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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 4
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Die begrabene Flinte.

Wie lange hat es gedauert, welche unsägliche Mühe hat es gekostet, um endlich der Gewalt und Gewohnheit, die sich im heimlichen Gerichtsverfahren gefielen, die öffentlichen Schwurgerichte abzuringen, und schon zeigt sich ihre so unbestreitbare Wirksamkeit, daß Niemand mehr zu widersprechen vermag. Es bildet sich ein Rechtssinn in Geschworenen und Zeugen aus, und selbst der Verbrecher muß nun eine Macht fürchten, der man durch keinerlei Lügenkünste mehr entrinnen kann.

Im Wirthshaus zur Rose in Waldenzell saß an einem Winterabend der Pfarrer mit mehreren Bauern. Man sprach von einem erschossenen Wilderer aus der Nachbarschaft, und daß der Forstbeamte, der ihn getödtet, in den nächsten Tagen vor das öffentliche Schwurgericht gestellt werde. Der Flurschütz und ein Gemeinderath, die als Zeugen vorgeladen waren, wußten viel von dem Getödteten zu erzählen; sein ganzes Wesen hatte durch die Wilderei eine rohe Uebermüthigkeit angenommen, die keine Grenzen mehr kannte. »Wenn Ich auf der Jagd bin, muß der Jäger heim, so will Ich's haben,« hatte er oft geprahlt, und war in seiner Entmenschung einmal so weit gegangen, daß er dem Förster ins Angesicht hinein sagte: »Die Leber von einem Wild ist mir nicht mehr gut genug, ich muß einmal die Leber von einem Jäger fressen, den ich mir selber schieße.«

So erzählte der Flurschütz, und der Pfarrer bemerkte: »Nach dem alten römischen Recht hat Niemand ein Eigenthum an dem Wild im Wald, es gehört dem, der es erlegt.« Die anwesenden Bauern nickten beifällig, aber der Pfarrer fuhr fort: »Es liegt etwas Unheimliches in der Mordgier der Menschen: zuerst beginnt sie am Kleinen, dann aber steigt sie immer höher, und setzt sich endlich einen Menschen zum Ziel. Ich mag nichts davon hören, wenn man von edler Waidmannslust und Jagdfreude singt und sagt; das ist nichts als aufgeputzte Sünde. Und daß es ehedem Menschen gegeben hat, die sich das Wild aus dem Wald haben in den Schloßhof treiben lassen, um es vom Fenster aus zu schießen, und dabei zu lachen und zu scherzen: das war doch nichts als reine oder eigentlich unreine Mordlust. Wer eine Freude darin findet, ein Thier zu tödten, und es nicht aus Nothwehr oder zur Nahrung thut, der ist weit niedriger als ein Thier.«

»O Gott, wie wahr sprechen Sie da,« sagte hier der Rosenwirth Philipp, genannt Philp, mit heiserer Stimme, die man von jeher an ihm kannte, und die oft so krächzend war wie seine Sägmühle im Thal. »Ich will Ihnen erzählen, was ich selber erfahren, und wovon ich mein Leben lang die heisere Stimme habe.«

Alles rückte zusammen, als der Rosenwirth nach einer Weile fortfuhr:

»Drei Stunden von hier bin ich daheim. Mein Vater hat mich kurz gehalten in Geld, aber sonst habe ich treiben dürfen, was ich gewollt habe. Vom Soldatenleben her habe ich gut mit der Flinte umgehen können. Mein Hauptmann hat mich zum Unteroffizier machen wollen, aber ich bin doch wiederum heim. Beim allgemeinen Scheibenschießen in Dornstett habe ich das Best gewonnen, und das war eine doppelläufige Jagdflinte, ein sogenannter Zwilling. Ich habe einen Strauß in die Läufe gesteckt als ich heim ging, aber bald ist Anderes drein gekommen. Eben der Wilderer Veit, von dem vorhin erzählt wurde, eben der lauert mir eines Tages auf, und will mir meinen Zwilling abkaufen. Ich geb' ihn aber nicht her, weil es ein Ehrenpreis ist, und wie ich so weiter darüber nachdenke, da fällt mir ein: was der Veit kann, das kannst du auch; du hast dann Geld, brauchst nicht mehr Sonntags daheim zu hocken und Wasser zu trinken. So ist mir's viele Tage im Kopfe herumgegangen, und ich bin unlustig zu Allem; aber das böse Gelüst hat sich schon so stark in mir festgesetzt, daß ich nicht den Muth habe, ihm geradezu den Marsch zu machen, im Gegentheil, ich habe mir anders helfen wollen, und habe mir eingeredet, ich kann gar nicht ein Lebendiges aufs Korn nehmen. Hundertmal habe ich vor mich hingesagt: wenn du auch beim Scheibenschießen den Nagel im Schwarzen getroffen, es ist doch etwas Anderes, auf ein lebendiges Geschöpf anlegen.

