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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Salzburger Peterkeller

Ich weiß nicht, wer den Weinkeller in dem Stifte St. Petri in Salzburg gegründet hat. Und das ist gut, daß ich es nicht weiß. Und ich weiß auch nicht, ob man weiß, wer ihn gegründet hat. Und das ist auch gut, daß ich das nicht weiß. So habe ich volle Freiheit, zum Gründer zu machen, wen ich will, und mir alles ganz nach meinem Belieben auszugestalten. Und wer etwas gemacht habe, das ist doch ganz gleichgiltig. Es kommt ja nur darauf an, von wem wir glauben, daß er es gemacht habe. Und ich habe auch schon meinen Mann, dem ich in der Vergangenheit diese Aufgabe zuweise.

Das ist nicht etwa Erzbischof Wolf Dietrich, der Enkel einer Medici, der Erbauer des Marstalls und des Lustschlosses Mirabell, der Liebhaber oder Gatte der reizenden Salome Alt, obwohl man ja einem solchen Manne immerhin so etwas schon zutrauen könnte. Mein Mann ist der heilige Virgilius, der das Pallium Ruperts inne hatte, bevor es noch von St. Peter getrennt worden ist, der Gründer des ersten Münsters in Salzburg, 92 der irische Priester, der mit dem heiligen Bonifazius den Streit über die Antipoden hatte, den Streit, den Papst Zacharias vergeblich zu schlichten versuchte. So ein Mann, der den Kirchenvätern zum Trotz schon zu des großen Karl Zeiten behauptete, daß auch »etliche Leute gegen uns mit den Füßen wären«, wie Johannes Turmair Aventinus in seiner Chronik sich ausdrückt, so ein Mann mag bei seinem Interesse für die Geheimnisse, die die Erde vor uns verbirgt, auch den Sinn gehabt haben für Anlage kühler Keller in der Tiefe der Erde und für den goldenen Trank, der die Bewohner der Erde schwanken macht, daß sie sich höflich gegen die Leute verneigen, die »gegen uns sind mit den Füßen«.

Ich saß unlängst im Peterkeller an der Nagelflue des Mönchsberges. Die Salzburger wollen jetzt einen zweiten Tunnel brechen durch den Berg. Zum Glück nicht dort, wo der Peterkeller ist. Dafür dort, wo der Friedhof liegt. Freilich, es sollen »nur« zwei oder drei der Arkadengräber zum Opfer fallen, das des Herrn Franz Thaddä Kleimayrn, »Präsidenten der Obersten Justizstelle«, der da »an der Seite seiner beiden Gattinnen« ruht, und noch ein paar! Aber wird nicht das ganze Bild des Friedhofes, der ganze Reiz seiner stillen Abgeschiedenheit durch solchen Vandalismus zerstört? Man hat ja auch den alten Peterkeller »geweißnet«, wie man es mit den Fresken im Millstätter Kreuzgang gemacht hat – 93 warum soll man nicht eine Straße durch den Friedhof von Sankt Peter führen?

Also ich saß im Peterkeller an der Nagelflue. Ich sitze gerne dort, auch als nüchterner Gast. Man sieht dort so vieles. Da sitzen ehrsame Bürger neben fahrendem Volk in kurzen Lederhosen, städtische Damen neben Dirndeln mit Kopftuch oder goldquastigem Lackhut, lustige Studenten und wieder Leute, denen man den Professor nicht erst an dem lehrhaften Ton anmerkt, mit dem sie alles vorbringen, sondern schon an den Augen, an der Nase, an der ganzen Haltung. Und dann die deutschen Touristen mit den Lodenröcken, zu denen das Modell ein unseliger Schneider nach den Vorschlägen eines noch unseligeren Zimmermanns gemacht hat: um die Mitte, wo ein stattliches Bäuchlein die Stelle der Taille markiert, eine Binde wie ein hölzerner Reifen, und senkrecht darauf und darunter durch, wie mit dem Lineal gemacht, zwei breite Streifen wie Latten. Und alte Weiblein, die ganz lustig werden beim Weine, und Liebesleute, die sich sentimentalisch in die Augen blicken – wenn sie es hiebei bewenden lassen.

