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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich und mein Bruder

Ich fuhr einmal im Sommer in dem Salzkammergute auf dem Rade von irgendwo irgendwohin. Ich fuhr in der »großen Ausrüstung«: schwere Bergschuhe mit »Scheanken«, kurze Lederhose, Buckelsack, der Bergstock mit einer sinnreichen Vorrichtung über die Achsel gehängt, wie ein berittener Ulan die Lanze trägt. An einem der Seen, an denen mein Weg vorbeiführte, stand gerade das Dampfschiff bereit zum Abfahren. Derartigen Winken des Schicksals pflege ich gerne zu folgen, und so schiffte ich mich samt meinem Gaule ein. Vielleicht hatte ich auch schon vom Ufer aus die hübsche Dame gesehen, deren Begleiter sich dann auf dem Schiffe als ein Herr erwies, den ich schon von früher her flüchtig kannte. Natürlich dauerte es nicht lange, bis die alte Bekanntschaft erneuert, die neue gemacht war.

An der anderen Seite des Sees wurde das Ehepaar, denn in so außerordentlich ehrbaren Beziehungen stand die junge Dame zu ihrem Begleiter, von zwei hübschen Mädchen erwartet, und so war es nur natürlich, daß ich meine Reise, 104 deren Ziel, wie ich schon angedeutet habe, nicht allzu fest gesteckt gewesen sein dürfte, nicht gleich fortsetzte, sondern daß ich zunächst einmal blieb – wo die anderen waren. Die Toiletteerfordernisse, die sich über den Rahmen der Schätze hinaus, die ein Rucksack zu bergen vermag, etwa ergeben, sind in einem solchen Falle an Ort und Stelle leicht zu beschaffen, für besondere Fälle aber hatte ich mir, um recht ungebunden herumschweifen zu können, ein ganz eigentümliches Verpflegs- und Montursystem eingeführt.

Zu Hause in meiner Wohnung stand eine Reihe von Postkartons, jeder schön gepackt und mit seiner Bezeichnung und Nummer versehen. Auf Nr. 3 z. B. stand »Segelsachen«. Wenn ich nun plötzlich irgendwo bleiben und segeln wollte, so telegraphierte ich nach Hause nur: »Nr. 3« und am anderen Morgen schon hatte ich meine Adjustierung als Segler. Zunächst hatte ich freilich keinen Anlaß, von dieser fürsorglichen Einrichtung Gebrauch zu machen. Gibt es doch eigentlich kaum etwas Eleganteres und jedenfalls nichts Bequemeres, als schwere Bergschuhe und eine leichte Lederhose. Und so verging eine Zeit und ich fuhr täglich »morgen« ab, was nebst anderen Vorteilen auch die Annehmlichkeit mit sich brachte, daß die Freuden jedes Tages zum Schlusse immer noch durch die Wonnen des Abschiedes von den beiden lieblichen Schwestern erhöht wurden.

105 Eines Tages aber überraschte mich der Direktor des kleinen Sommertheaters, in dessen Bannkreis ich mich befand, durch die Mitteilung, daß er mir in den allernächsten Tagen eine talentvolle junge Schauspielerin in einem meiner Stücke vorführen möchte. Nun sieht ein Theaterdirektor natürlich immer gern talentvolle junge Schauspielerinnen – und ein Autor immer gern seine Stücke.

Aber ich konnte doch gegen den Autor nicht so unhöflich sein, bei einer so feierlichen Gelegenheit, wie es die erste Aufführung eines seiner Stücke in irgendeinem Orte ist, mit nackten Knien und in Scheankenstiefeln zu paradieren. Ich telegraphierte also nach Hause: »Nr. 5«. Nr. 5, das war nämlich die Schachtel, auf welcher »Gigerl« stand, und schon am nächsten Morgen sah ich mich im Besitze feiner Batisthemden, blendend heller Sommeranzüge, lichtgelber Schuhe, eines leichten Florentinerhutes und eines zierlichen Stöckchens.

