò.

»Dreimal habe ich Sie schon gerufen. Kommen Sie, Großmutter geht es sehr schlecht, Sie möchte Sie noch einmal sprechen. Warum kommen Sie nicht mit? Wir stehlen Ihnen doch nicht das Brot aus dem Sack.«

Die Alte lag noch immer in ihren Kleidern auf dem Bette, mit bloßen, heißen, rotgefleckten Handgelenken. Sie schien zu schlummern, doch als Efix sich über sie beugte, sagte sie mit schwacher Stimme: »Siehst du? Nun ist sie wieder zum Waschen an den Fluß gegangen, weil sie Geld verdienen muß. Und dabei hast du gesagt, er würde sie heiraten.«

»Geduld, Muhme Pottoi! Wir sind zum Leiden geboren.«

Die Alte streckte den Arm aus und zog ihn ganz nah zu sich. Ein Geruch von Moder und Verwesung schlug ihm aus dem Bett entgegen; aber er trat nicht zurück, obwohl er spürte, wie die heiße Halskette Muhme Pottois sein Gesicht streifte und ihr glühender Hauch über sein Haar glitt, fast wie eine Spinne.

»Hör mich an, Efix, im Beisein Gottes. Ich rüste mich zur Wanderung in die Ewigkeit, Don Zame selbst wird mich abholen, wie wir einander gelobten in unserer Jugend. Es ist nun Zeit, zusammen fortzugehen, und auf der Straße werde ich ihm sagen, daß er nicht stehenbleiben soll, wo er zusammenbrach, wo du ihn erschlagen hast – nein, daß er dir verzeihen soll um all der Liebe willen, die du seinen Töchtern entgegengebracht hast. Und er wird dir sicher verzeihen, Efix, du hast schwer genug getragen an deiner Schuld. Aber dann mußt du auch meine Grixenda retten, Efix. Sie droht sich zu verlieren, wartet nur auf meinen Tod, um zu entfliehen, und ich kann die Augen nicht in Frieden schließen. Geh du zu dem jungen Herrn und sag ihm, er möge sie nicht unglücklich machen, möge sich erinnern, daß er versprochen hat, sie zu heiraten. Ja, sag ihm, daß er sie heiraten soll, und dann wird auch Fräulein Noemi nicht mehr an ihn denken. Geh nun!«

Sie schob ihn von sich, und er riß erschrocken die Augen auf. Aber sie waren wie geblendet, wie bedeckt von Asche, als käme er aus der Hölle. Die Alte hatte die Augen nicht wieder geöffnet. Mit steifen Händen, die starren Finger weit gespreizt, lag sie auf dem Bett und bewegte noch immer lautlos die bläulichen, schwarz umrandeten Lippen. Aber sie sprach nicht mehr.

Durch eine Ritze im Dach fiel ein goldener Strahl, der auf ihrem dunklen Leib und ihrem Halsgeschmeide flimmerte, aber alles andere in dem armseligen Kämmerchen im Dunkeln ließ.

Wie aus der Tiefe eines Brunnens schaute Efix zu diesem Lichtspalt dort oben in der Ferne empor. Da war ihm plötzlich, als glitte der Strahl auf ihn zu und tauche ihn in eine Flut von Licht. Und klar erkannten seine staunenden Augen nunmehr alles: die finsteren Sünden ringsum, und dazwischen diesen Lichtspalt – das zürnende Auge Gottes.

Schweigend lud er seinen Sack wieder auf die Schultern und ging fort.

   

Als er an Don Predus Haus vorbeikam, rief er Stefana heraus und sagte ihr, daß er dringend verreisen müßte und nicht wüßte, wann er zurückkäme.

»Sag wenigstens, wohin du gehst.«

»Nach Nuoro.«

   

Er brauchte zwei Tage, um nach Nuoro zu gelangen. Ganz allmählich, in kleinen Wegstrecken, wanderte er das Tal empor und rastete an der Straße, wenn er müde war. Er schloß die Augen, schlief aber nicht; und öffnete er sie dann wieder, so sah er das gelblichgraue Band der Straße im Grün und Blau der Ferne sich verlieren, bergauf gegen die Nuoreser Alpen, bergab gegen die Bucht von Baronia zu; und ihm war, als hätte er schon immer so gelebt, am Rande einer Straße, die er zur Hälfte hinter sich, zur Hälfte vor sich hatte. Dort unten, tief unter ihm, lag die Stätte der Schuld – dort oben, gegen die Berge zu, der Ort der Buße.

