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Schackerl

Karl Adolph: Schackerl - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchackerl
authorKarl Adolph
year1912
firstpub1912
publisherCarl Reißner
addressDresden
titleSchackerl
pages230
created20130606
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

(Ist geeignet, an vielen Stellen Wehmut zu erregen. Herr Schack hat wohl nicht seinen letzten Jugendstreich begangen, aber Schackerl begeht seinen ersten und letzten. Die Gasse wird noch durch andere Dinge in ernsthafte Aufregung versetzt. Die Erzählung schließt mit einem Streiche des Beuglerschen und einem wunderbaren Entschluß des Kolbeschen Ehepaares)

Zu einiger Wichtigkeit gehört wohl der Umstand, daß Herr und Frau Saltner außer allem anderen lebenden und toten Besitz sich eines Sohnes erfreuten. Der einzige Nachkomme und einstige Erbe aller so oft erwähnten und geschilderten Herrlichkeiten hieß (wie wir alle gehört hatten) nach dem Papa, wie sich's gebührt, Schack und war für den löblichen Beruf des Handels bestimmt.

Um ihm Gelegenheit zu geben, die Welt noch von einer anderen Warte zu betrachten als der des alten Steffels, und um seine Sprachkenntnisse zu erweitern, war er, mit väterlichen Mitteln ausgestattet, nach Paris gezogen, um dort in einem Handelshause die elterlichen Ideale verwirklichen zu helfen.

202 Am Tage nach seiner überraschenden Heimkehr und nach Schackerls lärm- und ereignisvoller Taufe saß Herr Schack mit seinen vor Begierde nach Neuigkeiten brennenden Eltern beim Frühstückstisch. Er wußte wirklich glänzend zu erzählen und voltigierte immer geschickt über die verhängnisvolle Frage Papas, was ihn bewogen habe, seinen Posten so ohne Verständigung nach Hause zu verlassen.

Bei der Tür stand die alte Leni und wenn es möglich wäre, zwei Mütter zu haben, so hätte der alte Hausgeist den gleichen Anspruch auf den Muttertitel gehabt. Denn mit zärtlicheren Blicken konnte selbst Frau Saltner ihren Einzigen nicht anblicken.

Dieser ward aber durch die Nähe der beiden weiblichen Wesen sichtlich immer nervöser und er schlug seinem »Alten« einen Spaziergang vor, der mit einem kleinen Gabelfrühstück irgendwo gewürzt werden könne. Zum Mittagessen sei man wieder zu Hause.

Herr Saltner, dem einesteils seine liebgewohnte Ordnung erhalten blieb, und der auch ein wenig schärfer als das stets so blinde Mutterauge blickte, war bereit.

Ich will den beiden nicht auf ihrem Wege folgen. Auch interessiert mich der mittlere Schack 203 zu wenig. Ich habe ihn eigentlich nur als Folie zum kleinen Schack, meinem Schackerl nämlich, benützt.

Es ist über das Endresultat des Spazierganges nur zu melden, daß das Mittagmahl für den heimgekehrten Sohn sehr frostig und unheimlich ausfiel. Frau Saltner schluchzte zum Herzzerbrechen auf ihrem Platze beim Rundfenster (bei verschlossenen Vorhängen, versteht sich) und in der Küche weinte die alte Leni, der man nichts verborgen hielt und der es das Herz genau so abstieß, die aber genau so geneigt war, nicht bis zur Tragik der Angelegenheit zu schürfen wie die Mutter.

Der Vater hatte sich auf sein Zimmer begeben. Was er dort tat – weinte er auch, oder tobte er, oder rechnete er nur, ich weiß es nicht.

Es mußte nämlich für die drei alten Leute (Leni rechnete zur Familie) eine wahre Herzensfreude gewesen sein, was Schack auf seinem »Frühstücksgang« dem väterlichen Busen erschloß. Es geschah seinerseits mit einem unendlichen Aufwand von Dialektik und nach der umgekehrten Art des qui s'excuse - s'accuse entschuldigte er sich, indem er sich anklagte.

Er hatte sich nämlich ohne bestimmten, noch erteilten Urlaub ganz einfach aus dem Staube gemacht, mit Hinterlassung so kavaliermäßiger 204 Schulden, daß die schleunige Ortsveränderung für Herrn Schacks gesunden Menschenverstand wie den ordnungsgemäßen Besitz seiner fünf Sinne zeugt.

Armer Herr Saltner! Arme Frau Saltner! Arme alte Leni! In eure stille, reine, harmlose, heitere Häuslichkeit war der erste Schritt eines nahenden Unheils gepoltert. Es war ja nicht des Geldes wegen allein, es war um die Verletzung einer heiligen Tradition.

Das Saltnersche Haus war der Stolz der Gasse, wie ich schon manchmal zu bemerken die Gelegenheit hatte. Und Herr Saltner war Besitzer dieses von Ahnen übernommenen Hauses. Er blickte zu der etwas zweifelhaft allegorischen Verzierung ober dem volutengeschmückten, breiten Haustor, unter dem Rundfenster, mit dem stolzen Behagen eines Angehörigen des Feudaladels empor, der seinem Wappen am Schloß- oder Palaistor zunickt.

