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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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X.

Ruth war verschieden, und Dunkel und Stille umfingen wieder das Haus.

Efix, der auf der kleinen Treppe saß, eine Jasminblüte in der Hand, das Haupt an die Wand gelehnt, wartete mit heimlicher Angst auf Giacintos Rückkehr.

Aber Giacinto kam nicht wieder. Sicher hatte er von dem Unglück erfahren und wagte sich nun nicht nach Hause. Wo weilte er wohl? Noch in Oliena? Oder schon in Nuoro? Oder noch weiter weg?

Efix versuchte seine Gedanken zu sammeln, seine Erinnerungen und Eindrücke aus diesen drei grauenvollen Tagen. Er glaubte wieder vor seiner Hütte zu sitzen und der Nachtigall zu lauschen, die im Erlengehölz dort unten sang. Wie das Lied des Flusses, erquickend und beruhigend, tönte die sanfte Weise durch die Nacht, so süß und so ergreifend, daß sogar die Nachtgespenster sich in den Schutz des Hügels flüchteten und dort unbeweglich lauschten. Wie von einem Windstoß fühlte Efix sich entführt von Erinnerungen und von Hoffnungen. Er wartete auf Giacinto, und Giacinto kam auch schließlich und brachte wunderliche Botschaft. Er hatte eine Stellung gefunden, hatte sein Versprechen erfüllt, war seinen Tanten nun wirklich Trost und Stütze im Alter. Und Don Predu hatte um Noemi geworben, begehrte sie zum Weibe ...

Doch statt Giacintos kam dann Zuannantò mit einem dunklen Gegenstand vor der Brust, der aussah wie ein toter Geier. Und seit dieser Stunde fühlte sich Efix wie gelähmt von einem wüsten Fiebertraum. Wie geisterbleich schimmerte die Straße durch die Nacht, wie traurig tönte die Weise der Ziehharmonika über den Hügel und brachte den Nachtigallensang zum Schweigen. All die Geister und Fratzen stoben auseinander, kamen durch das Dunkel angewirbelt, umringten und bedrängten ihn ...

Und nun wartete er wieder. Aber auch Giacintos Gesicht hatte sich inzwischen zu einer scheußlichen Fratze verzerrt, als hätten die nächtlichen Spukgestalten ihn in ihr Geisterreich entführt, als kehrte er nun gräßlich entstellt von dort zurück.

Lieber sollte er nie wiederkommen.

Aus der Küche fiel ein Lichtstreif auf den Hof, ab und zu drang ein leises Geräusch aus dem Haus. Noemi und Esther bewegten sich dort drinnen, aber auch sie schienen Angst zu haben, Angst, sich bemerkbar zu machen.

Da stieß jemand das Tor auf, und alle drei, die beiden Frauen und der Knecht, schreckten wie aus einem dumpfen Traum auf.

Es war die Muhme Pottoi, die wieder einmal nach Giacinto fragen kam. Lautlos, wie ein gespenstischer Schatten glitt sie näher. Anscheinend hatte sie jemand auf der Straße zurückgelassen, denn sie blickte sich immer wieder um, während die Damen ärgerlich ins Haus zurückkehrten.

»Fünf Tage ist der junge Mensch schon fort, und niemand weiß, wo er steckt. Lieber Efix, sag doch, wo er ist?«

»Wie kann ich dir das sagen, wo ich selbst es nicht weiß?«

»Bitte, bitte, sag es mir doch«, flehte sie, beugte sich über Efix und griff nach ihren Halsketten, als wenn sie sie abnehmen und ihm geben wollte. »Habt ihr ihn fortgeschickt? Hat Fräulein Noemi ihn fortgeschickt? Sag es mir doch, du weißt es schon. Grixenda stirbt mir noch ...«

Immer tiefer beugte sie sich herab, und über ihrem dunklen Rücken sah Efix wie über einem Bergkamm einen Stern glitzern.

