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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 29
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
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Jahrgang 1846.

Der Gevattersmann

kommt nun zum zweitenmal. Man hat ihm da und dort die Thüren weit aufgemacht: er hat Freunde gefunden, wo er's fast gar nicht vermuthet hätte. So geht's auf der Welt: man hat mehr gute Freunde, als man glaubt: man kennt sie nur nicht immer.

Wenn man daran denkt, ist es auch leichter zu verwinden, daß es so viele Feinde giebt, sowohl unter denen, die oben stehen und die Gewalt in Handen haben, als auch unter denen, die keine Gewalt und nur die Verleumdung zu Gebote stehen haben. Man hat dem Gevattersmann ganze deutsche Länder verwiesen. Auf der andern Seite hat man es darauf angelegt, ihm sein Wiederkommen zu verleiden. Der Gevattersmann meint aber, man soll sich durch keinerlei Gewaltthätigkeiten und Boshaftigkeiten davon abbringen lassen, das zu thun und zu sagen, was man für gut hält. Dahin möchten es ja die Gewaltmenschen und die Neidlinge gern bringen, daß man ihnen das Feld räumte. Wer hierin nachgiebt, hat sich selber aufgegeben.

Sei darauf gefaßt, in dem Besten, was du willst, Hindernisse und Fallstricke aller Art dir in den Weg gelegt zu sehen. Laß dich aber dadurch nicht einschüchtern und nicht scheu machen, zu thun und zu reden, wie es deine Pflicht ist und dein Gewissen dir befiehlt. Laß dich aber auch nicht verbittern, daß du in Mißmuth dich von der Welt abwendest, alle Liebe aufgiebst und Grimm und Zorn deine Seele einnehme und verwirre.

Das sagt der Gevattersmann sich selber und auch dir, lieber Leser, und das gilt auch zugleich als Neujahrswunsch.

Die Kunst, jeden Tag glücklich zu sein.

Ja, wer die kennte! denkst du. Freilich, der Gevattersmann versteht sie auch nicht ganz, aber etwas davon hat er doch in Erfahrung gebracht; probir's einmal, ob's hilft. Also: nimm dir jeden Morgen vor, heute Jemand zu erfreuen und, so viel du kannst, glücklich zu machen. Geh' dann an deine Arbeit und thu' vor Allem deine Pflicht. Du wirst froh und heiter dabei sein, denn ein rechtschaffener Gedanke macht froh. Suche sodann deinen Vorsatz auszuführen, wo sich dir Gelegenheit dazu bietet. Du wirst nicht lange darauf zu warten haben. Es braucht nichts Großes zu sein, was du dem Andern schenkst oder bereitest, thu' es nur mit freundlichem Blick und Gedanken, und es wird gut sein.

Doppelt glücklich aber wirst du sein, wenn dein Nebenmensch den gleichen Vorsatz gefaßt hat wie du, und er sendet dir nun unverhofft etwas Freundliches in dein Haus oder Herz.

Das ist die schönste, geheime Verbindung der Menschen, wenn Jeder darauf denkt, die kurze Lebenszeit, die er hier neben dem Andern zubringt, diesem, so viel er vermag, mit allem Guten und Schönen auszufüllen.

Und höher steigt diese Liebe, wenn man darauf denkt, etwas zu thun, das dem Allgemeinen, der Gemeinde, dem Staate, der Nation, der Menschheit zu gute kommt. Dieser Gedanke giebt jedem Menschen, so klein und beschränkt auch sein Leben sei, eine innere Würde und Hoheit, eine Glückseligkeit, die über alle kleinen Plagen, über alle Trennungen hinaushebt und den Menschen mit sich und mit der Welt einig macht – durch die Liebe.

Kein Kopf und keine Wurzel.

Zur französischen Revolutionszeit – man meint oft, es sei schon ein paar Hundert Jahre her, so sieht's schon wieder aus, da und dort in der Welt – also vor einigen fünfzig Jahren hatten die Bewohner einer kleinen Stadt ebenfalls einen Freiheitsbaum aufgerichtet, und eine rothe sogenannte Jakobinermütze darauf gesteckt. Sie tanzten nun um den Baum herum und waren gar lustig und fröhlicher Dinge, denn Alles glaubte: jetzt könne es gar nicht mehr fehlen, jetzt müsse Alles frei und glücklich sein. Ein alter Mann, der herzu kam und um seine Meinung befragt wurde, sagte kopfschüttelnd: »Ich fürchte, ich fürchte, der Baum hat keine Wurzel und die Mütze keinen Kopf.«

Und so kam es auch. Denn nicht lange darauf war wieder Alles wie zuvor, und auf dem Platz, wo der Freiheitsbaum gestanden hatte, war wieder der alte Trödelmarkt.

Das wäre gar Vielen bequem, wenn man so über Nacht, wie man die Hand umkehrt, frei werden könnte. Das geht aber nicht. Man muß die Seele von Innen ausputzen und ausfegen von allen Ansichten, die keinen Grund haben, und von allem niedrigen Knechtssinn. Wenn der gesunde Boden gut gesäubert und umgegraben ist, kann die Saat der Freiheit erst recht fröhlich darin gedeihen, und kann nicht über Nacht weggeblasen werden.

Nur derjenige Mensch ist frei, der sich seiner Würde als Mensch genau bewußt ist, der es fühlt, daß er in sich einen Adel trägt, der der höchste ist, und der daher stets darauf achtet, sich in seiner Würde zu erhalten, vor sich und Anderen sich nichts zu vergeben. Nur der Mensch ist frei, der sich seine eigenen Gedanken im Kopfe ausbildet. Niemand etwas nachspricht, was er nicht versteht und selber einsieht; der die Gesetze kennt, die Gott in seine Brust geschrieben hat, und ohne Menschenfurcht ihnen gerecht zu werden strebt. Nur der Bürger ist frei, der seine Bedeutung in der menschlichen Gesellschaft und im Staate genau erkennt, der seine Rechte und Pflichten genau weiß, und unablässig mitwirkt als ein lebendiges Glied der Staatsgesellschaft, damit er mithelfe, Recht und Gerechtigkeit aufzurichten und zu stützen.

Dazu kommt man aber nicht über Nacht; dazu muß man sich stark, selbständig und unabhängig machen. Und wenn ein freier edler Geist in den Herzen Aller lebt, dann ist das wahre Gesetz auch unabweislich da, und kann nicht so, mir nichts dir nichts, über den Haufen geworfen werden.

Vor Allem aber muß man darauf bedacht sein, in dem Kampfe gegen Gewaltthätigkeit und Herrschsucht stets die Liebe und Menschenfreundlichkeit vor Augen zu halten, in deren Namen man den Feinden entgegen tritt. Die Liebe zu den Menschen, die Achtung vor Jedem, weil er ein gottbegabtes freies Wesen ist, diese müssen Führer sein. Wer die Menschen haßt oder verachtet, kann nie etwas für sie zu Stande bringen. Die Sittlichkeit, die Wahrheit, die Nüchternheit und Geradheit darf nie und nimmer Schleichwegen und Verderbnissen Platz machen. Denn bekäme man auf diesem Wege auch die Freiheit (was aber nicht der Fall ist), so erginge es Einem leicht wie jenem Matrosen, der, als er nach langer Fahrt ans Land gekommen war, all' sein Geld verspielte. Zuletzt ließ er sich noch die schönen langen Haare, die ihm auf der See gewachsen waren, platt abschneiden, und spielte darum und gewann – einen Kamm.

Von neuen und alten Kleidern.

Wenn du ein neues Kleid vom Schneider bekommst, so bringt er dir von dem, was die Hölle herausgegeben hat, noch ein paar gute Stücke zum Ausbessern und Flicken, wenn's einmal nöthig sein könnte. So lang das Kleid noch neu ist, könntest du nun die Flicken wohl finden und damit aushelfen, aber gerade wenn das Kleid alt ist, da fehlen sie dir, und du suchst sie oft vergebens. Du hast sie verschleudert, mußt nun entweder mit ungleichem fremdem Stoff den Riß zumachen, oder gar zerrissen einhergehen.

Liegt darin nicht aber auch ein Gleichniß vom Menschenleben? So lang wir noch jung sind, hätten wir schon überflüssig Zeit genug, um einen eingerissenen Schaden wieder gut zu machen; bis wir aber alt sind und die überflüssigen Flicken nöthig haben, sind sie gewöhnlich verloren und verschleudert. Drum halte in der Jugend deine Kraft zusammen; du kannst sie noch brauchen.

Ich habe aber noch ein Gleichniß von einem Kleide: du hast einen alten Rock, du findest dich ganz wohl und gemächlich darin, er ist schon jämmerlich abgetragen, und es schickt sich nicht mehr für dich, daß du damit in die Kirche oder auf's Rathhaus gehst; du meinst aber, es geht noch immer. Jetzt endlich legst du ihn ab, und jetzt endlich siehst du, wie du das eigentlich schon lange hättest thun sollen. Du siehst den Rock auf fremdem Leib und er scheint dir abscheulich. Geht's nicht auch mit manchen Vorurtheilen, mit manchen vertragenen veralteten Ansichten und Meinungen so? Denk ein bischen darüber nach.

Der Wurstvisitator.

Der Doktor Gscheitle erzählt eine Geschichte; der Gevattersmann weiß so gut wie er selbst, daß sie nicht wahr ist, aber die Schelmerei zielt noch anders wo hin, darum hören wir zu.

Ich war in der Fremde und es ging mir erbärmlich schlecht, heißt das, ich konnte gut marschiren, aber es waren überall in den Dörfern Häuser mit weit herausgestreckten sechseckigen Haken, und da blieb ich eben hängen, bis zuletzt nicht nur das Geld aus den Taschen heraus war, sondern auch die Kleider dahinter blieben mit sammt dem Felleisen. Da macht sich aber der flotte Bursche nichts daraus, und wenn man, wie ich jetzt, im Trockenen sitzt, ist's angenehm, von Seeabenteuern zu erzählen. Ich bin also einmal in einer Stadt, und mein Magen war so lang wie ein Strumpf und die Magenwände haben sich auf einander gerieben, so wie hier meine zwei Hände, und nichts dazwischen. Nämlich das ist mein Unglück, daß ich immer in mich hinein und in andere Menschen hineinsehen kann; wie wenn der Leib aufgeschnitten wäre. Ich sehe, wie die Gedärme in einander laufen und was sie jetzt treiben, und was die Nerven dazu sagen. Das sieht oft erbärmlich aus. Aber wir Gelehrten müssen gar viel sehen, wo ein Anderer nichts merkt. Ich spür's jetzt gerade, wie die Haut von meinem Magen abgeht, und das thut weh. Da seh' ich einen Bauern, der sein Holz verkauft hat und eben in einen Laden geht, um sich eine Wurst zu holen. Ich sehe durch's Fenster. Ach du lieber Gott! was sind da für prächtige Sachen bei dem Wurstler. Als König würde ich aus Gesundheitsrücksichten und im Interesse der Armen verbieten, daß irgend etwas Eßbares zum Verkaufe ausgestellt und so lockend und reizend aufgeputzt würde. Während ich das so denke, kommt mein Bäuerchen aus dem Laden und mein Magen – denn der Verstand kommt sehr oft aus dem Magen – giebt mir jetzt eine Kriegslist. Ich sehe, wie sich das Bäuerchen hinten an seinen Wagen lehnt, Brod auf das Brett legt und in die Wurst hineinschneidet. Sein Pferd steht neben ihm und frißt das Heu, das man ihm auf den Boden gelegt hat. Ich beneide das Pferd fast um sein Futter, es braucht doch nicht dafür zu sorgen. Ich beneide aber noch mehr den Bauern. Rasch gehe ich auf ihn zu und sage im Amtston: »Was hat Er für diese Wurst bezahlt?« »Einen Batzen,« bekomme ich zur Antwort. »Schändlicher Betrug! Gut, daß ich den Metzger einmal habe,« rufe ich: »ich muß die Wurst arretiren. Das ist eine von hoher Commission abgeschätzte Groschenwurst, weil zu wenig Griebe und zu wenig Pfeffer darin ist. Komm' Er mit auf das Rathhaus.« Ich nehme nun die Wurst, mein Bauer folgt mir. Am Rathhause sage ich: »Wart' Er einstweilen hier.« Ich gehe nun die Treppe hinauf und komme nach einer Viertelstunde wieder. Mein Bauer wartet noch immer, Messer und Brod in der Hand. »Wie geht's?« fragt er, »wo ist meine Wurst?« »Ja,« sag' ich, »guter Freund, das geht nicht so schnell. Die Wurst liegt bei den Akten, und morgen muß Er um 10 Uhr wieder zur Stadt und vor Amt, um Zeugniß abzulegen.« »Ach Gott!« ruft der Bauer, »meine Wurst bei den Akten! Und morgen muß ich ja Hafer einthun.«

Gegen ein gutes Trinkgeld übernehme ich nun die Sache, und mein Bäuerchen kaufte sich eine andere Wurst, fuhr schnell heim, und that sie, wie ich glaube, nicht eher heraus, als bis er an seinem eigenen Tische war.

So habe ich eine Wurst und noch Geld bekommen, weil ich auf die Dummheit und Faulheit spekulirte, und wer darauf spekulirt, geht nie fehl.

Die Posaune des Gerichts.

Gar wunderbar und seltsam werden oft die Verhältnisse des Menschenlebens verknüpft. Da sind Knoten und Maschen, die keine Menschenhand, und sei sie noch so kunstgeübt, knüpfen kann; da sind Verwicklungen, die der pfiffigste Verstand nicht lösen kann. Freilich geht Alles dabei natürlich her, und das eben ist das Wunder, daß Alles gewöhnlich ist und doch Außerordentliches daraus hervorgeht. Wie zeigt sich das wieder an dieser Geschichte.