Das Wetter war schön, das Tal war schon bedeckt von hohem Gras, und rings prangten die Myrtensträucher im Schmuck der Blüte.

Weit verzweigte Wässerchen glitzerten zwischen dem Grün der Hänge, und zwischen den Erlen rauschte der Fluß. Hin und wieder rollte ein Fuhrwerk auf der Straße vorbei, und Efix hätte am liebsten gefragt, ob er nicht mitfahren könnte; aber gleich darauf bereute er den heimlichen Wunsch.

Nein, er mußte zu Fuß wandern, wie zur Sühne, mußte sein Ziel ohne fremde Hilfe erreichen.

In der ersten Nacht kehrte er in einer einsamen Schenke im Tal ein, konnte aber nicht schlafen. Die Nacht war klar und mild, am weißen Himmel über den Felssäulen am Ende des Tals hing wie eine goldene Ampel der Mond. Aber ein Kranker stöhnte in der unwirtlichen Schenke, und des Menschen Leid störte den Frieden der Natur.

Vor Sonnenaufgang brach Efix wieder auf, noch müder als zuvor. Und wieder sieht er die Berge von Oliena auftauchen aus den grauen Nebelschwaden, die wie Weihrauchgewölk den Felsaltar des Orthobene umbranden, über der ganzen Landschaft liegt es wie ein Hauch von Heiligkeit, und von dem höchsten Felsen herab hemmt der Erlöser den eilenden Schritt mit seinem Kreuz, das die schwarzen Arme mahnend in den blaßgoldenen Himmel reckt.

Und Efix kniet nieder, betet aber nicht. Er kann nicht beten, die Worte fehlen ihm. Aber seine Augen, seine zitternden Hände, sein ganzer vom Fieber geschüttelter Leib ist ein einziges Gebet.

   

Als er sich Nuoro nun allmählich näherte, hörte er es lauter, immer lauter wie ein großes Herz über dem Tale pochen.

Das ist die Mühle, und dort ist auch Giacinto, dachte er voll Freude.

Dies steile, schmutzige, glitschige Gäßchen, auf dem zwischen all dem Unrat eine tote Katze lag und auf das der Himmel flammendrot zwischen hohen, grasbewachsenen Mauern herabschaute – dies Gäßchen war die letzte Strecke seiner Erdenwanderung, die letzte Steigung auf seinem Leidensweg.

Auf halbem Wege drehte er sich um. Der Talschatten wanderte in einem braunen Bogen langsam die rötlichen Hänge des Orthobene empor und erreichte schließlich auch ihn auf dem Gäßchen. Von oben tönte das Stampfen der Mühle herab, ein dumpfes Pochen im Gegensatz zum hellen Stimmchen einer Glocke, die den Abend einläutete, und auf der Straße unten schritten Bauern mit Ochsengespannen vorbei, wohlhabende Grundbesitzer wie Don Predu und Frauen mit Krügen auf dem Kopf. Andere Frauen mit bleichen Gesichtern saßen müßig auf den Hofmauern zu beiden Seiten des Gäßchens. Efix, der müde mit dem tiefer und tiefer über seine Schultern herabgleitenden Sack dastand, sprach sie an.

»Wo wohnt Don Giacinto?«

»Wer? Der aus der Mühle? Dort, etwas weiter oben. Was bringst du ihm in deinem Sack? Bist du sein Knecht?«

»Ja. Und was macht Don Giacinto?«

»Ach, der ist fleißig und guter Dinge. Ein netter Junge. Alle Frauen sind hinter ihm her und raufen sich um ihn ...«

Da mußte Efix an das Marienfest denken, an Natòlia und Grixenda, die den Fremdling im Tanze umwarben, und es ging wie ein stechender Schmerz durch seine Brust, aber auch wie ein leidenschaftliches Verlangen, irgend etwas gegen das Schicksal zu tun.

»Wo treffe ich ihn jetzt am besten? Ist er noch in der Mühle?«

»Da kommt er gerade.«

Und richtig kam dort Giacinto ohne Hut, mit mehlbestäubtem Haar und Gewand, das Gäßchen herabgeeilt. Irgend jemand hatte ihn schon benachrichtigt von der Ankunft des Knechts.

»Was suchst du denn hier?« fragte er, packte Efix bei den Schultern und schüttelte ihn.

Efix sah ihn stumm an und ließ sich willig die Gasse emporziehen, bis zu einem kleinen, zwischen zwei Häuschen eingezwängten Hof hoch über dem Tal. Ein kleiner Mann, ein Zwerg fast, mit großen traurigen Augen und weißem Gesicht, schöpfte Wasser am Brunnen, und Giacinto stellte ihn als seinen Hauswirt vor.

