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Gutenberg > Christoph Martin Wieland >

Schach Lolo oder Das göttliche Recht der Gewalthaber

Christoph Martin Wieland: Schach Lolo oder Das göttliche Recht der Gewalthaber - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleDer goldene Spiegel und andere politische Dichtungen
authorChristoph Martin Wieland
year1979
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05298-0
titleSchach Lolo oder Das göttliche Recht der Gewalthaber
pages683-706
created20010929
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Christoph Martin Wieland

Schach Lolo
oder
Das göttliche Recht der Gewalthaber

Eine morgenländische Erzählung

                  Regiert – darin stimmt alles überein –
Regiert muß einmal nun die liebe Menschheit sein,
Das ist gewiß! Allein –
Quo Jure? und von wem? In diesen beiden
Problemen sehen wir die Welt sich oft entzwein;
Und schon zur Zeit der blinden Heiden
(Als noch was Rechtens sei sich Krantor und Chrysipp
Nach ewigen Gesetzen zu entscheiden
Vermaßen) fand der Sohn des listigen Philipp,
Man komme kürzer weg den Knoten zu zerschneiden.
Gewöhnlich fing man damit an,
Was Pyrrhus, Cäsar, Mithridates,
Und Muhamed und Gengiskan,
Und mancher der nicht gern genannt ist, auch getan:
»Sich förderst in Besitz zu setzen.«
Das Recht schleppt dann so gut es kann
Sich hintendrein: das sind Subtilitates,
Woran (man gönnt es ihnen gern)
Die knasterbärtigen Doktoren sich ergetzen.
Das Jus Divinum, liebe Herrn,
Steht also, wie ihr seht, so feste
Und fester als der Kaukasus:
»Befiehlt wer kann, gehorcht wer muß«;
Ein jeder spielt mit seinem Reste,
Und – unser Herr Gott tut bei allem dem das Beste.
»Ja« (sagt ihr), »aber daß ein Schach,
Ein Narr, ein Kind, ein Nero, ein Caligel,
Ein Elagabalus, die Zügel
Des Schicksals führen soll?« – Und warum nicht? Regiert
Nicht eine Windsbraut oft, und rührt
In einen garst'gen Brei die liebe Welt zusammen,
Setzt euch in einem Hui das größte Schloß in Flammen,
Bricht Dämme durch, spült manchen schönen Ort
Mit Jung und Alten weg, reißt Ufer, Wälder fort?
Und alles das unleugbar – Jure
Divino, liebe Herrn! Die Sach ist sonnenklar.
So wird die Welt regiert, und eine ganze Fuhre
Von Syllogismen macht's nicht mehr noch minder wahr.
Jetzt habt ihr Sonnenschein und schöne warme Tage,
Wie ihr gewünscht: doch nur ein paar
Zu viel, so wird der Sonnenschein zur Plage,
Wie jüngst der Regen war, auf dessen Guß ihr nun
Mit Schmerzen harrt. Euch immer recht zu tun
Ist schwer. Allein die Welt – die dreht in ihrem Kreise
Sich unbekümmert fort, und der, der mitten drin
Unsichtbar thront, und einen großen Sinn
Fürs Ganze hat, regiert's nach seiner Weise.
Der winzigste Deunculus
Macht's eben so in seinem Spannenkreise,
Nur nicht so gut; behauptet frisch sein Jus
Divinum über Weib und Kinder,
Haus, Hof und Habe, Schaf' und Rinder
,
Und gibt nicht Rechenschaft davon, als – wenn er muß.

»Die Red ist«, sprecht ihr, »Wie es sollte,
Nicht wie es ist« –
So? – Wie es sollt? – Ihr also wißt
Es besser? So, so sollt es – wenn es wollte!
Allein es will nun nicht! – All der Ideenkram
Der Weltenflicker, sagt, was hat er je gebessert?
Verschoben hat er viel! und wessen ist die Scham?
»Es sollte« – Nein, ihr Herrn! Verkleinert und vergrößert
Nur nicht was ist in eurer Phantasie,
So ist's just recht; und euch erspart's die Müh
Dem lieben Gott in seine Kunst zu pfuschen.
Es geht ja manchmal wohl ein wenig konterbunt
Und garstig zu auf diesem Erdenrund,
Das läßt sich freilich nicht vertuschen;
Allein, dann geht's just wie es kann;
Und dafür ist gesorgt daß doch nichts überwieget,
Daß ungestraft nicht leicht ein Mann
Sein liebes Selbst am Bösestun vergnüget,
Nicht ungestraft ein Schalk – ein Flegel – ist,
Nicht ungestraft ein Schach, nicht ungestraft ein Nero.
Das Maß, womit das Schicksal wieder mißt,
Ist immer billig. – Schwimmt die liebeskranke Hero,
In trüber Nacht, bei oft bewölktem Mond,
Mit trübem Blick dem schönen Freund entgegen,
Der, durch Begier und Schwierigkeit verwegen,
Den stets gefäll'gen Hellespont
Schon manche heitre Nacht durchschwommen,
Und dann an ihrer schönen Brust
Den süßen Lohn der Arbeit eingenommen:
O! so mißgönnt doch nicht die teur erkaufte Lust
Den ihrer Pflicht entirrten Seelen!
Sie ließen ja so gerne sich vermählen!
Warum trennt harter Eltern Groll,
Stolz oder Geiz, was Gott zusammen fügte?
»Allein, sie tat doch was kein frommes Mädchen soll!«
Ja, leider! und das Schicksal rügte
Den Fehltritt wahrlich streng genug.
Denn, wie sie so im süßen Hoffnungstrug
Voll Ungeduld des lieben Jünglings harret
In dieser trüben Nacht, und nun auf einmal stürmt
Der Wirbelwind daher, wie Fels auf Fels getürmt
Stürzt Well auf Well, und ach! in jeder stürmt
Der schreckliche Gedank vor dem ihr Blut erstarret:
»Ha! wenn ihn dieser wilde Sturm
Ergriffen hat!« – und nun (was zu beschreiben
Mein Herz versagt) die Wellen an den Turm
Vor ihre Füße hin den starren Leichnam treiben –
Sagt, Grausame, ist sie gestraft genug?

