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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 6
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Denkmale Kaiser Josephs.

Wenn man Kaiser Joseph sagt, so weiß Jedermann, daß damit Joseph II von Deutschland gemeint ist, der im vergangenen Jahrhundert in Wien gelebt hat, und es ist nicht sein geringster Ruhm, daß er gar keinen Beinamen hat, nicht der Große, nicht der Gütige, nicht der Einzige, nicht der Gerechte, daß man nur Kaiser Joseph zu sagen hat, und Jedermann weiß, wer damit gemeint ist.

In Wien außerhalb der Burg ist ein schöner freier Platz, darauf ist das eherne Bild Kaiser Josephs, wie er zu Pferde sitzt, aufgestellt.

Leider hat ihn der Bildhauer in altrömische Tracht verkleidet, so daß wenig davon geblieben ist, wie er leibte und lebte; aber doch hat man in kaum vergangenen Jahren seiner gedacht, und das Volk hat nicht umsonst im Jahre 1848 dem Standbild des Kaisers die schwarzrothgoldene Fahne in die Hand gegeben. Er lebt noch in treuem Angedenken, und sollte in eherner Faust das Banner tragen zur Einheit und Freiheit des deutschen Vaterlandes, das nun wieder – abgenommen ist.

Der Gevattersmann hat einen Freund, der nie am Josephsplatz vorübergeht, ohne vor dem Standbilde des Kaisers ehrerbietig den Hut abzuziehen. Andere, die das bemerkten, forschten nach dieser Sonderbarkeit, und spöttelten zum Theil darüber; der Mann aber erklärte ihnen:

»Es giebt keine schönere Freude, als mit ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben oder, noch besser, zu verehren; denn Verehrung ist Liebe zu einem Höheren, das uns doch wiederum so nahe ist, daß wir ihm uns traulich hingeben dürfen. Könnte man die Freude der Verehrung nur oft im Leben haben! Wir können leider oft nur dadurch zeigen, wem wir Verehrung zollen, indem wir vor laut Gepriesenem schweigen; aber da, wo sie uns gegeben ist, darf man sich nicht scheuen, ihr den Ausdruck zu verleihen, und es ist das jetzt doppelte Pflicht, weil soviel Lüge, Heuchelei und Knechtsinn, soviel befohlene Empfindung sich als freie innere Neigung breit macht. Es giebt viele Menschen in der Geschichte, deren Thaten wir bewundern, wir staunen über die Fülle ihrer Kraft; aber achten, lieben und verehren können wir nur diejenigen, bei denen wir den willenskräftigen und sittlichen Beweggrund ihrer Handlungen sehen, und solcher Menschen giebt es wenige. Die uneigennützigste Liebe und Verehrung aber ist die zu einem Verstorbenen. Kann ich von dem Kaiser hier noch Etwas wollen? Kann er mir aus seiner ehernen Faust eine Gnade spenden? Ich will nichts, als im Seingedenken mein oft verzweifelndes Herz erbauen. Ich danke ihm in Andacht für seine unablässig bewährte Liebe und Rechtschaffenheit; und das sollte Jeder thun, um seinen Glauben an diese Tugenden immer wieder aufzurichten und im eigenen Herzen frisch zu erwecken. Das Andenken der Männer, in denen sich die Menschenhoheit lebendig geoffenbart hat, ist das beste Erbe, das wir aus der Vergangenheit und der Geschichte überkommen, und es giebt Namen, die sind so fest und ewig wie die Sterne am Himmel; wenn man auf offener See nicht mehr weiß, in welcher Weltgegend man ist, so findet man seinen Weg auf Erden nach den Sternen am Himmel.

+++

»Freilich könnt ihr sagen: wozu brauchst du bei diesem Andenken den Hut abzuziehen? du kannst ja deine innerste Verehrung ebenso in Gedanken hegen? Ich will das nicht bestreiten. Aber nehmt alle Gebräuche, alle äußeren Bezeichnungen aus dem Leben und aus der Religion – die nur die heilige Fassung des Lebens ist – hinweg, und ihr habt nichts als eine kahle Oede, eine Zusammenhanglosigkeit und babylonische Sprachverwirrung, wo Keiner mehr Wort und Zeichen des Andern versteht. Tausendmal übt man eine Gewohnheit, einen eingesetzten Gebrauch, ohne sich des Gedankens, der damit ausgedrückt werden soll, zu erinnern; aber hat man diesen nur Einmal erkannt, so durchströmt bei jeder Uebung ein ruhiger Segen, ein Gefühl des Genügens und der Sättigung das Gemüth, so wenig man das auch jedesmal klar weiß. Darum möchte ich, daß alle Kinder, die hier vorübergehen, an eine Ehrenbezeugung gewöhnt würden; denn gute Gewohnheiten ersetzen oft gute Grundsätze, oder vielmehr sie machen sie zur Naturanlage, und erwecken mit der Zeit durch Aufmerksamkeit und Nachdenken den weisen Grund ihres Bestehens.«

»Stellst du aber Kaiser Joseph nicht zu hoch?« fragte einer der Zuhörer.

»Mit nichten. Mein Kaiser Joseph war ein wohldenkender und rein empfindender, war nicht nur ein braver, sondern auch ein rechtschaffener Mensch.«

»Welchen Unterschied machst du denn zwischen brav und rechtschaffen?«

» Brav ist derjenige, der seine überkommene und übernommene Pflicht, wie es die gewohnte Ordnung erheischt, regelmäßig und treu erfüllt. Rechtschaffen aber ist derjenige, der noch außerdem das Rechte schafft, der neue Pflichten sich aufsucht und auferlegt, über die gewohnte Ordnung hinaus noch Neues, und zwar das Rechte zu schaffen trachtet. Rechtschaffen in der vollsten Bedeutung des Wortes war Kaiser Joseph; und das ist das Beste, was man sagen kann, und ihm doppelt anzurechnen, weil er sich von vielen Vorurtheilen und Gewöhnungen loszumachen hatte. Es ist kein geringes Lob, daß selbst Friedrich der Große von Preußen seine Bewunderung darüber aussprechen mußte, wie Joseph, »an einem bigotten Hofe aufgewachsen, in Prunk erzogen, mit Weihrauch genährt und dennoch freisinnig, so einfach in seinen Sitten und bescheiden war. –«

»Ist es aber nicht,« fragte einer der Zuhörer, »ist es nicht ein Beweis von den Mängeln Kaiser Josephs, daß von seinen Thaten nur wenig verblieben ist und uns zu lebendigem Dank auffordert?«

»Freilich,« war die Antwort, »hatte Kaiser Joseph große und leicht erkennbare Mängel; das hindert aber nicht die Verehrung vor ihm. Er hatte Fehler und Mängel, die der allgemeinen und beständigen Menschennatur und auch solche die der Natur seiner Zeit angehören; aber er bewahrte und errang Tugenden durch freie persönliche Bewährung, und manches Gute ward nach ihm Josephinisch genannt. Es giebt Niemand, in dem sich nicht die Mangelhaftigkeit der Menschennatur erkennen läßt; das Vollkommene ist der Gedanke Gottes allein. Der Hauptfehler Kaiser Josephs war, daß er auf Tugend und Einsicht der Menschen baute, während doch diese beiden im Laufe der Zeit so verkehrt geworden waren; er aber blieb seinem Wahlspruch getreu: »durch Tugend und Beispiel« zu regieren. Er wollte das Edle, das Reine, und als Menschenfreund scheute er zurück vor den harten Mitteln, welche die Durchführung seiner menschenfreundlichen Absichten zur Zeit noch erheischte. Es war ein schweres Wort Friedrichs des Großen, als er sagte: Joseph II. thue immer den zweiten Schritt, ehe er den ersten gethan. In der That verfehlte und übersah Joseph die Grundlagen, die zuerst gegeben sein mußten, bevor er die Ausführung seiner Plane verwirklichen konnte. Noch auf seinem Sterbebett, als ihm sein Arzt Quarin offen bekennen mußte, daß keine Genesung mehr zu hoffen sei, am 5. Februar 1790 sprach Joseph: » Ich vermisse den Thron nicht, fühle mich ruhig, nur etwas gekränkt, durch so viele Lebensplage so wenig Glückliche und so viele Undankbare gemacht zu haben.« – Das aber ist ihm gelungen, was er als Hoffnung an van Swieten schrieb: »das Diadem mit der Liebe des Volkes zu zieren.« Ja, wenn man eine Inschrift auf dieses Denkmal hier setzte so müßte man die Worte wählen, die sich bei jenem Joseph in Aegypten finden: 1. Buch Moses Cap. 42, Vers 8: »Und Joseph erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht.«

*

Der Freund ging mit seinem Genossen nach dem Augarten, den Kaiser Joseph mit der minder wohlgewählten als wohlwollenden Aufschrift versehen: »Allen Menschen gewidmeter Belustigungsort von ihrem Schätzer.«

Es war am 1. Mai, dem Tage, der noch heute die fröhlichen Wiener im Augarten versammelt, und die Frühlingsfeier unwillkürlich zur Gedächtnißfeier für Kaiser Joseph macht. In diesem Garten hatte sich der Kaiser oft mit Leutseligkeit unter sein Volk gemischt, denn er hatte ja gegen den eiteln Hochmuth und die Abschließung der sogenannten höheren Stände oft geäußert: »Wenn ich nur mit meinen Standesgenossen verkehren wollte, bliebe mir nichts übrig, als in die Gruft der Kapuzinerkirche hinabzusteigen und daselbst meine Tage zu verbringen.«

In einem abgelegenen Laubengang wurden hier, während rings sich Viele gedankenlos tummelten, manche Thatsachen von der Leutseligkeit und Menschenliebe Kaiser Josephs erzählt, und wie er in Jeglichem gern den Bruder erkannte; aber auch die Mängel wurden unverhohlen ausgesprochen, und wenn auch nicht ohne scherzhafte Einleitung zogen die Rückkehrenden in stiller Nacht den Hut ab vor dem Denkmale Kaiser Josephs.

Der Gevattersmann erzählt diese Geschichten gern, und versetzt sich in die Zeit, als wäre er dabei gewesen; an der einen Geschichte hat er ein besonderes Familienerbe.

1. Die Kaiserfurche.

Es war gegen Ende August des Jahres 1769, als Joseph im offenen Wagen durch das Land Mähren auf der Straße von Brünn nach Wischau fuhr. Seine Wange war geröthet, und sein blaues Auge erglänzte hell beim Aufschauen nach dem Himmel, wie beim Ausschauen nach den fernen blauen Bergen, und wieder ruhte sein Blick freudig auf den Feldern am Wege. Ein großer Theil der Ernte war eingebracht, und schon begann man da und dort den Boden aufs Neue umzupflügen. Da sagte der Kaiser zu dem neben ihm sitzenden Staatskanzler Fürsten Kaunitz:

»Sonderbar! Wenn ich die braunen Schollen der nährenden Erde betrachte, werde ich andächtiger als beim Ueberschauen der wogenden Saat; diese macht freudiger, aber jene denkender. Wie das wartet, still und schmucklos, und Säfte aus der Luft und aus den Wolken einsaugt, um sie dann dem Keime zuzuführen und ihn aufsprießen zu machen ... Dieser Brodem, der dort aus der offenen Furche aufsteigt, weht mich an wie ein Athem aus dem Munde der Mutter Natur ... Wie jetzt Alles so hellfarbig ist, wie die Menschen, die die Thiere zu ihren Arbeitsgenossen gemacht, dort überall hin- und herziehen, und die Werkzeuge führen, welche die Welt neu beleben ... Segen, Segen über euch und euer Thun! ... Wie müßte es sein, wenn man hoch oben vom Himmelszelt das Alles überschauen könnte, die Städte und Dörfer, die Wälder und Berge, die Menschen und Thiere, und hier unser Wagen, und da drin dieser Mensch hier, der jetzt noch lebt, noch athmet, den alle diese hier ringsum kennen und nennen, der sie gut und glücklich machen möchte, und doch nicht weiß, ob er kann ... Dort der Säemann, wie er so langsam schreitet und den Samen streut! Die Natur ist treu und fest, sie giebt siebenfältig wieder, aber die Menschen, o die Menschen ...«

Der Kaiser ward still, auf seinem Antlitz schwebte ein Glanz, und doch war es tief wehmüthig; er hatte die Arme auf der Brust fest übereinandergeschlungen, und hätte sie doch so gern ausgebreitet, um Alle brüderlich an sein Herz zu schließen.