»Was soll ich dir denn geben, mein Lieber?«

»Gar nichts, Alte«, sagte er laut. »Ich schwöre dir, ich weiß es nicht. Aber sobald er zurückkommt, werde ich dich benachrichtigen ...«

»Du bist so gut, Efix. Der Herr wird dich belohnen. Komm mit auf die Straße, tröste das arme Kind ...«

Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich fort. Grixenda lehnte draußen an der Mauer und weinte wie vor einem Kerker, der all ihr Glück umschloß und den sie nicht betreten durfte.

»Nun, was hast du denn? Er wird schon wiederkommen.«

»Hörst du, Täubchen?« sagte die Alte und zog das Mädchen von der Mauer weg. »Er wird wiederkommen. Er ist nicht für immer fortgegangen, nein.«

»Ja, er wird sicher wiederkommen, Kind.«

Grixenda haschte nach seiner Hand und küßte sie unter Tränen. Er spürte, wie ihre tränenfeuchten Lippen auf seinen Fingern Spuren hinterließen, wie eine taubenetzte Blüte, und zuckte zusammen und glaubte zu fühlen, wie die Erstarrung, in der er sich seit drei Tagen befand, sich löste.

»Er wird wiederkommen«, wiederholte er laut, »und alles wird noch gut werden. Er wird Vernunft annehmen, wird bereuen, ihr werdet glücklich sein, und alles wird sich zum Guten wenden ...«

Getröstet gingen die beiden Frauen fort. Efix ging wieder in den Hof und sah plötzlich Noemi wie einen dunklen, zitternden Schatten vor sich auftauchen.

»Efix, ich habe gelauscht. Efix, bilde dir nicht ein, daß du auch uns ins Grab bringen kannst. Giacinto wird dieses Haus nie wieder betreten.«

Efix hielt noch immer den Jasminzweig in der Hand, und die Blüte zuckte wie in tiefem Schmerz im Dunkel.

»Ich – euch ins Grab bringen? Wieso denn?«

»Efix; ich habe gelauscht«, wiederholte sie dumpf; dann aber richtete ihre Gestalt sich drohend auf, der dunkle Schatten schien gewaltig zu wachsen, wie eine Tigerin fühlte Efix sie über seinem Haupt.

»Hast du verstanden, Efix? Nie wieder soll er dieses Haus betreten, und auch nicht das Dorf. Du, du allein bist schuld an allem. Du hast ihn herkommen lassen, du hast versprochen, uns vor ihm zu schützen – du ...«

Wie ein reuiger Sünder nahm er die Mütze ab.

»Fräulein Noemi, verzeihen Sie mir. Ich meinte es doch gut – ich dachte: wenn du einmal nicht mehr bist, werden deine Herrinnen wenigstens an ihm einen Beschützer haben ...«

»Du? Du? Du bist und bleibst ein Knecht. Du kannst uns nicht verzeihen, daß wir adlig sind, und möchtest uns am liebsten betteln gehen sehen mit deinem Sack. Aber eher sollst du erblinden. Zwei von uns hast du schon von dannen gehen sehen – aber die letzten beiden nicht. Und du wirst stets der Knecht sein und wir die Herrinnen ...«

Er bekreuzte sich wie vor einer Besessenen und ging seinen Sack holen, um zu fliehen – bis ans Ende der Welt zu fliehen. Aber Fräulein Esther hielt ihn zurück, während Noemi, die ihm gefolgt war, auf der Bank zusammensank, mit geschlossenen Augen und bläulichem Gesicht, wie damals Fräulein Ruth.

Da ging er wieder ins Freie, kauerte sich auf die Treppe und blieb dort die ganze Nacht sitzen, das Gesicht zwischen den Händen.

