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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 30
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Jahrgang 1847.

Der Gevattersmann

ist nun zum Drittenmal da. Er ist seit seinem ersten Ausfluge viel herum gekommen in deutschen Landen, oder besser in Einem Wort: in Deutschland; er hat verschiedene Quellen verkostet, den Frankfurter Aepfelwein, das Lichtenhainer Bier in Jena, die Leipziger Gose und das Berliner Weißbier, die sogenannte kühle Blonde, ist zwar keines davon sein Leibtrunk geworden, aber den Einheimischen mundet es gar wohl, und das ist die Hauptsache. Die Menschen, vor Allem aber die deutschen Menschen, sind überall gleich; sie vertreiben sich die Zeit so gut es geht mit Essen und Trinken und Sprechen, und wenn wieder eine andere Zeit kommt, werden sie sie auch vertreiben, falls sie nicht selber vertrieben werden. Das muß man aber sagen, gute Deutsche giebt's überall, und sie lassen die Hoffnung nicht fahren, daß es einmal ein wirkliches Deutschland geben wird, und daß die guten Wünsche für das Vaterland nicht immer blos verbotene gute Wünsche sein werden. Wenn man bedenkt, wie viel Männer da und dort in allen Ecken und Enden des Vaterlandes sitzen und kummern und sorgen, und das Herz ist ihnen schwer, und Viele müssen wegsterben von dieser Erde, und haben nie gesehen, wonach ihr Herz verlangt: ein freies und einiges Deutschland – wenn man das Alles bedenkt, könnte es Einem recht betrübt und weich zu Muthe werden. Aber der Gevattersmann ruft sich und allen seinen Freunden zu: Hellauf! Der alte Gott lebt noch! Es muß bald die Zeit kommen, wo diejenigen, die ihr Herzblut für ihre Mitmenschen, für das Vaterland, seine Ehre und Freiheit – was Eins ist – hingeben möchten, nicht mehr gehetzt und verfolgt und für Schreier und Landstreicher angesehen werden. Es muß die Zeit kommen, wo diejenigen, die sich nicht freuen können ihrer Ruhe, ihrer Speise, der sie umgebenden Wärme, indem sie derer gedenken, die jetzt ruhelos frieren und hungern – die Zeit muß kommen, wo die Menschenfreunde mit aller Macht zum Wohle ihrer leidenden Brüder wirken können.

So lange man müßig dem Elend und der Knechtschaft zuschaut, ist keine Liebe in den Menschen, so viel man auch davon predigen und singen mag. Die Zeit der thätigen Liebe naht.

Diese Zeit kommt aber nicht von selber wie das neue Jahr, wir müssen sie holen, und das geschieht vor Allem dadurch, daß wir Herz und Auge weit aufmachen für die Freiheit und das Wohl des Vaterlandes und unserer Mitmenschen, und tapfer wirken.

Der Gevattersmann ist auch unter manches fremde Dach getreten, und er dankt seinem Schöpfer, daß er so gewachsen ist, daß er sich nirgends zu bücken hat. Da, unter Menschen, von deren Dasein man früher nichts gewußt, die in sogenannten hohen und niederen Stellungen sich bewegen, da ist dem Gevattersmann oft warm um's Herz geworden, und er hat auf manchen Seelengrund geschaut und erfahren, welch ein Heiligthum noch in allen Herzen ruht, und wie es nur der befreienden Kraft bedürfte, die sich selbst zusammennimmt und erhebt, um die Menschheit zu einer edeln und heiligen Genossenschaft zu machen.

Der Gevattersmann hat seine Feinde, so gut oder vielmehr so schlimm wie Einer, aber er bleibt doch dabei, und läßt sich gern für die Ueberzeugung auslachen: die Menschen sind gut! Die Schlechten und Boshaften sind nur verblendet und schwach, haben sich selber verloren oder sich nie besessen; denn Zahllose sterben dahin und sind eigentlich nie gewesen, was sie sind.

Die Feinde will der Gevattersmann noch für sich behalten; die vielen wirklich guten Menschen möchte er aber einander zu Freunden schenken, möchte ihnen zurufen: Was seid ihr so einsam? Was rennt ihr an einander vorbei wie verschlossene Kutschen? Da, da habt ihr euch! ... Aber das geht nicht. Eines jedoch muß der Gevattersmann seinen Landsleuten von Haus zu Haus verkünden: im nördlichen Deutschland da wohnen eure Brüder, und ihr wißt oft nicht, wie sehr sie an euch hangen. Laßt's euch nicht irren, weil sie hochdeutsch reden; sie können's nun einmal nicht anders.

Der Gevattersmann hat viel Freundlichkeit erfahren, blos weil er ein Süddeutscher ist; er hat das still hingenommen, aber in dem Gedanken, daß er nur ein Bote sei, der diese Bruderliebe nicht für sich behalten, sondern seinen Landsleuten abgeben müsse. Das soll hiemit geschehen sein. Der brave Mann in Bodesweier bei Kehl ist schön gegrüßt von seinem Kameraden in Wackersleben, sie sind die besten Freunde; es fehlt nur der kleine Umstand, daß sie einander nicht kennen, und bis jetzt nichts von einander gewußt haben.

Deutschland ist bald mit eisernen Wegen verbunden. Wer weiß, wie Mancher noch eine Stimme hören wird, die ihm wie eine alte bekannte klingt. Wer weiß, wie Mancher noch ein Auge schauen wird, das ihn längst mit freundlichem Blick zu suchen schien?

Hellauf! Es taget! So möchte der Gevattersmann um Mitternacht zu Neujahr ausrufen. Ist auch noch Dunkel ringsum, die Sonne beginnt allbereits ihren neuen Lauf. Die Sonne der wahren Religion steigt auf. Die verschlafenen Eulen krächzen: die Religion ginge zu Grunde! Da ist aber gerade das Gegentheil davon wahr. Der alte Schlendrian verschwindet, da man das Heiligste gedankenlos betrieb oder gar vergaß; ein frischer, freier Muth erwacht: die Kraft der Ueberzeugung. Niemand soll von seinem Glauben abwendig gemacht werden, aber Jeder soll ihn mit innerster Ueberzeugung bekennen, sonst ist er ein fauler Knecht vor Gott und den Menschen.

Mit Gott siegt die deutsche Redlichkeit und Wahrhaftigkeit. Der alte Gott lebt noch, er lebt neu auf in den Herzen und wird sie kräftigen und segnen!

Die goldene Repetiruhr.

Ich war bald fünfzehn Jahre alt – so erzählt Meister Hämmerlein eine Geschichte aus seinem Leben – ich war zu meinem Oheim in die Lehre gethan und wünschte weiter nichts, als eine solide, pünktlich gehende Sackuhr, wie solche die Gehülfen auch hatten. Das meinte ich, sei erst recht das Zeichen der Großjährigkeit, wenn man selber sagen könne, wieviel es an der Zeit sei. Auch meine ich noch jetzt: man soll in dem Lebensalter, wo der Ernst des Daseins beginnt, Jeden lehren, genau auf die Zeit Acht zu haben; denn die Zeit ist das kostbarste Gut, wenn man rechtschaffen damit Haus hält. Eine Uhr in der Tasche kann viel dazu beitragen, an Pünktlichkeit und sorgsame Benützung der Zeit zu gewöhnen.

Es nahten die Weihnachtstage. Ich war schon alt genug, um zu wissen, daß der heilige Christ nicht im buchstäblichen Sinne genommen durch die Luft dahergeflogen kommt und allerlei Geschenke bringt; sondern daß der heilige Christ die innige Liebe, der gute Geist in den Herzen der Angehörigen ist, die still und heimlich darauf denken, einander zu erfreuen und zu beglücken. Wie selig geht da Jedes umher, lauscht dem Andern seine verborgenen Wünsche ab, kann sich fast nicht halten das Geheimniß zu bewahren, und ist doch wieder voll Freude im Stillen zu wirken und zu schaffen für das Andere. Wo das ist, kann man wohl sagen: der heilige Christ schwebt in der Luft des Hauses.

Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als daß mir zu Weihnachten eine Uhr bescheert würde, ließ das aber keine Menschenseele merken; nicht einmal meiner immer seelenfrohen Schwester Minna sagte ich ein Wort davon. Wenn aber nur von einer Uhr die Rede war, zitterte ich vor Angst, und wenn man zufällig fragte: wie viel Uhr ist? war ich ganz böse. Das muß mich verrathen haben, denn hört, wie mir's ergangen ist.

Eines Mittags, als ich in die Stube trete und schon in der Thür stehe, höre ich, wie mein Vater der Mutter zuruft: »Frau, thu' schnell Adams goldene Repetiruhr weg!« Er wickelt nun schnell etwas in ein Papier und versteckte es. Meine Mutter sah betrübt aus, ich aber that, als ob ich gar nichts gesehen und gehört hätte und war überaus heiter. Von nun an ging ich stolz durch die Straßen und meinte, Jeder müsse mir's ansehen, welch eine goldene Zukunft ich habe. Es that mir nur leid, daß man die Uhren in der Tasche trägt, so verborgen, und nicht offen vor aller Welt, und – so leicht wird man von der Eitelkeit betrogen, daß ich mir einredete, das wäre viel menschenfreundlicher, wenn man die Uhren offen trüge, denn da könnten auch die armen Leute immer genau sehen, welche Zeit es ist.

Jeder, der es erschwingen und darauf Acht haben kann, hat eine eigene Uhr verborgen in der Tasche, und diese richtet und stellt er von Zeit zu Zeit nach der großen Uhr am Kirchthurm, und die Uhr am Kirchthurm wird nach der Sonne gerichtet, deren Lauf Gott von Ewigkeit her festgesetzt, und die Menschen können weiter nichts thun, als Stäbe zur Sonnenuhr bilden, an deren Schatten sie den Stand des allgemeinen ewigen Lichtes wahrnehmen.

Das ist auch ein Sinnbild und Gleichniß für unser ganzes inneres Leben. Das erkenne ich aber erst jetzt, damals hatte ich ganz andere Gedanken.

Vor den Uhrenladen stand ich oft lange und verwies mein Federmesser einstweilen in die rechte Westentasche; die linke war zu Besserem vorbereitet. Wo das Herz ist, trägt man auch die Uhr, sagte ich mir; da geht's drinnen und draußen tik tak. Ich träumte einmal, meine goldene Repetiruhr sei mir gestohlen worden, und als ich erwachte, war ich ganz glückselig, daß ich sie noch nicht besitze. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen Kameraden mitzutheilen, was mich so voll Freude machte; ich sagte ihnen aber doch nicht das Ganze und sprach räthselhaft, daß sie am Weihnachtstage Augen und Ohren aufsperren würden, wenn ich ihnen etwas zeige, was selber zeigt und spricht. Ich lief davon, ehe sie errathen konnten, was es sei.

Nun war das Augen- und Ohrenaufsperren an mir!