»O«, denkt ihr, »nur zu hart wird ein verstohlner Zug
Aus Amors Lustkelch so gerochen!
Die armen Liebenden! So schwer bestraft zu sein,
Und ihr Vergehn im Grunde doch so klein!
Was haben sie so Schrecklichs denn verbrechen?«

O nicht doch! Lästert nicht, indem ihr sie beklagt,
Des Schicksals Billigkeit! Es hat für alles Leiden
Sie ja voraus bezahlt! Sind's etwa kleine Freuden,
Für die ein junger Mann so rasch sein Leben wagt?
Und rechnet ihr für nichts, daß, ihn zu überleben
Verachtend, Hero, treu dem schönen Liebesbund,
Sich zur Gefährtin ihm ins Totenreich gegeben?
Für nichts, mit ihm zu sterben Mund auf Mund,
Und Arm in Arm mit dem geliebten Gatten
Hinab zu gehn ins stille Land der Schatten?
Erkennet denn: das irdische Geschlecht
Murrt ohne Grund; die Götter sind gerecht,
Und lassen, wo ihr Plan das Übel nicht verhütet,
Kein Unrecht unbestraft, kein Leiden unvergütet.

Ein jedes Ding in dieser Unterwelt
Ist niemals was es scheint – und scheint, nachdem ihr's stellt;
Ist klein von fern, wird größer, wie ihr's näher
Beschaut, und, wie sich's gegen euch verhält,
Bald gut, bald schlimm. Der wahre Seher
Ist der sich auf den rechten Standpunkt stellt.
Das hält oft schwer! Gesunde Augen
Erfordert's auch; denn (wie ein Weiser spricht)
Wenn diese nichts an einem Manne taugen,
So helfen ihm zehn Sonnen nicht.

Doch, über dem Philosophieren
(Das doch, Gott weiß! so wenig nützt) verlieren
Wir unsern Weg. Es war euch ärgerlich,
Daß, wie ihr meint, die guten Götter sich
(Cum venia) so grob Prostituieren,
Die Welt, wie oft geschieht, durch – Schache zu regieren.

Der Meinung bin ich nicht. Mir deucht, just umgekehrt,
Das Volk stets seines Schachs, der Schach des Volkes wert,
Und schwerlich wird ein einzigs Beispiel fehlen.
Die Titus, und die Marc-Aurelen,
Die waren allenfalls für ihre Zeit zu gut:
Allein ein Claudius, mit seiner feinen Brut
Von Weibern und von Favoriten,
Ein Aureng-Zeb, ein Schach-Riar,
Die wurden just so zugeschnitten
Wie ihre Zeit sie würdig war.

Der beste Schach ist freilich, wenn wir billig
Im Urteil sind, nur zu gewiß
Persona miserabilis.
Zuerst so gut, so fromm, so willig
Es recht zu machen! – Ging es schief,
Nun, so vergriff er sich; er griff zu hoch, zu tief,
Gemeint war's recht. Allein, da hebt man Aug' und Hände,
Und klatscht und jubiliert, als hätt ein Gockelhahn
Ein Ei gelegt. Daß nur ein einz'ger Danischmende
Mit guter Art dem Herrchen auf den Zahn
Zu fühlen wagte! – So gewöhnt er sich daran,
Und nimmt das Schmeichlerlob am Ende
Wie Jupiter den Weihrauch an.

Zum Unglück, wenn er meint er habe was getan,
Kommt ein Wesir, und stellt das Ding behende
So auf den Kopf, daß just von seinem Plan
Das Gegenteil erfolgt: und er, in seiner Blende,
Er nimmt darüber gar noch Komplimente an.
So füllen nach und nach sich ganze dicke Bände
Mit Taten, die er – nicht getan;
Und ihm wird weis gemacht, es stände
In Famas Namenbuch der seine obenan.

Nun, sagt mir, wenn ein Schach, von Weibern und Kastraten
Sein Leben lang gegängelt wie ein Kind,
Es müde wird, und doch die Kraft nicht in sich findt
Allein zu gehn, und läßt sich nun – von jedem raten,
Weil alle ihm verdächtig sind;
Wenn er, in seinem ganzen Leben
Vom füßeleckenden verrätrischen Geschmeiß
Raubgier'ger Masken stets belagert und umgeben,
Den Biedermann zuletzt nicht mehr zu finden weiß,
Und fänd er ihn, den Mann nicht zu ertragen
Vermag; im Weihrauchdampf, worin man ihn erstickt,
Nicht Menschen mehr, Vampiren nur erblickt,
Die an ihm saugen und ihn nagen;
Wenn endlich gar, als läg ein schweres Interdikt
Auf seiner Burg, die Guten sich nicht wagen
Ihm mehr zu nahn; und nun der arme Schach,
Zum Nero nicht zu weise, nur zu schwach,
Durch Nichtstun, Furcht der Wahrheit nachzufragen,
Unschlüssigkeit, Mißtrauen, Wankelmut,
Mehr Böses oft als zehn Tyrannen tut:
Wer hat die Schuld? und wer ist zu beklagen?