Im dümmsten Kerl ist das böse Gelüste auf einmal so gescheidt wie siebzehn Advokaten, und Schliche kommen an Tag, die man gar nicht ahnen sollte. Der Jagdteufel hat sich bei mir gar unschuldig gestellt und hat mir gesagt: »Probir's einmal, das ist kein Unrecht, das ist nur für die Probe.« Ich probir's also und schieße zuerst auf Lerchen, denn das ist ein sicherer Schuß, weil die Lerche immer grad aufsteigt und sich das Ziel nur nach Einer Richtung verändert; da geht dann der Schuß in gleicher Richtung nach. Und wie ich so zum Erstenmal das kleine blutige Thier in der Hand habe, das noch warm ist, da ist Etwas in mich gefahren wie ein Teufel, und ich habe fast laut vor mich hingesagt: jetzt ist die Welt mein! Nun habe ich sogar auf Schwalben geschossen, und bald immer so genau vorgehalten, daß ich fast nie mehr gefehlt habe. Und zuletzt bin ich in den Wald.

Es war mir Anfangs Recht, daß der Veit so ein ausbündig berühmter Wilderer war; alles was geschehen ist, ist auf ihn gekommen, und die Leute haben viel davon gefabelt, wie sich der Veit unsichtbar und wieder doppelt machen könne, denn der Veit hat mir alles, was ich geschossen habe, verkauft, und ich habe blutwenig dafür bekommen; bald aber habe ich selbst meinen Ruhm und mein Geld vollauf haben wollen, und jetzt hat's geheißen: der Veit ist nichts, der Philp, der ist Meister – und freilich, mein gezogener Lauf und meine Spitzkugeln haben weiter gereicht. Der Spritzenmacher von Hallfeld hat mir Alles zum Kugelngießen gemacht und mir Blei verschafft, und ich habe ihm dafür mehr als ein Dutzend Hasen und den Fuchs gebracht, von dem er jetzt noch die Pelzkappe trägt.

