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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Recht und Besitz

Tuifl!« sagte der Pernegger, »jetzt wird's mir aber bald z'dumm,« und dabei schlug er mit der Faust in den Tisch hinein, daß die leeren Biergläser nur so tanzten und in den vollen Biergläsern das Bier, in dem Tintenfasse aber, das vor dem Diurnisten stand, die Tinte bedenklich zu schwappen anfing. Denn waren auch die Biergläser groß, und das Tintenfaß, das für den Diurnisten offenbar die Stelle eines Bierglases zu vertreten hatte, nicht minder, und war auch der Tisch, in den der Pernegger hineingehauen hatte, massig und fest, so waren sie doch alle nichts gegen die Faust des Pernegger und gegen den Pernegger selbst.

»Pernegger!« sagte der Bezirksrichter mit ernster Miene, »wenn wir auch jetzt hier im Wirtshaus sitzen, so darf der Pernegger doch nicht in den Tisch hineinhauen, denn die Wirtsstube ist jetzt eigentlich keine Wirtsstube, sondern ein Bureau, weil wir da gerichtlich verhandeln. Verstanden?«

»Werden schon entschuldigen, Herr Bezirksrichter,« sagte etwas kleinlaut der Pernegger, 118 »aber die Faust ist mir halt so aus'kommen, und wie soll i da nit schiach und fuchtig werd'n, wann mir der Herr Bezirksrichter selbst sagen, daß i es Recht hab' auf das Wasser, das in mein' Grund aufsteigt, und die G'schicht' do aso herschaut, als wann i den Handel verspiel'n sollt'?«

»Ja, mein lieber Pernegger,« sagte der Bezirksrichter, sich am Kopfe kratzend, just dort, wo einst ein üppiger Haarwald gestanden haben mochte, aber nun schon eine stattliche Lichtung sich dehnte, »mein lieber Pernegger, ich begreife ganz gut, daß Sie das nicht verstehen, und es wird eine harte Arbeit sein, das in Ihren Kopf hineinzubringen. Aber ich will es doch probieren. Also passen Sie gut auf!«

Der Pernegger setzte sich in Positur, das heißt, er beugte sich weit vor, die Arme noch ein gutes Stück auf dem Tische vorschiebend, und schaute mit halbgeöffnetem Munde unverwandt dem Bezirksrichter auf die Lippen, um ein jedes Wort, das dieser sagen würde, gleich zu erfassen.

Die gewaltigen Vorbereitungen, die Pernegger traf, machten den Bezirksrichter ein wenig verlegen, umsomehr, da er bisher fast nur in der Stadt gedient hatte und mit den Bauern, unter denen er jetzt seit kurzem als Chef eines kleinen, entlegenen Bezirksgerichtes residierte, schon darum keine rechte Fühlung gewinnen konnte, weil er um keinen Preis die hochdeutsche, fast etwas gezierte Sprechweise aufgeben wollte, die 119 er sich angewöhnt hatte, als er an einer kleinen deutschen Universitätsstadt Korpsstudent gewesen war.

»Eigentlich ist die Geschichte ganz einfach,« fing der Bezirksrichter an, nachdem er sich durch einen gewaltigen Schluck aus seinem Bierglase gestärkt hatte: »Sie, Pernegger, haben das Recht, aber der Bartelbauer« – dem Bartelbauer gab es einen Riß, als der Bezirksrichter seinen Namen nannte– »aber der Bartelbauer ist im Besitz

Der Bezirksrichter nahm wieder einen Schluck aus seinem Bierglas und schien der Meinung zu sein, daß er mit diesen zwei Sätzen die verheißene Aufklärung gegeben habe. Wenigstens tat er nichts weiter dergleichen, zog sich vielmehr eine frische Zigarre aus einer zierlichen Ledertasche heraus und schickte sich an, die Reihe der umständlichen Vorbereitungsmaßregeln zu treffen, die er der feierlichen Inbrandsetzung einer Zigarre vorangehen zu lassen pflegte.