Gewiß, dem Schach gebührt noch viel heraus!
Daß manchmal auch dabei ein braver Mann gelitten
Und leiden wird, das bleibt wohl unbestritten.
Doch sorget nicht! Den führt aus jedem Strauß
Sein Genius gewiß heraus;
Und wer dabei am schlimmsten fähret,
Ist doch zuletzt der Schach, – wie Lolos Beispiel lehret.

 

Schach Lolo, erstgeborner Sohn
Des Firmaments, Oheim von Sonn und Mon,
Herr im Zodiakus, des großen Bären Vetter,
Gebieter über Wind und Wetter,
Etcetera, – regierte, wie man's heißt,
Im großen Scheschian. Kein sonderlicher Geist!
Die reine Wahrheit zu gestehen,
Er überließ das Werk den Göttern und den Feen;
Und wenn's nicht desto besser ging,
War's etwa seine Schuld? – Von seiner Art zu leben
Euch einen Schattenriß zu geben,
Nehmt Einen Tag; denn wie er den beging,
So ging es Tag für Tag in seinem ganzen Leben.

Es war das echte Quasi-Leben
Der Götter Epikurs
. – Nachdem er nachts zuvor,
Allmählich eingelullt von süßen Sängerinnen,
Den letzten Dienst erschlaffter Sinnen
In Strömen süßen Weins verlor;
Und, matt und welk wie ein zerknicktes Rohr,
Nun zwischen zwei Tschirkassierinnen
(Die er, damit sie doch zu etwas brauchbar sind,
Für Polster braucht) das alte Wiegenkind
Entschlummert ist, und ohne sich zu regen
Die Nacht durch weintot da gelegen:
Entrüttelt ihn, so bald zum Frühgebet
Der Imam ruft, ein Kämmerling dem Schlummer.

Schach Lolo streckt sich, gähnt, bohrt in der Nase, dreht
Die Augen, und so fort – kurz, steht ein wenig dummer
Als gestern auf, verrichtet sein Gebet,
Wird abgewaschen, angezogen,
Beräuchert, nimmt sein Frühstück, geht
In seinen Divan – wo, so bald die goldne Türe
In ihren Angeln knarrt, die Emirn und Wesire
(Als Erdgeschöpfe, die den Glanz der Majestät
Mit bloßen Augen nicht ertragen)
An seines Thrones Fuß die Sklavenstirnen schlagen.
Der Großwesir verrichtet nun sein Amt,
Und Lolo, der indes mit hohen Augenbrauen
Im Staate sitzt und sich mit Betelkauen
Die Zeit vertreibt, begnadigt und verdammt,
So wie sich's trifft, die Bösen und die Frommen.

Indessen wird's Mittag. Die Kämmerlinge kommen;
Es öffnet sich zum hohen Göttermahl
Ein augenblendender gewölbter Speisesaal.
Das Mahl (um kurz zu sein) wird reichlich eingenommen,
Und nun passiert mein Schach in einen zweiten Saal,
Noch größer, herrlicher und schimmernder als jener,
Wo, zum Verdauungswerk bestimmt,
Ein weicher Lehnstuhl ihn in seine Arme nimmt.
Zwei Chöre Nymphen, eine schöner
Als wie die andre, weiß und rund
Von Armen, blau von Aug, und schwarz von Augenwimpern,
Die Zithern in der Hand, stehn schon mit offnem Mund,
Ihn wieder in den Schlaf zu singen und zu klimpern.
Das Mittel wirkt bei vollem Magen stracks.
Schach Lolo schläft zwei Stunden wie ein Dachs;
Wacht endlich wieder auf; gähnt seinen Philomelen
Aus höchster Machtgewalt gerad ins Angesicht,
Fängt seine Finger an zu zählen,
Und hascht nach Fliegen, die ihm nicht
Stand halten wollen: unterdessen
Kommt unvermerkt die Zeit zum Abendessen.

Es öffnet sich ein dritter Saal,
Noch schimmernder als jene beide,
Illuminiert mit Lampen ohne Zahl,
Wo lauter Ambra brennt. Erscheinen abermal
Im Luftgewand von rosenroter Seide
Zwei Reihen Töchterchen der Freude,
Die zum Empfang des Herrn die Kehlen schon gewetzt;
Und unter einem Thron, der, wie aus Sonnenstrahlen
Gewebt, durch seinen Glanz die Augen schier verletzt,
Ein goldner Tisch mit sieben großen Schalen
Von Japans reichstem Ton besetzt,
Wo, schöner als ein Maler sie zu malen
Im Stand ist, Früchte aller Art
Hoch aufgetürmt Geruch und Aug ergetzen;
Nur keinem Schach! Jedoch, weil seine Gegenwart
Hier Pflicht des Thrones ist, geruht er sich zu setzen,
Nachdem zuvor zwei Nymphchen, schön und zart,
Die Glatze und den Knebelbart
Ihm eingesalbt. Die Szene zu veredeln,
Stehn andre sechs mit großen Fliegenwedeln
In Rosenöl getaucht; auch glimmt
Aus goldnen Räucherpfannen
Ein ganzer Wald von Adlerholz und Zimt,
Und treibt das Mückenvolk von dannen.

Indessen nun die Chöre wechselsweis
Des großen Lolo Ruhm und Preis
Mit Sang und Klang den Wänden vorerzählen,
Läßt sich mein Schach (der wohl von allen Menschenseelen
Am wenigsten von seinen Taten weiß)
Laut gähnend einen Apfel schälen,
Und wartet in Geduld, bis endlich abermal
Die Stunde schlägt, die in den vierten Saal
Ihn rufen wird. Sie schlägt, und – laßt euch's nicht verdrießen!
Es öffnet sich der liebe vierte Saal,
Wohin wir ihm schon werden folgen müssen.