So habe ich's gegen zwei Jahre getrieben. Der Mond und ich, wir waren stets mit einander im Wald, und von Angst habe ich nichts mehr gewußt, und nach und nach bin ich auch am hellen Tag hinaus über die Grenze, ich habe mir noch eine Flinte zum Auseinanderschrauben angeschafft, und die habe ich stückweise in meinen langen Rockflügeln und in meinen Taschen gehabt, und dann im Wald zusammengeschraubt. Nichts war vor mir sicher; wenn's nichts anders gewesen ist, habe ich eine Amsel, ein Eichhörnchen vom Baum, die Lerche aus der Luft heruntergeschossen, erst später bin ich pulvergeizig geworden; Hasen waren für mich nur ein Spaß, am liebsten war mir einen Fuchs zu schießen, aber ich habe auch einmal einen Luchs erlegt. Schonzeit hat's für mich gar nicht gegeben. Einmal, es war ein heller Samstag Nachmittag im Frühsommer; das Hochwild zieht sonst erst mit der untergehenden Sonne heraus, aber heute da kommt ein Hirsch, der mindestens ein Achtender zu werden verspricht, und er kommt mir schußgerecht just oben auf dem hohen Dobelberge. Ich halte ihm aufs Blatt, und losbrennen und einbrechen das war eins. Ich geh' nun drauf los, aber wie ich vor ihm bin, richtet er sich wieder auf; ich will ihm die zweite Kugel in den Leib schicken, das thut aber kein rechter Jäger; ich setze also den zweiten Hahn in Ruh, ziehe meinen Nickfänger, greife dem Hirsch ins kolbige Geweihe, er schlägt mich ab, ich stoße nach ihm, aber plötzlich richtet er sich mit aller Macht auf, und ich hänge mit meinem Gewehrhalfter im Geweihe. Ich habe noch Besonnenheit genug, und schneide das Halfter durch, aber das Thier hat mich doch, und wirft mich in die Luft und vom Felsen hinab in die Dobelklinge. Ich weiß nicht, war's Besonnenheit, daß ich fürchte, in meinen Nickfänger zu fallen, oder war's was Anderes, kurz, ich werfe das Messer weit weg, und da liege ich nun mit zerschmettertem Schenkel auf einem Felsenvorsprunge. Im Fallen habe ich eine junge Eiche zusammengeknickt, und die Holzsplitter reißen mir in den Schenkel, daß ich meine, tausend Schwerter schneiden auf mich ein. Wer nicht selber so etwas erfahren, der kann nicht wissen, wie's einem dabei ist. Es geschieht dir Recht, sagte eine Stimme laut, es war meine eigene Stimme, die es gesagt, aber ich wendete doch den Kopf, als müsse es mir ein Anderer zugerufen haben. Ich knirsche die Zähne über einander und erhebe mich gewaltsam, aber ich kann mich nicht halten, auch meine rechte Hand ist wie gelähmt, und jetzt erst rolle ich den ganzen Berg hinab. Es war, als ob die Felsen mit mir Ball spielten, und es war ein Wunder, daß noch ein ganzer Knochen an mir ist. Nur weil ich mich fallen lasse wie ein Stück Holz, bin ich noch am Leben. – Da liege ich nun in der tiefen Schlucht, mit dem einen Fuß im Wasser. Das Blut rinnt mir am Körper herab, und Blut quillt mir aus Mund und Nase. Ich schließe die Augen, und meine: jetzt kommt der Tod; aber ich öffne sie wieder, und da sehe ich etwas blinken. Es ist meine Flinte, die vor mir herabgestürzt ist; mein ganzes Verlangen ist nach ihr, und ich meine, ich wäre wieder stark und unverletzt, sobald ich sie in der Hand hätte, aber dort liegt sie und blinzt immer wie ein Auge, das da sagen will: komm her, warum sind wir Jedes allein?

Nur mit Mühe gelingt es mir, meinen Fuß aus dem Wasser herauszuheben, ich halte ihn wie wenn es ein Stück Holz und nicht mein eigen Glied wäre.

Von da an erinnere ich mich mehrere Stunden lang nichts mehr. Ich muß geschlafen haben, und als ich erwache, zittert schon das Abendroth durch die Bäume, ein Fink jubelt in einer Tanne über mir, ein Goldammer pfeift seine langgezogenen Töne auf der Kronenspitze einer Erle, und nicht weit von mir streckt jetzt ein Fuchs seinen neugierigen Schelmenkopf aus dem Bau. Seine Lichter sind gerade auf mich gerichtet, und er schüttelt mit dem Kopf, als wollte er sagen: du bist noch nicht reif, ich muß schon noch ein paar Stunden warten, bis ich an dich komme. Ich brülle laut auf vor Qual, und wie ich meine Stimme höre, ist mir plötzlich, als wäre ich selbst ein Thier, nichts Anderes. Der Fuchs verschwindet, und ein Nußhäher kommt daher geflogen und wiegt sich auf den Zweigen, und krächzt bald wie ein greinendes Kind, bald wie eine miauende Katze.

Seid ihr schon einmal in der Nacht aufgewacht, und es knappert eine Maus im Stubenboden? Das ist ein Gerassel, wie wenn's gar nicht von dem kleinen Thierchen kommen könnte. Richtet man sich auf, dann merkt man erst, wie es ist und wo. Es muß sein, daß man im Liegen ganz anders hört, als wie im Stehen oder Sitzen. So ist mir's damals gewesen, es war Alles viel mächtiger, aber es hat mich doch getröstet, daß ich Alles noch ordentlich und deutlich unterscheide, ich habe noch meinen Verstand, und ich muß schon wieder aus dem Elend herauskommen.