Der heilige Abend kam und zündete seine Freudenkerzen an. Als sich endlich die beiden Flügelthüren öffneten, wir Kinder hineinstürmten und dann wieder vor Ueberraschung still standen, pochte mein Herz gewaltig: richtig, da lag für mich die Uhr auf dem Tische; aber o weh! es war eine silberne. Meine Freude war wohl etwas abgekühlt, aber ich faßte mich und dachte: das schadet nichts, Silber ist viel weißer und dicker, und sie repetirt ja, bim bam. – Ich drückte mit aller Kraft an dem Heber, aber er gab nicht nach, und es tönte auch nicht. Nun überkam mich ein fürchterlicher Schmerz: Alles ist nichts! Ich legte still die Uhr wieder hin, verließ rasch das Zimmer, ging auf meine dunkle Kammer und weinte und wehklagte, daß es mir fast das Herz abstieß. Der Gedanke schoß mir durch den Sinn, ich wollte mich umbringen, weil ich keine goldene Repetiruhr bekommen, und ich weinte wieder um mein junges Leben, weil ich jetzt schon sterben müsse, da alle meine Hoffnungen zu nichte geworden. Meine Mutter kam bald mit Licht, und als ich ihr meinen unbeschreiblichen Jammer über die Täuschung klagte, schüttelte sie den Kopf, preßte die Lippen zusammen und sah mich an mit jenen treuen, lieben Augen, die mir stets offen stehen, wenn sie der Tod auch längst geschlossen hat. Sie erklärte mir nun mein Unrecht: ich wäre ja mit einer einfachen Uhr zufrieden gewesen, wenn ich nichts von einer goldenen Repetiruhr gewußt hätte; man müsse auch mit Geringerem, als man erwartet habe, sich freuen; ich solle nicht undankbar sein gegen Gott und die Menschen. So sprach sie in ihrem milden, herzinnigen Tone, und als ich mich ausgeweint hatte, ging ich mit ihr hinab in die Stube. Ich war nicht mehr traurig, aber auch nicht glücklich, und es war doch eine solide, pünktliche Uhr, die jetzt mein eigen geworden war. Als ich im Bette lag, kam der böse Geist wieder über mich; ich war so wild, daß ich aufstehen und die Uhr zum Fenster hinauswerfen wollte. Es war mir aber doch zu kalt außer dem Bette und ich blieb fein liegen.

Wie oft werden böse Thaten nur durch kleine Umstände verhindert, und wir haben deßhalb gar keinen Grund, auf unsere Tugenden stolz zu sein!

Von Weinen und heftigen Gemüthsbewegungen ermattet, schlief ich bald fest ein und freute mich am andern Morgen beim Erwachen, daß meine Uhr so lustig tiktak machte. Acht Tage lang wich ich meinen Kameraden auf Weg und Steg aus; ohne Noth, denn sie hatten meine Prahlereien längst vergessen. Ich trug die Uhr lange bei mir, ohne sie Jemand zu zeigen und war damit in mir vergnügt.

Das sind nun vierzig Jahre seit jenen Weihnachten, hier habe ich noch die Uhr, und sie verfehlt keine Minute.

Seitdem habe ich die Worte meiner Mutter erst recht verstanden, oder auch selbst die Wahrheit aus dieser Geschichte gefunden: wenn ich einen Menschen sehe, der mit nichts was ihm zukommt recht glücklich sein kann, weil er immer stolzeres erwartet hatte, denke ich: der hat auch auf eine goldene Repetiruhr gehofft. – Wenn ich ein Geschäft machte und mich ärgere, daß es nicht ausschlug, wie ich erwartete, sage ich mir: hast noch immer die goldene Repetiruhr im Kopf? – Sehe ich einen Mann, der im Staat oder sonst hoch hinaus wollte und nun sich in Mißmuth verzehrt, weil er in untergeordneter Stellung sein Leben verbringen muß, möchte ich ihm zurufen: laß das Drücken am Heber, es macht nicht bim bam, sei froh mit dem einfachen Zeiger. – Beobachte ich ein junges Ehepaar, dem das Leben wie eine ewige Hochzeit vorkam und das sich nun nicht darein finden will, wenn der Himmel nicht mehr voll Baßgeigen hängt, sondern eine platte Alltagszeit kommt; das dann mit einander quengelt und keift, so denke ich still bei mir: könnten diese doch die goldene Repetiruhr vergessen.

Kurzum, in tausend Fällen habe ich von dieser Geschichte gelernt. Die meisten Menschen können sich nicht darein finden und sind unglücklich, weil es eben anders gekommen ist, als sie sich eingebildet hatten. Es schadet nichts, wenn man nach dem Vollkommensten verlangt und trachtet, im Gegentheil, das spannt unsere Kraft erst recht an; man muß sich's dann aber auch wohl sein lassen, sich begnügen und bescheiden können, wenn uns minder Vollkommenes zu Theil wird.

Ich bin zufrieden mit dieser Uhr, und sie ist mir um keinen Preis feil.

Die Frau Bürgermeisterin

geht mit ihrem Mann zum Tanz; heißt das, er führt sie, und er ist auch Herr und Meister, aber wie gesagt, der Gevattersmann redet lieber von ihr. Dabei hat er noch die absonderliche Freude, der guten Frau einen Possen damit zu spielen; denn sie hat's eigentlich verboten, daß man öffentlich von ihr rede. Aber das war nur so, wie sie in ledigen Tagen ihrem jetzigen Mann einmal gesagt hat, sie kratze ihm die Augen aus, wenn er noch einmal wage, ihr einen Kuß zu geben; nun – der Bürgermeister hat noch seine beiden gesunden Augen im Kopfe und ... Alles braucht die Welt just nicht zu wissen. Was aber öffentlich vorgeht, davon darf man reden, und der Tanz war ein öffentlicher. Es war keine vornehme geschlossene Gesellschaft, und der Bürgermeister war doch dabei. Unterwegs ruft er dem Hagenmaier, er solle mitgehen, und der Doktor Gscheitle schloß sich unaufgefordert an. Der Bürgermeister tanzt zwar nicht mehr, denn er wird dick, und der Gscheitle sagt, er habe Ueberfracht; aber doch ist er beim Tanz zu treffen und nicht bloß als hochmüthiger Zuschauer, er ist selber lustig dabei. Er behauptet, und gewiß mit Recht, daß die Verwilderung in den Vergnügungen hauptsächlich davon kommt, weil die älteren und gesetzten Leute keinen Theil mehr daran nehmen. Darum hat er es auch durch sein Beispiel dahin gebracht, daß die Eltern und Dienstherren mit zum Tanz gehen, wo ihre Kinder und Dienstboten sich vergnügen. Nicht nur lernt man die Menschen am besten kennen, wenn man zusieht, wie sie sich beim Vergnügen verhalten; es wird auch viel Ungehöriges dadurch vermieden. Wie gar viele Eltern vergessen aber, daß sie auch einmal jung waren, und wenn ein Kind zu einer Lustbarkeit will, versalzen sie ihm vorher die Freude, indem sie ihm die Thränen aus den Augen treiben, und dann lassen sie es hingehen und oft in sein Unglück rennen.

Der Bürgermeister und seine Frau sammt dem Hagenmaier setzen sich nun an einen Tisch zu den jungen Burschen; der Gscheitle rückt auch herzu, denn er will, daß das der vornehme Tisch sei.

Die Frau Bürgermeisterin zankte mit einigen jungen Ehemännern, die sich schon für zu alt hielten, um noch lustig tanzen zu mögen; der Hagenmaier sagte: »Das kommt davon her, weil jetzt die Vergnügungen alle zu toll sind; da rasen sie sich aus, und dann hat man's genug. Hört nur, was das für eine Musik ist, man meint, das wilde Heer kommt; fast nichts als Lärmtrompeten. Der Galopptanz, den hat der Teufel und seine Großmutter aufgebracht.«

»Andere Zeiten, andere Sitten,« schaltete der Bürgermeister ein. »Meinetwegen,« fuhr der Hagenmaier fort, »sie können's meinetwegen auch tanzen, aber die sanften stillen Tänze aus der alten Zeit, die sollte man nicht abkommen lassen. Ich weiß wohl, wenn man heute mit Geige und Hackbrett aufspielte, man könnt's vor dem Getrappel gar nicht hören. Drum müssen sie diese Lärmtrompeten und Trommeln haben.«

»Ihr habt Recht,« sagte die Bürgermeisterin, »das ist heut' ein tolles Gezappel und Getrappel und Gehops, und wie schön und angenehm war der alte Schleifer.«

Sie sang hierauf leise die Weisung von dem »Als der Großvater die Großmutter nahm« und hob dabei ihre Arme im Tact empor, ihr Angesicht lächelte in Freude.

Der Hagenmaier stand rasch auf, schnalzte mit den Fingern und fragte: »Wollen wir einmal, Frau Bürgermeisterin?«

Die Frau sah verlegen auf ihren Mann, dieser aber sagte: »tanz nur.« Der Hagenmaier stieg zu den Musikanten hinauf und sang ihnen die alte Weisung vor, bis sie sie wieder inne hatten; dann kam er herab und jetzt ging's los. Bald gesellten sich noch andere Paare hinzu, und es war eine Freude, den sanften Tanz mitanzusehen.

Seit jenem Abend ist der alte Tanz wieder erstanden; die jungen Leute haben ihn wieder gelernt und freuen sich dessen.

Alte und neue Wirthshausschilde.

Vor Zeiten, wenn man an einem Amts- oder Markttag in die Stadt gekommen und

man in sich geht und denkt,
wo man einen guten trinkt;

ist man eben geraden oder auch krummen Wegs, wie nun die Straße war, in den Bären, ins Lamm, in den Ochsen, ins weiße oder schwarze Roß gegangen, und hat da mit Essen und Trinken Leib und Seele wieder zusammen gehalten. – Warum nur die Wirthshäuser die Thiernamen hatten? Kann sein, weil die Menschen sich gar viel von den Thieren nähren, hat man sie zu Wirthshausschilden genommen, oder auch weil sie Jedem dienen, der sie an sich bringen kann. Jetzt ist das anders, jetzt sind wir Alle hoffähig: wir speisen und trinken bei Hof, und die ganze adlige Ahnenprobe besteht darin, daß wir so und so viel kupferne oder silberne Regentenköpfe in die Tasche decken. Der Bär heißt jetzt: russischer Hof; der Greif: Hof von Holland oder auch englischer Hof, und das Lamm: deutscher Hof. Wie der goldene Ochse heißen sollte, läßt sich errathen.

Vor Zeiten hat ein Wirthshausschild seinen Arm weit in die Gasse hineingestreckt, als ob es zuwinken wollte: komm ein! Jetzt sind die Tafeln an das Haus genagelt oder es ist nur angemalt, französisch und englisch, daß man Alles lernen kann; aus Gnade und Barmherzigkeit heißt's bisweilen auch noch Deutsch, aber selten. Ein Deutscher gilt daheim nichts, dafür gilt er aber draußen noch – ein bischen weniger.

Dagegen hat's ein reisender Engländer gut in Deutschland, in den Gasthöfen und an den wirklichen Höfen beeilt man sich, ihn zu bedienen: hier wie dort freuen sich die Lohnbedienten, zu zeigen, wie gut sie englisch sprechen, und selbst die Polizei ist liebenswürdig gegen ihn.

