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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 21
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Neue Gewerbvereins-Satzung.

Die Gewerbevereine sind die natürliche, zeitgemäße Erneuerung des alten Innungsverbandes, ihr besonderes Augenmerk muß darauf gerichtet sein, die Errungenschaften, die auf dem Gebiete der Wissenschaft wie der Erfahrung gemacht werden, zum Nutzen Aller zu verallgemeinern, neue Absatzwege für die Arbeitserzeugnisse zu eröffnen und Hülfskassen aller Art zu errichten.

Der Gewerbverein zu ** stand in voller Blüthe, und seitdem der Vetter Andres beigetreten ist, hat er vielfach die spielerischen Großthuereien daraus entfernt, und mit Recht wurde der Vetter deßhalb einstimmig zum Vorsitzenden ernannt. Bei der letzten Jahresversammlung hielt Vetter Andres einen eindringlichen Vortrag über einen der wichtigsten Gegenstände, nämlich über das allmähliche Verschwinden fester Kunden. Er erklärte, wie zwei Dinge hierzu mitwirken, die sich nicht abändern lassen. Das sind erstens die Magazine fertiger Waaren, wo der Käufer in keine Beziehung mehr zum Gewerbsmann tritt, und damit hängt das Zweite zusammen, daß durch die neuen Verkehrswege, durch die rasche Verbindung zwischen verschiedenen Städten und Ländern man den Bedarf nicht mehr vorzugsweise an seinem Heimathsorte sich anschafft. Ein Drittes aber, setzte er hinzu, ist viel weniger sichtbar, und doch am wirksamsten. Eben die Magazine fertiger Waaren haben in den Verbrauchenden eine ungeduldige und kurzangebundene Hast hervorgerufen, daß man nicht mehr warten will, bis man ein besonderes Gewünschtes erhält; Alles wird auf Knall und Fall bestellt, und in dem Gewerbsmann hat sich dadurch ein großer sittlicher Schaden ausgebildet, und der besteht in falschen Versprechen oder einfacher im Nichtworthalten, grad heraus im Wortbruch. Der Gewerbsmann will sich den Verdienst nicht entgehen lassen, und obgleich er weiß, daß er die gesetzte Frist nicht einhalten oder besten Falls nur mit schlechter Arbeit einhalten kann, verspricht er doch auf Tag und Stunde hin. Daraus erzeugt sich neben Anderem eine Verstimmung und Mißachtung, und wer selber treulos ist, dem hält man auch die Treue nicht, und so geht man beim nächsten Bedarf zu einem Andern. Darum sollte es ein Hauptaugenmerk der Gewerbtreibenden sein, dem Bestellenden zu erklären: in dieser und dieser Frist ist es überhaupt, und mir besonders nicht möglich, das Verlangte zu liefern. Freilich darf der alte Meister Schlendrian, der seine besondere Freude am Liegenlassen und Vergessen hat, dabei nicht im Hintergründe stehen und flüstern: Man braucht's nicht so genau zu nehmen. Genau und fest sei Wort und That. Könnt euch darauf verlassen, daß in den meisten Fällen nach einer offenen und wahrheitsgetreuen Erklärung der Besteller feinen Auftrag nicht zurückziehen wird; vielmehr wird sich daraus ein dauerndes und treues Verhältniß bilden, denn die Mehrzahl der Menschen ist doch noch so, daß es ihnen wohlthut, wenn sie der Geradheit begegnen und nicht mit schuld sind an dem sittlichen und wirthschaftlichen Verderb ihrer Mitmenschen. Probirt es nur, und ihr werdet sehen, was daraus erfolgt. Treue wird mit Treue belohnt, und darum wollen wir uns hier feierlich und gemeinsam das Wort geben, daß wir alle Fahrlässigkeit abthun und allezeit dem Arbeitgeber Wort halten.

Ja! rief es einstimmig aus der Versammlung, und Hunderte von arbeitsharten Händen streckten sich in die Höhe.

*

Du, der du das liesest und zu dem ehrenhaften Gewerbstand gehörst, lege die Hand auf dieses Blatt und gelobe das Gleiche von dir selbst. Wirst sehen, es wird dir Ehre vor dir und Ehre und Nutzen vor den Menschen bringen.

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