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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Schicksal

Ludwig Tieck: Schicksal - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Vierzehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1795
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleSchicksal
pages52
created20131025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Tieck.

Schicksal.

Erzählung.

1795.

 


 

Zu allen Zeiten haben die Menschen sich gern deutlich machen wollen, was sie sich unter dem Worte Schicksal zu denken hätten. Man sieht dies hohe bedeutungsvolle Wort so unendlich oft geschrieben, man hört es täglich nennen, und wenige verbinden einen Begriff damit; es ist für uns eine Art von Symbol, ein Bild, unter welchem wir gewöhnlich den Gang der Umstände zusammenfassen, deren natürlichen, nothwendigen Zusammenhang wir recht gut einsehen. Oft beehren wir einen Zufall mit diesem Namen des Schicksals, der für uns bloß deswegen Zufall ist, weil wir uns nicht um die Ursachen seines Einschreitens bekümmert haben; oft sogar lassen wir uns von unsrer menschlichen Schwäche so weit verleiten, unsre armseligsten Fehler einem höhern, unsichtbaren Wesen zur Last zu legen, in einer bedauernswürdigen Vergeßlichkeit nennen wir zuweilen die Folgen eines Rausches oder einer Unmäßigkeit Schicksal, wo wir bloß uns selbst und unsre Sinnlichkeit anklagen sollten.

Man hat viel darüber gestritten, ob und wie sich der freie moralische Wille mit dem Schicksal vereinigen ließe. Der Leser darf nicht fürchten, daß ich gesonnen sei, zu diesem Streite auch mein Scherflein 4 beizutragen; diese ernsthafte Einleitung soll mir dazu dienen, ihn auf meine wahrhafte Geschichte um so aufmerksamer zu machen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der lange Zeit von Widerwärtigkeiten verfolgt wurde, die ihm durch alle seine Plane kreuzten, der im bittern Unmuthe hundertmal sein hartes Verhängniß anklagte, der es immer von neuem versuchte, gegen dieses sogenannte Verhängniß anzukämpfen. Der geneigte aufmerksame Leser mag entscheiden, ob er nicht meistentheils selber Schuld an seinem Schicksale war.

So ernsthaft ich aber auch angefangen habe; so darf doch Niemand eine Erzählung im hohen tragischen Style erwarten, in welchem der Held durch tausend Leiden, eines fürchterlicher als das andere, endlich dahin gebracht wird, daß er sich, den Himmel und das Verhängniß verwünscht, in aufgethürmten Bildern spricht, und sich in die Dunkelheit seiner Metaphern verliert; alles dies will ich dem Leser ersparen, weil wir jetzt an ähnlichen Erzählungen schon außerordentlichen Ueberfluß haben. Man wird auch bald inne werden, daß mir der Held meiner Geschichte, Anton von Weissenau, zu einer so fürchterlichen Darstellung gar keine Gelegenheit giebt.

Er war der Sohn einer ziemlich reichen Familie, die in einer angenehmen Gegend des südlichen Deutschlands auf ihrem einsamen Gute lebte. – Der Sohn zeigte von Kindheit auf viele Fähigkeiten, man ließ ihn daher schon früh in allen Wissenschaften unterrichten. Der Vater verschrieb sich einen Hofmeister, der auf einer der dortigen Universitäten für einen Polyhistor galt, und gab ihm ein ansehnliches Gehalt, 5 um seinen talentvollen Sohn in allen Kenntnissen vollkommen zu machen. Neben diesem Hofmeister wurden noch andere Lehrer gehalten, die ihn in der Musik und im Tanzen unterrichten mußten. Anton hatte ein gutes Gedächtniß, und einen Verstand, der schnell eine Sache, wenn sie nicht zu schwer war, begriff, er war dabei gut gewachsen, und hatte vor allen Dingen ein ansehnliches Vermögen zu hoffen; zum Unglück war er dabei der einzige Sohn, so daß Hofmeister und Eltern, Frauen und Fräulein, Nachbarn und Bauern ihm von Kindheit an schmeichelten, daß alles bewundert ward, was er nur sagte und that, und er auf diese Art eitel und eingebildet wurde, daß er sich schon früh für verständiger als alte Männer hielt, und sich eben dadurch die Verachtung manches gescheidten Mannes zuzog.

Als man glaubte, daß er von seinem Hofmeister nichts mehr lernen könne, ward er auf eine Universität geschickt. Er vertauschte sie bald mit einer protestantischen, um dort mit mehr Bequemlichkeit die Aufklärung studiren zu können. Er legte sich anfangs mit großem Eifer auf die schönen Wissenschaften, er machte viele Verse und schrieb sogar ein Schauspiel: aber bald behagte ihm dieser leere Schaum, wie er es nannte, nicht mehr, er trieb nun die Philosophie aus allen Kräften, suchte alle Systeme zu fassen und zu begreifen, er las täglich den Plato und Aristoteles, Des Cartes und Newton, Leibnitz und Wolf. Von jenen kühnen Träumen des menschlichen Geistes, die man die offenbarte Philosophie nennen könnte, ging er endlich zur kritischen über, und ward in kurzer Zeit ihr wärmster und eifrigster Anhänger, weil 6 sie ihn über alles erhob, was je Leute, die man für gescheidt gehalten hatte, gesagt und geschrieben hatten. Bald war er in der ganzen Stadt als der ärgste philosophische Klopffechter bekannt, in seinem Zimmer und auf der Straße, bei Besuchen und auf Spaziergängen hatte er die Wuth zu widerlegen und Proselyten zu machen. Leute, die nicht so streitsüchtig waren, vermieden ihn gern.

Nach dreien Jahren kam er zur Freude seiner Eltern und Verwandten in sein Vaterland zurück. Schon nach einigen Wochen nannte man ihn in der ganzen Gegend nur den philosophischen Edelmann; er suchte alle Gutsbesitzer zu bekehren, er sprach mit dem Feuereifer eines Apostels, und alle die Leute, bei denen es ihm nicht gelang, haßte und verachtete er. Da die Bekehrungen in unsern Zeiten oft nicht gerathen, so sah er sich bald einsam und verlassen; um so emsiger ergab er sich nun ganz dem Studio seiner Lieblingswissenschaft. Man sah ihn nicht anders, als in Gesellschaft eines Buchs oder mit gen Himmel gerichteten Augen in transcendentalen Regionen mit der Seele wandernd.

Welche Früchte, welche neue bisher ungeahndete Entdeckungen wird dieser Eifer nicht hervorbringen! – Doch vielleicht, daß sich die Scene ändert. – Man sieht wenigstens schon in der Gegend dort ein Mädchen, die vielleicht bei ihm das Bekehrungsgeschäft mit besserem Erfolge versucht, als es ihm selbst bis jetzt gelungen ist.

Ohngefähr eine Viertelmeile von Weissenau lag das Gut des Herrn von Birkheim. Sein Vater 7 war als Kaufmann ein sehr reicher Mann geworden, der Sohn hatte sich nach dessen Tode adeln lassen und einen ansehnlichen Landsitz gekauft, eine reiche Frau geheirathet, und mit ihr eine Tochter gezeugt, die er nach dem Tode seiner Frau selber erzog. – Als er älter wurde, fiel es ihm nach und nach ein, daß das Geld für den Adelsbrief ziemlich unnütz ausgegeben sei, und er suchte es nun von allen möglichen Dingen wieder abzusparen; darüber kam er so sehr in die Gewohnheit des Sparens hinein, daß er in der ganzen Gegend für einen Geizhals ausgeschrieen war. In keinem Fehler nimmt der Mensch so leicht und so geschwinde zu, als im Geize; bald lebte der Herr von Birkheim einsam auf seinem Gute, von Niemand besucht, da er selber keinen Freund oder Bekannten besuchte; bald schaffte er alle Bedienten ab, die Gouvernante seiner Tochter ward fortgeschickt, und er saß nun mit dieser allein in seinem Schlosse, nur von einem steinalten Bedienten und einer alten Köchin aufgewartet. Er las manche neuere Bücher über die Erziehung, und keine gefielen ihm so sehr, als die, welche auf Einschränkung der Bedürfnisse drangen, darauf, daß man junge Leute, besonders Frauenzimmer, mehr von den Wissenschaften zurückhalten sollte. Der Vater befolgte alle diese Vorschriften bei seiner Tochter sehr genau, er hielt ihr keine Lehrer und Lehrerinnen, die alte Köchin war neben ihrem eigentlichen Amte ihre Kammerjungfer und Aufwärterin, Sittenmeisterin und Erzieherin. Da das Mädchen auf die Art keine Lehrstunden hatte, konnte sie desto fleißiger spazieren gehen; sie wußte weder Astronomie, noch Mathematik, weder Philosophie noch Musik, aber auf 8 ihren einsamen Spaziergängen bildete sich ihr gesunder, natürlicher Verstand aus, unbefangen geht sie dort durch die Allee, um einem Philosophen den Kopf zu verdrehen, der alles, was sie nicht weiß, an den Fingern herzählen kann.

Auf einem Spaziergange begegnete Anton der jungen reizenden Caroline; sie sang ein lustiges Liedchen, und ging schnell mit einer Verbeugung an ihm vorbei. Er las ein tiefsinniges Buch. Ihr schwarzes Auge streift seinen finstern Blick, der sich schwer und langsam vom Buche aufhebt; sie geht vorüber, und er kann es nicht unterlassen, ihr nachzusehn. – Gedankenvoll setzt er sich auf eine Rasenbank, er glaubt noch über die menschliche Seele nachzudenken, und wiederholt sich nur in der Phantasie die leichtschwebende Gestalt des Mädchens. Was ist es, das diese Vorstellung unaufhörlich in seine Seele zurückbringt? Er kann es nicht begreifen, und verfällt in angenehme Träumereien, als Caroline wieder von ihrem Spaziergange zurückkömmt. Er steht ehrerbietig auf, macht eine tiefe Verbeugung, und vergißt es darüber, ihr ins Gesicht zu sehen. Als sie fort ist, will er ihr nach, um den Blick ihres schwarzen freundlichen Auges aufzufangen; er steht unschlüssig, die Zeit verläuft, und sie ist verschwunden. Unwillig nimmt er die philosophische Abhandlung aus dem Grase auf, und geht nach Hause.

Tiefsinnig setzt er sich in einen Stuhl. Er frägt sich: was ihm sei? und kann auf diese Frage in dem ganzen Wörterbuche seines Verstandes keine Antwort finden; er greift nach seinen Büchern und wirft sie 9 sogleich wieder weg, denn sie kommen ihm alle abgeschmackt vor.

Der Leser wird es sogleich errathen, was die Ursach dieser gänzlichen Veränderung war: nichts anders, als Liebe. Mit diesem Worte bezeichnen wir täglich gewisse Erscheinungen in der menschlichen Seele, die uns sehr räthselhaft, ja unbegreiflich vorkommen würden, wenn wir uns nicht daran gewöhnt hätten, das Wort Liebe zu nennen, und uns nun einzubilden, wir hätten sie erklärt; jedermann versteht dies Wort anders, in jeder Seele zeigt sich diese Verwandlung auf eine verschiedene Weise. Was war es aber eigentlich, das in dem einzigen Blicke lag, der bewirkte, daß Anton so plötzlich sein Steckenpferd abgeschmackt fand? – Ihr, die ihr die menschliche Seele in ihre kleinsten Bestandtheile zerspalten wollt, antwortet lieber nicht, denn ich werde euch nie Recht geben. Schweigt ebenfalls, ihr kalten materiellen Philosophen, die ihr den Knoten zerschneidet, statt ihn aufzulösen, und die ihr alles auf einen physischen Trieb hinausleiten wollt, denn euch werde ich noch weniger glauben.

