Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Scherze, Anekdoten, kurze Geschichten und Lehrreiches

: Scherze, Anekdoten, kurze Geschichten und Lehrreiches - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/antholog/freistun/freistun.xml
typemisc
authorVerschiedene Autoren
booktitleIn Freien Stunden
titleScherze, Anekdoten, kurze Geschichten und Lehrreiches
publisherBuchhandlung Vorwärts
seriesIn Freien Stunden
volumeElfter Jahrgang. 2. Halbjahresband.
year1907
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121225
projectiddb2d897
Schließen

Navigation:

Anekdoten

Der Frack.

Der alte Arzt eines kleindeutschen Fürsten wurde mitten in der Nacht zur Hoheit gerufen, die sich nicht ganz wohl zu befinden geruhten. Bei der Tür vor dem Schlafzimmer hält der Kammerdiener erschrocken den eiligen Arzt auf, der im einfachen Winterrock eintreten wollte. »Aber, Herr Doktor, ohne Frack! Was wird die Hoheit dazu sagen?« flüsterte der Kammerdiener, der Arzt, berühmt wegen seiner derben Ausdrucksweise, dreht sich ruhig um, nach Hause zu gehen. »Aber die Hoheit!« jammerte der Kammerdiener. »Seien Sie unbesorgt,« ruft im Weggehen der Doktor, »ich werde meinen neuen Frack schicken, vielleicht verschreibt der ein gutes Rezept!«

*

Aberglaube.

Von Totengräbern glaubt man noch vielfach in Süddeutschland, daß sie immer genau wissen, wenn jemand abscheiden wird – es rühren sich dann einige Tage vorher Picken und Schaufeln in ihrer Kammer, auch wirft wohl eine geheimnisvolle, unsichtbare Hand das Seil über die Stube hin. So sind sie denn so gefürchtete Leute, daß sich schüchterne Kinder mit ihnen zu sprechen nicht unterfangen. In gleichem Geruche stehen auch die Tischler, ihnen wird sogar die Kunde zugeschrieben, zu wissen, ob sie bald für ein Kind oder einen Erwachsenen einen Sarg anzufertigen haben. Raffelt (rührt) es sich nämlich im Bratrohre, so stirbt ein Kind – die »6 Bretter und 4 Brettchen« für die Kleinen werden ja im Bratrohre getrocknet. Wenn sich aber die Bretter bewegen, welche zu großen Särgen benutzt werden sollen, der Hobel, welcher zur Anfertigung der Truhen benutzt wird, oder die Säge erklingt, dann wird bald das letzte Stündlein für einen Erwachsenen gekommen sein. Die Seele des Verstorbenen pocht an seine Tür, ihm anzuzeigen, daß er einen Sarg zu fertigen habe. Auch ist dem Totengräber wohl bewußt, wenn beim Einlassen des Sarges Steine nachrollen, sowie dem Tischler, wenn sich beim Schließen des Sarges ein gewisser unheimlicher Ton vernehmen läßt, daß dem Dahingeschiedenen bald ein Familienmitglied folgen werde. Solche Vorboten heißen Onzoiges (Anzeichen) im Böhmerwalde, dessen Bewohner noch an unzähligen abergläubischen Satzungen und Gebräuchen festhalten, die, teilweise dem Heidentum entstammend, ein Alter von 2000 Jahren und darüber aufzuweisen haben.

*

Höflichkeit.

Zwei Bekannte treffen sich auf der Straße und gehen zusammen in ein Pariser Boulevard-Restaurant, um dort zu essen. Sie lassen als gute Bekannte zusammen servieren, Poulets, und der Kellner bringt ein »halbes Huhn« auf einem Teller. Dieses »halbe Huhn« besteht aus einem Flügelstück und einem Rückenstück, Nun begannen sich die beiden zu bekomplimentieren, einer bot dem andern an:

»Bedienen Sie sich!«

»Aber, ich bitte Sie –«

»Bitte, nach Ihnen!!«

»Aber, wie werde ich denn!«

So geht es noch eine Weile, und endlich entschließt sich der eine, dem »grausamen Spiele« ein Ende zu machen, und er nimmt den Flügel! Der andere muß sich also mit dem Rückenstück begnügen, und man sieht ihm an, daß er sich darüber »verdrießen möchte«. Er quält sich die Bissen hinein und der Humor ist völlig geschwunden. Er steckt die Nase so tief in den Teller, daß ihn der Freund fragt:

»Fehlt Ihnen irgend was?«

»Mir? Durchaus nicht!«

»Aber doch, und ich wette, daß das wegen des Flügelstückes ist –«

»Nun ja denn, es ist deswegen, ich kann nicht finden, daß Sie sehr delikat gehandelt haben.«

»Inwiefern?«

»Aber gewiß, wenn man sich zuerst bedient, nimmt man sich nicht das schönste Stück –«

»Aha, seht mal, also genieren soll man sich, Sie hätten es doch ebenso gemacht wie ich – –«

»Gott bewahre, wenn ich mich zuerst bedient hätte, wäre ich ganz anders verfahren!«

»Und was hatten Sie denn getan?«

»Ich hätte das Rückenstück genommen!«

»Na, das haben Sie jetzt auch gekriegt, was jammern Sie denn?«

*

Nach hohem Beispiel.

Eine amüsante Anekdote wird von dem Verdienstvollen französischen Arzt Professor Budin erzählt. Budin war ein ausgezeichneter Gelehrter und ein geistvoller Kopf, der über eine seine Ironie gebot. Er war mit Eifer dafür eingetreten, bei schwierigen Entbindungen Chloroform anzuwenden und hatte dabei nicht nur den Widerstand einiger Kollegen gefunden, sondern mußte auch den Tadel einiger Personen über sich ergehen lassen, die religiöse Bedenken gegen dieses Verfahren hatten. Eines Tages gab ihm eine sehr fromme Dame ihre Meinung darüber sehr deutlich zu verstehen, worauf Budin mit seinem Lächeln erwiderte: »Wie, Sie, die fromme Christin, wollen nicht zugeben, daß ich die Mütter, um ihnen Hilfe zu bringen, einschläfere?« – »Natürlich nicht!« – »Das ist aber merkwürdig unehrerbietig gegen den lieben Gott, der die Anästhesie (Gefühllosmachung) in gleichem Falle auch angewendet hat.« – »Wieso denn?« – »Wissen Sie denn nicht, daß er Adam einschläferte, um Eva zur Welt zu bringen? Ich folge doch nur seinem Beispiel!«

*

Arzt-Honorare.

Der Pariser Arzt Dr. Doyen geriet vor nicht langer Zeit mit einem amerikanischen Millionär wegen seines Honorars von 80 000 Mark in Streit. Der Preis mag manchem recht ungeheuerlich vorkommen, indes die englische Wochenschrift »Modern Society« weiß von noch ganz anderen Honoraren für ärztliche Hilfeleistungen zu berichten. Einige der höchsten Honorare, schreibt sie, haben Aerzte von Mitgliedern königlicher Familien erhalten. Die Kaiserin Katharina von Rußland fürchtete sich sehr vor den Pocken, und sie gab dem englischen Arzt Thomas Dimsdale dafür, daß er sie geimpft hatte, 280 000 Mark in bar, eine Leibrente von 16 000 Mark, 40 000 Mark für seine Reisekosten von London nach Petersburg und verlieh ihm die Würde eines Staatsrates und Barons. Der französische Nervenarzt Professor Charcut erhielt von Dom Pedro von Brasilien 40 000 Mark für eine einzige Konsultation, zu der er allerdings eine Reise von Paris nach Aix-les-Bains machen mußte, wo der Kaiser gerade weilte; von Cornelius Vanderbilt soll Charcot sogar noch höhere Honorare bekommen haben. Der italienische Arzt, der bei der Geburt des kleinen Prinzen von Piemont seine Hilfe leistete, erhielt ein noch größeres Honorar, und der dankbare Zar soll sogar 200 000 Mark für die Geburtshilfe bei der Geburt des Zarewitsch gegeben haben. ... In England ist es üblich, das ärztliche Honorar in Guineen zu berechnen, deren Wert 21,50 Mark beträgt, nicht in Sovereigns (Pfund), die nur 20,13 Mark zu rechnen sind. Das hat schon oft zu Auseinandersetzungen Anlaß gegeben. So hielt besonders Sir William Jenner darauf, daß man ihm sein Honorar in Guineen zahlte. Einmal bekam er von einer bekannten Herzogin-Witwe einen Briefumschlag, der, wie er fühlte, nur zwei Sovereigns enthielt, so daß also an den zwei Guineen zwei Shillings fehlten. Er setzte sofort seine Brille auf, bückte sich und sah suchend auf dem Fußboden umher. »Haben Sie etwas verloren, Sir William?« fragte die adlige Dame. »Ich suche die beiden Shillings, die Sie augenscheinlich haben fallen lassen, Herzogin!« erwiderte der Arzt zornig.

