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Schackerl

Karl Adolph: Schackerl - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchackerl
authorKarl Adolph
year1912
firstpub1912
publisherCarl Reißner
addressDresden
titleSchackerl
pages230
created20130606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

(Befaßt sich mit der Schilderung von Schackerls Geburtshaus, dem Charakter einiger seiner Bewohner und macht Mitteilung von einem folgenschweren Beschluß der Mutter des Helden, ohne den dieser nicht das Licht der Welt erblickt hätte.)

Einzeln bestehen sie noch heute, diese einstigen lieben, lachenden Wiener Häuser.

Aber sie sind schon lange auf die Liste der Pfründner gesetzt. Man läßt sie verfallen, vermorschen, verwittern und sucht aus ihnen noch so viel Profit herauszupressen wie möglich. Nicht einmal der billige Kalk wird angewendet, um sie lichter, heiterer und reinlicher zu gestalten.

Sie gleichen den unreinen Greisen, die man in ihrer Hülle von Schmutz und Unrat beläßt, soweit es der Umgebung rätlich erscheint, da doch kein Reinigungsversuch eine nennenswerte Dauer hat und der Marastische sich in seiner Lage wohl befindet.

Damals bildeten diese alten, lieben Häuschen noch nicht einzelne Oasen in der öden Ziegelwüste 2 der werdenden Großstadt. (Ich rede nämlich von der Zeit, da Schackerl noch durch sein Verharren im ungeweckten Keimzustand seine Eltern betrübte.)

Sie bestanden noch unendlich zahlreich in Gruppen als Gassen und Gäßchen, die sich lange gegen die fahlen, lichtlosen, hochragenden, protzigen Eindringlinge wehrten, welche wie alle Protzen eine unendlich öde Innenseite zeigen.

Was sie an billigem Flitter nach der Straßenfront aufweisen, macht die Rückseite tausendfach wett mit ihren Rundbauten, deren kleine Fenster nicht auf die edelste Bestimmung der Menschheit weisen.

Wie die Zellen von Gefängnissen gleichen die Wohnungen einander.

Die Türen mit ihrem schlechten Ausputz einer meist mißlungenen Naturholzimitation gähnen einander an, als stürben sie selbst vor Langerweile darüber, so gleichmäßig ausgestattet zu sein.

Blickte man damals durch einen der breiten, gewölbten Hausflure jener alten Häuschen, nickte einem ein liebliches Gärtchen entgegen.

Rote, grüne, gelbe, blaue, silbern- und goldfarbene Glaskugeln auf in die Erde gelassenen grünen Stangen blitzten in der Sonne. Die mit roten Ziegelsteinen gepflasterten Fußwege des 3 Hofes bildeten zu dem grüngestrichenen Holz- oder Eisengitter des Gartens einen angenehmen Gegensatz.

Und erst wenn man den Hof selbst betrat!

Wie schimmerten die lichtgelben Mauern; wie blitzten die Fenster; wie leuchteten die weißen Türen; wie glänzten die Vorhänge; wie dufteten, lockten die Blumen in ihren roten Geschirren von allen Fenstersimsen!

Da gellten, schrieen, tollten die Kinder um die Wette mit den in ihren Vogelhäuschen an dem Ganggeländer aufgehängten Kanarien, die sich schier so frei und glücklich fühlten wie die freien Sänger des Gartens, über dessen Wunder zu berichten ich mir vorbehalte.

Frauen umstanden den ebenfalls grün gestrichenen, mit einer roten Kappe versehenen Schöpfbrunnen und rieben das Holzgeschirr und die Küchengeräte blank, saßen abwechselnd auf dem von einem schier ungeheuren Waldriesen stammenden Hackstock, plauderten und lachten oder zankten nach uralter Weibersitte und Brauch.

In den Werkstätten klopfte, hämmerte, sägte, kreischte es – und das alles wurde unterbrochen, gestillt durch die Töne eines Werkels oder einer Harfe. Damals lauschte man noch (und hatte den ruhigen Atem dazu) den linden Tönen jenes 4 Instruments, das heilige Frauen spielten, wie uns die Maler früherer Zeiten erzählen.

Man lauschte noch. Denn, Gott sei Dank, in diesen kleinen Betrieben des Gewerbefleißes stand noch nicht das häßliche Motto angebracht: Zeit ist Geld. Nämlich nicht in dem Sinne verstanden wie heute, wo ein sekundenlanges Ausatmen schon den Bruchteil eines Geldverlustes bedeutet.