Der Pernegger sah noch immer erwartungsvoll und gespannt auf des Bezirksrichters Lippen. Der Bezirksrichter zog ein Messerchen mit Perlmutterschale aus einem kleinen grauen Lederfutteral, schnitt sorgsam die Spitze der Zigarre ab und versenkte dann diese Spitze in ein graues Lederbeutelchen, das von lauter abgeschnittenen Zigarrenspitzen schon eine stattliche Rundung erhalten hatte. Der Pernegger schaute noch immer auf des Bezirksrichters Lippen. Der Bezirksrichter holte ein 120 silbernes Büchschen hervor, das außen mit seltsamen Linienzügen verziert war – sie stellten den Zirkel des Korps dar, bei dem einst der Bezirksrichter »aktiv« gewesen war – und dem Büchschen entnahm er ein Wachsholz und das Wachsholz streifte er ein- bis zweimal bedächtig an die gerippte Kante des Büchschens. Der Pernegger sah noch immer auf die Lippen des Bezirksrichters. Nun hatte das Wachsholz endlich krachend Feuer gefangen, der Bezirksrichter steckte die Zigarre in den Mund, nachdem er vorher das Deckblatt mit der Zunge etwas befeuchtet hatte, hielt die kleine Flamme vor die Zigarre und machte ein paar kräftige Züge, so daß schöne weiße Rauchwölkchen seinem Munde und der Zigarre entquollen. Und dann zog er wieder ein Etui aus seinem Sacke, und dem Etui entnahm er eine Meerschaumspitze, und während er die Zigarre aus dem Munde gab, um sie in die Spitze zu stecken, wandte er sich ganz unbefangen an die beiden prozessierenden Bauern mit der Frage: »Nun, Pernegger, nun, Bartel, was ist es, wollt Ihr Euch nicht ausgleichen?«

Der Pernegger hatte noch immer aufmerksam auf die Lippen des Bezirksrichters geschaut. Jetzt aber hob er verwundert den Kopf und dann sah er den Bartelbauer an und dann die anderen der Reihe nach und dann den Bezirksrichter. Der Bezirksrichter aber hatte inzwischen glücklich seine Zigarre in die Zigarrenspitze und 121 die Zigarrenspitze in den Mund gebracht und sich etwas in seinem Stuhl zurückgelegt, so daß er den fragenden Blick des Pernegger gar nicht bemerkte.

»I bitt',« sagte der Pernegger, »Herr Bezirksrichter haben doch g'sagt, Sie woll'n mir und in Bartel explizier'n, warum i Recht hab'n und do er g'wingen soll.«

»Gewiß!« sagte der Bezirksrichter. »Das habe ich Ihnen ja doch gerade erklärt.«

Und wieder sah der Pernegger der Reihe nach alle Anwesenden an, bis seine erstaunten Blicke endlich wieder auf dem Bezirksrichter haften blieben. »I bitt', die paar Wart'ln, die Herr Bezirksrichter da vorhin g'sagt hab'n, die hab' i nit verstand'n . . . Hast es leicht du verstand'n, Bartel?« Der Pernegger schaute hiebei den Bartel an.

»I hab' so viel verstand'n, daß i g'wing,« antwortete der Bartel, »und das is mir die Hauptsach', und d'rum gleich' i mi aa nit aus, außer du zahlst mir die Kösten, hörst es Grab'n auf und laßt es Wasser wieder rinnen, wie's g'runnen is.«

Der Pernegger sah wieder den Bezirksrichter an : »Da tat i halt do in Herrn Bezirksrichter schön bitten, daß er so guat war und die Güat'n hätt', mir die G'schicht' noamal zu verexplizier'n . . . aber anderst, als wia er g'rad g'sagt hat.«

122 »Da kann man nicht viel anders explizieren, mein lieber Freund,« sagte der Bezirksrichter. »Gewisse Dinge lassen sich einem Laien nicht erklären in der Jurisprudenz. Da muß man eben dazu studiert haben.«

Aber der Pernegger ließ sich nicht irre machen: »Ja, aber wann ans halt die Studi g'macht hat, so muß so ans do die G'schicht'n an', der die Studi nit g'macht hat, verexplizier'n können; denn zwö hätt' er denn nachher die Studi g'macht? Und was san denn nachher die Studi überhaupts, als daß aner, der die Sachna schon kennt und versteht, sie an' verexpliziert, der die Sachna no nit kennt und versteht?«