In allen Gegenden Deutschlands französelt's und englisirt's. Statt: bayrischer Hof, russischer Hof, polnischer Hof, Brandenburger Hof, Berliner Hof, heißt es viel vornehmer: Hotel de Bawiähr, Hotel de Rüssi, Hotel de Pollonj, Hotel de Brangdbuur, Hotel de Berläng.

Am Rhein sind sie Victoriatoll. Es ist schade, daß die Königin von England nicht Gretel heißt, Hotel Gretel wär' doch auch schön und nobel. Dieweil nun die Höfe erschöpft sind und man sogar einen europäischen Hof und einen Welthof (Hotel de lüniwehr) erfunden hat, so lassen sich's auch die Herren Wirthe – oder wie sie jetzt heißen: Proprietärs und Hoteljehs – gefallen, daß ihr eigener Name mit großen goldenen Buchstaben am Hause prangt. Man findet nun Hotel Caspar, Hotel Melchior, Hotel Balthes.

Es ist eine närrische Welt, die deutsche Welt; man muß darüber lachen, wenn man sich nicht ärgern will.

Nachtgespräch zweier deutscher Grenzpfähle.

Der Junge mit frischen Farben: Warum stehst du so traurig da mit deiner verschossenen Livree, warum neigest du den Kopf, alter deutscher Ausländer? ... Warum bist du so stumm? ... warum so traurig? Antworte mir oder frage mich ... Könnte ich nur zu dir hinüber über die Grenze, ich wollte dich schon aufrichten. Kopf in die Höh! Aber wir dürfen nicht von der Stelle, das gäbe eine gräßliche Verwirrung.

Der Alte: Wir dürfen nicht? Junges Blut, bist du schon so zahm, daß du sagst, wir dürfen nicht, wo du sagen solltest, wir können nicht? Bist du nicht wurzellos in die Erde gerammt, und kannst nicht von der Stelle? Warum bist du so lustig?

Der Junge: Warum sollte ich nicht? Hier stehe ich als Hüter des Landes. Ich bin froh, daß sie mich nicht eingezwängt haben in einen kleinen Bau, wo ich all' den Familienjammer beschirmen müßte, und wo sie mich gar noch verdeckt hätten, daß Niemand mich sieht. Nein, hier draußen stehe ich, ich allein bin Wächter des Landes, ich trage stolz seine Farben. Siehst du nicht, wie hell sie glänzen? Kein Wanderer geht vorüber, der nicht auf mich sieht, der nicht mich fürchtet, der nicht an meinen Farben erkennt, was ich zu bedeuten habe. Was soll die dumme natürliche Rinde? Die Staatsfarben allein geben einen Charakter.

Der Alte: Und woher stammst du?

Der Junge:

Aus rauschendem Walde,
Von steiler Halde,
Wo das Hifthorn schallt
Und die Büchse knallt.

Der Alte: Und deine Kameraden und Brüder, wo sind sie?

Der Junge: Der eine, mit dem ich oft in wilden Sturmesnächten raufte, war ein übermüthiger Gesell. Er liebte eine weiße, schlanke Birke in unserer Nachbarschaft; da kam ein krankes Herrchen und saugte der Birke das Blut aus, daß sie verkümmerte. Seitdem ist mein stolzer Kamerad traurig geworden und hat die Nächte hindurch geächzt, und in einer sturmbrausenden Frühlingsnacht hat er sich kopfüber hinabgestürzt in den Thalbach. Er ist jetzt ein dürrer Lehrstuhl geworden, drinn im dumpfen Gemach und drauf sitzt ein Männchen und lehrt die Jugend vor der Zeit alt werden.

Der Alte: Und die Anderen?

Der Junge: Sie stehen noch still und harren ihrer ungewissen Zukunft. Nun erzähle mir aber auch du von deinem Schicksal.

Der Alte: Einst in meiner Jugend grünen Tagen träumte ich von großen Ehren, die mir zu Theil werden sollten. Es ging damals ein Odem der Freiheit durch die Welt, und ich hoffte ein Freiheitsbaum zu werden, um den das Volk sich jubelnd schaart. Es ist anders geworden. Sie ließen mich lange stehen und träumen. Zuerst wurde mein jüngster Bruder geholt, und sie sagten, er solle ein Weihnachtsbaum werden, dran den Kindern Süßigkeiten und Spielzeug aller Art bescheert wird. Sie sagten, sie könnten noch keinen Freiheitsbaum pflanzen, offen vor aller Welt, und sie schmückten sich einstweilen ihr Haus mit stillen Freuden. Mag's sein. Dann wurden meine anderen Brüder geholt, und sie wiegen sich als stolze Maste auf dem weiten Meer und tragen die Flaggen fremder Länder. Der Gram verzehrte mich im Innersten, und der Förster erkannte an dem Dröhnen, daß ich herzspältig wurde; sie fällten mich. Sie haben mich glattgeschunden und dann bemalt, zogen mir die Haut ab und warfen mir dieß bunte Kleid über; und da stehe ich nun zum Spott für mich und alle Welt. Dreimal wurde ich versetzt, dreimal mein Stamm in neues Land gebracht, und durch mich wurden die Völker zu angestammten; da stehe ich nun, ein Pfahl im Leibe des unzertrennlichen Vaterlandes ... Ich bin müde ...«

Der Alte und der Junge sprachen noch viel, aber ihre Worte verhallten in dem Sturme, der plötzlich losbrach; Blitze durchzuckten die Luft, ein Gewitterregen prasselte hernieder. Am Morgen hatten sich die beiden Farben des jungen Grenzpfahls vermischt, er war grau.

Vor der Kirche.

Sonntag Morgens vor der Kirche sitzt der Hagenmaier hemdermelig auf dem Bänkchen vor dem Bienenhause im Garten. Er darf sich ohne Jacke sehen lassen, denn sein Hemd ist so weiß wie der frisch gefallene Schnee, und es ist ihm gar wohl, so leicht und frei da zu sitzen in der luftigen Hülle; er läßt sich von der Frühlingssonne durchwärmen, er raucht sein Pfeifchen dabei, und es ist so still und es ist ihm so wohl wie einem Baum im Erdengrund; er möchte gar nicht weg, und es dünkt ihm wie wenn er nicht sich selbst, sondern wie wenn ihn ein Anderer daher gesetzt hätte.

Ein Vers aus dem alten Kirchenliede geht ihm durch den Sinn, seine Lippen bewegen sich nach den Worten, aber er spricht sie nicht laut, sondern tief im Herzen:

Halte nur ein wenig still
Und sei doch in dir selbst vergnügt.

Ja, wenn sich die Menschen nur öfters ein stilles Plätzchen aussuchten, fernab vom Geräusch und Unruhe des Alltagslebens, wo sie ganz allein mit sich hinhorchen auf das, was sich in ihrem Innersten regt; wenn Kampf und Noth beschwichtigt, finden sie dort einen ewigen Quell der Freude und des Glücks. Da braucht man keine großen Gastereien, keine kostspieligen Feste, um Freude und Genuß aufzuerwecken; hier hat der ewig gute Gott das Fest bereitet, und ladet die Seele ein, sich's wohl sein zu lassen. Wie viel tausend Menschen jagen immer nach Genuß und Lust draußen in der Welt und vergessen, was sie bei sich haben.

Halte nur ein wenig still
Und sei doch in dir selbst vergnügt.

Wie still und lind ist der Morgen! Kein Lüftchen weht, das tiefblaue Himmelszelt steht ruhig über der Erde, nur die Lerche steigt singend frei auf und ab zwischen Himmel und Erde, der Erde verkündend die Schönheit des Himmels, dem Himmel preisend die Wunder der Erde. Die Schwalben schwingen sich still dahin, gleich als müßten sie schweigen von dem ewigen Geheimniß der Erde, deren Pracht drüben sich aufthut, wenn sie hüben hinabsinkt, als hätte das Leben in ewiger Schöne sie der Sprache beraubt und stumm gemacht, als dürften sie nicht mitjauchzen mit den Geschöpfen, denen sich die Herrlichkeit nur Einmal im Jahre ausbreitet. In jedem Grashalm steigt der Saft auf, und Geschöpfe ohne Zahl tummeln sich dort; es ist ein Klingen und Rauschen, wie wenn Alles lebte. In dem blühenden Apfelbaum summen die Bienen, und jede steigt in den offenen Blüthenkelch. Jetzt sagte der Hagenmaier laut vor sich hin:

Drum halte nur ein wenig still
Und sei doch in dir selbst vergnügt.

Die Pfeife war ihm ausgegangen, er schlug sich aber kein Feuer mehr, er legte die Arme auf der Brust über einander, sich selbst haltend und das was sich in ihm regte; er ließ die Gedanken kommen und gehen, wie die Bienen aus- und wieder einzogen.

»Die Thiere, diese Bienen« – dachte er – »haben keinen Sonn- und Feiertag, sie leben und arbeiten, und ihre Arbeit ist bloß zu ihrer Leibesnahrung: sie ruhen, wenn die Natur draußen ruht. Der Mensch aber arbeitet nicht bloß zu seiner Leibesnahrung, und er setzte sich Einen Tag von sieben fest, daß er frei und von Arbeit ledig bei sich einkehre, und mit seinen Brüdern und Schwestern vereint zu Gott sich wende, daß er dann der Freude des Daseins sich in lauterer Seligkeit hingebe ... Wie glücklich bin ich, daß ich hier still ruhen kann! Ich trinke den reinen Athem der Luft, mein Auge sättigt sich an der überall ausgebreiteten Herrlichkeit, die liebe Sonne thut mir so wohl, und mein Gott hält seine Hand über mich und läßt mich hier still froh sein. – Ich will nicht mehr verzweifelnd jammern und klagen, wenn Noth und Pein mich heimsucht – frisch auf! der alte Gott lebt noch!«

Der Hagenmaier breitete die Arme aus, als wollte er die Liebe Gottes an sich drücken, sein Mund öffnete sich, und doch sprach er nicht. Ein Windhauch warf plötzlich mehrere Blüthen vom Apfelbaum auf den alten Mann und brachte ihn auf andere Gedanken. Schmerzlich lächelnd sah er drein, und wieder sprach es in ihm: »Wie viel tausend Blüthen trägt der Baum und zahllose sterben ab, bevor sie zur Frucht geworden; der Baum könnte die Früchte nicht alle tragen. Blüthen müssen verwelken, sie haben ihrem Schöpfer genug gethan, daß sie aufblühten. Wie reich und übervoll ist die Welt! Die Kinder, die in ihrer Jugendzeit mir abstarben, sie waren solche Blüthen am Baum des Lebens, sie hatten für diese Erdenzeit genug gelebt; ich will arbeiten und wirken, um die mir übrig gebliebenen zu gesunden und guten Menschen zu erziehen.«

