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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 14
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Vom Marktgang.

»Auch zu Markte gewesen?« rief der Pfarrer vom Berge, auf dem Heimwege stehen bleibend, dem nachkommenden Bürgermeister und dessen Frau zu; und als der Bürgermeister bei ihm stand, bot ihm der Pfarrer eine frische Prise aus seiner Buchsbaumdose, die er oft stundenlang in der Hand hält.

Der Bürgermeister dankte und sagte: »Ja, hab' ein Paar Ochsen kaufen wollen zum Mästen, aber sie sind zu theuer, warte lieber bis auf den nächsten Markt.«

»Das ist schön,« sagte der Pfarrer, »daß Sie mit einander heimgehen. Es hat für mich immer etwas Aergerliches, wenn der Mann seine Frau voraus heimschickt, um sich noch allein lustig zu machen; eine Lustbarkeit, die man nicht gemeinsam haben darf, ist keine rechte.«

»Ja,« ergänzte die Bürgermeisterin, »da könnt' ich über meinen Mann nicht klagen, der blieb' um Alles in der Welt nicht allein; er hätt' wohl noch einen Schoppen trinken können, aber ich muß heim, beim Abendessen muß doch Eins von uns mit dabei sein, und da ist er eben mit.«

Der Bürgermeister sagte schmunzelnd: »Wenn du mich nur loben kannst! Aber es ist nicht lauter Gutheit, daß du's thust, du weißt wohl, daß du dir den Rahm davon abschöpfen darfst. Es ist Einem halt nirgends wohler als daheim, und wenn's nicht wär', daß man auch einmal unter die Leute käme und sähe, was das Sach gilt, und was Kauf und Lauf ist, ich käme das ganze Jahr nicht über unsre Gemarkung hinaus.«

»Hat die Frau Bürgermeisterin etwas eingekauft?« fragte der Pfarrer.

»Nein, ich hätt' schon, aber ich habe nichts gefunden, was mir angestanden hat.«

»Da sehen Sie die hoffärtige Frau,« spottete der Bürgermeister. »Und in den Jahren! Ist das erhört?«

Die Bürgermeisterin wurde über und über roth, als sie entgegnete: »O, dagewesen wäre schon was ich brauche, aber es hat mir kein Verkäufer gefallen.«

»Jetzt will sie mich auch noch eifersüchtig machen,« lachte der Bürgermeister, und der Pfarrer fragte: »Was ist Ihnen denn geschehen?«

»Ja,« fuhr die Bürgermeisterin fort. »Auf dem Markt ist mir heute die Welt so schlecht vorgekommen, daß mir das Herz im Leibe gezittert hat. Da sind die Sechskreuzerbuden, wenn man da was kauft, weiß man doch gleich, um wie viel man angeschmiert ist; aber ich brauche nothwendig eine Sonntagsjacke, die ich da anhabe, paßt nicht mehr. Da bin ich nun von Bude zu Bude, das Zeug hätt' mir schon gefallen, aber wo ich ein Anbot gethan habe, hat jeder Krämer und seine Frau und sein Kind und sein Diener, Alle haben sie geschworen: auf Ehr' und Seligkeit, ich kann es nicht so geben! Bin ich dann fortgegangen, haben sie mir nachgerufen und haben mir's doch geben wollen, aber ich habe es nicht mehr genommen.«

»Die Weiber können halt das Feilschen nicht lassen. Warum hast du was abhandeln wollen? Du bist gewiß wieder bei den Juden gewesen; die Weiber sind teufelmäßig darauf erpicht, bei den Juden einzukaufen, sie meinen, sie kriegen's da halb geschenkt.«

So höhnte der Bürgermeister, und seine Frau erwiderte: »Nein, nein, ich bin bei Juden und Christen gewesen, bei Katholischen und Evangelischen, und überall ist das Gleiche, wenn auch mit andern Redensarten: auf Ehr' und Seligkeit; ich soll da Gift mit hineinrauchen; mir soll das Zündhölzchen auf der Seele verbrennen; ich soll verdammt und verloren sein, wenn ich's um den Preis geben kann, und so und so. – Mir ist's auf einmal ganz heiß geworden, daß die Menschen ihr Bestes verpfänden wegen ein paar Groschen, und ich hab' keine Jacke gewollt, worauf das verpfändet ist; mir ist's gewesen, wie wenn das Kleid einen geheimen Schaden, einen Schmutzfleck hätte, den Niemand sieht, und den man doch nicht herauskriegen kann, und ich hätte mich geschämt, mit so einem Kleid, an dem solch eine Sünde hängt, in die Kirche und zu Gottes Tisch zu gehen. Lieber bleibe ich bei meiner alten Jacke und warte, bis ich einmal einen ehrlichen Kaufmann treffe.«

»Ja,« sagte der Pfarrer, »und Gott weiß es, daß Sie in diesem Kleide ihm mehr dienen, als in dem besten Putze. Das, was Sie gethan haben, macht mich ganz glücklich; das ist die echte Rechtschaffenheit. Nicht nur wer eine Sünde thut, hat den Fehl auf sich, nein, auch wer sie geschehen läßt. Ja, es ist fürchterlich, was in einem solchen Marktgewühl zertreten wird! Aber das ist die rechte Liebe zu Gott, wenn wir überall der Wahrheit gedenken, und aller Orten die Rechtschaffenheit predigen, sei es durch Worte, sei es durch Thaten. Haben Sie Einem der Krämer gesagt, warum Sie sich von ihm abwendeten?«