Gegen Morgen machte er sich auf die Suche nach Giacinto. Höher und höher wanderte er die zunächst graue, dann weiße, dann rosarote Straße empor. Die Morgenröte schien wie roter Rauch aus dem Talgrund aufzusteigen und die kühn geschwungenen Berggipfel am Horizont zu umfluten. Wie die zackigen Kelchblätter einer gewaltigen, sich im Morgenlicht erschließenden Blüte ragten sie aus der leuchtenden Talmulde in den bleichen Himmel.

Doch in der aufgehenden Sonne verblaßte der bunte Zauber. Die Falken kreisten mit blitzenden Schwingen durch die Luft, der Orthobeneberg schob sich mit seinem düster dräuenden Massiv vor die weißen Mauern von Oliena, die Kuppel des Nuoreser Doms tauchte in der Ferne auf.

Mit stumpfen, vom Fieber getrübten Augen schritt Efix dahin. Ihm war fast, als wäre er gestorben und wanderte nun wie eine sündige Seele in die Ewigkeit hinein; hin und wieder freilich fühlte er sich veranlaßt, wie in stummer Auflehnung stehenzubleiben, sich auf einen Meilenstein zu setzen und in die Ferne zu starren. Die Straße, die sich zwischen eintönig grauen Felsen, Ölbäumen und Feigensträuchern bergauf, bergab schlängelte, erschien ihm wie sein Leidensweg, aber auch wie ein Weg, der vielleicht in die Erlösung führte. Dort oben, dachte er beim Anblick des Orthobenemassivs, dort oben liegt eine steinerne Stadt mit trotzigen, schweigenden Wällen; warum suche ich nicht dort oben Zuflucht und nähre mich von Kräutern und gestohlenem Vieh, frei wie ein Wegelagerer?

Aber da erblickte er auf einem steilen Felsen im Tal den Erlöser mit dem gewaltigen Kreuz, das die graue Erde mit dem tiefblauen Himmel zu verbinden schien, und kniete reuigen Hauptes nieder und schämte sich seiner Hirngespinste.

   

Giacinto war in Oliena. Er wußte von dem Verhängnis zu Hause, wußte von dem Tod Tante Ruths und hatte Angst, heimzukehren. Kümmerlich lebte er von dem geringen Entgelt, das er beim Einkauf des Weines für Mileses Rechnung verdient hatte, wußte aber noch nicht, was er dann anfangen sollte. Auch er starrte in die Ferne, von dem schmalen Fenster seines Kämmerchens aus, das über einem abschüssigen kleinen Hof lag, durch den man wie durch eine Scharte auf das weite Tal hinabsah, mit der Kuppel des Nuoreser Domes, der zwischen zwei Hügelketten in den rotgemaserten Himmel ragte.

Aber er entschloß sich auch nicht, nach Nuoro zu gehen. Er lebte wie in banger Erwartung auf etwas, was noch geschehen mußte, und trieb sich inzwischen im Dorf umher, berauschte sich an der Sonne vor dem Tor der Kirche. Das Dörfchen, das weiß am Rande der blauen, klaren Berge lag, flimmerte und glühte wie eine Kalkgrube; hin und wieder aber wehte ein kühles Lüftchen, und das Rauschen der Nuß- und Pfirsichbäume in den Gärten mischte sich in das Murmeln der Brunnen und das Gezwitscher der Vögel.

Giacinto betrachtete die Frauen, die zur Messe gingen: ernst und feierlich, mit eckigen, bleichen, von dunkel schimmernden Zöpfen eingerahmten Gesichtern, mit nackten, schlanken Beinen und hellgeblümten Filzschuhen. Und wenn sie dann auf den Fliesen der Kirche knieten, mit roten Miedern, umhüllt von buntbestickten Tüchern, erinnerten sie fast an eine Blumenwiese.

