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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 7
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Der Segen des Großvaters.

Bruchstücke aus den Aufzeichnungen des Pfarrers vom Berge.

Wie viel tausend Menschen leben, und wissen nicht, daß sie leben; nie hob sich ihre Brust in dem Gedanken, daß sie hier mitten inne stehen im schaffenden und treibenden, ewig sich bewegenden All, daß sie eine Blüthe am Baume der Menschheit sind, ein Klang in der Harmonie der Welt, und Duft und Klang spricht: Ich bin.

Wie viel tausend Menschen sterben, und wissen nicht, daß sie sterben; nie zitterte ihre Brust in dem Gedanken, daß sie heraustreten aus dem schaffenden und treibenden, ewig sich bewegenden All, in ein geheimnißvolles Jenseits, daß die Blüthe abfällt vom Baume der Menschheit, und die fallende Blüthe und der verhauchende Klang spricht: Ich sterbe.

Wer einmal den Gedanken des Todes durch seine ganze Seele dringen, seine Schauer durch sein Gebein rieseln fühlte, wer sich dann wieder aufraffte und seine ewige Menschenseele festhielt in der Vergänglichkeit des Erdenlebens: der allein lebt – ist wiedergeboren.

Jener starre, trübsinnige spanische König, der sich alles Erdentandes entkleidete, die Herrlichkeiten der Majestät ablegte, und selbst sein Leben eine Weile hingab, um die Erdschollen über seinem Haupte rauschen und fallen zu hören, die einst seinen Leib decken würden, der sich lebendig begraben ließ, und dann wieder auferstand, und die kurze Spanne Zeit in frommer Beschaulichkeit zubrachte – was that er anders, als daß er durch diese äußeren Mittel sich von Todesschauern durchdringen lassen wollte, um dann um so tiefer und lauterer das Leben zu fassen, das ihm hienieden noch verliehen war?

Wir bedürfen aber dieser äußeren Mittel nicht. Im Geiste sollen wir sterben und im Geiste wieder auserstehen. Das auch ist die unüberwindliche erlösende Macht, die wir aus dem Leben und Sterben hoher Menschen empfangen, die für einen erhabenen Gedanken lebten und freudig für ihn in den Tod gingen, daß wir mit ihnen leben und leiden, uns mit ihnen gestorben fühlen und dann das ewige Leben empfinden, dessen Anfang wir wissen, dessen Fortgang wir glauben. Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen. Wer sich einmal abgelöst, aufgelöst aus dieser Welt und im Tode erschaut hat, der ist erlöst und lebt, lebt ewig.

Wer will dir etwas anhaben mit Vorspiegelungen der Eitelkeit, oder mit Drohungen der Gewalt? Du hast dein eigenes Leben, dieses ganze Erdensein zusammengebrochen und wieder aufgebaut, und du stehst neu geboren, frei in ihm. Du hast dein Leben nicht von dir geworfen um das Erdensein zu verachten, in gebrochener, markloser Demuth den Nacken fremden Gewalten zu beugen; du hast das Leben in seiner ewigen Schönheit wiedergewonnen als ein heiliges und freies, trotzend allen unheiligen Machtgeboten. Du bist gestorben und lebst wiederum, froh und frei.