»Ich muß dich sprechen«, sagte Efix.

»Hier bin ich, sprich!«

Sie setzten sich in die Küche, aber das Männlein bereitete gerade das Abendbrot, und in seiner Gegenwart wollte Efix nicht sprechen. Giacinto aber scherzte und lachte und ließ keine ernste Unterhaltung aufkommen.

Durch das Fensterchen sah man auf den Felsen des Orthobene den Erlöser, klein wie eine Schwalbe, und aus dem Garten wehte ein Duft nach Goldlack herauf, der an den Hof der Damen Pintor erinnerte.

Efix fühlte, wie ihm das Herz schwer wurde, aber sprechen konnte er nicht. Er sagte nur: »Mir scheint, du bist recht vergnügt geworden, Giacinto.«

»Was hätte ich sonst tun sollen? Mich aufhängen vielleicht?«

Da hob das Männlein, das emsig die Nudeln umrührte, die traurigen Augen, und Giacinto lachte und sah nach dem Gebälk des Daches.

»Hör zu, Efix, gleich als ich herkam und bei dem wackeren Mann dort Unterkunft fand, versuchte ich tatsächlich mich aufzuhängen. Erinnern Sie sich noch daran, Micheli?« Das Männlein nickte und schüttelte dann vorwurfsvoll den Kopf. »Und er hat mich gerettet und mich ins Bett gebracht wie ein kleines Kind. Er band mich immer fest, wenn er fortging, ich hatte hohes Fieber. Aber Gott sei Dank lief alles gut ab, und nun bin ich vergnügt und glücklich. Nicht wahr, Micheli? Das bin ich doch? Also sprich, Efix. Du bist doch sicher hergekommen, um meine Heiterkeit zu trüben.«

»Die alte Pottoi ist gestorben«, sagte er schließlich, und Giacinto fuhr ihm unwillkürlich mit der Gabel ins Gesicht, als wenn er ihn stechen wollte.

»Ach, du Unglücksbote! Ich wußte doch, daß du eine Trauerbotschaft bringen würdest. Und was noch?«

»Und Grixenda rüstet sich, uns zu verlassen. Du wirst sie in wenigen Tagen hier eintreffen sehen. Das wollte ich dir nur sagen.«

Wie früher machte Giacinto ein trauriges und erschrockenes Jungengesicht.

»Oh, nicht doch, nicht doch! Ich will nicht, daß sie herkommt.«

»Du willst es nicht? Und wie willst du sie daran hindern? Übrigens ist sie deine Braut, du hast versprochen, sie zu heiraten.«

»Ich kann sie nicht heiraten. Nein, wirklich nicht. Nicht wahr, Micheli? Ich kann nicht, und ich will nicht. Ich bin nicht in der Lage, zu heiraten, ich bin bettelarm, ich habe andere Pflichten, das weißt du doch, Efix. Nun ja, vor diesem Manne kann ich ruhig sprechen, er weiß alles von mir, genau wie du, und er bedauert mich. Erst muß ich die Schuld bei meinen Tanten bezahlen. Nur deshalb, weil ich voll Verzweiflung war, wollte ich mir das Leben nehmen. Da sagte dieser Mann zu mir: ›Du sollst umsonst bei mir wohnen und essen, aber du mußt auch arbeiten und deine Schuld bezahlen‹.«

Halb verwundert, halb argwöhnisch schielte Efix nach dem Männlein und schien es mit den Augen zu fragen: Warum dieser Edelmut? Und der Mann, der das Gesicht tief über den Teller beugte und schweigend aß, hob plötzlich die Augen und sagte: »Weil wir Christen sind.«

Da stieg Efix wie in die Tiefen seines Herzens hinab und erinnerte sich, warum er hergekommen war.

»Giacinto, du mußt Grixenda dennoch heiraten. Sie wird in wenigen Tagen hier sein. Schick sie dann nicht fort, mach sie nicht unglücklich!«

»Barmherziger Gott! Du bist wohl taub? Ich sage dir doch, ich kann sie nicht hier behalten, kann sie nicht heiraten. Erst muß ich die Schuld bei meinen Tanten bezahlen.«

»Die wirst du am besten bezahlen, wenn du sie heiratest.«

»So? Hast du soviel geerbt inzwischen?« lachte Giacinto. Aber Efix sah ihn ernst an und wiederholte zweimal: »Ich bin nur hergekommen, um darüber mit dir zu reden.«

Der Hauswirt begriff, daß seine Gegenwart störte, und ging stumm hinaus, obwohl Giacinto Einspruch erhob und ihn zurückrief.

