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Schackerl

Karl Adolph: Schackerl - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchackerl
authorKarl Adolph
year1912
firstpub1912
publisherCarl Reißner
addressDresden
titleSchackerl
pages230
created20130606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel

(Berichtet von der Verlegenheit eines jungen Vaters wegen eines Taufpaten und wie sich die Angelegenheit zur Zufriedenheit regelt. Eine Taufe nebst vor- und mitlaufenden Ereignissen)

Herr Kolb war mittlerweile die steile Wendeltreppe zum ersten Stocke emporgeklommen. Vor einer blendend weißgestrichenen Tür mit massivem Messingbeschlag, einer Zugglocke und einer mit verschnörkelten Buchstaben gezierten Porzellantafel, die den Namen Jakob Johann Saltner trug, hielt er an.

Auf einer Strohmatte putzte Herr Kolb so intensiv die Füße, daß man die Haltbarkeit sowohl des Geflechts als auch des Schuhwerks bewundern mußte, dann klopfte er mit aller Zartheit, deren sein riesiger Zeigefinger fähig war, an.

Eine alte Person mit einem Häubchen öffnete. Es war der Dienstbote des Saltnerschen Haushaltes und ein ebenso kostbares Raritätsstück wie der Weinstock, der Garten und die Menagerie.

Ein alter Dienstbote.

167 Unsere Zeit kennt nur noch den Namen, kaum mehr den Begriff. Es war ein Ehrentitel und zeigte an, daß man soundso viele Dezennien einem Hause treu, fleißig, redlich und aufopfernd gedient. Es gab damals noch viele so gute Hausgeister, weil die Lust und Nötigung zum Wechsel nicht so gegeben waren wie heute. Weil die Hausfrauen es noch aus Großmutters Zeit her gelernt hatten, den dienenden Hausgenossen wirklich als solchen zu betrachten.

Dieser alte Hausgeist, kurz genannt die Leni, begrüßte den Eintretenden mit der Vertraulichkeit alter, erbgesessener Personen. Sie erinnerte sich noch des Tages, da Herrn Kolbs Vater in seiner ersten Eigenschaft als solcher das Haus in große Unruhe versetzt hatte. Ebenso wie heute der Sohn war damals sein Erzeuger zu Herrn Saltner und dessen noch lebendem alten Urheber gekommen, mit der Nachricht:

»A Bua is 's, a Bua is 's!«

Und die alte Leni mußte sich wundern, daß sie damals aus der zärtlichen Liebe heraus, die alle Frauen für kleine Kinder hegen, öfter ein Bündel in den Armen gehalten hatte, aus dem zwei Augen hervorglotzten, und dieses Bündel war nun zu dem Riesen geworden, der die Leni um das Doppelte überragte, und dieser Riese hatte nun daheim auch 168 so ein Bündel liegen und das wird einmal ebenso groß werden wie jetzt Herr Kolb.

Dieser wurde nach der Begrüßung und dem Glückwunsch des alten Mädchens in das Frühstückszimmer geführt, wo das Ehepaar Saltner sich dem Genuß der Lektüre des in zwei Hälften getrennten »Extrablatt« hingab. Man las so: fehlte die Fortsetzung auf dem einen Teile, begann man mit einem anderen Artikel bis zum Austausch. Es geschah wohl, daß sich dann über das Gelesene gewisse Begriffsverwirrungen bemerkbar machten, aber was schadete das? Hauptsache war doch, die Zeit amüsant totzuschlagen. Und über Politik erhitzte man sich damals nicht sonderlich, am wenigsten die kleine Gasse und am allerwenigsten Herr Saltner.

Als Herr Saltner nach dem Eintreten Herrn Kolbs von seiner Zeitung aufsah, erhob er sich so rasch, als es ihm seine Körperverhältnisse gestatteten, und schritt dem Gast entgegen. Auch Frau Saltner war würdevoll aufgestanden und dem Beispiel ihres Mannes gefolgt.

Herrn Kolb wurden vorerst mit Herzlichkeit die Hände geschüttelt. Je eine von zwei anderen.

»Gratuliere, lieber, lieber Kolb. Gratuliere herzlich! Ist doch endlich der Seg'n einkehrt. Ja, ja, der Seg'n . . .« Herr Saltner brach gerührt ab.

169 »Und die arme, arme Frau! Wie geht's ihr denn? Wann is 's erlaubt, daß man sich erkundigt? Mein Gott, so schwer soll s' es g'habt hab'n!« Frau Saltner schluchzte bei der Vorstellung von Frau Rosas Kindesnöten.

Man weiß, wie Herrn Kolb die Tugenden der Geistesgegenwart, der Zierlichkeit und der Beredsamkeit zierten. Er hatte sich im Hinaufschreiten eine kleine Ansprache ausgedacht. So ungefähr: »Alsdann, Herr von Saltner und Frau von Saltner, mei Rosl is gestern von an' feschen Buam entbund'n wur'n. I zag' Ihner's mit Respekt z' melden an und hoff', daß S' uns die Ehr' geb'n werd'n, bei der Tauf' dabei z' sein.«

Es ist schon berühmteren Rednern geschehen, daß sie plötzlich keinen Zusammenhang mit ihrem ursprünglich Gedachten fanden. Darum kann es niemand dem jungen Vater verargen, daß er angesichts so herzlicher Teilnahme aus dem Konzept kam. Dafür entschädigte er durch eine andere Gabe, die ihm gleich bald niemand besaß. Er glotzte fast in dem Maße wie beim ersten Anblick seines Sohnes. Dazu murmelte er:

»A Bua is 's, Herr von Saltner, a Bua . . .«

Klang nicht von der Seite, wo die alte Leni stand, die es sich gestatten durfte, Familienszenen beizuwohnen, ein Schluchzen? Ja – jetzt fiel es 170 ihr mit aller Macht so recht aufs Herz: A Bua is 's . . . So alt war sie geworden, daß sie beinahe der neuen Generation nimmer geachtet.