*

Weisheitsworte.

Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus des Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Fasson Selich werden.

Friedrich II.

*

Ein abergläubischer Staatslenker.

Von dem unrühmlichst bekannten österreichischen Minister Metternich wird berichtet, daß er in keine Unternehmung von Wichtigkeit eingetreten sei, ehe er nicht sein Kartenorakel befragt hatte. Dieses Orakel (Weissagung) bildete ein Patiencespiel. Ging die Patience auf, dann begab sich Metternich an die Geschäfte, mißglückte dagegen das Spiel, so verschob er seine Arbeit, die betreffende Besprechung oder was es sonst sein mochte, auf einen anderen Tag. Es soll oft vorgekommen sein, daß ein Gesandter ungeduldig im Vorzimmer wartete, während der »große Minister« Oesterreichs in seinem Kabinett das Geduldspiel legte. Und wollte es nun das Schicksal, daß die Patience nicht aufging, dann ließ sich Seine Exzellenz »dringender Staatsgeschäfte halber« entschuldigen, und der Gesandte hatte umsonst geharrt. Woraus das dumme Volk wieder einmal sieht, mit wieviel Verstand die Welt regiert wird.

*

Auch ein Hauptmann.

Der Ruhm des schon beinahe vergessenen »Köpenicker Hauptmanns« hat einige Engländer nicht schlafen lassen. Sie haben herausgebracht, daß auch sie mit einer ähnlichen Berühmtheit aufwarten können. In englischen Blättern las man: Es ist schon eine Reihe von Jahren her, als eines Tages plötzlich ein eleganter Herr von militärischem Aussehen im Polizeibureau des friedlichen Städtchens Boston in der Grafschaft Lincoln erschien und den Polizeichef zu sprechen verlangte. Er stellte sich ihm als Hauptmann L. vor und gab an, er habe für die Einquartierung von 500 Soldaten und Offizieren zu sorgen, die am nächsten Tage in Boston einträfen. Der Beamte führte hierauf den vermeintlichen Hauptmann zu dem Bürgermeister, der sofort Vorbereitungen treffen ließ, die Truppen festlich zu empfangen. Inzwischen suchte der Hauptmann, vom Polizeichef begleitet, die vornehmsten Hotels ab, um Zimmer für die Offiziere zu bestellen und traf eine Unzahl von Anordnungen, unter anderen auch, daß einige gut gemästete Schweine geschlachtet werden sollten. Die Hoteliers zeigten sich auch ebenso diensteifrig, wie der Metzger. Der Bürgermeister hatte sich unterdessen entschlossen, mit den Stadträten und Honoratioren der Stadt, soweit sie reiten konnten, hoch zu Roß den Truppen entgegen zu eilen. In aller Frühe also ritten die Väter der Stadt mit dem Herrn Bürgermeister an der Spitze im feierlichem Aufzuge aus und kamen bis nach Kirton, einem Städtchen südlich von Boston. Dort warteten sie einige Stunden, doch keine Truppen ließen sich sehen. In etwas gedrückter Stimmung ritten sie endlich heim. Als sie nun endlich Verdacht schöpften und genauer zusahen, stellte sich heraus, daß der Hauptmann zahlreiche Schecks eingelöst hatte, die sämtlich gefälscht waren. Die guten Bostoner waren einem Schwindler auf den Leim gegangen, und die heiterste Seite der Sache war, daß der Polizeichef in eigener Person am meisten zum Gelingen des Streiches beigetragen hatte.

*

Das Gemüt einer Katze.

Man sagt immer, daß Katzen undankbar seien und kein Herz hätten. Als Gegenstück berichtet ein französisches Blatt folgendes: Pousy, die Lieblingskatze von Louis Blanc, dem bekannten sozialistischen Arbeiterführer, welche jeden Abend ihren Herrn an der Treppe erwartete, wenn er von der Kammersitzung zurückkehrte, starb aus Gram über den Tod desselben. Sie nahm weder Speise noch Trank zu sich, bis der Hunger sie tötete.

*

Diplomatie

In seiner » Hohenzollernlegende« (Verlag Buchhandlung Vorwärts) schildert Genosse Maurenbrecher, wie Friedrich II. den Eroberungszug nach Schlesien in Szene setzte. Es war mehr ein Ueberfall als ein ehrlicher Krieg, da der Besetzung jener österreichischen Provinz keine Kriegserklärung, nicht einmal eine diplomatische Aktion vorausgegangen war, Friedrich bemühte sich im Gegenteil, alle Welt zu täuschen. Während die Truppen bereits den Befehl erhalten hatten, zu marschieren – mit Marschroute nach Halberstadt, um die Richtung des Ziels zu verdecken – führte er in Rheinsberg das ausgelassenste Leben, als denke er gar nicht daran, den Frieden irgendwie zu stören. Bezeichnend für diese Art der Diplomatie ist ein Brief, den wir in der »Hohenzollernlegende« abgedruckt finden, Friedrich schrieb in jenen Tagen aus Rheinsberg an einen Freund:

»Es gibt nichts Leichtfertigeres als unsere Beschäftigungen. Wir quintessenzieren Oden, radebrechen Verse, treiben Gedankenanatomie, und bei alledem beobachten wir pünktlich die Nächstenliebe. Was tun wir noch? Wir tanzen bis uns der Atem ausgeht, schmausen, bis wir platzen, verlieren unser Geld im Spiel und kitzeln unsere Ohren durch weiche Harmonien, die, zur Liebe lockend, wieder andere Kitzel erregen. Ein Hundeleben! werden Sie sagen, nicht von dem Leben hier, sondern von dem, das Sie in Kummer und Leiden führen. Genesen Sie von den Wunden der Cythere (Göttin des Liebesgenusses), wenigstens lassen Sie uns von Ihrem Geiste Nutzen haben, wenn die Mädchen keinen von Ihrem Körper haben können.« –

Das war Ende November. Am 16. Dezember überschritten die Truppen die schlesische Grenze, am 3. Januar ergab sich Breslau, am 8. Januar Ohlau, am 9. März Glogau. Nur die Festungen Neiße und Brieg hielten sich noch. Und erst im März 1741 kam ein österreichisches Heer zum Entsatz herbei! Zu spät und zu schwach, um die Eroberung Schlesiens durch Friedrich verhindern zu können.

*

Drei Reben.

Drei Reben trägt der Weinstock; die eine bringt die Lust, die andere die Last, die dritte die Freveltat.

Epiktet.

*

Sankt Bureaukratius in Rußland.