Lang saß der Kaiser still in sich versunken, sah nichts und hörte nichts von der Welt um ihn her. Plötzlich befahl er, daß man anhalte. Die schnaubenden Rosse standen still, und hinter dem Wagen des Kaisers hielten die seines ganzen Gefolges. Der Kaiser stieg aus. Ein alter Bauer pflügte mit zwei Pferden im Ackerfeld am Wege. Er hielt eine Strecke innerhalb desselben inne und starrte verwundert darein, als er so viele Wagen mit geputzten Herren hier auf der Straße halten sah. Der Kaiser rief ihm zu, er möge seine Furche nur zu Ende ziehen bis an den Weg. Auf einen Ruck am Leitseil schritten die Ackerpferde vorwärts, und bald stand der Bauer mit Pferd und Geschirr beim Kaiser. Noch kannte er ihn nicht, und der Kaiser winkte seiner Begleitung, ihn nicht zu verrathen.

»Wollt Ihr mir erlauben,« fragte der Kaiser, »daß ich Euch den Pflug abnehme und eine Furche ziehe?«

»Warum nicht?« sagte der Bauer, »aber ich glaub' nicht, daß Er's kann: das sieht sich leicht an, will aber doch gelernt sein.«

»Es gilt den Versuch,« sagte der Kaiser, und alle Umstehenden sahen staunend, wie der Kaiser die Pfluggabel in die Hand nahm und den Bauer ersuchte, seine Thiere anzutreiben. Dies geschah, und die Schollen hoben sich eine Strecke. Plötzlich aber hielt der Bauer inne und sagte: »Halt! Er begreift das noch nicht recht. Er drückt den Pflug zu tief ein und bringt schlechten Lettenboden herauf, das verträgt der Acker nicht, der hat nur eine leichte Krume. Freilich, das hat Er nicht wissen können.«

Der Kaiser schaute vieldeutig lächelnd auf sein Gefolge, er gab ihm damit zu verstehen, was noch anderes auf ihn und sein Reich Anwendbares damit gesagt sein könne.

Und nun ging's wieder vorwärts, aber bald kam der Pflug aus dem Geleise. Der Kaiser wollte ihn halten, wollte einlenken und eindrücken, aber die Pferde waren im Gang, und der Pflug strich, kaum eine Ritze machend, über die Stoppeln, und schleppte den mit aller Kraft mühselig anstemmenden Kaiser nach, bis wiederum inne gehalten wurde.

»Warum schreit Ihr so auf Eure Pferde hinein?« fragte der Kaiser.

»Das muß sein,« lautete die Antwort. »Das Vieh schläft ein, wenn man's nicht immer merken läßt, daß Jemand hinter ihm drein ist, der's weckt.«

Dießmal lächelte der Kaiser in sich hinein, und auch Viele aus seiner Umgebung thaten es.

Der Kaiser übergab dem Bauer den Pflug, und dieser zeigte ihm nun, wie man nur die gleichmäßige Richtung halten müsse, und daß die Pferde von selbst die Hauptsache thun, und wie diese Arbeit, zumal heute, nachdem es in der vorigen Nacht geregnet hatte, fast die leichteste von allen Feldarbeiten sei.

Bei der Wendung übernahm der Kaiser nochmals den Pflug, und jetzt nickte der Bauer oft, und sagte: »Er ist gelehrig,« denn der Kaiser zog ebenmäßig die Furche von dem einen Ende des Ackers bis zum andern. Aber nicht sowohl von der äußern Anstrengung als von der zusammengenommenen Aufmerksamkeit, die eine innere Anstrengung ist, rann dem Kaiser der Schweiß von der Stirn; er trocknete ihn ab und sagte: »Das ist der freudigste Schweiß.«

»Ja,« lachte der Bauer, »wenn man's zum Spaß thut, kann's sein, aber wenn man's das ganze Jahr thun muß, und noch dazu fünf Tage Robot für den Herrn, da geht's anders. Aber jetzt ist's doch schön, jetzt hat doch einmal ein hoher Herr für mich gearbeitet. Darf ich nun fragen, wer Er ist?«

»Später will ich's Euch selbst sagen,« antwortete der Kaiser, und er ließ sich nun genau die Verhältnisse der Hörigkeit auseinandersetzen.

»Und weiß Er, guter Herr,« fragte der Bauer zuletzt, »was der größte Schaden ist, den der Fröhner leidet?«

»Daß er nie zur Selbständigkeit kommt, nie zu seiner freien Menschenwürde.«

»Da hat er über's Ziel hinausgeschossen,« erwiderte der Bauer selbstzufrieden und pfiffig lächelnd, dann aber verfinsterten sich seine Mienen wieder, indem er fortfuhr: »Der größte Schaden ist nicht blos, daß man nicht zur rechten Zeit an die rechte Arbeit und an die eigene kommt, sondern noch mehr, daß man überhaupt gar nicht mehr dazu kommen kann: daß man durch Frohnen das Arbeiten verlernt. Man gewöhnt in der Frohne sich und sein Vieh und Geschirr an Scheinarbeit, an verdeckten Müßiggang; und wenn's dann ans eigene rechte Geschäft geht, kann man nicht mehr, das Vieh will nicht, und selber hat man auch verlernt, sich anzustrengen.«

Unwillkürlich sagte hierauf der Kaiser, daß er nicht ablassen wolle, bis er die Bauern frei gemacht habe.

Der Ackersmann merkte schon, daß er mit einem vornehmen Mann zu thun habe, und mit pfiffig schlauer Weise treuherzig polternd legte er nun alle Mißstände der Gutsherrnunterthänigkeit auseinander, und sagte zuletzt: »Er scheint mir ein großer Herr, wenn Er unsern guten Kaiser Joseph einmal sieht, bericht' Er ihm doch das Alles.«

»Meint Ihr, daß der Kaiser helfen kann?«

»Nein, nicht ganz, aber doch ein gut Stück; er soll nur sich nicht irr und nicht abwendig machen lassen, wenn man ihm einreden will, daß das nicht geht.«

»Glaubt Ihr, daß man ihm abredet?«

»Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab, hat jene Braut gesagt. Das sollte der Kaiser bei seinen guten Vorsätzen auch so machen. Er ist ein Mensch nach dem Herzen Gottes, aber doch nur ein Mensch, und er hat verdorbenes Zugvieh und schlechtes Geschirr. Er ist zu gut, er meint: Jeder sei so wie er; aber das ist nicht. Er hält alle Menschen für Seinesgleichen, aber sie sind nicht Seinesgleichen. Sie verderben ihm seine Gutthaten, sobald er den Rücken wendet. Er kann ja nicht überall sein, aber Eines möcht' ich ihm noch sagen lassen: er sollte sich doch mehr schonen, daß wir recht lang, lang an ihm haben, und er soll nur scharf darauf losgehen. Morgen ist Montag, hat jener Bauer gesagt, und hat sein Heu am hellen Sonntag gemacht.«

»Ihr liebt also den Kaiser, trotzdem er noch wenig für Euch gethan?«

»Jedes Kind weiß, wie gutherzig er ist, und wenn ich einmal seine Hand küssen dürfte, ich hätte genug gelebt.«

Dem Kaiser standen Thränen in den Augen, er faßte die schwielige Hand des Bauern, und sagte: »Ich bin Joseph, Euer Kaiser.«

»O barmherziger Gott!« rief der Bauer, und fiel in die Kniee, und alle Anwesenden entblößten unwillkürlich das Haupt, ergriffen von der reinsten Offenbarung der Liebe zwischen Volk und Fürst.

»Steht auf,« sagte der Kaiser, »man darf vor Niemand knieen als vor Gott, und Ihr selbst habt ja gesagt, ich sei nur ein Mensch, wenn auch ein leidlich guter. Ja, lieber Mann, wie ich hier Eure Hand halte, so möchte ich die Hand Eures ganzen, vor Allen ehrenhaften Standes halten, und Euch sagen: bewahret mir Eure Liebe, wie ich Euch die meine, und helft mir, Euch glücklich machen, und mich durch Euch; und diese Furche, die ich hier gezogen, soll ein Sinnbild sein meiner Wohlachtung für Euern Stand und meines Dichtens und Trachtens für Euch. Gedenket mein, wenn ich auch nicht mehr bin.«

»Nein,« rief der Bauer, »unser Herrgott wird ein Wunder thun so Einem wie Ihr ... wie unser ... wie der Kaiser ist, so Einem muß er das Leben zehnfach verlängern zum Heil der Welt.«

»Lebt wohl!« rief der Kaiser, dem Bauer nochmals die Hand schüttelnd; er konnte vor Rührung kein weiteres Wort hervorbringen, er schritt nach dem Wagen, stieg ein, und – fort rasselte der ganze Zug.

Der Bauer stand auf seinem Acker, und hielt die beiden Hände über dem Kopf ineinander gefaltet, als müsse er den schwindelnden halten; er wagte es lange nicht aufzuschauen, bis er endlich das blinkende Geschirr nur noch in der Ferne erschaute. Es war ihm wie den Erzvätern in der Bibel, denen im freien Feld eine Himmelserscheinung genaht war, und jetzt war Alles plötzlich wie früher: da die Pferde, der Pflug, der Acker, die Bäume, die Straße.

Erst als von den Nachbaräckern Andere herbeikamen, die von fern gesehen hatten, was geschehen war, wurde ihm Alles wieder erinnerlich. Und wie ein Traum war's ihm, als er sich von den Nachbarn in das Dorf zurückgeleiten ließ.

Hier erregte die Kunde von dem was geschehen war große Unruhe. Jeder rannte zum Nachbar und verkündete ihm was sich ereignet, und zuletzt wußte Niemand mehr wer es dem Andern zuerst gesagt.

Alles lief hin und her, ja man vergaß eine Weile, daß jetzt Essenszeit sei, es war wie wenn ein Wirbelwind plötzlich Alles aus dem Geleise gebracht hätte.

Indeß auf jede noch so hochgehende Aufregung folgt Ermüdung und Abkühlung.

Die Stube des alten Bauern, der Wenzel hieß und einer der Gescheidtesten im Dorfe war, füllte sich mit Männern und Frauen, und hätten sie nicht selber gesehen, wie der Kaiser mit seinem Gefolge durch das Dorf gefahren war, und besonders freundlich genickt hatte, sie hätten wiederum Alles für Traum und Täuschung gehalten.

Der Spaßmacher des Dorfes, man hieß ihn nur den Finessensepperl, erweckte aber bald eine andere Stimmung.

»Hat dir denn der Kaiser nichts geschenkt?« fragte er.

»Nein!«

»Tausend Dukaten hätten ihm nichts geschadet, er führt ja immer, wie man sagt, eine große Kasse bei sich; aber wenn du mit mir thust, will ich dir noch mehr als tausend Dukaten verdienen helfen. Deine beiden Rosse und deinen Pflug, und dich wie du da gehst und stehst, thue ich in einen Glaskasten, und lasse dich in ganz Oesterreich von Ort zu Ort für Geld sehen, und lasse noch eine Tafel dazu malen, worauf der Kaiser von Kopf bis Fuß in Gold und seine Hofleute in Tombak abgemalt sind, und ein Lied will ich auch schon dazu drechseln, und das singen wir mit einander, und dann muß dich der Kaiser adeln, und du heißest Graf von Pflugfeld, und du baust dir ein Schloß, und ich bin dein Hofnarr.«

So suchte der Finessensepperl Alles ins Spaßhafte zu ziehen, aber es gelang ihm nicht ganz.