Doch, wohin schweifen meine Gedanken! Wer giebt ihnen die Schwingen, daß sie sich hinausheben in den Tod und in das Leben, wie ich es ahne und in heiligen Augenblicken erschaue? Hier sitze ich in stiller Nacht, die Sterne kreisen in ihren ewigen Bahnen, mein Geist schwebt über die Erde, mein Auge brennt, meine Hand zittert ... Ich will euch die Geschichte erzählen, wie ein Tod mich früh ins Leben einführte. Doch weiß ich, daß ich euch nicht das Ganze geben kann. Der Ton, mit dem das vorgebracht wurde, was ich hier niederschreibe, dieser Ton war das Ergreifendste, und doch kann ich ihn nicht fesseln; der Ausdruck der Augen und des Mundes war so herzgewinnend, und Ton und Auge und Mund, wo sind sie? Was man zu erzählen hat von Menschen, die Einem lieb gewesen, es ist nur ein Schatten, denn sie selber fehlen dabei. Was wir erben und vererben aus der Vergangenheit, es ist nur der dürftige Niederschlag reicherfüllten Lebens. Du bist nicht gestorben, edler Großvater, dessen Antlitz die Wohnstätte der Weisheit war. Wie du auch jetzt lebest, welches das Gewand deines Seins, ich kann dich nicht fassen als Geist; du stehst vor meinem Auge, wie du leibtest und lebtest, wie du liebend und wirkend in unsrem kleinen Kreise einherwandeltest.

In solchen stillen, sternglitzernden Nächten, wie jetzt eine über der Erde ruht, saßest du oft bei uns auf jener Bank vor dem Hause; ich schmiegte mich an deinen Schooß, und du erzähltest uns von den Freuden und Leiden der Welt.

Wie gern möchte ich jetzt alle Menschen zu deinen Zuhörern machen, und deine Worte in ihre Seele pflanzen! Kann euch aber ein Baum erzählen von dem Sonnenschein, der das erste junge Pflänzchen begrüßte? Und doch klingen mir noch viele deiner Worte wie der Hall aus einem Dasein, das dem jetzigen vorausgegangen, in der Seele nach.

Als du einst sagtest: »Alles Gute kommt von Gott,« erwiderte ich, an »Gutchen,« d. h. Süßigkeiten denkend: »Aber nicht wahr, Großvater, der Zuckerbäcker macht's?«

Da nahmst du mich auf den Schooß und streicheltest mir die Stirn, und erklärtest mir, wie Gott das Gute durch die Hand der Menschen bereiten lasse, damit sie einander lieben und helfen, und wenn sie einander lieben, so lieben sie auch Gott, der ihre Herzen zu einander geführt. –

Könnte ich mich nur noch deutlich erinnern, welch ein Tumult in meiner Seele gewesen sein muß, als ich zuerst vom Weltgetümmel hörte.

Napoleon war geschlagen, die Alliirten verfolgten ihn, und in unser stilles Dorf drang plötzlich ein Stück Weltgeschichte.

Als die erste Einquartierung kam, verkrochen wir Kinder uns in den Stall, aber wir wurden geholt und am hellen Tag ins Bett gelegt. Ich vergesse das nie, wie ich am Nachmittag im Hinterstübchen im Bett lag, und von fern in unbekannter Sprache schreien hörte. Es war mir, als wären das gar keine Menschen; sie hatten wohl Stimmen wie Menschen, aber sie sprachen nicht wie Menschen, denn man verstand kein Wort.

Als wir russische Einquartierung hatten, und der Flederwisch, wie wir den Mann mit dem großen Barte nannten (er hieß wahrscheinlich Feodorowitsch), mich immer küssen wollte, und ich Abscheu vor ihm hatte, da sagte mir der Großvater: »Die Russen sind auch Menschen, wie wir, du mußt sie auch lieb haben, aber küssen braucht dich der Flederwisch just nicht.« Nie werde ich den Anblick vergessen, da ich den Großvater bluttriefenden Antlitzes in dem großen Lehnsessel liegen sah, seine Hände zitterten wie vom Winde geschüttelte Zweige, und sein Mund bewegte sich immer auf und zu. Der Flederwisch hatte mit aller Gewalt verlangt, meine schöne Muhme Magdalene solle mit ihm zum Tanze gehen; er tobte und raste nun wie ein Wüthender, da man die Muhme Magdalene außer dem Hause verborgen hatte. Wir Kinder drückten uns vor Angst tief in die Betten. Da stand der Großvater auf und ging mit meinem Vater in die Stube. Der Flederwisch blieb – wie man mir erzählte – eine Weile starr stehen und hielt den Säbel, den er ergriffen hatte, vor sich nieder, da er den Großvater mit seinem hehren Antlitze und erhobenem Zeigefinger eintreten sah. Kaum aber ist diese Minute der Ehrfurcht vorüber, holt er aus, haut wüthend um sich, und trifft den Großvater auf die Stirn. Er stürzt nieder. Als mein Vater das sieht, faßt er den Flederwisch, wirft ihn zu Boden, schreit um Hülfe, Alles eilt herbei, und sie knebeln den Flederwisch. Der Großvater wurde nun in den Sessel gelegt, die Wunde war nicht gefährlich, der Säbel hatte ihn nur gestreift. Wir Kinder, die aus den Betten herbeigesprungen waren, standen weinend umher, bis der Großvater wieder redete. Flederwisch erhielt andern Tages fünfzig Prügel. Er hat sie wohl bald verschmerzt. Der Großvater aber behielt seine Narbe auf der rechten Seite der Stirn sein Leben lang.