Jetzt höre ich im Dorf das Abendläuten, es klingt fern, weit. Im Boden, auf dem ich liege, ist ein seltsames Surren und Brummen, und das summt so fort, da raschelt etwas im Stechpalmenbusche, der gerade über meinem Kopfe ist, und mir ist's wie ein glückliches Zeichen, daß der Giftbaum mir so nahe steht. Wenn meine Qual nicht bald endet, kann ich ja durch ihn sterben, ich zernage dann den Busch mit den Zähnen. Aber welche Qualen muß ich dann noch dulden. Ist's nicht besser, so sterben? – Eine Hirschkuh kommt mit ihrer Kitze an den Bach, und das Junge spielt um sie herum und trinkt. Mich ärgert die Frechheit des Wildes: Alle sind gekommen, um mir zu sagen, daß ich ihnen nichts mehr thun könne, ich schreie laut auf und verscheucht springen sie davon. Endlich wird es Nacht, aber der Mond scheint es gerade darauf abgesehen zu haben, in die Schlucht hineinzuschauen: meine Flinte und der Bach glänzen. Der Thau hat sich niedergesenkt auf Gras und Stein, ich lecke ihn gierig ab, aber er löscht meinen Durst nicht; ich will mich zum Bach niederbeugen, aber ich vermag es nicht, und fürchte bei größerer Anstrengung mit dem Kopfe hineinzufallen. Mich schüttelt ein Fieberfrost, und ich erwache aus einem fürchterlichen Traum, in dem mir alle Thiere des Waldes erschienen waren, alles was fliegt und kriecht, und sie sangen und schrien, und höhnten und hackten auf mich los. Es ist Tag geworden. Auf den hellen Buchen jagen die Eichhörnchen einander auf und ab und knurren dabei, und die Vögel singen so lustig, und zumal eine Drossel will gar nicht aufhören; ich versuche sie zu verscheuchen, aber es gelingt mir nicht. Ich will Menschenhülfe haben und die Thiere schweigen machen, aber jetzt höre ich, daß meine Stimme heiser geworden. Auf meinem Fuß spielen Eidechsen und scheinen einander zu haschen. Ameisen kriechen mir über das Gesicht, und eine Heuschrecke, die mir auf den Mund hüpft, fresse ich auf. In der Blutlache, die um mich herliegt, tummeln sich Mücken und Käfer, und eine kleine Schlange kommt herbei und erhascht die blutangefüllten Thiere, und es zieht ihr durch den ganzen Leib, und sie wendet mehrmals ihren Kopf nach mir. Eine Gabelweihe wiegt sich in der Luft und stößt ihr krächzendes Freudengeschrei aus, und plötzlich schießt sie hernieder in die Thalschlucht, ich meine, sie sinkt auf mich herab und schließe die Augen; aber sie hat ein Vogelnest in der Nähe entdeckt, und bald höre ich es daraus winseln, und wiederum als ich die Augen öffne, schaut der Fuchs so morgenvergnüglich aus seinem Bau, als wollte er in mir sein künftiges Futter nochmals begrüßen. Was werden die Thiere zuerst von dir anfressen? spricht es in mir. Gewiß die Augen, die so oft nach ihnen ausgeschaut, nach ihnen gezielt, o die werden ihnen munden – und mir ist's, als sprängen mir die Augen aus den Höhlen.