Auf einem Polizeibureau in Moskau erschien neulich eine bekannte Opernsängerin, um sich, da sie für einige Zeit verreisen wollte, ihren Paß revidieren zu lassen. Der diensttuende Polizeibeamte begrüßte die Künstlerin in der höflichsten Weise und sagte: »Sie müssen Ihr Gesuch schriftlich einreichen,« – »Schriftlich?« rief die Dame, »Muß denn das wirtlich sein?« – »Es ist unerläßlich, meine Gnädige. Damit Sie aber nicht erst viel Zeit verlieren, können Sie das Gesuch gleich hier schreiben.« Sprach's, reichte ihr in liebenswürdigster Weise ein Blatt Papier hin und fuhr dann fort: »Schreiben Sie nur, ich will Ihnen alles diktieren.« Die Sängerin schrieb, unterzeichnete, steckte das Gesuch in einen Briefumschlag und fragte: »Was habe ich jetzt zu tun?« – »Nichts, als das Gesuch abzugeben, gnädige Frau,« – »Wem denn?« – »Mir,« Und er streckte die Hand aus und nahm feierlich den Briefumschlag aus den Händen der überraschten Künstlerin. Dann setzte er eine Amtsmiene auf und dazu seinen Kneifer auf die Nase, öffnete den Briefumschlag und las mit der größten Aufmerksamkeit, was er selbst einen Augenblick vorher diktiert hatte. Nachdem er damit fertig war, versah er das Papier mit einer Aktennummer und ordnete es ein; dann wendete er sich wieder an die Sängerin, die kopfschüttelnd und ungeduldig das umständliche Verfahren beobachtet hatte, und sagte: »Ich habe Ihr Gesuch gelesen, gnädige Flau, und bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich den verlangten Urlaub nicht bewilligen kann ...«

*

Der Ehestand.

Der Ehestand gleicht einer Baßgeige, sie ist der Grundton des Lebens; die Liebe bläst die Flöte, die Kinderchen die Querpfeife, die Nachbarn die Trompete; Hörner sind überflüssig.

J. Weber.

*

Der Humor.

Dem Humor ist ein großes Feld erschlossen; Dummheit und Beschränktheit, Pfaffentum und Philistertum, Heuchelei und Schmeichelei, Kleinstädterei und Windmacherei, Grillen und Schrullen, Marotten und üble Angewöhnungen: sie können sich dem scharfen Auge des Humors nicht entziehen. Alles Kleine und Schlechte, Aermliche und Erbärmliche liegt enthüllt wie ein aufgeschlossenes Buch vor ihm.

Löwenstein.

*

Schweichel und Miquel.

Die »Frankfurter Zeitung« teilte ihren Lesern die folgende Episode aus dem Leben unseres kürzlich verstorbenen Genossen Schweichel mit: Es war zu einem Pressefest, das unsere Stadt einmal unter ihrem damaligen Oberbürgermeister Miquel gab. Miquel lehnte sich behaglich, mit einer Nachbarin plaudernd, in einen der bequemen Lehnstühle zurück, die unser »Zoo« für seine Haupt- und Ehrengäste bereitgestellt hatte. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und ein weißhaariger, interessanter Männerkopf beugte sich zu dem Erstaunten nieder. »Sie kennen mich nicht mehr?« fragte Robert Schweichel, denn dieser war es. Unser Stadtoberhaupt sah ein wenig verdutzt und um eine Antwort verlegen drein, doch bevor er eine solche fand, fuhr Schweichel fort: »Schau, schau – Oberbürgermeister und so kurz von Gedächtnis! Im Jahre 1848, auf den Barrikaden, – da haben wir beide doch Seite an Seite gestanden!« – Nun aber lächelte Miquel sein diskretes Diplomatenlächeln. »Ja, richtig! Jugendtorheiten, Jugendideale!« sagte er, den Kampflustigen fein abwehrend. Doch der ließ nicht locker. »Ich, mein Herr Oberbürgermeister, blieb ihnen treu, den Jugendidealen – Sie aber sollen ja Minister werden, wie ich höre!« Und hocherhobenen Hauptes ging Robert Schweichel weiter. Miquel aber sah ihm nach und ich wünschte mir nur, ich hätte schon damals einen Photographischen Apparat besessen, um das Gesicht »knipsen« zu können, mit dem unser Stadtoberhaupt sein ironisches »Phantast!« dem Enteilenden nachmurmelte.

*

Pferdeverstand.

Ueber die geistige Befähigung des Pferdes ist schon viel geschrieben und gestritten worden. Daß es zu den intelligentesten Tieren gehört, wird niemand leugnen. Merkwürdig ist schon sein Erkennungsvermögen: es hört am Schritt, wann sein Herr naht, dem es entgegenwiehert, sich an ihn schmiegt, seine Hände leckt und ihn mit glänzend belebten Augen betrachtet, die seine Freude erkennen lassen. Aber auch Zeit- und Ortssinn sind dem Pferde in hohem Maße eigen. Häufig vermag es Ursache und Wirkung zu unterscheiden, sich Urteile und Schlüsse zu bilden. Wahrhafte Ueberlegung zeigte z. B. eine Herde Pferde, welche im April des Jahres 1794 auf der Elbinsel Krautsand plötzlich von der Springflut überrascht wurden und ihr nicht wie die Rinder durch Schwimmen entrinnen konnten, weil sie ihre Füllen bei sich hatten. In dieser kritischen Lage zogen sich die Pferde wiehernd in einen Kreis zusammen, und je zwei von den Alten drängten die Füllen zwischen sich hinaus über das Wasser. So standen sie mutvoll und unbeweglich, bis nach sechs Stunden die Ebbe eintrat.

*

Türkische Ehrlichkeit.

Vom Sultan Abdul Hamid sagt man, er wisse ganz gut, daß eine ganze Anzahl seiner Diener, die wichtige Staatsämter bekleiden, ebenso habgierig wie unfähig ist; da er aber, wie man in der Türkei zu sagen pflegt, den Hunden die krummen Beine nicht gerade machen kann, begnügt er sich manchmal damit, die hochgestellten Räuber zur Zielscheibe seines Witzes zu machen. Eines Tages hatte der Großvezier ein Essen gegeben, zu dem einige Offiziere der Palastgarde Einladungen erhalten hatten; einer von diesen erzählte tags darauf dem Sultan die Wundertaten eines Derwischs, der nach dem Essen die Gäste durch Zauberkunststücke unterhalten hatte, »Würden Sie es für möglich halten, Sire, daß der arme Derwisch mehrere silberne Löffel verschlang?« – »Und das halten Sie für eine so große Tat?« antwortete Abdul Hamid, »Was würden Sie erst zu meinem Marineminister Hassan Pascha sagen, der, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, ganze Panzerschiffe hinunterschluckte?« Es war damals allgemein bekannt, daß der Marineminister das für die Schiffe bestimmte Geld für seinen Harem verwandte.

*

Bühnensorgen.