Gerade dort, wo die Gemarkungen zweier Dörfer sich scheiden, mitten im Walde, wurde in der Frühlingsnacht zur Zeit des Vollmonds eine schreckliche That verübt. Ein Mann kniete auf einem Andern, der leblos da lag. Eine Wolke verhüllte das Antlitz des Mondes, die Nachtigall hielt inne mit ihrem schmetternden Gesang, als der Knieende den Dahingestreckten aussuchte und alles, was er fand, zu sich steckte. Jetzt nahm er ihn auf die Schulter und wollte ihn hinabtragen an den Strom, der fernher rauschte, um ihn dort zu versenken. Plötzlich blieb er stehen, keuchend unter der todten Last. Der Mond war herausgetreten und warf sein sanftes Licht durch die Stämme, und es war, als ob auf den Strahlen des Mondes die Töne eines herzergreifenden Liedes getragen würden. Ganz nahe blies ein Posthorn die Weisung des Liedes: »Denkst du daran!« Der Wiederhall in Thal und Feld gab es zurück, und es war, als ob die Berge und die Bäume sängen: »Denkst du daran!« Dem Tragenden war's, wie wenn die Leiche auf seinem Rücken lebendig würde und ihn erwürge. Schnell warf er die Last ab und sprang davon, immer weiter und weiter. – Endlich, am Strom blieb er stehen und lauschte hin, Alles war still, nur die Wellen flossen schnell dahin, als eilten sie fort von dem Mörder. Dieser ärgerte sich jetzt, daß er die Spuren seiner That nicht vertilgt hatte und sich von sonderbarer Furcht forttreiben ließ. Er eilte nun zurück, wandelte hin und her, bergauf und bergab, der Schweiß rann ihm von der Stirn; es war ihm, als ob er Blei in allen Gliedern hätte. Mancher Nachtvogel fuhr flatternd auf, wenn er so durch's Dickicht drang, aber nirgends fand er das Gesuchte. Er hielt an, um sich zurecht zu finden, um sich die Gegend genau zu vergegenwärtigen, aber kaum daß er drei Schritte gegangen, war er in der Irre, Alles flimmerte vor seinen Augen, und es war ihm wie wenn die Bäume auf- und niederwandelten und ihm den Weg verstellten. Der Morgen brach endlich an: die Vögel schwangen sich auf und sangen ihre hellen Lieder, vom Thale und aus den Bergen hörte man Peitschen knallen. Der Mörder machte sich eiligst davon. – –

Die Leiche wurde gefunden und nach dem Dorf gebracht, in dessen Gemarkung sie lag. An der rechten Schläfe trug der entseelte Körper Spuren eines Schlages, wie von einem scharfen Stein. Kein Wanderbuch, kein Kennzeichen war zu finden, aus dem man die Herkunft des Entseelten ersehen konnte. Auf dem Kirchhofe, der neben der Kirche hoch oben auf dem Hügel liegt, an dessen Fuß die in Felsen gehauene Landstraße vorüber zieht, sollte nun andern Tages der todte Fremde begraben werden. Eine unzählige Menge Menschen folgte dem Zuge. Sie waren aus allen benachbarten Dörfern gekommen, Jeder wollte seine Unschuld, seine Trauer und seine Theilnahme bekunden. Still, ohne laute Klage, nur mit tiefem Weh im Herzen, bewegte sich der Zug den Berg hinan. Der Geistliche hielt eine ergreifende Rede. Zuerst redete er den Entseelten an und sprach:

»Auf dem Wege bist du gefallen. Wer weiß wohin dein Herz sich sehnte, welches Herz dir entgegen schlug. Möge der, der Alles kennt und Alles heilt, Ruhe und Frieden in die Seelen der Deinigen senden. Unbekannt bist du gefallen von unbekannter Hand. Niemand weiß woher du kamst, wohin du gingst, aber Er, der deinen Eingang und deinen Ausgang kennt, hat dich Bahnen hinansteigen lassen, die unser Auge nie mißt. Zu welcher Kirche du gehörtest, welche Sprache du redetest – wer mag den stummen Mund fragen? Du stehst jetzt vor Ihm, der über alle Kirchen thront, den alle Sprachen nennen und doch nicht zu fassen vermögen. Erhebet mit mir eure Hände,« fuhr der Geistliche zu den Versammelten fort, und Alle hoben die Hände empor; dann sprach er wieder: »Wir erheben unsere Hände empor zu dir, o Allwissender! Sie sind rein von Blutschuld. Hier im Lichte der Sonne bekennen wir, wir sind rein von dieser That. Die Gerechtigkeit aber wird nicht ausbleiben. Wo du auch weilest, der du deinen Bruder in Waldesnacht erschlugst, das Schwert schwebt unsichtbar über deinem Haupte, und es wird fallen und dich zerschmettern. Kehr' um, so lange es noch Zeit ist. Häufe nicht Frevel auf Frevel, denn einst, wenn sie ertönt, die Posaune des Gerichts ...«

Da, plötzlich hörte man von der Straße herauf das Posthorn erschallen. Das Lied erklang: »Denkst du daran!« Alles schwieg und hielt den Athem an. Aus der Mitte der Versammelten stürzte ein junger Mann nieder und rief: »Ich bin's!«

Nachdem man ihn aufgehoben, gestand er reumüthig seine That, wie er in der Stadt das Geld des Herrn, bei dem er diente, verspielt habe, wie er den Fremden, den er nur niederwerfen wollte, ermordet habe, wie die Töne des Posthorns ihn verwirrt, wie er seine Hand brennen gefühlt habe, da er sie zum Himmel erhob, und wie jetzt dieselben Töne des Posthorns ihm das Geständniß abpreßten.

Still, ohne laute Klage, nur mit leisem Weh im Herzen, hatte sich der Zug den Berg hinabbewegt; mit zitternder Seele, Thränen in den Augen, laut das Unheil beklagend, kehrten Viele heim. Zwei Menschen waren auf ewig aus der Genossenschaft der Menschen geschieden.

Garantirt.

Der Kronenwirth zu Seckenheim in der badischen Pfalz machte sehr oft einen Handel mit einem sogenannten Roßtäuscher. Dieser war zufällig ein Jude. Ich sage zufällig, denn die jüdische Religion hat nichts mit dem Roßhandel und vorweg nichts mit dem Roßtäuschen zu schaffen. Der Roßtäuscher, obgleich ein Pfiffikus, wurde doch auch oft angeführt; er machte es dann wie die Kinder beim Ohrfeigenspiel, und sagte zu sich: gieb's weiter. Der Kronenwirth wurde nun auch oft angeführt. Bald bekam er einen Kopper, bald ein Pferd das nicht einspännig ging, bald einen Lederfresser, der, wie du wohl weißt, immer am Leder knuppert. Einstmalen kam der Roßtäuscher wieder und sagte: »Kronenwirth, brauchst du keinen Gaul?«

Dem Kronenwirth war es nun bequem, daß ihm die Pferde so vor's Haus gebracht wurden und daß er weiter keine Mühe damit hatte. Er sagte daher:

»Freilich brauche ich einen, aber Alterchen, ich laß mich nicht mehr hinter's Licht führen; du mußt mir, wenn wir handelseins werden, schriftlich für das Koppen, Einspänniglaufen und Lederfressen garantiren.«

»Weiter nichts? Auch gut,« war die Antwort, und sie werden handelseins und das Schriftliche wurde aufgesetzt.

Andern Tages kommt der Kronenwirth zu dem Roßtäuscher und sagt: »Kannst deinen Gaul wieder holen, er koppt.«

»Das ist ja recht,« sagt der Roßtäuscher, »ich hab' dir ja für das Koppen garantirt.«

Jetzt gehen dem Kronenwirth die Augen auf, und er reitet zu einem Rechtsanwalt, bekommt aber den Bescheid, daß da nicht zu helfen sei, denn da steht Schwarz auf Weiß: »Für das Koppen, Einspänniglaufen und Lederfressen wird garantirt,« statt daß es heißen sollte: »Gegen das Koppen u. s. w.« Der Kronenwirth erhält nun den guten Rath, künftig vorsichtig zu sein. Was hilft aber der Herr von Künftig? der Meister Jetzt gilt. Betrübt und fluchend geht der Kronenwirth zu einem Bierbrauer. Der Bierbrauer hat mit seinem einfachen Verstand das rechte Loch gefunden, wo die Geschichte hinaus muß. Das Schriftliche in Händen haltend fragt der Bierbrauer: »Koppt dein Gaul?« »Freilich.« »Geht er einspännig?« »Ja.« »Frißt er Leder?« »Nein, das thut er nicht.« »Halt! Jetzt muß er ihn wieder nehmen; er hat auch dafür garantirt.«

Und so geschah es auch. Der Roßtäuscher mußte den Gaul wieder nehmen, weil er – kein Leder fraß.

Der Seiler von Fürfeld.

Wenn der alte Held Alexander von Macedonien weit hinten in Persien eine gewaltige Schlacht gewann, sagte er immer: »Was werden zu Hause meine Nachbarsleute, die Athener, dazu sagen? Und wenn ich nach Haus komme, zeige ich ihnen alles, was ich erobert habe, daß sie sich vor Verwunderung auf den Kopf stellen!«

Das oder doch wenigstens ungefähr so sagte Alexander vor mehr als zweitausend Jahren, und wenn dem Seiler von Fürfeld in der weiten Welt draußen etwas Außerordentliches passirte, dachte er immer: »Was werden sie daheim in Fürfeld (es ist das ein kleines Dorf, und steht auf keiner Landkarte), was werden sie wohl dazu sagen? Was werden sie denken, wenn ich einmal heimkomme mit Kutsch' und Pferd?«

Er ist heimgekommen mit Kutsch' und Pferd, hat aber nicht mehr gehört, was die Fürfelder dazu sagten.

An der langen Kirchhofmauer zu Fürfeld hatte der Seilermeister seine Werkstätte, und es ging dabei, wie es das Geschäft mit sich bringt, ihm und seinem Lehrjungen immer hinderlich. Der Lehrjunge, er hieß Franz, war schon frühe ein absonderlicher Kopf, der sich oft an die Kirchhofmauer stieß, d. h. in Gedanken. Er konnte nicht begreifen, warum man die Todten in eine Mauer einschließe; eine lebendige Hecke wäre viel schöner gewesen. Dann blickte Franz oft hinüber nach dem Plätzchen, wo sein Vater und seine Mutter lagen. Es war gut, daß er sich am Seile halten und rückwärts gehen konnte, denn Thränen verdunkelten sein Auge, und seine Kniee zitterten. Dort lagen alle seine Lieben, er hatte keine Geschwister und keine Verwandten. Wie das aber so geht! Wenn man tagtäglich etwas sieht, merkt man nichts mehr davon, und das Gefühl stumpft sich ab. So sah Franz auch bald nicht mehr auf die Mauer und sah nicht mehr nach den Gräbern hinüber.

Viele tausend Menschen sehen nichts mehr von den Verkehrtheiten und Traurigkeiten auf ihren Wegen, weil sie daran gewöhnt sind, und sie leben gedankenlos fort.

Die Zeit der Wanderung kam. Franz hatte leichtes Gepäck, aber auch viel leichten Muth. Als er an dem Kirchhof vorüberzog, und den schmalen ausgetretenen Fußpfad sah, den er tausend- und aber tausendmal gemessen hatte, da dachte er mit schwerem Herzen daran, was für neue unbetretene Pfade er jetzt zu wandern habe. Noch ein Blick hinüber nach jener heiligen Stätte, und fort ging's mit lustigem Lied.

Franz war ein frommes, vertrauendes Gemüth, und war dabei streng katholisch erzogen. Er wanderte nun vorerst nach den südlichen Ländern, wo seine Religion die allgemeinste war, und auch herrschte. Er fand nur selten Arbeit. Da nahm er sich endlich vor, nach Italien zu wandern; er wußte selber nicht recht warum, aber ein wandernder Handwerksbursche macht keinen Umweg, wenn er auch noch so sehr fehl geht. Er findet auch hier wenig Arbeit, denn man hat inländische Stricke genug und braucht keine fremden, und auch hier laufen die ärgsten Spitzbuben ungehangen umher. Franz geht auf Neapel zu. Dort will er lernen, große Schiffstaue machen. Darnach trägt er groß Verlangen. Unterwegs aber muß er mit Trauer sehen, daß seine Stiefel nicht mehr Stich halten wollen, sondern nach allen Seiten hin ausreißen. Er nimmt nun die Fußbekleidung in die Hand, und marschirt barfuß weiter. Eines Tages, als ihn die Füße gewaltig brennen, legt er sich am Saume eines Waldes nieder, um zu schlafen; vorher betet er noch vor einem nahen Bildstock zu Gott, er möge ihm doch beistehen und ihm vor Allem ein Paar gute Stiefeln bescheeren.

Ein Dutzend schwarzbärtiger Kerle, den Hut tief in die Stirn gedrückt, kommt aus dem Walde; sie sehen den schlafenden Gesellen, lachen und murmeln unter einander: »An dem ist nichts zu holen, der hat fast keine Stiefel mehr.« Ein muthwilliger junger Fingerlang schleicht indeß heran, und wirft aus Spaß die Stiefel des Seilers in eine tiefe Schlucht hinab, wohin vielleicht noch nie ein Stiefel gekommen ist. Darauf schreiten sie fürbaß und harren in einer Schlucht des schwerbepackten Reisewagens, der eben herankommt. Mit Pistolen, Dolchen und langen Messern zwingen sie die Reisenden auszusteigen, und sich Alles nehmen zu lassen. Der Postillon scheint mit im Einverständniß zu sein, Alles geht so schnell und ruhig her, als ob es eine friedliche Theilung wäre. Zuletzt geht noch der junge Bandit auf einen langen hagern Mann, dem Ansehen nach ein Engländer, zu und sagt: »Herunter mit den Stiefeln.« Erst nach der Drohung, daß ihm die Füße abgeschnitten würden, willfahrte der lange Engländer. Nun eilt der Bandit auf unsern schlafenden Franz zu, stellt ihm die schönen Stiefel hin, und nach einer Weile ist Alles still, wie wenn weit und breit kein Mensch gewesen wäre. Als Franz erwacht, reibt er wiederholt die Augen, da er die schönen Stiesel sieht; er zieht sie aber ruhig an, sie sind ihm wie angegossen, und er sagt: »Die hat mir unser Herrgott durch einen Engel hinstellen lassen.« Was würden sie daheim in Fürfeld dazu sagen, war dann der zweite Gedanke unseres Franz. War er früher froh und zuversichtlich, so war er's jetzt doppelt: denn er glaubte steif und fest, er dürfe nur beten und schlafen, und es würde ihm Alles bescheert. Das ging aber nicht immer so glücklich, und er mußte in Neapel mit leerem Magen herumlaufen, und in den offenen Säulengängen auf den Steinen schlafen. So hatte er sich eines Abends, als es zu dämmern begann, ein gutes Plätzchen ausgesucht. Nicht weit von ihm hatte sich ein schwarzbärtiger Mann niedergelassen, und suchte Franz für »sein freies Leben in den Bergen,« wie er die Räuberei nannte, zu werben. Franz wollte aber nicht mitthun, legte die Beine über einander, und betrachtete die vom Himmel geschenkten Stiefel; das waren Wunderwerke, sie schienen für die Ewigkeit gearbeitet. Der Bandit behauptete, er habe Franz die Stiefel geschenkt, dieser aber lachte ihn aus, und schalt ihn einen Ungläubigen. Schon mehrmals war ein Mann vorübergeschlichen, und hatte Franz und seinen Kameraden genau betrachtet. Jetzt kam er wieder, in Begleitung von einem halben Dutzend Häscher. Ohne viel Federlesen wurden Franz und sein Kamerad festgenommen, und ward ihnen frei Loschie angewiesen. »Was werden sie in Fürfeld dazu sagen,« dachte Franz wieder, und jetzt war er froh, daß man dort nicht Alles von seinen Schicksalen erfuhr, so gern er das auch vormals gewünscht hatte. Mit gutem Gewissen in der Brust schlief Franz ruhig ein. Wie erstaunte er aber andern Morgens, als er im Verhör vernahm, daß er wegen seiner Stiefel, die er geraubt habe, angeklagt sei. Franz behauptete nachdrücklich, er habe darum gebetet und habe sie direct vom Himmel bekommen. Da nahm der Engländer – denn niemand anders als dieser hatte die Beiden verhaften lassen – ein Messer, schnitt die Doppelsohlen an den Stiefeln entzwei, zog eine Menge Banknoten, die viele tausend Gulden zu bedeuten hatten, heraus und sagte: »Diese habe ich darin verborgen, um mich vor den Räubern zu sichern.« Jetzt gingen Franz die Augen auf, und er dachte daran, was ihm der Bandit gestern gesagt hatte. Er zitterte wie Espenlaub, und der Richter sah das für ein Zeichen der Schuld an. Franz aber überlegte, ob er den Banditen verrathen dürfe. Er sah fast keinen andern Ausweg. Da kam der Gefängnißwärter und brachte einen Ring, den der Bandit aus seinem Fenster geworfen hatte. Der Engländer erkannte ihn als sein Eigenthum, und nun war die Schuld des Andern gewiß. Der Bandit gestand auch, da er überführt war, die Geschichte mit den Stiefeln ein, und Franz konnte frei und barfuß davon ziehen. Jetzt dachte er wieder ans Arbeiten, und ging nach dem Strande. Dort traf er auch den Engländer, der sich in ein Gespräch mit Franz einließ, und Wohlgefallen an ihm zu finden schien. Der Engländer war ein höherer Offizier der Flotte, und versprach Franz zu seinem Glück zu verhelfen, wenn er tüchtig arbeiten könne.

Nun lernte Franz alle Seilerarbeit auf den Schiffen machen, und als der Engländer zurück reiste, nahm er ihn mit.

Durch Fleiß und Geschicklichkeit ward Franz in England mit der Zeit ein angesehener Mann, der Hunderte von Seilern beschäftigte. Oft, wenn er so sein Wesen übersah, dachte er: »Was würden sie in Fürfeld dazu sagen,« und er nahm sich vor, wenn er hunderttausend Gulden hätte, zurück zu kehren. Wie das aber so geht, als er die Hunderttausend hatte, wollte er nur noch dieß und jenes Geschäft machen, und so wurde er ein alter Mann mit grauen Haaren, der an sein Testament dachte.