Jetzt höre ich es wiederum im Dorf läuten und weiß wie sie sich rüsten zum Kirchgang, und ich liege hier einsam und verschmachtend. Freilich hatte ich sie ausgelacht, wenn sie mich fragten, wo ich wiederum diesen und jenen Tag gewesen, und ich hatte es mir verbeten, mir nachzuforschen: aber sie hätten nicht darauf eingehen sollen. Niemand in der Welt ahnt mein Unglück, Niemand ahnt daß ich in Todesangst liege. Jetzt treten sie in die Kirche, jetzt dröhnt die Orgel, jetzt singen sie, jetzt predigt der Pfarrer, und jetzt läutet es wieder. Ich mache in Gedanken alles mit, was drin im Dorfe vorgeht. Andacht habe ich nicht, aber ich freue mich doch, daß es Sonntag Nachmittag ist, denn am Nachmittag gehen die Kinder in den Wald, um Erdbeeren zu suchen, und da kann es nicht fehlen, es muß mich eins finden. Wenn ich nur hätte laut rufen können! Aber das ist das Fürchterlichste, daß mir die Stimme versagt. Wenn ich nur meine Flinte dort bei mir hätte! Ich habe ja noch Kugelbüchse und Pulverhorn. Ich hätte Nothschüsse thun können, man mußte mich dann hören. Aber das treulose Werkzeug! Dort liegt es jetzt, verläßt mich, läßt mich allein. Beim Gedanken an mein Pulverhorn fasse ich doch wieder Trost, ich hatte von meinem Großvater gehört, daß sie im Feldlager oft die Speisen in Ermanglung des Salzes mit Pulver gesalzen hätten. Es gelingt mir die Hand an den Mund zu bringen, und ich verschlucke eine Ladung, aber sie will nicht hinab, ich reiße Gras in meiner Nähe aus und verschlucke es mitsammt dem Pulver: das belebt mich seltsam, aber bald überfällt mich ein unendlich brennender Durst, und ich ergebe mich darein, hier zu verschmachten. Der Mittag ist heiß, Alles so still, man hört nichts als die Käfer kriechen, und hie und da von einem leisen Windzug einen dürren Ast vom Baum fallen.

Auf dem Ahorn über mir sitzt ein Waldspecht und wendet den Kopf hin und her und unter die Flügel, und pustet und schüttelt sich, und seltsam war's, was mir dabei einfiel, als ich dem Thierchen zusah: wie das den Kopf bewegt und dreht und wendet, geschickter als der Mensch seine Hand, es macht Alles damit, und ich ... ein Mensch, wie ungeschickt bin ich mit meinem Halse; Hände und Füße sind mir wie bleiern und gelähmt, mein Hals ist frei, aber ich kann mich nur wenig damit bewegen, meinen Kopf nur in wenig Windungen bringen. Wenn der Mensch auch Hände hat, so ist das nur ein Ersatz für die Ungelenkheit seines Halses.

Das weiß ich noch ganz deutlich, daß ich das gedacht habe, und ich habe mich immer mit den Thieren verglichen; ich bin jetzt auch nicht mehr als eines von ihnen, und dazu noch das ungeschickteste und hülfloseste.

Der Schlaf will mich übermannen, aber ich wehre mich dagegen. Ich will es nicht versäumen, daß ich die Kinder rufen kann, die nun bald kommen müssen und Beeren suchen. Dort am Felsen hängen Himbeerranken übervoll, aber wer kann hinauf? Nur der Blattmönch, der da drinnen nistet.

