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Schackerl

Karl Adolph: Schackerl - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchackerl
authorKarl Adolph
year1912
firstpub1912
publisherCarl Reißner
addressDresden
titleSchackerl
pages230
created20130606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

(Ist nur von geringem Umfang und erzählt, wie Peperl in frommer Meinung für seine Meisterin beten geht. Er trifft einen guten Bekannten, der eine Bresche in Peperls Prinzipienfestigkeit legt)

Jede Zeit hat ihre Berechtigung – aber nicht jede besitzt Schönheit. Ich meine nicht die aufgeschminkte Palastschönheit unserer Städte, sondern die liebe, beschauliche Schönheit, die den Städter noch dem Klange der Abendglocke lauschen und dem Glanze des Abendhimmels träumerisch nachschauen ließ.

Ich meine die Zeit meiner Erzählung, da Wien Gott sei Dank noch keine Ahnung von seinem Weltstadtberuf besaß und Abend- und Sonntagfriede über seinen Gassen lagerte.

Aber besonders der Friede über meiner geliebten, dummen, kleinen, schwatzhaften, kindischen Gasse! . . .

Es gab noch einen Feierabend, der beschaulich vor Türen und Toren genossen wurde. Dafür gab es nichts Aufregendes, man bekümmerte sich 105 um keine Wahlen, keine Frauenbewegung, lebte nicht im Zeitalter des Kindes; aber man ließ Mütter nicht obdachlos umherirren, Frauen nicht auf abgelegenen Stätten gebären und Säuglinge nicht erfrieren und verhungern.

Der eine »eherne Gürtel, der die Brust Mutter Vindobonas zu zersprengen drohte«, war im Begriff, selbst zu zerspringen. Der andere, mehr bildliche, fiskalische lebte noch und bot mit seinen Linienwällen einem vergehenden Geschlecht mehr an Reizen als alle unsere heutigen vernewerten Sommerfrischen.

Es war noch ein letztes Aufatmen von Behaglichkeit, Gewerbestolz, Borniertheit, Biederkeit und vor allem – Gesundheit. Man kannte noch keine Nerven, kannte aber auch keine Elektrische, keine Automobile und keine Grammophons.

Aber . . . ich will ja mit meiner Schilderung fortfahren, die ich meiner Lust, zu moralisieren, zuliebe, ein wenig hintanstellte.


Die Zeit bei Becherklang und Hochgeschrei verrinnt rasch. Es war Abend geworden. Die Glocken der nahen Kirchen tönten halb friedlich, halb aufscheuchend in den wüsten Trubel.

Die Frauen wurden jetzt störend und unangenehm. Sie sprachen von Lumpenwesen, 106 besoffener Männlichkeit und machten Herrn Kolb verantwortlich für all das Aus-dem-Geleise-Geraten, ja sie beschuldigten ihn geradezu, Störer und Ruin aller gesetzten Ehemäßigkeit zu sein.

Der glückliche Vater jedoch befand sich in einem Zustand der Ahnungslosigkeit, wie er ihn niemals vorher gekannt. Er sah um sich ein Heer von Häuptern, die die Merkwürdigkeit besaßen, sich zu verdoppeln und zu vervierfachen. Nur zeitweise, wenn er mit dem wulstigen Zeigefinger ein oder das andere Auge drückte, näherte sich die Zahl der Anwesenden wieder einer Wahrscheinlichkeitsgröße.

Und plötzlich wußte er nichts mehr, als daß ihn frische Luft umfing, gerade so, wie wenn er im Äther schwebte. Dazu trug eine angenehme, schaukelnde Bewegung bei, die, biblischen Traditionen zuliebe, alle jene beglücken muß, die sich unter den »Achseln« erfaßt und aufwärts befördert finden.

Auch däuchte es ihm, als blickten viele Frauenaugen mit dem Ausdruck tödlichsten und beschämendsten Abscheues auf ihn.

An seine Ohren tönte ein Hallogeschrei und seine hervorquellenden Augen blickten trüb einer sich heranwälzenden Gruppe entgegen, und in dieser Gruppe bemerkte er ein bleiches Angesicht. 107 Und dieses bleiche Antlitz nötigte ihn, an Peperl zu denken.

Aber – war das Peperl? Und wo war Peperl zur Stunde überhaupt? So sehr sich Herr Kolb bemühte, seine Augen hervorquellen zu lassen, es war doch alles nur eine Vision.