Tradition! – Wie gering und unscheinbar sie dünken mag – sie verpflichtet. Besonders wenn sie mit der geschlechterreichen Ausübung mannigfacher bürgerlicher Tugenden verbunden ist. Zu den angenehmsten Tugenden für zwei Interessenteile zählt die Abneigung gegen Schuldenmachen. Ein braves Philisterium, das keine nutzlosen Kreuzzugs- und andere nutzlosen Kriegslegenden 205 kennt, hüllte sich in die Toga der unbedingten, prompten Zahlungsfähigkeit, und ich sehe nicht ein, weshalb man es darüber verlachen sollte.

Herr Saltner, der gegen erzwungene Zahlungsunfähigkeit oft beide Augen zudrückte, der manch fälligen Zins auf das Verlustkonto buchte, war unerbittlich gegen ein schleuderhaftes, ungeschäftsmännisches Schuldenmachen.

Gütige, alte, fast kindisch scheinende Herren können jedoch manchmal sehr energisch und ungemütlich werden. Ich kann nur berichten, daß Herrn Schacks Schulden bis auf den Kreuzer bezahlt wurden, wie sich's für das Saltnersche Haus gehörte, daß aber der Sohn und Erbe die flotte Seinestadt nimmer zu sehen bekam, wie er wohl im stillen erhofft hatte.

Einige Tage später saß er in dem Bureau eines alten Wiener Freundes des Herrn Saltner und murrte gegen das Schicksal. Doch äußerte er das Bestreben, sich in Geduld zu fassen, da hochbetagte und hochbegüterte Eltern keinen Garantieschein für ein ewiges Leben besitzen. Und wenn man einmal lachender Erbe ist, wird man zu leben wissen . . .

Saltnersches Haus! Nun weiß ich es, warum dein Weinstock verdorrt, der alte Nußbaum umgehauen ist. Wo mag der letzte Sproß sein Haupt 206 gebettet haben? Vielleicht hat ihn die Seine aufgenommen, vielleicht die heimatliche Donau oder ein getünchtes Zimmer des großen Allgemeinen Krankenhauses (in dessen Büchern ich gelegentlich nachforschen will) oder vielleicht das häßliche Amerika? Oder, ach! Vielleicht gar das lebende Grab aller Entgleisten, Entarteten, das Landesgericht?

Aber ich will nicht Herrn Schacks Geschichte schreiben. Er hat mit der kleinen Gasse nicht mehr gemein als die Abstammung, und daher nur eine lose Zusammengehörigkeit mit ihr.


Aber Schackerl wollte nicht gedeihen. Es war ihm eine Amme verschrieben worden, die sich in einer gesunden, drallen, jungen Frau der Nachbarschaft fand und der Herr Kolb ein fast unbegrenztes Bierdeputat zubilligte.

Man lebte nach den Anschauungen jener Tage in dem Glauben, daß viel Bier »Milch« mache. Obwohl unsere heutigen Volkshygieniker dieser Anschauung entgegenstehen, so kann ich wieder nicht anders, als, meiner Pflicht entsprechend, nur zu konstatieren und einfache Geschichte zu schreiben, gestehen, daß seinerzeit der Verfall der Menschheit nicht seinen Anfang genommen.

Die arme Mutter war nach allen überstandenen 207 Leiden in allen Sorgen um meinen undankbaren Titelhelden stark abgemagert, was ihrer Riesenhaftigkeit um ein weniges zusetzte. Wenn sie an der Seite ihres Gemahls an dem Bettchen des Kindes stand – sie mit ängstlich großen, überwachten Augen starrend, während er nach angeborner Weise die Augäpfel weit herausquellen ließ, beide in zitternder Sorge um das geringe Nichts, das in seinem Deckchen lag: so war es ein Anblick zum Jammern.

Die alte Hebamme, der alte Doktor und sein junger Kollege (der scheinbar seine ganze Praxis in den Dienst Schackerls gestellt), Frau Beugler, auch die Amme taten ihr möglichstes, um ein verzuckendes Flämmchen zu retten.

Frau Kolbs Selbsttäuschung war rührend. Immer fragte sie ihre unermüdliche Freundin und Ratgeberin:

»Beuglerin, gelten S' ja – er wird doch stärker. Jeden Tag a klan's bisserl, aber er wird do stärker. Denken S' Ihner nur, Beuglerin, heunt hat er mi ang'lacht. Wirkli ang'lacht«, log bewußt die arme Frau Rosa.

Es gehörte aller mütterliche Optimismus dazu, aus Schackerls Gesicht ein Lächeln herauszulesen. Ich bin genötigt, mit vollstem Freimut zu sagen, daß sich mein Held nicht auf das 208 vorteilhafteste präsentierte. Es mag dies mit der Verachtung zusammenhängen, die er unserem armseligen Balle entgegenbrachte und die ihn hinderte, auf sein Äußerliches achtzugeben. So jedoch muß ich ihn schildern, wie er in Wirklichkeit und nicht in der Phantasie einer Mutter aussah.

Er lag nach Wochen noch so verschrumpft und teilnahmlos da wie an dem Tage seiner Geburt. Aus einem kleinen Kopfe glotzten zwei Augen, die Herrn Kolb von seiner Vaterschaft überzeugen mußten. Denn alles schwur dem Vater zu, der Sprößling sei ihm wie »aus die Aug'n g'rissen«.

