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Schatzkästlein des Gevattersmanns

Berthold Auerbach: Schatzkästlein des Gevattersmanns - Kapitel 10
Quellenangabe
authorBerthold Auerbach
titleSchatzkästlein des Gevattersmanns
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
year1862
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171209
projectid129b741d
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Ein Generalstücklein von Kriegsgeschichten.

Die schöne und fröhliche Stadt Mainz ist eine Bundesfestung: es befindet sich nämlich kaiserlich-österreichische und königlich-preußische Besatzung darin, und die Stadt gehört zum Großherzogthum Hessen-Darmstadt. Eines Morgens kommt in ein Wirthshaus oder – vornehmer gesagt – in einen Gasthof am Rhein ein munterer, sauber und schmuck gekleideter preußischer Offizier, ein junges Blut, hat aber eben wenig davon in den Backen, sieht im Gegentheil sehr übernächtig aus, hat sich wohl am vergangenen Abend etwas zu viel zugemuthet, und muß nun einen Rebellen zur Ruhe bringen, dem nicht mit Kugel und Säbel beizukommen ist. Man merkt schon, wie es bei ihm bestellt ist, denn er bestellt sich einen friedenstiftenden marinirten Häring. Der wird auch vom Kellner alsbald aufgetragen, schwimmt ganz appetitlich in einer weißen Brühe mit grünen Kapern, und hat die Friedenspalme und den wohlfeilsten Lorbeer im Maul. Der junge Mann schneidet dem ruhigen Fisch mit Behagen den Kopf ab, und nickt zufrieden, während er das Mittelstück verspeist. Nicht weit davon sitzt ein epaulettenloser österreichischer Offizier vor einem Schoppen Laubenheimer, wünscht dem preußischen Kameraden einen gesegneten Appetit, und fährt dann zutraulich fort: »Nicht wahr, Herr Kamerad, das ist ein Gusto, 'was Delikates? Bin in Italien gestanden, da wachsen diese an Sträuchern.«

»Sie scheinen heiter aufgelegt,« erwiderte der Preuße, »aber ich muß Sie ersuchen, mir derartigen Schnickschnack nicht aufbinden zu wollen.«

»Gar kein Schnickschnack, ist mein voller Ernst.«

»Lächerlich! wie können Sie so was behaupten?«

»Und ich sag' Ihnen, ich hab's selbst gesehen, sie wachsen an Sträuchern.«

»Und ich will jetzt keinen derartigen Scherz! Suchen Sie sich einen Andern für dergleichen lächerliche Behauptungen.«

»Gar nichts Lächerliches, es ist so, Sie können mir's glauben, ich hab's mit eigenen Augen gesehen.«

»Dann werde ich Ihnen den Staar stechen,« sagt der Preuße aufbrausend, dem noch etwas Verstimmung im Magen gelegen haben muß. »Ich bin es müde, mich mit solch albernem Scherze necken zu lassen.«

»Das ist zu viel,« sagt der Oesterreicher.

»Nun denn,« fährt der Preuße hitziger fort, »so kommen Sie morgen früh um neun Uhr in den Mombacher Wald mit einem Secundanten, und ich werde Ihnen mit einer Kugel Antwort geben!« Und damit stürzt er zornig fort.

»Auch recht,« sagt der Oesterreicher, und trinkt ruhig seinen Laubenheimer aus.

Am andern Morgen zur gesetzten Stunde treffen sich die beiden richtig mit noch anderen Kameraden im Mombacher Wald.

Ein Zweikampf wird in aller Ordnung (was man hiebei eben Ordnung heißt) veranstaltet und ausgeführt. Auf ein gegebenes Zeichen schießt zuerst der Oesterreicher, als der Beleidigte und – fehlt. Der Preuße drückt nun los und trifft seinen Gegner in den linken Oberarm; man setzt ihn auf den Boden und verbindet ihm die Wunde. Der Preuße geht auf ihn zu und sagt:

»Nun Kamerad, behaupten Sie noch, daß die Häringe an Sträuchern wachsen?«

Treuherzig erwidert der Oesterreicher: »Mein' ich ja gar nicht die Häringe, mein' ich ja die Kapern.«

»Und doch habt ihr einen Zweikampf ausgefochten!« rufen alle Umstehenden.

*

Nun denk' einmal darüber nach, lieber Leser, ob in dieser kleinen Geschichte nicht das Grundwesen der meisten Kriegsgeschichten enthalten ist?

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