Natürlich aber ließ ich mich nicht verleiten, um dieser Schätze willen mich etwa sofort von meinem stilgerechten Gebirgsanzug zu trennen. Erst als ich vormittag den beiden jungen Mädchen begegnete, die in schwesterlicher Freundschaft gemeinsam vor der Schwimmschule angewandelt kamen, stieg ein schwarzer Gedanke in meiner Seele auf. Als wir genug herumgeplätschert hatten und auch der gemeinsame Heimweg zu 106 Ende war, wurde ich liebenswürdig gefragt: »Sie kommen doch nach Tisch wieder zu uns?«

Da verdüsterten sich meine Mienen und ich sagte: »Ja, das wird schwer sein.« Und nach einer kurzen, betretenen Pause fügte ich, gleichsam erläuternd, hinzu : »Ich erwarte nämlich heute meinen Bruder.«

»Nun, so bringen Sie Ihren Herrn Bruder doch mit,« sagte die eine Schwester, und : »Wir sind ja doch auch zwei,« die andere.

»Sehr liebenswürdig,« erwiderte ich, – »aber ich weiß nur nicht, mit welchem Zuge der Unglücksmensch ankommt.« Und dann dachte ich eine Weile nach und dann fiel mir eine Möglichkeit ein. »Höchstens so ginge es« – ich zog die Uhr heraus und rechnete mit dem Finger auf dem Zifferblatt herum – »ja, wenn ich ihm gleich telegraphiere, bekommt er noch das Telegramm; Sie müßten halt erlauben, daß ich ihn gleich zu Ihnen bestelle – aber ich weiß ja nicht, ob er nicht schon früher kommt, als ich kommen kann –«

»Gott, wir werden Ihrem Herrn Bruder nichts tun! So lange, bis Sie kommen, können Sie ihn unbesorgt bei uns lassen.«

Unser gemeinsamer Weg war zu Ende, ich dankte herzlich und empfahl mich. Um die Stunde ungefähr, um die ich gewöhnlich in dem schattigen Garten erschien, in dem ich zuerst immer eine der beiden Schwestern und dann, wenn die 107 andere der Tante die Zeitung vorgelesen hatte, in welcher etwas anstrengenden Nebenbeschäftigung sie kameradschaftlich Tag für Tag abwechselten, auch diese andere traf, schritt ich in meinem hellen Anzug, leicht mein Rohrstöckchen schwingend, die Steinstufen hinan, die in den Garten führten. Auf der Terrasse oben saß schon die Schwester, die gestern »Dienst« gehabt hatte und daher heute zuerst frei war. Zögernd blieb ich stehen, als ich die Dame erblickte. Sie war von ihrer Bank aufgestanden und hatte einen Schritt gegen mich zu gemacht, und dann war sie ebenfalls stehen geblieben. Höflich zog ich meinen Strohhut und etwas schüchtern fragte ich mit erhöhter Stimme und die Worte dehnend und leicht durch die Nase ziehend, wie ich es von einigen jungen Leuten, die mir besonders ekelhaft waren, gehört hatte: »Ich weiß nicht, ob ich hier recht bin – man hat mir . . .«

Sichtlich eben so verlegen, als ich es anscheinend war, sagte die junge Dame : »Ich glaube schon – Sie sind ja doch wohl Ihr Herr Bruder –«

»Natürlich,« erwiderte ich. »Das heißt nämlich, mein Bruder bin ich allerdings nicht – aber mein Bruder hat mir telegraphiert –«

»Wir wissen alles, Ihr Herr Bruder hat uns schon verständigt – er muß auch jeden Moment kommen. – Aber bitte doch Platz zu nehmen.« Die junge Dame führte mich zu einem runden 108 Tisch in einer Laube, an dem ich als meines Bruders Bruder schon öfter gesessen hatte. Ich setzte mich auf einen der um den Tisch stehenden Stühle und sie setzte sich neben mich. »Sie sehen aber Ihrem Herrn Bruder wirklich sehr ähnlich,« sagte nach einer kleinen Verlegenheitspause die junge Dame.

»Ja,« erwiderte mein Bruder. Und nach einer kleinen Pause fügte er leiser, wie unwillkürlich, hinzu: »Leider«.

»Warum leider?« fragte die junge Dame. Und da mein Bruder keine Antwort gab, sagte sie nochmals eindringlicher: »Warum leider? – Ich denke mir, das muß doch außerordentlich amüsant sein. Was für interessante Verwechslungen kann es da geben!«

»Ich danke Ihnen schön,« fiel mein Bruder rasch ein, »ich muß nicht von allem haben. Für meinen Bruder mag es ja vielleicht manchmal ganz amüsant gewesen sein. – Aber, wissen Sie, mit meinem Bruder verwechselt zu werden, ist oft ein sehr zweifelhaftes Vergnügen.« Dabei sprach er immer in dem erhöhten Tone weiter, in dem er eingesetzt hatte, alles recht langsam gedehnt und etwas durch die Nase gezogen.