»Laß ihn doch«, sagte Efix. »Was ich dir zu sagen habe, braucht niemand zu hören.«

Doch als sie dann allein waren, verspürten sie beide ein Gefühl von Verlegenheit und Scheu; das Licht lag wie ein Hindernis zwischen ihnen. Sie gingen in den Hof, setzten sich auf die Stufen, und Giacinto machte die Tür hinter sich zu, wie um Licht und Feuer am Lauschen zu hindern. Efix suchte nach Worten, um das quälende Geheimnis hervorzuzerren aus seinem Herzen. Ach, es erschien ihm so groß, so schwer, daß er es nicht auf einmal hervorzuzerren vermochte. Höchstens in Stücken, in blutigen Fetzen. Immer mehr sank er in sich zusammen und wühlte und zog, als gälte es eine Felsplatte aus einem Brunnen zu heben. Schließlich richtete er sich seufzend wieder auf, matt und kraftlos. »Siehst du, Giacinto, so geht es auf der Welt. Jetzt möchte Don Predu Fräulein Noemi heiraten, und Fräulein Noemi will ihn nicht. Schuld daran bist – du.«

Giacinto antwortete nicht. Aber er umklammerte den Arm des Knechts als wollte er ihn zerbrechen; dann ließ er ihn wieder los.

Efix hörte ihn leise stöhnen, wie im Fieber, und auch er rang gequält nach Luft, während er seinen Arm rieb, der noch brannte von dem eisernen Griff.

»Ja, schuld daran bist du – du ganz allein«, fuhr er fast feindselig fort. »Wußtest du das nicht? Gottlob, das hat die Alte dir wenigstens nicht verraten. Jetzt aber mußt du dir klar darüber werden, hörst du? Jetzt mußt du deine Tante befreien von diesem törichten Wahn, verstanden?«

»Was kann ich denn tun?« sagte Giacinto schließlich und schien wieder in seine einstige Trauer zurückzusinken. Gebrochen saß er im Dunkel, starrte zu Boden und sah einen tiefen Abgrund vor sich gähnen.

»Was du tun kannst? Du weißt es doch, ich habe es dir schon gesagt. Tue du zunächst deine Pflicht, dann wird sie auch die ihre tun ...«

»Was kann ich denn tun? Du glaubst demnach noch immer, es stehe in unserer Macht, das Schicksal zu meistern? Erinnere dich, was ich dir damals auf dem Gut sagte – erinnerst du dich noch daran? Und hast du inzwischen das Schicksal meistern können?«

Und auch Efix sank wieder in sich zusammen. Ganz nahe, Schläfe an Schläfe, saßen sie nebeneinander, als wenn sie einer Stimme unter der Erde lauschten.

»Es ist leider wahr. Wir können das Schicksal nicht meistern«, gab Efix zu.

»Und glaubst du denn, sie würde glücklich, wenn sie Onkel Pietro heiratete? Nein, Brot allein macht nicht glücklich, das sehe ich am besten an mir selbst ...«

»Aber sag mal, du – du ...«

»Ich?«

»Ja, du wußtest es also?«

»Was soll ich dir darauf erwidern? Ein Mann merkt so etwas sehr bald. Aber ich schwöre dir bei meiner Mutter selig, ich habe Noemi stets verehrt, wie eine Heilige verehrt ... Doch einmal – ja, ich sage es dir, ich weiß, dir kann ich es ja sagen – ein einziges Mal nur, als sie ohnmächtig wurde und ich über ihren Augen weinte, begegneten sich plötzlich unsere Blicke, und damals – damals ... Nun, ich weiß nicht, mehr kann ich dir nicht sagen. Aber vielleicht bin ich deshalb fortgegangen – ja, mehr deshalb als wegen all des Unheils, das ich angerichtet hatte.«

»Eine Frage noch. Als du damals zum letztenmal auf das Gut kamst, wußtest du es da schon?«