Unsere Dorfkirche war zu einem Spital hergerichtet, und eine Nervenkrankheit, man nannte sie damals die Russenkrankheit, raffte Viele aus dem Dorfe mit den Fremden dahin. – Gegen die Ungarn hatte ich früh ein starkes Aber. Sie hatten mir meinen Pathenthaler mit fortgenommen, denn sie verlangten stets baar Geld, und dazu noch etwas für den Wachtmeister, und mir wurde erzählt, daß sie meinen Vater mit dem Bajonett gekitzelt und auf ihn angelegt hatten, bis er ihnen das einzige Baare im Hause, meinen Pathenthaler, auslieferte.

Von den Franzosen erinnere ich mich nur, daß wir vor ihnen in den Wald geflüchtet sind, und die Erwachsenen klagten dort immer, daß daheim gewiß Alles ausgeraubt sei. Uns Kindern aber gefiel die Zigeunerwirthschaft gar sehr.

Aber alle diese Welthandel sind mir nur wie ein Kindertraum, und nur durch spätere Erinnerungen aufgefrischt; desto fester steht aber in mir das Leben mit meinem Großvater.

An stillen Sommernachmittagen, wenn Alles im Feld war, saß ich oft bei dem Großvater auf der Steinbank unter der Rathhauslinde. Ich hütete mein kleines Schwesterchen, das jetzt schon lang beim Großvater ist. Da kam der alte Martin auch oft und setzte sich zum Großvater. Ich sehe ihn noch, wie er, die beiden Hände zwischen die Knie geklemmt, gebückt da sitzt. Der Großvater sprach wenig, und der Martin auch. Nur bisweilen fing dieser an, über alle Leute im Dorf loszuziehen und sie schlecht zu machen. Dabei hatte er immer die Redensart: »Ich sag' Alles gerade heraus!« Da sagte einmal der Großvater: »Sagt's lieber grade in euch hinein, seid der deutsche Michel gegen euch selber und seht, wie's da aussieht.« Wenn der Martin fortan von fern kam, so sagte der Großvater meist zu mir: »Geh du jetzt heim, gieb mir die Marie auf den Schooß und führe du die Ziege hinaus.«