Wie erstaunten eines Tages die Fürfelder, als ein schwarzer Wagen mit schwarz behangenen Pferden und in Trauer gekleideten Bedienten in das Dorf kam, und die Leiche des Franz brachte, der hier neben seinen Eltern ruhen wollte. Er hatte all sein Vermögen der Gemeinde vermacht, mit der Bedingung: daß man die Kirchhofmauer in eine Hecke verwandle, was man auch gern hat.

Könnte er nur jetzt hören, was sie daheim in Fürfeld dazu sagen, und wie sie ihn loben und preisen, weil er ihrer nie vergessen hat.

Doppelt genäht hält fest.

Der Hagenmaier ist ein einfacher Bauer, aber das will viel heißen, mehr als man glaubt; unter dem groben dreieckigen Filzhut ist ein feiner Kopf mit geradem Verstand. Das hat er wieder bei der letzten Landstandswahl gezeigt. Am Wahltage zieht er seine schönsten Sonntagskleider an, und geht nach der Stadt. Es ist ein Grundsatz Hagenmaiers, daß man bei Volksversammlungen, und namentlich bei Ausübung der Wahlrechte, seine besten Kleider anlegen solle: erstlich, weil das zu einer feierlichen Handlung gehört, und zweitens, weil man sich selber dadurch ehrt und achtet. Auch macht sich der Hagenmaier früh auf den Weg, denn er denkt bei solchen Dingen: eine Stünde zu früh ist bester als eine Minute zu spät. Der Hagenmaier trinkt in der Stadt vorher noch einen Schoppen in der Sonne, sowohl zur Herzstärkung für sich, als auch für die anderen Wahlmänner, die er da trifft und mit denen er zusammenhalten und gemeinschaftlich aufs Amthaus gehen will. Er trifft aber auch noch einen unerwarteten Gast, nämlich den Schreiber Schilling. Er sitzt oben am Tisch, und spricht ein Langes und Breites: wie unschicklich es sei, daß der Gutsbesitzer Werner sich in öffentlichen Blättern um die Abgeordnetenstelle beworben, und dabei seinen freisinnigen Katechismus wie ein Schulbub aufgesagt habe. »Es ist gar keine Schamhaftigkeit, gar keine Zurückhaltung mehr da. Wie kann man sich nur persönlich und öffentlich so preisgeben? Das schickt sich nicht für einen Mann.« So schloß der Schreiber Schilling seine wohlgesetzte Rede.

Der Hagenmaier wollte eben sein Glas zum Munde führen, er setzte es aber ab und fragte:

»Herr Schilling! Würden Sie die Stelle eines Secretärs bei der Kreisregierung annehmen, wenn sie frei wäre?«

»Welche Frage! Mit zehn Händen,« war die Antwort.

»Und würden Sie sich darum bewerben? Eine Eingabe machen, oder gar selber hinreisen und bei den Herren anklopfen und Bücklinge machen?«

Der Herr Schilling stutzte und schwieg, der Hagenmaier aber fuhr fort: »Ja, so ist's, wenn's euch dient, da seid ihr bei der Hand und sagt: man soll bescheiden und zurückhaltend sein, man soll warten wie ein Mädchen, bis der Freier kommt und sagt: willst mich? Ich frage aber Jeden mit gesundem Verstand: ist es nicht viel ehrenvoller, sich um eine Stelle zu bewerben, die außer den geringen Taggeldern nichts einträgt, keine Besoldung, keine Pension, keinen Wittwengehalt, nichts – als um eine Stelle bei der man das Alles bekommt? Es ist kein Leckerbissen, heutigen Tages Volksabgeordneter zu sein: monatelang von Haus und Hof, von Frau und Kind weg sein, alle Tage fünf, sechs Stunden in die öffentlichen Sitzungen, dann wieder in die Abtheilungssitzung, auch zwei, drei Stunden, und dann die Berichte durchlesen, Anträge aufsetzen und dann in der Sitzung sich ärgern, daß einem die Galle überlauft, am Ende einen Beschluß zu Stande bringen, der von da und dort doch wieder umgestoßen oder verschnipfelt wird, und bei alle dem doch bei der Hand bleiben. – Ich sag's noch einmal: es ist kein Leckerbissen, heutigen Tages Volksabgeordneter zu sein. Wir müssen den Männern danken, die die Stelle übernehmen und nichts wollen als das allgemeine Beste, nichts für sich, kein höher Aemtchen, gar nichts. Und um eine solche Stelle soll man sich nicht öffentlich bewerben dürfen? Aber um andere Stellen, da schickt sich's: nicht wahr, Herr Schilling? Der Herr Schilling und die mit ihm sind, möchten gern in die Suppe speien, damit sie nur allein davon essen können. Der Werner hat rechtschaffen gehandelt, daß er öffentlich gesagt hat, was er will und was man soll. Meine Stimme hat er. –«

»Und meine auch,« riefen fast alle Anwesenden wie aus Einem Munde. Der Herr Schilling schwieg, und die Wahlmänner gingen bald nach dem Amthause. – Dort war noch ein härterer Kampf zu bestehen, weil es ein feinerer war.

Der Herr Wahlcommissär sagte, bevor die Wahlhandlung begann: »Meine Herren!« – es that Vielen bis in den kleinen Zehen hinab wohl, daß er so sagte; er merkte das und wiederholte daher nochmals –: »Meine Herren! Ich will durchaus keinen Einfluß auf Ihre Wahl ausüben. Sie wählen als freie Männer, nach Ihrem Gewissen und Pflichtgefühl. Ich will durchaus nichts gegen Herrn Werner sagen. Er ist als achtungswerther Mann bekannt, man weiß nichts gegen ihn; er versteht die Landwirthschaft und sein Hauswesen ganz gut in Ordnung zu halten. Ob er die Staatsangelegenheiten eben so versteht, ob er da die nöthigen Kenntnisse hat, die man nicht hinterm Wirthstisch holen kann; ob er wissenschaftlich gebildeten, studirten Männern gegenüber die Gabe der Rede hat; ob er die Bedürfnisse seines Wahlbezirks, alles was wir nöthig haben, gehörig Vorbringen, verteidigen und durchfechten kann ... Meine Herren! Ich weiß das nicht, und Sie können es auch nicht wissen, denn so etwas zeigt erst die Erfahrung. Es fragt sich, ob man gut thut, aufs Gerathewohl dabei zu verfahren, einen Mann zu wählen, der sich vielleicht in die Hände eines Advokaten geben muß. Meine Herren! Sie wissen selber, was Sie zu thun haben, und ich spreche bloß, um Ihnen diese wichtige Sache nochmals ans Herz zu legen. Ich will durchaus keinen Einfluß auf Ihre Wahl üben.

»Herr Regierungsrath Müller, der ebenfalls von vielen Seiten in Vorschlag gebracht wurde, der sich aber nicht öffentlich aufgedrängt hat, ist mir persönlich unbekannt, und ich habe keinen Grund, sein Interesse zu verfechten. Hochgeschätzt und geehrt von allen Seiten, möchte er unserem Wahlbezirk zum Ruhm und zur Ehre dienen. Der so nöthige Straßenbau durch das N. Thal nach N. wird in ihm einen warmen Vertheidiger haben, und sein Einfluß mag wohl dazu helfen, uns diese Straße – die schon längst hätte gebaut sein müssen, wenn unser Bezirk nicht stiefmütterlich behandelt würde – zu verschaffen. Ich halte es für Pflicht, ohne Einfluß auf Ihre Wahl üben zu wollen, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Vor Allem versichere ich Sie nach den gewissenhaftesten Berichten, daß der Herr Regierungsrath Müller durchaus ein Mann des Volkes ist. Er ist selber der Sohn eines Bauern, die Volksrechte sind ihm theuer und heilig, und er steht für sie ein. Wählen sie nun nach Ihrem Pflichtgefühl.« So redete der Wahlcommissär. Manche sahen stutzig auf. Da trat der Hagenmaier vor und sagte:

»Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, Herr Commissär!« – Alles schaute auf ihn. – »Der Regierungsrath Müller ist ein Mann des Volkes, das ist gut; deßwegen wählen wir jetzt gerade den Werner, das ist ein freisinniger unabhängiger Bürgersmann, dann haben wir's doppelt. Drüben auf Seite der Regierung ist der Regierungsrath, der ist für's Volk, für uns, den brauchen wir nicht zu wählen, den haben wir ohnedieß, er ist ja angestellt; jetzt nehmen wir hüben den Werner, dann haben wir's doppelt, und doppelt genäht hält fest.«

Und so geschah es auch. Werner wurde gewählt und bewährte sich als edler, tüchtiger Mann, der mit einfachen Worten immer den Nagel auf den Kopf trifft. Die Straße durch das N. Thal ist allerdings noch nicht gebaut, aber die Leute lernten einsehen, daß die Staatsgelder vor Allem zu allgemeinen Zwecken da sind und nicht bloß zum Nutzen Eines Bezirks. Sie behelfen sich, so gut es geht.

Vom Gewerbfleiße.

In einer Stadt am Rhein geht die allgemeine Redensart: »Des Datzen Pump hat das beste Wasser,« und nun lauft Alles hin mit Krügen, Flaschen und Kübeln und pumpt und pumpt, und das Wasser ist in der That hell und frisch, und wenn man's trinkt, ist es, als ob man erquickenden Thau in allen Gliedern spüre. Weil nun Alles an der Pumpe sein Wasser holt, so ist nie abgestandenes darin, der Quell sprudelt immer frisch herbei – weil man's für das beste hält, ist und wird es das beste.

So geht es auch mit manchen Erwerbszweigen. Wenn die Leute einmal Vertrauen dazu haben, so findet Alles schnell Absatz, und der Meister hat dadurch Gelegenheit, immer Neues und noch Besseres zu Markt zu fördern.

Mit manchen Gewerben will es in unserem deutschen Vaterland nicht recht fort; besonders wollen große Einrichtungen, Fabriken, nicht immer recht gedeihen. Warum? daran ist nicht bloß Schuld, daß uns Engländer und Franzosen mit Dingen den Markt überführen, die wir selber eben so gut haben und machen können, daß wir nicht, wie man es nennt, Schutzzölle genug haben; sondern daran bist auch du selber schuld. Du kaufst viel lieber ein Rasiermesser, ein Nadelbüchschen oder eine Sense, weil das, wie der Kaufmann versichert, »gestern aus Paris – aus London angekommen ist.« Dächtest du dabei weiter, so würdest du sagen: »Ich will aber Deutsches.« Das käme dann dir und deinem Bruder zu gute. Es giebt genug unbeschäftigte Hände und leere Magen in Deutschland, die dadurch etwas zum Verarbeiten bekämen. Das ist ein Hauptstück, worüber sich viel sagen ließe.

Eine nicht gehaltene Rede.

Das ist kein Versprechen, das einer nicht gehalten hat, wie's leider schon oft geschehen ist, trotz feierlicher öffentlicher Versicherung – es ist weiter nichts als eine öffentliche Rede, die einem im Munde stecken geblieben ist, was folgenden Hergang hatte.

Kaum war die Eisenbahn von N. nach N. fertig, als auch ein großes Wirthshaus (oder wie man's alberner Weise jetzt heißt: Hotel), deßgleichen man in der ganzen Gegend noch nie gesehen, neben dem Anhalt entstanden war. Es war eigentlich mehr ein großer Saal als ein Gasthof; denn heutigen Tages, wo die Leute wieder heimrutschen oder nach den großen Städten fahren, braucht man selten viele Zimmer zum beherbergen. Zur Einweihung seines Wirthshauses veranstaltete der Besitzer ein großes, bestelltes Mahl, bei welchem sich alle sogenannten Honoratioren einfanden. Gegen zweihundert Gedecke waren bestellt. Es war ein großartiger Anblick, als man in den säulengetragenen kirchenhohen Saal eintrat. Von der Gallerie rauschte die Musik, von den Wänden erglänzte das Marmorgetäfel und die goldumrahmten lebensgroßen Spiegel, und hell flimmerten die reichen, vielfach geschliffenen, gläsernen Kronleuchter, die von der Decke herabhingen. Klang und Glanz überall. Alles war voll Jubel und Entzücken. Man saß endlich bei Tisch, und trotz des Wirrwarrs ließ man sich wohl schmecken, was man habhaft werden konnte. Als dem Magen Genüge gethan war, erhob man sich um Trinksprüche auszubringen. Wenn diese recht ausgebracht werden, können sie sich oft zu freien Gebeten gestalten. Denn, wo die Menschen, heiter oder ernst, zu dem Geiste aufschauen, der alles Leben schafft und hält, erheben sie sich zur andächtigen Gottesverehrung; wenn sie diese auch nicht immer in den gewohnten Formen aussprechen, sondern frei, wie es gerade ihr Gefühl ihnen eingiebt.

Zuerst erhob sich nun ein Mann, der am obern Ende des Tisches saß, mit dunkelrothem Antlitz und einem hellrothen Band im Knopfloch. Er brachte ein Hoch dem Fürsten.

Nach einer Weile erhob sich ein anderer Mann, klingelte und brachte dem Baumeister ein Hoch! Dann ein Dritter dem Wirth. Alle riefen gern mit, denn es gebührte den Gefeierten.

Nun war auch ein Freund des Gevattersmanns bei dem Festesten, und in ihm regten sich Gedanken, die er kundgeben wollte. Er machte sich vorher im Kopf einen Entwurf davon, und ungefähr so:

»Ein schönes Werk, ja ich möchte sagen, ein heiliges ist vollendet. Denn alles, was die zerstreuten Kinder der großen Menschenfamilie in Friede zusammen führt, ist ein heiliges Thun. Tausend und aber tausend Hände regten sich draußen in Wald und Feld, schaufelten die Erde auf und legten den eisernen Steg. Das ist die Grundlage zu einer neuen Weltordnung, deren Ergebnisse wir noch nicht absehen können. Die verschiedenen Stämme Eines Volkes werden sich dadurch leichter kennen, verstehen und liebend an einander schließen lernen. Manches Vorurtheil wird mit dem Rauche dahin verfliegen. Die verschiedenen Völker werden sich immer näher rücken und in Frieden einander achten. Wer weiß, zu welchem Ziele der Weltgeist auf diesen eisernen Bahnen schreitet. Aber schon jetzt genießen wir eine Frucht des Zusammenhalts, eine Vereinigung der Kräfte zum Genuß der Schönheit. Säulen ragen empor und tragen die Wölbung eines Tempels. Eines Tempels? fragen Sie, meine Zuhörer. Ja, wo die Freude sich niederläßt, wo der Bruder dem Bruder ins Auge schaut, wo ein Wort des Verständnisses von den Lippen strömt, wo die Menschen sich erquicken und einander friedlich die Hände reichen: da ist ein Tempel. Ein neues Leben thut sich auf in unserem Thale.

Drüben gleiten still die Schiffe,
Auf des Stromes ew'gem Lauf,
Und mit wiehernd schrillem Pfiffe
Jauchzt das Dampfroß hier herauf;
Schnaubet Wolken in die Lüfte,
Stampft die funken-sprühnde Schien',
Rollt durch Feld und Felsgeklüfte
Sehnsuchtsschnell die Brüder hin.

»Ja, schnell wie der Gedanke der Sehnsucht rollen die Wagen dahin, und diese Fahrt ist zugleich ein kleines Abbild des ganzen Menschenlebens. Mancher sitzt beständig im Zugwind, und es wird ihm nie recht behaglich; Mancher sitzt mit dem Rücken, stumm gegen diejenigen gekehrt, deren Blicke ihn freundlich suchen; manches Wort der Verständigung wird vom Gerassel übertäubt. Mancher sitzt vom Lärm verdumpft und kann seine Lebensgeister nicht sammeln. Mancher hat sein Bestes und Nothwendigstes vergessen, aber er kann nicht mehr umkehren, er wird unaufhaltsam vom Zuge fortgerissen; der Einzelne gilt hier nichts mehr, er muß sich fügen in die große Bewegung. Und am Ende – findet Mancher erst am Ziel seinen Freund und Genossen, mit dem er unbewußt den gleichen Weg gemacht hat. Ist das nicht ein Abbild des Lebens? Geht es nicht auch auf unserer Lebenslaufbahn so? ... Hier aber, in diesen Hallen sollen sie traulich bei einander sitzen und den raschen Weg segnen, der sie aus weiter Ferne zusammen führte.