Die Lippen zusammenpressend sah jetzt der Hagenmaier tief schmerzlich drein, denn sein Gedanke war: »In wie viel tausend Herzen zittert jetzt in dieser Minute Angst und Qual um die Noth des Lebens; ihr Sinn ist verdumpft, die frische Morgenluft zehrt an ihnen, die Schönheit von Wiese und Feld sättigt sie nicht, sie sehen nichts davon – sie hungern. O wir Elenden! Wir können der Ruhe genießen, im Ueberfluß leben, und unsere Brüder und Schwestern hungern, und der Tisch der Erde ist so reich gedeckt, daß Keiner leer auszugehen braucht. Ich will sorgen und trachten, der Noth abzuhelfen und Lebensfreude zu schaffen, wo ich kann. Gieb o Gott, daß ich fest bleibe und erweiche die Herzen der Großen und Uebermüthigen, daß sie nicht ruhen und nicht rasten, bis das Elend vertilgt ist von der Erde, bevor der Tag des Gerichts kommt.«

Plötzlich weckte ungewöhnliches Summen in einem der Bienenkörbe den Hagenmaier aus seinen Gedanken für die Zukunft: das war ein Weisel, der sich hören ließ und bald auszuziehen trachtet. Hagenmaier stand auf und stellte einen leeren Bienenkorb auf einem weißen Tuche zurecht, dann wartete er still auf den Auszug, und dachte dabei: »Staatsmänner, Lehrer und Eltern und Alle, die auf Andere zu sehen und für sie zu sorgen haben, können ein Beispiel an den Bienen nehmen. Wer möchte was dagegen thun, wenn so ein Stock schwärmen will? Das ist nöthig und gut, man muß ihm ein neues Haus herrichten, ihn gutwillig da hinein bringen, und das neue Geschlecht in seiner eigenen Haushaltung wirthschaften lassen; wenn dann die alten Stöcke absterben, so sind schon neue dafür da.«

Er rief seinen Sohn und seine Schwiegermutter herbei, um mit ihnen auf den neuen Auszug zu lauern. Sie mußten Alle still sein.

Jetzt läutete es zum Erstenmal zur Kirche. Die Glocke übertönte all das Summen und Klingen in der Luft. Als wäre er von diesem Ton gelockt, zog jetzt der Bienenschwarm aus, und wurde richtig in dem neuen Hause untergebracht.

Der Hagenmaier kam etwas spät in die Kirche, und er schüttelte oft mit dem Kopf, als er eine Strafpredigt gegen das neu erwachte Leben in der Religion hören mußte. Er dachte an den jungen Bienenstock.

Der Herr Lotterer.

Es war einmal ein großer mächtiger Graf, und der regierte über ein kleines schwaches Land, und der Graf brauchte sehr viel Geld, und das Land hatte sehr wenig mehr.

In dem Lande lebte ein Mann, von dem man nicht sagen konnte, was er für ein Geschäft habe, und er hatte auch keins. Wäre er ein Baron gewesen, dann brauchte er nichts zu sein, er hieße dann Herr Baron: er war aber kein Baron, also war er nicht bloß nichts, sondern gar nichts. Er lotterte in den Straßen und den Wirthshäusern umher, und daher hieß er der Herr Lotterer. Auch in den Werkstätten der verschiedenen Handwerker war er oft zu finden, aber nicht um mit thätig zu sein, sondern nur um sich mit den Leuten zu unterhalten. Die Arbeiter verachteten zwar den Tagdieb, deß kümmerte er sich aber nicht, und er fragte sie aus über all ihr Dichten und Trachten; oft kam er bis auf den Grund, und da hörte er, daß fast Jeder von der Zukunft noch ein besonderes Glück erhoffte, plötzlichen Reichthum und dergleichen. Wenn er das hörte, schmunzelte er vor sich hin, und redete gar viel davon, daß man solche Hoffnung nie aufgeben dürfe, man habe Beispiele von Exempeln u. s. w. Dann saß der Herr Lotterer oft bis tief in die Nacht hinein in seiner einsamen Stube, und schrieb große Zahlen auf ein Papier, und rechnete und rechnete, daß man meinte, er habe über Millionen zu verfügen; dabei hungerte er aber, daß ihm die Schwarten krachten.

Eines Morgens bürstete der Herr Lotterer sorgfältig seinen fadenscheinigen Frack und pfiff lustige Weisen; dann band er eine steife weiße Halsbinde um, ging auf das Schloß und ließ sich bei dem Grafen melden. Als er vorgelassen war, verbeugte er sich tief, lächelte und sprach:

»Gnädiger Herr! werden verzeihen, es ist allbekannt, wie die Quelle in Ihrem Staatsschatze vertrocknet ist. Daran ist nicht Ihre allerhöchste Weisheit schuld, die stets nur das Beste des Landes will. Ihre Diener, ich will sie nicht anklagen, haben in unbegreiflicher Verblendung das Ergiebigste übersehen. Erlauben Eure Hoheit, daß ich Hochdenselben unterthänigst mittheile, was ich durch langes Nachtwachen ersonnen habe. Man kann keine neue Steuer mehr ausschreiben, wenn man sich auch um die daraus entstehende Erbitterung nicht kümmerte. Bereits wird Alles versteuert: was man ißt und trinkt, Tanzen und Spielen, Sterben und Geborenwerden, Heirathen und Scheiden, Alles, Alles. Ich aber will bewirken, daß noch eine freiwillige Steuer gegeben werde, die alle bisherigen gezwungenen übertrifft. Ich hole die Steuer aus den geflickten Taschen der Armen, zwischen Brosamen und ausgerissenen Knöpfen, ich beiße sie aus den verknüpften Sacktuch-Enden hervor! Ja, was die Menschen am meisten nährt, ist noch nicht versteuert; ich meine: die Hoffnung und der Traum.«

Der Herr Lotterer überreichte nun einen Plan, der alsbald ausgeführt wurde. Er errichtete eine wohlthätige Anstalt, darin der Aermste gespeist wird mit – leeren Hoffnungen und eiteln Träumen. Die Anstalt trägt noch heute den Namen ihres Urhebers: Lotterie. In Unschuld gekleidete Waisenknaben mußten die Loose ziehen, um der Sache ein recht sanftes Ansehen zu geben. Ein Theil des Gewinnstes wurde mildthätigen Armenanstalten zugewiesen, und Alles hatte einen gar frommen Schein.

Der Herr Lotterer schrieb ein Büchlein, daraus zu lernen ist, wie man unfehlbar gewinne: welche Nummer es zu bedeuten habe, wenn man von einer Katze, einem Habicht und dergleichen träumt, und wenn man von einem Menschen träumt, da setze man die Nummer der Jahre, die er zählt und vom Tage seiner Geburt u. s. w. Das »Traumbüchlein, wonach man sicher das große Loos gewinnt,« wurde in einem Nachbarlande gedruckt, und darauf durch öffentliche Bekanntmachung streng verboten, damit man auch wisse, daß es erschienen sei, und es um so gewisser kaufe. Von allen Kanzeln wurden die armen Leute verwarnt, nicht in die Lotterie zu setzen, damit sie ja nicht vergäßen, daß sie da sei.

Der Herr Lotterer erlebte es, daß Viele ihm nacheiferten und nichtsthuerisch herumlotterten. Viele arbeitsame Handwerker, die er früher in ihren Werkstätten besucht hatte, wo sie sich emsig rührten, und ihr eigentliches Vertrauen auf die Thätigkeit ihrer Hände setzten, schlenderten nun nichtsthuerisch umher, entzogen ihren Kindern das wenige Brod, und setzten in die Lotterie; sie liefen in beständigem Dusel umher, und hingen den Träumen nach, was sie beginnen sollten, wenn sie das große Loos gewännen. Sie bezahlten nun mit ihrem letzten Heller die leeren Träume und Wünsche, die sie ehedem umsonst gehabt, und sie träumten und hofften, bis sie als Nieten ins Grab verscharrt wurden.

Der Herr Lotterer ist hochgeehrt in einem mit vier Rappen bespannten Wagen in ein anderes Land gereist, um auch dort die Traum- und Hoffnungssteuer einzuführen. Hier brachte er noch eine Verbesserung an, indem er in verschiedenen Städten verschiedene Lotterien errichtete; erstlich, damit die Leute die Sache näher bei der Hand haben, und dann auch um den Glauben an das Glücksspiel zu erhalten; denn dadurch fügte es sich, daß eine Nummer, die ein armer Mensch hier gesetzt hatte, gerade in einer andern Stadt herauskam, und nun ward der Spieler um so eifriger, glaubte um so sicherer an seine Träume, und verwünschte nur sein Schicksal, das ihn an dem unrechten Orte setzen ließ. Vielleicht sind mit der Zeit hiebei noch mehr Verbesserungen anzubringen, wenn sich nur recht durchtriebene Köpfe daran machen.

Viele meinen zwar, der Herr Lotterer sei der leibhaftige Teufel gewesen, der sich nur als armer Schelm verkleidet habe; das ist aber nicht wahr; er war nicht mehr und nicht weniger als ein pfiffiger Mensch. Der Teufel braucht sich die Mühe nicht mehr zu geben, selbst zu kommen; es giebt Leute genug, mit und ohne Uniform, die sich eine Ehre daraus machen, dem Teufel gern und pünktlich seine Geschäfte zu versehen.

Der getreue Adjutant.

Ein Fürst, der sehr undeutlich sprach, es aber allerhöchst übel nahm, wenn man nicht recht verstand was er sagte, hielt einmal eine große Heerschau, oder wie es vornehmer heißt, eine Revüe. Er will nun eine Schwenkung machen lassen, und sagt dem Adjutanten in schnarrendem Ton: »Heradetant General von der vierten Schwadron vom dritten Reiterrejiment comdiren radarada hidarada, deremdem!« Der Adjutant legt die Hand an den Tschako, und sagt in fragendem Ton: »Majestät befehlen?« Dieser wiederholt: »Jeneral! comdirn – radarada hidarada deramdam.« »Sehr wohl!« erwidert der Adjutant, und hup hup reitet er im gestreckten Galopp davon bis zu dem General, und sagt: »Majestät comdiren radarada – hidarada deremdam.« Und wie der Wind jagt er wieder zurück. Der General schreit ihm nach: »Mordelement, was denn? was denn?« Der Adjutant kehrt sich aber nichts daran, und ist bald wieder auf seinem Posten.

Was nun daraus geschehen sei? fragst du?

Ja, prost Mahlzeit, nicht alle Geschichten haben ein End', und das hat auch sein Gutes; wir können bei manchen noch selber das End' machen.

Nochmals von Kleidern.

Wenn du einen Flecken an deinem Kleid oder irgendwo einen Riß hast, denkst du oft: »Pah, das sieht man nicht, und die Leute haben Anderes zu thun, als immer Alles an mir auszumustern,« – Du gehst dann frank und frei herum, und es kann oft sein, du hast Recht, es sieht Niemand den Flecken und den Riß.

Wenn du aber etwas Schönes auf dem Leibe hast, sei es nur ein schön Halstuch, oder ein frisch Hemd mit weißer Brust, oder gar eine goldene Nadel u. dergl., da gehst du oft mit herausforderndem Blick hinaus, und schlägst die Augen dann nieder, um nicht zu bemerken, wie alle Leute, was sie in Händen haben, stehen und liegen lassen, und gar nichts weiter thun, als deine Herrlichkeit betrachten. – So meinst du, aber das ist auch gefehlt, kein Blick wendet sich nach dir und deiner Pracht.