»Ja, da wußte ich es schon.«

»Nun«, sagte Efix und stand auf, »du bist ein Mann.«

»Was heißt: ein Mann?« erwiderte Giacinto geschmeichelt. »Ich kenne das Leben ein wenig, nichts weiter. Man lernt es zeitig kennen, wenn man dort zur Welt kommt, wo ich zur Welt kam. Aber auch du kennst das Leben, auf deine Weise, und deshalb haben wir uns immer verstanden, auch wenn wir eine andere Sprache redeten. Weißt du noch, wie ich eines Abends zu dir auf das Gut kam .... Damals hatte ich gespielt und die Unterschrift gefälscht, aber nur, weil ich dem Reeder sein Geld zurückbezahlen und bei der Heimkehr einen guten Eindruck machen wollte. Dann hätte er gesagt: Sieh an, der Unglückliche hat sich herausgemacht. Aber statt dessen ging es tiefer und tiefer mit mir bergab ... Ich war verblendet, jetzt erst sind mir die Augen aufgegangen, jetzt erst sehe ich, wo die wahre Rettung ist. Wo hast du die wahre Rettung gefunden, Efix? Im Leben für die anderen. Und dort will auch ich sie suchen, Efix«, flüsterte er ganz nah am Gesicht des Knechts. »Du hast mich gerettet, ich will so werden, wie du bist ... Antworte, habe ich recht? Damals, in Oliena habe ich dich zu Boden geworfen, aber auch die Heiligen mußten Qualen erdulden und blieben dennoch Heilige. Antworte, habe ich nicht recht?« fuhr er fort und schüttelte den anderen an den Schultern. »Erinnerst du dich noch an die Dinge, die wir damals auf dem Gut besprachen? Ich denke ständig daran und sage mir im stillen: Efix und ich sind zwei Unglückliche, aber doch zwei Menschen, zwei wirkliche Menschen, mehr als Onkel Pietro, mehr als der Milese! Onkel Pietro – was ist denn Onkel Pietro? Jahrelang ließ er die Tanten darben und leiden, gab sie dem Elend und dem Gespött des ganzen Dorfes preis, und nun glaubt auch er gut zu handeln, weil er Noemi heiraten will! Das will er doch nur, weil sie ihm als Frau gefällt, genau wie mir Grixenda. Ist das Liebe, ist das Mitleid? Und sie hat recht, vollkommen recht, wenn sie ihn nicht nimmt! Ich kann sie durchaus verstehen. Wahre Liebe hast nur du ihnen bewiesen; und wenn sie irgend jemand lieben und heiraten müßten – ich sage absichtlich: heiraten –, so wärst du es, nicht Onkel Pietro ... Statt dessen haben sie dich aus dem Haus gejagt wie einen alten Hund, der zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Du aber liebst sie noch immer, liebst sie erst recht, weil dein Herz ein wahres Menschenherz ist. Was hast du denn auf einmal? He, Alter! Schäm dich! Hast du nicht genug geweint? Nicht doch, Alter, Kopf hoch!«

Wieder packte er ihn an den Schultern und schüttelte ihn. Aber Efix schluchzte still vor sich hin, den Kopf zwischen den Knien, und während sein Schluchzen durch die schweigende Nacht tönte, erinnerte er sich wieder an das Blut, daß er vor der zerfallenen Kapelle in Oliena hervorgesprudelt hatte, nach der ersten Auseinandersetzung mit Giacinto. Auch jetzt war ihm, als sprudelte all sein Blut aus seinen Augen: all das böse Blut der Sünde. Leer blieb sein Leib zuletzt zurück, und in ihm irrte seine Seele ängstlich hin und her, in einem toten Raum, schwarz wie die Nacht. Aber Giacintos tröstliche Worte leuchteten in der Finsternis, und seine eigenen Tränen umglänzten und umstrahlten ihn wie Sterne.

   

Eine Woche blieb er in Nuoro.

Sowohl er wie Giacinto erwarteten jeden Augenblick die Ankunft Grixendas. Aber die Tage vergingen, und sie kam nicht.

Giacinto hatte noch keinen klaren Entschluß gefaßt. Aber er machte einen ruhigen Eindruck, arbeitete, kam nur zur Tischzeit nach Hause, scherzte mit seinem Hauswirt und fragte ihn um Rat, wie er das Mädchen empfangen solle.

»Unglücklich will ich sie gewiß nicht machen, die arme Waise. Wie wär's, wenn wir sie mit Ihnen verheiraten würden? Eine Frau tut schon lange im Hause not.«

Das Männlein sah ihn vorwurfsvoll an, erwiderte aber nichts, wenigstens nicht in Efix' Gegenwart. Und dieser wollte das Schicksal nicht zwingen und dachte, daß es Sünde sei, sich den weisen Ratschlüssen der Vorsehung zu widersetzen. Unbedenklich soll man sich ihr anvertrauen, wie der Same dem Wind. Gott weiß, was er tut.