Der Richter des Ortes, innerlich verdrossen, daß nicht ihm diese Ehre widerfahren sei, wollte doch auch sein Theil davon haben, und sagte: »Das darf nicht verloren gehen, das muß fest bleiben für unsern Ort, und daß ihr's wisset, ich bin der Erste, der's gesagt hat: für diese Sache muß ein Denkzeichen gestiftet werden. Laßt mich nur machen, ich werde euch schon morgen sagen was. Und dann ist unser Ort der erste im ganzen Kaiserreich.«

Dieser Vorschlag, so allgemein und unbestimmt er auch noch war, brachte doch eine gewisse Beruhigung über Alle; denn es giebt in der Unstetigkeit oder in der Aufregung, die ein unverhofftes Ereigniß mit sich führt, nichts Befriedigenderes, nichts was mehr beschwichtigt, als die Aussicht, daß man nun noch Etwas zu thun habe, wodurch man selbstarbeitend das gleichsam zugeflogene Glück festbanne.

Wie ein Held, dem ein großer Sieg gelungen, ging Wenzel durch das Dorf, und bei aller Lobeserhebung und Bewunderung, die ihm ward, sagte er seltsamer Weise immer: »Wenn ich nur wieder essen könnte! Ich habe seit heute Morgen keinen Bissen über die Lippen gebracht, und ich meine, ich wäre jetzt für mein Leben lang satt, und ich hätte mein letztes Brod gegessen, und muß sterben.«

Das gab sich indeß bald wieder, denn beim Pfarrer, zu dem jetzt Alles eilte, trank Wenzel ein Glas Wein auf das Wohl des Kaisers, und gleich darauf stellte sich der natürliche Hunger wieder bei ihm ein, den er alsbald mit einem Halbpfund Käse und mit einem dreipfündigen Laib Brod stillte.

Bei dieser Thätigkeit hörte Wenzel nochmals zu, wie man Alles erzählte, und nahm es fast selbst für Wahrheit, als man hinzufügte: der Kaiser habe ihn aufgefordert, er möge ihn bald einmal in Wien besuchen.

Es war gut, daß alles dies am Samstag Nachmittag geschehen war, denn der Sonntag gab arbeitsledige Zeit, um Alles noch einmal zu besprechen.

Der Pfarrer im Dorf, ein aus dem Kloster entfernter Ordensgeistlicher, war eigentlich im Grund des Herzens dem Kaiser feind, denn dieser hatte durch Aufhebung von 700 Klöstern mit 36,000 Ordensleuten viele Gemüther gegen sich aufgeregt. Freilich blieben noch 1324 Klöster, und darunter die reichsten, mit 27,000 Mönchen und Nonnen, aber das wurde ihm nicht zu gut gerechnet, vielmehr regte sich ein stiller und weitverbreiteter Aufruhr, weil Joseph alle geistlichen Verordnungen der vorgängigen Bestätigung durch die weltlichen Gerichte unterwarf, und so der geistlichen Herrschergewalt Einhalt that, andrerseits aber durch Anerkennung jeder Religionsform aller Ausschließlichkeit den Krieg erklärte.

Der Pfarrer durfte indeß überhaupt, und jetzt besonders nicht, offen bekennen, wie er dem Kaiser gesinnt sei; vielmehr floß sein Mund über von salbungsvollen Reden, wie sehr er den Kaiser verehre.

Nach der Kirche sagte der Ortsrichter, daß der Gedanke von ihm sei, in Wahrheit aber war er vom Pfarrer eingeflößt: man müsse auf der Stelle, wo der Kaiser gepflügt hatte, zum ewigen Andenken eine Capelle erbauen. Es ist nicht zu bös gedacht, wenn man annimmt, daß der Pfarrer mit diesem Vorschlag die hochgehende Begeisterung seiner Gemeinde ins Gegentheil zu verkehren hoffte; denn er wußte wohl, daß der Kaiser solchen Huldigungen nicht hold war, und wenn er nun – wie zu erwarten stand – den Vorschlag verwarf, so war damit das Andenken an seinen Edelsinn ausgelöscht und dieser in Ketzerei verwandelt.

Mit doppelter Emsigkeit wurde nun die Herbstarbeit vollendet, denn die angesehensten Männer des Dorfes hatten sich bereit erklärt, nach Wien zum Kaiser zu gehen und ihm ihren Dank auszudrücken und zu erklären, was für ein Erinnerungszeichen sie dafür stiften wollten.

Die Annahme, daß der Kaiser den Wenzel ersucht habe, zu ihm nach Wien zu kommen, galt immer mehr als fest und wahrheitsgetreu, und Wenzel wußte nichts dagegen zu thun. Manchmal wollte er Einrede erheben, aber er wurde bald mit seiner zu großen Bescheidenheit zurückgewiesen, und wie das so geht, man läßt sich eine ruhmvolle Andichtung nach und nach gefallen und glaubt am Ende fast selbst daran.

Dennoch, als gegen Mitte Oktobers der vierspännige Wagen mit der Deputation und in ihrer Mitte der Pflug, mit Bändern und Blumen geschmückt, abfuhr, und als dabei Alles voll Jubel war, wie wenn der Wagen mit Dukaten beladen wieder zurückkommen müsse, da war das Antlitz Wenzels, der doch als Held und Mittelpunkt von Allem galt, am wenigsten fröhlich; ja er sah mißmuthig darein, und die Anderen redeten ihm zu und erklärten ihm: das sei das Bangen vor der großen Freude und Ehre, die ihm zu Theil werde, und er solle sich doch ein Herz fassen und sein Glück recht und vollauf genießen.

Wenzel nickte ohne zu antworten, und wenn man überall, wo man einkehrte, ruhmredig erzählte, daß man, vom Kaiser beschieden, zu ihm reise, war Wenzel allein still dabei. Endlich, als man in Wagram anhielt und sich noch einmal mit einem guten Trunk stärkte, weil man nun gleich geraden Weges in die Burg fahren wollte, widerrieth Wenzel dieses und sagte: man müsse sich zuerst vom Hofmarschall oder einem andern Bedienten anmelden lassen. Dagegen wehrte sich Alles, man wollte geraden Weges in die Burg fahren und hinauf zum Kaiser.

Nun erklärte Wenzel mit Zittern, wie es nicht wahr sei, daß ihn der Kaiser zu sich beordert habe; er habe sich das so einreden lassen, er selber habe es nie gesagt, und darum müsse man sich jetzt zuerst anmelden lassen und um eine Audienz bitten. Da ging ein Schreien und Toben über den Wenzel los: »Du hast uns alle betrogen. Es ist Alles nicht wahr. Jetzt zeigt es sich, daß du ein Lügner und Erzschelm bist. Man darf dir gar nichts glauben.« Der gute Mann, auf den noch vor einer Stunde Alle stolz waren, und sich durch Zuthulichkeit beeiferten ein möglichst großes Theil seines Ruhmes zu gewinnen, der war jetzt auf einmal Gegenstand der Verachtung und des Spottes, ja es wäre noch mehr geschehen, wenn nicht der Richter Einhalt gethan hätte. Wenzel betheuerte unter Thränen, daß alles Uebrige wahr sei, nur die Einladung nicht. Wieder wußte der Richter eine Aushülfe, denn er war einmal darauf versessen seinen großen Plan auszuführen, und er erklärte: daß, wenn der Kaiser auch nicht ausdrücklich eingeladen habe, es doch stillschweigend geschehen sei, und im Gegentheil, er würde es noch besser aufnehmen, wenn er sähe, daß man auch das verstünde was er nicht gesagt habe.

Nun war wieder Ruhe und Friede, und aller Ruhm fiel dem Richter zu; der war's ja, der den Kaiser verstanden hatte ohne dabei gewesen zu sein, und nicht der dumme Wenzel. Was kann der wissen? Es ist nur gut, daß der Kaiser sieht, wie nicht alle Bauern so dumm sind, wie der Wenzel, daß es im Gegentheil auch noch gescheidte giebt.

So fuhren sie nun mit erneuerter Freude und hochgeschwellten Erwartungen der Hauptstadt zu. Jeder wußte etwas beizutragen und sich dessen zu berühmen, daß er auch Theil habe an dem feinen Verständniß des Kaisers, ja der Finessensepperl sagte, daß er ehrlich bekennen müsse, er habe dem Wenzel die Einladung eingeredet, denn er habe es ihm zutheilen wollen, daß er den gescheidten Gedanken gehabt habe, jetzt aber nehme er ihn für sich in Anspruch.

Als man des Stephansthurms ansichtig wurde, schwenkten Alle die Hüte und riefen dem Kaiser ein Hoch! Nur Wenzel saß still und faltete die Hände.

Richtig fuhr der vierspännige Wagen durch das Burgthor, hielt an, und der Richter fragte die Wache: wo der Kaiser sei, sie wollten ihn sprechen. Dem Kaiser ward der seltsame Aufzug bald gemeldet, und er hieß die Bauern eintreten. Sie wurden in ein großes Zimmer geführt und eine Weile allein gelassen. Sie wagten es nicht, hier mit einander zu reden und zupften nur einander, und jetzt drängten sie den Wenzel vor. Jetzt überließen sie ihm wieder zuerst die Ehre.

Wenzel schaute immer unter sich, er meinte stets: er wäre in einer Wunderwelt, und der Boden müßte einsinken und die Decke einfallen. Auf seinem Acker hatte er frei und herzhaft mit dem Kaiser gesprochen, aber hier – er spürte es, steckte ihm wie ein Zapfen im Hals, und der Hut zitterte ihm in der Hand, so fest er auch die Krempe hielt.

Es öffnete sich nicht Schloß noch Riegel, aus einem rothsammtnen Thürvorhange trat plötzlich der Kaiser hervor.

»Grüß' euch Gott! Was wünscht ihr?« rief der Kaiser zutraulich.

Keine Antwort. Von allen Seiten fühlte sich Wenzel gestoßen und gezupft. Das war aber noch nichts gegen die Angst, die ihm den Hals zuschnürte, endlich stotterte er hervor: »Ich bin der Wenzel von Slawikowitz.«

»Und was ist Euer Begehr?«

»Der Pflug ... Der Herr Kaiser Majestät ...«

»Ich verstehe Euch nicht. Was wünscht Ihr? Redet ohne Furcht, ich liebe es, wenn man frei zu mir spricht. Setzt Euch hier, alter Mann, Ihr scheint mir müde.«

Wenzel setzte sich auf den seidenüberzogenen gepolsterten Stuhl und seufzte schwer. Nun nahm der Richter das Wort und sagte: »Das ist der Mann, dem der Herr Kaiser Majestät den Pflug abgenommen.«

»Ah!« fiel der Kaiser ein, »jetzt erinnere ich mich; verzeiht, daß ich Euch nicht alsbald erkannte.«

»O nein! nein!« rief Wenzel, »das darf nicht sein. Was hat der Kaiser mich um Verzeihung zu bitten? Es ist ja grundgütig, daß er noch daran denkt; wie soll er mich noch kennen, da ihm derzeit tausend und tausend Menschen vorgekommen sind?«

»Und nun,« sagte hierauf der Kaiser. »Was ist euer Wunsch? Was führt euch zu mir hierher?«

»Wir haben drunten auf unserm Wagen,« nahm der Richter wieder das Wort, »dem Herrn Kaiser Majestät den Pflug hergebracht, dem so große Ehre geschehen ist.«

»Ich danke,« erwiderte der Kaiser, »aber fragt nur den Wenzel selber, ich bin ein Stümper in der Feldarbeit. Ich danke euch, ich erkenne euern freundlichen Sinn, wenn ich auch eure Gabe nicht annehmen kann. Ich kann in meinen Staatsgeschäften keinen Pflug brauchen. Wollte Gott, die Zeit der Verheißung wäre da, wo man alle Schwerter in Pflugscharen verwandelt! Ihr müßt den Pflug wieder mitnehmen, er würde bei mir nur faullenzen und einrosten; aber ich danke euch für euern guten Willen. Ich erkenne ihn.«

Der Kaiser machte eine Bewegung als wollte er sich wenden, da rief der Richter muthig:

»Wir haben noch eine Bitte. Der Herr Kaiser Majestät wolle uns gestatten, daß wir zum ewigen Andenken eine Kapelle auf den Acker bauen, wo der Herr Kaiser Majestät gepflügt hat!«