Die wenigsten Leute haben einen Begriff davon, was für Mühen, Sorgen und Kosten den großen Theatern durch die Aufführung eines neuen Stückes verursacht werden, André Antoine, der Direktor eines hervorragenden Pariser Theaters, hat über dieses Thema einiges in einer Zeitschrift veröffentlicht. Allerdings meint er, daß das Publikum recht habe, wenn es die Schwierigkeiten der Inszenierung nicht berücksichtige, sondern in seinem Urteil nur danach frage, was wirklich geleistet worden sei, »Was geht es den Zuschauer im »Julius Cäsar« (Drama von Shakespeare) an,« so schreibt er, »daß ich ganze Nächte mit dem Dekorationsmeister verhandelt habe; daß ich zweimal nach Rom gefahren bin; daß ich die Gefahren der Seekrankheit auf mich genommen habe, um in London eine Darstellung des »Julius Cäsar« durch Beerbohm-Tree zu sehen; daß ich schon vor 15 Jahren mich einen ganzen Juni lang, in Brüssel gelangweilt habe, weil ich die Vorstellungen der Meininger im Monnaie-Theater besuchen wollte; daß mein armer Freund de Gramont zehn Jahre an seiner fertigen Uebersetzung gearbeitet hat; daß der Dekorationsmeister während der Siedehitze des letzten Juni unter einem Glasdach geschwitzt hat, anstatt an dem Meeresstrande Erholung zu suchen; daß zwei meiner braven Maschinisten während der Kulissenproben fast einen Todessturz getan haben usw. All diese zahllosen Sorgen, Verdrießlichkeiten und verantwortungsvollen Aufgaben braucht das Publikum in der Tat nicht zu wissen. Das ist nun einmal unser Beruf ... Ob man sich wohl auch eine rechte Vorstellung davonmacht, wieviel Leute an einer Aufführung, wie der des »Julius Cäsar«, mitgearbeitet haben? An den Dekorationen haben 20 Tischler drei Monate lang gearbeitet, der Dekorationsmeister hat gleichfalls 20 Kunsthandwerker gut zwei Monate lang mit den Malerarbeiten beschäftigt. Der Leinwandhändler hat fast 4500 Meter Stoff geliefert, der Holzhandler 2000 Meter Balken. An den Kostümen haben in den Monaten Juli und September 25 Arbeiterinnen gearbeitet. Dazu kommen die Perückenarbeiter, die Schuhmacher, die Waffenarbeiter, die Stricker, die Friseure, kurz, es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt, daß alle diese verschiedenen Lieferanten gegen 190 Arbeiter mehrere Wochen lang für die eine Aufführung beschäftigt haben. Für die täglichen Aufführungen des »Julius Cäsar« muß das Odéon-Theater ein Personal von 45 Schauspielern, 250 Statisten, 60 Musikern, 70 Maschinisten und etwa 100 Angestellten (Kontrolleure, Ankleider, Türschließerinnen usw.) aufbieten. Aus alledem wird man sich eine Vorstellung machen können, was für einen ungeheuren Apparat die Aufführung eines großen Stückes, wie des »Julius Cäsar«, erfordert.«

*

Sprichworte.

Angeborene Mängel kann man nicht aus- und einsehen wie der Glaser die Fenster.

Wer verzagt ist im Bitten, macht den andern beherzt im Abschlagen.

Man braucht sieben Lügen, um eine Lüge zu bestätigen.

Um eines Hufeisens willen verdirbt oft ein Pferd,,

Kommt ein Ochs in fremdes Land,
Wird er gleich als Rind erkannt.

Den Bauern riecht der Mist für Bisam.

Ein Steckenpferd frißt mehr als hundert Ackergäule.

Der Fuchs ändert den Balg und behält den Schalk.

*

Seeräuberstreiche.

Die Piraterie gehört keineswegs schon ganz der Vergangenheit an, wie manche Leute annehmen. In den südchinesischen Gewässern namentlich soll die Seeräuberei noch in schönster Blüte stehen. Erst vor nicht langer Zeit erregte ein frecher Handstreich großes Aufsehen. Eine Bande von Piraten überfiel die Barkasse eines großen Dampfers, nahm den Passagieren und der Mannschaft alles ab und knebelte und fesselte sie. Dann benutzten die Banditen das erbeutete Boot, um ein größeres zu entern, und mit diesem wagten sie sich an das Fahrzeug des »Salt Kommissioner« und erbeuteten mehr als 40000 Mark. Nun wird von einem neuen Raubversuch berichtet. Der von Kapitän C.E. Page befehligte Dampfer »Chang Wai« verließ Hongkong und erreichte am nächsten Abend Shiu Hing. Hier kam eine so große Zahl chinesischer Passagiere an Bord, daß der Kapitän Verdacht schöpfte. Er befahl daher seiner chinesischen Besatzung, die neuen Gäste zu durchsuchen, eine Vorsicht, die seit dem Ueberhandnehmen des Piratentreibens allgemein angewandt wird. Etwa dreißig der Schar weigerten sich, sich der Prüfung zu unterwerfen, und sieben zogen Revolver. Der Kapitän verlor indessen seine Kaltblütigkeit nicht. Er beauftragte zwei seiner Leute, ihn mit ihren Gewehren zu decken, begab sich unauffällig unter die Menge, und in einem günstigen Moment erfaßte er den Wortführer, entwaffnete ihn im Handumdrehen und führte den Ueberrumpelten zum Hinterdeck. Diese entschlossene Tat verblüffte die Bande. Die »Chang Wai« ging unter Dampf, steuerte dem deutschen Kanonenboot »Tsingtau« entgegen und signalisierte den Tatbestand. Das deutsche Schiff setzte seine Boote aus und schickte eine Abteilung Matrosen an Bord des »Chang Wai«. Aber als man nun ins Zwischendeck hinunterdrang, um die Bande zu überwältigen, zeigte sich, daß die vom Kapitän aufgestellten Wachtposten die Piraten hatten entwischen lassen. Durch eine Luke waren sie in ein leeres Landungsboot, das längsseits lag, gestiegen und in der Dunkelheit spurlos entkommen. Der vom Kapitän festgenommene Wortführer entpuppte sich als ein berüchtigter Bandenführer. Er wurde enthauptet.

*

Vergebliche Müh'.

Keine Zeit und keine Macht ist imstande, den Wunsch nach Freiheit zu unterdrücken.

Macchiavelli.

*

Höfische Sitten von ehemals.

Als der Baron v. Pölnitz auf seinen vielen Reisen auch zum Kurfürsten von der Pfalz nach Heidelberg kam, wurde er vor das bekannte riesige Faß, den Stolz des Kurfürsten, geführt und ihm ein großer Humpen Weins als Willkommen gereicht. Dem Baron ward bange, denn als Kavalier mehr in den Künsten der französischen Galanterie erfahren, verstand er sich nicht so auf das Trinken wie die Herren vom Rhein. Gleichwohl wollte er sich nicht beschämen lassen, sondern trank tapfer und erspähte zugleich den glücklichen Augenblick, wo der Kurfürst sich einmal umwandte und schüttete den größten Teil seines Pokals zu Boden. Immer stärker aber wurde ihm zugesetzt, die » dames« nippten auf sein Wohl, und der geängstigte Höfling, der seine Kräfte schwinden fühlte, entschlüpfte in einem unbewachten Moment unter das Faß. Der Kurfürst indessen Vermißte alsbald seinen Gast und befahl, ihn »tot oder lebendig« zurückzubringen. Ein Page entdeckte endlich den Baron, dieser wurde vorgezogen und im Triumphe vor den Kurfürsten geführt, welcher seine Tochter und deren weiblichen Hofstaat zu Richterinnen über den Ausreißer ernannte. Trotz seines Protestes ward er verurteilt, sich zu Tode trinken zu müssen. Dieses Urteil änderte der Kurfürst jedoch »im Gnadenwege« dahin ab, daß Pölnitz vier große Faßgläser Weines, jedes zu einem halben Maß, leeren solle. Also geschah es, und – wenn auch nicht das Leben – so verlor der Verurteilte doch Sprache und Besinnung. Als er nach geraumer Zeit wieder zu sich kam und seinen Rausch ausgeschlafen, erfuhr er zu seiner großen Genugtuung, daß es seinen Richtern und Klägern nicht besser ergangen sei als ihm selbst, »und der Kurfürst sambt seiner durchlauchtigsten Tochter und denen Hoffräuleyns in einem wesentlich andern Zustand das Gewölbe verlassen hatten, denn sie dasselbe betreten.«

*

Ein Rat.

Liebe und heirate! Wenn du liebst, wo du nicht heiratest, wirst du leicht heiraten, wo du nicht liebst, und dann wünschen, weder geliebt noch geheiratet zu haben.

J. Weber.

*

Aus Monaco.

In seinem Buche »Zur See« berichtet Guy de Maupassant auch von einem Besuch in Monaco, diesem kleinen Staat mit seiner Spielhölle, »der kleiner ist als ein Dorf Frankreichs, aber in dem man einen absoluten Fürsten, Bischöfe, ein ganzes Heer von Jesuiten und Seminaristen, eine Artillerie mit gezogenen Kanonen ... findet, und das alles von einer köstlichen Toleranz für die Laster der Menschheit beseelt, von denen der Fürst, die Bischöfe, die Seminaristen, die Minister, die Armee, der Magistrat, kurzum die ganze Welt lebt.«

Das Buch enthält eine hübsche Episode von einem Gefangenen, die wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Albert Langen in München hier abdrucken:

... aus einem der letzten Jahre ist in dem Fürstentume ein ganz neuer und sehr ernster Fall zu verzeichnen.