Fünfunddreißig Jahre seit diesem Tage. An derselben Stelle stand damals ein anderer, nun schon Ruhender und jauchzte: »A Bua is 's – a Bua . . .«

Leni fragte sich vielleicht das erstemal, warum erscholl niemals ein Jubelruf: »A Madl is 's – a Madl . . .?«

Herr Kolb fand sich, ohne zu wissen wie, an dem Tische, und Leni, die Zaubereigenschaften besitzen mußte in bezug auf Schnelligkeit und Geräuschlosigkeit und das Verbergen ihrer Gefühle, stand mit lächelndem Gesichte da und füllte ohne einen erhaltenen Auftrag Herrn Kolb eine wunderbar rasch herbeigeschaffte Tasse Kaffee, und mit einem zärtlichen Blick über das ganze, liebe, heimliche Arrangement entschwand sie so still und selbstverständlich, wie nur ein guter Hausgeist zu enthuschen vermag.

Herr Kolb ward nun in ein Gespräch verflochten, an dem er sich mit der ganzen Verve, der sprühenden Lebhaftigkeit und glänzenden Oratorik beteiligte, die ihm zu Gebote standen.

Er mußte über die verschiedensten Dinge Auskunft geben.

171 Wie es erstens Frau Kolb ginge, was der Bub mache, ob er ein Brustkind oder ein Milchkind sei; ob er schon bestimmte Neigungen äußere, die einen Schluß auf sein ferneres bürgerliches Verhalten gewähren könnten; ob er schwarz, braun, blond oder gar rot sei (eine Vorstellung, bei der alle erschauerten); ob Herr Kolb nicht gesonnen sei, eine große Wachskerze für Mariazell aufzuopfern (Herr Saltner nannte einen vertrauenswürdigen Lichtzieher); ob die Schildkröte, ob der Rabe, ob der Storch nicht auf die seelischen Eigenschaften des Kindes als einzige Objekte in ihrer Art hervorragend durch ihren Anblick wirken könnten; ob Herr Kolb übrigens der Meinung sei, sein Sohn könnte, wenn die Zeit gekommen, Lust und Freude an verbotenem Weintraubendiebstahl haben? Und solcher Fragen noch viele.

In die Langweile des alten würdigen Paares fiel Herr Kolb mit seiner Visite hinein wie ein Stein in einen stillen Teich. Herr Saltner überlegte, daß er sich heute den Besuch einer Kirche und des Naschmarktes erlassen könne. Frau Saltner freute sich der Angeregtheit, der blitzenden Augen und des lebhaften Interesses ihres »Alten«. Auch ihr war eine Stunde vergangen, eine Stunde des Alters, die man mit allen Mitteln töten und deren Tausende man noch auf Vorrat halten möchte.

Da mit gewissen Ereignissen auch gewisse 172 Folgerungen verbunden sind, gelangte man zu dem nicht ganz nebensächlichen Umstand, wie der Täufling heißen solle.

»No, Radl, wia sei Vota«, erklärte mit vieler Wichtigkeit Herr Kolb.

Das Ehepaar nickte beistimmend. So was war ja nur selbstverständlich. Nun bezeigte es noch Neugierde bezüglich des Taufpaten.

In diesem Augenblick übertraf sich der Wagnermeister selbst. Niemals zuvor und niemals später im Leben hatte er so ratlos geblickt wie jetzt.

»Weg'n Göden . . .?« Er konnte nicht weiter. An diese Angelegenheit hatte er wahrhaftig nicht gedacht. Wie denn auch? Gestern? Da waren wichtigere Dinge zu besprechen, wie die Berufswahl, ein Extrafest im Gasthause nach dem Taufakt, und alle hatten lärmend Hoch! geschrien, und wäre Herr Kolb Herr Beugler gewesen, man hätte mit ihm aus Begeisterung Ball gespielt und dies »auf den Schultern tragen« geheißen. War es gar niemandem eingefallen, die Patenschaft an das Licht der Tagesordnung zu ziehen? Jedermann hätte es sich als Ehre angerechnet, Herrn Kolb diesen christlichen Liebesdienst zu erweisen. Und (Herr Kolb stöberte in der Erinnerung) welcher wäre würdig genug gewesen, sich zu dieser beneidenswerten Stelle drängen zu dürfen? Es 173 wimmelte nur von Fleischhauer-, Bäcker-, Tischler-, Schlosser- und vielen anderen Meistern. Alle, die ihrer Zunft sowohl ad personam als hinsichtlich des Besitzes die höchste Ehre machten. Dann war der Großfuhrwerksbesitzer Anderle, dann . . . ach! es waren so viele »dann«.

Herr Kolb hatte mit seinen Reflexionen eine geraume Zeit gebraucht, die er indes reichlich mit starrem Glotzen ausfüllte, und nun tat er wie stets, wenn etwas sein Leistungs- oder Fassungsvermögen überstieg: er kratzte sich den Kopf.

Er holte tief Atem und sagte:

»Meiner Seel', an dö G'schicht' hab' i ganz vergessen!«

Herr Saltner lächelte und Frau Saltner lächelte. Dann blickten sich beide an und nickten, als ob sie sich sagen wollten: Nun, was haben wir gesagt?

O armer, begriffsstütziger Herr Kolb! Wenn diese Angelegenheiten auf deinen Schultern ruhen würden, so wäre Schackerl, dein Sohn (der noch gar nicht Schackerl heißt), bis auf den heutigen Tag ein ungetaufter Heide.

Wenn deine Rosl nicht wäre, die schon lange, lange vor ihrer schweren Stunde durch Vermittlung der Leni im Besitz des künftigen Paten war!

Herr und Frau Saltner hatten sich wie hohe und 174 allerhöchste Herrschaften bei Ordensverleihungen, im Wege der Diplomatie an Frau Rosa gewendet, ob es dem künftigen Elternpaar genehm wäre, wenn, je nach dem Geschlecht des zu erwartenden Sprößlings, das eine oder das andere die Patenschaft übernehmen würde?

Und ob es genehm war! Es bedeutete ja die höchste Auszeichnung, die die ganze Gasse in ihrer Länge und Breite erhoffen konnte. Die diplomatischen Beziehungen waren während der Einkaufszeit auf dem Wege zum Fleischhauer geschehen, da Leni und Frau Kolb mit ihren Körben einer gleichen Richtung zustrebten.