Obwohl der Bartel der Prozeßgegner des Pernegger war, konnte er doch nicht anders, als dem, was der Pernegger gesagt hatte, mit einer gemessenen Bewegung des Kopfes zustimmen. Und auch der Viehhändler, der am Nebentisch saß und schon die ganze Zeit mit so gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte, daß seine Ohren eigentlich schon mehr herüben saßen als drüben, auch dieser Viehhändler konnte nicht umhin, mit entschiedenem Nicken dem Pernegger recht zu geben. Es lief das zwar schon ein wenig gegen den Respekt, den ein Viehhändler einem Herrn Bezirksrichter stets zollen soll; aber eigentlich ging ja der Herr Bezirksrichter von Dingsda den Viehhändler von Dingsdort gar nichts weiter an, und der Herr Bezirksrichter hatte nichts als 123 eine schöne, junge Frau, von der der Viehhändler zum Überfluß noch nie etwas gehört oder gesehen hatte, der Pernegger aber hatte schöne junge Schweine und schöne junge Kälber und schöne junge Füllen und dicke ältere Schweine und Ochsen und Rösser, so groß und stattlich, als der Bezirksrichter sie kaum in der Stadt kennen gelernt hatte, und darum gab es mit dem Pernegger fast jedesmal einen Handel, so oft der Viehhändler durch die Gegend kam.

Aber wenn der Pernegger sein Publikum in der Wirtsstube, die jetzt zum Amtszimmer avanciert war, hinter sich hatte, fehlte es auch dem Bezirksrichter nicht ganz an Anhang. Wozu wäre auch jetzt schon der Diurnist dagewesen, der, aus seiner Pfeife qualmend, geduldig und bierlos vor seinem Tintenfaß saß und harrte, bis zum Schlusse der Verhandlung der Herr Bezirksrichter ihm das Protokoll diktieren werde! Ein grausames Schicksal hatte diesen Mann, der 1 fl. 20 kr. pro Tag erhielt, mit einem stattlichen, wohlgerundeten Körper und einem breiten, roten, sonnigen Antlitz versehen, so daß jeder, der ihn sah, eher meinen mochte, er habe einen üppigen Schwelger als einen armen Hungerleider vor sich. Und sein Antlitz wurde noch breiter und noch sonniger, als er jetzt die geliebte Pfeife, die ihm Trunk und Nahrung ersetzen mußte, aus dem Munde zog, und, seine Worte mit nachdrücklichen Bewegungen des Pfeifenspitzes unterstützend, dabei behäbig 124 lächelnd, wie wohl die obersten Zehntausend nach ihrem opulenten Mittagsmahle lächeln mögen, folgende Worte sprach: »Aber was glaubt denn der Pernegger, das ist ja dem Herrn Bezirksrichter nur a leicht's, all's so ausz'deutschen, daß aa engere Bauernschadeln es kapier'n müssen.«

Mit dem Ausdrucke der Befriedigung über seine mannhafte Hilfeleistung und mit dem Gefühl der Anwartschaft auf einen Krug Bieres, wie der frühere Herr Bezirksrichter ihn, auch ohne daß es erst solch besonderer Leistungen bedurft hätte, bei derartigen Kommissionen dem Diurnisten immer hatte anfahren lassen, sah jetzt der Diurnist vertrauensvoll den Herrn Bezirksrichter an, und da die dicke Wirtin, die eben eingetreten und unter der Tür stehen geblieben war, natürlich auch ehrerbietig ihre Blicke an dem Herrn Bezirksrichter haften ließ, hingen an dessen Angesicht jetzt wirklich aller Augen.

Der Bezirksrichter aber bemerkte den erwartungsvollen Blick seines Schriftführers und Kanzleidirektors – denn diese Funktionen versah bei ihm der Diurnist – offenbar gar nicht, jedenfalls nahm er keine Notiz von ihm. Eigentlich war er ärgerlich über den unberufenen Lobredner, denn jetzt war er bei seiner Ehre gepackt und bei seiner schwachen Seite noch dazu. Hatte er doch einmal die Absicht gehabt, ein Lehrer des Rechtes zu werden, und aus diesem Grunde auch eine jener deutschen Universitäten bezogen, die 125 seit Jahrhunderten als Hochschulen der Rechtsgelehrsamkeit gelten. Und waren auch diese hochfliegenden Pläne schon in ihren ersten Regungen daran zunichte geworden, daß die Kollegienstunden das einemal mit dem Frühschoppen, das anderemal mit dem Fechtboden, das drittemal mit irgendetwas anderem, das wichtiger war als sie, zusammenfielen, so war doch etwas von jenen stolzen Anfängen künftigen Professorentums zurückgeblieben: die Hochschätzung vor der Wissenschaft und die Meinung, all das Gewäsche über Recht und Besitz und dergleichen Themata, das den Rechtshörer zu Anfang seiner Laufbahn mit tödlicher Langweile und widerstrebendem Ekel, zum Schlusse aber mit eitler Befriedigung und selbstgefälligem Wohlgefallen erfüllt, sei Wissenschaft.