»Warum redet Ihr nicht, Wenzel? Ihr könnt es doch? Ist das Euer Wunsch?«

»Nein, ich bin nicht so ... Der Plan geht von dem Herrn Pfarrer oder nein, von unserm Richter da aus.«

»Und ich,« sagte der Kaiser, »mißbillige den Plan durchaus, sei er nun von eurem Pfarrer oder eurem Richter. Ihr guten Leuten, zu welchen Irrthümern laßt ihr euch verleiten! Saget eurem Pfarrer, daß er euch um ein paar tausend Jahre zurück und zu Heiden verwandelt. Eine Ackerfrucht, die die Bedürftigen nähren sollte, als Opfer auf dem Altar aufgehen zu lassen, das ist echtes Heidenthum; aber einen Acker bestellen, daß Gottes Segen treu darin walte, daß die Halme aufsprießen und Sonne und Regen trinken und die Menschen nähren: das ist ein Gottesdienst, dem keiner gleichkommt, das ist die Arbeit, der heiligen Natur dienend, ihr helfend, fördernd, daß sie die Segensfrucht hervorbringe. Was wollt ihr diesem Fleck Erde seine heilige, von Gott gesetzte Bestimmung rauben? Ihr könnt ja beten in eurer Kirche und könnt beten auf eurem Felde, und das beste Gebet ist ein redliches Denken und ein rechtschaffen Handeln; welche Gebräuche dabei sein mögen, das ist Nebensache. Nein, der Acker soll bleiben und Frucht tragen für kommende Geschlechter, wenn ich nicht mehr bin und wiederum zu Staub geworden ist, was vom Staube genommen. Und ihr lieben Leute, ihr sollt mir kein Zeichen stellen an den Acker, daß man ihn kenne. Laßt mich dünken, daß ich eine Furche gezogen durch mein ganzes schönes Land, daß die reife Frucht der Menschenliebe, der Wohlthätigkeit und Friedfertigkeit zur Sättigung Aller, die deren bedürfen, daraus hervorsprieße. O könnte ich nur auch den Boden des Denkens neu bestellen. Aber ihr hattet Unrecht, Wenzel: ich habe freilich den Pflug zu tief eingedrückt, daß schlechter Boden heraufgekommen ist, aber noch nicht tief genug, denn tief unterm schlechten Boden liegt wiederum fruchtreicher, ausgeruhter; ich fürchte nur, ich bin zu schwach, meine Hand ist nicht kräftig genug, ihn heraufzubringen. Genug ihr lieben Leute, thue Jeder auf seinem Acker seine Pflicht, und das andere sei Gott befohlen; aber das sage ich euch noch einmal: kein Zeichen, kein Merkmal, Nichts. Behaltet es in Erinnerung, nicht wie und wo, sondern einzig, daß ich eure Thätigkeit ehre und hochhalte und euch gerne helfen möchte. Allen in meinem ganzen Reiche. Nehmt den Pflug nur wieder mit und laßt ihn fleißig sein bis er stumpf ist und, wie wir, in eine neue Schmiede kommt. Nochmals meinen Dank, ihr guten Leute. Hier noch einmal meine Hand, Wenzel. Denkt an mich wie ich an Euch! Lebt wohl! Gott befohlen.«

Und verschwunden war der Kaiser wiederum hinter dem Vorhang. –

Ehe die Bauern die Burg verließen, wurden sie auf Befehl des Kaisers mit Speise und Trank bewirthet, aber es war wiederum seltsam, es mundete Niemand als dem Wenzel; und so oft er ein Glas von dem heißblütigen Vöslauer an den Mund führte, schaute er sich um, als grüßte er Jemand, und dann trank er mäßig und bedächtig.

Die Heimfahrt war nicht so fröhlich als der Auszug, nur die Wangen Wenzels brannten wie die eines Jünglings am Hochzeitsmorgen.

Man brachte den Pflug wieder zurück, und er wurde wenig geachtet wie Wenzel auch, ja man spöttelte über diesen und nannte ihn den alten Kaiserpflüger.

Im Dorf sagte man erst leise und heimlich, dann aber immer lauter, der Kaiser sei ein Gottesläugner und Religionsverächter; er habe gesagt: man brauche gar keine Kirche und man solle nur seine neue Heilige verehren und die heiße Natur und die steht doch in keinem Kalender.

Es läßt sich leicht errathen, aus welcher Quelle diese Meinungen und Reden kamen.

Nur Wenzel betete jeden Morgen für den Kaiser; und als gegen Ende Februars 1790 die Nachricht vom Tode des Kaisers kam und allerlei Gerüchte darüber gingen, sagte Wenzel: »Es ist dummes Geschwätz, daß dem Kaiser an Leib und Leben ein Leid geschehen sei. Er ist in anderer Weise vergiftet worden; aber mit keinem Gift, das man aus der Apotheke bekommt, sondern aus den Herzen der Menschen, und dieses Gift heißt: Undank und Verleumdung. Man hat ihm sein gutes großes Herz gekränkt, und er hat da und dort widerrufen, was er in bester Absicht wollte, weil er Niemand kränken mochte; aber ihn kränkten Alle, und so ist er gestorben.«

Wenige Monate nach dem Tode des Kaisers begrub man auch den Kaiserpflüger Wenzel.

*

Die Nachwelt hat es doch nicht dabei gelassen, daß die That des Kaisers, die aus anspruchloser Herzensregung hervorgegangen, ohne Denkmal blieb; auf der Straße zwischen Austerlitz und Raußnitz ist am Wege ein Denkmal errichtet zur Erinnerung an das Pflügen Kaiser Josephs. Die Furche aber, die er gezogen durch das Herz des Volkes, ist nirgends mehr äußerlich kenntlich, und dennoch wird sie Frucht bringen zum Heile des Vaterlandes und der Menschheit.

2. Der Kuß des Kaisers.

»Der Kaiser kommt morgen durch unsern Ort,« sagte eines Abends nach dem gemeinsamen Nachtgebete der jüdische Gemeindevorsteher Isaak zu dem Rabbinen. Dieser kraute behaglich in seinem langen weißen Barte, der ihm bis auf die Brust herabhing, und murmelte vor sich hin: »Gesegnet sei er!« »Amen!« fuhr Isaak fort. »Aber wir sollten doch etwas veranstalten, ihn zu begrüßen. Es thut Jedem, und wenn er noch so hoch steht, wohl, wenn er sieht, wie man ihn in Wahrheit liebt; und gerade weil uns vom Amt nichts befohlen und nichts angesagt ist, muß der Kaiser sehen, daß es von freien Stücken geschieht. Der Pfarrer und der Ortsrichter, Männer und Frauen und Kinder gehen ihm entgegen, und sie haben draußen an der Gemarkung eine Ehrenpforte gebaut. Ich kann's nicht wagen, den Vorschlag zu machen, daß wir auch dabei sein dürften, aus zwei Gründen nicht, denn erstlich weiß ich im voraus, sie weisen uns ab ...«

»Dann könnt Ihr den zweiten Grund in Rauch hängen!« sagte der Gemeindediener, Tobias Heubauch genannt, weil er der Sage nach einst, um sich ein Ansehen zu geben, sich mit Heu ausgefüttert hatte, versteht sich nur äußerlich. Alles lachte nur leise, denn man wagte es nicht laut im Beisein des ehrwürdigen und strengen Rabbinen, den noch Niemand hatte lachen sehen. Auch der Vorsteher lächelte, und fuhr fort:

»Und wenn sie's uns auch gewähren würden, wer wollte dabei sein, wo man nichts als Schimpf und Spott auszustehen hat? Was sollen wir nun machen?«

Der Rabbine faßte den Zipfel seines Bartes fest in die Faust; das war ein Zeichen, daß er reden wollte, und Alle hörten still zu, da er begann:

»Die Gemeinde kommt morgen früh in Feiertagskleidern in die Synagoge und dann wird sich Alles zeigen.«

Der Rabbine schlug ein großes Buch auf, und legte die rechte Hand hinein, zum Zeichen, daß die Gemeinde sich entfernen sollte. Denn er wollte jetzt wieder seine gewöhnliche Thätigkeit fortsetzen, die nur in abwechselndem Beten und Studiren bestand.

Am andern Morgen ging Keiner mit seinem Quersack über Land, denn heute war ein Festtag. In der Synagoge an der östlichen Wand war Tobias beschäftigt, den Gesetzesrollen, die hier standen, sammtne und brokatne Umhüllungen zu geben. An je zwei Doppelstäben sind hier die großen Pergamente zusammengerollt: denn es ist alte Satzung, daß das Gesetz Mosis nicht aus einem gedruckten Buche, sondern aus geschriebenen Pergamentrollen in der Synagoge vorgelesen wird, und diese Rollen kommen nie hinaus in das freie Sonnenlicht, außer an dem Tage, da unter Gesängen und Gebeten von einer Familie eine neue Gesetzesrolle in die Synagoge gestiftet wird.

Nachdem mehrere Psalmen abgesungen waren, wurden die Rollen allesammt hinausgetragen auf die Straße; dort stellten sich die Träger auf, in ihrer Mitte der Rabbine, dessen Gesetzesrolle an den obern Enden der Stäbe mit flimmernden silbernen Kronen geschmückt war. Auch die ganze Gemeinde stellte sich auf, hier im Innern des Dorfes, als bereits die Glocken von der Kirche zu läuten begannen, verkündend, daß die kaiserlichen Wagen an der Gemarkung angelangt waren.

Auf der Freitreppe am Hause des Gemeindevorstehers Isaak, das der Synagoge gegenüber lag, hatten sich die jüdischen Frauen und Mädchen versammelt; Eine suchte sich hinter der Andern zu verstecken, um nicht gesehen zu werden, und dennoch wiederum drängte sich Jede vor, um gut zu sehen.

Ein Hochrufen, aus dem besonders die hellen Kinderstimmen hervorklangen, ward vernehmbar. Jetzt kam ein Wagen mit zwei Männern in glänzenden Uniformen; er rasselte vorüber, ehe man noch Zeit hatte, den Mund aufzuthun. Es entstand ein bedauerliches Murren, daß der Kaiser so stolz und zornig vorüber gerasselt sei, und nicht einmal gegrüßt habe, und man stritt eben noch darüber, ob der zur rechten oder der zur linken Seite der Kaiser gewesen sei, als wiederum ein Wagen nahte. Aber jetzt ganz langsam und im Schritt. Nein, das war der Kaiser, und der Rabbine hob die Gesetzesrollen hoch, und betete mit lauter Stimme, und die ganze Gemeinde sprach ihm nach:

»Gelobt seist du Jehovah unser Gott, König der Welt, der von Seiner Majestät Theil gegeben hat einem Menschen von Fleisch und Blut!«

Der Kaiser ließ still halten und sich diese in ebräischer Sprache gesprochenen Worte, die ein vorgeschriebener Segensspruch beim Anblick eines Fürsten sind, ins Deutsche übersetzen. Er nickte zufrieden, und sagte dann:

»Ich muß es auch Euch sagen, daß ich diese Ehrenbezeigungen nicht liebe; ich reise durch mein Land, um euch arbeiten zu sehen, nicht um euch zum Müßiggehen zu veranlassen. Freilich, ihr Juden habt noch wenig nutzbringende Gewerbe, obgleich ich euren Kleinhandel nicht so verwerfe, wie Andere thun: er belebt den Verkehr. Aber ihr sollt euch dran halten, mehr stetige, minder auf List und Trug abgesehene Thätigkeit zu erwerben. Meine Gesetze sollen euch darin schützen. Daß Jeder nach seiner Façon selig werde, darüber kann ich keine Bestimmungen treffen, aber ich will, daß Jeder nach seiner Fähigkeit glücklich werde; dafür will ich sorgen nach Kräften, und ich habe auch an euch gedacht. Ihr habt viele Jahrhunderte Schmach und Elend erduldet, das soll nun ein Ende haben, in meinen Landen wenigstens; ihr sollt mir dann auf keinen Messias mehr hoffen, als auf den redlichen Lohn redlicher Arbeit.«

Der Kaiser ließ sich nun die Beschaffenheit der Gesetzesrollen erklären, und wiederholte nochmals, daß er keinen bürgerlichen Unterschied wegen Glaubensansichten bestehen lassen wolle.