Aber ich bin genötigt, von dem Schmerzlichsten zu berichten. Wenn ich meiner alten Gewährsmännin Glauben schenken darf, ward Herrn Saltners Haus noch niemals durch einen so gellenden Schrei aus allem Tun geschreckt wie an dem Tage, von dem ich nun sagen muß.

Ein Schrei ertönte, daß alles, was im Hause den notwendigen Überschuß an Zeit besaß (und wer hätte ihn damals nicht gehabt?), sich vor der Wohntür des Wagnermeisters ansammelte.

Drinnen tönte ein ununterbrochenes weibliches Jammern.

»Radl! . . . Radl! . . . Radl!«

Man strömte, in der Vermutung, es könne Herrn Kolb etwas zugestoßen sein, in die 209 Wohnung. Im Schlafzimmer lag über das Bettchen Schackerls geworfen Frau Rosa. An ihrer Seite stand mit dem Ausdruck der verzweifeltsten Resignation der riesenmäßige Gatte und starrte nach der Stelle, über die seine Frau die Arme verschlungen hielt.

Ja, Schackerl hatte es vorgezogen, seinen Erweckern aus dem köstlichen Nirwana nur einen, aber den grimmigsten Streich zu spielen. Seine Augen glotzten in weiß Gott welch andere Welt. Er hatte es übers Herz gebracht, zwei der besten Menschen untröstbar zu betrüben.

Wer jemals einer geliebten Kreatur in das gebrochene Auge gesehen, sei diese ein Kanarienvogel, ein Hund, eine Katze gewesen – es ist einerlei –, weiß, mit welchen Schauern der Wehmut er hinblickte. Was vor kurzem noch gezwitschert, gebellt, gemiaut, gehüpft, gerannt oder schmeichelnd geschlichen, nun . . . Es ist immer traurig, solchen Gedanken nachzuhängen, selbst wenn sie die in unseren Augen unvernünftige Kreatur betreffen.

Und nun erst bei Schackerl! . . .

Hier lag ein Wesen, das durch Jahre ersehnt und heiß erbeten, durch eine Wallfahrt dem Himmel abgerungen und unter unsäglichen Qualen zur Welt gebracht worden. Ein Wesen, 210 dessen erstes leises Keimen imstande war, einen kleinen, dummen Jahrmarkt, genannt Gasse, kindisch werden zu lassen. Ein Wesen, dem eigentlich die staatliche Lottogefällsdirektion mit Gefühlen höchster Indignation hätte begegnen müssen, da sein Dasein mit einer gewonnenen Terne in fast ursächlichem Zusammenhang stand.

Unter den verkrampften Armen seiner armen, törichten Mutter lag Schackerl (der von dieser konsequent als Radl angerufen wurde) und bot ein wenig schönes Bild von Männlichkeit im Gegensatz zu Herrn Schack. Aber Schackerl hatte auch nicht mehr die Fähigkeit, dereinst das Herz einer Mutter stückweise zu zerreißen. Er hatte die Sache rasch abgetan, vielleicht als etwas Langweiliges, dem besser beizeiten auszuweichen ist. Denn Muttertränen tropfen heiß aufs Herz undankbarer Kinder.

Ich glaube Schackerl noch keines Undankes beschuldigen zu dürfen. Aber ich meine, er mußte die Welt mit einem Hohne verlassen haben, der noch in seinen greisenhaften Zügen stand. Es lag etwas darin von der egoistischen Zufriedenheit derer, die einen guten Platz im Eisenbahncoupé belegt haben und mit einem grimmigen Lächeln der Befriedigung auf jene blicken, die sich noch am Perron abhasten . . .

211 Schackerl hatte nicht bleiben wollen. Trotz allen Verlöbnisses, trotz aller Freudenräusche der Gasse und trotz aller »Gebetsaufopferungen« Peperls. Er wollte nicht bleiben trotz der hohen Patenschaft Herrn Saltners, nicht zu gedenken der großen Kunstfertigkeit Frau Schaffners und des greisen Doktors . . . Nein, Schackerl hatte nicht bleiben wollen.

Er verschmähte es, unter dem grünenden Nußbaum spielen zu wollen. Er verschmähte es, dereinst mit der Schildkröte und dem flügellahmen Hans Freundschaft zu schließen, nach der ausgesprochenen Herzensmeinung seines Paten.

Er wollte nichts anderes als das Gründlichste und Beste, was er an der Wende seiner Zeit tun konnte: der Welt mit einer Grimasse adieu zu sagen.

Ich hätte es nicht der Mühe wert gefunden, Schackerls bisherigen Lebenslauf bis auf dessen Urgrund nachzuforschen, wenn mir seine wackere Tat nicht imponiert hätte, trotz allem Herzeleid, das ich mit seinen Eltern empfinde.

Schackerl zog sich zur rechten Zeit zurück, eine Kunst, die man gewöhnlich großen Politikern, klugen Schauspielern und nicht ganz einwandfreien Kassierern nachrühmt. Er, der an der Grenze zweier Epochen stand, hatte sich entschieden, in die 212 Zeitlosigkeit überzugehen, aus der er beschworen worden.

Ich stelle mir seine ursprüngliche Lage ungefähr folgendermaßen vor:

Schackerl war als eine sich vergnügende und sich selbst vollkommen genügende Seele durch ein Machtgebot zu einer unerwünschten Materialisation gezwungen worden. Nun haben Machtgebote immer das Bedenkliche, daß sie Widerwillen und Lässigkeit erzeugen.

Schackerl dürfte wohl kaum einer der Fügsamsten gewesen sein. Wer weiß, aus welch goldenen Spielen in den Räumen der Unendlichkeit er sich gerufen fand, zur Läuterung durch die Menschwerdung, die er, als lästiges Gebot betrachtend, so bald als möglich abzuschütteln dachte.

Was kümmerten ihn die beiden erschütterten und verzweifelten Riesen, die sich an seinem Totenbett in unendlichem Jammer verzehrten? Was kümmerte es ihn, daß sein kurzer Eintritt in das Leben fast das einer jungen, lustigen, stets mitleidigen Frau gefährdete? Daß er eigentlich durch sein kometenhaftes Erscheinen eine ganz ehrbare, gesetzte, wiewohl etwas beschränkte, an Wunder glaubende Gasse in Aufruhr gebracht?

Konnte er allein schon seines Vaters unmäßige Freudensäußerungen, Frau Schaffners 213 Zornesanfälle und Peperls eintägiges Abweichen vom rechten Wege verantworten?

Konnte er es verantworten, daß seinetwegen eine Bezirksgerichtsklage anhängig war? Denn die streitbare Frau aus dem Nachbarhause hatte den anläßlich der Dekorierung zu Schackerls Tauffest entstandenen Streit mit Herrn Beugler nicht verwunden. Noch weniger die Beleidigung wegen der Strohsäcke, die angeblich statt bürgerlich ehrbarer Roßhaarmatratzen ihr Bett verunzieren und die sich überdies in einem Zustand höchster Verwahrlosung befinden sollten.

Aber nein! An all dieses hatte Schackerl nicht gedacht und konnte jetzt noch weniger daran denken, da seine leiblichen, irdischen, gebrochenen Augen nach einem unbestimmten Punkte der Zimmerdecke glotzten, indes seine Seele wohl schon irgendwo mit alten Gefährten spielte . . .

Frau Kolb, die sich fast unlöslich mit ihrem Kinde verkrampft hatte, achtete gar nicht der in das Zimmer eingedrungenen Nachbarn und Nachbarinnen. Kniend, wie sie war, hob sie nur die einst so freundlichen, lachenden, jetzt aber in einem Tränenschleier todtraurig gewordenen Augen zu dem Gatten, als läge es in seiner väterlichen und hausherrlichen Macht, Schackerl eines Besseren zu belehren.

214 Der arme Herr Kolb! – Er selbst stand vor etwas Unfaßbarem. Er glich einem plumpen Hunde, der einer Fliege nachstarrt, die sich seinem Schnappen entzogen. Wo war sie hin, die kurze, schöne Täuschung von Vaterschaft? Hatte dieses winzige, unschöne Geschöpf, das die Mutter umklammert hielt, es vermocht, ihn, den gewaltigen, hammerschwingenden Recken, so am Narrenseil zu führen?

Erst die Rückkehr seiner Gedanken zu der armen Roserl weckte ihn aus dem Banne von Reflexionen, die für seinen einfachen Geist zu gewaltig waren. Er hob die Kniende sanft empor und bildete im Verein mit ihr eine Gruppe von Einfachheit, Schlichtheit und Größe, die geringen Leuten so oft in aller Einfalt des Schmerzes eigen ist.

Und es griff allen ans Herz. Kein Schluchzen wurde laut, kein kreischendes Weinen, das den Tod oft zur widerlichen Komödie macht. Man starrte mit feuchten Blicken nach dem Paar großer Kinder, dem ein unerforschlicher Wille oder ein boshaftes Schicksal oder eine Laune der Natur ein zertrümmertes Spielzeug vor die Füße geworfen, an dem es mit allen Fasern kindlicher Herzen hing.

Nur eines will ich nicht ermessen: die Reue Peperls, der mit einer plötzlich aufgestachelten Gottesfurcht gewisse Beziehungen zwischen 215 Schackerls Tode samt allen erschütternden Nachklängen und seiner verfehlten Gebetsaufopferung fand.

Peperl erging es nicht anders wie vielen Großen, die über einer Situation zu stehen vermeinen und dann unter dem Gewicht eines schlechten Gewissens und fruchtloser Reue kläglich zusammenknicken.

* * *

Schackerls winzige Gebeine ruhen unter der etwas lehmigen Erde seines heimatlichen Kirchhofes. Mit ihm endete der letzte Sproß eines zwar nicht ruhmreichen, aber ehrbaren Hauses, wie die wahrheitsgetreue Schilderung seiner Erbittung, Erhörung und Geburt zeigt.

Wie diese drei Dinge wäre auch sein frühes Ende eine nicht bald endende Sensation für die Gasse gewesen, wenn sich nicht was anderes, Unerhörtes ereignet hätte.

Durch Todesfall (den ich in seltener Pflichtvergessenheit zu konstatieren vergessen) kam ein Haus der Gasse an einige lachende Erben. Das Haus war alt, morsch und sehr weitläufig, mit einem Hofe und einem Garten, die einen wertvollen Grundbesitz darstellten.