Es wurde ein Mord begangen.

Ein Mann, aus Monaco gebürtig, nicht einer jener Heimatlosen, wie man sie an diesen Küsten zu Hunderten trifft, hatte im Jähzorn seine Gattin ermordet.

Er tötete sie ohne jeden triftigen Grund. Die Erregung war groß und allgemein.

Der oberste Gerichtshof trat zusammen, um über diesen außergewöhnlichen Fall (es war noch niemals ein Mord begangen worden) zu beraten und der Elende ward einstimmig zum Tode verurteilt.

Der empörte Fürst bestätigte dieses Urteil, dessen Vollstreckung man allgemein mit Spannung entgegensah, als plötzlich eine Schwierigkeit auftauchte: im ganzen Lande gab es weder einen Henker noch eine Guillotine.

Was tun? Auf Anraten des Ministers des Auswärtigen knüpfte der Fürst Unterhandlungen mit der französischen Regierung an und bat um leihweise Ueberlassung eines Henkers und des übrigen erforderlichen Apparats.

Im Ministerium zu Paris fanden endlose Beratungen statt. Endlich antwortete man, indem man gleichzeitig die Rechnung über die Transportkosten für den Mann und den Apparat beifügte. Das Ganze belief sich auf sechzehntausend Francs.

Seine Durchlaucht fand diese Operation ein wenig zu teuer; soviel war der Mörder denn doch nicht wert. Sechzehntausend Francs für den Kopf eines Halunken! Oh nein, er dachte gar nicht daran.

Darauf richtete man die nämliche Anfrage an die italienische Regierung. Ein König, ein Bruder, würde zweifellos weniger hohe Anforderungen stellen als eine Republik.

Die italienische Regierung schickte eine Rechnung über zwölftausend Francs.

Zwölftausend Francs! Man müßte eine neue Steuer einführen, eine Steuer von zwei Francs pro Kopf und das würde vielleicht ungeahnte Unruhen im Staate wachrufen.

So dachte man denn daran, den Schurken ganz einfach durch einen Soldaten enthaupten zu lassen. Aber als man dem General diese Angelegenheit unterbreitete, meinte dieser, seine Soldaten wären wohl in der Handhabung der blanken Waffe nicht geübt genug, um sich einer so heiklen und schwieligen Aufgabe unterziehen zu können.

Darauf rief der Fürst zum zweiten Mal den obersten Gerichtshof zusammen und legte ihm zum zweiten Mal die schwierige Frage vor.

Man beriet lange, ohne irgendeine praktische Lösung zu finden. Endlich schlug der erste Präsident vor, man möge doch die Todesstrafe in lebenslängliche Gefängnisstrafe umwandeln, und dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Allein es gab kein Gefängnis. Es mußte erst eins eingerichtet werden, und so ernannte man denn einen Kerkermeister, dem man den Gefangenen anvertraute.

Sechs Monate lang ging alles gut. Der Gefangene schlief den ganzen Tag auf dem Strohbündel in seiner Zelle, während der Wärter auf einem Stuhle vor der Tür das Gleiche tat.

Aber der Fürst ist sehr ökonomisch, das ist sein geringster Fehler, und läßt sich über die kleinsten Ausgaben, die sein Reich erfordert, genaue Rechenschaft ablegen (die Liste ist nicht sehr groß). Man legte ihm also auch die Rechnung über die durch diese neue Gründung bedingten Ausgaben für die Erhaltung des Gefängnisses, des Gefangenen und seines Wärters vor. Das Gehalt dieses letzteren belastete das Budget Seiner Durchlaucht ungeheuer.

Anfangs machte er gute Miene zum bösen Spiel; aber als er sich überlegte, daß das noch sehr lange dauern könnte (der Verurteilte war noch jung) befahl er seinem Kriegsminister, die nötigen Anordnungen zu treffen, um diese Ausgabe künftighin zu umgehen.

Der Minister beriet die Angelegenheit mit dem Präsidenten des Gerichtshofes, und beide kamen überein, daß man den Kerkermeister abschaffen müsse. Der Gefangene, dem man in so liebenswürdiger Weise die Aufsicht über sich selbst überließ, würde natürlich eines Tages entfliehen und so die Frage zur Befriedigung aller lösen.

Der Kerkermeister wurde also entlassen, und ein Küchenjunge des Palasts erhielt den Auftrag, dem Gefangenen morgens und abends sein Essen zu bringen. Dieser aber machte keinerlei Versuche, um seine Freiheit wiederzugewinnen.

So geschah es eines Tages, daß er, als man vergessen hatte ihm seine Speisen zu bringen, sich ruhig auf den Weg machte, um sie selbst zu holen; und seitdem machte er es sich zur Gewohnheit, dem Küchenjunge den Weg abzunehmen und die Mahlzeiten im Palast selbst in Gesellschaft der Dienerschaft einzunehmen, mit der er sich alsbald sehr anfreundete.

Nach dem Frühstück unternahm er einen kleinen Abstecher nach Montecarlo. Manchmal trat er ins Kasino ein und setzte fünf Francs auf das grüne Tuch. Wenn er gewann, nahm er in einem gut renommierten Hôtel ein splendides Mittagessen ein, und kehrte dann in sein Gefängnis zurück, dessen Türe er sorgfältig von innen verschloß.

Nicht ein einziges Mal übernachtete er auswärts.

Die Situation begann sehr heikel zu werden, nicht für den Verurteilten, aber für die Richter.

Zum dritten Mal trat der Gerichtshof zusammen, und nun beschloß man, den Gefangenen aufzufordern, das Fürstentum Monaco zu verlassen.

Als man ihm diesen Beschluß mitteilte, antwortete er gelassen:

»Sie sind wirklich komisch. Was soll denn eigentlich aus mir werden? Existenzmittel habe ich nicht mehr. Eine Familie ebensowenig. Was soll ich denn anfangen? Ich war zum Tode verurteilt. Sie haben mich nicht hinrichten lassen. Ich habe geschwiegen. Darauf haben Sie lebenslängliche Gefängnisstrafe über mich verhängt und mich einem Kerkermeister anvertraut. Sie haben mir meinen Wärter genommen. Ich habe noch immer geschwiegen.

Und nun wollen Sie mich aus dem Lande jagen. Aber daraus wird nichts. Ich bin Gefangener, Ihr Gefangener, und durch Sie verurteilt. Ich büße meine Strafe getreulich ab. Ich bleibe hier.«

Der oberste Gerichtshof war starr und sprachlos vor Staunen, der Fürst geriet in unbeschreibliche Wut und befahl, daß man andere Maßregeln ergreife.

Da begann man von neuem zu beraten.

Und beschloß nun, dem Schuldigen eine jährliche Rente von sechshundert Francs anzubieten, falls er sich verpflichten wolle künftig im Ausland zu leben.

Darauf ging er ein.

Fünf Minuten vom Fürstentum entfernt kaufte er sich ein kleines Stückchen Land, auf dem, er glücklich und zufrieden lebt, Gemüse und Kartoffeln baut und die Potentaten verachtet.

*

Ein Verblüffter.