Doch er konnte sich auch nicht entschließen, fortzugehen, und wartete noch immer auf Grixenda. Wenn Giacinto nicht zu Hause war, ging er das Gäßchen hinunter, setzte sich an den Rand des Tales und blickte auf die weiße Straße am Fuß des Berges. Das Pochen der Mühle weckte in seinem Herzen ein Gefühl von Rührung, fast von Bestürzung. Es klang wie das ungestüme Hämmern eines Herzens, eines jungen Herzens, das die alte Erde neu belebt. In diesem Pochen schlug stürmisch Giacintos Blut, und beim Gedanken an ihn traten Efix Tränen in die Augen. Und plötzlich glaubte er ihn vor sich stehen zu sehen: groß, heiter, weißbestäubt von Mehl wie eine junge, reifbedeckte Pflanze, geläutert von der Arbeit und den guten Vorsätzen. Alle haben ihn gern, und er ist freundlich zu jedermann. Die Frauen, die das Getreide zum Mahlen bringen, drängen sich um ihn, der emsig Mehl abwiegt, betrachten ihn mit mütterlichen und verliebten Blicken. Eines Abends hatte Efix ihn in der Mühle besucht, und beim Stampfen der Kolben, beim Anblick der bleichen Gestalten, die sich gespenstisch vor dem flammenden Abendhimmel bewegten, beim Durcheinanderhuschen der Schatten und beim Klirren der Gewichte glaubte er plötzlich wie in einen Höllenpfuhl zu blicken, in dem Giacinto zwischen den Verdammten litt, aber in der Hoffnung auf baldige Erlösung.

   

Nm Sonntag nach Ostern ging er zu einem kleinen ländlichen Fest in dem Kirchlein von Balverde.

Es war ein kalter Nachmittag, und in dem vom Nordwind durchfegten Isalletal, mit dem Alboberg in der Ferne, der wie ein im stürmischen Meer verlorenes Schiff aus den Wolken ragte, schien noch der Winter zu herrschen.

Efix folgte einer Schar von Bäuerinnen, die sich dicht in ihre schweren Mäntel hüllten, und mit dem Wind, der gegen seine Brust wehte, fühlte er eine neue, fremde Kraft sein Herz durchdringen. Traurig und still, wie in einem Pilgerzug, schritten die Frauen dahin, als gingen sie nicht zu einem Fest, sondern zu einem Wallfahrtsort. Eine Ziehharmonika in der Ferne griff die fromme Weise ihrer Lobgesänge auf, und der Knecht fühlte, daß seine Buße erst jetzt begonnen hatte.

Als er vor dem Kirchlein auf dem Kamm des steinigen Hangs angelangt war, setzte er sich neben die Tür und begann zu beten. Ihm war, als schaute die kleine Mutter Gottes fast erschrocken aus ihrer feuchten Grotte auf die Menge herab, die sie störte in ihrer Einsamkeit, als wehte der Sturm immer heftiger, als sänke die Sonne rasch in das Tal hinab, wie um die Störenfriede zum Aufbruch zu drängen. Und wirklich mummten sich die Frauen noch dichter in ihre Mäntel und machten sich, nachdem sie den Rosenkranz gebetet hatten, auf den Heimweg.

Zurück blieben nur eine Frau, die Mandelkringel und überzuckerte Lebkuchenherzen feilbot, und zwei Männer, die unter der zerfallenen Halle vor der Tür des Kirchleins saßen.

Efix kauerte sich abseits auf den Boden und betrachtete sie ernst. Er erkannte sie wieder, er hatte sie schon auf dem Marienfest gesehen. Es waren zwei Bettler in weiten blauen Hosen und langen Wollkitteln. Der eine, noch ziemlich jung, groß und gebeugt, mit gelbem, hohlwangigem Gesicht, das nur noch Haut und Knochen war, bettelte noch immer, bewegte aber kaum die aschgrauen Lippen über den vorstehenden großen Zähnen, als wenn er schliefe und im Traum redete, losgelöst von dieser Welt. Der andere, alt, aber noch rüstig, mit ziegelrotem, schlagflüssigem Gesicht, geschüttelt von einem heftigen Zittern, das geheuchelt wirkte, hatte den Hut zwischen die gespreizten Beine gelegt und beugte sich ab und zu vor, um die kleinen Münzen darin zu betrachten.

Der Abend brach schnell herein, und die Menge hatte sich längst verloren. Auch die Kuchenverkäuferin machte ihre noch vollen Blechschachteln zu und begann ärgerlich mit den Bettlern zu plaudern.

