Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Hauptmann >

Schicksale

Carl Hauptmann: Schicksale - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Hauptmann
titleSchicksale
publisherKurt Wolff Verlag
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071011
projectid40600bf1
Schließen

Navigation:

Ein Bruder der Steine

Die langen Bauernjungen und der dicke, grobe Schulze im Dorf wußten gar nicht mehr, daß der alte Bettelmann noch eine Seele hatte.

Der alte Bettelmann war völlig verschrumpft. Aschfahl und erdig.

Und er hatte einen häßlichen Namen. Er hieß Grunze. Einmal sogar vollständig Adam Grunze.

Damit konnte er freilich von Anfang an in einem Salon keinen Staat machen.

Adam Grunze, das gehört so recht auf den faulig riechenden Düngerhaufen, wo auch Pferdemist und Strohhalme in der Luft herumfliegen. Oder noch besser: gleich in den Schweinekoben.

Aber der alte Grunze hatte gar keinen Geruch mehr.

Gegen die schlimmen Arome aus dem Dung- und Gemüllhaufen war er gewappnet, besser wie ein Stahlritter gegen Lanzenstiche.

Da war der Eingang in seine Seele fester verschlossen wie ein Geldschrank gegen Diebe.

Da konnte seiner Seele auf dieser Erde niemand mehr etwas anhaben. Schon seit zwanzig Jahren.

Schon seit zwanzig Jahren wußte er es gar nicht mehr, daß die jung umgeworfene, braune Scholle im Frühling riecht wie leicht ätzend und würzig. Und so frisch heimatlich. Und daß an der hinteren Mauer des Armenhauses, wo auch wilder Efeu kletterte, kleine Veilchen dufteten gar nicht wie irdische Dinge, eher wie ein Stück Himmelsblau.

Das mochte vor zwanzig und mehr Jahren alles einmal so gewesen sein.

Das war jetzt für den alten Bettelmann nicht einmal eine Sage mehr. Das war in Adam Grunze längst ausgeklungen und ausgesungen.

Denn die Tore in seine Seele waren total verschüttet.

Nicht Veilchenduft. Nicht Düngerduft. Nichts konnte Grunze auch nur daran erinnern, wenn er auf dem ausgetrockneten, in Sommerglut dörrenden Dungstroh Stunden und Tage hinter der Scheune am Bauernhofe lag.

Der alte Grunze hatte auch keinerlei Sorge vor Fliegen mehr. Oder vor Mücken. Oder vor Ohrwürmern.

Oder vor der Kreuzspinne, wenn die über seine klebrigen Lumpen und auf seiner borstigen Haut hinkroch.

Nämlich seine Haut konnte eine gewöhnliche Durchschnittsfliege allenthalben betreten ohne jede Gefahr. Der alte Grunze fühlte gar nichts mehr.

Eine gewöhnliche Durchschnittsmücke konnte ihn zwicken und stechen, so frech sie wollte. Da hätte sie einen ganzen Nachmittag arbeiten müssen. Nicht mit einem gewöhnlichen, zarten Mückenstechkolben. Gleich mit einem Drehbohrer. Und wäre doch nicht bis aufs Blut gekommen.

Man sah es ja dem alten Grunze schon im Gesicht an. Das war so erdfahl, lederhart und rissig, wie eine Rhinozerosschale.

Gar nicht Menschenhaut. Eher Baumrinde.

Ganz nur gemacht, damit der alte Bettelmann jetzt wenigstens ruhig in dem gedörrten Dungstroh schlafen konnte. Sich nicht zu rühren brauchte, wenn allerlei Gewürm und Ungeziefer friedlich auf seinem Hals und Gesicht spazierte. Mit seinen Fühlern seine verquollenen Augenlider untersuchte. Ihm in Taschen und Lumpen herumkroch. Und auf seinen wie aus trockener Bronze gemachten, sprüngigen Händen und Füßen herumhockte wie auf der Borke eines verwitterten Ahornbaumes.

Bei dem alten Grunze waren alle die Luken und Tore in die Seele total verschüttet.

Auch ein Kind hätte ihn am Halse, im Gesicht, an den Händen lange streicheln können. Und der alte Grunze wäre doch nicht wach geworden.

Auch ein Kind hätte ihn herzhaft an seinem Leibe anrühren können. Er wäre es nicht gewahr worden, wenn er nicht etwa wach gewesen und seinen Nebelblick nachlässig prüfend zufällig nach dessen Seite gedreht hätte.

Aber von Kindern, die zum Streicheln hätten kommen können, wußte er nichts mehr.