Als im Jahre 1500 sich Westfriesland gegen den Herzog Albrecht von Sachsen empört hatte, kam diesem ein ostfriesischer Graf mit seinen Söldnern zu Hülfe und besiegte die Stadt Groningen. Nur die Burg Müden in der Nähe der Stadt widerstand noch, und ihr Kommandant, ein Bürger Groningens, Jean Hoetfilter, hatte gedroht, sie bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Leider ließ er sich von seinen Feinden verblüffen. Die holten nämlich aus dem Kloster Witterverum das größte Butterfaß (Butterkärne), dessen weit ausgeschweifter Rand nach friesischer Weise oben breit mit blankem Kupfer beschlagen war. Diese Butterkärne wurde auf Räder gelegt, Pferde vorgespannt und in Schußweite herangezogen, so daß die Mündung, die in der Sonne blitzte, gähnend gegen Müden drohte. Jan Hoetfilter sah das Ungeheuer herankommen. Entsetzt überlegte er, daß gegen die Kugel, die aus der Mündung eines solchen Riesengeschützes abgefeuert würde, die Mauern seiner Burg nicht Widerstand leisten könnten. Er steckte seinen Hut heraus, ein Zeichen, daß er zum Unterhandeln bereit sei. Man bewilligte ihm und seiner Mannschaft freien Abzug, und so ward Müden erobert – durch ein Butterfaß.

*

Ein ruhiges Zimmer.

In einer alten Zeitung stand das folgende Geschichtchen, das die echte Berlinerin und »Schlummermutter« von ehemals sehr hübsch charakterisiert: Der Konrektorssohn Carl S. aus T...tal, der sich in Berlin studiumshalber aufhalten sollte, suchte ein Logis. Aus dem Intelligenzblatt hatte er sich ein Dutzend möblierte Zimmer notiert und mit der Liste in der Hand durchschritt er die Residenz. Hauptsache für den Theologen war, ein ruhig gelegenes Stübchen zu finden, um ungestört die Goldkörnchen der Moral aus der unendlichen Bänderreihe der Kirchenväter herauszusuchen. Nachdem der Student drei oder vier Treppen hoch geklettert, Zimmer unterm Dach und im Souterrain, nach vorn und nach hinten hinaus angesehen hatte, ohne ein passendes Heim gefunden zu haben, kam er in eine ziemlich entlegene Straße, wo in einem alten Hause, laut Annonce, zwei Treppen hoch »ein gut möbliertes Zimmer an einen ruhigen Mieter billig zu vergeben« sein sollte. Er klingelte, eine alte Frau in einfachem Hausgewande öffnete und zwischen beiden entwickelt sich nun folgendes Zwiegespräch: »Sie haben ein Zimmer zu vermieten?«

»Ja, mein Herr! Treten Sie man 'rin; hier ist es.«

»Das Zimmer ist nur klein, aber für mein Studium reicht es aus. Was verlangen Sie Miete?«

»Ja, sehn Sie, lieber Herr! früher, als mein seliger Mann noch lebte – ich bin nämlich Witwe und mein Mann seliger war Exekutor bei's Kreisgericht und Sonntags blies er die Klarinette bei Puhlmanns auf die Schönhauser Allee, wo sie jetzt den geschundenen Raubritter geben, geradeüber wohnt Schultheiß –«

Mieter schreit: »Was das Zimmer kostet?«

»Sie brauchen nicht zu schreien; ich bin nicht taub. Was das Zimmer kostet?«

»Ja.«

»Vor zehn Jahren noch fünf Taler monatlich, denn dazumals waren die Wohnungen noch billiger als heute; aber durch die Gründer ist das alles so hoch getrieben, aber Tessendorf (Berliner Staatsanwalt) wird es ihnen jetzt schon besorgen, was sagen Sie bloß zu Strausbergs?«

Mieter hält sich die Ohren zu.

»Was fehlt Ihnen denn?«

»Ich habe vom Geschwätz Ohrenreißen.«

»Ohrenreißen? Da kann ich Ihnen gleich 'n Mittel sagen: Zerstoßen Sie Kampfer mit Paprika und gehn damit bei Neumond auf'n Kreuzweg –«

»Was kostet das Zimmer?«

»Ach so! monatlich zehn Taler, den Kaffee berechne ich Ihnen die Tasse mit zwanzig Pfennige, das heißt ohne Schrippe (Brötchen), mit Schrippe fünfundzwanzig Pfennige, und wenn sie geschmiert sein soll, dreißig Pfennige, Stiebelputzen is extra.«

»Ich sehe da im Hintergebäude eine Menge großer Fenster mit kleinen Scheiben, was ist das?«

»Eine Bautischlerei, da arbeiten dreißig Gesellen, alles anständige Leute. Einer davon wollte meine Dochter heiraten, sie heißt Eulalia und ist heute gerade zwanzig Jahr; dreimal war sie schon verlobt, aber alle Bräutigams sind wieder abgeschnappt. Ich sage Ihnen, was ich mit das Mädchen für Pech habe! –«

»Aber ich bitte Sie, wenn die dreißig Tischlergesellen in der kurzen Entfernung anfangen zu hämmern, zu hobeln, zu sägen, das muß ja einen Höllenlärm verursachen.«

»Zum Verrücktwerden is es manchmal; aber bloß die erste Zeit, in drei Monaten haben Sie sich an den Spektakel gewöhnt, daß Ihnen Sonntags was fehlen wird, wenn keener hammert.«

»Dann dürft ich wohl auch bei Tage gar nicht das Fenster öffnen?«

»Anzuraten is es nicht; denn die Gesellen schmeißen manchmal kleene Abschnitte hier 'rin, bloß um Spaß zu machen, sonst sind sie sehr gemietlich. Der vorigte Mieter von dieß Zimmer, ein Aktewarius, sein Onkel war Zanitätsrat, bei dem seine Mutter hab ich mal gedient –«

Mieter setzt wütend seinen Hut auf:

»Morgen bring ich Ihnen Bescheid, Adieu!«

»Adjes ooch!« ruft ihm diese nach; »wenn Sie erst bei mich wohnen, komme ich des nachmittags, wenn ich aufgewischt habe, mit die Nähmaschine auf Ihre Stube!«

*

Einer, der sich nicht verblüffen ließ.

Bei Voltaire, dem französischen Dichter und Philosophen, ließ sich eines Tages ein Fremder melden. »Sage, ich sei nicht zu Hause,« rief Voltaire, überdrüssig, von so vielen nach Paris kommenden Fremden als Schaustück betrachtet zu werden, dem Diener zu. Dieser gehorchte. Aber der Fremde antwortete: »Ich hörte ja soeben Euren Herrn sprechen!« Der Diener berichtete dies zurück, »Nun, so sage, ich sei krank,« – »Gut,« sagte der Fremde zu dem Diener, »ich bin Arzt und will ihm den Puls fühlen.« Wieder meldete dies der Diener, »Zum Henker, sage, ich sei gestorben!« schrie Voltaire. Der hartnäckige Besucher aber sagte kalt: »Wohl, so will ich ihn zu Grabe begleiten; er ist nicht der erste.« – »Seht doch den Starrkopf!« rief Voltaire, »er mag eintreten!« Der Fremde trat ein und Voltaire sagte voll Verdruß: »Sie halten mich wohl für ein fremdes Tier? Aber es kostet 12 Sous, mich zu sehen.« – »Hier sind 24,« sagte der Fremde ruhig, »denn ich komme morgen noch einmal.«

*

Die Zeitungsente.

Das im Jahre 1776 in Paris erschienene »Industrielle Lexikon« weist folgende Anekdote auf: »Die Landwirtschaftliche Zeitung« veröffentlicht ein seltsames Verfahren, um wilde Enten zu fangen. Man kocht eine stalle und lange Eichel in einem Absud von Sennesblättern und Jalappe. Die so zubereitete Eichel bindet man an einen dünnen, aber starken Faden in der Mitte fest und wirft sie darauf ins Wasser, das Ende des Fadens behält man in der Hand und verbirgt sich. Die Ente schwimmt heran und verschluckt die Eichel; diese hat aber in ihrer Zubereitung eine stark abführende Wirkung und kommt infolgedessen sofort wieder zum Vorschein; darauf naht eine andere Ente und verschluckt die Eichel von neuem, um sie gleichfalls wieder von sich zu lassen; das Spiel wiederholt sich bei einer dritten, vierten usw., und alle Enten reihen sich somit an einem Faden auf. Ein Huissier (Türhüter) in der Nähe von Gué-de-Chaussée hatte auf solche Weise zwanzig Enten an einem Garn gelangen. Plötzlich aber flogen die Enten auf und nahmen den Huissier mit; der Faden riß, der unglückliche Jäger stürzte und brach ein Bein,« – Diese Münchhauseniade ist die Stammutter der französischen canard und das Urbild der deutschen Zeitungsente.