Man kannte damals auch noch nicht die in den Hausfluren angebrachten Warnungen, daß Betteln, Hausieren und Musizieren verboten seien. Letzteres Verbot würde nicht nur die Musikausübenden jeder Sorte, sondern auch alle Hausbewohner grimmig empört haben, denn Musik welcher Art immer war stets willkommen.

Das Haus schien Gemeineigentum zu sein.

Der Hausherr war Patriarch. In fast allen Fällen Despot, aber in den allermeisten Fällen doch nichts als ein höchst brummiger und dabei höchst friedfertiger Despot.

Es gab schon damals arme, wohlhabende und reiche Leute. Aber es gab kein so quälendes, zu Herzen gehendes Elend der Massen, das gemieden wird wie die Pest.

Man verkroch sich nicht in seine Behausung, um ja nur jede Berührung mit dem Nachbarn zu vermeiden, der in den meisten Fällen ein Fremder 5 bleibt und bei dem man löblicherweise voraussetzt, er könne einem einmal unangenehm werden.

Um auf die Hausherren zurückzukommen, so verboten sie weder das Halten von Hunden und Kaninchen noch das Kindererzeugen. Auch drohten sie nicht gleich mit der Kündigung, wenn eine Partei der Ansicht zuneigte, der Erste des Quartals wäre zu früh erschienen.

Da früher in einem solchen ehrbaren Hause Kinder auf sehr anständige Weise ehelich innerhalb der vier Pfähle gezeugt zu werden pflegten und nicht auf freiem Felde, oder vor den Toren wüster Tanzlokale, oder in den kahlen Zimmern eines Hotels während der Hetzjagd einer Hochzeitsreise, so war die Geburt eines Kindes beinahe Angelegenheit des ganzen Hauses.

Man brachte dem Erscheinen eines neuen Sprossen am Stamme der Menschheit liebevollste Sympathie entgegen. Ward der Segen auch oft in einer Familie zu groß, so tadelte man die Eltern nicht wie verstockte Verbrecher, sondern tröstete sie mit dem Axiom: Gibt der Herrgott 's Haserl, gibt er auch das Graserl.

Und es blieben immer noch die für das jüngste Häschen notwendigen Hälmchen.

Das Haus, dem Schackerl die Ehre zuteil werden lassen sollte, ihn geboren und ach! nur so 6 kurze Zeit beherbergt zu haben, war in der stillen, kleinen Gasse das vornehmste. Denn es besaß eine Längsfront von zwölf Fenstern und eine Höhe von zwei Stockwerken. Es hatte selbst eine wenn auch nur mäßig verzierte Fassade und das breite Tor mit einem barocken Volutenaufsatz unter einem vortretenden Rundfenster konnte sich mit einem Herrschaftsportal messen. Also behaupteten wenigstens damals die Leute der Gasse.

Jedenfalls besaßen die Baumeister früherer Tage das rühmliche Bestreben, nicht mehr oder weniger zu tun, als unter gegebenen Umständen notwendig war, im vorteilhaftesten Gegensatz zu unseren heutigen Baukünstlern.

Hätte das Haus aber nach außen hin noch mehr als die vorerwähnten Reize besessen, so würden sie doch nichts bedeutet haben gegen die Schönheit der Hofseite.

Wenn man durch die breite »Einfahrt« an der schweren eichenen Wäscherolle linker Hand vorbei in den Hof trat, mutete es einen gar zu lieb und traulich an. Alles, was von vorbeschriebenen Schönheiten und Eigentümlichkeiten alter Wiener Häuser gesagt wurde, fand sich hier im reichsten Maße.

Der Hof, dessen Mitte ein weitästiger, dichtbelaubter Nußbaum beherrschte, war von drei 7 Fronten des Hauses umschlossen, die eine Ergänzung in dem nicht allzu großen Garten fanden, der überdies noch dadurch gewann, daß sich an ihn Gärten der Nachbarhäuser reihten.

Alles blitzte vor Reinlichkeit und strömte Heiterkeit und Behagen aus. Und über allem lag viel, unendlich viel Himmel, den unsere geldgierige Zeit uns stiehlt. Es lag noch Verträumtheit über der kleinen, lächerlichen Gasse, die mich im Laufe der Begebenheiten mehrmals nötigen wird, über sie zu erröten.

Die Mauerfronten umzogen Galerien unangestrichenen Holzes, sogenannte offene Gänge, von denen man nach Überwindung zweier steiler Schneckenstiegen zu den Wohnungen gelangte.

An der rechten Front bis oberhalb der ersten Galerie, schlang sich ein mächtiger Weinstock empor, mit seinem Blätter- und Rankenwerk die ganze Mauer verdeckend. Er war das Schmerzenskind des Hausbesitzers, der zur Lesezeit unbefugten Näschern nicht wehren konnte.

Der Nußbaum war großmütigerweise den Plünderungen der Hausjugend preisgegeben worden, da der alte Herr zu wenige und zu stumpfenhafte Zähne besaß um sich an dem Kern der Steinfrüchte zu erfreuen. Jedoch die Trauben des mehr als hundertjährigen Weinstockes, noch von seinem 8 Urgroßvater gepflanzt, waren der Aug- und Zankapfel des biederen alten Hauspatriarchen, der vom ersten leisen Reifen dieser kostbaren Beeren in steter, nicht unbegründeter Aufregung erhalten wurde.

Um den verbrecherischen Gelüsten der zahlreichen Kinderschar nach seinen Lieblingen zu begegnen, hatte er einmal versucht, zur Traubenzeit den kleineren und größeren Naschdieben similia similibus beizukommen. Zu diesem Zwecke ließ er auf dem Naschmarkt eine »Butten« der süßesten Weintrauben einkaufen und verteilte sie unter die Schar der unmündigen Eigentumsverächter.

Die Wirkung dieser Art hinterlistiger Maßregel war die, daß sich die Schlingel fast zum Krankwerden vollfraßen, aber trotzdem weiterstahlen. Sehr zum uneingestandenen Vorteil Herrn Saltners (daß er einmal in aller Form vorgestellt wird), der ohne diese belebenden Aufregungen der Sorge, Entrüstung, unaufhörlicher Strafpredigten und gelegentlicher Verfolgung eines ertappten Diebes mit geschwungenem Pfeifenrohr ein Opfer seiner beschaulichen Lebensweise geworden wäre.

Wo sind sie hin, jene vielen braven, alten, despotischen, topfguckerischen Hauspatriarchen? Vielleicht lebt noch ein oder das andere Exemplar dieser nicht allzu lang untergegangenen Art in 9 einem Versorgungsheim, wie in Menagerien seltene Geschöpfe als letzte Ausläufer ihrer Rasse dahindämmern.

In dem Hause Herrn Saltners wie noch in vielen anderen gleich ihm zog man niemals aus noch ein. Man wurde darinnen geboren, erzogen, heiratete hinein oder hinaus und ließ sich endlich nur wegtragen, da man um die Erlaubnis dazu weder gefragt wurde, noch sie gewähren oder verweigern konnte.

Herr Saltner hatte die würdigen Traditionen einer Reihe von Ahnen geerbt, die in ihrer Art mindestens so gut waren als manche hochadelige. Es ward ihm aber leicht gemacht, sie aufrecht zu erhalten und sich nichts zu vergeben. Seine Parteien, die seit Menschengedenken niemals mit dem Zins gesteigert wurden, blickten meist wie er selbst auf eine Reihe würdiger Ahnen zurück, denen in diesem Hause das Wiegenlied der Mutter und die Abschiedsseufzer der Kinder und Enkel erklungen.

Die stille, abgelegene Gasse hatte seit nahezu zweihundert Jahren ihr Gesicht behalten wie in den Tagen, da sie erstanden. Nach wie vor betrachtete sie das Saltnersche Haus als den Stolz ihres Besitzstandes, denn es war das stattlichste unter den übrigen unscheinbaren, einstöckigen Baulichkeiten.

10 Vielleicht ist die Beschreibung des schlichten Hauses zu weitschweifig und langatmig ausgefallen. Mag sein. Aber wenn von interessanten Männern die Rede ist, schenkt man auch den Stätten ihrer Geburt, ihrer Kindheit und ihres Schaffens eine liebevolle Aufmerksamkeit.

Man hat sich um das ehemalige Heim eines mehr oder minder großen Mannes oft erst lange danach bekümmert, als er schon tot war. Ich wollte diesem Beispiel zuvorkommen, indem ich das Geburtshaus Schackerls einer näheren, anschaulichen Beschreibung würdigte.