Der Großvater trank gern Ziegenmilch, und deswegen hielten wir neben unsern acht Kühen eine Ziege; die Versorgung derselben war mein Amt. Wenn ich nun draußen an den Halden und Hecken die Ziege am Seile hielt, daß sie frische saftige Läublein verschmauste, da dachte ich oft: »Ah! das giebt gute Milch, und das wird dem Großvater wohl schmecken.« Da war ich dann seelenvergnügt. Ich merkte mir die Stauden, die, wie man sagt, gute Milch geben. Ich vermied sorgfältig den aufgeschossenen hohlen Hollunder und lenkte meine Untergebene dahin, wo sie die nahrhaften Spitzen der Buchenhecken, des Flieders, der Haselstaude u. s. w. nahe oder auf die Hinterfüße gestellt erschnappen konnte. Wenn die Ziege so gierig knupperte und schmatzte, da bekam ich oft bald selber Lust solche Läublein zu verzehren. Ich dachte dann auch oft an den König Nebukadnezar, von dem der Großvater erzählte, daß er, nachdem er alle Hofspeisen durchgekostet hatte, Gras verzehrte. Die Ziege hatte auch ihren Eigensinn. Im Stall fraß sie das Laub, das ich ihr heimbrachte; wenn ich ihr aber draußen eine Staude abbrach und hinhielt, schnüffelte sie daran herum, und wollte nicht einbeißen, oder riß sich höchstens ein Blatt ab.

Meine ruhigste Zeit war, wenn die Ziege ihre roh verzehrte Speise sich kochte, oder wie man's nennt, wiederkäute. Da legte ich mich auch nieder und ließ mich von der Sonne bescheinen, oder ging nach Vogelnestern aus.

Bisweilen, wenn ich an der Halde am Speckfelde meine Ziege hütete, kam auch der Großvater zu mir heraus, setzte sich zu mir und erzählte mir allerlei Geschichten. Ich wollte ich könnte sie getreu wiedergeben, denn wenn ich auch manche später in Büchern gefunden habe – der Großvater las gern – so meine ich doch, das sind nicht die besten. Vielleicht komme ich einmal dazu, einige wieder zu erwecken. Seltsamer Weise ist mir ein Gleichniß von ihm tief in der Erinnerung geblieben. Er erklärte mir einst, daß die Ziege, wenn man ihr die feinen Laubschosse gesammelt als Futter in den Stall bringt, wie ich oft bemerkt, mehr davon verderbe als auffresse, während sie dagegen, wenn sie draußen an den Hecken sich das Futter selber holt und sich oft weit ausrecken und strecken muß, Alles mit Stumpf und Stiel verzehrt was sie abgebissen hat. Und so, sagte er, ist das auch ein Gleichniß für viele Menschen; auch diese werden viel haushälterischer, erfreuen sich ihrer Nahrung viel mehr, wenn sie sich solche holen, als wenn man sie ihnen in die Krippe giebt.

Ich sah den Großvater meist schon lang, wenn er durch die Wiesen daher schritt. Er ging langsam aber aufrecht, nur bisweilen blieb er stehen und scharrte mit dem Fuß die Steine hinweg, die in dem Fußweg lagen. Der gute alte Mann! Er bahnte noch gern Anderen den Weg, daß sie ohne Hindernisse weiter schreiten konnten.

Wenn ich ihn so von fern kommen sah, jubelte Alles in mir, und ich fing an laut zu jodeln und zu rufen, daß mich die Ziege oft verwundert ansah, dann aber schnell weiter fraß. Oft dauerte mir's aber zu lang, bis der Großvater herbeischlich. Ich band meine Ziege an einen Baum oder dicken Strauch, sprang dem Großvater entgegen und führte ihn an der Hand. Dann ließ er mich bisweilen los, und ich mußte die Steine vom Wiesenweg auf die Straße tragen. Wie selig saßen wir dann bei einander!

Einstmals aber habe ich den Großvater sehr gekränkt, und er that mir auch sehr wehe.

So einsam eine Ziege hüten, ist oft einem Kind auch langweilig. Wenn ich genug mit dem langen Seile gespielt und daraus allerlei Wellen und Schlangen geschnellt hatte, wenn ich genug gesungen oder den Bienen ihr Summen nachgespottet hatte, suchte ich nach etwas Anderem.