*

Effekte.

Ein bekannter Schauspieler aus Berlin gastierte auf einer österreichischen Bühne in dem Shakespeareschen Drama als Othello, »Hören Sie mal,« sagte der Künstler in der Probe zu dem Darsteller des Jago, als die große Szene zwischen beiden im dritten Akte kam, »hier habe ich eine Nuance, auf die noch kein Othello bisher gekommen ist. Wenn ich Sie nämlich bei den Worten: »Beweis' Schurke usw.« an der Gurgel packe und zu Boden werfe, dann spucke ich Ihnen ins Gesicht; das wird einen ganz kolossalen Effekt machen,« – »Ja, dös is famos,« entgegnete der Darsteller des Jago, »in dieser Szene hab i auch eine Nüance, die i no von kein Jago g'sehn hab: wann Sö mir nämlich ins G'sicht g'spuckt hab'n, da steh i halt auf und hau Ihnen a ganz g'hörige Watschen herunter. Passens auf, Kollege, was dös für an kolossalen Effekt machen wird,« – Nach diesem Vorschlage des Oesterreichers verzichtete der Norddeutsche auf seinen Effekt.

*

Die Mutter im Sprichwort.

Der Deutsche sagt: »Ist die Mutter noch so arm, gibt sie doch dem Kinde warm.« – »Wer der Mutter nicht folgen will, muß endlich dem Gerichtsdiener folgen.« – »Muttertreu wird täglich neu.« – »Besser einen reichen Vater verlieren als eine arme Mutter.« – »Was der Mutter bis ans Herz geht, geht dem Vater nur ans Knie.« – Im Hindostanischen heißt es: »Mutter mein, immer mein, möge reich oder arm ich sein.« – Der Russe sagt: »Das Gebet der Mutter holt vom Meeresgrund herauf.« – Der Venetianer: »Mutter, Mutter! Wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie.« – Der Czeche und Lette sagt: »Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt.« – Fast bei allen Völkern findet sich das Wort: »Eine Mutter kann eher sieben Kinder ernähren als sieben Kinder eine Mutter.« – Den Verlust der Mutter kennzeichnet ein Sprichwort der Russen so: »Ohne die Mutter sind die Kinder verloren wie die Biene ohne Weisel (Königin)«. – Für die unzähligen Leiden der Mutter haben die Italiener wohl das kürzeste und treffendste Wort gefunden: »Mutter, will sagen: Märtyrerin.«

*

Die Erfindung des Schachspiels.

Unter den vielen Sagen über die Erfindung dieses Spieles ist eine, die erzählt, der Brahmine Sosa habe dasselbe vierhundert Jahre vor Christi Geburt erfunden, um dem König Schachram, der das Volk verachtete, durch das Schachspiel die Lehre zu geben, daß ein Herrscher ohne die Geringen nichts vermöge. Der über die geistreiche Erfindung des Spieles entzückte König erlaubte den Brahminen, sich eine Gnade zur Belohnung von ihm erbitten zu dürfen. Der Brahmine begehrte, daß man ihm für das erste Feld im Schachbrett ein Weizenkorn, für das zweite zwei, für das dritte vier, für das vierte acht, für das fünfte sechzehn Weizenkörner und so fort, in geometrischer Progression die Körner bis zum 64. Felde verdoppelt, geben und den ganzen Betrag schenken möge. Seine Majestät der König Schachram war fast ungehalten über die ihm so unbedeutend scheinende Forderung, die er beinahe für Spott nahm; wie groß war jedoch sein Erstaunen, als er vernahm, daß alles Getreide, welches jemals die Erde hervorgebracht, die verlangte Zahl Körner nicht liefern würde. Sie betrug 18,000,000,00,000,000,000 Körner, welche beinahe fünfzehn Billionen Kubikfuß oder vierzehn und eine halbe Billion englischer Scheffel ausmacht, die einen Raum von 2200 Quadratmeilen, auf denen das Korn dreißig Fuß hoch läge, einnehmen würde!

*

Ein gefährlicher Fisch.

Wenn man den Berichten aufmerksamer Reisenden glauben darf, dann besitzt Brasilien in der Piranha (nach einem Fluß so genannt) einen Sägefalmler (Serrasalmo Piranha), der trotz seiner Kleinheit, er wird nur etwa 12 Zoll lang, dem gefürchteten Hai an Gefährlichkeit nicht nachsteht. In den inneren Gegenden Brasiliens – so schreibt ein Forscher –, wo die Bewohner aller Rassen an die vielfältigsten Gefahren gewöhnt sind, welche das Leben der Waldläufer darbietet, ist die Tigerjagd ein Spiel, der Kampf mit den Alligatoren ein gewöhnlicher Zeitvertreib, das Zusammentreffen mit der Boa oder einer Klapperschlange ein häufiges Ereignis, so daß die Gewohnheit hier gelehrt hat, alle diese Gefahren kaum zu beachten. Spricht man ihnen aber von der Piranha, so steht man Entsetzen sich in ihren Gesichtern malen, weil in der Tat die Piranha das furchtbarste Tier dieser Wildnis ist. Selten hält ein angeschwollener Strom die Schritte des Jägers auf, aber selbst der Unerschrockenste wagt es nicht, das nur wenige Klafter entfernte jenseitige Ufer zu gewinnen, sobald er die Piranha in dem Wasser vermutet. Bevor er die Mitte des Flusses noch erreicht, würde in diesem Falle sein Körper durch Tausende der schrecklichen Tiere in wenigen Minuten zu einem Skelette gleich dem Präparate eines anatomischen Museums umgewandelt werden. Die Gier der Piranhas wurde denn auch in der Tat von den Indianern am Orinoco ehemals dazu benutzt, ihre Toten, deren Skelette sie aufbewahrten, präparieren zu lassen, indem sie die Leichname eine Nacht im Flusse aufhingen. Man hat erlebt, daß kühne Jäger in solchen Lagen sich dem Hungertod eher überließen, als sich einer Gefahr aussetzten, gegen welche weder Kraft noch Mut etwas ausrichten konnten. Selbst von Ochsen, Tapiren und anderen großen Tieren, welche an solchen Stellen ins Wasser gingen, wo die Piranha häufig ist, ließen deren messerscharfe Zähne nach wenigen Minuten nur Skelette übrig. Diese Fische fallen über alles Lebendige her, das in ihren Bereich kommt; selbst Unken und Krokodile erliegen ihnen regelmäßig; nur die Fischotter allein, die unter ihrem langen, dichten Haare durch eine filzartige Decke geschützt ist, soll die Piranhas in die Flucht treiben. Zum Glück für die Bewohner jener Gegenden lieben diese gefährlichen Fische nur stillere Gewässer, und wer nur einigermaßen mit ihrer Lebensweise vertraut ist, kann ihnen leicht aus dem Wege gehen. Trotz der Fährlichkeit, welche die von Piranhas bewohnten Gewässer bieten, scheuen sich die Eingeborenen nicht, ihnen als Nahrungsmittel nachzustellen, indem sie die blinde Gier, mit welcher diese Fische nach jedem Köder haschen, sofern derselbe nur ein fleischartiges Aussehen hat, als Mittel beim Angeln benutzen.

*

Ziethen.