»Ist es wahr,« fragte er dann den Rabbinen, »daß ihr euch noch für das auserwählte Volk haltet, und alle Anderen geringschätzet, weil sie nicht eures Glaubens sind?«

»Hoher Herr!« erwiderte der Rabbi, »unser Gesetz ist nur für den verbindlich, der als Jude geboren ist; wir suchen nie einen Andern zu bekehren. Wäre es nun nicht vernunftwidrig und gotteslästerlich, wenn wir Einen geringschätzen wollten, der seinem eigenen Gesetze nachlebt, und unseres nicht will, das auch ihn nicht will?«

Der Kaiser nickte zufrieden, und sagte: »Ich liebe die Treue, sie ist die höchste Tugend. Ihr habt sie unter tausendjährigen Martern bewährt.«

Schon war er im Begriff, das Zeichen zum Aufbruch zu geben, als bei einer Wendung sein Blick auf die Freitreppe und die versammelten Frauen und Mädchen fiel. Er stieg aus, und auf die Treppe zuschreitend sagte er: »Und ihr, habt ihr kein Wort und kein Zeichen der Huldigung für mich?«

Es läßt sich nicht beschreiben, welch ein Gedränge auf der Treppe war bei dieser Anrede. Viele drängten ins Haus hinein, und überstürzten einander; Andere fielen gerade auf den Boden nieder und versteckten sich, und wieder Andere verhüllten mit den Schürzen ihr Angesicht. Nur ein Mädchen, das jetzt zuvorderst stand, blieb frei und unbeweglich, aber ihre geschwellten Lippen zuckten, aus ihren braunen Augen sprach eine seltsame innere Bewegung. Jetzt öffnete die Jungfrau den Mund, und sagte:

»Die höchste Verehrung hat kein Wort!«

»Du verstehst zu schmeicheln,« erwiderte der Kaiser lächelnd.

»Man schmeichelt der Sonne nicht, wenn man ihr still dankt, daß sie ihr Licht über alle Geschöpfe ausgießt.«

»Wie heißest du?«

»Dina.«

»Und dein Vater?«

»Ich, hoher Herr,« sagte Isaak der Vorsteher.

»Ich habe einen Wunsch an dich, Dina,« sagte der Kaiser. »Zum Zeichen, daß ich dein Volk, das Jahrtausende lang mißhandelte und verachtete Volk, werthschätze und liebe, zum Zeichen dessen laß mich dir einen Kuß geben. Ich will ihn dir nicht rauben; willst du?«

»Ich will!« sagte die Jungfrau, und ihr ganzes Gesicht leuchtete wie ihre Augen.

Und der Kaiser neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund.

Und jetzt stand er mit niedergeschlagenen Augen, und das Mädchen blickte frei umher.

»Du scheinst mir spröde und herb,« sagte der Kaiser endlich, »wie kommt es, daß du mir so leicht willfahrtest?«

»Weil ich nicht den Mann, nicht den Menschen, sondern die Gnade des Kaisers geküßt habe.«

»Ich danke dir,« sagte der Kaiser scherzend, »du unterscheidest fein zwischen Küssen. Du bist wohl schon verlobt?«

»Ja!«

Alle Anwesenden sahen staunend umher, aber aus den versammelten Männern drängte sich jetzt ein hochgewachsener, schlanker junger Mann mit gekrausten, schwarzen Haaren und edlen, blühenden Gesichtszügen.

»Und wo ist dein Verlobter?« fragte der Kaiser.

»Der dort,« rief das Mädchen, die Hand ausstreckend, und der junge Mann wollte vorwärts schreiten, aber er war wie festgewurzelt.

»Wann heirathest du?« fragte der Kaiser wieder.

»Wann es die Kaiserliche Majestät erlaubt!«

»Ich? Warum ich?«

»Weil man ihm das Niederlassungsrecht verweigert. Es soll ja nach altem Gesetz die Zahl der Familien nicht vermehrt werden, sie soll dieselbe bleiben, und mein Bräutigam hat schon einen verheiratheten Bruder.«

»Mädchen! Du erinnerst mich an eine Bestimmung, die uns zweifeln macht, ob die Gesetze von Menschen oder von Teufeln gegeben sind. Doch sprich! Ist dein Bräutigam auch ein Trödeljude? Ich mag nicht glauben, daß du deine Hand einem Menschen gebest, der sich mit Schachern und Trödeln abgiebt, und ehrvergessen sich überall verspotten läßt, nur um einen Gewinn zu erhaschen.«

»Das eben ist's,« sagte das Mädchen. »Mein Bräutigam ist ein Gerber. Er hat das Handwerk im Ausland erlernen müssen, weil ihn hier kein Meister annahm, und jetzt schließt ihn die Zunft aus, und verwehrt ihm sein Handwerk zu treiben.«

»Und ich gestatte es ihm hiemit,« sagte der Kaiser, und fuhr dann lächelnd fort: »Ich habe es viel lieber, ihr zieht den Ochsen die Häute ab und gerbt sie, als daß ihr mit ehrlosem Schacher den Bauern die Haut abzieht. Ich will euch schützen in allem rechtschaffenen Thun, und ihr sollt daran denken, daß ich einen Namen aus eurem alten Testamente habe, daß ich Joseph heiße. Ich begrüße hier eure Gesetzesrollen,« schloß der Kaiser, sein Haupt entblößend, »ich ziehe den Hut ab vor jedem fremden Heiligthum, das in Wahrheit verehrt wird und keinen Menschen mit Haß verfolgt, weil er nicht das Gleiche in gleicher Weise liebt. Der Religionshaß soll künftig in meinen Staaten nur durch die Verachtung bekannt sein, die ich dafür habe. Haltet an eurem Gesetz, und macht euch immer mehr fähig, dessen theilhaftig zu werden, was ich für mein ganzes Volk ohne Unterschied im Herzen hege.«

Der Kaiser stieg in den Wagen, und fast wären die Versammelten unter die nachfolgenden Wagen gekommen, denn so rannte Alles in tollem Wirrwarr durcheinander.

Nur Dina hatte sich auf die Treppe gesetzt, und weinte unaufhörlich. Sie hatte ein starkes Herz bewiesen im Angesicht des Kaisers, und jetzt war sie wiederum das schwache Mädchen.

Das Erstaunen machte sich in allerlei Ausrufungen Luft, und nur so viel ließ sich aus dem verworrenen Geschrei enträthseln, daß Dina nicht Braut gewesen war, daß sie ihren Vater und den Bräutigam, der dastand und nicht wußte, ob er träume, mit dieser plötzlichen Wendung überrascht und gefangen hatte. Denn Dina's Vater wollte dem armen Elternlosen, der noch dazu als Handwerker ganz aus der Art schlug, die Hand seiner Tochter nimmermehr geben.

Nun aber war alles Widerstreben beseitigt, und als man sich hierüber genugsam ausgesprochen hatte, kam man wieder darauf, daß der Kaiser Dina geküßt hatte.

Der Gemeindespaßvogel Tobias Heubauch fand auch hier Gelegenheit zu seinen Witzeleien.

»Ein schöner Beweis!« spottete er, »der Kaiser küßt das schönste Mädchen zum Zeichen, daß er die Juden auch lieb hat; wenn er das hätt' beweisen wollen, hätt' er mich küssen müssen oder da meine alte Schachtel, das wäre ein wirklicher Beweis, an den Jeder hätte glauben müssen. Komm her, Gudula, warum hast Du dich nicht hingestellt? O weh! Ein armer Mann darf keinen Gusto haben, ist ein wahres Sprüchwort, das meine Großmutter schon gesagt hat.«

Die Aufregung, die dieses Ereigniß hervorgebracht hatte, wollte sich noch lange nicht legen, und selbst die christlichen Mitbürger kamen vor das Haus Isaaks, und hörten staunend was geschehen war.

Der so plötzlich zum Bräutigam gewordene junge Mann wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte; bald wurde er geneckt, weil der Kaiser zuerst seine Braut geküßt, bald wurde er beglückwünscht, weil ihm nun doch noch das Glück geworden sei, die schöne und tapfere Tochter des reichen Isaak heimzuführen. Und diese Neckereien und Glückwünsche waren wie die lautgewordenen Stimmen seines eigenen Herzens; bald war er glückselig über die ungeahnte Wendung seines Lebens, bald wieder traurig und ärgerlich, wenn er dachte, wie gering ihn eine Braut ansehen müsse, die der Kaiser geküßt hat.

Jeder wollte mit Dina sprechen, diese aber war unversehens verschwunden, hatte sich in ihrer Schlafkammer eingeschlossen; und ließ den ganzen Tag weder die Eltern, noch den Bräutigam zu sich.

Am Abend jedoch kam sie herab in die Stube, und nach altem Brauch wurden drei Lichter angezündet, und auf einem mit Kreide auf den Stubenboden gezeichneten Drudenfuß, worin ein Glückwunsch geschrieben war, eine Tasse zerschmettert, davon jeder der Versammelten sich eine Scherbe bewahrte. Das war nun die wirkliche und feierliche Verlobung, und daß diese erst jetzt stattfand, brachte noch schweres Leid.

Als man wenige Wochen darauf beim Amte die Heirathserlaubniß holen wollte, erklärte der Amtmann, daß erstlich kein beglaubigtes Dokument vom Versprechen des Kaisers da sei, und daß er das Zeugniß der umstehenden Juden nicht als gültig anerkenne, ferner aber, daß sich herausgestellt habe, wie Dina den Kaiser angelogen hätte, und daß er dieß höchsten Ortes berichten müsse.

Nun war die Freude in Leid verkehrt, und Dina mußte selbst vor Amt.

Es war am Nachmittag als sie vor Amt erschien, und sie wurde flammenroth als der Amtmann spöttisch fragte: »Du bist also das Judenmädchen, das vom Kaiser geküßt sein will?«

Dina mußte nun ein peinliches Verhör bestehen. Alles wurde protokollirt, und wie entweiht war es nun! – Zuletzt mußte sie gar noch bekennen, daß sie allerdings den Kaiser getäuscht habe, denn sie sei damals in der That noch nicht Braut gewesen. Schließlich wurde ihr das Protokoll vorgelegt und sie sollte ihren Namen unterzeichnen. Mit zitternder Hand ergriff sie die Feder und schrieb ihren Namen; aber plötzlich flammte es in ihrem Gesichte auf. Als wollte sie Sand auf die Unterschrift streuen, streckte sie die Hand aus, ergriff aber das Tintenfaß, und schüttete es über den ganzen Bogen. Sie lächelte heimlich in sich hinein, als sie jetzt die Scheltworte des Amtmanns hören mußte, über die doppelte Mühe die man um ihretwillen habe. Sie ward auf den andern Tag beschieden, um das nochmals zu schreibende Protokoll zu unterzeichnen.

Als eine Siegerin, der eine entschlossene und tapfere That gelungen, kehrte sie zu Vater und Bräutigam zurück, die vor dem Amthause auf sie warteten. Rasch erzählte sie was sie gethan, und die Entschlossenheit die aus ihr sprach, verschönerte sie noch mehr.

Noch in der Nacht, als Alles im Dorfe schlief, bestieg sie mit ihrem Vater und ihrem Bräutigam heimlich draußen auf der offenen Straße einen Wagen, und fort ging's durch die Nacht nach der Hauptstadt zum Kaiser. In Wien angelangt, ließ sich Dina aber durch keine Bitten und Beschwörungen dazu bewegen, selber mit in die Audienz zum Kaiser zu gehen. Und als die beiden Männer dem Kaiser dies berichteten, lächelte er vor sich hin und lobte Dina; er ließ augenblicklich zwei Schreiben ausfertigen: in dem einen bestätigte er sein Versprechen, und in dem andern wurde der Amtmann zur strengen Rechenschaft gezogen.

Das war ein Jubel: als Dina mit den Ihrigen in das Dorf zurückkehrte, und der Vater durch das ganze Dorf bis vor sein Haus das Schreiben des Kaisers mit dem groben kaiserlichen Siegel hoch in der Hand hielt und allen sein Glück verkündete.