Nach dem Hochamt ging die Menge nach Hause, und auch Giacinto kehrte in seinen Schlupfwinkel zurück und kam unterwegs an einer zerfallenen Kapelle vorbei, die ihn an das Haus seiner Tanten erinnerte. Er dachte noch mehr an Noemi als an Grixenda, wäre am liebsten zu ihr zurückgekehrt, hätte sich am liebsten zu ihr gesetzt und schluchzend den Kopf in ihren Schoß gebettet, unter das Linnen, an dem sie nähte. Doch auch er schämte sich seiner törichten Träume und trat wieder an das schmale Fenster seines einsamen Kämmerchens, um nach dem Nuoreser Dom dort in der Ferne zu sehen. Dort unten war vielleicht seine Rettung.

Schwalbennester, die im Lauf der Jahre grau geworden waren wie die Mauer, liefen wie ein Kranz zwischen dem Dach und den Fensterchen des Hauses entlang. In jedem Nest hauste ein kleines Schwalbenvölkchen. Hin und wieder zeigte sich ein leuchtendes, rundes Köpfchen, eine Schwalbe schlüpfte heraus, dann eine andere, dann zehn, dann zwanzig, und plötzlich wirbelte es von kleinen schwarzen Kreuzen in der Luft, zwitscherte es wehmütig und klagend vor dem Fensterchen Giacintos.

Er versuchte eines von diesen Kreuzen zu haschen, so dicht flogen sie an ihm vorbei, und stand unbeweglich auf der Lauer, und so verging die Zeit. Aber eines Tages sah er die müde Gestalt des Knechtes den Hof heraufkommen und fühlte plötzlich, daß er nur auf ihn gewartet hatte.

Der Knecht blieb unter dem Fensterchen stehen und sah stumm zu ihm empor; er vermochte kaum die Lippen zu bewegen, deutete aber mit einer Kopfbewegung nach der Straße an, daß Giacinto ihm folgen sollte, und Giacinto folgte ihm auch.

Sie gingen hinter die zerfallene Kapelle und lehnten sich an die eingestürzte Mauer, vor sich das weite leuchtende Land.

»Nun?« fragte Efix mit zitternder Stimme.

Dieses Wörtchen reizte Giacinto zum Lachen. Er wußte nicht warum, angesichts der Not des Knechtes fühlte er sich plötzlich wieder stark und spöttisch überlegen.

»Nun, fragst du mich? Das möchte ich eher dich fragen. Was gibt's Neues, daß du mir bis hierher nachgelaufen kommst? Willst du vielleicht Wein für Tante Noemis Hochzeit kaufen?«

»Sprich gefälligst etwas ehrfürchtiger von deinen Tanten! Du wirst sie nie wiedersehen. Fräulein Ruth ist gestorben.«

Da senkte Giacinto das Gesicht und starrte auf seine Hände.

»Siehst du? Nicht einmal ein Wort der Trauer findest du. Nicht einmal eine Träne. Und dabei ist sie deinetwegen gestorben. Elender! Ja, aus Kummer über dich.«

Giacintos Schultern begannen zu zucken; auch seine Unterlippe zitterte, aber er biß zornig darauf und ballte und öffnete die Fäuste, als wenn er etwas greifen und wieder fortwerfen wollte.

»Was habe ich denn getan?« fragte er dreist.

Da musterte Efix ihn mit einem traurigen und verächtlichen Blick.

»Das fragst du noch? Und warum bist du noch hier, wenn du nicht weißt, was du getan hast? Ich sage kein Wort zu dir, ich fordere nichts von dir, weil du ja nichts hast. Nicht einmal ein Herz. Ich möchte dir nur sagen, daß du nie wieder das Haus deiner Tanten betreten sollst.«

»Die Mühe hättest du dir sparen können. Wer denkt denn an ein Zurückkehren?«

»Und sonst hast du nichts zu sagen? Sag wenigstens, was du nun zu tun gedenkst. Du hast deine bedauernswerten Tanten an den Bettelstab gebracht. Was also gedenkst du zu tun?«