Ein Gewitter steigt am Himmel auf, graue Wolken mit kupferfarbigem Rande; ein Theil des Berges liegt ganz im Schatten, um so heller und glitzernder aber ist Alles gegenüber im Osten, Alles zeichnet sich mit den schärfsten Umrissen in den blauen Himmel, ein grellgelbes Licht fällt in die Tiefe. Alles ist noch stiller im Walde. Die Vögel fliegen lautlos heim. Wehe! Jetzt kommen auch die Kinder nicht. Dunkel steht der Himmel über mir, und jetzt beginnt es zu donnern und zu blitzen. Wie? Wenn nun ein Blitz mich tödtete? Mir wäre wohl. Blitz ich rufe dich, hier nimm mich, verzehre mich! So spreche ich vor mich hin, und in der Thalschlucht brüllt der Donner, so habe ich ihn noch nie gehört. Die ganze Erde zittert. Knall auf Knall kracht es, und es ist als ob die ganze Welt zu Grunde ginge, und ich allein liege da am Boden und spüre das Zittern der Erde wie ich so daliege, hülflos, unbeweglich auf ihr. Ich schütte mein Pulver aus, vielleicht lockt es den Blitz und verzehrt mich mit ihm, aber plötzlich rauscht ein Regen hernieder und säuselt durch die Bäume, tropft in den Bach und klatscht auf die Felsen. Ich schlürfe den Regen wiederum von den Gräsern. Durch und durch sind meine Kleider tropfnaß. Die Wunde an meinem Schenkel fließt aufs Neue, mit äußerster Anstrengung reiße ich mir mit den Zähnen Stücke aus meinem Hemd und verbinde damit die Wunde. Ich habe die Kleider abgelegt, aber ich kann sie nicht mehr anbringen, und so liege ich fast entkleidet, blutend, lechzend, und warte auf den Tod. Von den Stechpalmenblättern über mir trinke ich frische Tropfen, indem ich die Zweige niederbeuge. Bald scheint die Sonne wiederum hell, Alles glitzert und schimmert, und ich sehe das Stück eines Regenbogens, der jetzt da draußen über der Welt am Himmel steht. Wie jubeln jetzt die Vögel wiederum so lustig, wie ist Alles so neu erquickt: nur ich, nur ich muß verkümmern wie ein angeschossen Wild ... Bei diesem Gedanken fällt mir ein, mit welcher Gier ich alles Leben verfolgt, und wenn ich es auch nicht erschlagen, mich doch freute, ihm einen Treff gegeben zu haben. Da liegst du jetzt, liegst da, bist selber nichts als ein angeschossenes Wild. Wer bist du, der du dich zum Herrn gemacht über Leben und Tod, der du aus dem Tod dir das Leben geholt? Da kommen die Raben und setzen sich still auf den Felsen mir gegenüber und schauen einander an. Wer weiß, was sie sich sagen? Und jetzt putzen, zupfen und rupfen sie sich, und jetzt fliegen sie wiederum auf und krächzen. Warum könnt ihr nicht zu den Menschen reden? Warum könnt ihr denen da drin nicht sagen, daß hier einer der ihrigen liegt und nach Rettung von ihnen lechzt? Ihr kennt nur euch einander, ihr Thiere des Waldes, den Menschen kennt ihr nicht, und darum ist er euer Feind. Dort schleicht jetzt der Vater Fuchs wieder und trägt ein Rebhuhn in seinen Bau, und drinnen hör' ich es rammeln. Hätte ich nur deinen Bau früher gekannt, ich hätte dir dein Handwerk gelegt! Und jetzt höre ich im Dickicht eine Sau an Eicheln knarfeln. Die Jagdlust regt sich nochmals und macht mich fast froh, sie läßt mich vergessen wer ich bin und wo ich bin, bis endlich wiederum der Gedanke über mich kommt: du bist jetzt nichts mehr als eine Beute der Thiere. Die Raben kommen, sie werden sich laben und sättigen und an dir ein Fest feiern, an deinem Aase, tausendmal fröhlicher als all die Lust war, die du von ihrem Tode erobert hast!

Zum erstenmal in meinem Leben fürchtete ich die Thiere, ich war das Wild, sie der Jäger. Ich weiß nicht wie es kam, aber plötzlich mußte ich denken: wenn ich nur ein Baum wäre! Das ist noch das glücklichste Geschöpf auf der Welt, das steht fest im Grund, wächst und gedeiht, und läßt sich was vorsingen in seinem Kopfe, und weiß nichts von Sterben bis plötzlich die Axt kommt, und dann bricht's zusammen. Wenn ich nur ein Baum wäre! Und wie ich mich so hineindenke in das Leben des Baumes, wie das in den Wurzeln saugt, durch Stamm und Zweige rinnt, und hinaus zu den Blättern fließt – da auf einmal, es ist wie ein Wunder, und so ist's gewiß gewesen in alten frommen Zeiten, da sehe ich einen Brunnen vom Felsen rinnen, es tropft in gleichmäßigen Absätzen, und woraus? aus einer abgeknickten, wie mit dem Messer abgeschnittenen Ahornwurzel; diese Wurzel ist gewiß durch das Felsstück, das mit dir herabgerollt war, abgeknickt worden, und jetzt kann der Saft nicht mehr hinauf in den Stamm und tröpfelt nieder, so hell, so perlklar. Es gelingt mir, mich der Wurzel zu nähern, und ich trinke ihren frischen Saft; wie das labt! wie das kühlt! Aber es fließt bald sehr spärlich, und ich fürchte es versiegt, ich beiße mit den Zähnen noch ein Stück davon ab, und es fließt wieder reichlicher, aber bald kommen immer nur in langen Zwischenräumen einzelne Tropfen, ich harre still, bin aber, da ich mich schwer bewegen kann, oft so ungeschickt, daß ich den einzelnen Tropfen verschütte. Und doch fühle ich mich gestärkt durch den Saft aus der Wurzel des Baumes.