Noch nie war im Dorf eine Hochzeit fröhlicher gewesen, als die von der Gerbermeisterin Dina. Immer wieder aufs Neue wurde dem Kaiser ein Hoch gebracht. Und als der Jubel am lautesten war, erscholl plötzlich ein Posthorn; Alles rannte ans Fenster, ein kaiserlicher Hofdiener stieg vom Pferde und kam spornklirrend die Treppe herauf, und geradewegs an den Hochzeitstisch. Mit wunderlichen Reden überreichte er ein eingerahmtes Bild des Kaisers, und verlangte abermals im Namen seines Herrn den Dank von rothem Munde.

Schon hatte der junge Ehemann den Mund geöffnet, um dieß fortan zu untersagen, als Alles schrie: »Der Heubauch! Der Heubauch!« Und dieser war's in der That. Er hatte nach seinem alten Mittel gegriffen, sich einen stattlichen Umfang zu geben. Alle lachten, er aber lachte und höhnte am meisten.

Das Bild war die erste Zierde im Hause des jungen Ehepaares, und Dina steckte einen Blumenstrauß vom Hochzeitstische auf dasselbe.

Es war noch nicht ein Jahr darauf, als der Kaiser eines Morgens seinem Vortragenden Rath mit Lächeln ein Schreiben hinreichte und sagte:

»Nun sehen Sie, nun bin ich, den man Ketzer schilt, sogar Gevatter bei einem Judenknaben.« Er erzählte das Begebniß mit Dina und schloß: »Das junge Ehepaar hat seinen ersten Sohn mir zu Ehren Joseph genannt. Antworten Sie ihnen, daß ich ihnen und meinem Pathen stets gewogen bleibe, und schicken Sie der Frau hier diesen Ring.«

Der Ring ist geblieben, aber der kleine Joseph ist bald gestorben: und als die ganze Gemeinde besonders darüber trauerte, sagte Heubauch: »Das Sprüchwort wird wahr: Das Kind ist todt, die Gevatterschaft hat ein End'.«

Und als mehrere Jahre darauf Kaiser Joseph in die Kapuzinergruft versenkt wurde, las man am Sabbath in der Synagoge gerade den Wochenabschnitt 2. Buch Mosis Cap. 1. vor; und als der 8. Vers gesprochen wurde, weinte Alles, und in der Frauenhalle der Synagoge schauten Viele auf Dina, die leichenblaß, aber thränenlos war.

Noch als Dina eine greise Großmutter war, wurde ihre Stirn jedesmal flammenroth, wenn man sie daran erinnerte, daß sie einst vom Kaiser geküßt worden sei.

*

Von diesem hier erzählten Ereigniß giebt nirgends ein Denkmal Kunde, aber in den Herzen der Unterdrückten lebt vor Allem eine Tugend, und das ist die Dankbarkeit, welche bewiesene Menschenfreundlichkeit und empfangene Wohlthat nie vergessen läßt.

Kaiser Joseph ist in der Erinnerung der Fürst der Liebe bei seinem ganzen Volke geworden, er hat die verschiedenen Bekenntnisse zu Einem Glauben bekehrt: zum Glauben an die Menschenhoheit in der Majestät. Das ist die heilige Krone die er erobert, und die jeder Nachfolger erben kann – durch gleiches Thun.

3. Ein selbstverfaßtes Gebet Kaiser Josephs.

Wunsch und Vorsatz des zerstreuten, von Ereignissen und Stimmungen oft in sich selbst verkehrten innersten Wesens faßt sich als heilige Andacht, um festen Halt zu gewinnen, im Gebet zusammen. Das Wandelbare wendet sich zum Unwandelbaren, und erkräftigt sich im Gedanken desselben. Ob solche innerste Erhebung in flüchtigen Worten ausgesprochen, oder in geschriebenen Worten gefesselt wird, das ist gleich. Es ist ein lebendiges Hinausdenken aus sich, ein Fassen und Festigen des endlichen Geistes durch Erfassen des unendlichen Geistes, der da ist Gott.

Es wird uns nicht berichtet, welche Veranlassung dazu war, daß Kaiser Joseph einst seine innersten Gedanken als Gebet niederschrieb, und in diesem Niederschreiben zeigt sich, daß es gleich ist, in welcher Weise sich das innerste Denken offenbart: es steht nur um so höher, je geistiger es ist. Opfer bringen, Singen, Knieen, Fasten: es sind Formen des Gebetes, und es ist erhebend, daß Kaiser Joseph ihm eine neue Form gab, indem er schreibend betete.

Das von ihm eigenhändig für sich niedergeschriebene Gebet lautet wörtlich:

»Ewiges, unbegreifliches Wesen! Du bist ganz Duldung und Liebe – deine Sonne scheint dem Christen wie dem Gottesläugner – dein Regen befeuchtet die Felder des Irrenden, wie jene des Rechtgläubigen, und der Keim zu jeder Tugend liegt auch in dem Herzen der Heiden und Ketzer. Du lehrst mich also, ewiges Wesen: Duldung und Liebe – lehrst mich, daß Verschiedenheit der Meinungen dich nicht abhalte, ein wohlthätiger Vater aller Menschen zu sein. Und ich, dein Geschöpf, soll weniger duldend sein, soll nicht zugeben, daß jeder meiner Unterthanen dich nach seiner Art anbete? Soll die verfolgen, die anders denken, als ich, und Irrende durchs Schwert bekehren? Nein, allmächtiges, mit deiner Liebe allumfassendes Wesen, dies sei weit von mir. Ich will dir gleichen, so weit ein Geschöpf dir gleichen kann – will duldend sein, wie Du! – Von nun an sei aller Gewissenszwang in meinen Staaten aufgehoben. Wo ist eine Religion, die nicht Tugend lieben, nicht das Laster verabscheuen lehrte? Jede sei also von mir tolerirt. Jeder bete dich, ewiges Wesen, in der Art an, die ihm die beste dünkt. Verdienen Irrthümer des Verstandes die Verbannung aus der Gesellschaft, ist Strenge wohl das Mittel die Gemüther zu gewinnen und Irrende zu bekehren? Zerrissen seien von nun an die schändlichen Ketten der Intoleranz! Dafür vereinige das süße Band der Duldung und Bruderliebe auf immer. Ich weiß, daß ich der Schwierigkeiten viele werde zu überwinden haben, und daß sie meist von Denen kommen, die sich deine Priester nennen. Verlaß mich also nicht mit deiner Macht! Stärke mich mit deiner Liebe, ewiges unerklärbares Wesen! auf daß ich alle diese Hindernisse glücklich übersteige, und daß das Gesetz unsres göttlichen Lehrers, welches kein anderes als Duldung und Liebe ist, durch mich erfüllt werde. Amen – und dreimal Amen!«

4. Der Schul-Christoph.

Wie still schwirren die Schneeflocken nieder vom Himmel, und nur aus dem warmen Stall herauf hört man manchmal einen einzelnen Ton von der Kuhschelle. Der strohumwickelte Brunnen sprudelt seinen Strahl und es dampft um ihn. Zwei Raben kommen geflogen und schauen sich um und um, und Sperlinge fliegen schwärmend durcheinander. Die dunkeln Aeste am Apfelbaum vor dem Hause bedecken sich mit spitzen Schneelagen, drüben am Nachbarhause ist vor der braunen verschlossenen Thüre ein Weg gekehrt, aber der fallende Schnee deckt ihn zu. Wie ist jetzt Alles so still und heilig, und wie gut ist jetzt daheim sein!

So war's ein Wintertag, als ein Bauer, die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, hinausschaute in die stille Welt, und Gedanken mancher Art schwirrten still in seiner Seele, wie die Schneeflocken draußen, und sie deckten alles zu, was sonst den Menschen bewegt, im Schaffen und Sorgen, und er ließ sie gewähren. Plötzlich wurde er unterbrochen, denn er hörte trappelnde Tritte vor seiner Thüre, wie wenn sich Einer den Schnee von den Füßen schüttelt. Die Thüre öffnete sich, und herein trat der Nachbar Jörg, der mit ihm und noch zwei andern Bauern die ganze Einwohnerschaft der Anhöhe ausmachte.

»Heut macht's gut 'runter,« sagte Jörg, »man kann's nicht wagen, zehn Schritt vom Hause wegzugehen, man kennt sich beinahe nirgends mehr aus. Wollen wir eins spielen?«

Und mit diesen Worten zog er ein Spiel Karten aus der Tasche und mischelte.

»Mein Vater selig hat einmal gesagt,« erwiderte Christoph, und eine Röthe drang ihm bis in die Schläfe, »wer am hellen Tag spielen kann, ist nicht werth, daß ihn die Sonne je bescheint. Steck' ein. Du kannst ja schreiben, ich kann's leider Gottes nicht; mach' meinem Peter da eine Vorschrift. Der Bub weiß nicht, was er mit sich anfangen soll.«

Zwar unwillig, aber doch geschmeichelt wegen seiner besondern Kunst, die zur Zeit wo dies geschah noch seltener war als heutigen Tages, begann Jörg einige Worte zu schreiben, wobei er aber weidlich auf schlechte Feder und Tinte schimpfte und zuletzt sagte: »Unser Kaiser, der doch immerfort mit den Schulen zu thun hat, sollte Befehl geben, daß alle Kinder Federn schneiden lernten.«

»Das wird er auch!« sagte Christoph, »Joseph denkt an Alles.«

»Ja, aber aus den Schulen macht er viel zu viel Wesens. Vom Schreiben und Lesen kriegt man nichts in den Magen und nichts in den Sack, und wenn man die Verordnungen liest, meint man, man brauche weiter nichts um glücklich zu sein, als in die Schule gehen. Der Lehrer kann schreiben, und mein Oberknecht ist zehnmal besser dran als der, und weiß doch nicht, wie man eine Feder in die Hand nimmt, und was für ein Unterschied ist zwischen einem A. B. C. und einer Mistgabel. Die ganze Schulmeisterei ist für nichts. Für Unsereins, ich will's nicht läugnen, hat es sein Gutes; aber wozu brauchen das die Kinder der Armen auch zu lernen?«

»Das ist sündhaft,« sagte Christoph, »ich gäbe einen Finger von meiner Hand drum, wenn ich lesen und schreiben könnte. Jetzt weiß ich nur was ich höre, und was man mir sagt, und von Menschen die leibhaftig vor mir sind; wenn ich aber lesen könnte, wäre jetzt ein braver Mensch bei mir, der vielleicht tausend Stunden Weges von mir, und vielleicht schon gestorben ist, und er sagte mir, was er erfahren, und was ich mir auch zu Nutzen machen kann. Unser Kaiser hat Recht. Die Gedanken allein sind's, die die Menschen regieren, und drum soll Jeder wissen, wie's in der Welt ist, dann wird er bei sich besser daheim! Komm' Peter,« rief Christoph plötzlich, und richtete sich straff auf, »komm' Peter, lege deine Schreiberei weg und zieh dich an, und du Mutter, gieb uns ein gut Stück Brod und Käse, mach' hurtig; Peter, ich geh' mit dir in die Schule.«

»Aber das Kind versinkt ja in dem Schnee!« rief die Frau ängstlich.

»Aber ich nicht,« antwortete Christoph seinen Schafpelz anziehend, »ich trag' ihn auf meinen Armen.«

Und über eine Weile schauten Jörg und die Frau zum Fenster hinaus und sahen Christoph nach, der, seinen Sohn in den Armen, den Berg hinabschritt, dem Städtchen Wohlau zu.

Im Städtchen sprach Christoph eine Weile allein mit dem Schulmeister, dann saß er nicht weit von ihm vor den versammelten Kindern, und hielt eine kleine Fibel in der rauhen Hand.

Tagtäglich trug nun Christoph seinen Sohn zur Schule, und kehrte am Abend so wieder mit ihm heim. Fast noch mehr als die Schule erquickte den Vater der Weg hin und her, denn er lernte jetzt das Herz und die Gedanken des Kindes in ungewohnter Weise kennen; es stellte Fragen an ihn, die er nicht immer beantworten konnte, aber die Seelen von Vater und Kind wuchsen dadurch immermehr in fester Liebe in einander, und ohne es wissen zu lassen, daß er selber dabei lernte, hörte er dem Knaben die Schulaufgaben ab und machte mit ihm die Reinschriften.