Später hatte er die Empfindung, Engel hätten ihn kurzerhand in seine Werkstätte getragen, dort recht weich gebettet, und ein besonders gütiger Engel hätte sich bemüht, etwas Köstliches, Kühlendes auf die Stirn zu legen. Weiter empfand er nichts mehr.


Die Visionen des Herrn Kolb hatten eine sehr reale Unterlage. Denn so stark sein Körper war: aber all den seelischen Aufregungen, verbunden mit einem ungewohnten Zechen, war er nicht gewachsen. Sie hatten einen so tüchtigen Haarbeutel heraufbeschworen, daß er sogar die Kräfte eines Riesen vom Stamme Kolb zu lähmen imstande war.

Es war selbst für den noch nüchternen Teil der späteren Zuzügler mit ungeheuren Anstrengungen verbunden gewesen, Herrn Kolb zu vermögen, sich ein wenig von seinem Stuhle zu erheben. Immer wieder sank er mit aller Schwere zurück.

Endlich aber gelang es doch, den Riesen auf 108 die Walzen zu bringen. Und da zeigte es sich, daß er ganz bedenklich zu schwanken begann. In jedem anderen Falle genügen zu solcher Gelegenheit zwei halbwegs nüchterne Kumpane, um dem gänzlich heruntergekommenen Dritten über alle Fährlichkeiten hinwegzuhelfen. Die Zeit des Jahres, in der sich für den Militärdienst als tauglich befundene Jünglinge einem gewöhnlichen alkoholischen und einem Rausch gesteigerten Selbstbewußtseins sowie einem Rausch patriotischen Überschwangs hingeben, bestätigt meine Darlegung.

Nun hätte ein Regiment von Riesen vom Schlage Herrn Kolbs selbst der alte Korporalstockkönig nicht aufzubringen vermocht (wenn der das Kolbsche Ehepaar gekannt hätte!). Sonst würde bei Gelegenheit der traditionellen feierlichen patriotischen Betrunkenheit der »Behaltenen« die ganze Bürgerschaft zur liebevollen Assistenz bei der Heimbeförderung nicht genügt haben.

Der Meister war vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so unzurechnungsfähig, wie es eben ein Mensch sein kann, der seit sechzehn Stunden dem Anblick der Wehen einer geliebten Gattin ausgesetzt ist und der während eines weiteren Zeitraumes von zwölf Stunden seinen Herzensbeklemmungen mit Feuchtigkeit zu Hilfe kommen muß.

109 Und erst die seelischen Aufregungen nach Verkündigung des ersehnten und erfürchteten Resultats. Ich wende mich an alle jungen, neugebackenen, närrischen Väter – ob sie es über das Herz brächten, Herrn Kolb auch nur mit einem linden Vorwurf zu strafen.

Wie also gesagt, gelang es den vereinten Bemühungen vieler mehr oder minder tauglichen Kräfte, den schwankenden Koloß in Balance zu erhalten. Unter allen, die um dessen Sicherheit einen lebhaften Eifer an den Tag legten, befand sich Herr Beugler.

Er hatte den Tag in Etappen geteilt, die vielen Besuchen bei dem Wirte, vielen Ernüchterungsschläfchen und ganz belanglosen Versuchen in seinem Handwerk gegolten hatten. Zur Stunde war er nicht viel nüchterner als sein großer Freund. Aber machte es seine Kleinheit oder vertrug er mehr oder taten es die vielen Ernüchterungsschläfchen, kurz, Herr Beugler bewahrte ein leidliches Aussehen und es machte den Eindruck, als trüge er wirklich etwas zur Stützung des Gefährten bei, indes er tatsächlich die ganze Aktion mehr erschwerte als sie vereinfachte.

War das ein Aufsehen, als die Gruppe durch die Gasse zog. Sie bildete einen wirren Knäuel, aus dem die mächtige Gestalt Herrn Kolbs 110 emporragte wie eine vom Sturme geschüttelte Tanne aus niederem Zwergholz.

Aber im selben Augenblick nahte sich vom anderen Ende der Gasse ein Knäuel, gebildet aus lauter jugendlichen Elementen der Staatsbürgerschaft, und in der Mitte dieses Knäuels wankte, einem dem Tode zugeführten Delinquenten gleich, Peperl. Das Gesicht aschfahl, den Hut im Nacken, und zwischen Mittel- und Zeigefinger gepreßt eine angerauchte Virginierzigarre.

Peperl wurde in normaler Weise nur von zwei Führern gehalten, zu deren einem sein intimer Freund, der Lehrjunge des Schustermeisters Udrzal, gehörte. Alles andere war Kortege.

Es ist erst allgemach an den Tag gekommen, wie Peperl in diesen Zustand geraten war. Aus seinen viel später gemachten Geständnissen und Andeutungen, so verstockt und hinterhaltig sie gewesen sein mochten, und mit Zuhilfenahme des ganzen Charakterbildes Peperls ließ sich ungefähr folgendes konstruieren (gewiß setze ich meine Phantasie nicht an letzte Stelle):

Im Besitz eines bisher ungekannten Vorrats an Kleingeld war Herrn Kolbs Produkt lehrmeisterlicher Erziehertätigkeit vor allem bemüht gewesen, sich seiner übernommenen moralischen Verpflichtungen zu entledigen. Und dieser 111 Vorsatz hatte ihn in die nächstgelegene, durch vieles Besuchsschwänzen wohlbekannte Bezirkskirche geführt.

Peperls Begriffe vom inbrünstigen Beten waren ziemlich verschwommene und unausgereifte. Seine durchschnittliche Hausfrömmigkeit ward schon geschildert. Eine Bewegung mit dem gestreckten rechten Daumen von der Stirn bis zur Magengegend, ein Händeverschlingen, das in besonderen Fällen zu einem von dem Meister unnachsichtlich gerügten und bestraften Händereiben wurde, dann ein stumpfsinniges Dreinstarren, was ein frommes Insichversenktsein markieren sollte.

In besagtem Falle machte es Peperl ebenso, nur daß er sich bemühte, seine Gedanken auf die leidende Frau Meisterin zu konzentrieren. Er malte sich in einem Moment der Gefühlsaufwallung die Möglichkeit aus, Frau Kolb könne sterben, eine andere Meisterin könne Einzug in das Haus halten, eine andere, die nicht so gut kochte und so reichlich vorsetzte wie die seelensbrave Frau Rosa. Bei diesen Vorstellungen fühlte Peperl etwas wie wirkliche Rührung. Zwar mehr über sein vorgestelltes Los als aus menschlichem Mitleid. Aber er war überzeugt, die nötige Herzensinbrunst aufgebracht zu haben, deren wir uns alle rühmen, wenn es ein uns nahegehendes Ereignis betrifft.

112 Und aus dieser momentanen Inbrunst heraus beschloß Peperl, den Lauf seiner überströmenden Gefühle mit einer neuerlichen Beschwörung von Stirn, Brust und der ihm so heiligen Magengegend einzudämmen. Dann warf er in den Opferstock etwas, das einen ganz einfachen dünnen Klang besessen haben mußte. (Peperl ward bei späteren teilnahmsvollen Anfragen über die Höhe seiner Opfergabe an die Muttergottes ziemlich unwirsch.)

Von der Kirche aus begab sich Peperl im Schlenderschritt – er versäumte ja nichts – nach einer Tabaktrafik. Dort versorgte er sich mit einem kleinen Vorrat von Zigarren, die ob ihrer Billigkeit, Länge und Güte damals von jugendlichen Amateurrauchern sehr geschätzt wurden. Im Gegensatz zu heute rauchten jedoch diese Amateure sehr verstohlen, denn es gab rückständige Erwachsene genug, ihnen die Zigarre aus dem Munde zu schlagen.

Deshalb strebte Peperl hinaus aus dem Weichbild der inneren Bezirksteile. Bei einer ehemalig bestandenen »Lina« gelangte er zu einer der schön grünenden Wiesen, die breit die Linienwälle umsäumten. Auf solch einer Wiese ließ er sich nieder, rückte den Hut ein wenig über die Augen und gab sich dem stimulierenden Genuß des narkotischen Krautes hin.

113 Bis nun wäre alles ruhige Idylle gewesen. Und abgesehen von der zu geringen Opfergabe und dem verbotenen Rauchen würde Peperls Ehrenschild blank geblieben sein. Doch mit einem Reichtum in der Tasche und einem freien Halbtag vor sich – welcher Lehrjunge würde auf die Reinheit seines Ehrenschildes besonders Bedacht nehmen?

Peperl, von dem Genuß einer Zigarre ermüdet, erhob sich endlich, schlenderte der nächsten »Linie« zu und landete in dem schattigen Vorgarten eines kleinen Gasthauses. Dort ließ er sich zu kurzer Rast und Stärkung nieder. Das Gollasch duftete so verlockend aus der Küche, die den Gästen kredenzten vollen Biergläser mit ihrer weißen Schaumkappe trieben förmlich den Speichel in den Mund, kurz, Peperl gedachte es sich wohlsein zu lassen.

Nicht lange, und ein vollständig blankgewischter Teller, weiter ein halbgeleerter Brotkorb und ein vollständig geleertes Bierglas bekundeten einen gesegneten sowie gestillten Appetit und Durst.

Nun wäre aller menschlichen Voraussicht nach Peperl säuberlich aufgestanden und hätte es sich an der einfachen Stärkung genügen lassen. Aber sei es, daß alles, was mit Herrn Kolbs Haushalt 114 im Zusammenhang stand, etwas von Wundern anzog, wie ein mit einem Magnet bestrichenes Eisenstück; sei es, daß die Vorsehung Peperl zu einer erstmaligen, aber gründlichen Prüfung berufen wollte – dieser sah plötzlich in ein bekanntes Gesicht. Besagtes Gesicht gehörte einem Lehrkollegen an, der im Vorjahr von Herrn Kolb zum Tempel hinausgeworfen worden war, nachdem sich etliche kleine Eigentumsdelikte erwiesen hatten. Da der angehende Wagnereibeflissene überdies seinen Beruf als einen gänzlich verfehlten, das Handwerk als niederträchtiges und seinen Lehrherrn als den größten Leuteschinder betrachtete, konnte man Herrn Kolbs Vorgehen nur als ein Entgegenkommen gegen den hoffnungsvollen Gentleman loben.

Dieser war hoch erstaunt und tat unendlich erfreut, zu so ungewöhnlicher Zeit seinen ehemaligen Berufskollegen an einem so ungewöhnlichen Orte zu treffen. Er kam auf ihn zu, begrüßte ihn mit Herzlichkeit und Würde, ließ sich an dem Tische nieder, den Peperl zu verlassen eben Anstalt machen wollte, ließ sich vom Kellner den Wein von seinem Tische herüberbringen und ehe sich's Peperl versah, war ein freundschaftlicher Herzensbund geschlossen.

Natzl hatte im Anfang wohl mit einem kleinen Vorurteil zu rechnen. Denn nach der ersten 115 Begrüßungsfreude, die mehr auf seiner Seite zu bestehen schien, war eine etwas schwüle Pause eingetreten. Peperl, der im Grunde ein hochachtbares, ehrenhaftes Gemüt besaß, hielt sich von vornherein reserviert, gleich einem Offizier, den ein unmöglich gewordener ehemaliger Kamerad anspricht. Er versuchte, Natzl sozusagen zu »schneiden«. Doch mit nicht viel Glück. Denn wie gesagt, im Verlauf einer nicht allzulangen Spanne Zeit war ein Herzensbündnis geschlossen worden.

Natzl hatte mit dem Raffinement aller Seelenfänger den Teufel Alkohol in seinen Dienst gezogen und ohneweiters dem Kellner Auftrag gegeben, vor Peperl ein Glas Wein hinzustellen. Dieser, im Bewußtsein, daß er imstande sei, sich revanchieren zu können, nahm gnädig an. Bald hatte er einen roten Kopf.

Der ehemalige Lehrkollege tat über das Haus Kolb sehr von obenhin. Nichtsdestoweniger schien er mit Interesse all den Ereignissen zu lauschen, die sich nach seinem unfreiwilligen Austritt ereignet hatten.

Als er von den Kindesnöten der früheren Meisterin vernahm, lachte er höhnisch:

»So zwa alte Eseln!«

Peperl, der noch nicht von allen guten Engeln und allen Gefühlen des Anstandes verlassen war, 116 verbat sich den Ton. Dann – es war mittlerweile ein zweiter gefüllter »Stutzen« vor ihn auf den Tisch gestellt worden – stärkte er sich gründlich und betrachtete seinen Genossen mit den Augen, mit denen wir alle gewohnt sind, Lumpen zu betrachten, die es zu etwas gebracht haben.

Denn es hatte allen Anschein, daß Natzl über reichlich Geld verfüge. Und, mag es uns Religion und Philosophie hundertmal anders beweisen wollen, Besitz adelt. Daher zeigte Peperl auch eine etwas aufdringliche Wißbegierde bezüglich der Einkommensmöglichkeiten seines Freundes – das war Natzl mittlerweile geworden.

»Am Roßmarkt bin i jetzt«, war die nonchalante Antwort. »Mein Liaber, da verdienst a Geld und brauchst di net schinden wia bei an' G'schäft. Von d'r Fruah bis auf d' Nacht dastehn bei d'r Arbeit, beutelt und a'g'watsch'nt werd'n . . . Na, so was vertrag' i net. Und dabei 's ganze Jahr ka Geld im Sack . . . Da schau her!«

Er griff in die Tasche und zog nebst einer Handvoll von Silbermünzen noch einige zerknitterte Guldenzettel hervor. Peperl traten vor Staunen fast die Augen aus dem Kopfe.

»Sixt es«, sagte Natzl, »so lebt das Volk in Wean! Da braucht ma ka notig's Masterg'lumpert. Aber trink do, für an' alten Spezi laß i was springen.«

117 Abermals kam eine frische Füllung. Peperl offerierte dem ehemaligen Kameraden eine seiner Zigarren, die dieser hohnlachend unter den Tisch warf und mit den Füßen zertrampelte.

»So was raukst du?« fragte er voll ehrlicher Verwunderung. »Anmal, als Lehrbua, hab' i das aa z'samm'bracht. Aber heut . . .«

Natzl schüttelte sich und bestellte dann zwei Trabuccos. Dann gab man sich den Erinnerungen an alte Zeiten hin, hustete und spuckte dazwischen viel und suchte den beißenden Tabakgeschmack mit Wein hinunterzuspülen.

Peperl, der sehr neugierig war, wollte nähere Details über die Einkommensmöglichkeiten am Roßmarkt erlangen. Aber in dieser Art versiegte die Mitteilungsbedürftigkeit des Freundes, der offenbar geneigt war, dieses Thema als abgetan zu betrachten. Dafür gelangte man darauf, den wundervollen Zufall zu preisen, der zwei so alte Burschen nach langer Zeit wieder einmal zusammengeführt.

Bei Peperl, dem der ungewohnte Wein sogar das Geständnis einer Mordtat entrissen hätte, regte sich die unscheinbare, aber bissige Bestie der Medisance.

Er kniff ein Auge ein, blickte Natzl mit einem spitzbübisch sein sollenden, aber schon bedeutend blödsinnigen Grinsen an und sagte geheimnisvoll:

118 »Was glaubst eigentli, warum mir d'r Master heut freigeb'n hat? Da schau aa her.« Und er griff gleichfalls in die Tasche und brachte seinen Schatz zum Vorschein.

»Beten hätt' i gehn soll'n«, hauchte er, wie man bei besonders geheimnisvollen, des Humors nicht entbehrenden Dingen zu tun pflegt. »Verstehst? Bet'n für d' Masterin, und da hätt' i soll'n dö Opferstöck' damit anfüll'n. Wia g'fallt d'r so was? Ha? Was sagst da dazua, zu so aner Idee?«

Natzl, der im Begreifen frommer Gefühlsausbrüche sehr schwach war, dämmerte erst allmählich die Rolle auf, die man seinem Ex-Kameraden zugemutet. Er starrte den Erzählenden geraume Zeit an wie einen, der eine ganz unerhörte Mär verkündet. Zugleich stand ihm das Bild seines ehemaligen Meisters vor Augen, der es liebte, beim Anhören unglaublicher Dinge sich auf den Schenkel zu klopfen und in ein dröhnendes »Hohohoho!« auszubrechen.

Das Männliche dieser Expektoration bewog nun Natzl zu einer Nachahmung, die insofern etwas verunglückt ausfiel, als der Schenkelschlag zu dünn und das Lachen zu unreif-kreischend klang. Peperl, zu seiner Unehre sei es gesagt, überbot seinen Kumpan in einem hysterischen, unnatürlichen Heiterkeitsausbruch. Doch zur teilweisen 119 Entschuldigung mögen die Menge des konsumierten Weines und die Scham über die Rolle, die er nun spielte, herangezogen werden.

Man war jedoch seitens der anderen Gäste auf das noch etwas unmündige Zecherpaar aufmerksam geworden. Man machte einige ganz ungescheute Bemerkungen, die mit ausgerissenen Haaren und Ohren in Verbindung standen. Der Wirt, der mißtrauisch geworden, forderte die beiden jugendlichen Zecher zur Bezahlung auf.

Natzl war um freche Antworten nicht verlegen, desgleichen Peperl, der mit Mut förmlich zur Explosion gefüllt war. Aber trotz allem: in kurzem hatten sie die Zeche berichtigt und fanden sich hinausgesetzt.

Von der anderen Seite der Straße höhnten sie nun aufs unverschämteste das Wirtspersonal und die Gäste. Erst als sie merkten, daß eine Verfolgung eingeleitet werden sollte, nahmen sie Reißaus.

»Waßt was«, sagte Natzl, nachdem sie ein wenig ihr durch den reichlichen Weingenuß und das starke Laufen erzeugtes Echauffement überwunden hatten, »gengan m'r in 'n Prater.«

Peperl, so verworfen er sich schon gezeigt hatte, war von den Engeln des Pflichtgefühles und Heimtriebes noch nicht so sehr verlassen, um sich 120 nicht zu erinnern, daß es für ihn höchste Zeit sei, heimzukehren.

Aber Versucher haben eine geläufige Zunge und finden willige Ohren. In der überzeugendsten Weise legte Natzl Peperl nahe, daß erstens seine Anwesenheit an dem heutigen Tage eine gänzlich entbehrliche, ja vielleicht sogar hindernde sei. Zweitens, daß sich Herr Kolb durch Darreichung des Geldgeschenkes nicht nur aller seelischen, sondern auch seiner materiellen Verpflichtungen, wie der für Peperls leibliche Notdurft, für entbunden erachte. Dann wäre eine Heimkehr in dem jetzigen Zustand viel auffälliger, als wenn sie sich erst durch einen Spaziergang im Prater erfrischt hätten.

Kurz, so manche Gründe wurden vorgebracht, bis das Wanken kam, dann das Nachgeben und alle guten Engel sehr kategorisch jeden weiteren Verkehr mit Peperl abbrachen und ihn vollständig schnitten. Das böse Prinzip hohnlachte also und die kleine Gasse hatte Gelegenheit, noch lange in der erbaulichsten Entrüstung über den von Gott und der Welt verlassenen Lehrjungen zu schwelgen.

Über den weiteren Etappen dieser »Praterfahrt« liegt wie über so manchem geschichtlichen Ereignis ein Schleier. Peperl, der erst viel später, allen großen Männern gleich, sich entschloß, aus 121 seinem reichen Erinnerungsschatz zu spenden, deutete auf manche Fährlichkeiten hin, auf viele Ringelspielfahrten, Gasthausbesuche, sogar auf einen Konflikt mit dem Gesetz; auf ein Schläfchen in den Praterauen, neuerliche Gasthausbesuche, Rauchen von Zigarren, Ausbrüche von Reue und Ausbrüche alles Genossenen . . .

Wie er heimgekehrt, dessen vermochte er sich aber in seinem Leben nimmer zu erinnern. Es schien fast, als ob auch in dieser kurzen Strecke seines jungen Lebens ein mildes Wunder seines lieblichen Amtes gewaltet.

Ich meinerseits verhehle den Verdacht nicht, daß Natzl mit der Freude des geborenen Bösewichts sein Opfer ganz nahe an die Gasse geführt und es abgewartet hatte, daß dieses von der Jugend aller Schattierungen erspäht werde; dann hatte er einem Verschwörer gleich, der die Wirkung einer in die Stadt geworfenen Brandfackel mit Genugtuung auf sich wirken läßt, Peperls Einzug von fern beobachtet . . .

Meister sowohl als Lehrling wurden in der Werkstätte gebettet. Diese Maßregel hatte sich aus vielen Gründen für tunlich erwiesen. Vor allem aus denen der Einfachheit. Herrn Kolbs Bettvorrat war über ein reines großes Tuch auf die Erde gelagert worden. All diese Anordnungen hatte Frau Beugler getroffen, die, unterstützt von 122 der Schaffnerin, Frau Rosa über das psychische wie leibliche Wohl des Gatten beruhigen mußte. Die arme Frau war von den Qualen der Geburt so erschöpft, daß sie schließlich beruhigt in einen tiefen Schlummer verfiel.

Daß Peperl mit seinem Nachtlager schlechter daran war als sein Gebieter (man schob ihm einige alte Werkschürzen unter den Kopf und bedeckte ihn mit einem alten Pferdekotzen), liegt in der Unzulänglichkeit der sozialen Verhältnisse begründet. Und über ihn beugte sich auch nicht Frau Beugler und linderte die Hitze seines Kopfes mit kühlenden Umschlägen.

Aber eines hatten Meister und Lehrjunge gemeinsam: sie schnarchten um die Wette. Und viele, viele andere mochten es zur Stunde in der kleinen Gasse den beiden gleichtun. 123

 

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