Nun plötzlich hatte der Geier Spekulation nach 216 dem bisher von ihm übersehenen Winkel geäugt und seine Fänge nach dem von lustigen Erben als lockende Beute hingestellten Grundbesitz gerichtet.

Mit Schackerls Ende hätte ich eigentlich keinen Beruf mehr, über weiteres zu berichten. Aber ich habe die kleine Gasse so viel erwähnt und sie in ihrem Zusammenhang mit meinem Helden geschildert, daß ich diese Verpflichtung zu Ende führen muß . . .

Es war der plumpe Tritt eines Fußes in einen Ameisenhaufen. Alles rannte hin und her, jammerte, prophezeite schlimme Dinge, ja den Untergang jeglicher Ordnung, alte Frauen behaupteten, daß es in diesem Falle Pflicht des Kaisers wäre, einzuschreiten, denn wozu wäre er sonst Kaiser, wenn nicht, um die Privilegien alter Häuser und Leute zu schützen, mit besonderer Berücksichtigung die einer bestimmten drolligen Gasse.

Aber der plumpe, schwere Tritt stampfte weiter. Die Erben hatten bares Geld, die Spekulation wertvollen Besitz und in kurzem war man daran, das alte Haus niederzureißen, seinen Garten auszurotten, und nicht lange danach stand ein dreistöckiges Haus mit einem Rücktrakt versehen an Stelle einer Heimstätte von Generationen einfacher, zufriedener und raumliebender Menschen.

Und merkwürdig, als sei Schackerl ein 217 abberufender Geist gewesen, sank auf einmal Greisenhaftigkeit um Greisenhaftigkeit.

Den Anfang machte der gute, alte Doktor, der wohl mit Menuettschritten in die Ewigkeit getänzelt war. An seinem offenen Grabe sah alles mit Staunen und Ergriffenheit die alte Schaffnerin weinen und hörte mit dem Ton der Scholle, die sie dem alten Freunde nachsendete, ihr Wehklagen.

»Du guater, liaber Dokter! Pfiat di Gott! Pfiat di tausendmal Gott! I kumm bald nach, hörst es, Herr Dokter? I kumm bald nach, und recht – recht gern. Es is ka G'freu'n mehr auf derer Welt! Auf Wiederseg'n, du liaber, guater Herr!«

Wie viel Jahrtausende zusammengekoppelter Menschenschicksale mochten die beiden bedeuten! Der alte Arzt und die alte Hebamme. Aneinandergereiht die Jahre aller, die die gute Schaffnerin in die Welt und der gute Doktor aus der Welt gebracht.

Die Schaffnerin war stets eine Frau von Wort gewesen; so auch diesmal. Sie hatte ihrem alten Freund versprochen, ihm bald nachzukommen; und das tat sie.

Ihr Entschluß wirkte fast katastrophal. Die Gasse ohne Schaffnerin! . . . Wer mochte noch 218 die Lasten des Kindsbettes auf sich laden, wo die einzige, richtige und wirkliche Hebamme nimmer war?

Ich denke, allen Ehefrauen graute vor der Möglichkeit, bemüßigt zu sein, eine andere Schwester in ihren Nöten herbeizurufen.

Friede mit dir und tausendfacher Segen, alte Schaffnerin! . . .

Der Alltag! Er mag Tröster oder Quäler sein in Schmerzen, die betäubt oder in Stille verwunden werden sollten, aber er fragt um nichts, ist stets auf den Beinen, Tag und Nacht (denn Alltag ist heute sehr deplaciert), drängt unablässig ins Joch der Pflicht und ist der ernsthafteste Feind aller hohen Aufwallungen.

Ob ein Sieg erstritten wurde, und wenn der Radau noch so viele Tage währt, der Alltag ist der regulierende Katzenjammer.

In Revolutions- und Kriegszeiten schwillt der Most der Begeisterung gewöhnlich am stärksten. Auch Festesstimmungen haben wohl das Merkmal erhöhter moralischer (beileibe nicht physischer) Trunkenheit. Aber wie der Wolkenschatten über sonnige Ährenfelder langsam hinzieht und alles Blitzen und Blinken ganz einfach hinweglöscht, so flaut der hochgestimmte Ton der Begeisterung bald ab unter dem Dämpfer Alltag.

219 Bei Herrn Kolb wird gehämmert und geschmiedet wie stets. Die Feier- und Trauertage sind dahin. In das Herz des Ehepaares will keine Freude mehr einziehen. Etwas Ersehntes, das man nicht bekommen kann, bewirkt nur hin und wieder ein Wölkchen der Trauer. Aber ein Verlust ist eine düstere Wolke, die manchmal nie oder sehr spät ein Sonnenstrahl durchbricht.

Herr Beugler ist nach wie vor in einem Wust staubigen Roßhaars begraben. Der Terno hat wie alle irdischen Dinge sein Ende gefunden und die Beugler-Bank . . . (Pardon, Kinder) fangen allgemach an, von ihrem in schönen Tagen erworbenen Fett zuzusetzen.

Der Zwist mit der streitbaren Nachbarin aus der Gasse, der vor dem Richter seine Austragung fand, endete mit einem matten Vergleich zugunsten der Armenkasse. Alles wäre somit auf dem Status quo geblieben. Aber die Tage, die einander folgen, gleichen sich bekanntlich nicht. Überall webte schon die Erinnerung ihre Schleier.