Mag es zugehen wie es will, genug, Anton war seit diesem Tage ein ganz andrer Mensch. Er sperrte sich nicht mehr auf seinem Zimmer ein, er ließ sich neue Kleider machen, er ging oft spazieren, und am liebsten in der Nähe des Schlosses, wo Caroline wohnte. Er sah sie zuweilen am Fenster, zuweilen begegnete er ihr auch in der Allee; er ward jedesmal, wenn er sie sah, verwirrt und schüchtern; er hatte es sich selbst noch nicht gesagt, daß er liebe: wie hätte er es ihr sagen können?

10 Einige Wochen waren so verflossen, als Anton mit sich einig ward, daß er wohl verliebt sein müsse. Er verglich es mit dem, was er ehemals in Romanen und Schauspielen über die Liebe gelesen hatte, und zweifelte dann wieder; er schlug eines der neuesten Bücher nach, und berechnete, wie viel Verstand er wohl noch verlieren müsse, um sich mit Ehren als Liebhaber produziren zu können; denn er fand sich gegen jene Verliebten außerordentlich kaltblütig und vernünftig. Er ließ endlich die Bücher liegen, und beschloß, unvorbereitet, und wenn es nicht anders sein könnte, auch unpoetisch einen Sturm auf das Herz des geliebten Gegenstandes zu versuchen.

Die Gelegenheit dazu fand sich sehr bald. An einem schönen Sommertage saß er wieder in der Allee, die nach dem Schlosse des Herrn von Birkheim führte, als Caroline herunter kam, um sich im Schatten der Bäume zu erquicken. Anton machte wieder seine Verbeugung, Caroline die ihrige, indem sie im Begriff war, weiter zu gehen. Jetzt sammelte der furchtsame Liebhaber allen seinen Muth, und bot ihr seinen Arm beim Spazierengehen an; das Mädchen nahm ihn, und sie schlenderten neben einander den Gang hinunter. Anton drückte sich fast das Herz ab, um dem Fräulein etwas Schönes, Zärtliches oder Verbindliches zu sagen: aber wenn er eben damit über die Zungenspitze fahren wollte, so kam es ihm jedesmal so abgeschmackt vor, daß er es eilig wieder zurücknahm. Wie viele Komplimente, wie viel süßer Unsinn ging an diesem Tage verloren! Man sprach vom schönen Wetter, von der Aussicht, von den Annehmlichkeiten eines Spazierganges, und von dem Vergnügen, daß 11 man sich habe kennen lernen. Sie waren zu einer Laube gekommen, und beide setzten sich schweigend nieder. Caroline machte eine Bemerkung über die Stille, und Anton ergriff endlich diese Gelegenheit, um eine Liebeserklärung vorzubereiten.

Sie wollen mir also erlauben zu sprechen? fragte er mit einem bedeutenden Blicke.

Warum wollen Sie erst auf meine Erlaubniß warten?

Und wovon ich nur immer will, Sie zu unterhalten?

Mir wird jede Unterhaltung von Ihnen angenehm sein!

Nun so sehen Sie denn zu Ihren Füßen (er kniete nämlich plötzlich nieder) einen Menschen, der Sie anbetet, für den es, ohne Sie, kein Glück in diesem Leben giebt. Ja, mein Fräulein! Sie haben meinen Stolz gedemüthigt, und mich aus dem Gebiete des Unsinns ins schöne menschliche Leben zurückgerufen. Zu Ihren Füßen will ich meine Philosophie und alle meine Träumereien abschwören, zu Ihren Füßen eine gesundere und bessere Weisheit lernen. Glauben Sie mir, Schönste, Theuerste, ich frage nichts mehr nach den Kategorien und Denkformen; mein erstes moralisches Princip ist jetzt die Liebe, und seit ich Sie kenne, wünsche ich nichts sehnlicher, als die Gegenstände außer mir zu erkennen.

Mit einem lauten Gelächter sprang Caroline auf und ließ ihn auf den Knien liegen; er blieb noch lange in dieser Stellung, denn diese unerwartete Wendung hatte ihn überrascht, dann stand er langsam auf, und ging mit bekümmerten Blicken nach Hause. Sein Muth war völlig niedergeschlagen, und nirgends, weder beim Aristoteles, noch Plato, weder bei Kant, noch Kartesius konnte er Trost für seine Leiden finden.

12 Caroline erzählte indeß mit lautem Lachen der alten Köchin ihr Abenteuer; sie war anfangs über die unvermuthete Wendung des Gesprächs erstaunt und betreten gewesen, und der Schluß war ihr so spashaft und komisch vorgekommen, daß sie ganz athemlos vor Lachen nach Hause gelaufen war. – O du weißt nur nicht, welch Schicksal deiner harret, sonst würdest du, statt zu lachen, Thränen vergießen, du würdest nicht eines unglücklichen Liebhabers spotten, der dir nur darum mißfällt, weil er auch im Feuer der Leidenschaft seine Philosophie nicht vergessen kann; könntest du in die Zukunft sehen, o so würdest du dich ihm ohne Bedenken in die Arme geworfen haben. Hat man dir nie gesagt, daß Amor ein rachsüchtiger Bube sei, und daß er jede Verspottung der Liebe hart bestraft?

In einer benachbarten kleinen Stadt wohnte seit undenklichen Zeiten ein alter Edelmann. Er war von altem Hause, hatte ein ansehnliches Vermögen, das er in der Stille verwaltete, und dabei so wenig ausgab, als nur immer möglich. Er war schon über sechzig Jahr, und unverheirathet, aber von einer festen und dauerhaften Gesundheit; alle Frauenzimmer vermied er, als ein ächter Hagestolz und erklärter Weiberhasser. Die ähnliche Stimmung der Gemüther, ein gewisser Zug der Sympathie führte diesen Herrn von Ahlfeld mit dem Herrn von Birkheim zusammen, ihre Bekanntschaft ward bald zu einer vertrauten Freundschaft. Lange gingen sie oft mit einander spazieren, und theilten sich ihre Ideen über die beste Oekonomie mit, oder einer besuchte den andern. Der alte Hagestolz gab dem Herrn von Birkheim manchen guten Rath, wie er den Garten besser benutzen könnte, 13 oder ein Kornfeld mit einer andern Frucht besäen. Birkheim befand sich jedesmal wohl dabei, und die Bande der Dankbarkeit knüpften ihn noch fester an seinen Freund.

Als beide ohngefähr seit einem halben Jahre mit einander Bekanntschaft gemacht hatten, verspürte man plötzlich an dem Herrn von Ahlfeld eine sehr auffallende Veränderung. Er war sonst ein Anhänger der Mode gewesen, die er mit seinem Gelde zugleich von seinem Vater geerbt hatte, alles, was er trug, war auch eigentlich aus der Garderobe seines verstorbenen Vaters; man mußte oft über die seltsame Carricatur lachen, wenn er mit seinem rothen Sammtrocke, mit langsamem, gravitätischen Schritte über die Straße ging. Jetzt erschien er mit einemmale in einem Kleide von seinem rothen Tuche nach dem neuesten Schnitte, mit einem neuen Degen und einer Perücke mit heruntergekämmten Haaren, die ihm einen Anstrich von Empfindsamkeit gab. Es ist wahr, er blieb immer noch, wie zuvor, Carricatur, aber man konnte jetzt wenigstens nicht mehr die Schuld auf seinen Schneider schieben. Sein alter Freund fragte ihn oft und dringend, was ihn zu dieser seltsamen Verwandlung vermocht habe, aber er wich immer sorgsam seinen Fragen aus; er spielte den Geheimnißvollen, um ihn nach einiger Zeit mit einer Erklärung desto angenehmer zu überraschen.

Caroline bemerkte bald, daß alles, was der alte Hagestolz vornahm, nur gegen sie gerichtet sei, und diese Entdeckung machte ihr nicht wenig Angst. Sie ging ihm allenthalben aus dem Wege, aber er folgte ihr allenthalben; der Herr von Ahlfeld sagte ihr 14 immer etwas Schmeichelhaftes, und unterließ nicht, ihr jedesmal Süßigkeiten vom Conditor mitzubringen. Sie sind ja wahrhaftig ganz wie die jungen Herrn, rief ihm manchmal der Herr von Birkheim zu, ich kenne Sie nicht wieder; Sie sind mit einemmale ganz jung geworden, und so artig, wie ich auch wohl zuweilen in meiner Jugend war. – Ahlfeld freuete sich innerlich über dieses Lob, aber Caroline konnte weder die Artigkeit, noch die Jugend an dem Hagestolz finden.

Er übte sich aber unaufhörlich in einem angenehmen Betragen; er machte, wenn er allein war, Komplimente vor seinem Spiegel, er suchte seinem Gesichte ein jugendlicheres Ansehn zu geben, er las neuere Bücher, um mit der Sprache der Liebhaber bekannt zu werden. Er erschrack aber, da er nichts, als wilde Ausrufungen fand, ein ewiges Niederstürzen vor dem geliebten Gegenstande, entsetzliche Flüche und Schwüre. Er überlegte, daß dazu ein Körper gehöre, der mehr abgehärtet sei, als der seinige, und eine Lunge von einem dauerhafteren Stoffe, er legte daher diese Bücher wieder fort und studirte sich in die Sprache der Banisen hinein; er fand hier besser seine Rechnung, und lernte es sehr bald, in zierlich gesetzten ellenlangen Perioden seine Zärtlichkeit vorzutragen. Nachdem er an einem Morgen alles wohl überlegt hatte, ging er, mit zierlichen Phrasen ausgerüstet, nach dem Schlosse des Herrn von Birkheim, um heute einen entscheidenden Schlag zu wagen.