Man einigte sich, wie dies bei diplomatischen Vorgängen der Fall zu sein pflegt, auf strengste Geheimhaltung des Paktes. Und wunderbarerweise gelang diese so vortrefflich, daß wir jetzt Gelegenheit haben, Herrn Kolb aus dem abgrundtiefen Erstaunen über seine Vergeßlichkeit allmählich auftauchen zu sehen.

Also es wurde gelächelt und genickt und in der Tür stand plötzlich mit einem so glücklichen Lachen über das verknitterte, zerfurchte Gesicht die Leni, rieb sich die Hände, nickte ihrer Herrschaft zu und verschwand wieder, jedenfalls im Bemühen, die Herrlichkeit dieser von ihr arrangierten Überraschung in ihrer Küche in aller Heimlichkeit 175 auszukosten. Aber nicht lange und Leni ergänzte wirkungsvoll die ewig denkwürdige Gruppe, da sich Herr Saltner erhob und da Frau Saltner das gleiche tat, auch Herr Kolb – und da der Patriarch diesem mit vor Ergriffenheit etwas belegter Stimme die Frage vorlegte, ob Herr Kolb geneigt wäre, sich seine (Herrn Saltners natürlich) Persönlichkeit als Taufpaten gefallen zu lassen.

Es gibt Dinge, die man beschreiben kann oder nicht. Es gibt dafür Phrasen, wie: die Feder sträubt sich, die Feder errötet, die Feder versagt . . .

Ich lege aber meine Feder nur einen Augenblick beiseite und überlasse mich und die Leser lieber der ausschweifendsten Phantasie. Nun nehme ich die Feder wieder auf und geleite bildlich mittelst ihrer den von dem eben stattgefundenen Ereignis fast wankenden Herrn Kolb nach seiner Wohnung zu seiner Rosl, die, schon lächelnd ahnend, was sich abgespielt, ihrem Gemahl und Gebieter und großen Batschen mit zärtlicher Freudigkeit sagte:

»I hab' schon lang g'wußt davon, Radl. Schon lang. I wollt' di überraschen.«

»O Rosl – die Ehr' . . .«

Eine Stunde lang war die Gasse ein Ameisenhaufen. Ein Gerücht verdrängte das andere. Man war geneigt, das eine und das andere zu glauben und nicht zu glauben, nur ein einziges für 176 übertrieben und unwahrscheinlich zu halten. Endlich hatte sich die Wahrheit durchgerungen. Die Gasse durcheilte die Alarmnachricht: Der Saltner hebt den Kolb-Buam aus der Tauf'.


Was war es, das diesen Fall zu einem so unwahrscheinlichen stempelte? War Herr Saltner denn ein Potentat? Man sieht, wie leutselig er war und wie er sich seines Weinstockes wegen nicht abhalten ließ, mit geschwungenem Pfeifenrohr den Missetätern an den Leib zu rücken. Man kennt ihn als den einfachen Hausherrn des zwar größten Hauses der Gasse; aber schließlich Herr Kolb war auch »wer«, hatte auch einen schönen Besitz und der Abstand zwischen einem Hausbesitzer und einem Geschäftsmann war damals noch kein so arg gewaltiger.

Das Geheimnis lag darin, daß das Ehepaar Saltner trotz seiner Leutseligkeit und Güte niemals das zuließ, was man Familiarität nennt, außer im nächsten Verwandtenkreis. Zu Dingen der Familiarität jedoch gehörte nach den von seinen Vorfahren übernommenen Anschauungen Herrn Saltners die Patenschaft. Mit ihr übernahm er dem christlichen Glauben gemäß im Ablebensfall der Eltern Vaterstelle.

Es mußte dann seiner Ansicht nach nicht nur eine standesgemäße, das heißt bürgerliche Familie 177 sein, sondern auch eine hervorragend christliche, um die es sich handelte. Herr Saltner war, wie seine Kirchengänge bewiesen (vielmehr wie auch sein Leben bewies), sehr fromm.

Die Wallfahrt der beiden Frauen, ihre Gebetserhörung hatten auf das Ehepaar Saltner einen großen Eindruck gemacht. Den Schlußstein dieses kühnen Baues, den Frau Beugler schüchtern empfohlen, Frau Rosa energisch ins Werk gesetzt, Herr Kolb widerwillig ausgestattet, den die Mariazeller Muttergottes endlich begnadete, dessen Vollendung Herrn Kolb wie Peperl aus dem Geleise der Alltäglichkeit geworfen – den Schlußstein also wollte Herr Saltner legen, indem er aus seiner sonst stets beobachteten Reserve trat und Herrn Kolb die Patenschaft antrug. Denn nach Ansicht des Patriarchen mußte die Familie im Himmel sehr gute Konditionen haben, indem er doch zwei so sichtbare Wunder offenbarte (Frau Beuglers Terno kam auch auf das himmlische Gewinstkonto des Wagnermeisters).

Schöne Einfalt des Glaubens, wenn dieser noch mit so vielen anderen Tugenden Hand in Hand geht, wie sie sonst das Saltnersche Ehepaar zierten. Es fühlte die christliche Verpflichtung des Besitzes und war mildtätig. Manches Wochenbett der Frau Beugler wäre oft mehr ein Jammerbett gewesen, wenn nicht die alte Leni mit ihrem 178 Korbe erschienen wäre. Oder wenn nicht der gestrenge Hausherr den Roßhaarkrempler zu sich zitiert hätte, um ihm im Interesse der öffentlichen Moral und Sittlichkeit Vorstellungen über eine so wüste Überproduktion zu halten. Ganz zerknirscht zerdrückte dann Herr Beugler beim Fortgehen etwas in der Hand, das das leise Knistern einer Banknote hören ließ.

Der alte Hausherr lebte noch nach Traditionen. Mögen diese in sehr vielen Fällen dem Nachtrieb der Entwicklung feindlich sein, aber sie haben doch so viel hervorragend Gutes, daß man über sie nicht kurzerhand den Stab brechen darf.

Und da in diesem Falle nichts, gar nichts Kulturfeindliches zu künden ist, sondern nur die Tatsache, daß der alte Herr gütig und menschenfreundlich und in innerster Seele religiös war, und da ich in meine Berichte über die kleine Gasse noch nichts bringen will, was deren bisherigen Frieden antasten könnte, so freue ich mich jetzt mit ihr über den erhabenen Entschluß des ehrwürdigen Mannes, dem Bündel an Frau Rosas Seite zur richtigen Menschwerdung zu verhelfen . . .