Hinter dem Gartenzaun des Kohlenbauers, wohin mich mein Hirtenleben oft führte, waren mehrere Kühe, Rinder und ein Füllen, welche weideten. Durch Rufen und Werfen und allerlei Mittel scheuchte ich nun oft das Vieh auf, und brachte es mehrmals dahin, daß das Füllen über den Zaun sprang und man es mit Mühe wieder einfangen mußte. Dann machte ich mich mit meiner Begleiterin schnell davon, ich glaubte, Niemand ahne den Thäter. – Eines Tages, als ich wieder ein großes Halloh machte, spürte ich plötzlich auf der bloßen Wade – denn ich ging barfuß mit ledernen Kniehosen – etwas wie einen scharfen Schnitt. Ich schaute mich um, der Großvater hatte hinter einer Hecke gesessen und mit einer langen Peitsche nach mir gehauen. Es mußte, ohne sein Wissen, etwas Scharfes, ein Steinchen oder ein Nägelchen, in die Treibschnur eingeknüpft gewesen sein, denn ich spürte einen heftigen Schmerz, und das Blut rann an mir herab. Ich jagte nun über Hals und Kopf nach Haus und klagte: der Großvater habe mich geschlagen. Als man die blutige Wunde sah, schalt und zankte Alles. Die Wunde war ausgewaschen und verbunden, ich saß auf der Ofenbank und aß ein Stück Honigbrod, als endlich auch der Großvater zurückkam. Sogleich fiel Alles mit Zanken und Schelten über ihn her. Hier sah ich einen Schmerz in seinem Gesicht, den ich sonst nie an ihm gesehen habe, selbst damals nicht, als der Flederwisch ihn mit seinem Säbel getroffen hatte. Er blickte mich wehmüthig an und schaute dann, ohne ein Wort zu erwiedern, sich rechts und links um. Ich weiß nicht, ob ich einsah, daß ich den Großvater gekränkt hatte, da ich ihn bei andern Leuten verklagte: so viel aber erinnere ich mich, daß ich schnell aufstand, ihm die Hand gab, und sagte: »Kommet Großvater, wir wollen fortgehen.«

Wir gingen fort, unsere Versöhnung war schnell und innig.

Mein Oheim Adam erzählte mir, er habe eine Zeit gehabt, da er das Nachtschwärmen liebte und oft spät nach Haus kam. Mochte es aber längst nach Mitternacht sein, stets traf er den Großvater noch wach, in der Stube sitzend, in einem Buche lesend, oder eine Pfeife rauchend. Dann mußte sich Adam zu ihm setzen und mit ihm von allerlei guten Dingen sprechen. Dabei sah ihn der Großvater oft ruhig und durchdringend an. Nie sagte er ein Wort über diese Nachtschwärmereien, nie ging er auf Zureden ein, sich ungestört Ruhe zu gönnen, und Adam sagte mir: er habe in dem Gedanken, daß er noch seinen Vater sprechen und ihn mit freiem Blicke anschauen müsse, manchen Fehl unterlassen, zu welchem ihn sonst Jugendmuth und lustige Gesellschaft wohl verleitet hätten. Auch kehrte er bald früher nach Hause, da er seinen Vater nicht warten lassen wollte.

Vielen Kummer hat indeß mein Oheim Adam über den Großvater gebracht. Von unzähmbarer Wanderlust fortgetrieben, hatte er das elterliche Haus verlassen und man hatte viele Jahre keine Kunde von ihm erhalten. Der Großvater seufzte oft still über ihn, denn seine Seele hing mit besonderer Liebe an diesem seinem jüngsten Sohne. Er war mit dem Erzvater Jacob vergleichbar, der um seinen Joseph trauerte. Und als endlich Adam mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen aus Amerika zurückkehrte, da sprach er auch mit den Worten der Schrift: 1. B. M. 46. 30. und 48. 11. »Ich will nun gern sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe, daß du noch lebest. Ich habe dein Angesicht gesehen, das ich nicht gedacht hätte, und siehe, Gott hat mich auch deine Kinder sehen lassen.«

Der Großvater galt in der ganzen Gegend als ein Freigeist – wie ich nachmals erfahren – denn er las vielerlei Schriften und hatte über Mancherlei seine eigenen Gedanken.