»Das verstehe ich nicht vollständig,« sagte etwas betreten das junge Mädchen.

»Ach ja,« fuhr unbeirrt mein Bruder fort, »gegen junge Mädchen ist ja mein Bruder immer ganz nett. Aber wenn es Ihnen einmal ergangen 109 wäre, wie mir voriges Jahr in München, dann würden Sie es gleich weniger amüsant finden, ihm ähnlich zu sehen.«

»Ja, was war denn da?«

»Nun, er hat den Skandal gemacht – und ich bin dann arretiert worden. Nein, nein, einem Menschen, der solche Sachen macht, wie er, dem ähnlich zu sehen, ist wahrlich kein Vergnügen.

»Nun, zum Glück,« sagte die junge Dame mit einem leichten Lächeln, von dem man freilich nicht sicher sagen konnte, gegen welchen der beiden Brüder sich die Ironie richtete, die in ihm lag, »zum Glück kleiden Sie sich ja so verschieden, daß man Sie, im Sommer auf dem Lande wenigstens, kaum leicht verwechseln kann.«

»Gott sei Dank!« sagte mein Bruder mit Emphase. Und nach einer Weile fragte er, freilich wie einer, der gewiß weiß, wie die Antwort ausfällt: »Sagen Sie, er rennt wohl hier auch in seinem schmierigen Lodenrock und den übelriechenden Stiefeln und dieser grauenhaften Lederhose herum?« Und da die junge Dame etwas verlegen bejahte, fügte er hinzu: »Nun, mir kann's ja recht sein. Mich geht es ja nichts an. Ich brauche ja mit ihm nicht spazieren zu gehen. Und Sie lassen mich hoffentlich seine Marotten nicht entgelten.« Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Ich hasse diese Art, sich zu vernachlässigen, dieses Kokettieren mit den Gebräuchen und der Sprechweise von Bauern und Hausknechten, bei einem 110 gebildeten Menschen. Ich finde es rücksichtslos und beleidigend gegen die Menschen, mit denen man verkehrt.«

Gegen so kräftige Angriffe mit Erfolg anzukämpfen, fühlte sich die junge Dame allein offenbar zu schwach, und recht geben konnte sie meinem Bruder auch nicht leicht – denn wenn mir mein Bruder auch nicht sehr freundlich gesinnt zu sein schien, wo war die Garantie, daß er mir nicht wieder erzählte oder bei passender Gelegenheit geradezu vorhielt, was andere über mich sagten? So gab sie geschickt dem Gespräch eine andere Wendung und meinem Bruder Gelegenheit, in raschem Wechsel seine Ansichten über Ibsen und Tennisspielen, über Sezession und Antialkoholismus, über Wagner und Reformkleidung zu entwickeln, so daß der Arme schon in Verlegenheit war, wo er all den Unsinn hernehmen solle, den er vorbringen mußte, um sich recht in Widerspruch zu setzen mit den weisen Aussprüchen, die ich bereits über diese Themata gemacht hatte.

Aber endlich kommt der Zeitpunkt, wo auch die wißbegierigste Tante in der umfangreichsten Zeitung nichts mehr findet, was sie vorgelesen haben möchte. So kam auch der Augenblick, wo die zweite der Schwestern auf dem Plane erschien. Das Spiel der erstaunten Begrüßung erneuerte sich, die zweite junge Dame nahm an meines Bruders zweiter Seite Platz und bald wiederholten sich die alten Gespräche über meines Bruders 111 Bruder, nur daß jetzt, wo zwei gegenüber einem standen, zu meiner Genugtuung die vereinigten Schwestern lebhafter meine Partei ergriffen, ja, sich gelegentlich bis zu der Behauptung verstiegen, ich sei ein ganz netter Mensch; eine der Schwestern meinte sogar, ich sei jedenfalls viel netter als manche Leute, die meine Abwesenheit benützten, über mich Schlechtes zu reden und sich auf meine Kosten herauszustreichen, und die andere Schwester schloß sich, freilich etwas schüchterner, diesem Seitenangriff gegen meinen Bruder an.

»Ihr Bruder hat nie so über Sie gesprochen,« sagte sie, »wie Sie jetzt über ihn reden.«

»Er hat überhaupt nie von Ihnen geredet,« erklärte indigniert die andere, meinem Bruder einen etwas geringschätzigen Blick zuwerfend, der die Deutung zuließ, als hielte sie dieses Schweigen von mir für ein Zeichen besonderen Edelmutes.