»Ich werde alles bezahlen.«

»Du? Ja, mit leeren Versprechungen vielleicht! Ah – zum Teufel, genug endlich. Jetzt sollst du uns nicht mehr täuschen, verstanden! Das hat nun ein Ende. Laß das scheinheilige Getue endlich sein; jetzt haben wir ja nichts mehr, was wir dir geben können. Ist dir das klar. Elender?«

Da maß Giacinto ihn seinerseits mit einem tückischen und erstaunten Blick und reckte drohend die Arme, als wenn er sich in die Luft schwingen und sich auf Efix stürzen wollte, wie ein Adler auf seine Beute. Seine Augen und Zähne blitzten in der untergehenden Sonne, sein Gesicht verzerrte sich.

»Hör mal, schämst du dich nicht?« fragte er leise, packte den Knecht bei den Armen und durchbohrte ihn mit seinen Blicken.

Und Efix hatte das Gefühl, seine Pupillen müßten verbrennen unter diesen Blicken. In seine Ohren dröhnte es dumpf:

»Schämst du dich nicht? Elender du! Ich habe vielleicht gefehlt, aber ich bin jung und kann mich bessern. Warum kommst du her und quälst mich? Ich wußte, daß du kommen würdest, und wartete auf dich. Aber du, du solltest mich wenigstens verstehen und nicht verdammen. Verstanden? Aha – jetzt bist du still, jetzt zitterst du. Mörder du! Geh mir aus den Augen, damit ich mich nicht vergreife an dir!«

Er versetzte ihm einen Stoß und wandte sich zum Gehen. Efix eilte ihm nach, hielt ihn an der Hand zurück. »Halt!«

Eine Weile standen sie schweigend da, als lauschten sie auf eine ferne Stimme.

»Giacinto! Eins mußt du mir noch sagen, Giacinto. Ich spreche wie ein Sterbender zu dir. Giacinto, bei deiner Mutter selig, sag mir: woher weißt du es?«

»Was geht dich das an?«

»Sag es mir, Giacinto! Bei deiner Mutter selig, sag es mir!«

Nie vergaß Giacinto die Augen, mit denen Efix ihn in dieser Stunde ansah. Augen, die ihn aus den Tiefen eines Abgrundes anzuflehen schienen, während die Hand, die seine noch immer umklammert hielt, ihn zu Boden zog und die Gestalt des Knechtes zusehends zusammenschrumpfte und langsam auf die Erde glitt.

Aber er schwieg.

Efix ließ seine Hand los, knickte zusammen, krallte die Finger in den Boden und begann zu husten und Blut zu spucken; sein Gesicht war schwarzblau, wie zerfallen. Giacinto glaubte, er würde sterben. Er richtete ihn auf, lehnte ihn mit dem Rücken an die Mauer, erhob sich und schaute besorgt auf ihn herab.

»Sag es mir doch«, röchelte Efix und streckte flehend die blutüberströmten Hände aus. »Weißt du es von deiner Mutter? Sag mir wenigstens, daß du es nicht von ihr weißt.«

Giacinto schüttelte verneinend den Kopf.

Da schien Efix sich etwas zu beruhigen.