Ob er je Kinder gehabt, hätte man nicht mehr aus ihm erfragen können.

Höchstens kamen die großen Bauernjungen und strichen mit einem Holzspane in das rindige Furchengesicht, wenn der alte Grunze auf dem Dungstroh hinter der Scheune oder in den Quecken draußen in der Ackerfurche am Lehmteiche, vom Sommersonnenstrahl beschienen, mit den drei langen, gelben Zähnen im offenen Munde und den verharzten Haarbüscheln um den mächtigen Schädel dalag.

Dann sah der alte Grunze, wenn er am Abend endlich langsam in sein finsteres Mauerloch im Armenhause heimschlurfte, nur noch ein wenig schwärzer aus.

Aber niemand kümmerte das. Bis es ihm der Regen wieder abwusch.

Alle Luken und Tore in die Seele waren wirklich ganz verschüttet. Nicht nur verschüttet die seligen Pforten, darein wie durch rosenbekränzte Gartentürchen die liebliche Liebe von Seele zu Seele huscht. Darein das Streicheln zärtlicher Kinderhände einschlupft, einem Lachen ähnlich.

Auch sein Blick war nur noch ein Nebelblick.

Er sah nur noch eine Fläche in Grau, darin große, farblose Massen sich unbestimmt hin und her schoben. Gerade genug für ihn, daß er ausweichen konnte, wenn ein hoher, ährengetürmter Erntewagen die Dorfstraße mit Leben und Lärm entlangfuhr.

So daß der alte Grunze dann lange noch sinnend an der Böschung des Dorfbaches stand, an einem Baumstamme festgeklammert, und lange nur immer überlegen mußte, welches Wunder sich in der grau in grauen Welt mit ihren lärmenden Kolossen wieder einmal begeben?

Leben und Lärm? Ja! auch nur noch ein fernes, dumpfes, sinnloses Durcheinander. Darin die Peitschenknalle des Kutschers ein seltsames Schrillen gaben, das wie eine schwirrende Saite ewig in dem alten Grunze fortsurrte. Und ihn schließlich doch ganz allmählich ins Unbestimmte erinnerte, daß es einmal eine sonnige Landstraße oder Dorfstraße, und eine Ernte mit Weizenfülle, und mit bunten Menschen und hellem Lachen wirklich gegeben hatte, was alles in seiner Seele und auf seiner engen, grauen, eintönigen Erde niemals mehr vorhanden war.

Der alte Grunze war für alle im Dorfe nur ein grausiger Bettelmann.

Er war für sich selber fast so stumpf wie ein Stein.

Er konnte in seinem öden Armenhauswinkel ewig hocken und vor sich hinbrüten. Dort, wo die schmale Holzbank zwischen der morschen Bettkiste voll Schmutzstroh und Lumpen und dem unverschmierten, meist kalten Eisenofen stand. Nicht einmal die Kälte im rauchigen, grauen Mauerloche fühlte er mehr.

Auch Hunger war ihm nicht viel. Er schmeckte nichts. Und von einem Bettelgange brachte er für drei Wochen Brotkrusten mit heim.

Und kaute an einer Brotkruste, die plump bewegten Kiefer wie Reibeplatten vorgereckt, ganze Tage lang, wenn er auf seiner verwahrlosten Holzbank in Lumpen eingehüllt dumpf vor sich hinstierte.

Er konnte einen ganzen Winter lang so dasitzen.

Wenn man die Tür in den Dämmer seines modrigen Mauerschlitzes auftat, merkte er gar nichts.

Er war auch ganz ausgetrocknet, weil er kaum noch trank.

Wie ein rätselhaftes Monument so starr. Oder wie ein Winterstamm. So ragte er reglos auf seiner Stelle.

Der alte Bettelmann war nur noch wie aus schmutziger Erde hingebildet.

Niemand wußte mehr, wo seine Seele steckte. Sie war ganz unter Lumpen und grauer Verwitterung verkrochen.

Sie war ganz klein geworden. Kleiner wie eine Mücke.

Sie saß wie ein winzigster Tropfen ganz nur im innersten Schutthaufen verborgen.

Ach, vielleicht ein kleinster Funke.

Man mußte immer denken, daß auch er längst ausgelöscht wäre.

Aber der alte Bettelmann schleppte seine Lumpenhülle doch jeden Frühling neu in die strahlende Sonnenwärme auf die Dungstatt. Oder im Sommer auf die Quecken draußen in der Ackerfurche.

Und die allerkleinste Mückenseele tanzte dann heimlich doch in dem alten, versteinten Rindengehäuse einen Tanz.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >>