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Schackerl

Karl Adolph: Schackerl - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchackerl
authorKarl Adolph
year1912
firstpub1912
publisherCarl Reißner
addressDresden
titleSchackerl
pages230
created20130606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

(In dem Frau Kolb ihren Gatten für einen gefaßten Beschluß zu gewinnen weiß und diesen unter den denkbar günstigsten Auspizien zur Ausführung bringt)

Herr Kolb hatte die löblichen Gewohnheiten einer geregelten Lebensweise.

Pünktlich um sechs Uhr früh stand er schon mit seinem Stabe in der Werkstätte. Der Magen ward in Vertröstung auf das Frühstück, das um sieben Uhr stattfand, mit einem, manchmal zwei Gläschen echten, guten Wacholders abgefunden. Dann gab es je nachdem Milch- oder Einbrennsuppe oder Kaffee. Um neun folgte ein ausgiebiges Gabelfrühstück und punkt zwölf Uhr ein noch ausgiebigeres Mittagessen.

Der Mittagstisch vereinigte das Meisterpaar, die Gesellen und den Lehrjungen zu gemeinsamem Mahle. Ein Überbleibsel der patriarchalischen Einrichtungen früherer Tage, die Meister und Gesellen einander näherten und in diesen oft eine gewisse Liebe zur Familie aufkommen ließen.

Herr Kolb war nicht im mindesten das, was 18 man so gemeinhin fromm nennt. Aber er achtete die Überlieferung seiner Vorfahren, die seit Urgroßvaterszeiten an demselben Tische gesessen, gespeist und vorher ihr Tischgebet gesprochen hatten. Daher wurde vor Beginn des Mahles ein Kreuz geschlagen, je nach Übung, Temperament und Überzeugung jedes einzelnen. Man saß eine Weile mit verschlungenen Fingern, etwas geneigtem Haupte da, bewegte die Lippen, was besonders Peperl, der Lehrjunge, als Gebet auszugeben pflegte, obwohl es meist nichts anderes war als ein zurückgehaltenes Schmatzen nach den Speisen, dann teilte die Meisterin aus.

Diese Überlieferungen einer in manchem Sinne guten alten Zeit waren schon seltene Ausnahmen geworden. Aber erst die neueste Zeit hat dem Patriarchismus allüberall die unheilbarsten Wunden geschlagen.

Sie hat recht, die neue Zeit, wie das Neue ja stets im Rechte ist. Aber wenn das baufällige Hüttchen zusammengerissen wird, um einem neuen schönen Hause Platz zu machen, nimmt die Harke des Demolierers mit dem verfaulten Stroh oder den Schindeln des Daches das alte, herrliche Moos mit, verwüstet das angebaute Gärtchen und verjagt die lieben, unsichtbaren Geister, die jedes alte Haus bewohnen.

Mit dem Unkraut, das jede Revolution, ob 19 blutig oder unblutig, wegzuräumen beauftragt ist, stirbt manche liebe, herzige Blume, die nur zu erfreuen bestimmt war.

Und deren blühte so manche im Schatten des endgültig gefällten Patriarchismus. Anhänglichkeit, Treue, Liebe zur Familie des Meisters oder Dienstherrn – diese Tugenden hat unsere mächtige eiserne Zeit mit ihren Schritten zerstampft, ausgerottet.

Ein mißtrauisches Geschlecht wacht sorgsam über seine errungenen Rechte. Wie es kein Unrecht dulden will, ist es auch zu keinen Opfern bereit.

Die Idylle ist tot. Und wie sehr man das Naturgesetz zu achten gezwungen ist, kann einem die Trauer nicht verwehrt werden beim Anblick eines vom Blitze gespaltenen Baumes, eines vom Hagel vernichteten Blumengartens.

Die Abendmahlzeit um sieben Uhr vereinte nur die zwei Gatten im Wohnzimmer, nicht im gemeinschaftlichen Speisezimmer. Dort wurde nur den Gesellen und dem Lehrjungen der Tisch gedeckt und sie wurden sich für den Rest des Abends allein überlassen.

Die Zeit während des Abendessens und ein Verdauungsstündlein war den Erörterungen des Ehepaares über die verschiedenen Sorgen des Haushalts und des Geschäftes gewidmet.

20 Denn um halb neun Uhr brach Herr Kolb zu seinem Gange nach dem Stammgasthause auf, um dort inmitten einer fidelen Kneiprunde einige »Stutzen« zu sich zu nehmen. Um dreiviertel elf war Aufbruch und um elf schlief der Meister schon in seinem Bette.

Diese gewöhnliche Zeiteinteilung fand nur im Fasching insofern einige Ausnahmen, als er von dem Ehepaar verwendet wurde, auf zehn oder zwölf Haus- oder Wirtshausbälle zu gehen und dort bis in die Frühstunden wacker zu tanzen, Krapfen zu essen und Wein zu trinken, um dann von dem Orte der jeweiligen Lustbarkeit an das gewohnte Tagewerk zu gehen. Die Konstitution der beiden liebenswürdigen Riesen hielt derlei mit Leichtigkeit aus.

An dem Abend nach dem Besuch Frau Kolbs bei Frau Beugler seufzte die erste, während ihr Gatte mit der Zermalmung eines Knochens beschäftigt war, einigemal tief auf, was dem Meister stets als Zeichen galt, es bereite sich was vor, zu dem seine Zustimmung gesucht werde. Er widmete daher dem Knochen eine erhöhte Aufmerksamkeit.

Weitere drei bis vier aus der Tiefe geholte Seufzer schienen an ein taubes Ohr zu dringen. Mehr an Verstellung konnte aber der gutmütige Riese nicht aufbringen. Er knurrte daher:

21 »Hör' anmal auf mit der Seufzerei! Wannst a so anfangst, waß i scho, daß d' was willst von mir.«

Die hübsche Frau preßte noch einmal einen leichten, schon sehr an der Oberfläche geholten Seufzer hervor, dann wischte sie sich die Augen, ein Verfahren, von dem sie wußte, daß es auf den biederen Gatten fast lähmend wirke.

»Heut war i bei der Beuglerin«, leitete sie den Schlachtplan ein. »Mein Gott und Herr! Es is wirkli a Jammer. Scho wieder was Klan's und Schmalhans Kuchelmaster.«

Herr Kolb, der ein weiches Gemüt befaß, es aber nach Art aller Leute, die wirklich damit bedacht sind, nicht zur Schau tragen wollte, nahm eine schier menschenfresserische Miene an, die, wenn sie die ganze Welt getäuscht hätte, seine Frau nicht zu der Überzeugung gelangen ließ, ihr Gemahl wäre ein verstockter Menschenfeind.

»Schafft eahner 's wer?« fragte Herr Kolb, der seinen Knochen glücklich bezwungen zu haben schien. »Muaß denn alle Jahr ans kumma? Da haßt's Schluß machen; fertig, Atzgersdorf!« Er stand auf und holte sich seine Abendpfeife, die er mit dem unerbittlichsten Gesicht zu stopfen begann.

Als die ersten Tabakwolken den Raum durchzogen, schien die menschenfeindliche Stimmung abzuebben.

22 »Leut', die so arm san, daß s für zwa net langt«, fuhr er im Tone verletzten moralischen Gefühles fort, »brauch'n ka Regiment Kinder. So viel Matratzen hat die ganze Weanastadt net, die der Beugler umkrampeln müaßt, daß er für alle zum Sattessen verdient. San m'r froh, daß m'r net an eahnerer Stell' san.«

Der ehrliche Wagnermeister hielt es mit der Philosophie der sauren Trauben. In Wirklichkeit hätte er gegen einen auch reichlichen Kindersegen nichts einzuwenden gehabt. Er war jung, gesund, mehr als wohlhabend, besaß ein gutgehendes Geschäft und war ebensosehr Kinderfreund wie seine Frau.

Weiber besprechen und beklagen gern eine Misere, während Männer einen Widerwillen äußern, sich über Dinge zu beklagen, die ihrer Ansicht nach nicht zu ändern sind.

»Mein Gott, Vatta (eine bewußte Selbsttäuschung und Freude am Klang des Wortes), von so viel is ja gar ka' Red'. Das möcht' uns abgehn«, lachte sie lustig. »Wann's wenigstens nur ans war'«, fügte sie schmerzlich hinzu.

Herr Kolb schwieg und paffte einen blauen Nebel um sein Haupt.

»Desweg'n war i heut so lang mit der Beuglerin beinand' . . .«, lenkte seine Frau nach dem Ziele.

23 »Hör' auf! Darum hast net den ganzen Abend g'seufzt«, unterbrach sie mit vielem Scharfsinn der Meister. »Du willst was und traust di mit der Farb' net heraus.«

»Geh, tua net so, als müaßt i vor dir a Angst hab'n, wann i wirklich was verlangen wollt'. Also i war heut bei der Beuglerin und da hab'n mir über so vieles g'redt, wia ma halt scho amal beim Reden is.«

»Das glaub i«, nickte der Gatte in so bestätigender Weise, als hätte ihn das Gegenteil zum Verwundern gebracht.

»Wia i das Tschapperl anschau«, fuhr Frau Rosa fort, ohne auf den Einwurf zu achten; »klanwunzig, liab wia a Christkindl . . .«

»Hör' auf«, sagte Herr Kolb, der, wenn er Lunte roch, sehr stützig wurde, »mit dö paar Täg' schaut so a Kreatur aus wia a Krot.«

»I bitt di, Alter . . . versündig' di net! A Kind und a Krot zum vergleich'n . . .«

»Is scho guat«, lenkte der Getadelte ein, »kumm nur bald zu an' End'. Es wird Zeit, daß i übri kumm.«

Mit dem »übri« war der Besuch des Stammgasthauses gemeint.

»Geh, wirst es do no die paar Minuten derwarten können. Also i und die Beuglerin hab'n 24 über so manches g'red't und da bin i erst eigentli so draufkommen, was für a g'scheit's Weib als s' is.«

»Meiner Seel, daß s' a Hungerleiderbag . . . familie san, waß i, von der G'scheitheit hab' i bis jetzt bei eahm und bei ihr nix g'merkt. Außer daß s' züchten können wia die Ratzen, no, und das is in eahnern Fall a Dummheit.«

Frau Rosa hegte einen unüberwindlichen Abscheu gegen die Blasphemien ihres Gatten. Sie hatte wohl gemerkt, daß er das »Hungerleiderbagage« nur gerade noch rechtzeitig unterdrückt hatte. Dann der Vergleich des jüngsten Kindes mit einer Kröte und nun noch die drastische Illustrierung der Fruchtbarkeit des Ehepaares . . .

Aber Frau Kolb wußte, wie alle Frauen, die etwas erreichen wollen, es stets gewußt hatten und immer noch wissen werden, daß man mit der Entrüstung warten müsse, bis die Zeit reif ist. Daher setzte sie anscheinend ganz arglos ihr Gespräch fort.

»Na, die Beuglerin is wirkli a g'scheit's Weib, kannst mir's glaub'n, Radl. Wann s' aa net studiert is, so waß s' do mehr als unseraner. Und destweg'n sollt'st di net glei so ausdruck'n.«

»Ja, is scho recht, aber i möcht' wissen, was ös zwa auskocht habts. Denn daß auf amal die Beuglerin heut umsunst a g'scheit's Weib sein soll, geht mir net recht ein.«

25 »No, so hör'! Also i und die Beuglerin hab'n wia g'sagt verschiedenes g'red't. Und so kummt uns auf amal die Idee, daß d' Muattergottes schon gar oftmals g'holfen hat, wann ma s' nur aufsuacht.«

»Da geht's halt in d' Stephanskirchen«, glaubte der Gatte bereitwillig dem Entschluß entgegenkommen zu müssen.

»Zu die Stephaner? Vielleicht zu der Dienstbotenmuattergottes? I suach' do kan' Dienstplatz. Na, so man' i's net. Wir woll'n uns alle zwa, haßt die Beuglerin und i, urndli verloben gehn. Du waßt do, a Wallfahrt mach'n.«

»I versteh scho. Aber weg'n was wollts euch denn verloben gehn?« fragte der zuzeiten so schwerfällige und begriffstützige Gatte, besonders wenn man ihm eine Sache nur zum Greifen in die Hände gab.

»Waßt do eh«, flüsterte die hübsche Frau und errötete, als wäre die mit Inbrunst erflehte Herzensangelegenheit die einer jungen Braut. »Vielleicht gibt d' Muattergottes, was uns fehlt und was ihr die sieb'n heiligen Schmerzen einbracht hat.«

»Himmelfixdunnerwetter!« fuhr Herr Kolb auf, in dessen Hirn eine ganz absonderliche Vorstellung Platz genommen, als er daran dachte, 26 seine Frau wolle in Gesellschaft der Roßhaarkremplerin die Wallfahrt unternehmen. »Geh, am End' will si die Beuglerin no 's zweite Dutzend herausbet'n, weil s' bis jetzt no z' wenig hat. Die hat do Seg'n g'nua, da langert's auf tausend Schmerzen. Hör' auf, Alte, i muaß sunst meiner Seel' kitzelt werd'n, bis i lach'. Aber auf so a Idee . . .«

Und Herrn Kolbs nicht minimale Körperlichkeit ward von dem Zwingenden dieser Vorstellung so ergriffen, daß sie in eine Schüttelbewegung geriet.

»Geh, was du net denkst«, unterbrach Frau Rosa diesen ganz und gar nicht am Platze stehenden Heiterkeitsausbruch. »Mach' net so dumme G'spaß mit aner heiligen Sach'. Die Beuglerin will si auf an' Terno in der Lotterie verlob'n. I glaub', brauch'n kunnt s' 'n bei der Famülie.«

»Das is richtig«, stimmte Herr Kolb bei, der sich nun seiner unangebrachten Lustigkeit schämte. »Aber waßt, i halt auf das Ganze nix. Wer für an' Seg'n, is 's der oder der, net gebor'n is, dem hilft ka Beten und Wallfahrten.«

Der sich so skeptisch gebende Meister war keineswegs ein Freigeist.

Er hatte für den Hausgebrauch eine Dosis Religiosität, wie man etwa für alle Fälle ein linderndes Elixir gegen Zahnschmerzen im Schranke 27 hat. Seiner Frau legte er wie in allen Dingen auch bezüglich ihrer Frömmigkeit nichts in den Weg, ließ sich aber für seine Person zu keinerlei Konzessionen bewegen, sofern sie eine Ausdehnung der normalen Hausfrömmigkeit betrafen.

Peperl, der Lehrjunge, ward verhalten, Sonntags in die Kirche zu gehen (da in diesem Punkte eine Kontrolle fehlte, bin ich geneigt, anzunehmen, daß Peperl es mit dem Kirchenbesuch nicht sonderlich genau nahm), zu Ostern einen Palmbuschen weihen zu lassen und während des gemeinsamen Tischgebetes eine würdige Haltung zu beobachten; das heißt nicht allzu scharf den Speisen entgegenzuschnuppern, mit der Zunge zu schnalzen oder statt die Hände zu falten, diese vergnügt zu reiben.

Herr Kolb hatte es mit seiner letzten Äußerung über Kraft und Gewalt von Wallfahrten nicht so ernst gemeint, daß man in Versuchung geraten könnte, ihn für einen rettungslosen Sünder zu halten.

Aber seine Frau fiel ihm dennoch erregt in die nach ihrer Ansicht gotteslästerliche Rede.

»Radl (die Diminutivform für Konrad), du kummst meiner Seel' no amal in d' Höll', wann du scho an die Muattergottes nimmer glaubst. So was hätt' i von dir net denkt, so was net.«

Radl kratzte sich gleich allen schwerfälligen, in 28 eine Zwickmühle geratenen Menschen den Kopf. Er kannte seine Frau, die in wichtigen Momenten erst das schwere Geschütz aufführte, um dann mit irgendeinem Anliegen zu kommen, bei dem sie voraussetzen durfte, daß es auf einen gewissen Widerstand stoßen würde.

»Na na, so arg is 's net«, protestierte er; »das hab' i net g'sagt, Roserl.«

Wenn er aus beruflicher Erfahrung wußte, daß ein Eisen nur so lange geschmiedet werden kann, als es noch glühend ist, so kannte Roserl diesen Grundsatz aus angeborener weiblicher Weisheit.

Sie mußte ihren Mann auf ein Gebiet locken, das er aus bedauerlicher Ignoranz nur tastend betreten und ohne ihre Führung nicht ungefährdet verlassen konnte.

Sie fuhr demnach dringend fort:

»Du glaubst do an was, Radl, net wahr? Die Aug'n müaßt i mir auswana, wann i glaub'n sollt', du glaubst an gar nix mehr, an was do jeder Christ glaub'n muaß. Sogar a Jud und die Wilden hab'n was, an das s' glaub'n.«

O schöner Stil, o rührende, überzeugende Logik der Glaubenseinfalt!

Es hätten bedeutendere Dialektiker dieser hübschen, eifervollen Frau gegenüberstehen müssen, um den Triumph ihrer heiligsten Überzeugung 29 abzuschwächen, als der stiernackige, rund- und glotzäugige Koloß, der eine verzweifelte Kalkulation darüber anstellte, wo das Ganze hinauswolle.

Eine Wallfahrt? Gut. Zu zweit? Auch gut; aber nach welchem Orte?

»Also du glaubst do, daß a Wallfahrt was nutzt?« forschte Frau Rosa hartnäckig weiter.

»No ja, von mir aus«, gab Herr Kolb bereitwillig zu. »Aber warum katechierst mi denn grad heut so ab als wia wann i in der Christenlehr' stund'?«

»Ja, mein Gott und Herr, frag'n muaß i di do, und . . . waßt d', weg'n 'n Geld is 's do aa. Das kann i mir net von der Wirtschaft erspar'n, was i brauch', wo du alle Tag' mehr ißt, und die G'sell'n und der Peperl gar, und wo von an' Tag zum andern all's teurer wird.«

»Hör' scho amal auf, Alte! Jetzt waß i scho gnua. Dös is auf mei Briaftasch'n abg'segn. Jetzt bin i beinand mit mein' Bofesenkammerl. Aber daß du weg'n aner Wallfahrt nach Lanzendorf oder Enzersdorf so a Angehn machst, kummt m'r spanisch vur. Was dös für di und die Beuglerin an' ganzen Tag kost't, is do net der Red' wert, daß d' mi in d' Höll' einiverdammst. I bin do ka so a grauslicher Kerl net . . .«

»Ja was red'st denn du von Lanzendorf und 30 Enzersdorf?« fragte Frau Kolb mit so erstaunter Miene, als müsse sie nur an ein Mißverständnis glauben.

»I man do . . . Wo sollt'st denn sunst in der Geg'nd hinwoll'n?« warf, durch die erstaunte Miene etwas perplex gemacht, Herr Kolb ein.

»Geh, hör' auf!« zürnte Frau Rosa, in der natürlichsten Weise ein höchstentwickeltes Schauspielertalent entfaltend, denn in Wirklichkeit sah sie nicht ohne Besorgnis der Wirkung ihres letzten Schlages entgegen. »Was du glaubst! Wann i mi verlob', so glei urndli, und das kann ma nur in – in Mariazell.«

Nun war es doch heraus und die Wirkung auf den Wagnermeister schien keine unbedeutende zu sein. Er glotzte erst fassungslos seine Frau an, dann schlug er mit der Faust auf den Tisch, ließ die Pfeife den Zähnen entfahren und brüllte:

»Nach Mariazell? Warum denn nit glei nach . . . nach . . .« Seine Unvertrautheit mit berühmten ausländischen Wallfahrtsorten ließ ihn keinen passenden, möglichst starken Vergleich finden. »Nach Mariazell! Glaubst, i soll mein G'schäft verkauf'n, damit i das derschwingen kann, was die Ras' kost'? Wann sie die dumme Urschl wirkli an' Terno auffibet't, so macht er das net aus, was mi die G'schicht' kosten möcht'. 31 Destweg'n hast so a Angst g'habt, daß i in d' Höll' kumm mit Haut und Haar? Das habts euch schön abg'macht, ös zwa. Natürlich, der Radl ist der guate Batsch, der Täddl. A biß'l schön ums Goderl fahr'n, und er tuat alles. Er hat's ja.«

Und Herr Kolb gestattete sich ein verzweifeltes Auflachen, wie es in Momenten höchster Bitterkeit produziert wird, da man an Gott, der Welt und der Menschheit irre geworden. Es war, wie er vermeinte, die tödlichste Art moralischer Niederstreckung.

Aber Frau Rosa war bereit. Sie brach in ein herzzerbrechendes Schluchzen aus.

Wenn Tränen von einem Seelenanalytiker auf ihre einzelnen Bestandteile erforscht werden könnten, auf die moralischen Ursachen nämlich, die in ihrer Summe geeignet sind, die salzige Flut den Augen zu entlocken, so würde die Analyse im vorliegenden Falle ungefähr folgende Formel gefunden haben: drei Teile weibliche, angeborene Tränenlust, ein Teil mitgebrachte Rührung (nicht ganz aufgebrauchter Vorrat), ein Teil Heuchelei (nur des Anstoßes zur neuen Rührung wegen), zwei Teile Reue wegen der doch vielleicht zu voreilig getanen Abmachung mit der Wöchnerin, ein Teil Scham darüber, daß sie von ihrem Gatten durchschaut worden, und das andere alles Entrüstung.

32 Frau Kolb setzte in ihrem Innern jedoch alles auf Rechnung dieser letzten Empfindung. Und je mehr sie sich in dieser Überzeugung bestärkte, um so weißer wurde das Lammsfell ihrer gekränkten Unschuld und um so schwärzer der Balg des tyrannischen, rundäugigen, stiernackigen, ungläubigen und seelverlustigen Gemahls.

»Radl, in unsere alten Tag' willst mi so schlecht machen? Für so hätt' i di net g'halten – für so net. Das is der Dank – daß i immer an dir g'hängt bin – wie aa Kle–e–tten mit aller Liab und Treu. Du – du – glau–aubst, i wollt' di beschwi–i–indeln. O, Jesus, Maria und Josef! I will di z'grund ri–icht'n, weg'n meiner solltst dein G'schäft – verkau–auf'n – und i sollt' Schuld hab'n? Unser Herrgott soll dir verzeihn, Radl!«

Dieser urtief christliche Wunsch erstarb in einem Wimmern, das auf Seele und Nerven Herrn Kolbs wirkte wie der Bohrer eines Zahnarztes.

Seine Entrüstung war Schmiedefeuer gewesen, in das der Blasbalg des unvermuteten Wallfahrtsprojekts Leben gebracht hatte. Nun aber war es unter dieser salzigen Hochflut gänzlich ertränkt, unrettbar verlöscht.

»I bitt' di, Roserl . . .«, stammelte er.

»O Radl, daß i das derleb'n muaß«, klagte Frau Rosa nun schon viel gefaßter und 33 zusammenhängender weiter, »hätt' i mir nie denkt. I war das bravste Weib, was d'r wünschen kannst, und nix hab' i bisher verlangt als jetzt, daß i d' Muattergottes aufsuachen kann. Es is do aa a Bitt' für di, Radl. O Gott . . . o Gott . . . o Gott! Hab' i das verdient?«

Der Sieg war eigentlich schon längst entschieden. Herr Kolb erkannte auf der Stelle die Berechtigung seiner Frau an, den lieben Gott für ihn um Verzeihung zu bitten. Er hatte sein Pulver im groben Geschütz auf einmal verpufft und trachtete nach Frieden.

»Jetzt hör' scho amal auf mit dem Wanen, Roserl. Was hab' i denn g'sagt, daß du gar so außer dir g'rat'st? Von mir aus fahr' nach Mariazell, wannst glaubst, daß dort die Muattergottes mehr auf di hört als bei die Stephaner oder in Enzersdorf.«

»Ganz sicher tuat s' durt Wunder«, klang es mit einem schon in Auflösung begriffenen Schluchzen, »wann ma a guat's Werk aufopfert.«

»Jetzt red'n ma amal g'scheit. A Woch'n bleibts aus. Wann scho, so kummt's auf an' Tag mehr oder weniger net an. Aber was mach' i mit meine Leut'? Wer kocht denn? Und was machen denn die Beuglerischen Bank . . Kinder ohne Muatta? Und was is 's mit'n Klansten? I kann 34 do net die Ammel machen und Windeln wasch'n? Solang hätt' die Verloberei wohl aa no Zeit g'habt, bis der Pamperletsch aus 'n Gröbsten heraußt is.«

»Geh, wia du g'spaßig daherred'st, Vatta«, unterbrach mit einem Lächeln sonniger Aufhellung Frau Kolb die Äußerungen echt männlicher Besorgnis des Gatten. »Du waßt, daß i nix unternimm, bevur net für alles g'sorgt is. Was das Klane betrifft, so hab' i mit der Anderl, der Sauerkräutlerin, g'red't. Die hat a Kind bei d'r Brust, das net recht trinken mag. Die Wirtschaft z' Haus führt d' Katherl. Mit ihre vierzehn Jahr' is s' scho groß gnua dazua, wo s' a so bald in 'n Dienst muaß.«

»Laß mi nur an's frag'n, Roserl: hätt'st du net können die Verlobung allan abmachen? I hätt' der Beuglerbag . . . Familie a paar Guld'n geb'n und wär' aa a guat's Werk g'wesen.«

»Ja, aber a klanes, denn dann machert s' kan' Terno. (Die Sache mit dem Terno schien im vorhinein günstig entschieden.) Und dann, schau, kost' die Sach'n ja wirklich net viel mehr. Ob i an' Wag'n allan brauch' oder zu zweit. Das bißl Essen und Nachtquartier macht's do aa nimmer aus. Und dann hab' i a Begleitung.«

35 Die Hauptpunkte waren zur Zufriedenheit entschieden. Herr Kolb brauchte sich um das Schicksal der Beugler-Familie mit Einschluß des Säuglings nicht zu sorgen, die Kostenfrage war aus dem Dunkel der Ungewißheit in ein helleres, freundlicheres Licht gerückt.

Nichtsdestoweniger hatte der quälerische Mann noch einige lächerliche Bedenklichkeiten.

»Ja, aber was is 's denn mit der Wirtschaft z' Haus'? Wer kocht uns denn und ramt z'samm', wascht ab, richt' die Wäsch'?« fragte er mit so sorgenvoller Miene, als könnten diese lächerlichen Nebenumstände die ganze wichtige Hauptangelegenheit in Frage stellen.

Aber Frau Kolb begegnete mit nun vollständig lächelndem Gesicht dem törichten Einwand.

»Du bist a großes Tschapperl, Vatta« (beide ahnten nicht die Wahrheit dieser Bezeichnung). »Weg'n so was si Sorg'n mach'n! I hab' scho mit der Sagfeilerin g'red't. Die übernimmt die ganze Bedienung. Mit dem Essen wirst z'frieden sein, denn die Manhart war amal Herrschaftsköchin. No, jetzt waßt nix mehr, du Brummbär, du alter, schiacher?«

Es ist staunenswert, mit welcher Energie Frauen einen Entschluß mit den zur Ausführung notwendigen Vorbereitungen zu verbinden wissen, 36 wenn es eine Angelegenheit betrifft, die ihnen Herzenssache ist.

Um dem »schiach'n Brummbär'n« keine Gelegenheit zu weiteren läppischen Einwendungen zu geben, gab ihm dafür die vollkommen versöhnte und verzeihende Frau Rosa einen herzhaften Kuß und nötigte ihn dringend, seine kostbare Wirtshausstunde nicht zu versäumen.


Eine Woche später gab es eine Sensation in der Gasse, deren Bewohner so glücklich waren, die Wallfahrt der beiden Frauen als solche zu betrachten.

Es war eigentlich die Entladung einer schon seit acht Tagen vorhandenen elektrischen Spannung.

»Die Kolbin und die Beuglerin verlob'n si nach Mariazell.« Das war während der ganzen Zeit das Gesprächsthema der beneidenswert anspruchslosen Gasse gewesen.

Man erwartete mit fieberhafter Neugierde den Aufbruch der beiden Pilgerinnen.

Endlich erschienen sie, um den schon harrenden Wagen zu besteigen. Jede hatte einen Blumenstrauß von der Größe eines Waschschaffes in den Händen, das Geschenk der Hausparteien und des Hausherrnpaares.

37 Zuvor gab es noch zwei erschütternde Abschiedsszenen. Frau Kolb hing schluchzend am Halse ihres Gatten und der unförmige Blumenstrauß schwebte über seinem Haupte wie der Federfächer eines indischen Potentaten.

»Radl, hast dir alles g'merkt, was i dir g'sagt hab? Schau nur, daß d' net krank wirst und d' daß d'r net 'n Mag'n verdirbst. Laß d'r, i bitt' di, nix abgehn. I wir fleißi bet'n für di. Schau aa, daß d'r Peperl beim Essen net aufs Bet'n vergißt. Und die Manhart soll schau'n, daß er net in d' Speiskammer übers Eing'sottene kummt. Dei Wäsch' is für a ganze Wochen g'richt, bis i z'ruckkumm. Die Katherl soll beim Aushelfen nix vom Trummo herunterwerfen, wann s' abstaubt. Wenn die Kinder vielleicht Hunger hab'n, so laß eahna was zuakumma, sunst hat d' Muatta ka Ruah bei der Wallfahrt. Also pfiat di Gott, Radl, und verzeih' m'r alles, wann i di beleidigt hab'. Du waßt, gern is 's net g'schegn. Pfiat di no mal herzli Gott . . .«

Herrn Kolbs Gesichtszüge waren vor Erregung und Ergriffenheit verzerrt. Er vermochte nur mit bebenden Lippen zu stammeln:

»Pfiat di Gott, Roserl. Kumm nur g'sund ham.« Und er küßte wiederholt ihre tränenbenetzten Wangen.

38 Die Beugler-Familie bildete eine Gruppe für sich, und zwar keine weniger bemerkenswerte als das Ehepaar Kolb.

Der Roßhaarkrempler, der in der Erregung des Abschieds sein Handwerkzeug an sich genommen hatte, tätschelte während der Umarmung damit seine Frau auf den Rücken und gab ihr die belehrendsten Ratschläge mit auf den Weg, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß er die meisten Worte dem an sein Gesicht gedrückten Blumenstrauß zusprach.

Das Elternpaar wurde von seinen sämtlichen Sprossen umringt, die mit ihrem Gehaben der feierlichen Stimmung etwas Eintrag taten. Der Säugling lag schon an der Adoptivbrust der Sauerkräutlerin, die sich nicht wenig darauf zugute tat, bei der Abschiedsszene gewissermaßen eine Rolle zu spielen.

Vor allen Ladentüren standen die Geschäftsinhaber, aus allen Fenstern schauten die übrigen Bewohner, die Kinder der ganzen Gasse waren auf den Beinen und in dem bauchigen Mittelfenster über dem architektonischen Portal standen Herr und Frau Saltner und winkten Grüße herab.

Endlich waren die Frauen im Wagen versorgt. Die letzten Grüße schallten hin und her und einige 39 Sprößlinge der Beugler begannen, als sie sahen, daß die Mutter wegfahre, fürchterlich zu heulen.

Die Pferde zogen an und von einer schreienden Kinderschar begleitet ging es fort, weit fort von der traulichen Gasse. Am Ende derselben, um die Ecke biegend, begegnete, sein lautes »Handlääah« rufend, ein Hausierer dem Gefährt.

Das war ein günstiges Omen und wurde auch allseitig kommentiert:

»A Jud bedeut't a Glück. Wann's a Klosterfrau oder a Rauchfangkehrer g'wesen wär, war's net guat.«

Herr Kolb aber stand und stand und starrte dem Wagen nach, der nach zehnjähriger glücklicher Ehe zum erstenmal seine Rosl von seiner Seite weit in die Welt führte.

Damals bedeutete Mariazell noch eine Reise. 40

 

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