»Hallen sind aufgerichtet und Säulen ragen empor und tragen die Wölbung eines Palastes. Eines Palastes? fragen Sie, meine Zuhörer. Wird ein Fürst hier einziehen in seiner Majestät? Ja, ein Fürst wird einziehen mit ewiger Majestät: das ist das Volk. Vor Zeiten war alle Pracht und aller Glanz, alles schöne Erzeugniß der Kunst nur einzelnen Bevorzugten zum Gebrauche hingegeben; das Volk durfte kaum einen Blick hineinwagen. Das große majestätische Wort unserer Zeit aber heißt Vereinigung, heißt Einheit. Jetzt erhalten wir solche Paläste – und es wird deren immer mehr zu gemeinnützigen Zwecken geben – die dem ganzen Volk zum Genuß seines Daseins erbaut sind. Und sind wir auch nur vorüberziehende Gäste in diesen Räumen: wir sind ja Alle nur vorüberziehende Gäste in diesen Erdenräumen. Und dürfen wir uns nur eine kurze Spanne Zeit dem Glauben hingeben, dieß sei unser Eigenthum – wir erquicken uns ja auch an der Schönheit und Größe der Natur, ohne sie buchstäblich unser Eigen nennen zu müssen. Noch andere und immer mehr Gebilde der Größe und Schönheit werden auferstehen, die keinem Einzelnen, sondern Allen angehören, zum heitern Genuß. Die großen Völker des Alterthums: die Griechen, die Römer, hatten in ihren guten Zeiten kleine Wohnungen zum Privatgebrauche; noch heute aber bewundern wir die prachtvollen Bauten, die sie der Gemeinsamkeit geweiht. »Das Schöne, das Große, vor Allem für die Gesammtheit, für das Allgemeine!« Das sei der Wahlspruch der neuen Zeit. Grüßen wir darum diesen Geist, der jetzt, wenn auch vereinzelt, und ohne daß er's recht weiß, Prachtgebäude für das Volk zu errichten beginnt. Möge er auf heiterem, friedlichem Wege zu seinem Ziele gelangen. Der Geist der edlen Gemeinsamkeit lebe hoch!«

So hatte sich der Freund des Gevattersmanns seine Rede ausgedacht. Kaum aber war er mit diesem Ausdenken fertig, da brachte ein lustiger Kumpan der Köchin, als der Heldin des Tages, ein Hoch. Sie mußte erscheinen, in Schürze und Haube, und wurde mit Halloh begrüßt. Nun ging es an ein unaufhörliches Hochrufen. Die Leute sprachen so leise, daß man nicht hörte, was sie meinten, und doch schrie Alles ins Blaue hinein: Hoch! Hoch und abermals Hoch!

Fragst du nun: warum hat dein Freund die Rede nicht doch gehalten? Vielleicht hätte er der Sache eine bessere Wendung gegeben? Das hat der Gevattersmann auch gesagt. Der Freund aber war ärgerlich, daß wir Deutschen nicht beisammen sein können, ohne alsbald in nichtigen Lärm überzugehen; daß die Leute sich's gefallen ließen, wie ein lustiger Bruder sie zu Narren machte, und dann fürchtete der Freund, kaum angehört oder ausgelacht zu werden. Er sieht aber jetzt ein, daß man sich vor dieser Gefahr nicht scheuen darf, wenn man etwas Rechtes an den Mann bringen will. Darum hat er auch die Rede hergegeben, daß sie gedruckt werde; und es wird ihn freuen, wenn man ein gutes Korn darin findet.

Von kleinen und großen Kindern.

»Komm zu mir her, ich will dir aufhelfen,« sagte ein spottsüchtiger Knabe zu seinem Schulkameraden, der niedergefallen war und seine Schiefertafel zerbrochen hatte. Er aber blieb ruhig stehen, und ließ den Andern sich in seiner Noth abarbeiten.

Geht es nicht auch sonst im Leben bei erwachsenen Menschen so? Ist es nicht oft, als ob man einem Gefallenen oder Hülflosen zuriefe: komm her, ich will dir aufhelfen – statt, daß man ihm rasch beispringt?

*

In Mainz und anderen mittelrheinischen Städten gehen im Frühling Knaben durch die Straßen, bieten Waldmeister zum Verkauf, und rufen: »Kafe Sie ah Maikräuter!« Andere Knaben, die das hören, rufen es ihnen lange nach, gleichfalls dahin wandelnd. Es thut dem Menschen gar wohl, einmal aus voller Brust einen Ruf in die Welt hinein erschallen zu lassen, und sei es auch nur, um das Einerlei des stummen Dahinschleichens zu unterbrechen. – Wenn nun die nachspottenden Knaben so riefen, kamen oft Leute aus den Häusern und wollten das Angebotene wirklich kaufen. Die Kinder aber standen verblüfft da oder nahmen Reißaus.

Es geht auch in der großen Welt so. Manche hören den Ruf der Zeit: von Liebe zur Freiheit, zum Vaterlande, zu Recht und Vernunft u. s. w., und sie freuen sich auch, mit rufen zu können und lassen ihre Stimme laut erschallen. Wenn dann die Leute kommen und wollen sich aneignen, was sie als gut und nothwendig ausbieten – haben sie oft nichts, sie haben bloß den Ruf eines Andern nachgeäfft. Drum, wer seine Stimme laut erheben will, muß etwas vorbringen, was er wirklich hat, was er kennt und einsieht, und darf nicht bloß kindisch in den Tag hinein rumoren.

*

»Es sitzt Einer hinten oben!« rufen die Kinder dem Kutscher zu, der durch das Dorf fährt, wenn sich einer aus ihrer Mitte als blinder Passaschier auf den hintern Tritt des Wagens gesetzt hat. Thun sie das aus Gerechtigkeitsliebe? Selten; meistens aus Neid – sie möchten gern selber da oben sitzen und sich fortrollen lassen – oft auch aus Muthwillen und Schadenfreude; sie wollen gern sehen, wie die Peitsche des Kutschers herüberlangt und den Aufdringling verjagt, daß er zu Boden fällt.

Gar viele schreien aus ähnlichem Neid und ähnlichem Muthwillen, wenn sich Einer auf den Staatswagen gesetzt hat und sich von ihm fortrollen läßt, dem Regierungskutscher zu: »Es sitzt Einer hinten oben!«

Nur Diejenigen aber meinen es wirklich gut, die selber nicht als blinde Passaschiere hinauf wollen, und die da wollen, daß dem Staatswagen nicht mehr aufgeladen werde, als er zu ziehen Willens ist.

Wach' ins Gewehr!

Wurde ein Soldat beim Unterricht gefragt: »Warum rufst du – man hat in diesem Lande das vertrauliche Du – warum rufst du die Wache ins Gewehr, wenn ein großer geschlossener Zug von vielen Menschen vorüber zieht?« Der Soldat erwiderte: »Es könnt' ja auch ein Stabsoffizier in Civilkleidern darunter sein.« Der unterrichtende Offizier lächelte und erklärte: »Eine große Menschenmasse hat immer Anspruch auf Achtung und Ehrenbezeigung. Wenn Einer allein auch schwach und unbedeutend ist und nicht viel gilt, so sind sie doch stark und bedeutend und gelten viel, wenn deren viele bei einander sind.«

Du, Ihr, Sie.

Das sind drei verschiedene Arten, wie die Menschen einander anreden, und im Grunde genommen, ist es lächerlich; denn bei Lichte betrachtet ist ein Mensch nicht mehr als der andere. Aber so geht's nun einmal. In den kleinsten Dingen, wo wir's kaum mehr merken, steckt ein Stück alt hergebrachten Unsinns oder auch Sklaverei. Das läßt sich nicht so schnell ändern, aber gut mag's sein, wenn man einstweilen darüber nachdenkt. Wir müssen uns ja überhaupt vorderhand meist damit begnügen, uns das Rechte auszudenken, und wenn Alle das Rechte ausgedacht haben, dann wird's auch bald da sein.

Also: das Natürlichste wäre, daß Jeder den Andern mit Du anredet; sagt man auch zu dem Vater unser Aller, zu Gott, ganz einfach Du. Die Menschen aber, die sperren sich gar gern von einander ab, und sei's auch nur mit Redensarten. Bei den alten Völkern, bei den Juden, Griechen und Römern, sagte Alles Du zu einander. Heutigen Tages aber würden Viele glauben, alle menschliche Ordnung müßte über den Haufen fallen, wenn das bei uns so wäre; und doch ist es nur Gewohnheit, weiter nichts.

Bei uns Deutschen ist das Du noch am häufigsten. Engländer und Franzosen gebrauchen es nur äußerst selten. In Spanien sagen alle Granden, d. h. Adelige, frischweg Du zu einander, gerade wie jeder regierende Fürst einen andern Fürsten als Vetter anredet: sie sind aber auch meist verwandt mit einander.

In Deutschland haben wir eine besondere Feierlichkeit, wenn zwei Menschen anfangen, sich zu duzen; sie ist hauptsächlich auf Universitäten gebräuchlich. Da stoßen zwei Jünglinge, die Brüderschaft schließen, ihre Gläser gegenseitig an, kreuzen die Arme, trinken so die Gläser aus bis auf den Grund, küssen sich und sagen fortan Du.

Das steht im Allgemeinen fest: Jeder hat das Recht, so zu erwidern, wie er angeredet wird. Wie du mir, so ich dir, tritt vor Allem hiebei in Kraft. Wer mit Du angesprochen wird, antwortet mit Du. Das ist recht und billig. – Man sage nicht, das sei eine kleine unbedeutende Sache. Nein, so geringfügig die Sache auch sei, Jeder muß in allen Dingen das Recht behaupten, das ihm zusteht. Und es giebt ein Gefühl der Gleichheit, ein Gefühl seiner Menschenwürde, wenn Einer vom Andern so angeredet werden muß, wie er erwidert. Wer sich nicht als Knecht verdungen hat, so daß er sich von seinem Herrn was gefallen lassen will, der halte auch hierin streng auf sein Recht. Das ist auch eine Zierde des öffentlichen Gerichtsverfahrens, daß der Richter den Angeklagten manierlich anredet. Man hat selbst bei dem Verbrecher kein Recht, ihn noch eine weitere Strafe – durch die barsche Anrede – treffen zu lassen, sondern nur die Strafe, die im Gesetz steht.

Es ist allerdings ein Vorzug von uns Deutschen, daß das Du bei uns noch gebräuchlicher ist, es ist herzlicher, inniger; da es aber nicht allgemein ist, so dient es wieder nur dazu, um aberwitzige Unterschiede zu machen. Eine weniger herzliche Anredeweise, die aber bei Hoch und Nieder gleich ist, wäre besser. Man redet oft den Einen mit Sie und den Andern frischweg mit Du an, weil der Eine einen guten und der Andere einen schlechten Rock an hat. Ist das nicht schmählich? In Frankreich, wo das Du nicht gebräuchlich ist, werden alle Soldaten von den Officieren mit Sie angeredet. Haben darum die französischen Soldaten weniger Gehorsam, oder wie man's nennt: Subordination? – Und warum soll ein Bürger als Soldat anders angesprochen werden als sonst im Leben? Ich weiß wohl, es giebt viele Untergebene, die es wünschen, mit dem traulichen Du angerufen zu werden. Gegen den freien Willen läßt sich nichts sagen, aber ohne daß er ausgesprochen ist, darf man ihn nicht voraussetzen.

Dagegen giebt es auch Menschen, die überaus höflich sind, wo es gar nicht hingehört. Es kommt ein Mann etwas zu spät in die Kirche, und er fragt seinen Nachbar: »Welches Lied wird gesungen?« »Sie sind ein Mensch,« ist die Antwort. Der Verspätete blättert hin und her und kann das Lied nicht finden. Der Nachbar nimmt ihm nun das Gesangbuch aus der Hand und sagt: »Unter dem D müssen Sie suchen.« Er zeigt ihm nun das Lied, und es heißt: »Du bist ein Mensch« u. s. w.

Man gebraucht sehr häufig andere Redeweisen als Du, um einen Zaun um sich zu ziehen, damit der Andere Einem nicht zu nahe komme, sowohl in Beweisen von Zutraulichkeiten, als auch bei heftigen feindseligen Auftritten. Man kann in der Regel nicht so grob, so heftig auf Einen losfahren, wenn man Ihr oder Sie zu ihm sagt. Das setzt doch meist eine Scheidewand fest.

Das »Ihr« ist selten mehr gebräuchlich, außer auf Dörfern und in Stadtfamilien, die noch an alter Sitte hängen. Es ist lächerlich, daß man einen einzigen Menschen anredet, als ob er ein ganzes Dutzend wäre. Man sagt vielleicht gern Ihr zu dicken Menschen, weil man mehrere daraus machen könnte; oder auch zu solchen älteren Leuten, die schon vielerlei durchgemacht und verschiedene Personen vorgestellt haben; sei es, daß sie in manchen Stellungen sich als gut bewährt haben, oder auch als schlimm. Es giebt in der That Menschen, die schon ein dutzenderlei Personen gewesen, freisinnig und knechtisch, sittlich und liederlich u. s. w., da kann man gut Ihr sagen.

Dagegen wird es auch noch meist als Zeichen der Hochachtung gebraucht, und in vielen Dörfern sagen sogar die Kinder zu Vater und Mutter – Ihr, und in manchen Städten – Sie. Bei den Franzosen und Engländern sagt Alles Ihr zu einander, denn Wu und Ju ( vous und you) heißt Ihr. Wir Deutschen übersetzen es bloß mit Sie.

Wenn einmal eine ehrerbietige Redensart gebraucht werden soll, so wäre das Ihr viel gescheidter, als das abgeschmackte Sie. Da redet man einen einzigen Menschen an, als ob es viele wären, die gar nicht zugegen sind. Ist das nicht die Krone aller Lächerlichkeit?

Wir Deutschen haben aber noch eine schöne Redensart, die kein anderes gebildetes Volk hat; ich meine das Er. Da will der sogenannte Höherstehende den niederer Gestellten nicht einmal mit einem Worte berühren, er will sich gar nicht mit ihm abgeben, er spricht zu ihm wie durch einen Dritten: und das nennen viele Leute Bildung.

Der Kindesmord.

Eine harte Geschichte.

Es sitzen drei Freunde in stiller Nacht bei der hell brennenden Lampe. Draußen wirbelt der Schnee, aber in den Herzen der Männer lodert ein stilles Feuer.

Sie haben vom Vaterland gesprochen, von seinen Schmerzen und Hoffnungen; die Gläser stehen unberührt vor ihnen, auf ihren Angesichtern liegt der Gram, und stumm sitzen sie einander gegenüber.

»Wißt Ihr was?« sagte der Jüngste, der es liebte, von tiefer Betrübniß in Scherz überzuspringen. »Wißt Ihr was? Wir wollen uns dran machen, eine Preisfrage zu beantworten. Der Verein gegen Thierquälerei hat die Preisaufgabe gestellt: ein Mittel zu finden, wodurch man die Hunde von gewissen Thieren, Flöhe genannt, befreien könne, ohne die Flöhe ihrer Lebensberechtigung zu berauben, d. h. ohne sie zu tödten. – Was meint Ihr dazu? Ich schlage einen Verein zur Auswanderung der Flöhe vor: man fängt sie alle, bindet sie in einen Sack, und es ist nur noch die Frage: ob wir sie nach den Donaumündungen, oder nach Amerika schicken, um dort eine Kolonie anzulegen.«

»An diesen Vereinen gegen Thierquälerei,« sagte der Andere, ein Mann mit grau gemischtem Barte, »da haben wir wieder ein Beispiel, wie die Niederträchtigkeit und Heuchelei so vieler Menschen es wagt, sich und Anderen was vorzugaukeln, sich den Schein des Guten beizulegen. Menschen, die sich demüthig bücken, wenn die Rechte des Volkes zertreten werden, weiche Butterseelen, die vor jedem Sonnenblick hoher Gnade zerfließen möchten, die die Achsel zucken über Jeden, der durch Wort und That für das einsteht, was er für Recht hält – solche Menschen laufen einem Wagen nach, auf dem Schlachtkälber liegen, und erforschen genau, ob die Kälber auch menschenfreundlich gebunden sind; ja, sie rufen am Ende die hohe Polizei, die Beschützerin aller Menschenfreundlichkeit und Güte, zu Hülfe! Was sollen uns jetzt die Thierquälervereine? Ein wohlerzogener, freier Mensch wird nichts bedrücken, was ihm untergeben ist; er wird einsehen, daß jedes Wesen auf der Welt sein Recht hat, das man ihm nicht durch Gewalt verkümmern darf; er wird also auch kein Thier muthwillig quälen und bedrücken. – Aber das ist es eben. Man spielt den Menschen eine Kinderrassel in die Hand, um sie vergessen zu machen, daß sie noch 'was Anderes zu fordern das Recht haben.«

»Ich wüßte auch noch so ein Anderes,« sagte der Dritte, der ein Arzt war. »Die ganze heutige gebildete Welt stützt sich auf einen geregelten Menschenmord.«

»Meinst du die Todesstrafe?«

»Nein, oder doch: man wird bei der Geburt zum Tod verurtheilt. Ihr wißt, ich bin hier seit fünf Jahren an der Gebäranstalt angestellt. Tausende von unglücklichen Geschöpfen sehen hier der schweren Stunde entgegen, da sie einem neuen armseligen Wesen das Leben geben. Die meisten Mütter werden dann als Säugammen in die Häuser der Reichen gezogen; sie geben ihr eigenes Kind einer sogenannten Ziehfrau, und bezahlen wöchentlich einige Groschen dafür. Es sind verwilderte und leichtsinnige Geschöpfe unter den Müttern, denen es lieb ist, wenn ihr Kind bald stirbt; denn von zehn sogenannten Ziehkindern stirbt die Hälfte in den ersten vier Wochen.«

»Ist das wahr?«

»Ich habe vielleicht noch die geringste Zahl angenommen. Die Ziehmütter, meist alte, hartherzige Frauen, haben oft fünf, sechs und mehr solcher Kinder in Pflege. In der ersten Zeit kochen sie ihnen wohl besonders, dann aber müssen sie mitessen, was der ärmliche Tisch bringt. Der junge Magen kann das nicht annehmen und verdauen, die Kinder schreien und schreien erbärmlich, sie nehmen nichts mehr zu sich, zehren zum Gerippe ab, und nach wenigen Tagen sind sie – Hungers gestorben.«

»Entsetzlich!«

»In einer nordischen Hauptstadt, wo reich begabte Anstalten zur Bekehrung der Hottentotten sind, wo die zarten Frauen gar fleißig Hosen stricken, um die schamlosen Wilden zu bekleiden – in dieser Stadt ward vor wenigen Jahren eine peinliche Untersuchung gegen einen alten Unteroffizier geführt, der im Verein mit seiner Frau ein ähnliches Geschäft betrieb. Der gute Schnurrbart kommandirte die Kinder, wenn sie schrien, ganz ordonnanzmäßig; die unverständigen Rekruten hatten aber keinen Appell, und er machte sich selber zum Kriegsgericht und diktirte eine Prügelsuppe; dann machte er sich selber zum Korporal und prügelte die Kinder, bis sie still waren. Sie waren bald ganz still. Der gute Schnurrbart hatte nicht mehr gethan, als was täglich geschieht; er hatte die Kinder getödtet, statt daß man sie sterben macht. Wozu sollen auch die gemeinen Racker leben? Etwa um den Vornehmen zwischen die Füße zu rennen, wenn sie spazieren gehen wollen?«

»Du bist fürchterlich mit deinem kalten Spott,« bemerkte der Jüngere dem Arzt, »du bist stumpf geworden gegen dieses himmelschreiende Elend.«

»Ich berichte nur, was geschehen ist und geschieht. Ich könnte dir aber eine Geschichte erzählen, die den ganzen Jammer und die Rache eines verirrten geraden Gemüthes darstellt. Habt ihr Muth, sie zu hören?«

»Muth? Erzähle! Erzähle! Nichts darf zu grausenhaft sein, wenn es die Wahrheit zu Tage fördert.«

»Nun wohlan. Es sind jetzt drei Jahre her, es war eine Nacht wie heute, ein Schneegestöber, das fast den Athem benahm; man konnte sich in den gasbeleuchteten Straßen der Stadt kaum zurecht finden. Ich war zu dem reichen Kaufmann F. geladen. Der Mann lebte glücklich, was man so nennt. Er hatte eine jener Partie-Heirathen geschlossen, die sich in Stadt und Land tausendfältig finden, und die eine Frau zu der Aeußerung brachte: »wenn du nicht mein Mann wärest, gingest du mich ja gar nichts an.« Kurzum, der Mann war glücklich, und jetzt doppelt, denn seine Frau trug eine frohe Hoffnung unter dem Herzen. Als ich in den runden Saal trat, wurde eben der Thee herumgereicht. Nur die beiderseitigen Schwiegereltern und eine Schwester der Frau waren zugegen. Die ganze Zimmerreihe des Hauses war geöffnet, geheizt und erleuchtet. Die junge Frau sollte sich Bewegung machen, und sie ging nun ab und zu durch die Zimmer. Man hörte keinen Tritt auf den weichen doppelten Fußteppichen. Ich setzte mich zur Gesellschaft. Die Mütter nähten an Kinderzeug von weichem Linnen, die Schwester häkelte eine Decke von geschmeidiger Wolle; in der Ecke stand eine Wiege, von grünseidenem Vorhang überdeckt. So oft die Frau, den Befehlen der Mutter gemäß, sich in den anstoßenden Zimmern bewegte, sprach man von der schweren Stunde, welcher Alle mit Entzücken und Bangen entgegen harrten. Sinn und Herz Aller war damit beschäftigt, den kleinen Weltbürger weich und warm zu betten. Mir wurde besonders aufgetragen, für eine gute und gesunde Amme zu sorgen. Die Schwester, eine kluge und edle junge Frau von starkem Geiste, wenn auch von schwächlichem Körper, sagte: »Ich konnte mich nie dazu entschließen, eine Amme zu nehmen. Ich hätte gewünscht, daß Adele es auch nicht thäte. Es empört mich immer, wenn ich sehe, wie man diese Ammen hätschelt und verdirbt; sie werden wie Königinnen behandelt, dürfen nichts Unangenehmes erfahren, und müssen immer das Beste haben, und was soll später aus ihnen werden? Und welchen Einfluß muß das auf die anderen weiblichen Dienstboten haben? Sie, die sich von Vergehen rein halten, müssen den Gefallenen und Leichtsinnigen unterthänig sein, müssen allen Launen und Anmaßungen derselben nachgeben. Das ist sittenverderbend und empörend.« Die Frau wurde etwas barsch von der Mutter zurechtgewiesen, und eine Schwärmerin genannt. Ich hatte noch das Vorurtheil des Mannes zu widerlegen, der den allgemeinen Irrthum vorbrachte: eine Frau bleibe länger schön, wenn sie ihre Kinder nicht selbst säuge. Ich zeigte ihm das Falsche und Naturwidrige dieser Ansicht.

+++

Die junge Frau war hinzugetreten; um sie nicht aufzuregen, mußte von anderen Dingen gesprochen werden. Man sang, man erzählte lustige Geschichten, um sie heiter zu stimmen. Das schöne junge Weib, das still dasaß, sein selbst vergessen, und nur der Zukunft gedenkend, glich einer Heiligen. Denn eine Frau, die ein zweites Leben unter dem Herzen trägt, ist eine Heilige; selbst die Rohesten und Wildesten begegnen ihr mit Ehrfurcht.

Ich schied spät in der Nacht aus dem Hause. Auf der teppichbelegten Treppe dachte ich, wie glücklich dieses kommende Geschöpf sei; wie viel liebende Arme, wie viel freudig glänzende Augen sich ihm zuneigen. Auf der Straße warf mich das Schneegestöber fast nieder, denn ich war so in Gedanken dahin gegangen. Mit Schnee und Wind kämpfend, war ich endlich an meiner Wohnung in der Gebäranstalt angekommen. Als ich die steinernen Stufen hinansteigen will, da erhebt sich etwas mir zu Füßen. Mir stehen alle Haare zu Berge. »Was ist da?« rufe ich. »Ach Gott!« erwidert es, »um Gotteswillen erbarmen Sie sich meiner.« »Wer sind Sie?« »Elend! Elend!« erwidert es mit kläglicher Stimme. »Ich muß sterben, ich und mein Kind.« – Ich sehe nun beim Schein der Lampe ein Mädchen, dessen Kopf mit einem großen, rothen Tuch umwunden ist; sie wischt sich den Schnee aus dem Gesicht. Ich klingle schnell. Die Arme umfaßt meine Kniee, und ruft schluchzend: »Ach Gott! wir sollen nicht sterben. Ich komme heute sechs Stunden her von G. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Sie haben mit Fingern auf mich gedeutet. Hier im Wirthshause haben sie mich ausgelacht, und wollten mir keine Herberge geben; ein roher Bursche wollte mich mißhandeln, und ich ging fort. Ich habe nicht mehr gewagt, an einem andern Wirthshaus anzuklopfen, und da habe ich hier gewartet, bis unser Herrgott einen guten Menschen schickt.«

So sprach das Mädchen unter Weinen und vom Froste geschüttelt, bis endlich der Hausmeister öffnete. Ich ließ eine Wärterin wecken, die Fremde ins Bett bringen, verordnete alles Erforderliche, und nach einer Stunde lag sie in festem Schlaf: nur bisweilen zuckte ihr Körper krampfhaft auf.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Mich quälte ein Gedanke, den ich nicht zu fassen vermochte: was hegte wohl der Weltgeist in sich. Er, der mit einem einzigen Blicke die in Wohlleben und Liebe eingehüllte Mutter dort, und die auf den schneebedeckten Stufen Hingestreckte hier – Beide mit einem Blick überschaute? ... Ich konnte den Ausweg nicht finden, und beruhigte mich endlich in dem zuversichtlichen Glauben, daß der scheinbaren Verwirrung eine tiefe Ordnung zu Grunde liegt, die sich erst herausarbeiten muß; daß der höhere Geist, der Alles regiert, seine verborgenen Wege wandelt.

Ich sollte schaudernd das Ziel sehen.

Am andern Morgen fand ich die Fremde gekräftigt und fast ganz hergestellt. Auch mich hatte jene Weichmüthigkeit verlassen, die mich gestern Abend so beklommen gemacht. Ich trat in das Zimmer der Fremden. Ich wußte schon im Voraus, welche klägliche Geschichte, mit Seufzern eingefaßt, ich hören würde. Ich bin schon zu oft betrogen und getäuscht worden, um nicht streng auf der Hut zu sein. Das ist der Jammer, daß Lüge und Betrug uns oft gegen die Wahrheit verschlossen und blind machen. Und doch sollte es Grundsatz aller Menschenfreunde sein: lieber gegen zehn Unwürdige edelmüthig zu handeln, als einem einzigen Braven die verdiente Liebe und Güte zu entziehen. Dem ist aber nicht so, und es ist nur gut, daß wir oft minder klug sind, als wir sein möchten; daß das unverdorbene Herz mit den weisen Mahnungen des Kopfes oft davon läuft.

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Ich traf die Fremde heiter und wohlgemuth, sie dankte mir mit aufrichtigen Worten. Sie war – nach ihrer Aussage – die Tochter eines begüterten Bauern, der durch schlechte Wirthschaft und öftern Wechsel des Wohnorts in Armuth versunken war. Sie hatte noch bessere Zeiten im elterlichen Hause gesehen. Vater und Mutter sind todt, und das Mädchen – sie hieß Christiane – diente seit drei Jahren als Magd bei dem Postmeister zu G. Hier gerieth sie zu Fall mit einem Knechte. Sie weinte bitterlich als sie dieß sprach, dann aber trocknete sie ihre Thränen, und ihr Auge glänzte hell, als sie von ihrem Bräutigam – so nannte sie ihn stets – erzählte. Sie schilderte ihn als einen kernbraven und arbeitsamen Menschen, sie konnte seines Lobes nicht satt werden. Er wollte sie heirathen, aber da sie Beide ganz ohne Vermögen waren, und nichts als arbeitsame Hände hatten, erhielten sie nirgends die Bürgerannahme. Sie sprach von den Nächten, die sie einsam durchgeweint, und wie ihre Mutter im Grabe keine Ruhe finden könne, weil ihre Tochter vom Wege des Rechten abgegangen sei. Sie erzählte, wie ihr Bräutigam sich ein Leid anthun wollte, aus Kummer über das Vergehen. Dann aber sagte sie wieder: »Unser Herrgott will mich strafen für meine Sünden. Ich will gern Alles über mich nehmen, wenn nur das arme, unschuldige Geschöpf uns erhalten wird. Ich will gern arbeiten, bis mir das Blut unter den Nägeln hervor läuft, und ich und mein Bräutigam werden in einigen Jahren schon so viel verdienen, daß wir nach Amerika auswandern können.«

Ich gestehe, diese Geschichte rührte mich wenig; ich habe deren schon so viele, halb aus Wahrheit, halb aus Lüge geschmiedet, erfahren. Als aber nach wenigen Tagen der Bräutigam eintraf, ein schmucker Bursch mit trotzigem Gesicht, der aber jetzt so zerknirscht war wie ein Verbrecher, als er mir mit zitternder Hand einige Groschen geben wollte, und in der Furcht vor Beleidigung sagte, ich könne dafür Christianen einige schmackhaftere Suppen kochen lassen: da gewann ich eine bessere Ansicht von dem Verhältniß dieser beiden Leute. Der Bursche gefiel mir besonders wohl. Es war einer jener Menschen, die nicht zu danken gewohnt sind, denen die demüthigen Worte schwer vom Munde gehen, weil sie lieber nur das empfangen, was sie mit Recht fordern können. Ich gestehe, ich liebe solche Naturen. Es ist so viel Bettelhaftigkeit und Kriecherei in der Welt, daß es mir wohl thut, selbständigere Naturen zu sehen, die Freundlichkeit und Güte frei hinnehmen, wie wenn sie sagen wollten: wenn ich in den Fall komme, dir was zu erzeigen, soll's gerade so gern geschehen.

Am zehnten Tage nach ihrer Ankunft genas Christiane eines kräftigen Knaben. Die Freude, die sie beim Anblick des Kindes hatte, ist unbeschreiblich. In dieser Minute wich alle Trauer und alles Ungemach von ihr: sie war ganz eine glückliche Mutter. Und als sie sagte, das Kind sei dem Vater wie aus dem Gesichte geschnitten, da war ihr Angesicht strahlend von Glanz übergossen.