Das Einemal meinst du, man sieht dich gar nicht, und das anderemal, die ganze Welt hat auf dich gewartet, um dich zu beschauen; aber Beides ist gefehlt.

Gerade so ist's auch mit deinen Tugenden und Lastern.

Wenn du einen bösen Weg gehst, meinst du, es kennt dich kein Mensch und Keiner sieht nach dir um, und es ist stockdunkel; wenn du aber dem Rechtschaffenen nachgehst, redest du dir oft ein, jeder Pflasterstein hat Augen, jedes Kind kennt dich und deine Gedanken, und tausend Sonnen scheinen. Aber das Gute wie das Schlimme wird oft von der Welt übersehen. Ein Auge sieht Alles, das ist Gottes.

Drum halte dich selber, vor deinem Gott über dir und vor deinem Gewissen in dir in Ehren; dann brauchst du nicht das Einemal zu fürchten, daß dich Alles sieht und dir dabei etwas vorlügen, und das Anderemal zu zürnen, daß dich Niemand sieht.

Selbstregieren und Selbstrasiren.

Der Doktor Gscheitle thut auch manchmal, als ob er zu den Freisinnigen gehöre; besonders gern bringt er dann die Redensarten an, die er hier und da aufgeschnappt hat. So sagte er einmal im Wirthshause: »Die Bürger müssen immer mehr selbständig und unabhängig werden. Es muß dahin kommen, daß jede Bürgerschaft, jede Gemeinde, so viel als möglich sich selbst regiert, selbst ihr Wesen verwaltet und Recht spricht. Selbstregieren, das ist die Hauptsache. Es ist ja keine so große Kunst.« Der Hagenmaier, der zugegen war, erwiderte: »Das sag' ich auch. Ich bin ganz einverstanden. Aber es muß sich auch Jeder unabhängig machen und sich selbst rasiren oder sich den Bart stehen lassen, wenn's ihm gefällt.«

Das will aber der Gscheitle nicht, denn das legt ihm sein Handwerk, und so geht's noch manchem Andern, der auch davon lebt, daß er die Menschen einseift, und wenn's geschehen kann, über den Löffel barbirt.

Wo steckt der Teufel?

In einem Märchen, es ist noch gar nicht alt, wird erzählt, daß der Teufel einmal auf Arbeit ausging und brav zu sein versprach, wenn man ihm vollauf zu thun gebe. Die Menschen ließen sich darauf ein und gaben ihm nun die mühseligsten Sachen zu verrichten; aber kaum hatte man ihm gesagt, was er zu thun habe, war er wie der Wind wieder da und sagte: »Ich bin fertig, gebt mir Arbeit oder ich werde wild.« Die Menschen wissen nun gar nicht, was sie anfangen sollen, bis Einer dem Teufel den Auftrag gibt, die Straße nach der nächsten Stadt so schnell zu pflästern, daß er sie sofort, beim Abfahren mit einer zweispännigen Kutsche, immer vor sich gepflästert fände. Der Teufel brachte auch das zu Wege.

Das Märchen endet nun damit, aber die Geschichte ist darum noch nicht aus.

Das Pflaster war fertig und der Teufel kam wieder und sprach: »Gebt mir zu arbeiten oder ich werde wild.« Jetzt wurde er in den Polizeistaat aufgenommen, und ein Schreiberbeamter nahm ihn zu sich, und da hat er in den Akten zu thun, daß er nicht fertig wird bis an den jüngsten Tag. Wo ein Strahl des Lichts oder eine freie frische Bewegung in die Welt dringen will, da wird der Teufel hingeschickt, um das Loch zuzustopfen, durch welches das Licht eindringt, und die freie Bewegung einzuklemmen und zu knebeln. Hat er da ein Loch zugestopft und einen Strick fester angezogen, bricht's an der andern Seite wieder los, und er keucht und rennt hin und her und protokollirt und inquirirt und registrirt und referirt, nimmt eine Supplik und eine Duplik auf, und schreibt und sandelt und siegelt, daß gar kein Ende zu finden ist.

Freilich ist dieses ganze Geschäft unnöthig, und wenn man die Menschen mehr gewähren ließe, könnte man die Hälfte des Amtirens ersparen; aber das ist es ja eben, die unnöthigen Geschäfte sind immer die größten.

Da steckt der Teufel.

Gebt mir meinen Mann.

Bekannt ist die Geschichte von jenem schwäbischen Soldaten, der vor der Schlacht sagte: »Wozu führen wir Krieg? Gebt mir meinen Mann von den Franzosen heraus, ich will mich schon mit ihm vertragen.«

Aehnlich ließ sich neuerdings ein Communist vernehmen, d. i. Einer, der da will, daß die Menschen alles, was sie besitzen, unter einander theilen sollen. Er sagte auch: »Gebt mir meinen Mann von den Reichen heraus, ich will schon mit ihm theilen.«

Das Märchen vom goldgelben Apfel.

Hoch oben in der Krone des alten Baumes hing ein goldgelber Apfel, der war so stolz und sein Putzen dünkte ihn eine Krone. Wenn der Wind wehte und ihn schüttelte, rief er schnell: »Wind wiege mich!« Er wollte vor sich selbst und vor den Aepfeln unter ihm sich den Anschein geben, als habe er über den Wind zu befehlen. Troff ein Regen herab und glitt durch Blatt und Zweig, schnell rief der goldgelbe Apfel: »Wasser wasch' mich!« Denn er wollte sich und die unter ihm wieder glauben machen, er habe den Regen so bestellt, und der müsse ihm gehorchen.

Wenn man so etwas oft vorbringt, glauben's am Ende nicht nur die Anderen, sondern man glaubt's auch selber.

Der goldgelbe Apfel hatte sich nämlich auch eingeredet, und es auch wieder den anderen vorgesagt, er allein sei der wirkliche und wahrhafte Nachkomme von dem uralten Apfelkern, den man vor vielen, vielen Jahren in den Boden gepflanzt, und aus dem dieser Baum erwachsen war. Jener uralte Apfelkern stammte nach einer Familiensage in gerader Linie von dem Apfel ab, den Vater Adam mit seiner Frau Liebsten im Paradiese verzehrt hatte.

In diesem Gedanken bestärkte den goldgelben Apfel auch seine Leibgarde, die Hummeln. Diese waren prächtig uniformirt, in feinen Pelzen wie die russischen Kosaken. Mittags um zwölfe, im schönen Sonnenschein, hielten sie regelmäßig Parade auf den Baumblättern in der Nähe; sie musizirten gar schön, und die Raupen streckten in aller Ruhe die Köpfe empor und verdauten gut dabei. Mitunter kam auch ein Commando von den Lanzenträgern, den Hornissen; sie blieben still und hielten sich nie lange auf; sie waren friedlich gegen Jedermann, der ihnen ehrerbietig und rasch aus dem Wege ging; sie trugen ihr Schwert stets in der Scheide, bis sie es zu einer Ehrensache brauchten.

Keiner aber, weder eine Hummel noch eine Hornisse beurlaubte sich, ohne vorher den goldgelben Apfel lange und innig geküßt zu haben; und jedesmal, wenn sie fortgingen, meinte der goldgelbe Apfel, daß er ganz schwach sei. Das klagte er einer alten vornehmen Vertrauten, der stattlichen Schmeißfliege, die in Schwarz gekleidet war und den goldgelben Apfel in der Dämmerung besuchte und in Schlaf sang; sie summte: »Gruß und Kuß von dem Fräulein Klosterbirne drüben in Nachbar Juchtenheims Garten; ach! sie stirbt fast vor Sehnsucht nach dir. Ein zudringlicher Lederapfel, der in der Nähe wohnt, will ihr den Hof machen, sie bleibt dir aber treu, sie ist auch so edel goldgelb wie du, da hast du den Kuß von ihr.« »Au, au, du thust mir weh, du bist gerade an meine wunde Stelle gekommen,« schrie der goldgelbe Apfel; die Schmeißfliege hörte aber nicht auf zu küssen und sich voll zu saugen; und als sie endlich satt war, sagte sie: »Du bist liebeskrank.« »Nein,« antwortete der goldgelbe Apfel, »ich fühle, wie mir etwas mein Eingeweide verzehrt, au! wie das schneidet! Wenn das so fortdauert, sterbe ich bald, und mich ärgern noch dazu die Aepfel unter mir mit ihren dummen rothen Backen, sie haben die Frechheit zu sagen, sie seien gerade so fein und so reif wie ich, sie seien aus demselben Stamm, und hätten Luft und Sonne und Regen gehabt wie ich.« »Laß dir nur vor den Frechen nichts von deiner Krankheit merken,« summte die Schmeißfliege, »dir soll geholfen werden. Ich habe einen alten Bekannten, den Doktor Raupe, er ist ein großer Gelehrter, er ging von keinem Blatt weg, bis er es ganz in sich aufgenommen hatte; jetzt hat er sich in seine Studirstube eingesponnen, ich weiß nicht, was er vor hat, wenn er aber herauskommt, der kann dir gewiß helfen.«

In der Nacht spürte der goldgelbe Apfel grimmige Schmerzen im Leib, aber je kranker er war, desto stolzer that er, und er rief zu den Aepfeln hinab, die heimlich mit den Blättern flüsterten: »Seid still, Ihr unzeitigen grünen und rothen Unterthanen, ihr unzeitigen Geschöpfe! Ich allein bin reif und habe euch zu befehlen.« Die Aepfel aber kehrten sich nicht daran, und der Goldgelbe schrie zornig: »Wartet nur, wenn ich hinab komme, ich schlage euch alle zu Boden.«

Am Morgen, als Alles im Thau glitzerte, kam die Schmeißfliege und summte fast athemlos: »Der Doktor kommt sogleich! Ach! wie hat sich der verwandelt, man kennt ihn gar nicht mehr; das ist nicht mehr der Alte von früher, wo er so viel Sitzfleisch hatte, nicht vom Fleck konnte, und jedes Blatt bis auf die Fasern studierte, er ist jetzt ein luftiger Kiekindiewelt geworden. Unterwegs hatte er sich bei einer dummen Rose aufgehalten, die doch nichts kann als blühen und duften, und ihr schönen guten Morgen gesagt: er ist ganz verändert, er giebt sich jetzt mit den kleinsten Blumen ab und denkt gar nicht mehr an die großen Bäume. Endlich, da ist er.«

Ein Schmetterling kam geflogen, und als er den goldgelben Apfel sah, setzte er sich auf ein Blatt daneben, schlug die Flügel zusammen, schüttelte mit dem Kopf und schwieg. Als er fort flog, begleitete ihn die Schmeißfliege noch eine Strecke und fragte, wie es mit dem Kranken stehe. Der Schmetterling sagte: »Der ist wurmstichig, der stirbt, bevor die Sonne untergeht.« Als die Schmeißfliege das hörte, flog sie zurück und dachte: »So? Steht's so? Nun so will ich noch genießen, was zu bekommen ist.« Sie heuchelte keine Küsse mehr, sondern sog sich voll bis oben auf, so sehr auch der Apfel ächzte und krächzte; sie wischte sich endlich das Maul und flog auch davon.