»Der weite Weg hat sich wahrhaftig nicht gelohnt. Ein klägliches Fest, Kinder.«

»Ein Hungerleben, ja«, sagte der Alte, schüttete die Münzen in ein Schnupftuch und setzte den Hut wieder auf. Aber als er aufstehen wollte, fiel er zurück, als wenn seine Füße ausglitten auf den Steinfliesen, und schlug mit dem Kopf gegen die Mauer, mit den Händen auf den Boden.

Als der andere Bettler die Münzen gegen den Stein klirren hörte, hob er das fahle Gesicht und riß erschrocken die gläsernen Augen auf.

Der Alte stöhnte. Die Frau und Efix waren zu ihm geeilt, aber es gelang ihnen nicht, seinen Kopf aufzurichten.

»Wir müssen ihn hinlegen«, sagte die Frau. »Ich werde ihm etwas Schnaps zu trinken geben. Faß doch an, hilf mir!«

Er lag nun flach ausgestreckt am Boden, aber die Tropfen eines grünen Schnapses, den die Frau ihm durch die zusammengebissenen Zähne einzuflößen versuchte, rannen sein Kinn herab.

»Er ist wie tot. He du, willst du nicht aufstehen?« sagte sie zu dem anderen Bettler. »War er denn krank? Kannst du nicht antworten?«

Der Bettler versuchte zu sprechen, aber nur ein leises Wimmern kam über seine Lippen. Dann brach er in Tränen aus.

»Los, steh auf! Hol die Hirten aus dem Wäldchen dort unten ...«

»Wohin schickst du ihn? Er ist doch blind«, sagte Efix, der am Boden kniete, die eine Hand auf dem Herzen des Alten. Das Herz zuckte noch in kurzen Stößen, als wenn es wieder schlagen wollte, aber immer wieder stehenbliebe.

Und schnell ballte sich die Dunkelheit zusammen. Jede Wolke, die über den nahen Himmel fegte, ließ einen Schleier zurück, der Sturm heulte hinter der Kirche, ein Zittern lief durch die Sträucher ins Tal hinab, und es sah fast aus, als wollten sie flüchten, metallgrün schimmernd, erschauernd in Schmerz und Grauen.

Auch der Frau graute vor der Einsamkeit und diesem jähen Sterben. Sie türmte die Blechschachteln auf den Kopf und sagte: »Ich muß nun gehen. Ich werde den Arzt in Nuoro verständigen.«

So blieb Efix allein zurück zwischen dem Sterbenden und dem Blinden.

»Mein Gefährte war herzkrank«, erzählte der Bettler. »Auch in den letzten Tagen ging es ihm sehr schlecht, aber niemand wollte daran glauben. Uns glauben die Leute ja nie ...«

»War er verwandt mit dir?«

»Nein, wir haben uns vor zehn Jahren auf dem Himmelfahrtsfest getroffen. Ich hatte damals einen anderen Begleiter, Juanne Maria mit Namen, der mich mißhandelte, wie einen Hund mißhandelte. Da nahm der gute Alte mich mit. Er war wie ein Vater zu mir, ließ niemals meine Hand los, wenn ich nicht geborgen in einem sicheren Winkel saß. Das ist nun vorbei..

»Und was willst du nun anfangen?«

»Was soll ich anfangen? Ich werde hier sitzenbleiben und warten, bis der Herr mich zu sich nimmt.«

»Ich kann dich ja nach Nuoro zurückführen«, sagte Efix.

Noch immer beugte er sich über den Sterbenden, versuchte ihn wieder zu beleben, befeuchtete seine Lippen mit dem Schnaps, den die Frau zurückgelassen hatte, und seine Stirn mit einem in Wein getauchten Leinenfetzen. Aber das abgezehrte Gesicht färbte sich grün und blau, wurde immer härter und starrer im düsteren Dämmerschein. Auch das Herz hörte auf zu schlagen. Noch einmal durchlebte Efix die schrecklichste Stunde seines Lebens. Er mußte plötzlich an die Brücke in seinem Heimatdorf denken, an die im Mondlicht wogenden Binsen, und wie er ängstlich am Herzen seines erschlagenen Herrn horchte ...

Dennoch fühlte er sich gleichsam erleichtert, wie jemand, der nach langem Umherirren in einer unwegsamen Gegend den verlorenen Pfad wiederfindet, die Stelle, von der er ausgegangen ist.