Daß alles drin entsetzlich glänzt und gleißt,
Und wieder Räucherpfannen brennen,
Und, wie sich hinter ihm die goldne Pforte schleußt,
Ein neues Nymphenchor ihm stracks die Zähne weist,
Ist was wir leicht vermuten können.
Ein neuer Polsterthron, ein neuer Tisch besetzt
Mit allem was den Gaum zum Trinken wetzt,
Und dann, die Kehle wohl zu baden,
Ein Schenktisch, reich von zwanzig Sorten Wein,
Stehn links und rechts in vollem Glanz, und laden
Den Schach zum letzten Akt des Monodramas ein.
Sechs Nymphen, schlank wie Oreaden,
Bedienen ihn dabei, indes ein andres Chor
Von Grazien in dünnem Silberflor,
Damit der gute Mann am Schenktisch nicht erkaltet,
Der Reize schlauste Kunst im leichten Tanz entfaltet:
Bis endlich gegen Mitternacht
Das königliche Vieh, berauscht an allen Sinnen,
Nach altem Brauch, die zwei Tschirkassierinnen,
Die nun das Unglück trifft, – zu seinen Polstern macht.

Bei solcher Lebensart, was Wunder
Wenn ihn zuletzt, wie die Geschichte sagt,
Vom Haupt zu Fuß Ägyptens Aussatz plagt!
Wohl freilich ist an Seel und Leib gesunder
Der Mann, dem Arbeit Zeitvertreib
Und Notdurft Wollust ist; der, wenn er spät vom Acker
Zur Hütte kehrt, zwar müde, doch noch wacker,
An rauhem Brot und seinem braunen Weib
Sich auf des Morgens Arbeit labet!
Was hilft es nun dem Schach, der unter einem Thron
Von goldnem Stoffe wie Sankt Job sich schabet,
Was hilft ihm, daß er Sonn und Mon
Zu Neffen hat, staubleckende Wesire
Zu Sklaven, Weiber von Kaschmire
Zum Unterpfühl?
Was hilft ihm Sang und Saitenspiel
Und all der Kitzel stumpfer Sinnen,
Und all sein Nymphenheer und seine Tänzerinnen?
Umsonst ist seiner Ärzte Müh
Sein schwarzes Blut durch Säuren zu verdünnen.
Zwei Jahre schon erschöpften sie
Treufleißigst ihr Gehirn und alle ihre Büchsen;
Versuchten's, da nichts Lindrung schafft,
Erst mit elektrischer, dann mit magnet'scher Kraft,
Dann mit der frischen Luft, und endlich mit der fixen,
Ja, aus Verzweiflung gar zuletzt mit Schierlingssaft.
Vergebens sieht man sie durch Berg' und Wiesen trotten
Nach Kräutern, die Galen und Celsus nicht gekannt:
Die Kachexie des Schachs scheint ihrer nur zu spotten,
Und täglich nimmt das Übel überhand.

Von ungefähr (wie meistens alles Gute)
Kam, da es just am schlimmsten stand,
Ein Fremdling an, aus einem fernen Land;
Ein Mann, dem Ansehn nach von stillem ernstem Mute,
Und der (das sieht der Wirt ihm flugs am Nasloch an)
Ein wenig mehr als fünfe zählen kann.
Zufällig hört der Fremde von dem Jammer
Des armen Herrn. Er sagt dazu kein Wort.
Nach einer Weile geht er fort
In seine Kammer.
Was er darin gemacht, ist unbekannt;
Er schob den Riegel vor, und ließ den Vorhang nieder.
Genug, er kam mit etwas in der Hand,
Das einem Schlägel glich, in einer Stunde wieder.
»Laß mich zum Sultan führen, Freund!«
Spricht er zum Wirt. – »Das ist so leicht nicht als es scheint;
Ihr werdet schwerlich angenommen« –
»Sag ihm, es sei ein fremder Arzt gekommen,
Der, wenn er ihn in kurzer Zeit
Von seinem Aussatz nicht befreit,
Den Kopf bereit ist zu verlieren.«

Wie Lolo diese Botschaft hört,
Denkt er: Es ist der Probe wert,
Der Mensch hat doch dabei nicht wenig zu verlieren;
Und er befiehlt ihn vorzuführen.

Der Fremde kommt – ein feiner langer Mann
Mit schwarzem Bart, und einer Art von Nase,
Die Lolo just am besten leiden kann.
»Herr«, spricht der fremde Mann, »ich blase
Nicht gern mich selber aus: genug, die Fakultät
Hat deiner Heilung sich verziehen.
Ich heile nicht mit Pillen, Kräuterbrühen,
Noch Rindenmehl; allein, wenn deine Majestät
Sich mir vertrauen will, soll binnen sieben Tagen
Dein ganzer Leib so frisch und rein
Wie eine Maienrose sein:
Wo nicht, so werde mir der Schädel abgeschlagen!«

Mein Schach antwortet ihm und spricht:
»Daß du mit deinem eignen Leben
Assekurieren sollst was andre aufgegeben,
Das wollen Wir, beim Allah! nicht.
Doch leiste was du mir zu hoffen
Befiehlst, und sei der Zweit' in meinem Reich!
Mit Lolos Herzen steh zugleich
Sein Hof, sein Schatz, sein Harem selbst dir offen!
Verdoppelt gleich mein Dank den höchsten Flug,
Den deine Wünsche sich erlauben:
Noch werd ich immer nicht genug
Für dich getan zu haben glauben!«

»Herr«, spricht der Arzt, »an deiner Dankbarkeit
Zu zweifeln, wär ein Majestätsverbrechen:
Allein davon ist's immer Zeit,
Wenn du genesen bist, zu sprechen.
Das Mittel dieser Wunderkur
Wird, wie gesagt, nicht innerlich genommen;
Es geht von außenher und durch die Poren nur
Ins Blut; doch muß es selbst vorher in Schwingung kommen.
Groß sind die Wunder der Natur!
Dies, ich gesteh es, ist ganz außerhalb der Regel;
Mit Einem Wort: Es steckt in diesem Schlägel.«

»In diesem Schlägel?« ruft der Schach von Scheschian,
Und vor Erstaunen bleibt der Mund ihm offen stehen.

»In diesem Schlägel, Herr! Du wirst die Wirkung sehen.
Natürlich ist ein Talisman
Dabei im Spiel – genug, in sieben Tagen!
Und, daß wir keine Zeit verlieren, führe man
Des Sultans Leibpferd her, um nach der Malliebahn
Stracks Seine Hoheit hinzutragen.«

Gesagt, getan!
Schach Lolo langt an Ort und Stelle an,
Und mit dem Schlägel, den ihm Duban nachgetragen,
(So nennt der Fremde sich) muß er in stetem Jagen
Den schweren Ball so lange schlagen,
Bis ihm der Schweiß aus allen Poren bricht.

»Der Talisman hat seine Pflicht
Für heut getan«, spricht Duban: »unverzüglich
Ins Bad nunmehr! und seid ihr da genüglich
Gewaschen und frottiert, dann flugs ins Bett, und deckt
Euch doppelt zu, und schlaft bis euch der Imam weckt.«

Den nächsten Tag wird's eben so getrieben.
Der Schlägel dünkt den Schach schon minder schwer
Und lustiger das Spiel als tags vorher;
Er schlägt den Ball mit immer kräft'gern Hieben,
Schwitzt wieder, geht ins Bad, wird tüchtig abgerieben,
Und schläft die Nacht durch wie ein Bär.
Mit jedem Tage wächst sein Glauben und Belieben
An Dubans Talisman; und wie die heil'ge Sieben
Vollendet ist, fühlt er am achten früh,
Nach Dubans Worte, sich so munter, wie
Er kaum in seinen ersten Hosen
Gewesen war – so blühend und so frisch,
Als hätten für Cytherens Bett und Tisch
Die Grazien mit lauter jungen Rosen
Ihn aufgefüttert – rein wie Lilien auf der Flur,
Stark wie der Behemoth, gerade wie ein Kegel,
Von Aussatz nirgends eine Spur!
Mit Einem Wort – der Mallieschlägel
Hat große Ehre von der Kur.

Doch diese (wie's in solchen Fällen
Zu gehen pflegt) kommt lediglich
Auf Dubans Rechnung. Schach, vor Freuden außer sich,
Herzt, küßt und drückt den Mann daß ihm die Ohren gellen,
Weiß nicht, woher er Worte nehmen soll,
Und gibt just nichts, weil er, des Danks zu voll,
Gleich alles geben möcht. Indessen
Wenn Duban Ehre geizt, so kann er diesmal sich
Bis zur Genüge dran erletzen.
Er muß, da Lolo feierlich
Den ganzen Hof traktiert, sich ihm zur Seite setzen;
Ihm wird ein Kaftan umgetan
Von purem Gold- und Silberlahn,
Und nah an Lolos eignem Zimmer
Eins eingeräumt, das kaum vor Schönheit und vor Schimmer
Bewohnbar ist. Er hat sogar ins Schlafgemach
Den Zutritt, kommt dem holden Schach
Den ganzen Tag nicht von der Seiten,
Muß in den Divan ihn begleiten,
Muß mit ihm jagen, mit ihm reiten,
Wohin es geht muß Duban mit;
Kurz, Duban ist der Favorit;
Und Ohr in Ohr wird stark davon geflüstert,
Der Großwesir sei seinem Falle nah.
Daß Dubans Gunst ihn wenigstens verdüstert,
War, was bei Hofe selbst der Hundewärter sah.

Der Großwesir, der in der Kabbala
Sehr viel getan, war nicht der letzte der es sah,
Das ist, der sich an Dubans Stelle setzte,
Und dessen Sinnesart nach seiner eignen schätzte.
Denn Duban freilich war zu ehrlich und zu klug
Zu solcher Politik, und höher aufzufliegen,
Als ihn just itzt die Luft und seine Schnellkraft trug,
War ihm noch nie zu Kopf gestiegen.
Doch Rukh, der Großwesir, ein Mann
Der seinen Posten scharf bewachte,
Genaue Rechnung hielt, sein Fazit täglich machte,
Und was ein anderer gewann
Sich als Verlust in Ausgab brachte,
Ein solcher Mann ist nicht pro forma Großwesir.
Natürlich gab es ihm kein sonderlich Vergnügen,
Daß Duban so im Sturm des Sultans Gunst erstiegen;
Und also bat er sich durch die geheime Tür
Gehör bei Lolo aus. In allen seinen Zügen
War Unruh, gleich als graute ihm vor dem
Was ihm die Pflicht nicht zuließ zu verhehlen.