Am Mittag, als die Sonne hoch am Himmel stand, von Wolken verdeckt, kamen die Hummeln; sie fanden den Apfel sehr leidend, und noch bevor sie musizirt hatten, hingen sie sich an ihn, wie sie sagten, aus Liebe, in der That aber bedeckten sie ihn ganz, um ihn auszusaugen.

Da trat die Sonne aus den Wolken, ein heißer Sonnenstrahl fiel schneidend auf den goldgelben Apfel, der Stiel löste sich vom Zweige, die Hummeln retteten sich noch im Fluge, der Apfel fiel durch das Gezweige raschelnd nieder in das Gras. Dort verzehrten ihn die Hummeln und die Hornissen noch vollauf, und der Wurm fraß von innen, bis nichts mehr da war. Die Schmeißfliege saß daneben auf einem Grashalm und wischte sich die Augen aus, sie weinte, wie sie laut verkündete, aus Trauer über den hochedeln Verstorbenen; in der That aber quollen ihr die Augen vor Aerger, weil sie neben den scharf Bewaffneten nicht beikommen konnte.

So erging's dem goldgelben Apfel. Die gesunden Aepfel hängen noch an den Bäumen, sie sind jetzt auch reif, hoffentlich brechen oder schütteln wir sie bald.

Der unbequeme Weg.

Auf einem Rathhause, in dem es vormals viel Mäuse gegeben haben soll, bis man in neuerer Zeit die Mauslöcher zustopfte und Oeffentlichkeit und helles Licht einführte, was den Mäusen gar nicht paßt – auf diesem Rathhause ließ sich ein Dieb freiwillig einsperren, heißt das, er war bisher kein Dieb, sondern machte sich jetzt erst dazu.

Als Abends alle Thüren geschlossen wurden, duckte sich der Diebskandidat in eine Ecke, und spät in der Nacht, da Alles still geworden, wollte er auch keinen Lärm machen, öffnete ganz leise die Thüre und darauf die Kasse, drin die Gemeindegelder waren. Um ja die Menschen nicht aus ihrer Ruhe aufzustören, hat er sich die Stiefel ausgezogen, und nachdem er sich alle Taschen gefüllt hatte, belegte er sich noch die Sohlen inwendig mit doppelten Thalern, und er ward auch ganz stolz, da er auf Thalern ging und stand. Nun ward er aber herablassend, indem er ein Seil an das Fensterkreuz gebunden hatte, sich hinausschwang und hinab zu rutschen suchte. Aber das Seil schnitt ihm tiefe Schrunden in die Hände, fast bis auf die Knochen und noch ein Stockwerk hoch vom Boden entfernt, ließ er vor Schmerzen los und stürzte herab. Wie weh that das jetzt, als das Thalerpflaster und das Steinpflaster auf einander stießen. Der arme Reiche knackte zusammen, wie wenn er nie auf zwei Beinen gestanden hätte. Nun da er zu Falle gekommen war, sprang das Geld aus den Taschen, wie treulose Freunde. Da lag er jetzt, und konnte kein Glied rühren, und als es Tag wurde, versammelte sich eine große Menge Menschen um ihn; es war leicht zu sehen, was da vorgefallen oder eigentlich herabgefallen war. Der Doktor Gscheitle war auch mit unter den Versammelten, und er sagte zu dem vormaligen Candidaten, der jetzt sich zum Dieb examinirt hatte:

»Aber guter Mann, warum habt ihr den sonderbaren Weg genommen, warum seid ihr nicht auch die Treppe herunter gegangen wie die anderen Herren auch?«

Er ist ein Pfiffikus der Gscheitle, er weiß seine Bosheit anzubringen, daß man ihm nicht beikommen kann.

Herr und Meister.

Wir haben noch ein gutes altes Wort, mit dem wir einem Jeden den Herrn austreiben könnten – wenn wir nämlich Meister würden. Vor Zeiten hieß jeder selbständige Bürger: Meister, und die Engländer, die großentheils von den alten Deutschen abstammen, und viel von deren alten Bräuchen und Rechten erhalten haben, nennen noch jetzt jeden Mann: Meister und jede Frau: Meisterin. In Oberdeutschland, wozu auch die deutsche Schweiz gerechnet werden muß, sagen noch heutigen Tages die Dienstboten nicht Herr und Frau, sondern Meister und Meisterin.

Die Franzosen haben einmal zur Revolutionszeit das Wort: Herr abgeschafft; es durfte Niemand mehr mit Herr angeredet werden, sondern nur mit: Bürger. Das ist allerdings der höchste und schönste Titel. So etwas schafft sich aber nicht durch ein Gesetz ab, das muß die Sitte, die Gewohnheit thun.

Bei uns Deutschen kommt das Wort Meister nach und nach fast ganz in Abgang, seitdem die Handwerksleute fast alle Fabrikanten heißen wollen. Bei Ritt-, Stall- und Wachtmeister hat das Wort noch seine volle Bedeutung. Bei anderen Worten klingt es aber in unseren Tagen fast wie Hohn und Spott. So bei Bürgermeister. Der ist oft gerade am wenigsten Meister über die Bürger, sondern ein ganz Anderer mit einem andern Titel. Der Hofmeister, wie man die Erzieher nennt, hat bei Hof am wenigsten zu sagen. In Wien nennt man die Thürwächter Hausmeister, vielleicht gerade, weil sie die Untergebenen des Hauses sind. Und nun gar die Schulmeister, die könnte man in unseren Tagen leider oft Schulsklaven nennen.

Will's Gott, werden wir künftig einmal Meister statt Herren.

Eine Wetterregel.

Wenn die Stricke und Riemen kürzer werden, giebt's bald Regen, vielleicht auch ein Ungewitter. An vielen Orten werden jetzt die Regierungszügel kürzer eingezogen, die Stricke und Riemen spannen; es giebt wohl bald einen Regen, dann werden die Stricke von selber luck, und die wo faul sind, brechen gar entzwei.

Neuer deutscher Briefsteller.

Da ist also der gewünschte Brief von einem Schulmeister. Der Kopf von der Einleitung kann wegbleiben, dann aber heißt's wörtlich:

M...torf, den 1. Juli 1846.

... die Zustände und Nöthen des Volks-Schullehrers kann dir Niemand in einem Briefe so schildern, wie du gewünscht hast. Seiner Zeit werde ich einmal versuchen, meine ganze Lebens- und Leidensgeschichte einfach in einem kleinen Büchlein aufzuschreiben. Was der Eine erlebt und erlitten hat, das paßt mit wenigen Aenderungen auch auf den Andern. Leider darf ich nicht hoffen, daß dadurch in der That etwas gebessert werde. Das macht die Finger zittern beim Schreiben, das schnürt die Kehle zu beim Sprechen, wenn eine geheime Stimme uns zuruft: es wird doch wieder Alles beim Alten bleiben. Verzweifeln möchte man dann. Wie tapfer haben die freisinnigen Abgeordneten in der bayrischen; württembergischen, badischen und sächsischen Volkskammer für uns gestritten und gerungen; und was ist unser Loos? Immer noch das alte Elend. Wie alle Erlösung und Verbesserung sollen wir auch die unsere erst von der Zukunft erwarten. Ist aber nicht morgen auch eine Zukunft? Ist nicht jeder Tag, den man in Schmach und Noth verlebt, ein verlorenes Stück Leben? Wenn es einmal ein wahrhaftes und wehrhaftes Deutschland geben wird, voll Kraft und selbständig nach innen und geehrt nach außen, da wird man's nicht begreifen, wie wir so lang in unsern jetzigen Verhältnissen leben, wie wir nur eine Stunde glücklich und heiter sein konnten. Freilich, die Bedientenseelen, die im Wohlleben stecken, lächeln gar vornehm über das, was ein armer Dorfschulmeister zu sagen und zu klagen hat. Es muß aber anders kommen, es muß, wenn eine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden ist. Wir Schulmeister sollen die Seelen der Jugend bilden, uns ist das Edelste anvertraut, die ganze Hoffnung und Zukunft eines Volkes. Wir sollen und müssen uns jugendlich erhalten, frisch und kräftig; wie ist das aber möglich, wenn uns Kummer und Sorge um das Allernothwendigste im Leben die Seele zusammenpreßt und jeden Morgen umdunkelt? Hundertmal habe ich mir schon gewünscht, wenn ich nur ein Stallknecht im Hofmarstall oder, Gott verzeih' mir's, ein Pferd dort wäre.

Doch, du hast im vorigen Jahrgang geklagt, daß man dir solche Allgemeinheiten schreibe; ich breche ab. Obiges kannst du abdrucken lassen oder nicht, wie es dir tauglich scheint.

Erfreulicheres drängt mich, dir zu schreiben.

Wie thut es doch dem Menschen so wohl, wenn er sich auf die Zehen stellt und über sein eigenes Elend hinaussehen kann, zumal wo etwas Gutes seinen Blick fesselt.

Ich hege zwar auch durchaus die Meinung, daß das Große und Gute nicht mehr von einzelnen hervorragenden Menschen ausgeht. Eine Gemeinschaft selbstbewußter Menschen ist größer als ein noch so hoch begabter Einzelner. Je mehr sich Erkenntniß und Bildung verbreitet, um so weniger wird es einem großen Manne möglich sein, ein Land, ein Volk, eine Zeit, allein zu bestimmen. Der Meister und Herrscher unserer Gegenwart und Zukunft ist der Held: Verein! Dennoch aber muß es Menschen geben, die die Anderen zur Vereinigung anregen und führen und anfangs die Leitung in die Hand nehmen. Unser ganzes Dorf geht jetzt besseren Verhältnissen entgegen, hauptsächlich durch zwei Menschen: nämlich durch unsern Pfarrer und unsern Bürgermeister.

Du bist keiner von denen, die in geschminkter Faulheit und Fäulniß wollen daß man einstweilen gar Nichts thue, Alles so recht grundmäßig zerfallen und verderben lasse, weil so viel Schmach und Noth auf dem Vaterlande lastet. Wenn ja einst das deutsche Vaterland in sich geeinigt, in Ehre vor sich und vor der Welt dasteht, dann ist noch keineswegs damit erreicht, daß jeder Mensch in seiner Seele und in seinem Hauswesen gut wirthschaften kann. Der Zweck aller Freiheit ist doch nur, daß Jeder ohne Hinderniß ein echter Mensch werde. Nun darf man aber einstweilen nicht müßig sein; das Feld der Seele wie der vor uns ausgebreitete Boden muß einstweilen angebaut und fruchtreich gemacht werden, so gut als möglich. Jetzt müßig zu sein in Vervollkommnung seiner Seele, das wäre gerade wie wenn ein Bauer seinen Acker schlecht bestellt, weil er noch Zehnten geben muß, weil er noch nicht den vollen Ertrag hat, wie's ihm gebührt. Man muß es daher Jedem Dank wissen, der einstweilen auch nur die kleinste Verbesserung ins Werk setzt; sie wird Stand halten, wenn einst die große, das ganze Volk erquickende kommt.