Es war ein Sonntagmorgen, so freudig, wie nur ein solcher Morgen sein kann, besonders in Schackerls Geburtshaus. Der ewige Gärtner oben hatte einige Gießkannen Wasser über Nacht 179 herniedergehen lassen. Und jetzt tropfte und funkelte es noch und die Glaskugeln, so gründlich gereinigt, blinkten noch zehnmal mehr in der Sonne als sonst.

Der Brunnen, dessen Leib noch einmal so grün und dessen Kappe noch einmal so rot geworden, blähte sich förmlich vor Wichtigkeit.

Und all die Kanarien in ihren Vogelhäuschen! Ob sie nicht für ihre Stimmritze fürchteten? Die alte Schildkröte patschte über den nassen Kies, der junge Rabe hüpfte im Grase umher, der alte hing offenbar tiefsinnigen Betrachtungen nach und der Storch hatte sich steif auf ein Bein gestellt und wendete den Kopf von einer Seite zur anderen.

Die vier Gesellen und Peperl stehen, umringt von einer Schar Teilnahmsvoller verschiedenen Geschlechtes und Alters, und warten augenscheinlich voll Ungeduld. Endlich kann sich Peperl nimmer halten:

»Soll i hingehn und eahm bei d' Uhrwasch'ln herzarrn?« Peperl hat nun seine volle Männlichkeit wiedergefunden. Die Erinnerung an den bewußten Tag scheucht er von sich wie ein giftiges Gewürm.

»San das G'schäftsleut' heutzutags«, zetert eine Frau, die von der ganzen Angelegenheit am wenigsten berührt wurde, denn sie war gar nicht 180 vom Hause, »da sollt' ma nacha no a Derbarmnis mit an' hab'n, wann's eahm schlecht geht.«

Herr Beugler hatte das Wort aufgegriffen. Er erklärte sich mit jedem Geschäftsmann solidarisch. Und da ihn heute in aller Früh schon Herr Kolb mit einem aufmunternden Glotzen zu sich gerufen und ihm aus der Flasche, die den bewußten Morgenschnaps enthielt, einige Gläschen »eingeredet« hatte, war der Roßhaarkrempler von merkwürdig kriegerischer Stimmung.

»Sie ham's a notwendi, Sie, Frau. Auf Ihner Derbarmnis wird wohl ka G'schäftsmann anstehn. I wenigstens net. Mi werd'n S' net ins Brot setzen mit Ihnere verwahrlosten Strohsäck', die der Millimann nimmer in Stall auslaar'n laßt, sundern in d' Senkgruab'n. Sie ham's wirkli net notwendi g'habt, Frau, über die G'schäftsleut' z' schimpfen.«

Herr Beugler brachte seine Anwürfe immer in einem larmoyanten Ton vor, wie ein raunzendes Kind. Der Fehdehandschuh ward aufgenommen.

»Was wissen Sie von meine Strohsäck', ha? Und daß S' erst recht wissen, i hab' Matratzen, die i scho zum Umkrempeln geb'n muaß. Da is mir aner rekommandiert wurd'n – billig, guat, sauber. Zu Ihner kummert i vielleicht. Pfui Teufel! Wia da der Kanal stinkt!«

181 Das war nur ein Nachsatz, um das Pfui Teufel! nicht gerichtsfähig zu machen. Denn die betreffende Dame lavierte stets daran vorbei. Man konnte bei ihr ganz einfach den Ton nicht vor Gericht stellen.

Wurde sie einmal geklagt, war das Material ein windiges. Denn alles ruhte nur auf der Betonung, auf scheinbar nebensächlichen Vergleichen, einem Räuspern, einem harmlosen Nachsatz wie mit dem aus »der Luft gegriffenen« Kanal.

Vielleicht hätte Herr Beugler repliziert, aber in dem Moment keuchte ein Mann mit einem Handwagen durch die Einfahrt und dieser Handwagen war vollgepfropft mit Tannenreisig und Blumen. Blumen zum Winden und Blumen in Gartengeschirren.

Die Ankunft des Wagens beugte jeder weiteren Mißhelligkeit vor. Die Gesellen und Peperl stürzten sich darauf, um ihn seines Inhaltes zu entledigen.

Die vorgeschilderte Frau meinte nur:

»No, ös werd'ts es versamen. Um zwa Uhr is die Tauf' und jetzt hängts scho das G'lumpert aufi? Weil si neamd Zeit lassen kann.«

Aber niemand würdigte sie einer Antwort. Auch Herr Beugler nicht, der ebenfalls zugriff. Mittlerweile war Herr Kolb aus der Wohnung 182 getreten und betrachtete mit freudeglänzenden Augen all die blumige Pracht. Der Wagerlmann rieb so ostentativ mit einem roten Taschentuch das Gesicht, daß dieses und das Tuch bald nicht mehr an Röte zu unterscheiden waren.

Aber der Wagnermeister, so stumpf er in manchen Angelegenheiten sein konnte, hatte für derlei Demonstrationen einen scharfen Blick. Er beglich die dargereichte Rechnung mit einem solchen Überschuß, nicht zugunsten der liefernden Firma, sondern ihres Angestellten, daß dieser nicht oft genug die Kappe vom Kopfe reißen konnte.

»Hätt' m'r's net, so tät' m'r's net«, konnte sich Herrn Beuglers Widersacherin nicht enthalten. »Mein Gott, andere Leut' war'n z' Tod froh, wann s' was z' essen hätten! Aber Übermuat tuat selten guat.«

War es die liebe Sonne, war es der Anblick der Blumen, war es die Erwartung all des Freudigen, das heute kommen sollte – niemand gab der Ruhestörerin mehr Anlaß zu einer Erwiderung.

Es ging ein fröhliches Hantieren an.

Man versteckte die Eingangstür zur Küche förmlich in einem Wust von Reisig und Blumen. Das Arrangement mochte vielleicht einen Fachmann nicht befriedigen, aber den anderen allen 183 gefiel es, mit Ausnahme der nörgelnden Frau vom Nachbarhause, die ihrem Mißmut über die »verpatzte G'schicht'« ganz unverhohlen Ausdruck gab.

