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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 8
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Eine Pfingstrede.

Es ist eine Kanzel, und wer weiß wo? es ist eine Gemeinde, und wer weiß ihren Namen? es sprach ein Redner ohne Amt und ohne Titel:

Wir sind hinausgezogen in grüner Frühsommerszeit da die Saaten wogen und die Vögel singen, und unser ist es, gemeinsam den Blick zu tauchen in die weite offenbare Welt. Hier sind wir Alle, und mit uns Pflanze und Thier und Stein, und die Luft und die Sterne; nur die Sonne sehen wir, weil sie andere Sterne verdunkelt, die jetzt gleicherweise über uns stehen, wie in der stillen Nacht, und anderen Welten leuchten andere Sonnen, jegliche in ihrem Kreise. Der Mensch aber nennt die Welt sein, die er mit seinem Geiste durchdringt, und der Mensch ist über den Thieren, über Pflanze und Stein, weil die Sonne des ewigen Geistes aus ihm leuchtet.

Ich bin hier herauf gestiegen, nicht weil ich bin über euch, sondern weil ich bin aus euch, und eure Gedanken sind die meinen, und ich spreche: Heilig ist der Arbeitstag!

Wie! ruft ihr vielleicht, willst du den Sabbath schänden, und ihm die Krone nehmen? – Fern sei das von euch und von mir.

Ich will euch nur sprechen von der Krone und Majestät des Menschen, und die heißt: Arbeit. Welches ist das höchste Laster, und ist doch nicht Begierde, nicht Leidenschaft? Es ist die Trägheit. Wie der Mensch allein durch seinen Willen arbeiten kann, so kann der Mensch allein auch träge sein; die Hölle des Lebens ist das Wünschen des Faulen, er kann nichts als wünschen; das Paradies des Lebens aber öffnet sich der Arbeit.

Hier stehen wir im Paradiese des Erdenlebens, und der Himmel ist so blau wie am ersten Schöpfungstage, die Sonne leuchtet so hell, die Vögel singen so fröhlich, Baum und Halm grünen so wonnig, die Wasser fließen so labend aus den Bergen und durch die Thale, und wir stehen mitten im Paradiese. Und dieß Paradies ist unser, unser durch die Arbeit. Freilich sehe ich viele von euch lächeln, und in sich hineindenken: deine Hand weiß wohl nichts von Schwielen, deine Stirne nichts von Arbeitsschweiß! Unser Paradies wäre das, wo man essen und trinken und wenig oder gar nichts arbeiten mag; auf uns aber lastet der Fluch, der schon gegen den Urvater ausgesprochen wurde, und noch zwiefach mehr, denn wir können nicht im Schweiße unseres Angesichtes unser Brod essen, wir müssen bei allen Mühen hungern! Die Arbeit ist der Fluch der Erbsünde, und er hat sich noch unsäglich vermehrt!

Ich will auf alles dieß antworten; nicht aus mir, aus euch.

Was unterscheidet den Menschen vom Thiere? Das Thier baut sein Nest und sucht seine Nahrung; es bereitet sie nicht, es findet sie. Vom Thier erkennen wir keinen Beruf als den, daß es lebe, durch sein Dasein die Mannigfaltigkeit, die Gesetze der Naturkräfte darstelle; das Thier kann sich keinen Beruf wählen, der Mensch aber kann und muß es. Der Mensch ist nicht bloß da um zu leben, sondern auch um zu wirken, eine Spur seines Daseins erkennen zu lassen in dem was von ihm ausging, und nicht bloß in dem was er ist; er lenkt, bannt und fördert die Naturkräfte um sich her. Der Mensch greift ein in die ewig waltenden Naturkräfte, sein Wille ruht im Acker und in den aufschießenden Halmen, und was die Natur schafft, schafft er wieder, er bereitet es, und macht die Thiere zu seinen Dienern. Kein Geschöpf außer ihm hat ein anderes zu seinem Dienste. Und wie der Mensch die Erde um sich her durch Bearbeiten neu schafft, so schafft er auch in sich sein Loos und seine Hoheit. Das thun, wozu die bloße Natur drängt, ist auch dem Thiere gegeben. Der Mensch aber thut, was er als gerecht erkennt; und das ist die Pflicht, und jede begonnene Arbeit schließt den höchsten Segen der Pflicht in sich: denn sie lehrt das fortführen was einmal begonnen ist, und nun des Vollenders harrt. Und wie im einzelnen Menschenleben von einem Tag zum andern, so erbt in der ganzen Menschheit von Geschlecht zu Geschlecht sich die Hoheit der Pflicht fort, daß die Arbeit, die da begonnen wurde von Uranfang, unablässig und getreu fortgeführt werde. So arbeiteten Geschlechter vor uns und für uns, und so schaffen wir wiederum für die kommenden. Freilich giebt es mancherlei zu thun, was nicht anmuthet, und nur des äußern Vortheils wegen geschieht; aber auch im Vortheil liegt ein Segen, denn nur durch ihn geschieht die große Arbeit, welche der Mensch und die Menschheit zu vollführen hat.

Die Erde ist das Paradies von ehedem, und Jeder kann sich darin finden.

Bin jung gewesen und alt geworden, und habe noch nie gesehen, daß ein wahrhaft Arbeitsamer darbte; denn versagte ihm die Thätigkeit, die er ergriffen, so wählte er eine andere und ließ nicht ab.

Und wißt ihr wie die Befreier heißen, die einem Jeden den Eingang ins irdische Paradies öffnen? Sie heißen Muth und Bildung. Unablässig seine Kraft gebrauchen, und den Geist üben, daß er die Mittel der Erkenntniß anwende, das lehrt selbst unabweisliche Naturereignisse verhindern oder ihre Wirkungen überwinden.

Seht dort den Strom – wer hat ihn gedämmt? Des Menschen Hand und des Menschen Geist.

Schaut euch um, es ist kein Kerzenlicht so hell als die Sonne, kein Teppich so weich als die Wiese, kein Trunk so labend als die Quelle, und des Menschen Hand mischt den nahrhaften Saft der Gerste und des Hopfens darunter, und stärket uns zwiefach, und dort an den Geländen wächst die fröhliche Rebe: ihr stehet mitten im Paradies und der Wunderstab, der die höchsten Wunder thut, ist der Stab an Hacke und Schaufel.

Sei gegrüßt, du helle frohe Welt, und seid gegrüßt ihr Alle, die ihr Theil habt an ihrer Schönheit, die ihr sie schafft und empfindet. Lasset die Freude des Tages durch eure Brust ziehen, und ihr seid wohlgefällig und genehm dem Ewigen. Heil sei der Arbeit!

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