»Ja, es ist wahr«, sagte er leise. »Ich habe deinen Großvater erschlagen, ja. Wie oft wollte ich schon beichten, auf der Straße, in der Kirche, aber ich tat es nicht um deiner Tanten willen. Wäre ich nicht gewesen, wer hätte ihnen dann geholfen? Aber es war ein unglücklicher Zufall, Giacinto. Das schwöre ich dir. Ich wußte, daß deine Mutter fliehen wollte, und hatte Mitleid mit ihr, denn ich liebte sie heimlich. Das war meine erste Sünde. Ich, ein Wurm, ein Knecht, wagte die Blicke zu ihr zu erheben, und sie nützte meine heimliche Liebe aus, entfloh mit meiner Hilfe ... Er, ihr Vater, durchschaute alles, und eines Abends wollte er mich töten. Ich setzte mich zur Wehr, schlug ihn mit einem Stein den Schädel ein. Wie ein Kreisel drehte er sich um sich selbst und brach dann zusammen, dicht neben der Stelle, wo er mich überfallen hatte ... Ich glaubte, er verstelle sich nur, wartete und wartete, daß er wieder aufstehen sollte ... Dann brach mir der Schweiß aus allen Poren – aber ich konnte mich nicht rühren ... Noch immer glaubte ich, es sei nur eine List, und starrte unbeweglich vor mich hin ... Schließlich raffte ich mich auf, ging auf ihn zu ... Ach, Giacinto! Giacinto!« rief Efix zweimal mit leiser, keuchender Stimme, als riefe er noch einmal sein armes Opfer. »Ich rief seinen Namen ... Keine Antwort. Und ihn zu berühren, traute ich mich nicht. Und so rannte ich davon, kehrte aber gleich wieder um ... Ja, dreimal machte ich wieder kehrt und wagte doch nicht, ihn zu berühren. Ich hatte solche Angst ...«

Giacinto, der groß und dunkel in den flammendroten Himmel ragte, hörte schweigend zu. Seine Schultern zitterten, und Efix, zu seinen Füßen, glaubte den ganzen Himmel erbeben zu sehen.

Da eilte Giacinto plötzlich ohne ein Wort davon, und der Blick des Knechtes verlor sich im leeren Raum, in dem rötlich glänzenden, von schwarzen Schatten durchfurchten Tal.

Tiefe, unendlich tiefe Stille. Nur der Schrei einer Schwalbe drang hin und wieder aus dem geborstenen Gemäuer, und in der Ferne erklang der Hufschlag eines Pferdes, weiter und weiter weg ...

Es ist Giacinto, dachte Efix. Er hat sich ein Pferd gegriffen und reitet nun heim, verrät den Tanten alles und bereitet ihnen neues Leid ...

Er horchte. Ihm war, als erklänge der Hufschlag des Pferdes an der Mauer, dicht über seinem Kopf, und dann ein wenig tiefer, an seiner Brust, dicht über seinem Herzen.

Plötzlich sprang er auf, als hätte etwas ihn gestochen. Er schüttelte den Staub vom Gewand und rannte davon, an der Kapelle vorbei, die Straße hinab, verfolgt von dem Gedanken, daß Giacinto nach Hause reiten und den Herrinnen neues Leid bereiten könnte.

Doch bei seiner Heimkehr lag das Haus wie immer in tiefem Grabesschweigen da.

Fräulein Esther wusch das Getreide, bevor sie es zum Müller schickte. Auf einem großen Sieb tauchte sie es in einen Trog voll Wasser. So sammelten sich die Steinchen alle in einer Ecke, und mit einem Schwung schüttete sie das Sieb nun aus. Das Getreide war recht staubig und voller Steine; es war der letzte Rest aus dem Sack, den sie noch hatten.

Noch trauriger aber stimmte es Efix, daß Fräulein Noemi das weiße Tuch Fräulein Ruths umgebunden hatte, zum Zeichen der Trauer.

Sie war jäh gealtert und ganz weiß im Gesicht. Weiß wie das geflickte Laken, das sie noch einmal ausbesserte.

Efix setzte sich auf die Bank gegenüber. Alle drei sahen still und ruhig drein, als wenn nichts geschehen wäre.

»Geht er nun fort oder nicht?« fragte Noemi.

»Ja, er geht.«

Sie blickte ihn starr an. Er sah so fahl, so abgehärmt aus, er tat ihr fast leid, und sie sagte nichts weiter.

Und acht Tage lebten sie nun in der bangen Hoffnung, daß Giacinto heimkehren und sein Unrecht sühnen, daß Giacinto fortgehen und sich nie wieder sehen lassen möge.

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