»Wann ma was machen will, soll ma's aa verstehn. Aber net so Godigkeit i möcht' gern und kann net. A so a Lehrbua versteht aa was vom Blumenbinden? Ehnder no vom Kniaumrutsch'n in d'r Kirchen.«

Peperl, den die Geduld verließ, antwortete jetzt bereitwillig:

»Wann S' Ihna versegna werd'n lassen, wir i recht andächti für Ihna bet'n. Daß S' nämlich glei drauf a sanftes End' hab'n und daß Ihner der Teufel net in der Luft zerreißt. Zwar der hätt' selber a Angst vur Ihnern Schlapf'n und fahrert o vur dem Bissen.«

»Was, du Lausbua, du kecker? Trau di no amal, so leich i m'r deine Ohr'n aus! Mirk d'rs!«

»Z'erst frisier i Ihner aber anständig, was Sie, mir scheint, scho a paar Täg vergessen hab'n. So a klane Haararbeit mit dö Wudeln war' net ohne.«

Wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, hatte Peperl die Lacher auf seiner Seite. Seine Widersacherin entfernte sich hochrot vor Wut und ließ einige so giftige Bemerkungen zurück, daß ihr die Unterlassung ihrer gewöhnlichen Vorsicht hätte 184 die schönste Ehrenbeleidigungsklage einbringen können, wenn jemand daran gedacht hätte. Ihr Abzug wurde von einem Gelächter der Großen und einem Hallo der Jugend begleitet. Und es gab viel Jugend; diese süße, vordrängerische, nichtstuerische, stets störende Jugend, verstärkt durch massenhaften Zuzug, sehr zum Ergrimmen Peperls, der es übernommen hatte, dieser menschlichen Art von Fliegenlästigkeit zu wehren.

Endlich war alle Blumenzier an ihrem Platze. Die ganze Wohnung war erfüllt davon. Auf der weißgedeckten, schimmernden Festtafel im Speisezimmer standen in Vasen ganze Sträuße, von der symmetrischen Anordnung, wie sie ein damaliger Geschmack liebte. Das Wohnzimmer war zur Kapelle umgestaltet worden. Das geschah, indem man auf einen an die Wand gerückten weißgedeckten Tisch einen »Christus im Sturz« stellte, flankiert von zwei verzierten Wachskerzen (einer Darbietung des von Herrn Saltner empfohlenen Lebzelters und Wachsziehers) in zwei massiven, wie Silber glänzenden Pakfongleuchtern. Darüber hing, von Blumen umkränzt, ein kolorierter Stahlstich von Murillos Madonna. Und der Tisch war, einem richtigen Altar gleich, noch mit Blumen in Geschirren besetzt . . .

Heute war der Tag angebrochen, an dem der Schackerl, der noch als kleiner Heide seine Fäuste 185 ballte und ein unendlich runzeliges Aussehen zeigte, das gerade nur einer Mutter Bewunderung abnötigen konnte – also heute war der Tag angebrochen, an dem Schackerl getauft werden sollte.

Die Zeremonie sollte nach dem früher vielgeübten Brauche der Haustaufe geschehen. Eine spezielle Wiener Eigentümlichkeit, die das Weihevolle mit dem Anheimelnden verbindet.

Frau Rosa konnte es kaum erwarten, da sie sich gleich anderen mit ihrem Kinde der Öffentlichkeit zeigen konnte. Vierzehn Tage waren seit der schweren Stunde verstrichen und mit Rücksicht auf den geschwächten Zustand der Mutter hatte die wichtige Handlung, die aus einem zweibeinigen quabbeligen Lebewesen einen matrikenreifen Staatsbürger schaffen sollte, eine Verzögerung erfahren.

Erst mußte das Kind getauft sein, dann kam der Reinigungsgang zur Kirche und dann erst konnten sich Mutter und Kind ohne Erröten sehen lassen. Es gibt viel dummen und gerechten, lächerlichen und erhabenen Stolz, aber keinen, der so drollig und dabei so ernst wäre wie der einer jungen Mutter. Er mag vielleicht dem eines Dichters gleichen, der sein Werk durch die Taufe der Druckerschwärze vor ewiger Verdammnis gerettet wähnt. Vielleicht mag er auch dem Stolz 186 gleichen, den Herr Kolb empfand, wenn ein fertiger Wagen seine Werkstätte verließ, oder Herr Beugler, wenn er einen Berg gelockerten Roßhaares betrachtete.

Autoreneitelkeit oder Autorenstolz, es läuft auf eines hinaus in allen Dingen, die mit dem ego verquickt sind. Und es ist gut so, sonst strebten wir ins Leere.

Es wäre unnötig, die Anteilnahme der Gasse erst des näheren zu würdigen. Schackerl war ja ihr Symbol, ihr Stolz, ihr Eigentum. Man weiß auch, daß sich Herr Kolb in hervorragendem Maße der Tugend Freigebigkeit rühmen durfte. Er ließ sein Metall nicht im Schreine rosten.

»Hätt' man's net, so tät' man's net!« war die Losung einer noch behaglich genießenden Zeit. Der Satan Egoismus krallte noch nicht so nach den Herzen, einer stand dem anderen noch nicht so in der Sonne wie in unseren verlogenen Tagen voll Phrase und falscher Humanität, mit ihrer wirklichen abscheulichen Rücksichtslosigkeit.

Der Frühschoppen Herrn Kolbs glich abermals einem Gelage, und nur das Gedenken an die Heiligkeit des heutigen Tages, an seine Pflichten der Repräsentation hielt ihn zurück, irgendwelchen Bescheid zu trinken. Mochten andere auf seine Kosten einen Haarbeutel heimtragen, ihm geschah so etwas nimmer.

187 Die Stunden bis zu einer erwarteten Festlichkeit verfließen langsam, die Festlichkeiten rauschen mit Sekundenschnelle vorüber, und glücklich, wem für einige Tage noch ein angenehmes Nachkosten geblieben . . .

Keine Nachforschung vermochte mir die genaue Zeit anzugeben, zu der sich die Festgäste im Taufzimmer einfanden. Große Bewegung erregte es, als Herr und Frau Saltner, in würdiges Schwarz gekleidet, erschienen. Dann kam der alte Arzt angetänzelt, der den dringenden Vorstellungen Herrn Kolbs gegenüber sich nicht ablehnend verhalten wollte und auf ein Stündchen gekommen war. Die alte Hebamme, die ebenfalls Staat gemacht hatte, glich auf ein Haar dem Bilde der Frau Holle. Sie steckte in einem Reifrock und hatte eine mächtige Haube auf dem Kopfe.

Die Geladenen rekrutierten sich aus entfernteren Verwandten und aus Freundeskreisen. Für das Haus jedoch, das Herr Kolb zu Gaste geladen, standen im Hofe von allen Seiten beigestellte Tische und Stühle. Mit Ungeduld wurde dem Erscheinen des Priesters entgegengesehen.

Die Gasse war revolutioniert. Das Haustor war umlagert, die Fenster der nächsten Nachbarschaft besetzt, der Hof und die Einfahrt waren erfüllt von einem Kommen und Gehen.

188 Peperl war in einer steten Balgerei mit unbotmäßigen Elementen begriffen und die Beugler-Kinder trieben sich, ein jedes mit einem Stück Gugelhupf bewaffnet, im Trubel umher.

Endlich! Eine Anzahl barfüßiger Stafetten stürzte von der Straße in den Hof mit dem Geheul:

»Sie kumman! Sie kumman!«

Bald darauf erschien der Pfarrer mit dem Ministranten. Eine ehrfürchtige Stille trat ein. Hüte wurden gezogen, Kreuze geschlagen und heimliche Püffe an die Jugend ausgeteilt, um sie zu einer würdigen Haltung zu bewegen.

Der Pfarrer war ein schneeweißer Greis und bildete eine schöne Ergänzung zu dem Saltnerschen Ehepaar, dem alten Doktor und der Hebamme. Mit den vierzehn Tagen des Säuglings beschäftigten sich zur Stunde in den fünf Personen gut dreieinhalb Jahrhunderte.

Man mag über Zeremonien denken wie man will. Aber sie sind wichtig und heilig. Für eine aufgehobene würde man doch eine neue setzen, vielleicht weniger erhaben, weniger mystisch, aber trotzdem Zeremonie.

Die Feierlichkeit nahm ihren Anfang. Frau Rosa saß in dem alten Sorgenstuhl der Familie, den Kopf durch Kissen unterstützt. Mit tiefer 189 Zärtlichkeit und grenzenloser Besorgnis sah sie auf den Täufling, der aus den Händen der Hebamme in die Arme Herrn Saltners gelangte. Wenn dieser alte Mann, der seit Menschengedenken keine so winzige, kostbare Last gehalten, nicht vielleicht in einem Anfall von Zerstreuung oder Schwäche diese fallen ließe?

Aber nichts geschah, was diese Befürchtung gerechtfertigt hätte. Herr Saltner sprach seiner Souffleuse, der Schaffnerin, die gehörigen Worte so eindrucksvoll nach, entsagte für sein Patenkind so energisch dem Teufel und allen höllischen Werken, daß er ganz einfach Bewunderung erregte.

Selbstverständlich hatte sich der Geistliche schon früher informiert, auf welchen Namen er das Kind zu taufen habe.

»Konrad Jakob«, hatte der Vater gesagt.

»Und so taufe ich dich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Konradus, Jakobus . . .« Und der Täufling wurde mit Wasser beschüttet, mit Öl gesalbt und war nun eine so blanke Christenseele, als je eine auf den Himmel Anspruch hatte.

Dann ließ sich der greise Pfarrer das Taufbuch reichen, um alle Daten einzutragen und damit erst den Täufling auch staatsbürgerlich an seinen rechten Platz zu stellen. Nachdem er umständlich eine 190 Brille aufgesetzt und sich auf einen Stuhl niedergelassen, fing er mit zittriger Hand zu schreiben an.

Alles hielt den Atem an, um den alten Herrn nicht zu stören, der in voller Arglosigkeit Jakobus Konradus eintrug und, da das Versehen von niemandem bemerkt wurde, aus einem Radl endgültig einen Schackerl machte, als der er von Anfang an in dieser Geschichte figuriert. Dann unterschrieb Herr Saltner, der sich von der Verwechslung nichts träumen ließ.

Nun löste sich erst der scheue Bann. Der Geistliche wurde von Herrn Kolb und Frau Rosa auf das dringendste gebeten, nur ein Glas Wein wenigstens mitzutrinken, was endlich gewährt wurde. Man begab sich in das zum Festzimmer eingerichtete Speisezimmer, in dem schon alles bereit war, und ließ sich nieder. Die beiden alten Herren saßen mit dem Hausherrnpaar an den Ehrenplätzen, zwischen der jungen Mutter in ihrem Lehnstuhl und dem glotzäugigen Vater, den ein weißer, steifer Hemdkragen so genierte, daß er gezwungen war, Seitenbewegungen des Hauptes auszuführen, gleich einem feisten Ochsen, dem sein Joch unbehaglich geworden.

Im Hofe waren ebenfalls alle Stühle besetzt. Ein Faß Bier lagerte auf einem leeren Faß, Weinflaschen standen gefüllt auf den Tischen und 191 dazwischen Schüsseln mit »Aufgeschnittenem« und Schinken und Brotkörbe.

Ich will einstweilen kurz Atem holen, um mich über die närrische Vaterfreude und Verschwendungssucht Herrn Kolbs zu verwundern. Welcher Anlaß lag eigentlich vor? Daß ein Ereignis eingetreten, das zum Beispiel den Beuglerschen Eheleuten schon lange kein seltenes mehr war? Welchen Freibrief hatte der wohlhabende Wagnermeister für das künftige Gedeihen seines Sprößlings? Und wenn dieses ein befriedigendes blieb, welche weitere Summen von Glückseligkeit hoffte er im besten Falle zu erwerben?

Schackerl konnte ein tüchtiger Wagnermeister werden (wozu bei seiner derzeitigen Konstitution zwar nicht viele Aussichten vorlagen), er konnte ein tüchtiger, geehrter Arzt, gleich dem alten Doktor, oder ein tüchtiger »doppelter« Buchhalter, ein Künstler, aber auch ein Verbrecher, ein Mörder werden.

Welche Versuchung Gottes, der Vorsehung, des Schicksals oder eines Naturgesetzes liegt darin, das leise Erscheinen einer Knospe mit dem Jubel zu segnen, der erst der reifen Frucht gebührt!

Aber da ich mich doch nur einer bloßen Erzählung unterfange, will ich meine Betrachtung abbrechen und ein Gespräch schildern, das im 192 Wohnzimmer zwischen der Hebamme und Frau Beugler stattfand, die den Täufling für einige Zeit unter ihre alleinige Obhut genommen.

Schackerl lag als getaufter Christ genau so apathisch und mit einem verrunzelten Gesicht da wie als ungetaufter Heide, so daß sich Frau Beugler nicht enthalten konnte, seufzend den Kopf zu schütteln.

»Frau Schaffner, i waß net, aber i muaß sag'n, das Kind g'fallt mir gar net.« Damit war nur der Gesundheitszustand gemeint.

»Daß S' das jetzt erst seg'n«, schnaubte die Hebamme die Bekümmerte an. »Sie als Muatta von so viel Kinder . . . Seg'n S' denn net, daß der da gar net zum leb'n is?«

»Um Gottes will'n . . .!«

Frau Beugler war fahl vor Schreck geworden.

»Schaffnerin, das . . . das kann do net mögli sein.«

»San S' stad. Und machen S' net vielleicht a Angehn. Ihner allan sag' i's, wia mir's der Herr Doktor scho g'sagt hat. Über die Tauf' hab'n mir 'hn auffi'bracht. Was weiter sein wird . . .«

Und nun geschah etwas selbst für Frau Beugler Unerwartetes, die die alte Hebamme schon genügend und von ihren besten Seiten kannte.

193 Frau Schaffner schluchzte laut auf:

»Die armen, armen Batschen! Dö zwa großen Kinder! An's dümmer und besser als 's andere. I hab' die Kurasch net g'habt, Beuglerin, daß i's glei g'sagt hätt'. I hab' die Kurasch net g'habt. Den Jammer möcht' i net anschau'n, da leg' i mi glei liaber an mein Platzl. O Beuglerin, der lange, dumme Trottl . . . das arme, liabe, guate Weib . . .«

O Herr Kolb! Peperl! Herr Beugler! Ihr Ehemänner, die ihr in der alten Hebamme nichts als das keifende, zanksüchtige, männerhassende, verbitterte »alte Weib« seht, würdet ihr sie zur Stunde schau'n – welche Abbitte würdet ihr dieser Frau leisten müssen! Zumal du, Peperl, der sich vermaß, die ehrwürdige, greise, warmfühlende Frau Schaffner als eine »Figur wia s' im Buach steht« zu bezeichnen.

Frau Beugler rang in maßlosem Jammer die Hände.

»Aber . . . aber . . . Schaffnerin . . . das kann do net mögli sein! Das kann net . . . das kann net . . .«

»Net is 's mögli?« sagte die Angerufene und deutete auf Schackerl (den ich nun getrost mit seinem wahren Namen weiter nennen darf, wie er in den Registern der Pfarre einzusehen ist). »Da schau'n S' 'hn an!«

194 »Ja, mein Gott! Zu was denn das ganze Wunder? Zu was denn die ganze Freud'? Was hat si's der Mann nur kost'n lass'n . . . Da, horch'n S'! . . .«

Man hörte aus dem Festzimmer, gedämpft durch das dazwischenliegende Taufzimmer, ein Hochrufen und Gläserklingen.

»Das liegt m'r am Herzen, Beuglerin. Grad denen zwa'n trau i m'r's net z' sag'n. Es is aus der Weis': so zwa Riesenlackeln, wia die Elefanten . . . und so an' Nachwuchs! Dabei a so schwere Entbindung . . . Da war ja Ihner Letzt's no viel größer, und das hab'n S' abbeutelt wia d'r Bam a dürre Zwetschk'n.«

»Schaffnerin . . . Gott verzeih' m'r die Sünd' . . . Sie wissen, wie i mei Bruat gern hab'; aber i gebert gern ans in Himmel, wann nur der . . . der derhalten bleibert.« Frau Beugler sah bei diesen Worten mit tränenumflorten Augen auf das apathische, regungslose Bündel, das den stolzen Namen Konrad Jakob Kolb trug, einstmals ein Erbe werden sollte und für mich nur den ein wenig anspruchslosen Namen »Schackerl« führt. Was es jedoch nicht hindert, mein Interesse noch eine kleine Zeitlang wachzuerhalten.

»Stad sein«, beruhigte endlich die Schaffnerin. »Wann uns das Weib so verwant siecht, die kriagt 195 an' Schrock'n, daß i für nix steh. Übrigens hat unser Herrgott schon amal a Wunder tan, vielleicht tuat er's no amal. Bleib'n S' bei dem Klan', bis i d' Muatta hereinschick'. Lang därf s' bei der Remasuri net aufbleib'n. Sie is no so schwach, daß m'r für das Beankl Weibl selber no angst wird.«

Mit Ausnahme des alten Doktors, der sich inmitten der fidelen Tafelrunde nicht sehr wohl befand und dessen Aufbruchgelüste äußerst offenkundig waren, ahnte niemand in der fröhlichen Gesellschaft, auf wie schwachen Beinen derjenige stand, vielmehr nicht stand, dem alle ausgebrachten Hochs galten.

Im Hofe ging es womöglich noch lebhafter zu. Man tat Herrn Kolbs Freigebigkeit alle Ehre an, schwenkte die Gläser gegen die hermetisch abgeschlossenen und verhängten Fenster, hinter denen der Held der heutigen Festlichkeit dahindämmerte, ließ sich's wohl schmecken und der Hof mit seinem weitästigen Nußbaum glich zur Stunde einem der Bilder Tenniers, die eine Volksbelustigung darstellen.

Mag innen und außen die Belustigung fortdauern, ich unterbreche sie nur in meiner Schilderung so weit, als zwei Ereignisse eine kleine Störung hervorriefen.

196 Peperl, der heute eine Art Hausmeierrolle übernommen hatte, fühlte sich gedrängt, die Honneurs zu machen, Bier einzuschenken, ungeachtet einer schlimmen, nicht allzu lange vernarbten Erinnerung selbst manch tüchtigen Zug zu tun – kurz, sich als Mittelding zwischen Butler und Pikkolo aufzuspielen. In seinen Obliegenheiten fand er es gehörig, im Verein mit dem Hausmeister und einigen Altersgenossen den Ordnungsdienst gegen draußen zu verwalten.

