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Schattenspiel

Cäsar Flaischlen: Schattenspiel - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorCäsar Flaischlen
booktitleNeuland
titleSchattenspiel
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Cäsar Flaischlen

Schattenspiel

Eine Morgenwanderung

Und sie zogen aus, als zu einem Mörder, mit Stangen und Schwertern, ihn zu fahen; Hohepriester, Schriftgelehrte und Pharisäer; ...

(Und er saß täglich im Tempel bei ihnen und lehrete sie.)

Nach Matthäi 26, 45.

 

... mich dünkt: es war immer so!
zu Zeiten Sokrates' wie zu Zeiten Jesu, zu
Zeiten Galilei's wie zu Zeiten Luthers! ...

Jost Seyfried.

Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein großer Osterchoral donnerte er über die Gräber und rief zur Auferstehung.

Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem Rütteln; jahrhundert-alte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm Stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen-wollende Lichter die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden und verkroch sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht; es war das Beben der Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.

Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel und die fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit phantastisch-gespenstischem Leben.

Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte, standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf aufgejagt, denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrieen von den Giebeln. Es pfiff und heulte. Thüren und Fenster sprangen auf und schlugen. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf, drohend, wie wenn ...

Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber beteten: der jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott behüt' uns! ...

Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lang nicht! Es wird nur endlich Frühling!

Frühling! und wenn's noch so tobt!

Frühling! ja! ...

Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu steh'n! Und sangen und jauchzten: Frühlingwärts! Morgen-zu! Sonn'entgegen!

Sonn'entgegen! Frühlingssonn'entgegen!

Das war es ja auch!

Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen in uns trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!

Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, ›da sie sich nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter‹, und verloren sich zurück in ihren trübseligen Alltag.

Wir andern aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren jauchzenden Frühlingssturm – und ließen uns, aufschauernd, sein Evangelium in die Seele donnern; das Evangelium des Morgenwerdens.

Weit hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst, und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde Erfüllung unserer Sehnsucht.

Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in den donnernden Sturm und er trug es weiter über die Berge und von den Bergen in die Thäler und jauchzend rief das Echo es zurück.

Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem thörichten Gesange. Der Morgen käme von selber, ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch Nacht und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas Heiliges!

Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt, wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.

Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen und erklommen einen Hügelzug, der ins Thal auslief und von wo sich eine freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als ob er sich genug damit gethan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe, wie das weiße Segel eines am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden und kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Thalbreiten zu unseren Füßen lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen und kletterten scheue Dunstflüge herum.

Vor uns – jenseits, überm Thal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter ihm ab.

Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln – schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft, wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze Treiben der Welt erscheinen mag.

Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen Pantomime zusähe.

Der helle Himmel hinter dem Gebirg bildete den weißen Vorhang und wie in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.

Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!

Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.

Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren, und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit. Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.

Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde, um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.

Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.

Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft und die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie zu regieren.

Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.

Ich lachte.

›Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es wird nur endlich Frühling!‹

Gott sei Dank!

Es Wird nur endlich Tag!

Nach so langer, dumpfer Nacht!

Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!

Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich mit roten Feuern überglutete, und unsere Schattenmännchen, gleich tagscheuen dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und gestikulierender hin und her rannten.

Da:

Ein blendender Blitz zuckt empor.

Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue Kammlinie und strahlt ein loderndes Hallelujah über die Welt.

Tag! Tag! Tag!

Und Frühling! Frühling! –

Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen. Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu zwingen.

Wir lachten.

Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und Leitern und Ketten.

Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was es war; Nebel? – sie zu verhängen und darunter zu ersticken.

Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.

Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig, unbeirrt und unbekümmert und blendete immer lichter in die Welt. Was wollten ihr diese Fliegen!?

Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont hinunterzuspritzen.

Es zischte ein wenig, das war alles.

Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.

Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.

Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die Sonne empor, höher und höher.

Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.

Da – mit einem Male – war es doch, als ob sie siegten.

Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig Minuten übersponnen hatten.

Sie war gefangen.

Ihr Aufatmen und Höherdrängen spulte nur ein paar zu kurze Ketten ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.

Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.

Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen, zitternden Ruck that, der goldene Lichtwellen über das Thal warf.

Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken, riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch und die ganze Soldateska purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder flog mitsamt ihren Ketten und Leitern und mitsamt der ganzen schönen Verankerung kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.

Wir lachten. Es war grausam – aber wir lachten: wie diese Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen aber war doch nicht; und ...

Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu retten. Es sah aus wie schwarze, in rote Feuer hüpfende Teufelchen!

Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!

Die anderen aber trug sie – lächelnd – höher und höher, bis in der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch überhingen und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. – – –

Und frei und makellos glomm die Sonne in die Höhe, in schweigender Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag ins Thal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem Frühling die Erfüllung.

Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs und es war ein Lied der Freude und ein Lied des Siegs. –

– – –

Leis aber frug ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne aufgehe?!








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