»Herr«, spricht er, »bei erhabnen Seelen
Muß mit der Güte stets de Weisheit sich vermählen.
Das alte Sprichwort, trau, schau wem,
Läßt Königen sich nicht genug empfehlen.
Wer hätte je so weit im Argwohn ausgeschweift,
Daß dieser fremde Unbekannte,
Den deine Majestät mit Gnaden überhäuft,
Und der, dem Anschein nach, von heißerm Eifer brannte
Als alle, deren Treu der längste Dienst bewährt,
Wer hätte den Verdacht genährt,
Daß dieser Mann, den du so hoch geehrt,
Ihm dein Vertraun, dein ganzes Herz gegeben,
Mit dem du offner als mit einem Bruder bist,
Ein schändlicher Verräter ist,
(Mit Schaudern sag ich's) bloß, nach deinem teuren Leben
Zu trachten und in dir nach unser aller Leben,
An deinen Hof gekommen ist?«

»Wie?« (spricht der Schach) »Wesir! du wagst es so zu lästern
Den Mann den Lolo liebt? Verwegner, traust du mir
Die Schwachheit zu, zu glauben, was ich dir
Und einer ganzen Welt nie glauben werde?«

                                                                      »Lästern?«
Versetzt ganz ruhig der Wesir:
»Kennt deine Majestät mich etwann erst seit gestern?«

»O! kennen?« – ruft der Schach: »da fehlt's nicht! Haben Zeit
Dazu gehabt! – Kabale, Mißgunst, Neid!
Es wäre viel davon zu sprechen –
Daß ich ihn liebe, ist sein einziges Verbrechen!
Allein, ihr irrt euch stark. Gleich diesen Augenblick
Will ich ihn dreimal höher heben,
Ihm viermal mehr Geschenke geben,
Und wenn ihr alle die Kolik
Davon bekämet! Das, das eben
Daß ihr ihn haßt, das macht bei mir sein Glück.«

»Herr, wenn du willst, wer darf dir widerstreben?«
Erwidert Rukh: »du hast zu tun was recht
Dir deucht. Verkenn in deinem alten Knecht
Den treuen Freund – ich muß mich drein ergeben.
Doch hier ist die Gefahr nicht mein!
Hier muß ich meine Stimm erheben,
Herr, oder ein Verräter sein!
Ein bloßes Schwert hängt über deinem Leben;
An einem Haare schwebt's – und schweben
Sollt ich es sehn, und schweigen? Nein!
Hier ist mein Haupt, ich leg's zu deinen Füßen:
Laß, wenn's Verbrechen ist dir zu getreu zu sein,
Laß mich's mit meinem Leben büßen!
Nur leide, daß der letzte Hauch,
Der mir entflieht, dich warne vor der Schlange
Die du im Busen wärmst!« –

                                              Dem Heuchler glüht die Wange
Indem er's spricht. Der Schach, nach seinem Brauch
Wenn etwas ihn bestürzt, schlägt sich mit beiden Händen
Vor seinen königlichen Bauch.
»Wie?« spricht er, »sollte mich mein böser Geist verblenden?
Und Duban sollte fähig sein –
Mein Freund? mein Retter? nach dem Leben
Mir stellen? – Guter Rukh, dein Eifer täuscht dich! Nein!
Ich glaub es nimmermehr! ihm hab ich ja dies Leben
Zu danken – wem, als ihm allein?
Wenn er mir's rauben will, wozu mir's wieder geben?
Er konnte, wenn er nur an meinem Übel mich
Verderben ließ, sich einen Mord ersparen!
Wesir, du bist mir treu, ich weiß es, bist erfahren,
Und kennst die Welt; doch diesmal sicherlich
Betrügst du dich!«

»O Herr«, erwidert Rukh, »wie sollte mich's nicht schmerzen,
Mit diesem königlichen Herzen,
So argwohnlos, so gut! – betrogen dich zu sehn?
O! eben dies verdoppelt das Vergehn
Des Mannes, der, so nah an deinem Herzen,
Des schwarzen Anschlags fähig ist!
Der durch den Anschein sich verdient gemacht zu haben
Erst dein Vertrauen stiehlt, mit Gaben
Sich überschütten läßt, um, wenn du, keiner List
Gewärtig, bei verschloßnen Türen
Einst unbeschützt in seinen Händen bist,
Um so viel sicherer den Mörderstoß zu führen!«

Bei diesen Worten fährt dem Schach
Ein kalter Schauder übern Rücken;
Er sieht den falschen Freund mit Dolchen in den Blicken
Sich schleichen in sein Schlafgemach,
Und fühlt den Stahl schon zwischen seinen Rippen.
»Was ist zu tun«, ruft er mit blassen Lippen,
»Was rätst du mir?
Zwar, glauben kann ich's nicht – und doch besorg ich schier –
Wer kann ins Herz des Menschen schauen?
Dem Besten, wie du sagst, ist nicht zu viel zu trauen.
Ein Mensch kann sich verstellen, das ist klar;
Und Duban – ist ein Mensch! – Ich denke,
Das beste ist, wir machen ihm Geschenke,
Und schicken ihn zurück nach seinem Kandahar?«

»Zurück ihn schicken, und Geschenke
Noch oben drein? – Nein, Herr! (erwidert Rukh,
Der, wie er seinen Schach bereit sieht nachzugeben,
Nur einen einz'gen frischen Druck
Noch nötig hat) – Herr! läge nicht dein Leben
Hier auf dem Spiel, so sagt ich nichts dazu.
Doch, deine Sicherheit und deiner Völker Ruh
Zu wagen, bloß um einen Mann zu schonen,
Der, wie ich sicher weiß, dir nach dem Leben steht,
Und ihn dafür noch zu belohnen
Daß ihm sein Streich mißlang – das geht
Zu weit! Ein Übermaß von Güte
Wird Schwachheit, Herr! – Auch ich bin zum Verzeihn
Geneigt; doch dieses Mal müßt's ein Verräter sein,
Der deiner Hoheit nicht zum Weg der Strenge riete.«

»Was meinst du denn«, versetzt der teure Schach,
»Was ist zu tun?«

                            »Den Kopf ihm vor die Füße legen!«

»In diesem Stück«, spricht Lolo, »bin ich schwach,
Ich sag es frei: es sträubt sich was dagegen
In meinem Herzen« –

                                    »Wie? hat er nicht siebenfach
Den Tod verdient? Wenn's auch nur Argwohn wäre;
In solchen Fällen hat ein Sandkorn Zentnerschwere.
Ist etwa deine Sicherheit
Nicht wert mit eines Sklaven Leben
Erkauft zu sein? Es ist die höchste Zeit;
Die Stunde Frist, die wir ihm geben,
Kann deine letzte Stunde sein!«

                                                  »Wesir, ich gebe mich«,
Ruft der erschreckte Schach: »du siehst in solchen Dingen
Gewöhnlich richtiger als ich.
Befiehl ihn stracks herbei zu bringen!«

Mein Duban kommt mit ruhigem Gesicht,
Bückt nach Gebrauch sich an des Thrones Stufen,
Und steht erwartend da.