Denn das Haustor war bedenklich umlagert von all denen, die niemals Zutritt haben, weil bloße Füße und eine ungeputzte Nase noch nie die Gesellschaftsfähigkeit verbürgten.

Aber seit Bestehen aller Ordnung waren solche Elemente dieser Fähigkeit stets mißgünstig gesinnt, mochten sie nun Ohnehoser oder in diesem Falle Barfüßer sein. Diese Umstürzler betrachteten Peperls Verwaltungsamt mit äußerst mißgünstigen Blicken. Es ist so und wird stets so bleiben, so lange menschliche und göttliche Gerechtigkeit ihr Szepter schwingen, daß barfüßige Leute von Festlichkeiten ausgeschlossen bleiben.

Peperl, durch einige unschuldige Glas Bier und Wein etwas erregt, war mit seiner Anhängerschaft gegen den draußen weilenden Gegner in Widerstreit geraten. Die Sanskulottenpartei hatte sich zu äußerst anzüglichen Bemerkungen verstiegen.

197 »Betbruader!« Das Wort der alten Hebamme mußte die Geschwindigkeit der Ansteckung besitzen.

»Saufbruader!«

»Klingelbeutelmann!«

»An' schön' Gruaß von Mariazell . . .«

Der feindliche Chor sang mit näselnder Stimme den alten Gesang der aus dem Wallfahrtsort heimkehrenden Gläubigen.

Ich glaube, im Wuste und Andrang aller Ereignisse noch eine Tatsache zu erwähnen vergessen zu haben; daß Peperl sich nämlich einer Haarfarbe erfreute, die in Wirklichkeit nur ein grellrötlich schimmerndes Blond war, aber neckender- und boshafterweise als rot verschrien wurde. Daher ertönte es alsbald:

Roter, roter Ginginging,
Kaiserliche Löschmaschin' . . .

Wer dem Begriff Ehrgefühl jemals nahestand,. wird die Situation Peperls begreifen, der sich den erstbesten Sänger in der Weise auslieh, daß er ihn an der Gurgel erwischte und dermaßen bearbeitete, daß sich die Partei des Mißhandelten zur Solidarität verpflichtet fühlte. Peperls Anhang, gleicher Anschauung huldigend, blieb nicht müßig, und in kurzem tobte eine Bubenschlacht, die in den Annalen der Gasse als ewige Denkwürdigkeit bezeichnet werden könnte, wenn man 198 es heute noch der Mühe wert fände, ihnen nachzuforschen.

Alle Festgäste strömten aus Zimmer und Hof hinaus. Man beteiligte sich mit gemischten Empfindungen an der Balgerei. Frau Beugler, die ungefähr sechs Söhne in der Schlacht wußte, rang verzweifelt die Hände. Auch einige andere Mütter taten dies, soweit sie dem Kreise der Geladenen des Hauses angehörten. Aber draußen gab es auch Mütter, die ihre Sprößlinge förmlich in den Kampf trieben durch ermunternde Zurufe, sich von der »Bagasche« nichts gefallen zu lassen. Sie schrien es von den Fenstern herab, mischten sich in die kämpfende Schar und vermehrten den Wirrwarr in ungeheurem Maße.

Aber alle Revolutionen, Kriege, Aufläufe, selbst Naturgewalten finden ihre Bändiger. Dem Chaos stellt sich zum Schluß stets das Prinzip der Ordnung entgegen. In diesem Falle erschien dieses durch zwei Gewalten vertreten, die in ihrer Gegensätzlichkeit erst volle Harmonie erzielten.

Vor allem hatte sich Herr Kolb (jedenfalls durch einige unschuldige Anregungen, gleich denen Peperls, begeistert) in das Chaos gestürzt und den ihm untergebenen Urheber herausgegriffen. Er mußte ihn an Haar und Ohren aus dem Knäuel zerren, so daß Peperl einem widerborstigen, 199 raufenden, verbissenen Köter glich, der am Schwanze aus einer unerquicklichen Situation zum Selbstbewußtsein gerettet werden muß, aber trotzdem noch zähnebleckend nach dem Feinde starrt.

Und neben Herrn Kolb, der nach Abfertigung Peperls noch in der Masse, aber lautlos arbeitete, waltete die alte Schaffnerin ihres Amtes, das minder lautlos verlief. Sie hieb, was nur ihre Kräfte gestatteten, in den raufenden Knäuel.

»So Hundsbankerten, da – nehmts enk dös no ham. (Sie gab gerade einem raufenden Paar ein paar Schläge auf die Köpfe.) Gehts, gehts, daß i so an gottverlassenes, in Grund und Boden verdorbenes G'sindel nimmer anschau'n brauch'! Das is a Moralität heutingtags? Ha? Das is a Christentum? Ja oder na? – So, da hast! – An an' heiligen Sunntag so was anstell'n? . . . Leb'n m'r denn im Ungarischen, bei dö Betjarn? . . . Ha oder net? Mein Gott! Wann an' da der Schlag net trifft! . . .« In gleichem Moment traf ein Schlag einen verspäteten Nachzügler der Flüchtigen. Denn Flucht war alles geworden.

Aber im selben Augenblick kam ein Fiaker herangesaust. Einige schnalzende Peitschenhiebe des Rosselenkers vollendeten die Auflösung. Vor Herrn Saltners Hause hielt das Gefährt mit 200 raschem Ruck. Ein junger, elegant gekleideter Mann hüpfte leichtfüßig heraus und wurde von den vor dem Tor versammelten Taufgästen und Hausbewohnern mit nicht geringem Staunen und Erkennungsfreude begrüßt.

»Der Herr Schack! Der Herr Schack!« tönte es und alsbald hing eine alte, behäbige Dame an dem Halse des Angekommenen, ein alter, würdevoller, in Festtoilette gekleideter Herr schüttelte diesem in tiefer Rührung immer und immer wieder die Hand; kurz, Herr und Frau Saltner taten nichts Geringeres, als daß sie mit alter elterlicher Ostentation den einzigen, unvermutet heimgekehrten Sohn begrüßten, ihren – Schack. 201

 

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