Der Bezirksrichter machte also zuerst noch zwei tüchtige Züge mit der Zigarre, und dann zwei tüchtige Züge aus dem Bierglase vor sich. Und da das Bierglas hiemit gerade leer geworden war und die dicke Wirtin gleich dienstfertig herbeigeeilt kam, als sie dieses wichtigen Umstandes gewahr geworden war, reichte ihr der Bezirksrichter das Glas großmütig zu neuer Füllung über die Achsel hinüber.

Jetzt oder nie, sagte sich der Diurnist und mit kühnem Anlauf erhob er die Stimme: »Dürft' ich auch um ein Krügerl bitten, Herr Bezirksrichter,« und gleichsam entschuldigend fügte er 126 hinzu: »weil's gar so viel haß is' heut', und morgen ist schon der letzte . . .« Schon wollte der Viehhändler der dicken Wirtin einen verstohlenen Wink geben, sie möge das verlangte Krügel nur bringen, er werde es schon zahlen, als der Herr Bezirksrichter noch rechtzeitig »natürlich, natürlich« sagte, wobei er allerdings, wohl um nicht zu dem Mißverständnisse Anlaß zu bieten, zweimal »natürlich« bedeute zwei Glas Bier, noch hinzufügte: »Bringen Sie nur dem Herrn dort ein Seidel auf meine Rechnung – – wir werden dann ja noch sehr viel zu schreiben haben.«

»Ja, also Pernegger,« wandte er sich jetzt, da die Schleusen der Beredsamkeit einmal in Bewegung gesetzt waren, an den Pernegger, der noch immer die Augen unverwandt auf ihn gerichtet hielt, »ja, also Pernegger, wie ich Ihnen schon gesagt habe, Sie haben das Recht, auf Ihrem Grund zu machen, was Sie wollen, aber der Bartel, oder sein Vater oder sein Knecht oder sonst wer, hat gerade am Rand von Ihrem Grund mit ein paar Läden eine Stauvorrichtung gemacht, und da kann der Bartel, wenn er den Schuber schließt, in dem Tump oben bei Ihnen mehr Wasser zusammenkommen lassen, und wenn er ihn dann wieder aufmacht, mehr Wasser auf einmal zu der kleinen Mühle herunterrinnen lassen, die er unten stehen hat und auf der er sein Korn mahlt.«

»Ja, i bitt', Herr Bezirksrichter,« sagte der 127 Pernegger, »das waß i ja eh, und deritweg'n hab' i eahm ja die Brödln mit'n Zaunriedl z'sammg'schlag'n, damit er ma das nimmer tuan kann und mei Wasser in Ruah laßt, daß 's ma nit das anemal steigt und meine Wies'n sauer macht und das andermal ausrinnt und mir nur a stinkate Lack'n z'ruckbleibt.«

»Nun, und das hat eben der Pernegger nicht tun dürfen,« sagte mit einer abschließenden Bewegung der Bezirksrichter.

Dem Pernegger aber schien die Sache noch gar nicht als zum Abschlusse fertig gestellt. »Ja, aber i bitt', warum hab' i das nit tun derfen? Mir hab'n do a Grundbuach, und in dem Grundbuach steht mein Grund drein und in Bartel sein Grund, aber von seine Brödln, und davon, daß er a Wasser von mir nehmen darf, steht nixi nit drein, und den frühern Herrn Bezirksrichter sein Vorgänger, was no selber es Grundbuach ang'legt hat, hat in Ahn'l g'sagt, er soll si kane grauen Haar' – no, damals wird er no so blondschädlat g'wesen sein wiar i – weg'n nix nit wachs'n lassen, was nit in Grundbuach steht. Und das hat mir der Ahn'l erst gestern b'stätigt. Und daß dem frühern Herrn Bezirksrichter sein Vorgänger ein sehr ein gescheiter und wohlwollender Mann gewesen ist, der auch sein Geschäft ganz gut verstanden hat – no, für dös san heut' ja no häufti Zeig'n da in der G'moa. Sag'nt eh, so ein' Herrn Bezirksrichter hat's weit und breit seitdem nimmer geb'n.«