Vom »alten Fritzen« wird erzählt, daß er es liebte, seinen Reitergeneral Ziethen zu hänseln, wobei der erstere nicht immer gut weggekommen sein soll, denn Ziethen war kein Höfling von der heute existirenden Sorte, die vor allen Majestäten die Rücken krumm macht. Einmal, als Ziethen zur Tafel beim König war, befahl dieser, es solle dem ersteren kein Löffel zur Suppe hingelegt werden. Als die Suppe aufgetragen wurde, sagte er zu Ziethen, der ihm gegenübersaß: »Nun lange Er zu, aber ein Hundsfott, wer heute nicht seine Suppe aufißt.« Ziethen tat, als merke er die Absicht nicht, ihn in Verlegenheit zu bringen, sondern schnitt sich ruhig einen Löffel aus einer Kante Brot, die er aushöhlte, und aß mit demselben seine Suppe. Wie er aber fertig war, sah er sich lächelnd bei Tische um und sagte: »Mit der Suppe wären wir fertig, aber nun, meine Herren, ein Hundsfott, wer nicht seinen Löffel aufißt«, – und damit aß er ruhig den seinigen auf.

*

Sprichworte.

Wenn man das Kalb sticht, so wird kein Ochse daraus.

Wer lobt in praesentia
Und schilt in absentia
Den hol' pestilentia.

Wer springen will, geht erst rückwärts.

Wer den Nagel bis an den Kopf einschlägt kann den Hut nicht daran hängen.

Zu viel Demut ist schalkhafter Hochmut.

Wirb, das Glück ist mürb.

Wer selber mausen kann, braucht keine Katze.

Keine teurere Henne als die geschenkte.

Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man den Fidelbogen aufs Maul.

*

Selbsterkenntnis.

Von Dr. Chivac, dem Leibarzt des Herzogs von Orleans, erzählt man sich, er sei so beschäftigt gewesen, daß er an seine eigene Gesundheit nie gedacht. Endlich ging's doch nicht mehr; eine Krankheit plagte ihn schon lange, er faßte sich zerstreut an den Puls und murmelte vor sich hin: »Der Kerl ist verloren! Das kommt von der unbegreiflichen Dummheit dieser Esel von Menschen, daß sie immer erst den Arzt rufen, wenn's zu spät ist!«

*

Ein Fürst zu Lessings Zeiten.

Herzog Karl I. von Braunschweig (1735-1780) war, so schreibt Friedrich Kapp in seinem Buche »Der Soldatenhandel deutscher Fürsten«, einer der prachtliebendsten, leichtsinnigsten und verschuldetsten Fürsten, von denen Deutschland im vorigen Jahrhundert heimgesucht war. Sein Ländchen, das bei einer Größe von einigen sechzig Quadratmeilen mit etwa 150 000 Einwohnern kaum anderthalb Millionen Taler Einkünfte abwarf, war allerdings durch den siebenjährigen Krieg hart mitgenommen worden, allein erst des Herzogs üble Wirtschaft hatte es an den Rand eines Bankrottes gebracht. Die Schulden beliefen sich auf nahezu zwölf Millionen Thaler. Karl lebte aber auf einem Fuße, als ob ihm die reichen Hülfsquellen eines großen Königreichs zu Gebote ständen. Italienische Oper und französisches Ballet, auswärtige und einheimische Maitressen, Militärspielerei und Alchimie verschlangen ungeheure Summen. Der Theaterdirektor und Kuppler Nicolini, ein unbedeutender italienischer Abenteurer, hatte 30 000 Thaler jährlichen Gehalts; unser großer Lessing aber, der zu jener Zeit in der bescheidenen Stellung eines herzoglichen Bibliothekars »einem verschüchterten Geschlecht mißhandelter Kleinbürger zuerst die Seele mit freien, menschlich heiteren Empfindungen erfüllte« und unser Volk zum Bannerträger des freien Geistes erheben half, unser Gotthold Ephraim Lessing bezog ein Gehalt von 300 Talern jährlich. (!) Dort lernte er »lieber hungern als niederträchtig sein«; mußte er doch um eine armselige Gehaltszulage von 200 Thaler länger als drei Jahre supplizieren! »Es ist ein Irrtum,« schrieb er seiner Freundin und spätern Gattin, Eva König, aus Wolfenbüttel, »daß kleine Souveraine den Gelehrten und Künstlern förderlich seien; sie sind es nur in dem Maße, als Wissenschaft und Kunst ihnen Amusement machen und man ihnen hofmännisch schmeichelt. Das verstehe ich nicht. – – Ich fühle mich hier, als wäre ich in einen Sarg gedrückt; ich kann keine Bücklinge machen, um mich zu empfehlen. Lichtenberg verkümmert im kleinen Göttingen, Möser im kleinen Osnabrück; beide zehren von den Erinnerungen aus England, wie ich aus Leipzig und Berlin ...«

*

Auch eine Erfindung.

Im Jahre 1812 kaufte ein als sonderbarer Kauz bekannter Engländer namens Hatton von einem französischen Gefangenen, der in Perbe festgesetzt war, eine Art von Spielzeug, das aus einer um eine wagerechte Achse beweglichen Trommel bestand. In diese Trommel war eine Maus eingesperrt, die nun bei jeder Bewegung den Apparat in eine Drehung versetzte. Noch heute findet man ja in Gärten und Höfen auf dem Lande häufig genug einen traurigen Eichkater in eine solche Tretmühle hineingezwängt. Meister Hatton meinte, eine derartig sinnige Einrichtung müßte sich praktisch verwerten lassen. Er sah darin einen Motor, dessen Anschaffung und Unterhaltung fast nichts kostete, und suchte nach einer nutzbringenden Anwendung dafür in irgendeiner Industrie. Seine Wahl fiel darauf, die Maus an der Herstellung eines Nähfadens arbeiten zu lassen, und er ließ es sich nicht verdrießen, diese Idee in die Wirklichkeit zu übersetzen. Die arme Maus brachte es in ihrer Tretmühle wirklich auf die stattliche Leistung, 16 Kilometer Faden am Tag zu drehen. Wenn man ihr einen wöchentlichen Feiertag schenkte, lieferte eine Maus im Durchschnitt während eines Jahres etwa 5000 Kilometer Garn. Trotzdem war das eigentliche Ergebnis nicht so befriedigend. Es stellte sich heraus, daß eine solche Maus in ihrer Arbeit im Vergleich zu einem menschlichen Arbeiter nur eine Ersparnis von 7,50 Mark im ganzen Jahr zu Wege gebracht hätte. Hatton kündigte nach einiger Zeit an, daß er 15 000 Mäuse gekauft und eine verfallene Kirche gemietet hätte, wo er lauter Mäusetrommeln unterbringen und seine Nähfadenfabrik eröffnen wollte. Er wußte auch schon die Ziffern des Vermögens anzugeben, das er auf diesem Wege in einer bestimmten, geringen Zahl von Jahren erworben haben wollte. Er starb aber bald darauf, und die Welt kam daher um den Vorteil, wenigstens auf einige Zeit – lange hätte es wohl nicht gedauert – eine Garnfabrik mit 15 000 Mäusen als einzigen Arbeitern zu besitzen.

*

Ein Feinfühliger.

Esais Tegner, der Sänger der »Frithjofssage«, war als Mensch eine der zartfühlendsten und rücksichtsvollsten Naturen. Als junger Student ging er einmal mit einem Kommilitonen in den Anlagen der Universität Lund spazieren. Plötzlich faßte er seinen Freund heftig am Arm und zog ihn unter allen Zeichen der Verlegenheit in einen Seitenweg. »Was gibt es denn?« fragte letzterer verwundert. – »Siehst du nicht den Doktor G. kommen?« – »Nun ja, aber was für einen Grund hast du, ihm auszuweichen? Bist du ihm etwa Geld schuldig?« – »Wo denkst du hin! Im Gegenteil, ich habe ihm eine kleine Summe vorgeschossen, die er mir noch nicht zurückerstatten konnte, und da dachte ich, mein Anblick könnte ihm vielleicht peinlich sein.«

*

Freudloses Leben.

Ein Leben ohne Freude ist eine weite Reise ohne Gasthaus.

Demokrit.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.