»Ja, Einem, aber nachher Keinem mehr; denn ich bin ausgelacht und ausgeschimpft worden, daß ich geglaubt habe, ich müßte in den Boden sinken.«

»Auch das muß man sich gefallen lassen, verspottet zu werden, weil den Menschen die Tugend zu kleinlich erscheint. Der Frohmuth, der den Menschen erfüllt, wenn er weiß, etwas Rechtes gethan, und etwas darum erlitten zu haben, ist der gottselige. Das Beste wäre, wenn recht Viele ihn empfänden, sie würden sich dessen nicht rühmen und sich nicht damit brüsten, sondern glücklich sein, und immer nach weiterem, nach höherem Glücke streben.«

Man ging geraume Zeit still neben einander her. Als man auf der Anhöhe des Dorfes ansichtig wurde, sagte der Pfarrer wieder: »Jetzt hab' ich etwas Besseres, als eine Tanzweise, die mir sonst noch im Ohre klang, wenn ich vom Markte heimkehrte; und doch hat mich's wahrhaftig wehmüthig gemacht, daß auf dem Jahrmarkt keine Tanzmusik mehr sein darf; das ganze Getreibe hat so etwas Todtes, Gespenstiges, Beengendes, und sonst war's, wie wenn die Leute auf den Straßen nach der Musik in den Wirthshäusern hin und her gingen.«

»Sie sind der erste Pfarrer,« sagte der Bürgermeister wieder in seiner neckischen Weise, »Sie sind der erste, der der Tanzmusik das Wort redet.«

»Weil ich weiß und will, daß die Menschen sich in Heiterkeit ihres Daseins freuen mögen. Wegen dieses oder jenes Unfuges, der dabei geschehen kann, hat die Staatsgewalt mit ihren unzähligen Helfern und Dienern nichts thun können als – einen Strich durchmachen, aus ist's, verboten, bei so und so viel Strafe. Das ist leicht, aber auch jämmerlich. Den Menschen eine Freude nehmen, heißt sie arm machen und verderben. Das Leben hat Kummer und Lasten genug, man braucht nicht noch das Wenige was von Heiterkeit drin ist, mit dem Polizeistock todtzuschlagen.«

»Ja, und da haben Sie Recht,« sagte die Bürgermeisterin, »sehen Sie, dort hinter dem Berge im Wolfseck, dort liegt das Hofgut meines Vaters, und noch jetzt lacht mir das Herz im Leib, wenn ich daran denke, mit welcher Heiterkeit ich zum Jahrmarkt gegangen und wieder heimgekehrt bin. Draußen auf dem Hof ist es das ganze Jahr so einödig und still, man sieht keinen Menschen und hat keinerlei Gelegenheit zur Lustbarkeit, wenn man auch mit sich zufrieden ist; da war der Jahrmarkt ein wahrer Jubeltag, und wenn man heim war, und schon lange im Bett gelegen ist, hat man noch immer die Tanzmusik im Ohr gehabt, und die neuen Ländler andern Tags einander vorgesungen, und Eins hat dem Andern im Wiederfinden der Weise ausgeholfen, bis man sie endlich ganz beisammen gehabt hat.«

»Und das Beste vergißt du!« lachte der Bürgermeister wieder. »Auf dem Tanz am Jahrmarkt haben wir uns kennen gelernt. Weißt noch den Ländler, den wir zuerst mit einander getanzt haben? ›Kraut im Häfele, Supp' im Kächele.‹ Weißt? das geht drauf. Freilich, damals bin ich noch ein Bursche gewesen, der eine Gerte in der Hand gefuchtelt hat, und nicht wie jetzt sich auf einen Stecken stützt, und da hinüber auf Wolfseck, das war für mich ein Katzensprung. Beim Sternenschein bergauf und bergab und gejodelt und gesungen. Ich weiß nicht, wie die jungen Leute jetzt einander kriegen: es wird noch so weit kommen, daß man bei Amt eine Klassenlotterie macht wie bei der Rekrutirung, und die das gleiche Vermögen haben und das gleiche Loos ziehen, müssen einander heirathen. Wenn die Welt so fortgeht, stirbt alle Lustbarkeit aus, und die Welt nach und nach selber.«

»Der alte Gott lebt noch,« sagte der Pfarrer. »Das Menschenherz ist unverwüstlich, sie können darauf herumtrampeln mit ihren Polizeistecken, und darauf herumkritzeln mit ihren Kanzleifedern, sie können's doch nicht tödten.«

Man trennte sich am Pfarrhause, und obgleich Keines der Drei etwas eingekauft hatte, war es einem Jeden doch noch den ganzen Abend, als ob es ein besonderes unnennbares Marktgeschenk bekommen habe. Als es Nacht geworden war, und der Pfarrer am offenen Fenster hinauf sah zu den Sternen, und hinaus auf die stillen dunkeln Berge, hörte er im Hause des Bürgermeisters einen alten Ländler singen, und unwillkürlich sang er leise mit in die dunkle Nacht hinein.

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