Sonst aber – forscht nach dem Hause nimmer! Ihr würdet erschrecken wie bei dem Anblick eines Menschen, der noch im Liebreiz aller Gesundheit und Schönheit von euch Abschied nahm und den ihr auf seinem Siechen- und Sterbelager findet.

Das Gärtchen Herrn Saltners samt den anderen, die es umgaben, ist verschwunden. An seiner Stelle erhebt sich ein stinkender, qualmender Fabriksschlot und eine gellende, mißtönende Dampfpfeife versetzt mit ihrem ohrenbetäubenden, unvermittelt einsetzenden Geheul die ganze Nachbarschaft in stete Aufregung.

Die blinkenden Fenster des Hauses sind stumpf und schmierig geworden, viele sind zerbrochen oder mit Papier verklebt. Dahinter hantieren Männer 11 und Weiber. – Tausende Pappschachteln werden aus Wagen verladen, die in dem geräumigen Hofe stehen.

Ach! Wie sieht der aus!

Wo ist der Nußbaum, wo der alte, ehrwürdige Weinstock? Der eine umgehauen, der andere abgestorben, verstümmelt. Das liebe, hölzerne, stets so reinliche Geländer starrt vor Ruß und Schmutz.

Die ehemals so lichten, stets neu gefärbelten Mauern sind ebenfalls von ihm überzogen und trauernd lugen unter dem abgefallenen Mörtel die alten, wackeren Ziegel hervor.

Habt ihr den Mut, einen noch lebenden und dennoch schon verwesenden Körper anzusehn? Dann sucht das alte, einst so liebe Haus Herrn Saltners . . .

Aber ich werde euch den Weg nicht weisen.


Die Werkstätte des Wagnermeisters Konrad Kolb lag mit einem großen Tor und vier Fenstern gegen die Gasse und mündete noch in den Hof hinein. Die Küche bildete den neutralen Raum zwischen Arbeitsort und Wohngemächern, drei in der Anzahl. Sie vermittelte den Eingang vom Hofe sowohl nach der Werkstätte als den anderen Räumen.

Mit vier Gesellen und einem Lehrjungen 12 hantierte der Meister den langen lieben Tag fleißig, bedächtig, ohne Hast, mit allen dem Handwerk ziemenden Pausen.

Herr Kolb war ein Riese, mit der Gutmütigkeit, die diese Menschengattung auszuzeichnen pflegt. Die niedrigen Türen seiner Wohnung konnte er nicht passieren, ohne sich erheblich bücken zu müssen. Seine Frau, nur um Kopfeshöhe kleiner als ihr gigantischer Gemahl, war eine äußerst hübsche, lustige, lebhafte, gern plaudernde Person. Wenn die Natur ihrem harmlosen Charakter einen verdunkelnden Fleck verliehen, so war es der Neid; aber nur in einer speziellen Abart.

Das Ehepaar Kolb besaß trotz seiner körperlichen Stattlichkeit und einem zehnjährigen christlichen Ehewandel nichts, was man einen Leibeserben nennt. Und da der Neid nur das Resultat einer Vergleichung ist, ergibt sich, daß Frau Kolb die Unfruchtbarkeit ihrer Ehe mit der Fruchtbarkeit einer anderen verglich.

Gegenüber den Wohnfenstern befanden sich die des Roßhaarkremplers Beugler. Jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit und für eine bestimmte Frist entzog sich die Frau dieses Gewerbsmannes den Blicken der Hausgenossen, um nach Ablauf genannter Frist mit einem Säugling wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

13 Die Regelmäßigkeit dieser Art weiblicher Berufserfüllung war eine fast sprichwörtliche in der Gasse geworden. Bis zur Stunde tummelte sich in der Wohnung, im Hofe und auf der Gasse eine Schar von Kindern jeder Altersstufe, jeder Größe, jeden Temperaments und jeder Haarfarbe herum. Es war schier wunderbar, wie sie alle gewartet, genährt und in Ordnung gehalten werden konnten.

Die Mutter selbst wie der jeweilig ankommende Sprößling bewegten sich in stetig absteigender Größe. Die Gebärerin wurde schon lange von der drittältesten Tochter an Größe übertroffen und die Kleinheit des letzten Säuglings möchte keine Schilderung veranschaulichen.