Einstmalen am Pfingstsonntag, als man eben zur Kirche geläutet hatte und der Gottesdienst begann, hatte er eine Weile mit zusammengepreßten Händen vor der Kirche gestanden und war dann hinausgegangen in den Wald. Einem Manne, der ihm auf dem Wege begegnete, sagte er auf Befragen: »Es ist oft bester, man holt sich an der Thüre des Tempels nur einen flüchtigen heiligen Klang und trägt ihn dann in der Brust hinaus in die freie Welt. Ich will heute einmal hinausgehen, wo die Blumen, vom Winde bewegt, ihren Weihrauch aufsteigen lassen, und will hören, wie die Vögel in allen Zungen und Sprachen predigen und Gott lobpreisen.«

Von jenem Tage an galt der Großvater als ein Freigeist, und doch liebte er Gott über Alles und seinen Nebenmenschen wie sich selbst. Später, als ich lesen konnte und die Augen des Großvaters nicht mehr gern den schwarzen Buchstaben folgten, mußte ich ihm oft aus der Bibel vorlesen. Ich sah ihn einmal weinen bei der Geschichte Jacobs, ich weinte aber nicht mit, sondern las emsig weiter, damit wir auf etwas Anderes kämen, was den Großvater von seiner Betrübniß abzöge. Als ich einst die Stelle las: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, sagte er leise vor sich hin: »Man könnte auch umgekehrt sagen: Liebe dich selbst wie deinen Nächsten!« Ich verstand das nicht recht, und dachte auch, man könne und dürfe die Worte der Schrift nicht versetzen und verrücken, und so las ich in diesen Gedanken weiter, ohne zu wissen, was mein Mund sprach; ich stotterte und stolperte. Der Großvater nahm mir die Bibel aus der Hand und schlug sie zu. Ich durfte ihm lang nicht mehr vorlesen. Dadurch ist mir Alles im Gedächtniß geblieben. Jetzt erst begreife ich, was er meinte: Liebe dich selbst wie deinen Nächsten! Betrachte dich frei und unabhängig von aller Selbstverschönerung, aller Eitelkeit und Nachgiebigkeit gegen dich selbst, als ob du nicht du selbst, sondern ein fremder Mensch wärest. Wie schwer ist das!

Mein grübelnder Kindersinn machte dem Großvater viel zu schaffen, und seine stete Aufmerksamkeit mochte meine Fragen noch vermehren und verschärfen. Wie Manches ruht wohl in mir, das sein Geist gehegt und gepflegt hat. Es ist nicht Eitelkeit, wenn ich bekenne, daß wohl ein Theil seines Geistes auf mich überging. Ich spreche es in demuthsvollem Dank aus.

Warum nur in der Regel der Großvater den erstgebornen Enkel so sehr liebt und dieser ihm auch oft gleicht? Ich möchte sagen, daß der Kindwerdende sich zu dem Kindgewordenen hinneigt und ihre beiderseitige Liebe sich ineinander verflicht; es ist die freigewordene Eltern- und Kindesliebe, frei durch die Unabhängigkeit von dem blos natürlichen Bande und doch wieder verknüpft mit ihm.

Das Leben des Großvaters beschloß ein heiliger Tod. Noch jetzt in diesem Augenblick fühle ich seine Hand auf meinem Haupte, und es ist mir, als ob mich ein Geist berührte, ein milder, segnender Geist.