Anfangs spöttelten die Nachbarn über den seltsamen Mann, bald aber ließen sie sich selbst von seinem Beispiel bestimmen, und am Morgen sah man jedesmal die vier Väter, jeden mit einem Kind auf dem Arme, hinabziehen nach der Stadt.

Auf dem Hin- und Herwege, besonders aber auf dem letztem, gab es mancherlei Gespräche, und Jörg der Zweifler behauptete, es sei nicht den hundertsten Theil der Mühe werth, was solch ein Kind oft an einem Tage lerne: wenn man's bei Licht betrachte, wüßten die Kinder heute kaum etwas mehr als gestern, und so hätten die Schulversäumnisse gar nicht so viel zu bedeuten.

Dagegen aber erwiderte Christoph: man merke ja draußen am Felde auch nicht, wie viel oder wie wenig seit gestern gewachsen sei, und das höre doch niemals auf; höre es aber einmal auf, so sei es abgestorben und man habe keine Frucht zu hoffen.

Der Schul-Christoph, denn diesen Beinamen hatte ihm Jörg gegeben, behielt meistens Recht, und die andern stritten nur mit ihm, um ihn reden zu machen, denn er war jetzt ganz gegen seine Art oft schweigsam und redekarg. Die Dinge, die er in der Schule hörte, gaben ihm gar viel zu denken. Der Schul-Christoph war ohne allen Unterricht, wie man sagt, wild aufgewachsen; aber ein unruhiges Denken und Sinnen lebte in ihm, und jetzt da er in der Schule als erwachsener Mann, der schon vielerlei gegrübelt hatte, die Dinge hörte, die man den Kindern lehrt, brachten sie ihn zu eigenem schwerem Nachforschen. Was sonst in der Jugend eingelernt wird, um bald halb oder ganz vergessen zu werden, das bewegte jetzt unaufhörlich die Gedanken des Mannes.

Eines Tages als der Lehrer von den Sternen gesprochen hatte, wie man ihren Lauf berechnen könne, und die Erde auch nur ein Stern sei, da fragte Peter auf dem Heimwege:

»Vater, woher weiß man denn, daß die Sterne so und so heißen?«

»Die Menschen haben unter einander ausgemacht, daß man sie so nennen will.«

»Ja aber die Sterne wissen nichts davon?«

Der Vater drückte sein Kind an die Wange und sagte: »O Kind, die Dinge die über uns sind, können wir nur nennen, und das weitere wissen wir nicht; wir Menschen sind nur ein bischen gescheidter als die Thiere, aber nicht viel. Eines aber ist, und in dem ist Alles, und vor ihm gilt's gleich, wie man's nennt, und Keiner kann dem Andern vorwerfen: du hast nicht den rechten Namen dafür. Die Menschen haben Gott bei verschiedenen Namen genannt; aber Keiner weiß, wie er bei sich heißt, und es ist eins wie man den Stern heißt, wenn man ihn nur kennt, und es ist eins wie man Gott heißt, wenn man ihn nur liebt. Denk' daran, Kind, wenn ich nicht mehr bin, daß es mich glücklich gemacht hat, zu einer Zeit zu leben, wo ein Mensch regiert, der das auch eingesehen hat, und der da will, daß Niemand den Andern verfolgen und beschimpfen soll, weil der das was über uns und überall ist, anders nennt, als er selbst.«

Aber nicht immer war man in so hohen Gebieten, wie jetzt durch die Frage Peters, manchmal gab es auch allerlei Scherz und Neckerei, und über die stille Schneedecke hin schallte oft lautes Lachen; dennoch hatte aller Scherz eine gewisse Grenze, denn man scheute sich, im Beisein der Kinder mancherlei auszusprechen, was man sonst ohne Wahl in den Mund nahm. Und das war ein Segen, der wieder von den Kindern auf die Eltern überging; die Menschen, die die Reinheit und Heiligkeit der Natur in dem Kinde achten, sind fromme Menschen, denn sie achten das, was ewig rein und neu ersteht.

Es war am zweiten Tage nach Neujahr, als die vier Väter auf ihrem Wege nach der Stadt plötzlich mit einem Halt! angerufen wurden und staunend umschauten. Ein Mann in pelzbesetzten Jagdkleidern, die Flinte in den Händen, kam auf sie zu und fragte: »Was habt ihr da? Was ist das mit den Kindern?«

»Die sind unser eigen,« erwiderte Jörg trotzig.

»Wohin wollt ihr mit den Kindern?«

»Das brauchen wir nicht zu sagen, bis man uns höflicher fragt,« entgegnete Jörg abermals.

»Kennt ihr mich denn nicht?« sagte der Mann, »ich bin ja euer Gutsherr, von Wien zur Jagd hergekommen.« Er schlug den Pelzkragen zurück und lüftete etwas die Pelzmütze; die vier Männer erkannten den Gutsherrn und setzten höflich grüßend die Kinder ab.

»Wollt ihr mir nun sagen,« fragte der Gutsherr, »was ihr mit den Kindern vorhabt?«

»Ich hätte es Euch auch gesagt, wenn Ihr nicht der Gutsherr wäret,« sagte Christoph, »wir tragen unsere Kinder in die Schule.

»Ja,« rief Jörg dazwischen, »der Christoph hat uns dazu verleitet, und es geschieht halb und halb zur Kurzweil.«

»Gut, gut!« sagte der Gutsherr, »ich kenne euch, ihr sollt weiter von mir hören,« und paff! schoß er einen Hasen, der eben in Sicht gekommen war, nieder, pfiff seinem Hund und schritt hinein ins Feld.

Von diesem Tag an war eine seltsame Unruhe in den Vätern und in den Kindern beim Schulgange. Sie wußten nicht, was die Worte des Gutsherrn zu bedeuten hatten, ja Jörg blieb nach und nach ganz weg, er hatte allerlei Ausreden, denn er wollte nicht gestehen, daß er fürchte, der Gutsherr sähe es gewiß als eine Rebellion an, daß man seine Kinder weiter bringen wolle als ehedem.

Es war um Lichtmeß, als die vier Väter mit ihren Kindern vor Amt beschieden wurden. Hier wiederholte Jörg nochmals, daß ihn Christoph dazu verleitet habe, Christoph aber trat vor und sein Antlitz leuchtete, indem er sagte: »Ich kenne die Worte 1. Petri 3, 15: Seid allzeit bereit zur Verantwortung Jedermann. Ich bin es.«

Der Amtmann lächelte und sagte: »Das könnt Ihr Euch gefallen lassen. Der Herr Baron hat Eure That, die ganz mit dem Geiste unsres hohen kaiserlichen Herrn übereinstimmt, Seiner Majestät berichtet, und diese haben folgendes Schreiben veröffentlichen lassen, das ich Euch hier mittheile.« Er las nun ein Belobungsdekret, das der Kaiser hatte ausfertigen und zur Belobung öffentlich bekannt machen lassen. Die vier Väter waren darin mit Namen ausgezeichnet. Zuletzt übergab der Amtmann jedem Kind im Namen des Kaisers ein ansehnliches Geschenk und empfahl den Eltern und den Kindern, in ihrem Lerneifer fortzufahren.

Wie glücklich war jetzt Christoph, daß er das Belobungsschreiben des Kaisers selbst lesen konnte, denn so weit hatte er es bereits in der Schule gebracht, und er las es mit Thränen in den Augen. –

Der Schulgang der vier Väter und ihrer Kinder war aber dennoch von nun an ein veränderter. Christoph traf den Grund indem er einst sagte: »Freilich ist's gut, wenn ein unsichtbares Auge das was man still verborgen thut betrachtet und belohnt, aber es hat doch auch sein Uebles.«

»Daß das Kaisergeschenk eigentlich ein Bettel ist,« spottete Jörg. »Was sind denn 100 Gulden? das ist ja für den Kaiser kein halber Heller.«

»Ich meine nicht das,« wehrte Christoph ab, »es ist Einem damit was genommen, wenn das bezahlt ist, was man eigentlich für sich gethan und was in sich die höchste Freude und den höchsten Lohn hat. Es ist nichts, daß man ausschaut und fragt: wie wird mir's vergolten? Sei froh, daß du das Rechte hast thun können, das ist die beste Vergeltung, das hat ja Gott selber so gestellt. Aber freilich, die Menschen können nicht anders, und der Kaiser giebt Orden, Belobungen und Geschenke, und ich gönne es ihm, daß er das kann, er bekommt dadurch Theil an dem Guten was geschieht: aber Bezahlung giebt's doch nicht, und soll's nicht geben.«

Die stille innere Genugthuung der That war dahin, aber Christoph ließ dennoch nicht davon ab.

Nach wenigen Jahren konnte Peter allein in die Schule gehen, nicht nur weil er stark genug geworden war, sondern auch weil sein Vater ihm entrissen wurde.

Der Schul-Christoph war immer stiller und einsamer geworden, er las oft ganze Nächte in Büchern, die er, man wußte nicht woher, bekommen hatte, und wenn er allein ging, bewegten sich seine Lippen als ob er etwas spräche. Oft noch in der Nacht ging er zu geheimen Versammlungen, die in der Stadt gehalten wurden, und eines Tages erschien Christoph mit noch vielen Anderen vor Amt, und erklärte als Sprecher, daß sie sich zu der neu entstandenen Sekte der Deisten bekennen, die jede übernatürliche Offenbarung und jede Nothwendigkeit der Ceremonien verwerfen, und nur eine Anbetung Gottes im Geiste gelten ließen.

Eine Zeit lang war Alles in Ruhe, und der Schul-Christoph warb mit Feuereifer für die neue Gemeinde, die auch keinerlei geistliches Oberhaupt anerkannte, sondern Jeglichem aus ihrer Mitte gestattete, seine Ueberzeugung vor Allen auszusprechen. Ja, der Schul-Christoph selber, der stille einsame Mann, predigte einst im Freien vor einer großen Versammlung mit einer Begeisterung, die alle Hörer hinriß.

Nun aber kam die Verordnung Kaiser Josephs, die auf Ausrottung der Deistengemeinde abzielte. Ganz wie einst Kaiser Trajan gegen die Christen, so bestimmte die Verordnung, daß man Niemand nachforschen solle, zu was er sich bekenne; wer sich aber öffentlich zu der neuen Sekte bekennte, der solle bestraft werden. Den Deisten wurden nicht nur 10-25 Stockprügel ertheilt, sondern die Männer wurden auch noch je zu fünf Personen unter die ungarischen Militärcorps gesteckt, in die slavonischen, siebenbürgischen, galizischen und andern Regimenter zerstreut, und ihre minderjährigen Kinder öffentlichen Anstalten übergeben.

Auch den Schul-Christoph traf dies harte Loos. Er ertrug es geduldig; er starb bald darauf an der türkischen Grenze.

Diese Verordnung Kaiser Josephs giebt eine allgemeine Lehre: Auch die Sonne hat ihre Flecken, auch die edelsten Männer verfallen oft in Irrthümer und Härten. Ein Mann, der das Gesetz in seiner persönlichen Machtvollkommenheit, in seinem eigenen Gutfinden darstellt, erscheint doch stets nur wie ein Wunder, d. h. wie ein Ereigniß, das aus der gewohnten Reihe der Naturerscheinungen, wenn auch oft segensreich, heraustritt; verlassen kann man sich nur auf die Stetigkeit des Gesetzes, die unabhängig sich darstellt von dem Belieben. Das Gesetz ist heiliger und fester als jede noch so väterliche Wohlmeinenheit.