Acht Tage später gebar die Frau des Kaufmanns F. gleichfalls einen Sohn. Ich schlug nun Christianen vor, dort als Amme einzutreten, da sie ein schön Stück Geld verdienen würde. Sie sah mich mit aufgerissenen Augen an, drückte ihr Kind an sich, und große Thränen standen ihr in den Augen. Sie holte schnell Athem, und konnte nicht sprechen, endlich sagte sie: »Ich kann nichts darüber sagen, mein Bräutigam kommt heute zur Taufe.« Das Kind wurde getauft, ich sollte zu Gevatter stehen, hatte aber keine Zeit, und aufrichtig gestanden, auch keine rechte Lust. Ich wäre Allerwelts-Gevatter, wenn ich alle Anerbietungen annehmen wollte. Zum Danke für mich erhielt indeß der Knabe meinen Namen: Anton. Der Bräutigam wollte das Kind mit auf ein Dorf nehmen, um es dort zu versorgen, ich rieth ihm auch dazu; aber Christiane machte zur Bedingung, daß, wenn sie als Amme eintrete, ihr Kind in ihrer Nähe bleiben müsse. Es ward einer bekannten Ziehfrau übergeben. Noch denselben Abend brachte ich Christiane in das Haus des F. Sie zuckte zusammen, als sie das fremde Kind an ihre Brust legen sollte. Das gab sich aber bald, und Christiane wohnte wie eine Fürstin in einem gleichmäßig durchheizten Gemache. Mit dem Kräftigsten und Nahrhaftesten wurde sie gesättigt und getränkt, Alles war ihr zu Diensten, und das Kind des F. – es erhielt den Namen Hermann – gedieh von Stunde zu Stunde. Christiane sah jetzt ganz hellfarbig und zart aus, sie sang und scherzte den ganzen Tag, und hatte nicht Liebkosungen genug für das Kind. Wir mußten oft über ihre Ausgelassenheit lachen. Es ist wunderlich, wie erfinderisch die Leidenschaft in Liebes- wie in Scheltworten ist. Da ist nichts zu widersinnig, was man nicht vorbringt. Wenn Christiane sich in Liebesworten gegen Hermann erschöpft zu haben schien, fand sie immer noch Neues, und sie sagte, die Zähne übereinander beißend: »O du ... du ... goldene Linsensupp', du ... du ... zuckrige Ofengabel u. dgl.« – Glaubet nicht, Christiane wollte den Schmerzensschrei in ihrem Innern übertäuben; es ist ein geheimer Zug der Natur, daß eine Amme das Kind wahrhaft lieb gewinnt. Mir wurde Lobspruch und Dank für die Beischaffung der guten Amme. Ich erhielt den Dank eines Sklavenhändlers! –

Der Winter schlug schnell in den Frühling um. Christiane durfte mit dem Kind in der Mittagsstunde nach dem sonnigen Paradeplatz gehen. Der Kaufmann F. hatte ihr einen neuen, schönen Anzug nach ihrer Bauerntracht fertigen lassen. Christiane wäre lieber in Stadtkleidern, in fremder Hülle ausgegangen; aber man liebt es, der Welt zu zeigen, daß man eine kräftige Amme vom Lande habe, und so mußte sie die schönen Kleider anlegen. Sie trug das Kind, das in weiche, seidene Kissen eingehüllt und mit einer leichten Decke zugedeckt war, und hielt behutsam noch einen Sonnenschirm, um die allzu eindringlichen Sonnenstrahlen abzuhalten. Die junge Frau sah zum Fenster hinaus. Ich begegnete Christianen, als sie eben auf die Straße trat. Sie sah sich scheu um und sagte mir: sie käme sich wie verkauft und ausgewechselt vor, als ob sie eine fremde Person wäre, es sei ihr so bang zu Muthe; sie solle auf dem Paradeplatz den von der Börse heimkehrenden Vater mit dem Kinde im Freien überraschen.

Auf dem Paradeplatze waren noch mehre Genossinnen, meist leichtsinnige Geschöpfe, die dem aufziehenden Militär mehr Aufmerksamkeit widmeten, als den Kindern auf ihren Armen. Christiane wurde nun gefragt, ob ihr Prinz schon Adje gesagt habe. Eine fieberhafte Angst überfiel sie jetzt. Sie hatte ihr Kind erst Einmal gesehen, seitdem sie es verlassen. Am Tage, als der reiche Taufschmaus gefeiert wurde, brachte es die alte Ziehfrau und erhielt reiche Geschenke an Essen und Trinken. Christiane benahm sich damals ihrem Kinde gegenüber fast ganz fremd; ein sonderbares Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, ihr Herz war wie verlarvt. Jetzt überrieselte sie ein eiskalter Schauer. Sie rannte durch feuchte, enge Straßen, hin zu ihrem Kinde. Sie fand es schreiend, allein in der Kammer, eine halb geschälte gesottene Kartoffel lag auf seinem Bettchen; es war abgemagert und sah gelblich aus. Als sie jetzt den kleinen Hermann ansah, da – so erzählte später die Ziehfrau – war es, wie wenn sie ihn mit ihren Blicken tödten wollte. In diesem Blicke lag: sieh, dort ist der Räuber, der dir deine Mutter, deine Nahrung, dein Leben raubt. Sie sank an der Wiege nieder und schluchzte laut; die beiden Kinder schrieen mit. Dann erhob sie sich wieder, faßte ihr Kind, herzte und küßte es; sie reichte ihm die Brust, aber es trank nicht; sie hob es scherzend über dem Kopf empor, und es schlug ihr wie spielend ins Gesicht. Sie zankte nun mit der Ziehfrau, und schnell überkam sie wieder die Angst, sie mußte nach Hause – und fort eilte sie mit dem weich eingehüllten Hermann. Zu Hause mußte sie einen tüchtigen Zank aushalten, so weit man eben gehen wollte, um dem Säugling nicht dadurch zu schaden. Alles war in höchster Bestürzung gewesen. Der Vater war von der Börse nach Hause gekommen, man hatte das Kind nirgends gefunden. Christiane wollte nicht sagen, wo sie gewesen war, und gab vor, sie habe sich verirrt gehabt. Es ward nun beschlossen, sie dürfe nie mehr allein ausgehen. Der kleine Hermann schrie und winselte den ganzen Tag. Ohne meinen Willen ward ich der Verräther, wo Christiane gewesen war. Die Erschütterung, die sie erfahren, hatte ihre Wirkung auf den Säugling geäußert. Man sprach davon, Christiane plötzlich aus dem Hause zu jagen: ich vermittelte, und versprach ein wachsames Auge auf ihr Kind zu haben. Ich hatte solches bereits; aber was kann das hier helfen?

Christiane war wieder ruhig und heiter wie zuvor. Am dritten Abende nach diesem Vorfalle war F. mit seiner Gattin bei den Eltern. Alles im Hause war ruhig. Christiane sang eines jener wehmüthigen Volkslieder, an denen wir Deutschen am reichsten sind. Im Nebenzimmer arbeitete das Kammermädchen. Plötzlich eilte Christiane ans Fenster und riß es hastig auf. Das Kammermädchen fragte durch die Thüre, was sie mache, sie solle schnell schließen, es käme ja Abendluft herein. Christiane erwiderte: ob sie nichts gehört habe, es sei ihr immer, wie wenn Jemand unten auf der Straße ihren Namen rufe. Das Kammermädchen sagte: es höre nichts, das sei Einbildung. – Aber Christiane ließ es nicht ruhen; sie sprang im Zimmer umher, wie ein Wild im Käfig. Sie blieb stehen und horchte nach dem Fenster; Alles war still, und doch hörte sie jetzt wieder etwas. Sie öffnete die Thüre und ging hinaus. Draußen zog sie die Schuhe aus, und schlich leise die Treppe hinab. Die Hausthüre war verschlossen. Christiane öffnete ein Fenster auf dem Flur und wollte hinaus, es war vergittert. Sie schlich nach dem Bedientenzimmer, es war glücklicherweise leer, das Fenster unvergittert, und schnell war sie auf der Straße. Kaum daß ihre Füße den Boden berührten, jagte sie dahin durch die Straßen. Der Nachtwächter, an dem sie vorbeihuschte, erschrak heftig; unhörbar war sie gekommen und verschwunden. Fort eilte sie und gelangte endlich zu dem Hause, wo ihr Kind war. Das Haus war offen, die Frau war so eben zu einer Nachbarin gegangen. Christiane fand ihr Kind ruhig im Bette, es schrie nicht mehr, es stöhnte nur. Der Mond stand hell am Himmel und sah auf die Mutter nieder, die thränenlos sich über ihr Kind beugte. Die Ziehfrau kam mit Licht herbei. Christiane stieß einen Schrei aus, der durch Mark und Bein schlitterte, als sie ihr Kind sah; sie raufte sich die Haare, dann aber ward sie ruhig, legte das Kind an ihre Brust und – o Seligkeit! es schlug die Augen auf, langte mit dem Händchen nach dem Munde der Mutter und trank. Behutsam legte sie es nieder und küßte die Decke, unter der es schlief, wenigstens die Augen geschlossen hatte.

Ich war auf meinem Rundgang eben an das Haus gekommen, und als ich drin laut sprechen hörte, trat ich ein. Christiane eilte mir entgegen und rief jubelnd: »Mein Kind lebt! Mein Kind lebt!« – Ich aber sah den Tod, der jede Minute diese Augen auf ewig schließen konnte. Ich wollte Christianen bewegen, nach Hause zu gehen, sie aber war stolz oder in Gedanken verloren und hörte kaum auf mich. Sie sang ein Wiegenlied und wiegte das Kind fort und fort. Ich fühlte nach dem Pulse, er stand still ... Sie wiegte ein todtes Kind. Ich suchte nun Christiane mit Gewalt zum Heimgehen zu bewegen, ich hoffte, es ihr noch verbergen zu können. Sie aber faßte nochmals nach ihrem Kinde, und ich sah, wie eine Ohnmacht ihr durch den Körper rieselte: lautlos sank sie auf die Wiege nieder. Als wir sie wieder zum Leben gebracht hatten, lächelte sie und sagte: »Ja, es hat Adje gesagt, mein Antonchen, aber es hat doch von mir getrunken, ja, ja.« Sie wendete sich hin und her und schüttelte mit dem Kopfe, wie wenn sie nach allen Seiten hin grüßen wolle. Ich hatte noch viel zu thun und befahl, daß Christiane hier bleibe, ich würde sie abholen. So durfte sie nicht ins Haus des F. zurück. Christiane ließ mich ruhig gehen, als ich aber fort war, überredete sie die Ziehfrau, sie zu begleiten. Still wie ein Lamm ging sie dahin auf der Straße.

Als sie am Hause Fs. ankam, fuhr eben der Wagen durch das Hofthor. Christiane sagte: »Laß mich jetzt hinein!« Und husch war sie drin. Sie schlich leise in die Kinderstube, riß den kleinen Hermann aus dem Schlafe, küßte und herzte ihn und sang ihm vor:

Schlaf mein Kindchen schlaf,
Dein Vater hüt't die Schaf',
Dein' Mutter –

Da öffnete sich die Thüre, die Mutter trat herein. »Was macht denn mein Kind?« fragte sie.

» Dein Kind!« rief Christiane wildrasend. »Weg, weg! dein Kind, mein Kind, ja, dein Kind, der Mörder meines Kindes!« Sie stierte wild vor sich hin. »Mörder, Mörder!« schrie sie, und warf das Kind auf den Boden. Es stöhnte nur noch Einmal auf – es war todt.

Ich trat eben in das Zimmer. Das Kind lag mit zerschmettertem Kopf am Boden, die Mutter ohnmächtig neben ihm; Christiane lief singend in der Stube umher. Ich war erstarrt.

Noch dieselbe Nacht wurde Christiane in das Irrenhaus gebracht, es war ihr, wie man sagt, die Milch in den Kopf gestiegen. Nach vielen Wochen grausenhafter Raserei ist sie gestorben.

Die Ehe Fs. ist kinderlos geblieben; er ist von hier weggezogen.

*

So erzählte der Arzt.

Entsetzlich! riefen die beiden Freunde nach einer Pause, und der jüngere fuhr fort: »Das ist eine schreckliche Rache an einem einzelnen Unschuldigen für die Schuld von Tausenden. Es ist jämmerlich, wie wir mitten unter den schmählichsten Zuständen uns ein Glück zusammenleimen, so elend. – Hier muß geholfen werden.«

»Christiane,« schloß der Arzt, »war die letzte Amme, die ich besorgte. Ich habe durch meine Ansichten die Hälfte meiner Kunden verloren. Vor Allem muß dadurch geholfen werden, daß man die Mädchen gesünder erzieht, damit sie Mütter im vollen Sinne des Wortes sein können. Mögen sie auch weniger auf dem Klavier zu klimpern verstehen, nur gesunde Menschen erneuen die Welt. Wo man aber nothgedrungen eine Amme nehmen muß, sollten sich die Eltern verpflichten, über das Leben des Ammenkindes durch tägliche Fürsorge zu wachen, oder besser, das Ammenkind gleichfalls ins Haus nehmen. Ein Verein von Männern und Frauen, der sich hiezu verbände, wäre nicht außer der Zeit.«

»Gewiß, auf diesem Wege muß die Heilung versucht werden,« sagte der Graubart. »Es hat wohl seine Schwierigkeiten. Vorerst ist nöthig, der Welt zu zeigen, wie sie inmitten von Mord und Sünde und Schlechtigkeit lebt. Sieht man das ein, so ist die Abhülfe nicht fern, wo sie auch sei.«

»Wer will hier anfangen zu helfen?

Neuer deutscher Briefsteller.

Es sind dem Gevattersmann auf seine Aufforderung einige Briefe zugeschickt worden, um sie weiter zu geben, d. h. gedruckt. Er sagt dafür seinen schönen Dank, kann aber nicht mehr thun, so gern er auch möchte. Manche meinen, Spaß machen sei die Hauptsache. Gewiß, so aus dem Herzen lachen, das ist eine schöne Sache, und der Gevattersmann wünscht Jedem, daß er es recht oft können möge. Aber, wie gesagt, es soll's Jeder können, und nicht bloß Diejenigen, die da wissen, auf wen in ihrem Dorf oder in ihrer Stadt solch eine Geschichte gemünzt ist. Ueberhaupt möchten gern Manche Den und Jenen in den Kalender bringen. Der Gevattersmann ist nicht so zahm, daß er nur ins Allgemeine und Blaue hineinredet, daß Keiner sich getroffen glaubt. Nein, man muß, wenn's geht, Den und Jenen beim Schopf nehmen und ihn da drucken. Man spricht wohl davon, man solle die Personen aus dem Spiel lassen und nur von dem reden was geschieht, von den Thaten; aber von wem geschehen denn die Thaten? Das sind immer wieder Menschen mit zwei Beinen, und darum kann man sie nicht aus dem Spiel lassen. Man darf sie aber nur so weit herbeiziehen, als zur Sache nöthig ist, und nicht mehr. Da ist aber ein Zetermordjo, wenn man nur irgend Einen anfassen will, der zu einer gewissen Klasse gehört, die zusammengewachsen ist wie ein Rattenkönig. Und wenn's der Kleinste ist, er findet Beschützer genug, und man wird gehudelt und gesudelt von oben herab, und muß noch froh sein, wenn's erlaubt wird, daß man eine Antwort geben darf. Der Gevattersmann kann ein Stückchen davon erzählen. Aus vielen Quälereien von damals sei nur erwähnt, daß z. B. wegen der Geschichte Seite 20 in vielen Regierungsblättern viel Aufhebens gemacht wurde, ohne daß gestattet war, in denselben Blättern darauf zu erwidern.
(Anm. vom Jahr 1855.)

Sonderbar ist, daß Manche dem Gevattersmann Klagen über Ungerechtigkeiten im Gemeindehaushalt u. dgl. eingeschickt, und doch dabei ihren eigenen Namen verschwiegen haben. Was soll man damit machen? Darf man etwas weiter verbreiten, ohne dafür einen Bürgen zu haben, ohne von der Wahrheit überzeugt zu sein? Die größten Feinde der Freiheit und Wahrheit sind diejenigen, die das edelste Werkzeug derselben, die Presse, dadurch entwürdigen und verunreinigen, daß sie Dinge damit verbreiten, von deren Wahrheit sie nicht vollkommen überzeugt sind, oder für die sie nicht verlässige Bürgen haben. Wer anders verfährt, und giebt er sich auch noch so sehr den Anschein für die Freiheit wirken zu wollen, der handelt schlecht; denn er untergräbt das Vertrauen in das öffentliche Wort.

Darum wird der Gevattersmann nie von etwas Gebrauch machen, das ihm ohne Namen anvertraut wurde.