Wiederum läutet es im Dorf, und wiederum singt eine Goldammer ihren Abendsang, und die Nacht kommt und der Mondschein glitzert im Bach, auf den Gräsern und am Flintenlauf. In dieser zweiten Nacht thu' ich kein Auge zu. Ich will den Tod kommen sehen, er soll mich nicht im Schlaf überraschen; frei ins Auge will ich ihm schauen, wie ich es oft gethan. Ich höre die Eulen krächzen, fast bellen wie kleine Hunde. Ich höre das Jammergeschrei aus den Vogelnestern, darin Wiesel und Marder ihren Raub begehen; ich höre den leisen Tritt des Fuchses. Ich sehe wiederum die Hirschkuh mit ihrer Kitze kommen; jetzt scheuche ich sie nicht mehr. Vor mir steht's wie geschrieben: Mensch! du bist Nichts, nein, weniger als ein Thier, wenn Mordgier deine Lust ist. Das Thier mordet nur um seinen Fraß zu erhaschen; der Mensch aber mordet, weil ihm Morden eine Lust ist. Mensch! du bist weniger als ein Thier. – So wirbelt sich Alles vor mir die lange bange Nacht – Ich sehe den Morgen mit wachenden Augen herbeikommen. Zuerst ein leises, fahles Dämmern, und mit ihm einige Sonnenstrahlen, immer deutlicher wird Alles. Ich höre endlich die Morgenglocke klingen, und denke nur noch, wie sie läuten wird, wenn man mein nacktes Gebein findet und begräbt. Ich war ergeben. Um die Baumwurzel hat sich ein röthlicher Rost gelegt, sie tropft nicht mehr, so viel ich auch daran kaue und sauge. Ein Igel raschelt an mir vorüber, und sein Kopf ist wie ein Menschenkopf! Wie lang habe ich kein Menschenantlitz gesehen! Werde ich je eins wiedersehen? Da, plötzlich, ein Schuß knallt! Es stürzt und kollert Etwas, es rutscht über die Felsen, es knackt und knistert durch die Gebüsche, ein Hirsch stürzt herab und gerade auf mich los, sein Haupt liegt auf meiner Brust, er zuckt noch einmal und verendet auf meinem Leibe. Mein Gesicht ist blutbespritzt, und als ich die Augen abwische, sehe ich in die offenen gläsernen Augen, die nach mir schauen, so barmherzig und so vorwurfsvoll. So liege ich, das todte Thier auf mir, und kann es nicht abwälzen. Wohl eine Stunde liege ich so und denke: nun mußt du sterben, und vielleicht ist es das angeschossene Thier, das dich jetzt tödtet; wenn nur meine Kraft noch hält, bis der Jäger kommt, der das Wild geschossen: er muß einen großen Umweg machen, um hier in die Thalschlucht zu kommen ... Endlich und endlich höre ich Schritte. Sie halten inne, da ich zu schreien versuche. Der Jäger kommt näher, zieht mich unter dem blutenden Thier hervor und rettet mich.

Ich lag mehrere Wochen krank; mein Fuß wurde heil, und auch die Hand hatte ich nur verstaucht, aber meine Stimme habe ich nicht wieder bekommen.

Ich habe meine gerichtliche Strafe im Gefängniß erleiden müssen, trotzdem ich sie schon ganz anders erlitten, und ärger als Menschen strafen können. Man hat mir gesagt, ich könnte Einsprache erheben oder um Gnade bitten, aber ich habe meine Strafe ohne Widerspruch angetreten. Es hat mir fast wohl gethan, auch vor den Menschen büßen zu können.

Auch meine Doppelflinte hatte man gefunden und mir gebracht; aber als ich wieder rüstig war, trug ich sie hinaus in die Dobelschlucht, jetzt nicht mehr zum Jagen. Ich habe sie dort begraben, es wird sie kein Mensch mehr finden ...«

So erzählte der Rosenwirth Philp, und die Nachbarn, als sie fortgingen, drückten ihm still die Hand, der Pfarrer aber saß noch lange bei ihm.

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