Kaiser Joseph, der für Denkfreiheit glühte, und selbst dem Papst gegenüber, als dieser sich herbeiließ ihn in Wien aufzusuchen, nichts von seinen Grundsätzen nachgab, Kaiser Joseph behandelte eine Sekte, die keinerlei Friedensstörungen verursacht hatte, mit solcher Grausamkeit. Wohl kann man sagen: er sah durch diese Ausscheidenden seine Plane durchkreuzt, denn er wollte die bestehenden Religionen von inneren Irrthümern und äußerem Druck befreien helfen, und es mochte ihm bedrohlich erscheinen, daß die Eifervollen und Freistrebenden aus der gewohnten geschichtlichen Genossenschaft ausschieden, und vielleicht zu Ausschreitungen gelangten, die sich andere Sekten hatten zu Schulden kommen lassen. Man kann wohl dieß und noch vieles Andere zur Erklärung und Entschuldigung beibringen, dennoch hebt es die Grausamkeit nicht auf; sie ist und bleibt ein Flecken an der sonst so edlen und hochherzigen Erscheinung Kaiser Josephs.

Sollen wir nun daraus lernen, daß wir nirgends unbedingt und allseitig verehren dürfen? Nein! Solche Flecken im Leben der Besten lehren die Demuth, die uns zeigt, daß Niemand sich selbst oder Andere zu überheben berechtigt ist. Wir ersehen daraus, daß die Menschenschwäche überall waltet, und daß es Niemand giebt, der nicht der Leidenschaft, dem Irrthum und der Gewohnheit verfällt. Die Liebe zum Guten wird dadurch nicht beeinträchtigt, wir müssen das Edle und Helle fassen und erkennen, bei allem Schatten und allem Dunkeln das sich damit verbindet, und dürfen es nicht, wie so oft geschieht, darüber vergessen.

5. Der Todtengräber.

Es ist ein Schnitter, der heißet Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es schneid't schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssen's erleiden.

So sang ein alter Mann, auf einem Grabhügel sitzend, Hacke und Schaufel im Schooße, vor einem frisch geschaufelten offenen Grabe. Er sang sein Lied in den verglühenden Abendhimmel hinaus, und sein Haupt, mit spärlichen weißen Haaren bedeckt, erglänzte im Widerschein der Abendröthe. Dabei war er aber keineswegs so traurig, daß er seine Pfeife ausgehen ließ; er schmauchte vielmehr behaglich in den Abendnebel hinein, der sich jetzt niedersenkte.

»Grüß' euch Gott, Alter,« rief plötzlich ein stattlicher schlanker Mann in grauem Rock über den Zaun. Der Alte nickte dankend, ohne sich zu erheben, und bald stand der Mann im grauen Rock bei ihm. Es war Kaiser Joseph, denn er liebte es, nicht nur wo er unerkannt sein wollte, in unscheinbarer, keine Auszeichnung tragender Kleidung einherzugehen, sondern auch da, wo er erkannt sein wollte, in einfach bürgerlicher Tracht zu erscheinen. Nur wo es militärische Uebung und Thätigkeit galt, erschien er im Soldatenkleid, und er sagte oft: »Dieses bunte Kleid darf nur ein zeitweiliges und vorübergehendes sein, bei meinem Volke wie bei mir selber. Ich will beweisen, daß ich nicht nur der erste Soldat im Lande bin, sondern auch und vor Allem der erste Bürger, und die Bürger sollen erkennen, daß ich ihre Tracht und ihren Stand, worin die Nahrung geschaffen wird für Alle, auch vor Allem ehre und hochhalte.«

Jetzt stand der Kaiser unerkannt vor dem Alten, und sagte: »Grüß' euch Gott, Alter! Es muß ein traurig Geschäft sein, was ihr da habt?«

»Freilich!« lautete die Antwort, »aber es sieht sich doch trauriger an als es ist. Des Einen Tod des Andern Brod! heißt es in der ganzen erschaffenen Welt. Die Thiere fressen einander, und das Menschengethier macht's nur ein bischen säuberlicher. Man kriegt den Lohn für seine Arbeit, sei es Schreiben, Weben, Pflügen oder Graben, und es giebt sogar Menschen, die sich dafür bezahlen lassen, Geschöpfe ihrer eigenen Gattung umzubringen; und das thut doch, so viel ich weiß, außer dem Wolf kein Thier. Schaut, die Drossel dort auf dem Baume bringt eine Fliege um, und verspeist sie, aber man hat noch keine Drossel gesehen, die eine andere Drossel umgebracht hätte.«

»Es scheint doch,« erwiderte der Kaiser, »es scheint doch, daß etwas von dem Traurigen eures Geschäftes euch ins Herz gedrungen; ihr seid wohl gar ein Menschenfeind?«

»Das heißt so viel als ein Narr, denn wer ein Menschenfeind ist, ist ein Narr und wahrscheinlich ein eingebildeter Narr, der sich allein liebt, und sich allein für den rechten Menschen hält.«

»Die Beschäftigung mit dem Tod hat Euch viel über das Leben denken gemacht.«

»Ja, ja, guter Herr, ich hab' so meine eigenen Gedanken. Aber was haben meine Gedanken zu bedeuten? Ich habe nichts zu befehlen. Nicht einmal meine Todten läßt man mir in Ruh. Unser Kaiser will nun auch über die Todten regieren, und er hat, sollt' man meinen, doch genug mit den Lebenden zu schaffen.«

»Der Kaiser?«

»Ja, unser Kaiser Joseph. Ich könnt' ihm fast feind sein, wenn ich sein rechtschaffenes Herz nicht so lieb haben müßte. Aber warum pfuscht er mir denn in mein Handwerk?«

»Euch? Wie denn?«

»Wie denn? Ungeschickt, wenn auch noch so wohlmeinend. In Einem hat er freilich Recht, wenn er es nicht mehr duldet, daß die ohne Taufe verstorbenen Kinder abgesondert, und wie Verbrecher begraben werden müssen. Wenn es eine Sünde wäre, ungetauft zu sterben, hätte Gott die Kinder müssen getauft auf die Welt kommen lassen; aber mit der andern Leichenordnung hat er dem Ochs ins Aug' geschlagen. Es ist ein Grausen, zu verbieten, daß einem die sechs Bretter mitgegeben werden, und zu befehlen, daß alle Leichen ganz bloß, ohne Kleidung, in einen leinenen Sack eingenäht, mit ungelöschtem Kalk beworfen, und gleich mit Erde zugedeckt werden sollen.«

»Euer Widerstreben ist nur ein Vorurtheil. Der Kaiser hat ja ausdrücklich den Grund erklärt, weil es bei Begrabungen kein anderes Absehen haben kann, als die Verwesung so bald als möglich zu befördern. Darum sind diese Anordnungen getroffen.«

»Nein Herr, das ist und bleibt eine Hartherzigkeit! Gebräuche, die durch Gewohnheit und nicht durch ein Gesetz aufgekommen sind, können auch nur durch Gewohnheit und nicht durch ein Gesetz abgeschafft werden. Und wenn man bedenkt, daß kaum vor zwei Tagen diese Hand, diese Augen, dieser Mund, Einem das Liebste auf Erden waren, so thut es eben tief in der Seele weh, das so herzlos und hart behandelt zu sehen.«

»Warum? Ihr könnt ja denken – warum denkt ihr nicht einen Schritt weiter: was fragen die Würmer und Maden nach all' der Liebe? Der Staub ist bestimmt Staub zu werden, und daß er das werde ohne den Lebenden zu schaden, das will das Gesetz bewirken, weiter nichts.«

»Ja, Herr, ihr habt vielleicht eine Gruft, und laßt dort die euch Angehörigen beisetzen.«

»Der Kaiser hat auch verboten, um die schädlichen Ausdünstungen der Verwesung zu vermeiden, daß fortan Leichen in den Kirchengrüften beigesetzt werden.«

»Ja, und sagt nur das Andere auch noch. Und er hat befohlen, daß man Maßregeln dafür treffe, den Leichenacker fortan außerhalb des Dorfes anzulegen. Will er denn die Menschen vergessen machen, daß sie sterben müssen? Herr, ich bin Nachtwächter und Todtengräber, und wenn ich Nachts die Stunden anrufe, und wenn ich über den Leichenacker, an der Kirche vorbei, nach dem untern Dorfe gehe, da kommen mir allerlei Gedanken, und die Todten stehen auf, und sagen mir: wirf hinter dich allen Kummer und alle Sorgen, über eine Weile bist du bei uns. Und wenn die Kirchgänger zur Kirche gehen, da thut es gut, daß der Leichenacker die Schwelle ist, über die man schreitet, und wenn ein Kind zur Taufe in die Kirche getragen wird, da trägt man's über den Leichenacker zum Leben, und in ein paar Jahren zum Tode. Denn was sind sechzig und siebzig Jahre! Und jetzt?«

»Ihr irrt euch, so wohl ihr es auch meinet,« fiel hier der Kaiser ein; »wird der Leichenacker zum täglichen Verkehrswege, so vergißt man durch alltägliche Anschauung die Gedanken, die er erwecken sollte, und es ist gut, daß dem so ist; denn inmitten des Lebens sollen wir uns des vollen Lebens erfreuen und die gesunde Kraft bethätigen. Es fördert oft die Trägheit, wenn man allezeit an das gemessene Ende denkt. Nur von Zeit zu Zeit thut es gut, sich vor Augen zu halten, daß Alles sein gesetztes Ende hat, aber nur, um zu arbeiten so lange es noch Tag ist. Man muß handeln und wirken als ob man ewig lebte –«

»Und als ob man stündlich stürbe,« lautete die Antwort, und ...

Die Nacht war hereingesunken, und in hoher Erregung fuhr der Kaiser fort:

»Ich will die Gräber nicht entweihen, heilig sei das Ausschauen nach ihnen. Ich weiß was es heißt, sein eigen Herz mit einem andern hinabgesenkt zu sehen in den dunklen Schooß der Erde, heilig ist damit das ganze Erdreich; ein Volk, das seine Gräber nicht ehrt, hat keine Liebe zum Vaterlande, keine Liebe zur Ewigkeit, keine Liebe zu Gott, der da ist das Leben der Vergangenheit, unserer Tage und der Zukunft, in dem kein Tod und kein Sterben ist, nur ein ewiger Wechsel im ewigen Gesetze –«

Der Kaiser schaute sich um, es stand Niemand vor ihm, und er hörte keine Stimme. Hatte er mit sich selbst gesprochen? War das eine wirkliche oder eine eingebildete Erscheinung, die ihm Rede gestanden war? Wo war sie hin? War ihm der Todtengräber Zeit erschienen, der seine Gesetze, die aus reiner Fürsorge für die Menschen geflossen waren, zerstörte und begrub?

Die Haare standen ihm zu Berge und er schauderte, er faßte an sein Herz, das schlug heiß und voll, das lebte noch, und seine Pulsschläge maßen die Zeit, und fast laut vor sich hin sagte er: »Mein ganzes Leben ist ein Pulsschlag im Herzen der Ewigkeit.«

Der Todtengräber war plötzlich in die Grube hinabgesprungen, und jetzt schaufelte er und kümmerte sich nichts mehr um den Fremden.

Der Kaiser kehrte zurück, aber aus der Grube hörte er hinter sich singen:

Bald wird er drein schneiden,
Wir müssen's erleiden.

Warum war nun der Mann so plötzlich von ihm geschieden? War's der Geist seines Volkes, der sich von ihm entfernte, weil er ihn noch nicht begriff? Der Kaiser athmete tief auf, und sein Herz bebte. »Gebräuche können nur durch Gewohnheit und nicht durch Gesetze abgeschafft werden,« sagte der Kaiser oft vor sich hin, während er raschen Schrittes dahin ging; aber stillestehend sagte er sich wieder: »und doch sind es wiederum die Gesetze, welche die Gewohnheiten schaffen.«

Es kamen vielerlei Klagen gegen die Einführung der neuen Leichenordnung, und der Kaiser gedachte oft jenes Todtengräbers in der Nacht, dem er nicht mehr nachgeforscht hatte. Und zwei Jahre nachdem jenes Gesetz erschienen war, erließ der Kaiser ein neues, worin er erklärte, daß er mit jener Verordnung keinerlei Zwangsmittel geben wollte, sondern nur Belehrungen damit aufgestellt habe, die Jeder nach bestem Ermessen befolgen oder unterlassen könne.

Und das eben, daß Joseph solcherlei Widerruf so oft geben mußte, das brachte ihm den Tod, und er nannte sich einmal scherzweise seinen eignen Todtengräber.

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