Caroline glaubte am heutigen Tage vor ihrem Anbeter Ruhe zu haben, und saß mit einer weiblichen Arbeit auf ihrem Zimmer, als der Herr von Ahlfeld 15 schön geschmückt und mit einem festlichen Anstande hineintrat. Er setzte sich zu ihr, man sprach anfangs über gleichgültige Gegenstände, aber das Fräulein merkte doch, daß ihr Liebhaber etwas auf dem Herzen habe. Endlich ergriff er ihre Hand, und sagte mit einem feierlichen Ton: »Mein Fräulein! sollten Sie es wirklich ganz unbemerkt gelassen haben, wie mein Herz seit einiger Zeit unaufhörlich zu dem Ihrigen hingezogen wird? Dieses Attachement betheure ich Ihnen mit diesem ehrerbietigen Handkusse, ist nicht, wie Sie vielleicht glauben könnten, ein Werk des Zufalls, oder eine vorübergehende Neigung: nein, meine Verehrungswürdige, es ist ein unwiderstehlicher Hang, der Wille des Verhängnisses, der mir diese grausamen und zärtlichen Fesseln anlegt. O mein Fräulein, lesen Sie in meinen Augen die Zärtlichkeit, die mein Herz hineingeschrieben hat; lesen Sie dort, und antworten Sie mir ebenfalls durch einen gütigen, mildstrahlenden Blick: wollen Sie mich aber unaussprechlich glücklich machen, o so erlauben Sie Ihrer Zunge die wenigen Worte zu sagen: ich liebe Sie!« –

Nach dieser Rede kniete er ehrfurchtsvoll nieder und erwartete in dieser demüthigen Stellung sein Todesurtheil, welches ihm auch ohne Zweifel gesprochen sein würde, wenn nicht in diesem Augenblicke der Herr von Birkheim von ohngefähr hereingetreten wäre, um dieser Scene ein Ende zu machen. Die verwirrte und beschämte Caroline entlief in ein anderes Zimmer, der Liebhaber hob sich langsam vom Boden auf, und der Vater konnte vor lautem Lachen noch immer nicht zu Worte kommen.

Worüber lachen Sie? fragte Ahlfeld halb verwirrt.

16 Worüber? Zum Henker, über Sie! – Hat Sie meine Tochter endlich gedemüthigt? Nun, das ist mir schon Recht! – Ja, ja, Herr von Ahlfeld, jedem schlägt endlich die Stunde, da hilft kein Sträuben. Man kann den Weibern auf lange, aber wahrhaftig nicht auf immer entlaufen!

Lassen Sie uns ein gescheidtes Wort mit einander reden, lieber Herr von Birkheim.

Herzlich gern, lieber Freund!

Nun eröffnete der Verliebte dem Vater sein zärtliches Herz und hielt förmlich um seine Tochter an. Der Vater freute sich über den Antrag, und sagte endlich: »Aber eins, lieber Freund! muß ich Ihnen noch zu überlegen geben, nämlich, ob Ihre Liebe so stark ist, daß Sie meine Tochter ohne alle Aussteuer nehmen wollen. Nach meinem Tode ist sie natürlicherweise die Erbin meines ganzen Vermögens: aber ich habe mir fest vorgenommen, so lange ich lebe, auch nicht einen Heller davon herauszugeben, und diesen Vorsatz werde ich gewiß nicht brechen.«

Der Liebhaber bat sich über diese unerwartete Bedingung einige Tage Bedenkzeit aus, die ihm vom Vater gern zugestanden wurden; schon am folgenden Tage kam Ahlfeld zurück, und ging den Vorschlag des Vaters ein. Die Alten waren nun einig, sie wollten es jetzt versuchen, die Tochter dahin zu bringen, daß diese ihren Plan eben so annehmlich fände.

Caroline hatte sich auf den Antrag schon gefaßt gemacht, sie erschrack daher nicht, und verbarg den Widerwillen gegen ihren Liebhaber so gut es ihr möglich war. Sie gab keine entscheidende Antwort, und sowohl der Liebhaber als der Vater verließen sie in der 17 Hoffnung, daß sie sich gewiß zu dieser vortheilhaften Heirath bequemen werde.

Trostlos saß indeß das Mädchen, und dachte auf Mittel, um dem Schicksal, das ihr so fürchterlich war, zu entfliehen. Sie bereuete jetzt ihr Betragen gegen den jungen Weissenau, sie bat ihn im Herzen tausendmal um Vergebung, denn er war ihre einzige Hoffnung.

Anton war nicht weniger betrübt als sie; mit traurigem Auge sah er oft nach dem Schlosse hinüber, er wagte es nicht mehr in der Allee spazieren zu gehen, weil er fürchtete, Carolinen zu begegnen und sich von ihr verhöhnt zu sehn. Caroline im Gegentheil, ging jetzt häufiger als je in die Allee, sie erwartete alle Tage ihren philosophischen Liebhaber, der jetzt, gegen den Herrn von Ahlfeld gehalten, ein Adonis schien.

Ein Ohngefähr führte sie endlich wieder beide zusammen. Sie grüßten sich, er wollte vorbeigehn, sie erkundigte sich nach seinem Befinden und nach der Ursach seiner Traurigkeit. Er benutzte diese günstige Gelegenheit, um ihr noch einmal seine Liebe zu erklären, eine Erklärung, die jetzt ohne Lachen angehört ward. Caroline erzählte ihrem Liebhaber die Gefahr, in der sie jetzt schwebe, ihm auf ewig entrissen zu werden. Anton war erstaunt, und wußte kein anderes Mittel, als sich selbst als Sohn dem Herrn von Birkheim anzutragen: der Schritt schien bedenklich, aber der einzige, der sich jetzt thun ließe.

Der Vater quälte indessen die Tochter um eine entscheidende Antwort, sie antwortete in zweideutigen Ausdrücken, so lange es nur möglich war; da aber 18 der Vater zornig auf eine bestimmte Erklärung drang, so sagte sie endlich mit fester Stimme: sie könne nie die Gemahlin des Herrn von Ahlfeld werden.

Der Vater wüthete, da er seinen Plan in Gefahr sah zu scheitern, seine Tochter war schon seit langer Zeit seine Sorge wegen der Mitgift gewesen, jetzt sah er die erwünschteste Gelegenheit, sie ohne Aussteuer zu verheirathen, und diese Gelegenheit sollte er nicht benutzen dürfen.

Meine Tochter ist eine Boshafte, eine Ungehorsame, die ihren Vater ins Grab bringen wird! rief er dem eintretenden Herrn von Ahlfeld entgegen. – Caroline entfernte sich. – Sie ist ungehorsam? fragte Ahlfeld mit einem betrübten Ton. – Ja, antwortete der Vater, sie schlägt Ihre Hand aus, sie – o ich bin von Sinnen! Ich habe schon Gäste zur Hochzeit eingeladen, ich habe schon nach der Residenz des benachbarten Fürsten an den Prior, meinen Vetter geschrieben, er kömmt gewiß, um sie beide zu trauen, und hätte aus Freundschaft gewiß nichts für die Mühe genommen, sondern es sich im Gegentheil zur Ehre gerechnet! – Und nun sind mit einemmale alle meine Freuden, alle meinen schönen Plane zu Grunde gerichtet!

Der junge Herr von Weissenau ließ sich jetzt zu einem geheimen Gespräch mit dem Vater seiner Geliebten melden; dieser erstaunte nicht wenig, da sich noch ein Liebhaber seiner Tochter fand. Anton bat so dringend und beweglich um seine Einwilligung, daß der Alte mehr als einmal in Verlegenheit gerieth; er sahe die Halsstarrigkeit seiner Tochter, er erwägte ob dieser Liebhaber nicht auch vielleicht die Bedingung 19 eingehn würde, die er dem Herrn von Ahlfeld vorgelegt hatte; er besann sich eine Zeitlang und versprach ihm endlich seine Tochter, wenn er sie ohne Aussteuer nehmen wollte. – Nichts weiter? rief Anton entzückt, o so bin ich ein glücklicher Mensch! – aber vergessen Sie nicht, rief ihm Birkheim nach, daß dazu die Einwilligung Ihrer Eltern nothwendig ist! – Anton flog nach Hause.

Was thuts, sagte der Vater zu sich selbst, wenn ich auch schon dem Herrn von Ahlfeld mein Wort gegeben habe? Die Familie des Weissenau ist reicher und angesehener, er ist jung und hübsch, und meine Tochter wird wenigstens gegen diese Heirath keine Einwendungen machen; ich werde sie noch vortheilhafter los, als ich jemals gedacht hätte.

Anton ging sogleich zu seinen Eltern. Sein Vater war ein harter und rauher Mann, eingebildet auf sein Vermögen und seinen Adel; man kann daher vermuthen, welchen Eindruck die Bitte seines Sohnes auf ihn machte. – Schämst du dich nicht, sagte er mit der größten Unfreundlichkeit, mir so etwas zu sagen? – Meinem Sohn ein Mädchen ohne Aussteuer! – Von bürgerlicher Abkunft, deren Vater sich erst durch Geld in unsern Stand hat hineinschleichen müssen! Ein Mädchen, der es schon eine Ehre sein müßte, wenn du nur an sie dächtest, diese verspricht man dir unter so schimpflichen Bedingungen, und du hast sogar die Frechheit, meine Einwilligung zu solcher Messalliance zu hoffen?

Die Bitten, die Thränen des Sohnes waren vergebens, noch mehr aber die philosophischen Gründe, mit denen er beweisen wollte, sein Vater habe Unrecht, 20 er sähe das Verhältniß von einer schiefen Seite an; das Glück des Sohnes müsse ihm, wenn er ihn liebe, theurer als alle seine Vorurtheile sein. – Der Vater nannte ihn einen Narren, und ging fort, ohne ihn weiter anzuhören.

Anton war trostlos, Caroline ebenfalls, als er ihr die Nachricht überbrachte. Der Herr von Birkheim dachte jetzt wieder an den älteren Liebhaber, und drohte seiner Tochter, sie zu einer Verbindung mit diesem zu zwingen. Jedermann machte Plane, Anton und Caroline entschlossen sich zur Flucht.

Der Prior aus der Residenz kam unterdessen an. Man entdeckte ihm die Lage der Sachen, und er sprach weitläuftig und lange mit Carolinen, er zergliederte ihr die Pflichten eines Kindes gegen ihre Eltern; er schalt auf die thörichte Liebe, die gewöhnlich unter jungen Leuten herrscht, und sie zu tausend dummen Streichen verleitet; er bewieß ihr aus dem alten und neuen Testamente, daß es ihre Schuldigkeit sei, den Befehl ihres Vaters zu erfüllen; er lobte endlich den alten Bräutigam und schimpfte auf Anton: aber alle seine Bemühungen waren vergebens, er gewann nichts weiter damit, als daß das Mädchen noch halsstarriger wurde, daß sie endlich geradezu erklärte, nur der Eigennutz ihres Vaters sei an ihrem Unglücke Schuld.

Der Prälat kam in Verlegenheit, Herr von Ahlfeld war in Verzweiflung, der Vater wüthete. – Alle machten Versuche, sie dem Befehl des Vaters geneigt zu machen, sogar die alte Köchin trat mit hinzu, um das Herz ihres Fräuleins zu rühren, aber diese blieb, wie vorhin, bei ihrem Vorsatz.

21 Der Prälat verschloß sich nun mit dem Vater, um mit ihm zu überlegen, welche Mittel man in dieser Lage ergreifen müsse. – Am folgenden Morgen ward Caroline schon ganz früh, als noch alles in der Gegend schlief, in einen Wagen gepackt, der Prälat setzte sich zu ihr, der alte Bediente begleitete sie, und so fuhr man nach einem Kloster, das seitwärts und einsam ohngefähr sechs Meilen von dem Schlosse Birkheim lag. Die Priorin war eine Freundin des Prälaten, ihr ward Caroline mit dem Bedeuten überliefert, eine strenge Aufsicht auf sie zu haben. Der Prälat fuhr fort und Caroline saß in ihrer einsamen Zelle und weinte.