Mein Bruder mochte einsehen, daß er sich doch zu weit vorgewagt hatte, und darum lenkte jetzt er in andere Bahnen ein, und in der Tat gelang es ihm bald, die guten Mädchen zu versöhnen, so daß sie schließlich ganz zutunlich mit ihm plauderten und mich offenbar ganz vergaßen – bis endlich doch mein Bruder sich meiner erinnerte.

»Aber wo bleibt denn mein Bruder heute nur!« rief er auf einmal unwillig aus. Auch die Schwestern konnten nicht umhin, mein langes Ausbleiben sonderbar zu finden.

112 »Weiß Gott, wo der Kerl wieder steckt,« meinte mein Bruder.

»Er ist sonst immer gleich nach Tisch gekommen,« sagte die eine. »Er hat doch bestimmt gesagt, daß er kommt,« die andere.

»Sagen Sie,« fragte da mein Bruder, sein Antlitz forschend in strenge Falten ziehend, »was macht er denn überhaupt so lange hier?«

»Ja, er ist halt dageblieben,« sagte unbefangen die eine Schwester.

»Dageblieben! Natürlich. Das wissen wir ja,« erwiderte mein Bruder. »Aber warum?«

»Gott, es gefällt ihm halt hier.«

»Ja, aber was macht er denn immer? Wir zerbrechen uns schon alle den Kopf.«

»Nun, wir fahren Rad, wir tun ein bissel bergkraxeln, er braut Bowlen, die wir dann zusammen trinken – –«

»Ja, das ist das einzige, was er ordentlich gelernt hat, Bowlen machen,« warf mißgünstig mein Bruder ein.

»– wir gehen spazieren, er sitzt bei uns hier im Garten – –«

»Ne, ne, ne,« widersprach energisch mein Bruder. »Wegen so was bleibt der nicht vierzehn Tage in solch einem Nest, wie das hier, sitzen. Den kenn' ich besser. Das hat einen anderen Haken.«

Die Schwestern zuckten die Achseln und blickten erstaunt und fragend zuerst einander und 113 dann den zweifelsüchtigen Bruder an. Doch der ließ sich nicht irre machen.

»Er hat offenbar hier eine Liebschaft angefangen. Das kenn' ich schon. Haben Sie nichts bemerkt?« Mein Bruder sah forschend die eine der Schwestern an. Und da er sie so ansah, wurde sie natürlich rot. Zuerst unten im Kinn, und dann stieg ihr die Röte langsam im Gesicht hinauf bis unter die Haarwurzeln. »Eine recht dumme Liebschaft,« wiederholte mein Bruder mit Nachdruck, sich zur andern Schwester wendend. Und da er sie auch ansah, als erwartete er von ihr etwa verräterische Mitteilungen über Wahrnehmungen, die sie in dieser Richtung irgendwie gemacht habe, wurde auch sie rot, nur daß bei ihr das Erröten in den Wangen begann und gleichmäßig nach beiden Richtungen sich ausdehnte. Die Schlußwirkung war aber dieselbe.

»Er ist ja doch den ganzen Tag mit uns,« sagte endlich die eine.

»Und wenn gerade die eine von uns nicht da ist, so ist er mit der andern,« ergänzte die andere.

Und nachdem ihr Erröten eben vergangen war, wurden sie auf einmal jetzt beide wieder rot.

Da ging mein Bruder etwas mit seiner Stimme herab und hörte auf, Hochdeutsch, gedehnt und durch die Nase zu sprechen, und indem ich meine Nachbarin rechts und meine Nachbarin links, die eine mit der linken, die andere mit der rechten 114 Hand, ungezwungen bei dem kleinen »Goderl« nahm, das in lieblicher Rundung sich unter dem Kinn angesetzt hatte, sagte ich in dem unverfälschten Dialekt, den man doch sprechen muß, wenn man daran denkt, daß man für gewöhnlich eine kurze Lederhose und Scheanken trägt: »Ihr seids aber doch zwei Mordstrotterln!«

Da blickten sie zuerst mich erstaunt und verständnisvoll an und dann noch verständnisvoller einander, und dann sagten sie beide zugleich, jede zur anderen: »Das ist aber gar nicht schön von dir, daß du auch . . .«

Und dann fingen sie herzlich zu lachen an. Aber ein klein bissel böse waren sie doch aufeinander. Einen Tag lang wenigstens. 115

 

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