128 »Mein lieber Pernegger,« sagte der Bezirksrichter sehr hoheitsvoll, »ich kann mich über diese Sachen mit Ihnen wahrlich nicht streiten. Das Recht ist eine schöne Sache und das Grundbuch ist auch eine schöne Sache. Aber der Besitz ist auch eine schöne Sache. Und wenn etwas eine gewisse Zeit lang gewesen ist, dann braucht es deshalb noch nicht zum Recht geworden zu sein, aber die Tatsache, daß es so ist, hat auch ihren Wert, und keiner, und sei es auch der Pernegger, darf das, was ist, eigenmächtig ändern.«

»Alstern, wann i recht versteh', Herr Bezirksrichter, braucht aner eppas, was nit in der Ordnung und nöt sein Recht is, nur a paarmal z'tain, und nacher is er scho aus'n Wasser aa, weil er's nacher weiter furt tuan derf.«

»Ja,« sagte der Bezirksrichter, »in einem gewissen Sinne ist das ganz richtig, denn der Besitz hat eben rechtliche Folgen und darum behaupten manche Rechtsgelehrte« – der Bezirksrichter blies beide Backen weit auf, als er diesen gelehrsamen Exkurs einschaltete – »daß der Besitz selbst ein Recht sei.«

»Na, schön,« sagte der Pernegger, »mir kann's aa recht sein. So pfeif' i halt auf mein Wasser. Aber Bartel, los' guat auf! Weil mir der Herr Bezirksrichter dös g'sagt hat, daß der B'sitz aa a Recht gibt oder a Recht is, wia der Herr Bezirksrichter sagt, daß 's G'studierte gibt, was aa sosag'n – so muaß der jetzt i schon aa was 129 verzöhl'n. Am vurig'n Sunnta san der Herr Bezirksrichter und die Frau Bezirksrichter und der Herr Oktar auf der Hahnbalz g'wön und hab'n ob'n in deiner Hütt'n am Troifer übernacht't, göl?«

»Freili,« sagte der Bartelbauer, »und vurvurig'n Sunnta do aa.«

»Und an iad'smal hast ihna du in Führer g'macht, und dein' Dirn, die Seph, hat aa mit Eng ob'n g'nacht't, weil s' all's zum Essen und Schlaf'n herg'richt't hat. Nit wahr?«

»Söll scho,« sagte der Bartel. Und dann fügte er hinzu: »No und?«

»No und dö zwa Nacht han i bei dein' Wei', der Bartlin, g'schlaf'n . . .« und da der Bartel in die Höhe fahren wollte, setzte er mit etwas erhobener Stimme dazu, »g'nau so, wia die sölb'n Nacht drob'n auf der Alm der Herr Bezirksrichter bei der Seph – no sie hat ma's ja selbm b'stand'n – und daweil, wias ma aa alser lachada derzählt hat, der Herr Oktar bei der Frau Bezirksrichterin g'schlaf'n hat.« Und da einen Augenblick alles betreten schwieg, resumierte der Pernegger ganz unbefangen: »No alstern, so san mir jetzt, der Herr Bezirksrichter, der Herr Oktar und i, mir drei san jetzt im B'sitz und künnan weiter tan, wia ma ang'hebt hab'n. Und der Herr Bezirksrichter kann in Herrn Oktar, und du, Bartel, kannst mir am Bugel steig'n. Weil mir am B'sitz san.« Dabei stand der Pernegger auf und griff in den Hosensack.

130 »Frau Feitzinger,« sagte er, und warf einen Silbergulden auf den Tisch, »das is für meine Zech', und was der Herr Schreiber da 'trunk'n hat und no trink'n wird, zahl' i aa, daß er nit bein Brodikohlschreib'n am End' die Tint'n aussauft. Und es Urtel kinnt's ma aft mit'n Deana schick'n, oder meinetweg'n aa in Ofen steck'n oder sunstwohin. Gut'n Tag, meine Herren. Servas Bartel!« Und dabei setzte er sein Hüterl auf und marschierte gelassen zur Stube hinaus, so gelassen, wie eben nur glückliche Besitzer zu schreiten pflegen.

Der erste aber, der sich drinnen von dem allgemeinen Schreck erholte, war der Diurnist: er hielt der dicken Wirtin das leere Seidelglas über die Achsel hin und sagte: »No a Bier, Frau Feitzinger, aber a Krügel.« 131

 

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