»Gehst du denn nicht fort?« fragte der Blinde, der noch immer regungslos auf seinem Platze saß.

»Ich werde gehen, wenn der Herr es mir befiehlt. Jetzt aber werde ich Feuer machen, denn wir müssen wohl hier übernachten.«

Er ging Holz suchen. Der Sturm tobte immer heftiger, und die Wolken am Orthobeneberg wallten auf und nieder wie Lavaströme, wie Rauchschwaden, die allmählich das ganze Tal erfüllten. Nur über den Höhen von Nuoro schimmerte noch ein Streifen lasurblauen Himmels, und der Neumond ging rötlich zwischen zwei Felsen auf.

Als Efix unter das schützende Dach zurückkehrte, sah er, daß der Blinde aufgestanden war, sich über den Toten beugte und seinen Namen rief. Er weinte und suchte den Beutel mit den Münzen. Als er ihn gefunden hatte, verwahrte er ihn an der Brust und weinte leise weiter.

   

So verbrachten sie dort die Nacht. Der Blinde erzählte aus seinem Leben, flocht hin und wieder eine Legende aus der Bibel ein, und sein Schmerz verlor sich rasch, wie eine kurze schwere Krankheit.

»Was glaubst du wohl, Bruderherz? Ich bin aus reichem Hause, mein Vater war reich wie Jakob, nur daß er nicht so viele Söhne hatte. Er sagte immer: ›Es macht nichts, wenn mein Sohn blind ist, hat er doch Augen von Gold‹ – damit meinte er seinen Reichtum – ›und er wird uns trotzdem sehen.‹ Und meine Mutter, die eine so sanfte Stimme hatte, sagte: ›Wenn mein Istène nur reinen Herzens bleibt, dann ist alles andere gleichgültig.‹ Aber so wahr ich hier sitze, Bruderherz, nach dem Tode meiner Eltern hat man mir alles fortgenommen, wie eine Traube haben mich die lieben Verwandten und Freunde geplündert, Gott möge ihnen verzeihen. Aber mein reines Herz habe ich trotzdem bewahrt, so wahr ich hier sitze. Ich habe nie einem Menschen etwas zuleide getan. Deshalb hat Gott mir auch immer geholfen. Erst durch Juanne Maria, der Herr sei seiner Seele gnädig, dann durch den Toten dort. Sie waren meine Leidensgenossen, meine Brüder, waren wie die Engel, die Tobias begleiteten. Und jetzt ...«

»Auch jetzt soll es dir nicht an einem Gefährten fehlen«, sagte Efix ernst. »Aber was willst du damit sagen, daß du noch reinen Herzens bist?«

»Daß ich auf die Ewigkeit zuwandere«, sagte der Blinde leise. »Ja, ich wandere wie auf ein großes Tor zu, das sich einst weit vor mir auftun wird, und denke an nichts anderes. Hab' ich Brot, so esse ich, hab' ich keins, so schweig' ich still. Noch nie habe ich mich an fremdem Gut vergriffen, noch nie habe ich ein Weib berührt. Juanne Maria führte mir wohl einmal eines zu. Aber ich fühlte das Sündige in ihr und warf mich zu Boden wie vor einem Sturm. Was sollte ich sonst wohl tun, mein Lieber? Was würde mir wohl bleiben, wenn ich meine Seele nicht rettete, Bruderherz?«

»Und trotzdem hast du dem Toten dort sein Geld genommen«, sagte Efix.

»Das gehörte mir. Was soll dem Toten das Geld? Nein, so wahr ich hier sitze, ich habe noch nie gestohlen, noch nie Blut vergossen. Auch die Brüder Josephs vergossen kein Blut. Judas sagte zu ihnen: ›Lieber wollen wir ihn an die Ismaeliter verkaufen, ehe wir ihn töten.‹ Und so verkauften sie ihn. Kennst du die Geschichte des Juden Joseph überhaupt? Schade, daß du fortgehst, sonst würde ich sie dir erzählen.«

»Ich gehe doch nicht fort«, sagte Efix. »Nein, ich werde dich in Zukunft begleiten. So werden wir einer den anderen führen.«

Der Blinde senkte einen Augenblick das Haupt und fühlte nach dem Geldbeutel auf seiner Brust. Er schien sich nicht zu wundern über den Entschluß des Fremden. Er fragte nur: »Bist du auch ein Bettler?«

»Ja«, sagte Efix, »hast du das nicht gleich gemerkt?«

»Nun gut, dann nimm du das Geld an dich.«

Und er reichte ihm den Beutel.

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