Man war entschlossen, sie ein halbes Jahr hindurch hier leben zu lassen. Der Vater glaubte, daß die Einförmigkeit der Lebensart und die Langeweile sie dann wohl bewegen würden, ihre Hand dem Herrn von Ahlfeld zu geben.

Anton war in Verzweiflung, daß Caroline abgereiset sei, und daß Niemand wisse, wohin. Er fragte Jedermann, und keiner konnte auf seine Fragen Antwort geben. Er hatte einen sehr scharfsinnigen und weitläuftigen Plan ersonnen, mit seiner Geliebten zu entfliehen, und dann die Einwilligung seiner Eltern zu erzwingen, und nun war Caroline fort, und alle seine klugen Erfindungen waren umsonst.

Unter dem Vorwande, einen Freund zu besuchen, reiste er nach einer Woche ab, und streifte allenthalben in der Gegend umher, um Carolinen wiederzufinden. Er besuchte alle kleinen Städte und Dörfer, lauerte bei jedem Hause, wo es ihm nur auf irgend eine Art wahrscheinlich war, daß sie sich aufhalten 22 könne: aber bis jetzt war seine Mühe noch immer vergebens gewesen. – In einer Dorfschenke hörte er einst von ohngefähr erzählen, daß man vor drei Wochen ein sehr schönes Fräulein in das benachbarte Kloster gebracht habe, die sehr betrübt ausgesehen hätte. – Anton schloß mit Recht, daß dieß seine Geliebte sein würde. – Er hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als Tag und Nacht um das Kloster herumzuschleichen, und zu erwarten, ob er nicht einmal seine Geliebte sehn würde. Er gewann bald durch Geld und Freundlichkeit ein junges Mädchen, das im Kloster eine Art von Aufwärterin war, und diese erzählte ihm endlich für gewiß, daß Caroline hier seit einiger Zeit wohne. Anton hatte itzt sogar das Glück, sie einmal an einem Fenster in der Ferne zu sehen; die Augen der Liebhaber sind schärfer als die Augen der übrigen Leute; er erkannte sie sogleich, und bemerkte sogar, daß sie traurig sei. Auch Caroline mußte ihren Geliebten gesehn haben, denn sie kam jetzt häufiger, als sonst, an das Fenster; sie winkten einander zu, aber wie wenig sind Liebende mit stummen Winken zufrieden? – Anton ersann ein neues Projekt, und als es völlig zu Stande war, schrieb er seiner Geliebten folgenden poetischen und philosophischen Brief.

Geliebte!

So hab' ich Dich endlich doch wiedergefunden, trotz der Bosheit meiner und Deiner Verfolger! Die Liebe besiegt alle Hindernisse, und sie wird auch uns glücklich machen. Aber laß uns jetzt nicht von neuem die kostbare Zeit versäumen, da wir beide wissen, 23 was wir von unsern Eltern zu hoffen haben; freiwillig werden sie nie unsre Hände in einander legen, wir müssen sie zwingen! – Wie? hör' ich Dich fragen. – Nun so höre mich, theureste Geliebte, und willige in meinen Vorschlag. – Ich habe eine Stelle entdeckt, wo ich bequem über die Mauer des Klosters steigen kann; von dort komme ich leicht zu dem Fenster, an welchem ich Dich nun schon zu meiner Freude so oft gesehen habe. Beschreibe mir, wo ich von dort aus Dein Zimmer finde, und ich komme dann morgen in der Nacht zu Dir. – Keine Einwendungen, wenn Du mich liebst, Theureste; ich sehe Dich jetzt schon als meine Gattin an, und was findest Du denn an diesem Schritte tadelnswürdiges? Laß keine falsche Schaam, kein Vorurtheil, keinen von den gewöhnlichen Einwürfen in Deinem Herzen gegen mich sprechen, denn an dieser Nacht, an dieser Erfüllung meiner Bitte hängt das Glück unsers ganzen künftigen Lebens. – Ich verlasse Dich dann vor Anbruch des Morgens, und wir haben uns selber als Mann und Frau den Segen gesprochen. Mögen Sie Dich dann im Kloster aufbewahren; mag mir mein hartherziger Vater seine Einwilligung versagen; mag der Deinige Dir eine Aussteuer verweigern: uns kann alles gleichgültig seyn. In Dir schlummert dann ein Pfand, das sie bald wider ihren Willen zwingen wird, sich zu vergleichen, und uns Sohn und Tochter zu nennen. Den Eigensinnigen muß man mit Eigensinn begegnen, um ihren Trotz zu beugen: darum Geliebte, willige in meinen Vorschlag. Thust Du es nicht, so bin ich elend, und auch Du bist es; denn Dein Vater wird gewiß am Ende Mittel finden, Dich mit dem 24 alten verliebten Gecken zu verbinden, und dann sind wir auf ewig auseinander gerissen. – Oder wünschest Du lieber mich sterben zu sehen und Dich an einen alten, abgeschmackten Narren schmieden zu lassen: nun wohl, so zerreiß diesen Brief und antworte mir nicht. – Doch nein, warum will ich denn zweifeln? Du siehst Dich selbst als meine geliebte Gattin an, und wenn es einst Dein Wunsch war, mich Gemahl nennen zu können, warum wolltest Du mir denn nicht noch heut Dein Zimmer und Deine Arme öffnen? worin liegt die Sünde, wenn wir ein Glück genießen, das unser Eigenthum ist, und wenn dieser Genuß zugleich die Quelle unsrer künftigen Seligkeit wird? – Schicke mir durch die Ueberbringerin dieses Blattes ein paar Worte, in welchen Du mir die Lage Deines Zimmers beschreibst. Ich sage Dir Lebewohl, bis ich Dich selbst in meine Arme schließe.

Der Deine bis in den Tod.

Diesen Brief gab er dem Mädchen, das ihn noch an eben dem Tage Carolinen überbrachte. Diese erstaunte, als sie den Vorschlag ihres Geliebten ergriff, überlegte eine Zeitlang, was sie antworten sollte, und schrieb ihm endlich folgendes:

Mein Theuerster!

Ihr Brief hat mich überrascht. Ich fühle es, daß ich viel dagegen sagen könnte und sollte. Ich bin im Begriff, es zu thun, und dann lege ich doch wieder die Feder nieder. – Da es Ihr Glück entscheidet, wie Sie sagen, da Sie es als einen Beweis meiner Liebe ansehn; so kommen Sie in der folgenden Nacht. 25 Das bewußte Fenster wird offen sein, es stößt auf einen langen Gang, diesen gehn Sie ganz hinunter. Die letzte Thür zur rechten Hand ist die meinige. Ich zittre, indem ich Sie erwarte. Leben Sie wohl!

Caroline.

Wie groß fühlte sich unser Held, als er diese Zeilen erhalten hatte; er ward dadurch völlig von Carolinens Liebe überzeugt; er fühlte sich in eben dem Augenblick über alle Zufälligkeiten, über den Eigensinn seiner Eltern und den Geiz des alten Birkheim erhoben. Er hatte nun ein Mittel ausfindig gemacht, das ihm ohne allen Widerspruch den Besitz seiner Geliebten versicherte; stolz stand er da, wie der Regent seines Schicksals, und sagte eine Tirade nach der andern, die alle beweisen sollten: der Mensch vermöge alles, wenn er es nur ernstlich wolle. – Mit heißer Sehnsucht erwartete er die folgende Nacht; er schlief nur wenig, der Gedanke an Carolinen erhielt ihn wach.

Seine Geliebte konnte noch weniger schlafen; bald gereute ihr die Antwort, die sie ihm gegeben hatte, bald sah sie wieder aus dem Fenster, ob die Sonne nicht bald aufgehen wollte, bald gingen ihr die Stunden zu langsam, bald zu schnell. – Der Tag erscheint, und ein Wagen fährt bei dem Kloster vor. Die junge Gräfin von Werdenburg steigt mit ihrer Mutter aus der Kutsche, die Mutter empfiehlt der Priorin ihre Tochter, die auf ein Jahr hier wohnen soll, und fährt wieder fort. Man giebt der Gräfin ein Zimmer, das ihr trübe und melancholisch vorkömmt. Die Priorin, die sich der reichen Gräfin gern verbindlich machen will, zeigt ihr 26 mehrere Zimmer, und auch das, welches Caroline bewohnt. Die Aussicht in einen Garten, die freie Luft, die größeren Fenster, alles gefiel der Gräfin, und sogleich wird Carolinen vorgeschlagen, aus diesem Zimmer auszuziehn, und ein andres in Besitz zu nehmen. Daß sie sich weigerte, kann man sich denken; sie erschöpfte alle möglichen Entschuldigungen, die man alle ungültig fand. Halb und halb gab sie endlich ihre Einwilligung, und es ward sogleich eine Aufwärterin gerufen, die ihre Sachen mußte einpacken helfen. Die Gräfin bezieht das Zimmer, und Caroline das, welches erst für ihre Nebenbuhlerin bestimmt gewesen war.

Das erste, was sie that, war, daß sie im heftigen Verdruß einen Brief an ihren Geliebten schrieb, worin sie ihm den unglücklichen Zufall meldete, der so plötzlich ihren Plan zerstört habe. Sie gab der Vertrauten den Brief, und ging sinnend auf und ab. – Spät am Abend kömmt die Vertraute zurück; der Herr ist nirgends zu finden, ruft sie unwillig, und giebt Carolinen das Billet zurück; ich bin drei Stunden nach ihm herumgelaufen, schicken Sie es ihm lieber morgen früh, vielleicht daß ich ihn dann treffe.

Caroline, die wohl wußte, daß es morgen, auch noch so früh, immer schon zu spät sein würde, steckte das Billet betrübt ein, und überließ sich ihrem Tiefsinn, der sich bald in Angst verwandelte. Bei jedem Geräusch glaubte sie ihren Geliebten zu hören, der die beschriebene Thür in einem unglücklichen Mißverständniß eröffnet. Wie soll sie es verhindern? Sie wohnt auf der ganz entgegengesetzten Seite des Klosters. Sie fährt zusammen, wenn sich die Wetterfahne dreht; Verdruß und Angst 27 haben sie endlich so ermüdet, daß sie auf ihr Bette sinkt und einschläft.

In der Mitternachtsstunde, als alles schlief, ging Anton mit pochendem Herzen nach dem Kloster hin; er sieht die Lichter ausgelöscht, und steigt leise über die Mauer hinüber und durch das offene Fenster. Den Gang hinunterschleichend, nähert er sich schon der bezeichneten Thür. – Unglücklicher! wird dich keine böse Ahndung zurückhalten, und dir sagen, daß du der Narr des Zufalls bist? – Nein, er öffnet die Thür, und steht im Zimmer der Gräfin.

Er war erstaunt, als er Niemand fand; er glaubte, Caroline würde ihm sogleich froh entgegenhüpfen und ihn an ihren Busen drücken. Er horchte und hörte ein leises Athemholen, trat an's Bett und sahe ein Frauenzimmer, die er noch immer für Carolinen hielt, im tiefen Schlafe. Noch immer verwundert, wollte er sie leise wecken, aber von der Reise ermüdet, schlief die Gräfin sehr fest. Er nahm sie endlich in seine Arme, und bedeckte Mund und Busen mit tausend Küssen, indem er sie unaufhörlich seine geliebte Caroline nennt.

