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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 24
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Vom zertretenen Korn.

»Es giebt nichts Schöneres,« sagte der Pfarrer vom Berge, der mit seinem Schultheiß – oder wie es nach dem neugebackenen Titel jetzt heißt; mit seinem Ortsvorstand – in Amtsgeschäften aus der Stadt zurückkam, als sie die Hochebene erreicht hatten und den Fußweg durch die hohen Kornfelder einschlugen, »es giebt nichts Anmuthenderes, als so hinzuschreiten durch das wogende Feld, und mir thut das noch wohler als ein Waldgang. Diese Saat ist mit Gottes Hülfe unsere eigene Arbeit, und seht, Schultheiß, der Roggen steht gleich auf mit Eurem Hute. Das Getreide hat für mich etwas besonderes Heiliges, das grünt und sproßt und blüht, und hat es seine Frucht gezeitigt, so stirbt es ab, bleibt nicht für sich wie der Baum: es scheint nur für die Frucht, für des Menschen Nahrung zu leben.«

Der Schultheiß hörte ruhig zu, er nickte mit dem Kopfe, aber um seine Lippen spielte ein seltsames Lächeln, und als jetzt der Pfarrer, fast als spürte er das Lächeln hinter seinem Rücken, sich umwendete, und den Schultheiß zutraulich fragte, was er wieder habe, er sehe ihm was Verstecktes an, da sagte der Schultheiß: »O Herr Pfarrer, bei Ihnen ist man immer in der Kirche, und Sie gehen auf dem Boden herum wie im Himmel. Aber Herr Pfarrer, mit Verlaub, das ist mir viel zu fein, und nun gar für die da drin! Sagen Sie das Einem im Ort, und es ist wie wenn man einem Ochsen ins Horn kneift, er spürt nichts davon. Mir gehen, wenn ich mich da umsehe, ganz andere Gedanken im Kopf herum.«

»Nun? Darf ich sie nicht wissen?«

»Freilich, schauen Sie, das ist mein Acker. Da ist kein Weg, aber die Leute haben sich einen mitten durch gemacht, und es giebt nichts Äergerlicheres als das; denn schauen Sie, es ist nicht genug, daß Eines Platz hat, die sich begegnen müssen einander ausweichen, und sie treten oft noch mit Fleiß nebenaus. Und da liegt mindestens ein gehauftes Malter Korn, das die Leute da niedergetreten haben, und Keiner macht sich ein Gewissen daraus, die gute Gottesgabe unter den Fuß zu treten. Es ist ein guter Brauch, daß man keine Brosamen auf den Boden wirft, und wo sie sind aus dem Wege kehrt; aber da, das ist doch auch Brod, und wenn die Leute nur dreißig Schritte Umweg machen wollten, da drüben geht der Rain: aber was ficht das die Leute an? Sie suchen den nächsten Weg. Ich habe Alles gethan, um den Durchgang zu versperren. Sehen Sie, dort liegen die Dornen, aber sie haben mir sie nebenan geworfen: dort habe ich Graben gehackt, aber was hat's genützt? Sie treten jetzt im Halbkreis drum herum, und ich habe doppelten Schaden. Es geht mit den Dornen und Graben wie mit den Gesetzen im Verordnungsblatt, sie richten oft noch mehr Schaden an als sie verhüten wollen, denn der Flurschütz kann nicht überall sein, und wenn's Niemand sieht, thut Jeder was er will, und ist noch bös, weil man ihm was in den Weg gelegt hat, und freut sich, daß er drüber hinaus kann.«

»Wenn man nur wüßte,« entgegnete der Pfarrer, »wer zuerst diesen Weg durchs Feld gemacht; denn so ist einmal der Lauf der Welt: hat der Eine zuerst die Sünde gethan, so geht der Andere in den Fußstapfen nach, und denkt: jetzt schadet's nichts mehr.«

»Und der Erste denkt vielleicht,« ergänzte der Schultheiß, »man sieht meinen Schritt nicht, und ich bin schnell darüber weg, es schadet nichts, das Verdorbene richtet sich wieder auf, oder eigentlich – und das ist am meisten der Fall – er denkt gar nichts dabei.«

Der Pfarrer ging still vor sich hin, und an seinem Hause schüttelte er dem wackern Schultheiß nochmals die Hand.

In der Erntepredigt, die alljährlich gesetzmäßig gehalten werden muß, überraschte der Pfarrer seine Zuhörer mit einer seltsamen Auseinandersetzung. Er erklärte ihnen, wie wohlthuend es sei, daß man sich allsonntäglich zu gemeinsamer innerster Sammlung und Kundgebung seiner Wünsche und Bestrebungen einige im Gebet, und wie der Geistliche nur ein Vordenker sei, der der Gemeinde das darbringe, was die Besten aller Zeiten gedacht, und wieder in ihm erweckt zu gemeinsamer Belebung; dann aber sagte er, daß das noch erhebender sei, wenn der Geistliche nicht immer allein aus den überlieferten Schriften und aus dem eigenen Herzen spreche, sondern auch, wenn er seinen Mund leihe dem Denken und Fühlen Derer aus der Gemeinde, so daß sich wahrhaft eine Gemeinde des Geistes bilde. Und nun ging er auf die Betrachtung der durch das Feld getretenen Wege über. Er verpflichtete sich zuerst feierlich von der Kanzel, nie mehr einen Weg durchs Feld zu gehen, der nicht eigens dazu angelegt war, und er verpflichtete einen Jeden, auf sich selber zu achten und Andere dazu anzuhalten, daß ein Gleiches geschehe. Zuletzt erzählte er aus der Bibel, daß man im Lande Kanaan gesetzlich ein Stück des erntereifen Ackers stehen lassen mußte für die Armen und Besitzlosen, und so legte er den Großbauern ans Herz, dasjenige, was durch die Feldwege bisher niedergetreten worden sei, noch als ein Uebriges zu dem Gewöhnlichen an die Armen zu vertheilen.

*

Sieh dich nächstes Jahr in deiner Gemarkung um, was diese Mahnung für Frucht getragen hat.

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