Auf die Gasse, auf Herrn Saltners Haus und noch viele andere Häuser hatte sich etwas gelegt, das man nicht recht zu deuten wußte. Wissenschaftlich konnte man es mit einer Veränderung des Zustandes annähernd bezeichnen.

Herr Saltner, Frau Saltner und die alte Leni 220 sahen von Tag zu Tag gedrückter aus. Der Sohn und Erbe hatte Mittel und Wege gefunden, seine Pariser Eindrücke ins Wienerische umzusetzen. Und da das väterliche Herz seinen Panzer umgeschnallt hielt, so war ein Sturm auf die beiden mütterlichen Herzen leichter gewesen. Die alte Leni war schon einigemal nach der Sparkasse gegangen.

Die Schildkröte wartete jetzt manchen Tag vergeblich auf die Schuhspitzen ihres Herrn, die beiden Raben wurden stets tiefsinniger und der Storch stets melancholischer und zugeknöpfter.

Es waren triste Tage gekommen.

Und da begab sich einmal Sonderbares. Die Beuglerin hatte durch Tage hindurch verweinte Augen gehabt. Ihr Gatte strebte förmlich, den Leuten auszuweichen. Er schützte sich durch Berge staubigen, zerknüllten Roßhaars gegen die Außenwelt.

Frau Rosa, deren umdüstertes Gemüt keineswegs menschenfeindlich geworden, hatte die Veränderung bemerkt und einmal die Frau in ihre Wohnstube gezwungen. Dort war die Beuglerin förmlich zusammengebrochen.

»Dö Schand', Frau Kolb, dö Schand' . . . Sie konnte nicht weiter.

»Ja, was gibt's denn, Beuglerin? Was is denn los?«

221 »I und mein Mann dertrag'n 's nimmer. O mein Gott und Herr, dö Schand'! . . .« Und Frau Beugler schluchzte zum Herzzerbrechen. »Frau Kolb, wann das net Bosheit vom Himmel is – unser Herrgott sei mir gnädig, daß i so a Wort in 'n Mund nimm –; aber das – das . . .«

Frau Kolb war ernstlich besorgt worden.

»Ja, was is 's denn nur? Reden S' do amal deutlicher, Beuglerin!«

Und die Beuglerin redete. Nicht viel, aber deutlich genug. War es, daß der Terno mit seinen gastronomischen Folgen die Üppigkeit Herrn Beuglers aufgestachelt, war es, daß durch die vielen Tage der Festesfreude abermals Gedanken von Brautzeit und Vaterzärtlichkeit rege geworden – kurz und gut, das Beuglersche Ehepaar hatte begründete Hoffnung auf einen neuen Sproß auf dem an Sprossen schier überreichen Stamme.

Frau Rosa war erst blaß, dann rot geworden, dann hatte sie ihre natürliche Farbe angenommen und gesagt:

»Wia unser Herrgott will. So wird's halt für Ihna recht sein, wia's für mi recht sein muaß. Jetzt wanen S' nimmer und sorg'n S' Ihna net. Es bleibt beim alten wia sunst.«

»O! . . . Und ka Schaffnerin mehr«, meinte Frau Beugler, »ka Schaffnerin mehr! Frau Kolb, 222 jetzt därf i ihr die Ehr antuan und därfs sag'n, was s' mir bei Lebzeiten immer verboten hat. Unser Herrgott laß s' in sein' schönsten Himmel wohnen! Bei kan' von meine letzten Kinder hat s' an' Kreuzer verlangt. Und Sie wissen, wia g'wissenhaft als s' war. I sag' das net aus an' Grund . . . Verstengan S' mi? . . .«

Frau Kolb winkte beruhigend.

»I sag's, daß amal alle Welt waß, was die Schaffnerin für a Engel war, trotzdem ihr die Männer weg'n ihr'n Mundwerk so nachg'red't hab'n. Sie wird scho g'wußt hab'n, warum sie si's so ang'wöhnt hat.«

Alte Schaffnerin! Keine hochtönende Grabrede hätte dir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen können.

»Ob i's waß, Beuglerin? Ob i's waß? Und mein Mann erst recht. Wissen S', der hat g'want wia a Kind, als ihn die Schaffnerin tröst't hat weg'n unsern Radl wia a Muatta. I sag's mit Ihna: Unser Herrgott laß s' in sein schönsten Himmel wohnen! . . . Und jetzt gengan S' ruhig ham, i werd' heut abends mit mein' Alten was bered'n. So, pfiat Ihner Gott! . . . Nur ka Wanerei mehr, das schad't dem Kind . . .«

Es war ein Abend wie damals, als Frau Rosa mit der Absicht, ihren etwas störrischen, schwer 223 denkenden Gemahl zu seiner Zustimmung zu der von ihr schon im vorhinein beschlossenen Wallfahrt zu bewegen, mit ihm im Wohnzimmer saß.

Herr Kolb war wohl seiner Abendgewohnheit treu geblieben, hatte aber die Zeit seines Aufbruches bedeutend hinausgeschoben, um seine arme Rosl nicht zu lange allein zu lassen, ja er wollte seinen Lieblingsgang zum Abendschoppen ganz aufgeben. Aber Frau Rosa litt dies unter keiner Bedingung. Ihr Gatte sollte nach angestrengtem Tagewerk seine Zerstreuung haben, und ehe er von seinem Stammgasthause zurückkam, war sie genug in den Schlaf eingeweint.