Die Gräfin erwachte endlich, und that einen lauten Schrei, als sie sich so unvermuthet in den Armen eines Mannes fand. – Sei doch still, theure Caroline! sprach er ihr ins Ohr, komm zu dir und erkenne mich, deinen Geliebten. –

Die Gräfin aber schrie nur noch heftiger, sie rief mit kreischender Stimme um Hülfe, und der unglückliche Anton stand wie aus den Wolken gefallen, 28 ungewiß, ob er da bleiben, oder den Rückweg nehmen sollte. – Er vermuthete endlich den Zusammenhang der sonderbaren Begebenheit, und machte sich eben zum Rückzuge fertig, als er schon in der Ferne Weiberstimmen in einem verworrenen Chor hörte. Er machte die Thüre auf, und der Schimmer von vielen Lichtern kam ihm entgegen; alte und junge Nonnen, halb angezogen und in völligem Negligee, kamen auf ihn zu und schrien immer noch um Hülfe, ob sie gleich alle schon beisammen waren, Carolinen ausgenommen. Er schlug den Mantel über das Gesicht und ging vor, alle wichen ihm erschrocken, wie einem Gespenste, aus, er erreichte das Fenster, die Mauer, und durch einen Sprung war er wieder im freien Felde.

So ist denn alles, rief er aus, gegen mich und meine Liebe verschworen! Ich bin der unglücklichste Mensch und mein Schicksal das grausamste. – Betrübt schlich er fort.

Die Gräfin mußte indeß ihr Abentheuer erzählen, man beklagte sie recht sehr, und errieth sogleich, daß das Ganze eine Verabredung mit Carolinen seyn müsse. Man erinnerte sich der hartnäckigen Weigerung, ihr Zimmer zu verlassen, man hielt alle Umstände genau zusammen, und die Vermuthung ward zur Gewißheit. – Am Morgen ließ die Priorin das unglückliche Mädchen rufen: Sie dürfen, sprach sie in einem rauhen Ton zu ihr, nicht länger hier verweilen, und den Aufenthalt der Unschuld entweihen; reisen Sie ab, und sein Sie froh, wenn wir den ganzen Vorfall, der so sehr zu Ihrer Schande gereicht, verschwiegen halten.

29 Man schickte einen Boten an ihren Vater; er war erstaunt und in Wuth, er durfte es nicht wagen, sie wieder zu sich kommen zu lassen, da er diese Probe ihres unternehmenden Geistes erfahren hatte. Er mußte also ein andres Mittel ersinnen.

Ziemlich weit von ihm, in einer ansehnlichen Stadt, lebte eine Muhme von ihm, eine alte Jungfer von funfzig Jahren. Man hatte ihm gesagt, daß alte Jungfern am liebsten und genauesten die Unschuld bewachten, daß es leichter sei, den Satan selbst, als sie, zu betrügen, so daß der alte Birkheim glaubte, seine Tochter könne nirgends einen bessern Schutz finden. – Er ließ also Carolinen abholen, und schickte sie mit einem Briefe, in welchem er die strengste Aufsicht anbefohl, an ihre Tante. – Anton, der noch immer in der Gegend geblieben war, erfuhr vom Kutscher den Ort, nach welchem Caroline hingeführet wurde; er besuchte seine Eltern auf einige Tage, um sich mit neuem Gelde zu versehen, und ging dann, wohin ihn das Schicksal zu neuen Abentheuern und neuen Unglücksfällen rief.

Die Tante, zu der man Carolinen brachte, war wirklich für das Amt einer Aufseherin wie geboren. Ihre Augen waren vom Alter nicht geschwächt, sondern sie sahe damit besser, wie manches zwanzigjährige Mädchen; sie war nicht phlegmatisch, sondern im Gegentheil in einer beständigen Thätigkeit; nach allem, was in ihrer kleinen Wirthschaft vorfiel, sahe sie selbst; sie lebte in der Stadt fast ohne alle Bekanntschaft, sie war beständig in ihrem Hause eingeschlossen; zum Ueberfluß waren vor ihren Fenstern eiserne Gitter, aus 30 denen sie, oder das Mädchen, die ihr aufwartete, nur selten heraussahen. Kurz, alles, das Haus sowohl als ihre Bewohner, hatten ein so menschenfeindliches Ansehen, daß sich so leicht Niemand dieser Gegend näherte.

Hier nun sollte Caroline, so lange bis sie sich gebessert habe, lebendig vergraben werden. Sie machte ein sehr verdrüßliches Gesicht, als sie in das Zimmer der ehrwürdigen Tante trat: diese las den Brief, und empfing sie wie ein Schlachtopfer, an dem sie alle ihre Launen üben könne. Das arme Mädchen fand es hier in der großen Stadt einsamer, als in dem Kloster, das sie verlassen hatte, oft sehnte sie sich dorthin zurück, und beweinte dann mit häufigen Thränengüssen den Verlust ihres Liebhabers. Sie wußte nicht, was aus ihm geworden war, wo er nach dem Abentheuer geblieben sei, ob er ihren jetzigen Aufenthalt erfahren habe, ob er noch an sie denke, und was der zärtlichen Besorgnisse und Fragen mehr waren, in denen die Liebe so außerordentlich erfinderisch ist.

Ihr Geliebter hatte sie indessen nicht vergessen, er ging täglich dem Hause vorüber, in welchem sein Mädchen gefangen saß; ihn schauderte, wenn er die dicken eisernen Stäbe sah, und noch mehr, wenn das schwarzbraune Gesicht der Tante zwischen ihnen durchblickte: die Fenster waren zwar zur ebnen Erde, aber für ihn unzugänglicher, als eine Dachstube; die Thüre des Hauses war beständig verschlossen, die Magd war ebenfalls eine alte Jungfer, und ihrer Herrschaft treu ergeben, weil beide mit einander aufgewachsen waren. Er sah gar keine Hoffnung und keinen Ausweg, er 31 verwünschte sein grausames Verhängniß, das ihm alle seine Wünsche vereitelte.

Dem Hause der Tante gegenüber war ein Gasthof, der einem Manne gehörte, der ziemlich dick war, und dessen junge und hübsche Frau unsern Liebhaber oft sehr freundlich angesehen hatte, wenn er vor dem Hause auf- und abgegangen war. Lange sann Anton, ob er nicht alle diese Umstände so beugen und richten könne, daß sie ihm günstig würden, und alle zu einem Zwecke dienten. Wenn er nur im Hause des Gastwirths sein könnte, so konnte er hoffen, vielleicht einmal seine Geliebte zu sprechen, sie wenigstens häufiger zu sehen. An einem Mittage sah er endlich, daß die Tante ihr Essen aus dem Gasthofe holen ließ, und in demselben Augenblick war auch sein Plan gemacht.

Er ging nun noch häufiger in der Straße auf und ab, die Augen immer nach den Fenstern der schönen Frau im Gasthofe gerichtet; sie bemerkte seine Aufmerksamkeit und sah ihm jedesmal nach, wenn er vorbei ging; nach einigen Tagen grüßte man sich sehr freundlich, und beide warteten nur auf eine Gelegenheit, um sich mündlich noch näher kennen zu lernen. –

Diese fand sich bald, da sie von der Frau des Hauses emsig gesucht ward. Anton war auf der Promenade, und es war schon spät; Jedermann ging schon nach Hause, nur ein sehr elegant gekleidetes Frauenzimmer ging noch auf und ab; als Anton näher kam, sah er, daß es die hübsche Frau aus dem Gasthofe sei. Er versäumte nicht die Unterredung 32 anzufangen, und sie klagte, daß eine Freundin ihr Wort nicht gehalten habe, und sie sie nun auf der Promenade so lange vergebens habe erwarten müssen. Nur Ihre angenehme Gesellschaft kann mich entschädigen, schloß sie, und er reichte ihr den Arm, um sie nach Hause zu führen.

Unterweges freute man sich sehr, daß man sich habe kennen lernen; Anton wünschte, daß er öfter das Glück haben möchte, Madam zu sehn; Madam Lindner antwortete, daß das Glück auf ihrer Seite sein würde, daß aber ihr Mann übertrieben eifersüchtig sei, und daher keine Besuche von jungen Leuten in seiner Familie dulde. – Sie also würden mich nicht ungern sehen, Madam? fragte Anton mit einem zärtlichen Blick. – Ein sanfter Händedruck war die Antwort. – Nun so werd' ich bald das Vergnügen haben, Sie recht oft zu sehen! – Er küßte ihre Hand, sie standen vor dem Hause und sie verließ ihn. – Anton warf noch einen schwermüthigen Blick nach den Fenstern seiner unglücklichen Geliebten: ja, rief er aus, ich muß dich befreien, arme Caroline! gebe nur der Himmel, daß mein Projekt diesmal gelingen möge! –

Am folgenden Tage stand Herr Lindner in seinem Zimmer und rauchte sein Pfeifchen, als ein Bedienter von sonderbarem Ansehn hereintrat. Er trug eine abgeschabte Livree, und vom alten Hute hing ein langer Flor über den Rücken; eben so war ein schwarzer Flor um den linken Arm gewickelt. Sein Gesicht war betrübt; er wischte sich die Augen und machte ein paar tiefe Verbeugungen. – Was will Er, mein 33 Freund? fragte Lindner mit einer tiefen Baßstimme. – Ach, verehrungswürdiger Herr, klagte der Bediente in einem weinerlichen Tone, ich komme her, Sie recht sehr um eine Gefälligkeit zu bitten.

Lindner. Hier wird nichts gegeben, mein Freund. –

Bediente. Ich verlange auch kein Allmosen.

Lindner. Nun, was verlangt Er denn?

Bediente. Haben Sie Zeit, und wollen Sie die Gewogenheit haben mich anzuhören?

Lindner. Red' Er.

Der Lakai von der traurigen Gestalt räusperte sich und hob dann seine Erzählung an. Ach, mein werthgeschätzter Herr, so wie Sie mich da vor sich sehn, bin ich ein ehemaliger Bedienter von einem Herrn, dessen Gut vier Meilen von hier liegt. Sehn Sie, es war ein christlicher und guter Herr, aber, Gott hab ihn selig, nun ist er verstorben, wie Sie auch an meiner Trauer sehn können, und ich bin außer Dienst gesetzt. Nun würde es mir freilich wohl nicht an einer neuen Herrschaft fehlen, wenn ich mir die Mühe geben wollte, mich darnach umzusehn; aber sehn Sie, mit Ihrer Erlaubniß, so ein christlicher Mann der selige Herr auch war, der gewiß keinem Menschenkinde zu großen Ueberlast machte, und der auch als ein völliger Christ gestorben ist, und mir etliche hundert Thaler in seinem Testamente vermacht hat: sehn Sie, so hab' ich doch, wie man wohl zu sagen pflegt, im Lakaienstande ein Haar gefunden. Nicht, als ob die Arbeit zu schwer wäre, nein, Gottlob, grade 34 umgekehrt; aber man sieht doch gern gerade aus, und wünscht mit der Zeit auch einmal ein nahrbarer und setzhafter Mann zu werden, der doch auch seine Familie ehrlich und fleißig ernährt; und sehn Sie, das kann man als Bedienter zeitlebens nicht, und darum bin ich eigentlich zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, hochgeschätzter Herr, einen armen, verwais'ten Teufel für Geld und gute Worte in Ihre Dienste zu nehmen, damit er einmal als Koch sein Stückchen Brod essen kann; denn ich denke immer, wer andern zu essen giebt, für den fällt auch wohl selber etwas ab, und das liebe Essen ist denn dabei doch eine Waare, die nie aus der Mode kommt.

