Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christian Reuter >

Schelmuffsky

Christian Reuter: Schelmuffsky - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorChristian Reuter
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004343-3
titleSchelmuffsky
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1696
Schließen

Navigation:

Das achte Capitel.

Nun wuste ich der Tebel hohlmer dazumahl nicht, wo ich von dar zu marchiren solte. Keinen blutigen Heller im Leben hatte ich, wie der elendeste Bettelbube ging ich, vor nichts rechts sahe mich kein Mensche mehr an und wuste also mein Leibe keinen Rath, wie ich von St. Malo wieder fortkommen wolte. Endlich so ging ich hin, wo die Schiffe abfuhren, da erzehlete ich den einen Schiffer mein Unglücke und wie mirs gegangen wäre und bath ihn, wenn er abführe, er möchte mich doch mitnehmen – ich wollte ihn gerne auf dem Schiffe mit an die Hand gehen. Der Schiffmann liesse sichs gefallen, denn es war ein Engelländischer Schiffer und hatte in Franckreich schöne Waaren geholet. Der erbarmte sich endlich über mich und nahm mich mit. Da muste ich nun, wenn Sturm kam und die Wellen davon ins Schiff schlugen, immer auf den Schiffe plumpen, damit die kostbaren Sachen nicht etwan naß würden. So kriegte ich bey ihn zu essen und zu trincken.

Als wir nun wieder bey Londen vorbey fuhren, sagte ich zum Schiffer, daß mir das Plumpen so sauer würde und ich könte es unmöglich länger ausstehen; bäthe ihn, er möchte mich da lassen aussteichen, ich wolte meinen Weg nach der Stadt zu nehmen. Der Schiffer war mir hierinnen auch nicht zu wider, sondern fuhr mit seinen Schiffe ans Ufer, ließ mich meiner Wege gehen und schiffte von dar weiter fort.

Ich war her und setzte mich da bey den Wasser nieder, zoge meine Schuh aus, bund sie an einander, hängete sie an den Arm und marchirete in meinen zerzodelten Strümpffen halb barfuß immer nach den Thore der Stadt Londen zu. Wie ich nun an dasselbe kam, so stund ich stille und besann mich eine gute Weile, wo ich mein Qvartier da aufschlagen wolte, weil ich keinen Heller Geld hatte. Erstlich war ich willens, bey den Alamode Töpffer wieder einzukehren, allein so dachte ich, was wird der Mann immer und ewig dencken, wenn die vor einen halben Jahre sich alda sehr wol aufgeführete Standes-Person wie der ärgste Landstreicher itzo da aufgezogen kömt? Hernach hatte ich auch willens, ich wolte bey Herr Toffeln, den vornehmen Lord, einkehren. Alleine so dachte ich auch, wenn es seine Jungfer Muhmen erfahren würden, daß ich so elende aus Spanien wiederkommen, so dürfften sie mirs nicht alleine gönnen, sondern sie würden mich auch noch darzu brav auslachen, daß ich vormahls nicht bey sie geblieben. Endlich resolvirete ich mich und nahm meinen Abtritt flugs haussen in der Vorstadt auf der Bettelherberge, allwo ich noch Bettler antraff, denen ich vor einen halben Jahre mit einigen Allmosen sehr viel guts erzeiget hatte. Auch etliche zu mir sagten: Mein Gesichte wäre ihnen bekandt und sie solten mich sonst wo gesehen haben; allein sie konten sich nicht mehr drauf besinnen. Ein kleiner Bettel-Junge fing unter andern an und sagte, daß ich bald aussähe wie der vornehme Herre, der vor einen halben Jahre in Londen mit den vornehmsten Dames wäre immer in der Kutsche gefahren und hätte ein Goldstücke mit einer Kette allezeit aus der Kutsche herausgehängt, bey welchen so viel Schock Jungen stets neben hergelauffen u. das Goldstücke so angesehen. Ich ließ mich aber nichts mercken, daß ichs war, und wenn ichs ihnen auch gleich gesaget, sie hätten mirs der Tebel hohl mer nicht einmahl geglaubet.

Den andern Tag war ich her, weil ich kein Geld hatte, und gieng in die Stadt Londen hinein. Da sprach ich die Leute, welche mich zuvor als eine Standes-Person noch nicht gesehen, um einen Zehr-Pfenning an, denn an die Oerther, wo ich vormals war offters zu Gaste gewesen, kam ich der Tebelhohlmer nicht, denn Sie hätten mich leichte kennen mögen. Und wenn ich vor Hr. Toffeln seinen Hause vorbey gieng, so zog ich allemahl die Mütze in die Augen, damit mich niemand kennen solte. Ich traf auch ungefehr einen halben Landsmann in Londen an, welches ein brav Kerl war und im Kriege sich schon tapffer erwiesen hatte. Denselben erzehlete ich mein Unglücke. Er verehrete mir auch 1 Rthler und versprach mir, mich frey wieder mit in meine Heimbte zu nehmen; allein ich hatte den Ort vergessen, wo ich nach ihn fragen solte u. kunte denselben also von der Zeit an, als er mir den Thlr. schenckte, nicht wieder antreffen.

Zu meinen grossen Glücke fuhren gleich 2 Tage hierauf 3 Fracht Wagen aus Londen nach Hamburg. Da bath ich die Fuhrleute, daß sie mich mit nehmen solten, ich hätte nicht viel zu verzehren. Die Fuhren waren gantz gut und sagten: Wenn ich ihnen des Nachts ihre Wagen bewachen würde, so wolten sie mich Zehrfrey biß nach Hamburg mit nehmen. Ey Sapperment, wer war froher als ich! Ich sagte, hertzlich gerne wolte ichs thun. Hierauf nahmen sie mich nun mit sich, und ich muste mich forne in die Schoßkelle setzen und fahren.

Wenn wir nun Abends ins Quartier kamen, so gaben sie mir allemahl den Kopff oder den Schwantz vom Häringe und ein groß Stück Brod darzu, das muste ich nun in mich hinein reiben. Hernach schanckten sie mir auch einmahl dazu und hiessen mich unter ihre Wagen legen und wachen. Das währete nun eine Nachte und alle Nächte, biß wir in das letzte Wirths-Hauß nahe vor Hamburg kamen, alwo ich von Fuhrleuten Abschied nahm. Sie fragten mich zwar, ob ich nicht vollends mit nach Hamburg wollte. Ich bedanckte mich, doch wäre ich wohl gerne mit hinein gewesen. So aber stunde ich in Sorgen, es möchte mich etwan iemand noch da kennen und hernach solches der Rädel-Wache sagen, daß ich der und der wäre, welcher vor etlichen Jahren Ihrer so viel auf einmal zu Schanden gehauen und über den Hauffen gestossen hätte. Traute also nicht, sondern nahm von den nähesten Dorffe vor Hamburg meinen March oben im freyen Felde weg und gieng so lange, biß ich in ein ander Gebiethe kam, daß ich vor der Rädel-Wache recht sicher war.

Hernach so bettelte ich mich von einem Dorffe zu dem andern, biß ich endlich das Schelmerode wieder erblickte und allda nach meiner überstandenen sehr gefährlichen Reise – so wohl zu Wasser als Lande – meine Fr. Mutter frisch und gesund wieder zusprach. Mit was vor Freuden die ehrliche Frau mich damahls bewillkommten will ich beym Eingange des andern Theils künfftig sehr artig auch an den Tag geben. Vor dieses mahl aber hat nun der Erste Theil meiner wahrhafftigen, curiösen und sehr gefährlichen Reise-Beschreibung zu Wasser und Lande ein

ENDE.

 

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.