Und die Einsamkeit zu zweien ist wohl die fürchterlichste. Kein Auge will dem anderen begegnen, kein Mund sich zuerst zu einem Worte öffnen. Die Liebe fürchtet, zu verletzen, und das Leid fürchtet mit dem Instinkt der Feigheit eine neuerliche Selbstverletzung.

Aber heute hielt Frau Kolb ihren Gatten noch zurück wie an dem berühmten Abend, da seine Einwilligung und Beistellung der nötigen Geldmittel zu einer Reise nach Mariazell erlistet werden sollten. Nur galt es heute keine kleine, frauenhafte Überrumpelung des dickköpfigen, stiernackigen, glotzäugigen Riesen.

Frau Kolb begann ihrem aufhorchenden 224 Gemahl eine wohl längere Zeit gehegte, aber heute erst reif gewordene Absicht auseinanderzusetzen. Zuerst begann sie von der Unterredung mit der Beuglerin.

Der Wagnermeister, wohl in Erinnerung an das unselige Wallfahrtsprojekt, mochte Ähnliches wittern, denn er runzelte die Stirn.

Aber seine Frau, die ihn verstand, beruhigte ihn alsbald.

»Du waßt, Radl, daß alle Wallfahrten der Welt nix mehr nutzerten. Uns kann der Himmel ka Kind mehr geb'n. Und i wollt' aa nimmer, Radl. Um kan' Preis net. Aber was anders.«

Sie begann mit der neuen drolligen Anhoffnung der Beuglerin auf einen neuen kleinen Beugler oder eine neue kleine Beuglerin.

Herr Kolb gestattete sich abermals wie an jenem bewußten Abend ein verzweifeltes Auflachen. Dabei hieb er mit der Faust gewaltig auf den Tisch.

»Is das mögli?« knirschte er. »Is das net zum Lachen? Dö alten Eseln! Ja, was willst denn von mir? Was geht das mi an? Hab' i die Schuld? So was hat die Welt do no net g'segn. – Eigentli all's um mei Geld«, setzte er ingrimmig hinzu.

225 Frau Kolb legte sanft die Hand auf seinen Arm.

»Du waßt, Radl, Hauptsach' is, daß mir a Kind hätt'n. An's, das m'r uns selber aufziag'n. A g'sund's Kind . . .« – sie unterdrückte ein Schluchzen – »das leb'n kann, verstehst mi? Ob jetzt i's unterm Herzen trag'n hab' oder a andere, is alles ans. Und schau – das letzte Kind, was d' Beuglerin auf d' Welt bringt, soll s' uns geb'n, als unser eigenes.«

Herrn Kolb machte der Vorschlag dermaßen bestürzt, daß er, wie in seinen besten Tagen, nur fassungslos zu glotzen vermochte.

»Schau«, fuhr Frau Rosa fort, »i stell' m'r die G'schicht' so vor. I möcht' fort von dem Haus. I mag nimmer dableib'n. Radl, mir hab'n da was derlebt, was i net vergiß. Und dann – schau, wia schiach unser Gass'n wird. Und wer waß, wie lang's mit unserm Haus dauern kann. Die Saltnerschen, mein Gott und Herr . . . von an' Tag zum andern gengan s' mehr ein. Und der Junge – wann die Alten die Augen zuamach'n, is 's Haus weg.«

Herr Kolb starrte nun lange gedankenvoll und schwer vor sich hin.

»Du magst recht hab'n, Roserl«, sagte er endlich. »Mir g'fallt's da selber nimmer. Es is, als 226 ob der Holzwurm in an' alten Kasten peckert. Aber dann – da hab'n meine seligen Urgroßeltern g'haust. Das möcht' i m'r do lang überleg'n.«

»Du waßt«, fuhr Frau Rosa unbeirrt fort, »daß mein Schwager in Hantal scho lang sei G'schäft samt 'n Haus los werd'n will. Mir zwa und a dritt's hab'n gnua zum Leb'n und san am Land, wo i schon lang gern hin möcht'.«

»Is all's recht mit'n dritten«, wendete Herr Kolb in seiner lächerlichen Sucht ein, alle, selbst die einfachsten Dinge von der schmerzlichsten Seite zu nehmen, »aber erstens is 's no net da, zweitens waß ma net, wia's ausschau'n wird, und drittens hab'n do die Beuglerischen aa a Wort mitz'reden. Ob die einverstanden san . . .«

»Warum net!« verteidigte Frau Kolb mit all dem Eifer, der ihr bekanntlich zu Gebote stand, wenn es sich um Herzensdinge handelte. »Bitt' di, Radl, bei die viel'n, viel'n Kinder . . . Das letzte wird eahna ka Freud' mehr mach'n. Und dann ans: soll's all'n schlecht gehn oder net wenigstens an' guat? Daß mir eahna für das Kind . . .«

»Du manst, mir kaufen's a'!« sagte der aufrichtige Gatte, der für einen einfachen Begriff einen einfachen Ausdruck liebte.