Er ist ziemlich weitläuftig, mein Freund, sagte der Gastwirth, indem er ihn noch einmal genau betrachtete. Wenn wir über das Lehrgeld einig werden können, so will ich ihn behalten.

Mit dem Kontrakte wurde man bald fertig, und der neue Lehrling ward in die Küche eingeführt.

Wie freute sich Anton über seine glückliche List, als er mit der weißen Küchenschürze herumlief! Wie erstaunte die Frau, als sie am Mittage ihren Liebhaber als Küchenjungen vor sich stehen sah! – Unser verliebter Projektmacher hatte nun vor's Erste alle seine Zwecke glücklich erlangt; er war ein Mitglied des Hauses geworden, ohne vom Wirth erkannt zu seyn; die Frau hatte geglaubt, es geschehe ihrentwegen, und er hoffte sie durch seinen Verstand bald in sein eigentliches Interesse hineinzuziehen. Er wünschte nun nichts sehnlicher, als daß die Magd der alten Tante einmal krank werden möchte, um so glücklich zu seyn, seiner Geliebten das Essen hinüberzutragen.

35 Auch dieser letzte Wunsch ward erfüllt, und er bestand so lange darauf, daß man ihn hinüberschicken solle, bis es geschah. Caroline hätte sich bald durch ihre Freude verrathen, als sie ihren Geliebten wieder vor sich sah; er winkte, sie mäßigte sich, und die Tante war diesmal einfältiger als gewöhnlich, und hatte nichts gemerkt.

Er sahe nun Carolinen täglich, und sie unterhielten sich durch zärtliche Pantomimen; die wachsame Alte aber verhinderte beständig, daß sie mit einander sprachen. An einem Tage war die Gelegenheit günstig, und Anton gab seiner Geliebten einen Zettel und eine Feile, die er zu dieser Absicht bei sich trug. – Fliehen Sie, stand auf dem Papiere, benutzen Sie dieses Instrument, ich sehe keine andre Rettung.

Halb wider seinen Willen war unterdeß die Bekanntschaft mit Madam Lindner auch fortgeschritten. So sehr ihn in manchen Augenblicken die Untreue ärgerte, die er täglich gegen seine Vielgeliebte beging, so war doch die Schönheit der Frau und die günstige Gelegenheit gar zu verführerisch. Er hätte sich auch den Haß der Frau zugezogen, oder hätte sich ihr wohl gar verdächtig gemacht, wenn er eine Intrigue plötzlich wieder abgebrochen hätte, die er doch selber eingeleitet hatte, und der zu gefallen er sich nur, wie sie sich einbildete, verkleidet in ihr Haus geschlichen hatte. – Was konnte er also thun? Unter einer zwiefachen Gestalt diente er der himmlischen und irdischen Venus.

Er konnte es nicht vermeiden, daß sein Herr ihn nicht bisweilen verschickt hätte; er wurde an einem Tage sehr verlegen, als er mit einer Rechnung in das Zimmer eines alten Universitätsfreundes trat, der sich 36 seit einiger Zeit in dieser Stadt niedergelassen hatte. Anton war sogleich erkannt, und um nicht das Gefährlichste zu wagen, mußte er seinen Freund Milberg zum Mitwisser seines Geheimnisses machen. Man lachte und trank auf die Gesundheit der unbekannten Geliebten, denn Anton war doch so klug gewesen, ihm nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu entdecken, er hatte ihm bloß gesagt, daß er diese Verkleidung nöthig gefunden habe, um eine Intrigue, die ihn jetzt beschäftige, zu Ende zu führen. Beide trennten sich, indem natürlicher Weise Milberg die strengste Verschwiegenheit versprach.

Anton lebte indeß in einer großen Einförmigkeit fort, er sah Carolinen oft, sprach sie aber nie, weil dies die Wachsamkeit der alten Tante unmöglich machte. – Mit Schrecken sah er an einem Morgen vor seinem Gasthofe den Herrn von Birkheim und den alten Ahlfeld aus einem Wagen steigen; sie kamen, um zu sehen, ob sich Caroline nach einem halben Jahre gebessert habe. Die beiden Angekommenen logierten in Lindners Gasthofe und es ward ihm sehr schwer, sich vor ihren Blicken zu verbergen.

Aber bald drohete ihm noch ein neues Unglück; die Eifersucht bereitete seiner Seele neue Schmerzen. Sein Freund Milberg begegnete ihm auf der Straße, und redete ihn an: sage mir, lieber Freund, was ist das für ein Mädchen, das dir gegenüber wohnt? – Wo? – In den Fenstern mit den Eisenstangen bei dem alten häßlichen Weibe. – Ich erinnere mich. – Sie ist ein Engel; ich gehe alle Tage vorbei, um nur zuweilen das himmlische Gesicht zu sehen; ich denke, Sie 37 muß mich bald kennen lernen. Weißt du nicht, ob man in dem Hause Zutritt haben kann?

Weiter war nichts nöthig, um Antons Seele mit der peinlichsten Unruhe zu füllen. Schon sieht er in seinem Freunde einen neuen Nebenbuhler, schon hadert er von neuem mit dem Schicksale, das ihn ohne Rast verfolgt; er sieht kein anderes Mittel als die Aufmerksamkeit seines Freundes auf einen andern Gegenstand zu lenken. Daher beschrieb er ihm die Schönheit der Madam Lindner, behauptete, daß eine Bekanntschaft mit dieser ungleich leichter und dankbarer sei, als mit der Schönen hinter dem Gitterfenster, gestand endlich, daß er selbst mit dieser in einer vertrauten Verbindung stehe, jetzt aber dieser Intrigue überdrüßig sei. – Milberg ward wirklich auf die Erzählung seines eifersüchtigen Freundes aufmerksam, und da dieser ihm oftmals versicherte, daß Madam Lindner nicht zu den grausamen Schönen gehöre, beschloß er wirklich, einen Angriff auf ihr Herz zu versuchen.

Er ging vor dem Hause vorbei, und sahe sie am Fenster; die Beschreibung und die Lobeserhebungen seines Freundes schienen ihm nicht übertrieben. Er suchte nun ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber alle seine Mühe war umsonst. Er ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern ging um so fleißiger durch diese Straße, und ward aus Eigensinn am Ende wirklich in Madam Lindner verliebt. Wenn er sie auf der Straße sah, ging er ihr nach, in der Kirche stellte er sich neben sie und suchte sie anzureden; aber sie gab weiter gar nicht auf ihn Acht, oder schreckte ihn mit einer sehr kurzen Antwort zurück. Es mag beim ersten 38 Anblick sonderbar scheinen, daß viele Weiber, die sich kein großes Bedenken daraus machen, ihrem Manne untreu zu sein, ihrem Liebhaber eine unwandelbare Treue schenken. Dies gehört zu den eigensinnigen und wunderbaren Launen des weiblichen Geschlechts, die sich am Ende auf eine feine Delikatesse hinausführen lassen, die dem männlichen Geschlechte ganz zu fehlen scheint.

Milberg ward durch sein Unglück gegen seine Geliebte und gegen seinen Freund aufgebracht; da ihm alle Besuche mißglückten, beschloß er sich an beiden zu rächen; er dachte auf ein Mittel, seiner Rache auf eine gute und wirksame Art genug zu thun. – Anton sah indeß mit blutendem Herzen den alten Ahlfeld täglich seine Geliebte besuchen, er verwünschte ihn im Herzen, aber diese Verwünschungen konnten ihm nichts helfen, er mußte in jedem Augenblicke fürchten, daß Caroline ihre Einwilligung zu der verhaßten Verbindung geben würde. – Milberg sprach ihn wieder und sagte, daß er eine Bitte an ihn habe: Madam Lindner, sagte er, ist gegen alle meine Bitten taub, für alle meine Aufmerksamkeiten blind und unempfindlich gewesen; ich achte sie seitdem um so höher, nur fürchte ich, daß ich sie durch meine Zudringlichkeit beleidigt habe, und das würde mich kränken. Um mich zu überzeugen, daß sie keinen Groll gegen mich hat, mußt du sie überreden, daß sie mich in deiner Gesellschaft in meinem Gartenhause besucht, wir wollen dann froh mit einander sein, und wenn es nöthig sein sollte, eine allgemeine Versöhnung feiern.

Anton hatte viel dagegen einzuwenden, aber sein Freund hörte nicht eher auf ihn zu bitten, und zu 39 quälen, bis er ihm versprochen hatte, bei seiner Geliebten alles anzuwenden, um sie in die Gesellschaft seines Freundes zu führen. Madam hatte noch weit mehr dagegen einzuwenden, sie gab aber auch den dringenden Bitten ihres Liebhabers nach, und der Tag ward festgesetzt, an welchem sie den Freund in seinem Gartenhause besuchen wollten. – Sie ahndeten nicht, daß dieser Tag für sie ein Tag des Unglücks seyn würde.

Milberg machte alles zu ihrem Empfange bereit, er ordnete die Tafel sehr geschmackvoll an, schrieb aber in der Bosheit seines Herzens zugleich einen Brief an den eifersüchtigen Mann, worin er ihm meldete, daß wenn er seine Frau in artiger Gesellschaft finden wollte, er nur nach einem Gartenhause, welches er ihn näher bezeichnete, um eine gewisse Stunde kommen sollte. –

Madam Lindner ließ sich von Anton, der sich am heutigen Tage wieder in seine ordentlichen Kleider geworfen hatte, nach dem Gartenhause führen. Man ißt, trinkt und lacht, als man plötzlich ein Gepolter vernimmt.

Milberg geht fort, um zu sehen, was es giebt und kömmt nicht wieder; das Gelärm nähert sich immer mehr, schon unterscheidet man die tiefe Baßstimme des alten Lindner; Madam will in Ohnmacht fallen, und Anton weiß nicht was er thun soll. Die Thür öffnet sich, und der erboßte Mann tritt herein, die Frau fällt wirklich in Ohnmacht und Anton erschrickt. Alles ist erstaunt sich hier anzutreffen; der Liebhaber kann nicht begreifen, durch welchen unglücklichen Zufall sich der Mann hieher verirrt habe, und 40 der Mann steht wie versteinert, da er den Küchenjungen als einen jungen Herrn und als den Liebhaber seiner Frau wiederfindet. Hinter dem Herrn Lindner zieht eine ganze Schaar von Marquers, Köchen und Hausknechten einher, jeder mit den Waffen seines Standes versehen, alle stehn starr da und betrachten den verwandelten Küchenjungen, der sich Mühe giebt, Madame, die noch immer in Ohnmacht liegt, ins Leben zurückzurufen. –

Sie schlug endlich die Augen wieder auf, und Anton zog den Degen, um sich durch seine Feinde einen Weg zu bahnen; sie wichen ihm alle aus; und er gewann das freie Feld. – Hier sah er in großer Eil den Herrn von Ahlfeld mit mehreren Bedienten zu Pferde vorbeisprengen; er erfuhr von dem einen, daß Fräulein Caroline ihrer Tante entwischt sei, und man ihr jetzt nachsetze.