Der brave Volksschullehrer, der die Noth seines Standes klagte, möge bedenken, daß er sich durchaus in allgemeinen Klagen und Ausrufungen gehalten hat. Damit macht man heutigen Tages den Menschen ihre Ungerechtigkeit nicht mehr anschaulich; man muß ihnen zeigen, wie's im Leben steht, muß ihnen etwas Bestimmtes vorlegen; dann können sie nicht mehr sagen: das sind allgemeine Redensarten. Gewiß ist das Unrecht himmelschreiend, das man vieler Orten an den Volksschullehrern begeht, indem man immer höhere Anforderungen an sie stellt und sie dabei darben läßt, ja sogar ihnen Mittel und Wege abschneidet, ihre Noth und die mögliche Art der Abhülfe kund zu geben. Die neuen Staaten müssen immer mehr einsehen lernen, daß den Volksschullehrern die edelsten Güter der Völker zur Wahrung und Bildung anvertraut sind, daß sie den Geist kräftigen sollen, damit der Geist regiere – daß ihre Stellung sonach die entsprechende sein muß. Das wird aber, wie gesagt, nur durch einfache Darstellung der Dinge klar gemacht. Darum wäre es gut, wenn der brave Schulmeister oder ein Anderer, der sich dazu geeignet glaubt, bündig und klar sein Leben von seiner Kindheit an bis heute schilderte. Das wird Manchem die Augen öffnen. Das treffliche Buch »Leiden und Freuden eines Schulmeisters« von Jeremias Gotthelf, das in Bern erschienen ist, könnte dabei als Muster dienen; nur müßte es kürzer sein. Der Gevattersmann wird's gern abdrucken, wenn's ihm gestattet wird.

Schließlich muß noch bemerkt werden, daß dießmal leider kein Brief vom Vetter Andres kommt. Er hatte sich vorgenommen, über einen wichtigen Gegenstand zu schreiben, nämlich über die religiöse oder vielmehr unreligiöse Feindschaft unter uns Deutschen, die wieder aufzukommen droht. Wir Deutschen – meinte er – seien schon zerstückelt genug. Erst in der letzten Zeit haben wir wieder einsehen gelernt, daß wir fest zusammen halten müssen, wenn wir etwas sein wollen, sowohl für uns als für die Welt. Jeder solle seinen Ueberzeugungen gemäß leben, und was jetzt die Gemüther bewegt, dem kann nicht durch einen Zuruf Halt geboten werden. Immer aber sollen wir den Gedanken vor Augen haben, daß wir Alle Kinder Eines Gottes und Eines Vaterlandes sind, und einander friedlich halten. Sind ja nicht alle Kinder einer Familie gleicher Sinnesart, und doch sollen und müssen sie sich lieben, wie es ihnen Gott befohlen und ins Herz geschrieben hat. – So wollte der Vetter Andres ausführlich darthun, es ist aber unterblieben; und jetzt kann einstweilen Jeder ausführlich darüber nachdenken.

Lesen wir nun, was der schwäbische Bruder Berliner schreibt:

Brief eines schwäbischen Bäckergesellen aus Berlin.

Berlin, den 15. April 1845.

Wie wirst du aufschauen, lieber Bruder, wenn du da oben liesest: Berlin u. s. w. Ist der Blitzkerl nach Berlin! sagst du. Jetzt kommt er gewiß als ausgewechselter Silberjroschen wieder heim, und will einen halben Kreuzer mehr gelten als ein landläufiger Groschen. – Gelt, ich kenn' dich wie meine Hosentasche? Ich weiß wohl, daß du die Preußen und vorweg die Berliner nicht magst: es ist lauter lustig Zeug, wie die Berliner Pfannkuchen. Nicht wahr, so denkst du? Und so hab' ich auch gedacht und hab' gerad so viel Grund dazu gehabt, wie du, nämlich – keinen. Ich hab' gemeint, das müßt' so sein, weil die Red' so geht. Denkst du noch an unsern Nachbar Jörg? Der hat immer gesagt: selber essen macht fett; und so sag' ich auch, selber einsehen macht gescheidt. Aergert's dich nicht auch, wenn man sagt: die Schwaben seien dumm? Kommet nur zu uns, sagst du dann, wir wollen euch schon was aufzurathen geben. Ebenso können auch die Berliner sagen: wenn ihr uns für Hungerleider und Windbeutel haltet, kommet nur zu uns, wir wollen euch schon beweisen, daß wir auch nicht von Luft leben, und daß wir das Herz auch am rechten Fleck haben. Nein, lieber Bruder, ich hab' hier so tüchtige Herzmenschen kennen gelernt, so kernig und so brav, wie nur irgendwo. Die Beamten und die Offiziere, die machen ja nicht das ganze Volk aus, und es giebt auch unter ihnen recht einfache, herzliche Menschen. Und ist denn ein Deutscher ein anderer, weil er unter einer andern Regierung steht? Freilich sind die Menschen hier oben anders als bei uns, aber ich sag' immer: ländlich sittlich, und Deutsche sind sie, und im Grund sind sie doch wie wir, wenn's auch obenhin anders aussieht. Es grämt mich, wenn ich d'ran denke, daß wir Deutsche so schadenfroh gegen einander sind, und einer dem andern 'was aufmutzen möcht'. Freilich sind die Leute hier nicht so offenherzig wie bei uns, es giebt eben verschiedene Menschen; und wenn ich den Teig noch so gleich wiege und ihn noch so gleich forme, es kommt doch nicht ein Brod aus dem Backofen, das dem andern ganz gleich ist. Von Fulda an aufwärts triffst du auf den ärmlichsten Bauernhöfen Vorhänge an den Fenstern, wenn's auch nur ein Lumpen ist, damit man nicht 'neingucken kann; und die Blumen, die sie in Scherben haben, stehen nicht vor dem Fenster auf einem Brett, daß sich Jeder daran erfreuen kann, sondern innen auf dem Sims. Und so ist's auch bei den Menschen. Dafür sind sie aber auch hier oben viel häuslicher und eingezogener als bei uns; die Leute leben viel mehr daheim bei ihrer Familie, liegen nicht so viel in den Wirthshäusern. Es ist wunderselten, daß ein Ehemann in ein Wirthshaus geht, oder sonst an einen Vergnügungsort, allein ohne die Seinigen. In Norddeutschland sagt man zu einem Kind: »sei artig!« Bei uns daheim sagt man: »sei brav!« und um Frankfurt herum sagen sie: »sei geschickt!« Aber man meint doch da wie dort das Gleiche mit. Die Preußen sind viel höflicher, aber auch viel steifer als die Leut' bei uns. Ich mein', das Letzte kommt davon her, weil sie Alle exerzirt sind. Eins verdrießt mich oft: der Unteroffiziers-Stolz, der Schnurrbarts-Hochmuth, oder wie soll ich's doch heißen? – der in Vielen steckt und sogar oft in den Besten, die ich gefunden hab'. Aber bedenk nur, daß hier Alles, von oben bis unten, Soldat ist, und daß die Preußen bis jetzt sich hauptsächlich als Soldaten hervorgethan haben und groß geworden sind. Ich hab' ein halb Jahr in Frankfurt am Main gearbeitet, und hab' dort Leute gefunden, ganz arme Teufel, die darauf stolz sind und damit prahlen, daß Der und Der so und so viel Millionen Gulden hat. So geht's auch hier. Es giebt viel Leut', die einen Krattel haben, weil die Herren so mächtig und so groß sind. – Das muß ich sagen: ich verzeih's Jedem, wenn er sich 'was drauf einbildet, daß er zu einem großen und mächtigen Staat gehört, der in der Welt was zu bedeuten und auch ein Wort mit zu reden hat. Das merkt man erst recht, wenn man in die Fremde kommt. Es ist gerad, wie wenn man zu einer angesehenen, weitläufigen Familie gehört; das giebt Einem mehr Muth, und man kann sich in Freud und Leid mehr drauf verlassen, als wenn man zu einer kleinen Familie gehört, von der man drei Stunden davon nichts mehr weiß. Aber ich sag' wieder: es ist recht schön, wenn man zu einer großen Familie gehört, aber man muß auch selber für sich etwas darin bedeuten. Es ist recht schön, wenn man zu einem großen Staat gehört, das allein macht's aber nicht aus: es kommt drauf an, was der Bürger darin zu bedeuten und zu sagen hat. Du wirst vielleicht denken: der Anton bleibt sein Leben lang draußen in der Welt, der ist bei uns nicht mehr recht daheim. – Da hast du nicht den Alten auf dem Nest gefangen. Nein, Bruderherz! Ich bin jetzt viel in der Welt herumgekommen, aber ich möcht' nirgend anderswo leben als im Schwabenland. Man ist nirgends besser aufgehoben als daheim, wo man Einen von Jugend auf kennt, wo man sich nicht so viel zu erklären hat: so und so mein' ich's, und ihr müsset mich nicht falsch verstehen. Ich war an manchem Ort, wo mir's gefallen hat, und wo sich auch Gelegenheit gegeben hätt' zu bleiben, und da bin ich oft herumgelaufen, und das Herz im Leib hat mir gezittert, und ich hab' mich gefragt: möchtest du da dein Leben verbringen? Und da hab' ich's gespürt, wie wenn es mir einen Stich gäb', der mir durch Mark und Bein fährt, und ich hab' schrecklich Heimweh bekommen. Und ich hab' mir dann gesagt: nein, komm' was da woll', heim gehst du wieder; hier draußen bist du doch immer fremd, und sie verstehen dich doch nicht recht. Wenn ich das gesagt hab', da war mir's so wohl, daß ich hätt' laut aufjauchzen mögen, und es war mir, wie wenn ich daheim auf dem Berg stünd', und die Luft hat so gut geschmeckt, und die Glocken haben so schön geläutet, und die Kameraden haben so schön gesungen:

»Drunten im Unterland,
Da ist es schön«

und ich bin so lustig gewesen, daß ich den ganzen Mittag hab' nichts mehr essen können, und ich hab' mich hingelegt und hab' geschlafen bis es Zeit war zum Mehleinthun. Nein, Bruderherz! zu dir komm' ich wieder, und bei euch bleib' ich. Du wirst vielleicht jetzt wieder sagen: der Anton ist noch immer der weichmüthig Bursch. Thu das nicht, Bruder, mach's nicht auch so wie die hier, die keinen Gedanken vorbeifliegen lassen, dem sie nicht ein paar Federn ausrupfen. Wenn man das weiß, so schnürt's Einem die Kehle zu, daß man gar nicht mehr reden mag. Ich bin nur so, wenn ich mit dir red'. Ich könnt' mich auch hinstellen wie ein Eisenfresser, ich will aber nicht. Das Leben ist so kurz, es ist nicht der Mühe werth, daß man lügt und sich für einen Andern ausgiebt als man ist. Und dann hab' ich's schon gezeigt, daß ich Kurasche hab', so gut wie Einer, und mich vor dem Teufel nicht fürchte. Du weißt ja aber, daß es mich aus dem Polen fortgetrieben hat, weil ich Heimweh nach Deutschland gehabt, und jetzt ist mir's oft so arg, wenn ich mein', ich wär' noch nicht in Deutschland, weil ich noch nicht in Schwaben bin. Das ist aber Larifari. Hier ist Alles grunddeutsch. Ja, Manche meinen, Preußen sei ganz Deutschland, und die anderen Länder seien bloß die Scharret, so was an der Backmulde hängen geblieben ist, und aus dem Teig hat man verhutzeltes Brod zusammen gebacken. Es giebt aber auch viele tüchtige Menschen, die das Rechte einsehen, daß Preußen ohne das andere Deutschland, und dieses ohne Preußen nichts Ganzes ist. Drum ist mir's lieb, daß ich nach Berlin gekommen bin. Wir Schwaben haben auch Einbildung genug; wir meinen: die wo hochdeutsch reden, seien nicht so getreu; das ist aber nicht wahr. Das schöne Sprechen und die Redensarten aus den Büchern, die sie haben, das schadet ja nichts. Auffallend war mir, daß man hier statt nein – »ich danke« sagt. Unlängst hab' ich auch gehört, wie Einer den Andern fragt: »Waren Sie gestern im Theater?« Die Antwort war: »Entschuldigen Sie, nein.« Nun möcht' ich nur wissen, was daran zu entschuldigen ist? Ueberhaupt gebrauchen sie hier die Redensarten: erlauben Sie, entschuldigen Sie u. s. w. all' Finger lang. Uns Schwaben halten sie hier für gutmüthig, aber nicht für besonders gescheidt. Sie werden sich schon besser besinnen, wenn's drauf und dran kommt. Es kommt auch viel davon her, weil wir nicht so hurleburle mit der Sprache fort können. Ich bin doch schon viel in der Welt herum gekommen, ich hab's gar nicht mehr gewußt, daß ich so arg schwäbisch spreche; hier hör' ich's all Ritt, daß ich noch tüchtig schwäbeln muß. Es ärgert mich aber, wenn sie mich immer so beschreien. Sag' ich etwas, so heißt's gleich: »Ach wie hübsch ist das Schwäbische, wie eigenthümlich drücken Sie sich aus.« – Donner! Laßt doch das. Was liegt an dem, wie man es sagt? es kommt darauf an, was man vorbringt. Was liegt an der Schüssel? Die Hauptsach ist, was drin ist. Letzten Sonntag war ich auf der Herberg, und war so lustig wie ein Vogel im Hanfsamen. Ich weiß nicht warum, aber es war mir so wohl, wie wenn ich was Rechtschaffenes gethan, oder wie wenn ich morgen ein großes Glück zu erwarten hätt'. Ich hab' nun gesungen und bin gesprungen, daß sie Alle still gewesen sind und haben mir zugesehen und zugehört. Da kommt ein Kamerad – er ist aus Prenzlau, hier in der Nähe – auf mich zu und sagt: »Händle, du bist ein ganzer Junge. Bitte, sag' 'mal, sind alle Schwaben so wie du?« – Das war doch gut gemeint von dem Prenzlauer, aber ich kann dir nicht sagen, wie mich's erzürnt hat. Beim Blitz! Ich bin ein Kerl für mich, und was ich Gutes und Schlimmes an mir hab', das hab' bloß ich und niemand anders zu verantworten. Ich will nicht, daß man einen Einzigen, der Einem in den Wurf kommt, für den Musterknopf hält, und glaubt, die wo noch im Päckle sind, seien nach derselben Form gemodelt, accurat Einer wie der Andere. Nein, bei den Menschen muß Jeder besonders angesehen werden. Ich muß dir nämlich sagen, woher ich so auf den Gedanken versessen bin. Ich war Sonntags vorher in einem Kaffeehaus und hab' ein Glas Bier getrunken. Da kommen zwei Leutnants, es waren keine blutjungen Bürschchen, denen könnt' man's noch vergeben, es waren gesetzte Männer, wenigstens so Anfang der Dreißig. Sie fordern eine Cigarre und eine Tasse Kaffee, haben dir aber dabei ein Geschrei und einen Lärm verführt, ein ganzes Regiment Russen kann's nicht ärger machen. Und bis der Kellner Feuer gebracht hat, und wie sie hernach Billiard spielen, haben sie dir randalirt und ein Wesens gemacht, als ob sie allein auf der Welt wären; in zwei, drei Zimmern hat man sein eigen Wort nicht gehört. Ein schöner alter Mann mit weißen Haaren, der neben mir sitzt, legt die Zeitung auf den Schooß und sieht sich mißmuthig um. Ich sag' so vor mich hin: »Das sollt' man nicht dulden.« Der Mann beginnt nun ein Gespräch, erzählt, daß er auch in Schwaben gewesen sei, und fragt dann: »Haben Sie nicht gedacht, diese Flausenmacher hier, das sind echte Norddeutsche?« Ich sag': »Ehrlich gestanden, ja.« Er fährt nun fort: »Sehen Sie, wie ungerecht Sie urtheilen. Ich weiß wohl, wenn diese Leute sich in Stuttgart oder Augsburg so benehmen, wird sie Jeder norddeutsche Flausenmacher nennen. Das ist ungerecht. Verdrießt es Sie nicht auch, wenn Sie einen ungeschickten Streich machen und man sagt: so sind die ungeschickten Schwaben? Diese Leute hier gehören nicht zur Mehrzahl, nicht zu den Besseren; die Gediegenen sind immer die Stilleren; die sich nicht vordrängen, sondern bescheiden und ruhig sind. Lassen Sie sich das zur Warnung dienen, guter Freund; beurtheilen Sie die Menschen nicht in Bausch und Bogen, sondern Jeden für sich. Dadurch wird man frei von Vorurtheilen. Allerdings ist das schwer, aber es muß doch sein. Was nun aber diese Offiziere hier betrifft, so ist das traurig, wie sehr sie in Allem begünstigt werden, und sich dadurch vor jedem Bürger etwas herausnehmen. Solange es nicht dahin kommt, daß die Offiziere außerhalb des Dienstes in Bürgerkleidern erscheinen müssen, so lange wird der Uebelstand fortdauern. In Oesterreich z. B. erscheinen die Offiziere in Gesellschaften meist in Civilkleidern, und man hört dort nichts von ihren Anmaßungen, von ihrer Sucht immer obenauf sein zu wollen. Lassen Sie sich's aber überhaupt zur Warnung dienen, keine Vorurtheile gegen uns Norddeutsche mit nach Schwaben zurück zu nehmen.« – Der Mann ging fort, und ich hörte vom Kellner, daß er Arzt und Jude sei. Freilich, weil er ein Jud' ist, muß ihm besonders daran gelegen sein, daß man die Menschen nicht beurtheilt wie eine Heerd' Schafe, sondern Jeden für sich. Und er hat Recht. Siehst du, deßwegen hat mich's verdrossen, daß der Prenzlauer aus mir einen Musterschwaben hat machen wollen. Es sind wenig Schwaben hier, ich weiß nicht warum. Bei uns geht Alles mehr der Donau nach, Wien zu. Und doch müssen wir die Augen auch jetzt hier herauf wenden, denn es summt und surrt hier Alles durch einander, wie in einem Bienenstock, der stoßen will. Wir wollen sehen, was daraus wird. Gescheidt sind sie hier wie der Tag, und schnell bei der Hand, aber sie haben nicht lang Freud' an einer einzigen Sach'. Das ist traurig. Wunderlich ist auch: die Berliner haben keine rechte Freud' an sich selber. Wenn sie draußen sind, geht Nichts über Berlin, und daheim spotten sie allzeit über sich. So sind die Menschen! Das ist aber Nichts; man muß zuerst auf sich selber 'was halten. Es sind hier aber auch gar viele Leute aus allen Gegenden, die noch nicht recht eingewachsen sind. Am besten komme ich mit den Westphälingern, Rheinländern und Schlesiern aus. Da ist ein Kleiner, ich heiß' ihn nur das Männle, das ist ein Herzmensch. Alles, was er sagt, schmeckt so nahrhaft, wie gutes Kernenbrod. Da ist ein Rheinländer, der war lang in Tyrol und singt prächtig und ist ein Hauptkerl, und die Schlesier singen auch fast so wie wir. Und der Mecklenburger, der kann so von Grund der Seele lachen, daß man's ihm gleich anmerkt: das ist ein guter Mensch. Ich hab' schon oft wahr gefunden: wie Einer lacht, davon läßt sich viel abnehmen. Sonst lachen die Leute hier nicht viel, besonders hab' ich's nie bei denen gesehen, die auf der Straße arbeiten, Holz hacken u. dergl. Da hörst du keinen Spaß; sie necken sich auch, aber ganz anders wie bei uns. Hier sind sie auf den Witz versessen, und man hört viel erzählen, von hohen Herren wie von Anderen; das ist alles pfiffig, aber lachen braucht man nicht dabei. Der Schnaps! der Schnaps! Bruder, das ist ein Elend. Man spottet oft darüber, daß in Bayern sich die Regierung so viel mit dem Bier beschäftigt; das ist gar nicht lächerlich, im Gegentheil, man braucht nicht immer an sogenannte hohe Dinge zu denken. Es ist eine schöne Pflicht, von Staatswegen darauf bedacht zu sein, daß die Armen billige und gesunde Nahrung bekommen. Das wär' ein Kapitel, darüber ließe sich viel sagen. Oder sind wir Bäcker allein der Aufsicht werth? Der Mensch muß auch was zu trinken haben, und darum sollte man nicht ruhen, bis man was ausfindig gemacht hätt', das dem Schnaps den Garaus macht. – Ich bin ihm besonders auch deßwegen feind, weil man dabei nicht singen kann. Du hörst hier wunderselten einen Gesang. Die Wirthshäuser sind hier aber auch meist in den Kellern. Da ist Einem schon ganz eigen zu Muth, wenn man so unter den Boden hinuntersteigt; ich hab' immer frisch Athem geholt, wenn ich wieder heraus war, es ist nicht recht fröhlich da unten. Eine große Freiheit ist hier, die wir bei uns nicht haben, und die den Wirthen bei uns auch Wohlgefallen möcht': es ist hier gar keine Polizeistunde, wo in den Wirthshäusern abgeboten wird. Da sitzen aber die Menschen so still bei einander, wie wenn das Trinken ein Geschäft wäre. Sie freuen sich hier überhaupt nicht so behaglich an einem guten Bissen und an einem guten Trunk, wie wir; das halten Viele für zu gemein, zu niedrig. Es braucht ja nichts Ausgespitztes zu sein, was man hat, wenn man nur vergnügt dabei ist – so mein' aber Ich. Man genießt bei uns das Leben viel mehr als hier, wir machen uns fröhlicher damit. Wenn's auch noch schlimm aussieht in der Welt, man kann doch nicht immer den Kopf hängen; wenn die Zeit kommt, kann man schon den Kopf hängen lassen. – Kann aber sein, die Leut' sind hier innerlich vergnügt; was hab' ich aber da davon? Wenn man bei einander ist, muß man mit einander vergnügt sein, und Jeder muß hergeben, was er hat. Das ist aber nicht wahr, wenn man bei uns meint, sie hätten hier nichts zu beißen und zu schleißen; man ißt hier auch tüchtig, wenn man was hat. Sie kochen aber Alles so süß, daß ich mich noch immer nicht recht daran gewöhnen kann. Denk nur, sie machen hier auch Suppen, von was meinst du? Von Weißbier. Ich kann's' nicht essen, es schmeckt wie Lakritz. Ländlich sittlich, das gilt auch vom Essen, Gewohnheit thut Alles; aber Biersuppe, die bring' ich nicht hinab, und pures Weißbier auch nicht. Das wird in langen Gläsern aufgetragen und ist fast lauter Schaum. Ich will aber was Festes haben, was thu' ich mit dem Schaumwitz? – Jetzt genug vom Essen und Trinken, sonst meinst du, das sei mein ewig Dichten und Trachten; aber man versteht die Menschen bester, wenn man weiß, was sie gewöhnlich essen. Wenn Einer sechs Stück Kuchen verspeist hat, ist er noch just wie vorher; wenn aber Einer ein tüchtig Stück Fleisch und einen Schoppen Wein im Leib hat, ist er ein anderer Kerl.

Es ist eine sonderbare Sache mit unserm Handwerk. Wenn andere Leute wachen, schlafen wir, und umgekehrt. Wenn ich so des Nachmittags ausgeschlafen hab', und an der Thüre stehe oder in der Stadt herumlaufe, da ist mir's, wie wenn ich die Welt mit neuen, mit ganz anderen Augen ansähe, als andere Menschen. Die sind jetzt schon bald müd, und ich bin erst frisch aufgestanden. Da komm' ich mir oft ganz fremd vor in dieser Welt, wo die Leut' leben, wie wenn Alles am rechten Fleck wär'. Ich möcht' das Berlin oft an einen andern Platz tragen, wo auch Berge sind, und ein schönes Wasser: das macht die Menschen frischer. Aber solche Gedanken sind jetzt für die Katz. Es ist nun einmal da, und wir müssen uns daran gewöhnen, es für die erste Stadt von Deutschland anzusehen; es wird's gewiß. Nachher werden die Berliner auch mehr Respect vor sich selber kriegen, ich mein' den rechten, und etwas aus sich machen. –

Die Tafeln an den Häusern machen mir viel zu schaffen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel hundert, ja vielleicht tausend Hofmacher hier sind; ich meine Hofkleider-, Hofschuh-, Bürsten-, Reitpeitschenmacher u. s. w. Wo so eine Tafel ist, da ist das vergoldete preußische Wappen dabei mit den zwei wilden Männern. Ich hab' mir sagen lassen: hier hat jeder Prinz und jede Prinzessin das Recht, Einen zum Hof zu machen. Ich denk' aber, und weiß das aus Erfahrung von den zwei Hofbäckern, bei denen ich in Arbeit gestanden hab': wenn so Einer einen Hoftitel hat, zählt er sich schon nicht mehr recht zum Bürgerstand; er meint, er müsse jetzt durch die Bank Alles vertheidigen und prächtig finden, was vom Hof ausgeht. So Einer, der eine Hofreitpeitsche macht, meint, er sei ein Stück von der Regierung. Ich will nicht sagen, daß das bei Allen so ist, aber doch bei Vielen. Ueberhaupt fehlt mir's hier an Bürgersleuten; sie sind gewiß auch tüchtig da, aber man merkt's nicht so. Freilich macht das schon viel aus, daß Alles nach der Mode geht. Es ist hier ein grausamer Staat in Kleidern. Du siehst hier fast kein Bürgersmädchen ohne Hut, wo man die netten, runden Köpfchen so von allen Seiten sehen kann; Alles trägt Hut und Schleier, sogar viele Dienstmädchen, wenn sie Sonntags ausgehen. Ich weiß wohl, wir leben in der Zeit der Gleichheit, wenigstens was Kleider anbetrifft; man schmiert's nicht Jedem aufs Brod, wer man ist, und daß man sich durch Kleider unterscheidet, ist noch von alten Zeiten her, die nichts mehr gelten. Ich mein' aber, wir Bürgersleute sollten solider sein und den Kleiderstaat nicht so mitmachen. Hab' ich Recht oder nicht? Der Tapezier, der bei uns im Haus wohnt, der trägt die abgelegten Redensarten von vornehmen und gelehrten Leuten, und aus den Zeitungen. Anfangs, wie ich ihn kennen lernte, hab' ich einen grausamen Respect vor ihm gehabt; ich hab' gemeint, das ist ein Professor, und hab' mich für schrecklich dumm im Vergleich mit ihm gehalten. Nachher aber hab' ich gesehen, daß er die Redensarten bald ausgespielt hat, und dann war's Matthäi am letzten. Nein, man muß, wenn's geht, sich die Kleider auf den Leib anmessen lassen, und so geht's auch mit den Redensarten. Man muß nur die nehmen, die man grundmäßig versteht, und die Einem eigen sind. – Viel Spaß macht mir auch der kleine Bub von dem Tapezier, der lernt jetzt sprechen, und kann nur die drei Worte: Papa, Mama, Schandarm. Du glaubst kaum, was die Schandarmen hier für eine Rolle spielen. Es sind meist schöne Männer mit stolzen Gesichtern, und sind schön gekleidet, viel besser als die Leut', die sie einfangen. Die Fiaker, die sie hier Droschken heißen, machen einen Höllenlärm auf der Straße. Durch die Droschken sind auch die Eckensteher überfahren worden, d. h. es giebt keine mehr. Ich hätt' gar zu gern so einen Nante einmal kennen gelernt. – Man sieht hier viel Leut' auf der Straß, die haben ein schwarz und weißes Blech an ihrem Hut, gerad neben die Hutschnur geheftet. Ich hab' anfangs gemeint, das seien Polizeileut'; es ist aber nicht so, sie tragen die preußische Kokarde. Das zeigt an, daß sie noch keine Zuchthausstrafe gehabt haben, denn wer die gehabt hat, darf sie nicht mehr tragen. Nun möcht' ich wissen, was dabei zu berühmen ist? Bei uns hat ein Zuchthäusler kein landständisches Wahlrecht mehr, und – es giebt Länder, wo man das von Geburt an nicht hat.

Es müßte herrlich aussehen, wenn alle Deutschen aus den verschiedenen Ländern Kokarden am Hut stecken hätten, da wär' Jeder ein lebendiger Grenzpfahl.

Sonntags hört man hier fast gar keine Glocken läuten, wahrscheinlich weil keine Berge da sind und es nicht widerhallt. Das thut mir leid. Ich bin erst zweimal in der Kirche gewesen; ich muß in die unrechte gekommen sein. Nein, wenn der Mensch von Natur ein so verteufeltes Geschöpf ist, wie der Pfarrer gesagt hat, da möcht' ich lieber ein Hund und kein Mensch sein. – Denk nur einmal Bruder, des Sonntags stricken hier die Weiber ganz öffentlich; bei Kroll oder wohin sie sonst zur Musik gehen, sitzen sie da und stricken. Ich bin gewiß kein Frömmler, aber des Sonntags könnt' man das bleiben lassen, und dann halt' ich nichts auf die Weiber, die vor aller Welt so fleißig thun, gerad wie sie in Sachsen beim Spazierengehen stricken. – Sie streiten sich jetzt hier, ob man an öffentlichen Vergnügungsorten den Hut aufbehalten oder 'runterthun soll. Ich mein', das sollte gar keine Frage sein, daß es Jeder halten kann wie er will.

Es gehen hier aber auch noch wichtigere Dinge vor. Du wirst in den Zeitungen gelesen haben, man spricht davon, daß der König jeden Tag eine Verfassung geben will, wie sein Vater heilig versprochen hat. Bruderherz! Ich habe die besten Menschen gesehen, denen die Augen glänzen, wenn sie davon sprechen. Ich könnt' dir viel davon erzählen, ich weiß aber nicht, ob's geht. Ich hab' mich aber in die Seel' hinein geschämt, wie mich mein Westphälinger gefragt hat, ob unsere Verfassung eine freie sei, und was wir für Rechte haben. Ich hab' sagen müssen, ich weiß es nicht, und da hab' ich mich recht geschämt. Ich hab' mir sie aber im Buchladen bestellt, und wenn ich heim komm', sollst du mich darin beschlagen finden wie im Katechismus.

Ich hab' den König auch schon oft gesehen, er geht immer in Militärkleidern.

Mein Meister ist ein braver, grundgescheidter Mann, und kennt nichts von Stolz. Ich weiß nicht, woher es kommt, hier werden die Bäcker gar nicht so dick wie bei uns. Wenn du meinen Meister auf der Straße siehst, hältst du ihn für einen vornehmen Mann, heißt das, er ist ein vornehmer Mann, weil er ein tüchtiger Bürger ist, das ist ja das Vornehmste: aber ich mein', du hältst ihn für einen Mann mit einem Titel. Den hat er auch aufzuweisen, denn er ist vom Vorstand beim Gesellenverein. Das ist gut, daß ich darauf zu reden komm'. Es freut mich in der ganzen Seel', wenn ich an den Gesellenverein denke. Da lernt man Menschen kennen. Bruder! Ich sag' weiter nichts als: man lernt Menschen kennen, und das ist genug; das ist das Höchste und Beste. Wenn ich dir's nur recht vorstellen könnte, wie schön und gut das im Gesellenverein ist. 400-500 Mitglieder, Gesellen, Meister und auch gelehrte Leut' haben sich da zusammengethan, um einander brüderlich das Leben schön und gut zu machen. Man bezahlt monatlich neun Kreuzer, und dafür hat man Holz und Licht frei, und die Bücher und die Zeitung. In einem großen Saal trifft man da jeden Abend nach acht Uhr seine Leute, besonders aber am Montag und Donnerstag. Da werden zuerst Vorträge gehalten über alles Nützliche und Schöne, nachdem ein paar Lieder gesungen sind, und dann kann man sich über Alles offen befragen bei den gelehrten Leuten, und was sie nicht wissen, das steht in den Büchern gedruckt. Dann setzt man sich zusammen, und trinkt ein Glas Bier, singt noch eins oder bespricht sich zutraulich. Ich werde mein Lebtag nicht vergessen, welche durch und durch vergnügte Stunden ich da verbracht habe, und was für echte Menschen ich da kennen lernte.

Ich will dir das Nächstemal noch mehr davon schreiben, und auch noch über andere Sachen.

Leb wohl. Dein getreuer Bruder

Anton Händle.

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