                                        »Kannst du erraten«, spricht
Der Schach zu ihm, »warum wir dich berufen?«
»Nein, Herr, das kann ich nicht.«
»So will ich dir's in wenig Worten sagen:
Es ist – den Kopf dir abzuschlagen.«

»Den Kopf mir abzuschlagen, Herr?
Wie? bist du nicht geheilt? Was hätt ich denn verbrochen?
Du scherzest, wie ich seh.«

                                            »Verkappter Luzifer,
Das hilft dir nichts! Dein Urteil ist gesprochen!
Wir kennen nun den Schalk, der dir im Busen steckt.
Verräter! Alles ist entdeckt:
Daß meine Feinde dich bestochen,
Daß du ein Bube bist – der bloß
Mein Arzt und trauter Freund geworden,
Um auf der Freundschaft sicherm Schoß
Mich desto sichrer zu ermorden!
Trug war auf deinem Mund, in deinem Herzen Mord!
Drum nieder auf die Knie, und nichts von leeren, kahlen
Entschuldigungen! Fort!
Dein Kopf soll mir dafür bezahlen!
Bind ihm die Augen zu, und nicht ein einzigs Wort!«

Der gute Duban steht als wie vom Blitz getroffen.
Er sieht daß ihm der Neid dies Wetter angeschürt.
Doch, wie entfliehn? Wo ist ein Ausweg offen?
Die Unschuld eben ist's was ihm den Kopf verliert.
Den Schach kennt er zu gut um viel von ihm zu hoffen.
Zum Unglück hat er den nur äußerlich kuriert;
Dem innern unheilbaren Schaden,
Dem hilft kein Schwitzen und kein Baden!
Das einz'ge was ihm bleibt, ist, auf Geratewohl
Des Sultans Menschlichkeit durch Flehen zu erregen.
Er tut's nach äußerstem Vermögen;
Allein das Herz, an das er schlägt, ist hohl,
Schach Lolo ist nicht zu bewegen.
»Itzt soll man sehn, ob ich so wankelmütig bin
Als wie die Leute immer sagen«,
Denkt Lolo bei sich selbst: »fast könnt ich ihn beklagen –
Allein ich halte fest.« – »Fort!« (ruft er) »kniee hin,
Du flehst umsonst!«

                                »Nun, bist du so entschlossen,
So werde denn unschuldig Blut vergossen!
Nur Eine Bitte, Herr, wollst eh ich sterben muß
Aus Königsmilde mir gewähren!
Gib eine Stunde nur mir Aufschub, heimzukehren,
Den Meinigen den letzten Abschiedskuß
Zu geben, und was ich verlassen muß,
Das wenige, noch unter sie zu teilen.
Es wird nicht lange mich verweilen.
Das meiste sind, ich muß gestehn,
Nur Bücher; aber die in guter Hand zu sehn,
Liegt mir nicht wenig
Am Herzen – Eins voraus, das man mit Recht den König
Der Bücher
nennt, und wert daß niemand als ein König
Sein Erbe sei.« – »Was ist denn dran
So Sonderlichs?« fragt Lolo. – »Großer Khan,
Es ist der Nachlaß eines Weisen,
Der über hundert Jahre dran
Gesammelt hat, die Frucht von großen Reisen
Und tiefem Forschen der Natur.
Das ganze Buch hat zwanzig Blätter nur;
Allein auf jedem Blatt den Schlüssel
Zu einem Wunderding. Zum Beispiel: im Moment,
Worin das Schwert mein Haupt vom Rumpfe trennt,
Werd es in eine goldne Schüssel,
Die auf dies Wunderbuch gestellt wird, aufgefaßt;
So wirst du, Herr, ein Wunder sehen,
Wie du noch keins gesehen hast.
Mein Blut wird plötzlich still in jeder Ader stehen.
Und in der Schüssel wird im gleichen Augenblick
Mein Kopf sich von sich selbst erheben,
Und dir auf jedes Fragestück
Laut und vernehmlich Antwort geben,
Das du, mein gnäd'ger Herr und Fürst,
Ihm aus dem achten Blatt des Buches vorzulegen
Fürstmildiglich geruhen wirst.«

»Das wäre!« ruft der Schach. »Nun, dieses Wunders wegen
Sei denn noch eine Stunde Frist
In Gnaden dir geschenkt! Die Wache soll zur Seiten
Ihm gehn, und ihn zurück begleiten;
Und daß er ja das Buch mir nicht vergißt!«

Mein Duban betet an zur Erde
Und wird hinweg geführt. Und überall
Bei Hof und in der Stadt erschallt des Günstlings Fall,
Und daß bei seinem Tod sich was ereignen werde,
Was noch kein Mensch gesehn. Der große Divanssaal
Wallt wie ein See von Menschen ohne Zahl,
Die alle vor Begierde brennen
Das große Wunder auch zu sehn;
Man hätte durch den Saal, so dichte wie sie stehn,
Auf lauter Köpfen gehen können.
(Um – nichts zu sehn
Läßt sich kein besser Mittel denken.)
Auch ist kein Herz, das nicht von Mitleid überfließt
Mit Dubans Fall, und doch in großen Ängsten ist,
Der Schach möcht ihm das Leben schenken.