Unglücklicher Anton! rief der Liebhaber jetzt in Verzweifelung aus. – Sie ist entflohen, entflohen ohne dich, ein Freund hat dich verrathen, eine Geliebte verläßt dich, alle Pläne, die ich aufbaue, wirft das verhöhnende Schicksal wieder um; ich verliere meine Zeit und meine Mühe in einem langweiligen, unaufhörlichen Spiele, das mich nie gewinnen läßt. – Er bedachte in der Leidenschaft nicht, daß er manches aus seinem Plane wohl hätte weglassen können, und daß er das Schicksal also sehr mit Unrecht anklage.

Wohin sollte er sich nun wenden? – Wohin war Caroline entflohn? – Er überläßt sich auf gut Glück dem Wege, schweift umher, sucht Carolinen in allen Dörfern und in allen Wäldern, und nach einigen 41 Wochen kömmt er müde und verzweiflungsvoll in der Residenz des benachbarten Fürsten an. Er geht durch alle Straßen, er kehrt in einem Gasthofe ein, er frägt auf eine versteckte Art nach seiner Geliebten; aber da ist kein Mensch, der ihm Antwort geben kann.

Er hoffte immer noch, Nachrichten von seiner Geliebten zu bekommen, darum blieb er länger in der Residenz. Er machte auch einige Bekanntschaften, die ihm die Zeit verkürzten, und nach einiger Zeit zog eine hübsche Kaufmannsfrau, die ihm gegenüber wohnte, seine Augen auf sich. Sie bemerkte ihn ebenfalls, und ohne daß er es wollte, war bald ein Augengespräch zwischen ihnen entstanden. Da er Carolinen nicht wiederfand, so suchte er sich zu zerstreuen, und dies Abentheuer schien ihm also recht von selbst in den Weg zu kommen. Der Mann dieser Frau handelte mit Tüchern und Sachen, die zum Anzug gehören. Anton bemerkte den Augenblick, in welchem der Mann ausging, und sogleich war er selber bei der schönen Frau im Laden. Sie ward roth, verlegen, und fragte: was zu seinem Befehl stehe? Er forderte eine gestickte Weste, und die Frau suchte ihren ganzen Laden durch, ohne das Verlangte finden zu können, und schämte sich endlich, da eine Menge von Westen vor ihr lagen. Er bezahlte, was sie gefordert hatte, ohne auch nur im mindesten zu handeln, und da er nur gegenüber wohnte, nahm er die Weste selbst mit sich.

Es schien ihm jetzt eben nicht unschicklich, daß er sich nach ihrem Befinden erkundigte, wenn er vorbeiging; daß er sich bei dieser Frage etwas lange aufhielt, und hundert andre Fragen und Bemerkungen in sie verflocht, 42 kann man leicht vermuthen. Sie verstanden sich bald beide, und Caroline war halb vergessen. – Der Leichtsinnige, vielleicht aber, daß seine Strafe nicht ausbleibt.

Er lernte auch den Mann kennen. Herr Wagemann war eine kleine, ziemlich alte Figur; er war vierzig Jahr alt, und gegen jedermann freundlich und höflich; er hatte ehedem Philosophie studirt, und in müßigen Stunden war sie noch jetzt sein Steckenpferd. Er freute sich jedesmal, wenn er in einem Gespräch weil und daher sagen konnte, nur mußte der andre oft sehr von der Langenweile leiden, wenn er ihm alle seine Gründe auseinander setzte. Dieser Mann gewann bald den Held unsrer Geschichte sehr lieb, weil dieser noch immer nicht ganz den Philosophen verläugnen konnte. Sie disputirten oft mit einander, und einer überzeugte den andern nicht. Anton ward auch zuweilen zum Mittagsessen gebeten, und hatte nun desto öfter Gelegenheit, die liebenswürdige Frau zu sprechen, und seine Unterhandlungen fortzusetzen. – Sie waren bald mit einander einig, und jetzt besuchte sie Anton zwar nicht mehr so häufig öffentlich, aber desto öfter schlich er sich heimlich zu ihr.

Er trat an einem Morgen ans Fenster – und – sieht er recht? – darf er seinen Augen trauen? – Caroline sitzt in dem Anzuge eines Dienstmädchens in dem Laden der Madam Wagemann! – Nein, er irrt sich nicht, sie ist es, und er taumelt erschrocken zurück.

Er freute sich, daß er Carolinen wieder gefunden hatte, und doch verdroß es ihn halb; vorzüglich, daß er sie jetzt, und unter diesen Umständen wieder 43 sah, und besonders in jenem Hause. Dann überlegte er wieder, daß dies ihm eigentlich lieber sein müsse, daß der Umgang mit dieser Frau ihm vielleicht selber behülflich sein könne, um Carolinen wieder in eine anständigere Lage zu versetzen. – Er wiegt sich mit hundert Vorstellungen ein, und redet einer Leidenschaft das Wort, indem er noch über Carolinens Zustand nachzudenken glaubt.

Er schlich zu Madam Wagemann hinüber. – Haben Sie, fragte sie ihn, das hübsche Mädchen bemerkt, das seit gestern in meinen Diensten ist? – O ja. – Ei, wie lebhaft Sie antworten; nur keine Untreue, mein Herr! – Wie können Sie daran denken? Aber wo haben Sie sie her? – Sie kam gestern zu mir, und bat so flehentlich, daß ich sie in meine Dienste nehmen sollte, daß ich's dem armen hübschen Kinde nicht abschlagen konnte.

Anton fand bald Gelegenheit, Carolinen allein zu sprechen; um sich nicht zu verrathen, mußten sie beide die Freude über ihr Wiedersehn unterdrücken. Er verdeckte sein Verhältniß mit Madam Wagemann, und vertröstete seine Geliebte auf eine baldige Befreiung aus ihrem jetzigen Stande. Er versprach alles anzuwenden, um sobald als möglich mit ihr glücklich zu sein.

Sie erzählte ihm, wie sie an demselben Abend entflohn sei, als sie mit Ahlfeld hätte verlobt werden sollen; nach manchen Drangsalen habe sie sich hieher gewandt, und um nicht so leicht aufgefunden zu werden, Dienste genommen.

Die Frau Wagemann war auf ihren Liebhaber eifersüchtig, und ließ ihn daher in ihrem Hause nicht 44 allein; außerdem fand sich aber auch keine Gelegenheit, daß Anton seine Geliebte sprechen konnte, und so schlich eine Woche nach der andern hin. – Den Nachbarn und Freunden Wagemanns war indessen das Verhältniß zwischen der Frau und dem jungen Menschen nicht verborgen geblieben; es giebt immer eine Menge dienstfertiger Leute, die sich ein großes Verdienst daraus machen, auch den Ehemann über solche Verhältnisse aufzuklären, nicht aus Liebe zur Tugend, sondern aus bloßer Freude an Zwist und an Klätschereien.

Der philosophische Kaufmann hörte aber nur wenig auf das, was ihm alle seine Nachbarn so häufig ins Ohr sagten. – Ich bin, sagte er zu sich selbst, der Treue meiner Frau versichert, denn sie hat sie mir versprochen; sie hat bisher alles gehalten, was sie versprochen hat, warum soll ich denn nun glauben, daß sie gerade dies Versprechen nicht halten wird? Es giebt hier nur zweierlei Fälle. Entweder meine Frau liebt mich, nun so bin ich gewiß, daß sie mir ihre Treue bewahrt. oder sie liebt mich nicht, was kann mir dann vernünftigerweise daran liegen, wenn sie ihre Treue bricht? –

Man sieht, Herr Wagemann war zu einem Ehemann geboren, und wenn alle Männer so dächten, würde man nicht so oft in den Familien die traurigen Scenen sehn, die die Eifersucht veranlaßt.

Die Einflüsterungen hörten aber nicht auf, ja man sagte es dem Kaufmann bald ganz laut. In allen Gesellschaften fing er an mit seiner Kaltblütigkeit der Gegenstand des Spotts zu werden; man nannte ihm so oft das Wort Ehre, und suchte sein Gefühl dafür 45 empfindlich zu machen, daß sein Blut am Ende anfing schneller zu laufen. Fremdes Gefühl steckt uns oft an, wir nehmen weit leichter von einem Fremden ein Vorurtheil auf, als daß wir uns von seinen Gründen überzeugen lassen. Er nahm sich aber dennoch vor, seine Frau nicht eher zu bestrafen, bis er sich mit seinen eignen Augen von ihrer Untreue überführt hätte, und dazu fand sich sehr bald Gelegenheit.

Er that eines Tages als wenn er ausgehe, und sah, daß bald nachher Anton nach seinem Hause hinüberschlich. Durch eine Hinterthür kam er zurück, öffnete mit seinem Hauptschlüssel die Zimmer, und ging in einen Saal, der dicht an die Schlafstube seiner Frau stieß. Er hätte nicht nöthig gehabt, durch die Spalte der Thür zu sehn, um völlig von ihrer Untreue überzeugt zu sein; aber er wollte dennoch auch sein Auge überzeugen, und nun sah er eine Scene, die Julio Romano vielleicht sehr mahlerisch würde gefunden haben, und auf die Aretino vielleicht sehr niedliche Verse gemacht hätte; ihm gefiel aber diese Perspektive gar nicht, und seinem Gedächtnisse wollte kein einziger Vers beifallen. – Er schlich sich wieder fort und nahm sich fest vor, sich an seiner Frau auf eine exemplarische Art zu rächen.

Er verbarg indeß diesen Vorsatz sehr geschickt; er war gegen seine Frau und ihren Liebhaber eben so freundlich, als gewöhnlich, und sprach eben so gern als sonst über philosophische Materien. Acht Tage waren indeß verflossen, als Wagemann unsern Helden zum Mittagsessen zu sich bat; es war oft geschehen, und niemand fand darin etwas Auffallendes. – Anton kam, der Kaufmann war sehr vergnügt, und 46 trank bei Tische mehr, als gewöhnlich, so daß er am Ende einen ziemlichen Rausch zu haben schien. Die Frau und ihr Liebhaber lachten oft über seine Späße und komischen Stellungen, und er lachte selber aus vollem Halse mit. Gegen Abend schlug er selbst zuerst vor, nach der Komödie zu fahren, und man nahm gern seinen Vorschlag an; die Frau bat nur um die Erlaubniß, auch ihr Mädchen mitnehmen zu dürfen, und der Mann willigte um so lieber ein, weil er diese mit in das Complot gegen seine Ehre verwickelt glaubte. Man fuhr weg, und der Kutscher hatte schon am vorigen Tage seine Ordre bekommen. Der Wagen hält still, alle erstaunen; der Mann bittet seinen Freund auszusteigen und zu klingeln; dieser thuts. – Wo sind wir denn? ruft die Frau: die Klingel wird gezogen, eine große eiserne Gitterthür geht auf, und der Wagen rollt hinein.