Meine Uhr hat ein doppeltes Gehäuse und mein Brief eine doppelte Einleitung; jetzt aber schauen wir ins Werk, die Unruhe geht auf einem geschliffenen Edelstein.

Unser Pfarrer hat für seine guten Bestrebungen vor Allem dadurch einen sichern Stützpunkt gewonnen, daß er das gemeinnützige Trachten und den Edelsinn in seinen eigenen Angelegenheiten bewährte.

Er ist ein Mann, wie man sagt, in den besten Jahren. Nicht lange nachdem er hieher versetzt war, kam er mit einem seltsamen Vorschlag in den Gemeinderath; er verlangte, daß man ihm die sogenannten Stol- und Casualgebühren als feste Besoldung aus Gemeindemitteln bezahle. Anfangs war Alles stutzig, der Pfarrer aber nahm die Kirchenbücher und zeigte: so und so viel Taufen, Hochzeiten und Leichenbegängnisse kommen durchschnittlich im Jahr vor; das Minimum (der geringste Betrag), was dafür erstattet werden muß, ist von der obern Kirchenbehörde festgesetzt, hienach also möge der Gesammtbetrag bestimmt werden. Der Gemeinderath wollte darauf natürlich nicht ohne Gemeindeversammlung eingehen; in dieser, die demzufolge anberaumt wurde, hielt der Pfarrer eine Rede, ich wollte ich könnte sie dir ganz aufschreiben; der wesentlichste Grundgedanke aber war: Ich bin euer Geistlicher, für alle eure religiösen Angelegenheiten angestellt; so wenig mir nun der Gottesdienst und die Predigt an Sonn- und Feiertagen besonders bezahlt werden, so wenig sollten die heiligen Handlungen, deren Vollziehung Dieser oder Jener von mir bedarf, besonders vergütet werden. Diese Gebühren sind jedoch ein Theil meiner Besoldung, ich kann euch nichts schenken, will aber von euch auch nichts geschenkt haben. Die alte Ansicht, daß man dem Pfarrer Geschenke machen müsse und daß er sie annehme, stammt noch aus der Zeit der Bettelmönche: ich bin kein Bettelmönch. Es ist ein schrecklicher Gedanke, wenn der Arme mit Recht oder Unrecht glaubt, der Pfarrer sei für ihn bei einer Taufe, einem Leichenbegängnisse lässiger, weil er keine großen Geschenke machen könne. Ihr seid Alle gleich vor Gott und vor Dem, der der wahre Mensch ist. Die heiligen Handlungen, deren ihr bedürft, verrichte ich euch ohne Unterschied; darum wünsche ich, daß ich dafür von der Gemeinde insgesammt und nicht von den Einzelnen bezahlt werde. Besser wär's, ich bedürfte gar keines Lohnes; aber ich verwende nun einmal meine Zeit und all mein Denken für euch, und ihr müßt mich dafür ernähren. – Nun wiederholte der Pfarrer seinen frühern Vorschlag, belegte ihn mit Zahlen und verlangte nur zwei Drittheile des durchschnittlichen Gesammtbetrages. Dies wurde mit Freuden bewilligt. Zuletzt verkündete er noch ein- für allemal, daß ihm bei den Anmeldungen zur Kommunion nicht, wie bisher gebräuchlich, irgend ein Geschenk ins Haus gebracht werden dürfe, indem er Nichts annehme.

Du kannst mir's glauben, daß der Pfarrer sich hiedurch die Herzen Aller gewonnen hat. Einige Reiche, die ihre alte Zuthunlichkeit beim Pfarrer nicht aufgeben wollten, und denen es gar nicht gefiel, daß sie nicht größere Geltung haben sollten als der ärmste Häusler, waren ihm eine Zeit lang gram, sie hielten seine Uneigennützigkeit für Stolz – und sahen doch ihren eigenen Stolz nicht. Nach und nach hat er aber auch diese gewonnen, indem er ihnen Gelegenheit genug gab, ihre besseren Verhältnisse für die Gemeinde geltend zu machen; denn die Eitelkeit ist einmal nicht auszurotten, und das hat wohl auch sein Gutes; nicht Jeder ist erhaben genug, um das Gute so zu thun, daß davon keinerlei Glorienschein auf sein Haupt fällt. Das Streben nach Auszeichnung, wie ich die noch reine Quelle der später daraus entspringenden Eitelkeit nennen möchte, erweckt die Menschen zu manchem Bessern. Die Leidenschaften, recht benutzt und geleitet, können zu kräftigen Anlagen werden.

Bei seinen Amtsbrüdern in der Gegend hat sich der Pfarrer viel Gespött und Uebelwollen zugezogen, aber die Gemeinde verehrt ihn; er ist in allen Häusern heimisch. Ich möchte sagen: wie die Kirchuhr der äußere, so ist er der innere Zeitmesser, das große Herz der Gemeinde.

Ich schwärme nicht, denn ich sehe den Pfarrer seit den anderthalb Jahren seines Hierseins fast täglich, und wen man täglich sieht, für den kann man nicht schwärmen. Einen wahrhaft guten Menschen lernt man nur immer fester lieben, immer höher verehren, je vertrauter man mit seinem Wesen wird. Der Pfarrer behandelt mich brüderlich, ohne den leisesten Hochmuth; scherzend sagt er oft: »Wir Beiden sind die Wachmannschaft, die vom großen Gott hier in dies einsame Thal ausgestellt ist.« Wenn ich zu ihm komme, fragt er bisweilen: »Ist nichts vorgefallen auf dem Posten?«

Meine Noth geht meinem Kameraden auf der Wache tief zu Herzen, er sagt: es werde und müsse geholfen werden, nur solle vorher Manches in der Gemeinde besser im Stande seyn. Ich harre in Geduld und viel leichter als je zuvor; so viel thut die Nähe eines Menschen, der uns die Zuversicht giebt, daß das Echte noch nicht erstorben ist in der Menschheit.

Du kannst dir kaum vorstellen, welch eine Rührigkeit, welch ein Leben der Pfarrer in die ganze Gemeinde gebracht hat. Es ergiebt sich, daß weit mehr tüchtige Männer hier sind, als man je geahnt oder geglaubt hätte. Verarge oder mißdeute mir es nicht, wenn ich mir auch etwas davon zuschreibe, denn ich bin bereits zwanzig Jahr hier im Orte Lehrer. Was habe ich denn auf dieser Welt, wenn ich mir nicht bekennen darf, daß ich wenigstens nicht umsonst gelitten, und doch auch manches Gute gepflanzt habe?

Eine eigenthümliche Bewegung entstand dadurch, daß sie bei der letzten Bürgermeisterwahl durchaus den Pfarrer wählen wollten, was doch der Gemeindeordnung zufolge nicht statthaft ist. Hierdurch bewirkte aber der Pfarrer, daß ein äußerst verständiger junger Bauer (er war früher einer meiner besten Schüler, sollte Schulmeister werden, ich hielt ihn aber davon ab) zum Bürgermeister gewählt wurde, obgleich er keineswegs zu den Reicheren gehört. Das ganze Dorf hat nun gewissermaßen Methode erhalten, es ist weit mehr Planmäßigkeit in allem, was geschieht und vorbereitet wird. Alles entfaltet sich zum Bessern, aber naturgemäß nur allmählich. Es kann Nichts schnell gehen auf dem Lande. Ein Pferd, das, vor den Pflug gespannt, Furchen in die Erde zieht zur Empfängniß neuer Saat, das kann nicht so schnell rennen wie ein leichter Springer vor der Kalesche auf gebahnter Straße. Hat das Ackerpferd dann auch einmal Leichteres zu ziehen, es ist an den alten Gang gewöhnt.

Die große Masse des Volkes gelangt erst jetzt wieder zu frischem Leben, und wie lange waren die Lebensadern mit Actenschnüren unterbunden!

Bereits hat die äußere Gestalt des Dorfes ein verändertes Ansehen gewonnen. Während man früher nur mühsam durch den Koth waten konnte, ist es jetzt in allen Gassen wie auf einer Kegelbahn. Gemauerte Rinnen sind an den Seiten der Straße, und diese wird wöchentlich zweimal gekehrt. Die Leute haben hiedurch auch an Dünger gewonnen. Der Pfarrer war nicht zu stolz, diese geringfügig scheinende Sache selbst anzuordnen und zu leiten. – Wir haben jetzt auch viel mehr Blumen im Dorfe als je zuvor. Der Pfarrer selbst ist ein geschickter Gärtner; er gehört auch zu den berühmten Botanikern (Pflanzenkundigen). Vor vielen Häusern hat man neue Plätzchen gewonnen, um dort Blumen zu hegen, und selten wird ein solches Gärtchen beschädigt; das will viel bedeuten, das zeugt von einem guten Geiste.

Nicht bloß Verschönerndes, sondern auch viel unmittelbar Gemeinnütziges ist gestiftet worden, und in der Vorbereitung begriffen.

Die Ablösung der Zehnten und Frohnen, die jetzt bei uns stattfindet, ist nicht so durchweg ein Glück, wie man dem ersten Anschein nach glaubt. Allerdings wird hiedurch der Bauer erst wahrhaft freier Eigenthümer, aber er ladet sich oft eine Kapitallast auf, die drückender ist als die vormalige Naturalabgabe, weil der Zins von der Kapitalschuld gleichmäßig bezahlt werden muß, gleichviel ob die Aehre völlig geladen habe oder ausgebeutelt sei.

Nun hat aber unsere Gemeinde die Zehnten und Frohnen gemeinsam abgelöst und zu dem Behuf eine Gemeindeschuld aufgenommen. Damit diese aber nach und nach amortisirt (getilgt) werde, bezieht die Gemeinde noch fort und fort den Zehnten u. s. w., verkauft das Erträgniß, und nach Verlauf von etwa 25 Jahren ist die Gemeinde von selbst frei.

Auch ist die ganze Gemeinde der Hagelversicherungsgesellschaft beigetreten; sie kommt dadurch viel billiger weg, als wenn bloß Einzelne versichern. Freilich ist das eine neue und keineswegs unbedeutende Last, zumal da die gewöhnlichen Steuern schon fast unerschwinglich sind; will man aber nicht in Angst und Bangen vor jeder Wolke leben, so giebt es kein besseres Sicherungsmittel. Nur die grasse Betbrüderei, die aber die echte Gottlosigkeit ist, kann diese Vereine verdammen, als ob sie das echte Gottvertrauen schmälerten, wie man aus gleichem blinden Eifer die Blitzableiter verketzern wollte. Gott ändert den geheimnißvollen Lauf und die Gesetze der Natur nicht, darum hat er uns als Menschen Vernunft und Mittel an die Hand gegeben, uns gegen Unfälle möglichst zu sichern; diese Mittel zu gebrauchen, das ist Gott gefällig, und lästerlich ist's, müßig die Hände zu ringen, wo man hätte werkthätig zugreifen können.