Es war bei der zweiten Heuernte, als der Großvater zum Letztenmal im Felde war. Der starke Duft des Heues mochte den siebenundachtzigjährigen Greis betäubt haben, er fiel ohnmächtig nieder. Er wurde nach Hause getragen, und als ich aus der Schule kam, eilte ich zu ihm. Er tastete mit zitternder Hand nach mir und hielt mich fest. Ich mußte fortan aus der Schule und immer beim Großvater bleiben. Am fünften Tage seines Krankenlagers, Freitag Morgens, sagte er zu mir: »Lies mir aus der Schrift vor.« – Ich mußte ihm die Bibel auf das Bett reichen, und er schlug auf. War es Zufall oder eine verborgene Fügung? Ich las zuoberst die Stelle: »Da nun die Zeit herbeikam, daß Israel sterben sollte –« ich weinte, ich durfte nicht weiter lesen, sondern mußte alle Hausgenossen herbeirufen. Und der Großvater sprach: »Adam, richte mich im Bett auf, ich will zu Euch sprechen!« –

Adam that, wie ihm befohlen, und stellte sich hinter das Bett, und der Großvater fuhr fort: »Adam, du bist mein jüngster Sohn, du hast manchen Kummer über mich gebracht. Ich vergebe dir von ganzer Seele. Du hast ein starkes Herz und einen mächtigen Geist, sei Herr über sie. Siehe das Pferd mit seinen schnellen Füßen, und man legt ihm Zügel und Gebiß an. Der Geist der Ruhe und Liebe walte über dich, mein lieber Sohn, Gott segne dich! –«

Adam preßte die Hände und den Mund zusammen, und athmete laut und gewaltig. Und der Großvater fuhr fort, und rief meinen Vater zu sich, und sagte: »Johannes, dir ist ein ruhig Leben beschieden, du bist fromm und geduldig, und deine Hand zögert. Laß Adam deine Hand sein, und er thue, wie ihr mit einander berathen. Sei stark im Thun, wie du im Dulden bist. Haltet treu zusammen, ihr Brüder, gedenket eures Vaters auf Erden und im Himmel, und seid einig mit ihm.«

Mein Vater stellte sich hierauf zu Häupten des Segnenden, und hielt die Mütze vor den Mund, um sein Schluchzen nicht laut werden zu lassen. Meine Mutter rufend, sprach der Greis: »Du bist als Magd in mein Haus gekommen, und bist meine Tochter geworden. Du hast meine Liebe tausendfach vergolten. Erhalte mit fleißiger Hand, was euch der Herr beschieden, sei gut gegen die, so dir jetzt dienen, sei eine Mutter den Kindern meiner verstorbenen Tochter Magdalene, und Gott wird es dir, deinen Kindern und Kindeskindern vergelten. Sei gesegnet! –«

Die Mutter stellte sich zu Füßen des Bettes und betete leise. Zu Adams Frau gewendet, fuhr er fort: »Dein froher Sinn hat mir meine alten Tage erheitert. Du bist mir aus weiter Ferne von Gott ins Haus geschickt worden, daß ich inne werden soll, wie alle Menschen eins sind vor ihm. Pflanzet in die Herzen eurer Kinder die Liebe zu allen Menschen alles Glaubens, aller Länder. Gesegnet seist du, meine Tochter. –«

Das Antlitz der Großmutter mit beiden Händen bedeckend, sprach er dann mit zitternder Stimme: »Weine nicht zu sehr um mich, du Liebe, Getreue, harre nicht ängstlich auf den Tag, wo du wieder bei mir sein wirst, auf ewig. Gott stärke dich. –«

Er athmete tief auf, und rief aus erleichterter Brust meinen Namen. Ich kniete an seinem Bett nieder, und er legte seine Hand auf mich, und sprach: »Gesegnet seist du, mein Sohn. Dir ist viel beschieden vor anderen Menschen, sei ihnen ein Führer. Der Geist der Wahrheit und der Liebe ruhe auf dir, mein Sohn! – Nimm mich auf, du Geist der Liebe, vergieb mir –«

Und er sprach nicht mehr.

Und wenn ich jetzt von heiliger Stätte oder in stummer Schrift ein Wort aus tiefster Brust hole, um es in die Seele des Menschen zu strömen, so ist mir, als ob der Geist meines Eltervaters aus mir rede ...

Möge ich leben wie er, und sterben wie er!

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