»Geh, was red'st denn daher?« zürnte die 227 Gattin, wie an jenem Abend, da Herr Kolb in unwissender Vermessenheit erklärte, jegliches Neugeborne gleiche »aner Krot'«. »Abkaufen! San m'r denn bei die Sklaven? Natürli muaß denen armen Leuteln g'holfen werden, scho weg'n die andern Kinder. Aber abkauf'n . . .«

»Is scho wieder guat«, sagte der Meister, der sich mit dem seltsamen Vorschlag überraschend schnell zu befreunden schien. Ja, es war ihm in dem schon seit Urgroßvaterszeit von seinen Vorgängern bewohnten Hause nicht mehr heimisch. Kein Erbe konnte jemals mehr in diesen Räumen walten. Und wie Frau Rosa gesagt, daß keine Wallfahrt der Welt mehr eine zweite Kinderhoffnung bringen könne, so war ihm auch ihre Abneigung gegen diese durch Überlieferung geweihte Stätte begreiflich geworden.

Er selbst begann eine Sehnsucht zu hegen nach einer Art stillem Winkel, seitdem in diesem Hause seine stolzen Hoffnungen Schiffbruch erlitten und durch den Fall des einen Hauses die ganze Umgebung ein schier verändertes Gesicht bekommen hatte.

Die dumpfen, uneingestandenen Befürchtungen wegen Herrn Saltners Hause hatte Frau Kolb in wenigen Worten zu klarem Ausdruck gebracht. Wie diese beiden aneinanderhängenden Leute 228 gewohnt waren, sich fast in allen Dingen zu ergänzen, so geschah es unbewußt auch in diesem Falle.

Und dann war noch eines, was Herrn Kolb ohne weitere erhebliche Schwierigkeiten dem Vorschlag seiner Gattin lauschen ließ. Die Einsamkeit zu zweien bedrückte nun beide, die sie bisher nicht empfunden hatten. Sie hatten Elternfreuden und -Sorgen kennen gelernt. Nur allzu kurze Zeit, und mehr letztere als erstere; aber es war ein neues, wonniges Element herrschend gewesen, geeignet genug, die Stille des bisherigen Haushalts zu unterbrechen.

Wie stets in Dingen von Wichtigkeit, wo der dickköpfige Meister sich in die Wirrnis von Bedenklichkeiten zu verstricken drohte, brachte seine Frau die Angelegenheit nach bewährter Weise zum Abschluß.

»Jetzt studier' net lang und schau, daß d' furtkummst, du alter Brummbär, du grauslicher. Vielleicht überlegst dir die G'schicht' no a bißl bis murg'n.«

Es klang wie in einer glücklichen Zeit, da noch Hoffnungen anderer Art ihre Glocken läuteten und Frau Kolb in schalkhafter Weise ihren Gatten zum Aufbruch nach seinem Stammgasthause trieb . . .

Ich nehme Abschied von meinem in einer Art 229 visionären »Schackerl«, der nur geboren zu sein schien, um meiner Gasse ein Relief zu verleihen und meiner anspruchslosen Geschichte einen Namen zu geben.

Frau Beugler entledigte sich ihrer Bürde mit der Leichtigkeit und Fertigkeit, die nur in langjähriger Übung erworben wird. Schon lange vorher waren eingehende Besprechungen der beiden Ehepaare auf der Tagesordnung gewesen. Frau Beugler sah verweint und doch wieder getröstet aus; ihr Mann jedoch schien der Sachlage vollkommen gewachsen zu sein. Alles schien in Richtigkeit. Der letzte Beuglersche Sproß war ein Mädchen von überraschender Entwicklung, wie es seinen Vorgängern nach zu schließen nicht zu erwarten stand. Ein halbes Jahr später – und Herrn Kolbs Werkstätte und Wohnung lagen verödet.

Mein Interesse an allen ferneren Ereignissen der kleinen Gasse ist versiegt. Mein Schritt wird von nun ab schwerer. Es gilt, keine Idyllen mehr zu beschreiben, keine Schicksale eines »Schackerl« werden meine Feder mehr in Bewegung setzen. Vorbei! Vorbei! Ein neues, äußerlich prächtiges, aber ach! ebenso häßliches Wien hat seine Leiden und Freuden, die der Schilderung wert sind.


230 Ich fuhr mit der Elektrischen jüngst über die Hauptstraße, in die meine kleine Gasse einmündete. Es war dort eine Haltestelle. Ich warf nur einen Blick hinaus, halb Sehnsucht, halb Haß. Die Gasse war durchbrochen, verlängert und dazu verbreitert worden und bildete eine »Verkehrsader«. Lauter protzige Neubauten mit Spiegelscheiben, aufdringlichen Portalen und schreienden Auslagen hatten die alten Häuschen verdrängt.

Nur Herrn Saltners Haus, weit bis gegen die Mitte der nunmehrigen Straße vorspringend, steht noch, wie ich es eingangs beschrieben. Es winkte mir entgegen wie ein Kind in Fremde und Verwahrlosung, das in irgendeinem Bekannten einen Retter erspäht. Ich wendete mich ab wie einer, der nicht helfen kann und sein Mitleiden und seinen Jammer hinter einer fremden, unnahbaren Miene verbirgt. Man soll nicht weich werden.

 

Ende.

 

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