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Der Pfarrer hat mir von der Oberschulbehörde die Erlaubniß zur Uebernahme einer Agentur (Annahmestelle) von der Vieh- und von der Möbel- (Hausrath)- Versicherungsgesellschaft ausgewirkt. Schon treten Einzelne bei. Ich habe dadurch nicht nur einen kleinen Nebenverdienst, sondern werde zugleich auch noch meinen Mitbürgern nützlich. Ich lege das, was ich dadurch erwerbe, zurück, und will mich in die Lebensversicherung einkaufen, damit meine Frau und Kinder nach meinem Tode doch auch etwas haben. Unsere Schullehrerwittwenkasse kann kaum so viel geben, daß man nothdürftig vier Wochen Krankheit davon bestreiten kann. Es werden so viele milde Stiftungen gemacht, ja man errichtet sogar wiederum reiche Klöster, warum denkt Niemand an die Schullehrerwittwenkasse? Warum?

Wir haben hier nun auch einen Gemeindebackofen, der sich sehr nützlich erweist, nicht blos in der Holzersparniß. Anfangs waren die Frauen grimmige Gegnerinnen, weil die heimlichen Schmalzkuchen vor der Sonne der Oeffentlichkeit etwas abmagerten und sich verminderten. Jetzt geht's aber schon besser.

Ein wichtiges Werk wird jetzt vorbereitet, nämlich ein Gemeindevorrathshaus, besonders für die Saatfrucht.

Ein anderes ist bereits in schönstem Gedeihen, es ist auch ein Gemeindevorrathshaus und ebenfalls für die junge Saat: ich meine den Kindergarten. Wir haben die Spiele und den Namen, die der wackere Fröbel in Keilhau dafür gegeben, in unserer Kleinkinderbewahranstalt angenommen. Ich habe meine älteste Tochter Josephe, die wie meine beiden anderen Töchter in der Stadt diente, zu diesem Behuf nach Hause genommen, und sie ist ganz voll Seligkeit, die Kinder hüten, warten und erheitern zu können. Meine Josephe ist ein starkmuthiges, gesundes Mädchen, das ist vor Allem nöthig, denn es ist keine Kleinigkeit, 70-80 kleine Kinder zu hüten. Manche alte, zur Ruhe gesetzte Männer und Frauen kommen oft und helfen. – Fürchte nicht, daß das harmlose, freie Kinderleben jetzt auch eingepfercht wird; es herrscht die größte Ungezwungenheit. Nur eines bringt die Kinder zur Gemeinsamkeit und Botmäßigkeit, das ist der Gesang; die Kinder lernen fast nichts als Singen. Eine eigenthümliche Bedeutung liegt auch darin, daß die Spielzeuge keinem Kind angehören, sondern Eigenthum der Anstalt sind, mit dem aber Jedes frei schalten kann. Ich konnte dir über die unsägliche Wohlthätigkeit dieser Anstalt noch viele Blätter voll schreiben, ich will aber nur noch darauf hindeuten, wie nothwendig sie ist, wenn man weiß und bedenkt, wie viele Leute, wenn sie aufs Feld gehen, die Kinder einsperren oder wild rennen lassen, und oft allem Unglück preisgeben. Anfangs wollte es den Anschein gewinnen, als ob nur die Taglöhnernden, die Aermsten, die Anstalt benutzen wollten; Jeder gab sich sonach Mühe, nicht zu solchen gerechnet zu werden. Seitdem aber der Bürgermeister und einige Gemeinderäthe die eigenen Kinder schicken, ist Alles im besten Gang.

Im verflossenen Frühling hat die ganze Gemeinde, Groß und Klein, zum Erstenmal wieder das alte Maifest im Freien gefeiert. Auf dem nahen Reitersberge, wo man eine herrliche Aussicht genießt, hielt der Pfarrer auf einer mit Blumen geschmückten, aus Rasen erbauten Kanzel eine Rede voll heiliger Naturandacht. Besonders schön war dann noch, als außer den Schulkindern auch die ganz Kleinen mit Fahnen und singend einherzogen. Jeder blickte mit doppelter Freude auf sein Kind, wie es in der Reihe ging. Als hierauf die Eltern ihre Kinder zu sich nahmen, war's, als ob sie dieselben von Neuem geschenkt bekommen hätten. – Die Musik, die den Gesang zum Gottesdienst begleitet hatte, spielte gegen Abend zum Tanz auf, Alles war voll schöner sittlich gehobener Heiterkeit. Es fiel hierbei zum Erstenmal auf, daß man den Galopptanz nicht gut auf der Wiese ausführen kann.

Man geht auch damit um, ein freies Arbeitshaus für unbeschäftigte Arme zu errichten; dazu bedarf es aber einer nicht unbedeutenden Summe, die Sache steht daher noch in weitem Feld, ist aber keineswegs aufgegeben.

Du mußt dir aber nicht vorstellen, daß unser Dorf ein blank geputztes Seligenthal oder Engelheim sei, wo Alles in Honigfarben glänzt; es geht noch Manches drunter und drüber, aber das Gute dringt allmählich durch, und wird mächtig durch Vereinigung der Kräfte.

Ich habe meinem Pfarrer mitgetheilt, daß ich dir schreiben wolle, und ihn gebeten, den Brief durchzusehen; er hat es aber abgelehnt, indem er bemerkte: »Sie sind ein selbständiger freier Mann; schreiben Sie nach Gutdünken. Wenn Sie mich loben, machen Sie es nicht gar zu bunt, ein wenig lasse ich mir schon gefallen.«

Ich will dir auch von ihm sagen, daß er im letzten Jahrgang nicht so zufrieden mit dir war, wie früher, namentlich sei die Geschichte von dem Kindsmord zu scharf gespitzt. Du sollest an das Sprüchwort denken. Das Mädchen sei auch schuldvoll, besonders dadurch, daß es das Kind so sträflich vergißt; er läßt dich aber ermahnen nur fortzufahren, und es besser zu machen, wenn du kannst. Mein Pfarrer ist auch ein Feind der Vereine gegen Thierquälerei wie du, besonders auch, weil der Verein die Polizei zu Hülfe ruft. Der freie Trieb und der eigentliche Charakter des Sittlichen fehlt, wenn das Gute durch polizeiliche Strafgewalt ins Werk gesetzt wird; die ganze Wirkung, die auf die Seele des Menschen erzielt werden soll, geht dadurch verloren. Auch ist jetzt, wo allenthalben so viel Schmach und Noth herrscht, noch nicht Zeit, Vereine gegen die Thierquälerei zu stiften. Da machen sich aber die alten Weiber in langen Kleidern oder in Steghosen etwas vor, bereden sich in ihren feinen Theegesellschaften, gar Schönes gethan zu haben, wenn sie einmal einen hartherzigen armen Fuhrmann einsperren lassen, während rings um sie her Knechtschaft und Noth die Menschen niederdrückt. Wir haben hier auf dem Gemeindehaus einen Vorrath von getheilten Jochen für die Ochsen, die zu billigen Preisen abgegeben werden; dadurch werden nach und nach die zusammenhängenden qualvollen ganz verdrängt. Das ist ein Anfang zur Sorgfalt für die Thiere, an den die Butterbemmenseelen der Thierquälereivereine in ihrer Polizeiseligkeit noch nicht gedacht haben.

Mein Brief ist etwas lang geworden, ich weiß kaum mehr, was ich dir zu Anfang geschrieben habe. Ich erlaube dir, daraus zu machen, was du willst. Verzeihe, daß ich dir auf so grobem schlechtem Papier schreibe, ich habe kein besseres. Dein u. s. w.

Hermann D...

Frag- und Antworttafel.

Ein Narr kann mehr fragen, als zehn gescheidte Leute antworten können – das ist wahr; aber erstens ist der Frager kein Narr, zweitens wird dieses hier von mehr als zehn gescheidten Leuten gelesen, und drittens hat der Frager auf Manches auch schon eine Antwort in der Tasche, er will nur sehen, was Andere vorerst vorbringen, und viertens – ja das sagt sich nicht so schnell. Es ist nämlich aus alten Zeiten der Brauch, daß der Kalender auch seine Räthsel hat; das waren oft harte Nüsse zum Aufknacken, und man hat ein ganz Jahr lang daran beißen können. Manchmal hat's der Kalendermann auch bequemer gemacht, und damit der Leser sich nicht auf den Kopf zu stellen braucht, hat er die Auflösung des Räthsels so gestellt; das war dann leicht, man durfte nur das Buch umdrehen, da war das Wild gefangen. – Der Gevattersmann ist aber kein Freund von Räthseln, nicht nur weil er keine gereimten machen kann, das käme doch noch auf die Probe an, sondern weil nach seiner Ansicht nicht viel dabei herauskommt, wenn auch Mancher seinen Witz daran üben und zeigen kann.

Darum stellt der Gevattersmann hier eine Frag- und Antworttafel auf. Jeder, der will und kann, soll hier seine Sache vorbringen; weil aber dieß das Erstemal ist, muß der Gevattersmann sich schon selber vor's Brett stellen.

Hier also einige Fragen. Der Gevattersmann hat noch manche auf dem Herzen, er darf sie aber nicht heraus lassen, denn darüber hat noch ein Anderer zu befehlen; der Gevattersmann will froh sein, wenn er einstweilen diese anschlagen darf. Diese Fragen also soll Jeder selber beantworten, oder wenigstens darüber nachdenken. Schön aber wär's, wenn derjenige, der etwas Gutes gefunden hat, es kurz und bündig mittheilte, oder auch neue Fragen, wenn er solche hat.

Diese Fragen sollten aber nicht auf Einmal genossen werden, sondern in guten Absätzen.

Also:

Woher kommt es, daß die verschiedenen deutschen Stämme oft so feindselig und schadenfroh, oder wenigstens neckisch und eingebildet gegen einander sind, und wie wäre diesem abzuhelfen?

*

Welche Vortheile und welche Nachtheile bringt das frühe Heirathen mit sich, und was ist überwiegend?

*

Sollen militärische, richterliche und geistliche Beamten außerhalb ihrer Amtsthätigkeit eine besondere Tracht oder Uniform haben?

*

Ist es zu beklagen, daß die schönen, ehrenfesten Bauerntrachten nach und nach verschwinden, und ließe sich etwas zu ihrer Erhaltung thun?

*

Wer ist daran schuld, daß die Beamten außerhalb ihrer Amtsthätigkeit bei ihren Titeln genannt werden? Sind es die Betitelten oder Titellosen?

*

Warum sind so viele Regierungen der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens feind? Und warum fast alle gegen die Schwurgerichte?

*

Welche Vortheile und welche Nachtheile hat es, wenn das Gemeindegut Eigenthum der Gesammtheit bleibt, und welche, wenn es zerstückelt und an Einzelne vertheilt wird?

*

Warum sind in Deutschland so viele blutige Zerwürfnisse zwischen Soldaten und Bürgern, wie in keinem andern gebildeten Lande? Wie wäre dem zu steuern?

*

Wie muß es im Vaterlande aussehen, wenn jeder Bürger mit gerechtem Hochgefühl soll sagen können: Ich bin ein Deutscher?

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