Der Seiger schlägt. Mein Duban, wohl bewacht,
Wird mit dem Schlag herbei gebracht.
Die Wache macht ihm Platz. Die goldne Flügeltüre
Fährt auf; das ganze Vorgemach
Ergießt sich in den Saal; dann Emirn und Wesire,
Und dann ein Zwischenraum, und dann zuletzt der Schach,
Von Rukh, der diese Lust bereitet,
Und von dem Oberhaupt der Hämmlinge begleitet.
Der Schach besteigt den Thron, und Duban, züchtiglich
Doch ohne Furcht, tritt zwischen vier Trabanten,
Mit einem mächt'gen Folianten
Im Arme, hin zum Thron, bückt bis zur Erde sich,
Legt dann das Buch am Fuß des Thrones nieder,
Und wiederholt was er dem Schach davon
Bereits gesagt. Drauf wird zum Werk geschritten.
Ein scharlachrotes Tuch deckt mitten
Im Saal des Bodens goldne Pracht,
Der Kreis um Duban her wird räumiger gemacht,
Der Henker zückt das Werkzeug kalter Schrecken,
Und seitwärts steht ein Sklave mit dem Becken.

Der Duban war im Grund ein guter Tropf,
Und, minder um sich selbst den Kopf
Zu sparen, als dem Schach die Qual zu später Reue,
Kniet er noch einmal hin, und schwört ihm seine Treue
Und Unschuld, bittet, fleht sogar
Mit heißen Tränen. – Alles war
Umsonst! – »Dein Kopf, mein Freund, muß fliegen;
Und wär es auch nur ums Vergnügen
Zu hören, was er sagen kann
Wenn er herunter ist.« – »Nun gut, so sei es dann!«
Spricht Duban, löst gelassen seinen Kragen
Vom Halse, schließt die Augen als ein Mann,
Und – ritsch! ist ihm das Haupt herab geschlagen.

Das goldne Becken faßt, auf Dubans Buch gestellt,
Den Kopf, so wie er blutend fällt,
Im Fallen auf. Stracks hört er auf zu bluten,
Der Rumpf bleibt stehn als wär ihm nichts getan,
Und, gegen aller Welt Vermuten,
Hebt sich der Kopf und fängt zu reden an:
»Nun, Herr der Welt, wenn du's mit einer Frage
Versuchen willst, und hören was darauf
Ein Kopf zu sagen hat; so schlage
Das achte Blatt des Wunderbuches auf;
Auf dessen linker Seite stehn
Drei Fragen oder vier in großen goldnen Lettern.«

Schach Lolo spricht: »Wir wollen sehn!«
Man reicht das Buch ihm hin, und er beginnt zu blättern.
»Setzt«, ruft der Kopf, »wenn ihr so gut sein wollt,
Mich, während daß er sucht, auf meinen Rumpf, und bindet
Den Faden von gedrehtem Gold,
Den ihr in meiner Tasche findet,
Mir um den Hals.« –

                                  Der Sultan, um zu sehn
Was noch draus werden soll, läßt alles gern geschehn,
Und blättert, während man den goldnen Faden bindet,
Auf seinen Thron zurück gelehnt,
In Dubans Buch. Nun hatte Lolo, neben
Mehr Unmanieren, auch sich diese angewöhnt,
Daß er, so oft ein Blatt in einem Buch zu heben
Und umzuwenden war, bei jedem einzeln Blatt
Den Finger erst an seiner Zunge netzte,
Bevor er ans Papier ihn setzte.
Da nun die Blätter etwas glatt
Und klebrig waren, schien's hier um so mehr vonnöten.
So schlägt er nach und nach, den Finger stets am Mund,
Bis auf das achte um, beguckt es ernstlich rund
Herum, und ist gar mächtiglich betreten,
Zu sehen daß darauf nicht eine Silbe stund.

»Da ist ja nichts!« – »Nur ein paar Blätter weiter«,
Ruft Dubans Kopf, der nun ganz frei und heiter
Auf seinem Rumpfe stand: »ich habe mich am Blatt
Geirret, scheint's.«

                              Schach Lolo blättert weiter;
Doch, eh er drei noch umgeschlagen hat,
Ist schon das Gift, das er von jedem Blatt
Mit feuchtem Finger seiner Zungen
Unwissend mitgeteilt, ihm bis ins Herz gedrungen.
Ein wilder Schmerz fährt zuckend wie ein Blitz
Durch sein Gebein, ihm schwindelt's im Gehirne,
Und dunkel wird's um seine kalte Stirne.
Er stürzt herab vom goldnen Sitz,
Und liegt in Zuckungen, und ringet mit dem Tode.

»Wohlan« (ruft Dubans Kopf, der nun in seinen Rumpf
Sich wieder eingesenkt), »du nickende Pagode!
Am Herzen kalt, an Sinnen stumpf,
Hab's an dir selbst! Ich bin an deinem Tode
Unschuldiger als du. – Doch spotten deines Falls
Kann Duban nicht. – Als ich um meinen Hals
Zum letzten Male dir mit heißen Tränen flehte,
War's Menschlichkeit was mich dazu betrog:
Dein böser Dämon überwog;
Nun kommt die Reu – und die Moral zu späte.«

Bei diesem Wort entfuhr dem armen Schach
Der letzte Hauch; betäubt von Schrecken rannen
Die Emirn aus dem Saal, das Volk den Emirn nach,
Und Duban ging – mit seinem Kopf von dannen.








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