Anton steht noch immer in tiefen Gedanken vor der Thür, immer im Begriff, noch einmal zu klingeln, um zu sehen, wo seine beiden Geliebten geblieben sind. – Die Thür öffnet sich wieder, der Wagen fährt wieder heraus, der Kaufmann nur allein drinnen, der aus vollem Halse lacht, als er Anton noch vor der Thür stehn sieht.

Ein altes Mütterchen ging grade durch die einsame Straße, und Anton geht auf sie zu, um zu fragen, was das große Gebäude mit der eisernen Thüre für ein Haus sei. – Dies Gebäude da? je, das Gefängniß, lieber Herr. – Anton fuhr zusammen.

Wird das Schicksal, sagte er ergrimmt durch die Zähne murmelnd, noch nicht bald müde sein, mich zu 47 verfolgen? – Diesmal sagte er weiter nichts, denn Schmerz und Zorn überfielen ihn zu plötzlich.

Er ging mit der alten Frau, die in der Nähe wohnte, und da in ihrem Hause grade ein Zimmer leer war, zog er bei ihr ein. – Er erfuhr von ihr, daß der Präsident von Mohrfeld, ein sehr strenger und harter Mann, neben andern Geschäften auch die Oberaufsicht über das Gefängniß, oder Correktionshaus habe; daß er die Züchtlinge sehr streng halten ließe; daß sie selbst einmal in Gefahr gewesen sei, hineinzukommen, weil sie aus christlicher Barmherzigkeit zwei armen verliebten Leuten in ihrem Hause Zusammenkünfte verschafft habe; daß die Frau des Präsidenten aber eine desto gutherzigere Dame sei, daß sie besonders viel von den Herren Geistlichen halte, und in manchen Stunden auch über ihren Mann viel vermöge. – Anton ließ von allem dem, was sie ihm erzählte, kein Wort auf die Erde fallen.

Wagemann und der Präsident waren ein paar alte Freunde; daher war es dem Kaufmann sehr leicht geworden, mit ihm die Bestrafung seiner Frau zu verabreden. – Dem Präsidenten fiel bald Carolinens Schönheit auf, und da er hörte, daß sie unschuldig sei, gab er ihr heimlich ein Zimmer in seinem Hause zu bewohnen, und bestürmte sie täglich mit Bitten und Versprechungen. Caroline aber war taub für seine Stimme; sie dachte nur immer an ihren unglücklichen treulosen Liebhaber.

Dieser hatte noch immer nicht gelernt, daß seine Plane nichts taugten, und hatte schon wieder einen andern fertig, der so genau auf die Umstände kalkulirt war, daß er gar nicht zweifelte, er müsse den 48 glücklichsten Erfolg haben. Schon am folgenden Morgen geht er in dem eleganten Anzuge eines Geistlichen dem Hause des Präsidenten vorbei; die schlanke Figur, das blühende Gesicht zogen die Aufmerksamkeit der Präsidentin auf sich; er sahe sie und grüßte sie sehr ehrerbietig; freundlich erwiederte sie diesen Gruß. – Täglich ging er ein paarmal vor dem Hause vorbei; sie stand jedesmal am Fenster, jedesmal wechselte er mit ihr ein paar zärtliche Blicke. – Die Alte war die Vertraute seiner Intrigue, und sie rieth ihm jetzt, ein Billet an die Präsidentin zu schreiben, das sie selber überbringen wolle. – Er folgt ihrem Rath, und die Alte macht sich auf den Weg.

Die Präsidentin freut sich, eine alte Bekanntschaft wieder zu sehen, sie nimmt den Brief, und die Alte entfernt sich wieder, um am Nachmittage Antwort zu holen. Sie hat schon angefangen, ihn zu lesen, aber ihr Mann ist heimlich ins Zimmer getreten, und nimmt ihr itzt mit einer plötzlichen Wendung den Brief aus der Hand. – Er liest, und sie kann nichts anders thun, als in Ohnmacht fallen.

Schönste Frau,

Werden Sie meine Kühnheit zu groß finden, wenn ich, als ein Unbekannter, es wage, Ihren unwiderstehlichen Reizen zu huldigen; wenn ich sogar wage, Ihnen dies zu gestehn? Aber verbieten Sie der Sonne zu leuchten, und Ihrer Schönheit die Augen aller Männer auf sich zu ziehn. – O hören Sie einen unglücklichen Liebhaber an, der aus mehr als einer Ursache Sie zu sprechen wünscht, den das Schicksal zur Verdammniß scheint auserlesen zu haben, daß er 49 in hoffnungsloser Liebe verschmachten soll. Hören Sie mich an, das Haus der Ueberbringerin ist ein Zufluchtsort für geheimnißvolle Geständnisse; wenn Sie mich unaussprechlich glücklich machen wollen, so machen Sie, daß ich Sie heut Abend dort sprechen kann, nur auf wenige Minuten, nur um Ihnen ein Geheimniß und eine Bitte vorzutragen, an deren Erfüllung mein Leben hängt. – Finden Sie diese Worte zu dreust, und habe ich überhaupt, von Ihrer Schönheit geblendet, zuviel gewagt, zürnen Sie auf mich; so muß ich mich unterschreiben

der Unglücklichste aller Sterblichen.

Er hatte diesem Briefe mit Vorbedacht diese zweideutige Wendung gegeben, weil er der Präsidentin seine Liebe zu Carolinen und ihr Schicksal entdecken wollte: ob dieser Plan klug gewesen wäre, steht noch immer zu bezweifeln, da er aber sogleich in der Anlage durch einen Zufall scheiterte, so hat die Erfahrung nichts darüber entscheiden können.

Der Präsident wüthete, und seine Frau warf sich ihm zu Füßen; sie betheuerte ihre Unschuld, er hörte sie nicht. – Wie kann der Bube so frech sein, rief er aus, wenn er Sie nicht gesprochen hat? – Aber ich schwöre Ihnen, daß es so ist. – Gut, wir wollen sehn, setzen Sie sich nieder und schreiben, was ich Ihnen diktiren werde.

Die Frau setzte sich nieder, und der Präsident diktirte folgendes Billet:

Mein Herr!

So gerne ich Ihren Vorschlag annähme, so seh ich mich doch gezwungen, heute zu Hause zu bleiben. Aber 50 um vier Uhr bin ich allein, machen Sie mir das Vergnügen, mich zu besuchen, aber in weiblichen Kleidern, die Ihnen gewiß sehr gut stehen müssen. Ich bin

Ihre Freundin.

Wie freute sich Anton, als er dieses Papier erhielt! Er ahndete nichts von seinem Unglück. – Die Alte mußte sogleich einen weiblichen Anzug besorgen; er kleidete sich an, und ging mit tausend Hoffnungen nach dem Hause des Präsidenten. – Ein Bedienter führte ihn in das Zimmer der Präsidentin, und bat ihn nur einen Augenblick zu verweilen, da die Präsidentin Besuch habe, der sich aber bald entfernen würde.

Anton hört Jemand kommen, er wird blaß, denn es ist der Präsident. – Da meine Frau, fing dieser an, noch nicht das Vergnügen haben kann, Sie zu sehen, so wäre es sehr unartig von mir, eine so schöne Dame ganz allein zu lassen. Man setzt sich, und der Präsident fängt ein Gespräch an, das dem verkleideten Anton die höchste Angst verursacht. Er steht auf um sich zu entfernen, er verspricht ein andermal wieder zu kommen, aber der Präsident nöthigt ihn so dringend da zu bleiben, daß er es nicht abschlagen konnte. – Gut, daß ich daran denke, fing der Präsident wieder an, Sie können mir vielleicht einen Rath ertheilen, in einer Sache, die mir sehr auf dem Herzen liegt. – Ich? – Ein unverschämter junger Geistlicher hat die Frechheit, sich in meine Frau zu verlieben, das könnt' ich ihm vielleicht noch verzeihen; aber sehn Sie, er erkühnt sich, ihr diesen schändlichen Brief zu schreiben. – Er gab Anton seinen eigenen Brief; der unglückliche Liebhaber machte Miene vom 51 Stuhl zu fallen. – Nun, was sagen Sie, fragte der Präsident, wie würden Sie diesen Niederträchtigen bestrafen! – Ich würde ihm verzeihn, sagte Anton stotternd!– Da sind Sie frömmer, als ich, denn das ist gar nicht mein Wille, sondern ich habe diesen Unverschämten kommen lassen, um ihn recht derb zu züchtigen. –

Anton zitterte heftig; der Präsident winkte, und vier Bedienten traten herein, jeder mit einer großen Ruthe bewaffnet. – Sie warfen sich auf ihn, und vollzogen eben die befohlne Exekution an ihm. Bei jedem Streiche rief Anton aus: O Schicksal, Schicksal! welch ein schändliches Ende nehmen auf deinen Befehl alle meine Plane!

Als diese Züchtigung vorbei war, glaubte er sich entfernen zu können, aber der Präsident trat ihm in den Weg. – Wir sind noch nicht fertig, sagte er, wir wollen noch beide einen guten Freund besuchen, einen Prälaten, dem ich doch einen Geistlichen überliefern will, der seinem Stande so große Ehre macht.

Anton's Bitten waren vergebens, er wurde die Treppe hinuntergeführt, es war unterdeß Abend geworden, eine Kutsche hielt vor der Thür und man stieg hinein. – Vor dem Hause eines Priors ward still gehalten, man ging hinein, der Präsident voran, und das Mädchen, das ihm folgt, sinkt dem Prior weinend in die Arme, es war Caroline, seine Nichte.

Sie hatte in der Dunkelheit vor dem Hause die Hand ihres Geliebten ergriffen, und war statt seiner in den Wagen gestiegen; sie bat jetzt kniend den Präsidenten im Namen ihres Liebhabers um Verzeihung, der ihm nach der harten Züchtigung auch gern vergab, 52 so wie seiner Frau, die jetzt den Schein der Unschuld für sich hatte. Anton ward geholt, er überließ sich ganz der Empfindung der Zärtlichkeit, als er Carolinen wieder sah, und damit er endlich einmal etwas zum Lobe des Schicksals sagen könne, kam noch an demselben Abend Carolinens Vater an und trat bei dem Prior ab; vom allgemeinen Flehen bestürmt, verstand er sich zu einer ansehnlichen Aussteuer, und Anton erhielt nach so vielen Leiden und Widerwärtigkeiten zu seiner Verbindung mit Carolinen die Einwilligung seiner Eltern.

Der Kaufmann Wagemann nahm seine Frau, allen seinen Nachbarn zum Trotz wieder zu sich; er war seitdem noch hartnäckiger in seiner Philosophie geworden, und lebte mit ihr, wie ehedem. –

Am Hochzeittage sagte Anton, indem er seine Frau in seinen Armen hielt: o Schicksal, so hast du dich endlich mit mir versöhnt? –

So tief liegen manche Schwachheiten im Menschen. Das Schicksal hatte es nie der Mühe werth gefunden, sich mit ihm zu entzweien.

Der alte Ahlfeld sagte um sich zu trösten: Ich sehe, das Schicksal will durchaus, daß ich kein betrogener alter Ehemann werden soll.

 


 








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