Wäre die Wagnermeisterin nicht eine so gutmütige, harmlose, heitere Frau gewesen, die niemandem auch nur das geringste Böse wünschen konnte, so hätte sie die Fruchtbarkeit der Beuglerin als persönliche Beleidigung auffassen können.

Und wenn ihr sanftes Gemüt einer nicht ganz einwandfreien Regung zugänglich war, so war es, wie schon gesagt, der Neid, aber in so verdünnter Form, daß er schließlich doch nichts ward als seufzende Sehnsucht und in seiner Äußerung nichts als eine flüchtige Wolke der Trauer.

Und jedesmal, wenn die Roßhaarkremplerin mit einem neuangekommenen Beweise der Liebe 14 ihres Gatten in der Öffentlichkeit erschien, führte ihr erster Weg zur Frau des Wagnermeisters, um dieser einen demütigen Dank für alles auszusprechen, was die kinderlose Frau der kinderreichen an Wohltaten erwiesen.

Dann schluchzte wohl die erste: »Mein Gott, Beuglerin, nur ans von den vielen, die Ihner der Herrgott schenkt, nur ans wann er mir gebert!«

Und dann weinten beide Frauen zusammen, die eine, weil des Segens zu wenig, die andere, weil des Segens so viel und des Brotes zu wenig war.

Da die Menschheit die Schwere ihrer Kümmernisse gern auf die Schultern einer stärkeren, wenn auch ungekannten Macht bürden möchte, war es kein Wunder, wenn die zwei Frauen sich zur befriedigenden Erledigung ihrer Sorgen an den Himmel zu wenden und sich dabei der Vermittlung einer in ihren Augen besonders gut akkreditierten Persönlichkeit zu bedienen gedachten.

Der Glaube! Dieses unsichtbare, aber ewige und feste Seil, das von nur geahnten Regionen auf diese harte, steinige Erde reicht, wir ergreifen es alle, und wenn wir nur die Möglichkeit des günstigen Zufalles ins Auge fassen.

Es war eben acht Tage nach der Zeit, da die Frau des Roßhaarkremplers zum letztenmal sich 15 den Augen der Nachbarn gezeigt hatte, als Frau Kolb an dem Bette der Wöchnerin saß und die aber- und abermaligen Danksagungen der kleinen, bleichen Frau entgegennehmen mußte.

Schier allen Vorrat an Kinderwäsche, den sie in den Jahren ihrer Ehe in Anhoffung endlicher Erfüllung eines Herzenswunsches im stillen verfertigte, hatte sie der Beuglerin nach und nach geschenkt. Hier war Bedarf an solchen Dingen, während sie zu Hause vergilbten und durch ihren Anblick die kinderlose Frau stets aufs neue betrübten.

Nachdem der Vorrat an Dankesworten endlich erschöpft war und die Tränenbäche der beiden Frauen versiegt erschienen, machte die Wöchnerin ihrem Besuch einen Vorschlag, der noch des näheren erörtert wird. Dann drang die andere wieder in die Vorschlagspenderin mit einem neuen Vorschlag, der offenbar so überwältigend wirkte, daß er nur zögernd und mit abermaligen heißen Dankesworten angenommen wurde.

Aber die leuchtenden, zuversichtlichen Mienen der beiden Frauen gaben Zeugnis für die Vortrefflichkeit, Sicherheit und verblüffende Einfachheit ihrer geheimen Abmachung.

Wohl zwei Stunden hatte die denkwürdige Unterredung gewährt, als der Säugling aus einem tiefen und, wie es schien, gesunden Schlummer 16 erwachte und offenbar aus Nahrungstrieb zu weinen begann.

»Beuglerin . . . sollt' das a Zeichen sein?« stammelte Frau Kolb tief ergriffen.

»Unser Herrgott tuat no Wunder!« erwiderte nicht minder ergriffen Frau Beugler.

»Daß 's a Anfang is für Ihner . . . Da hab'n S'. I bind's dem Klan' halt früher für die Tauf' ein. Auf a guat's Werk schaut unser Herrgott. Sunst macht er kane Wunder!«

Mit diesen Worten drückte Frau Kolb der Wöchnerin etwas in die Hand, das sich schwer und hart anfühlte, und ohne einem neuen Strom von Danksagungen standzuhalten, verließ sie rasch das Zimmer. 17

 

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