Ich sitze gerne dort in der Kühle an der Nagelflue. Es fallen einem da so seltsame Dinge ein, die so selbstverständlich sind und an die man sonst doch gar nicht denkt. Zum Beispiel, wie sonderbar es ist, daß nicht zwei Menschen ganz das gleiche Gesicht haben, und es gibt doch 94 so viele Menschen. Oder daß alle Menschen, die da beisammen sitzen, über kurz oder lang sterben müssen, und daß dann gar bald von keinem mehr übrig ist, als ein Häuflein Knochen. Alle. Die Alten und die Jungen. Und die Häßlichen und die Schönen. Und die Unausstehlichen und die Netten. Und wenn man gut aufgelegt ist, so stimmt einen das so traurig, weil man ja dann an allen Menschen etwas Nettes findet. Und wenn man übler Laune ist, könnte einen das beinahe lustig machen, weil einem doch dann eigentlich alle Leute unausstehlich vorkommen. Und dann sagt man sich wohl gar, daß das der einzige Trost ist, daß alle anderen Menschen auch sterben müssen. Denn wie traurig wäre es doch, wenn man allein sterben müßte und alle anderen immer dablieben in der lachenden Welt?

Ich saß in einem Gewölbebogen an der Nagelflue. Ich war nicht allein, ich war mit meinem Schatz dort. Das heißt, eigentlich war mein Schatz ganz wo anders, weit, weit von mir. Aber darauf kommt es ja nicht an; wenn ich ihn nur in meinen Gedanken bei mir hatte. Und eigentlich ist mein Schatz gar nicht mein Schatz, wenigstens weiß er nicht, daß er mein Schatz ist. Aber wenn nur ich es weiß. Mein Schatz ist natürlich hübsch, und gescheit natürlich auch, und natürlich auch nett zu mir. Ich brauche etwas nur ganz leise in meinem Innersten zu wünschen, so tut sie es auch schon, dafür wünsche ich aber auch nie etwas von ihr, 95 von dem ich nicht ganz sicher weiß, daß es ihr recht ist. Sie ist ein liebes süßes Ding. Ihr könnt es mir glauben. Mein Schatz hat nur einen einzigen Fehler, daß er nämlich nicht existiert. Aber das ist doch ganz gleichgiltig. Das habe ich schon vor so langer Zeit aus dem alten Kant gelernt, daß ein Gegenstand dadurch, daß er existiert, keine einzige neue Eigenschaft bekommt: also muß es dasselbe sein, ob er existiert oder nicht. Für mich existiert mein Schatz übrigens, und ich bin zufrieden mit der Sache, wie sie ist, und sonst geht sie niemand etwas an.

Wir saßen traulich beisammen an der Schmalseite eines Tisches in der kühlen Bogenwölbung an der Nagelflue. Neben uns saß ein biederes Paar, Reisende. Er mit dem gewissen Lodenrock und einer feierlichen Miene, als hätte er ganz China und Marokko erobert, sie etwas gedrückt, wie es sich für die Gattin eines solchen Helden geziemt. Sie redeten nichts miteinander. Wozu auch? Sie hatten ihre dicken, goldenen Eheringe und waren offenbar schon Jahr und Tag verheiratet. Und jetzt während der Reise waren sie ja ohnehin den ganzen Tag beisammen. Und so ein Tag ist lang. Wenn man verheiratet ist wenigstens. Die andere Seite des Tisches war unbesetzt. Aber jetzt kam ein zweites Paar. Ein junger Bursch und ein Mädchen. Beide mit einem Rucksack. Er mit einem leichten Säckchen, sie mit einem größeren Schnerfer. Natürlich, 96 Weiberzeug nimmt doch mehr Raum ein. Sie blieb einen Augenblick stehen und spähte im Kreise herum, die besten Plätze zu wählen, dann ging sie entschlossen auf unseren Tisch zu. Ihr Begleiter folgte ihr. Sorgsam nahm sie ihm seinen Rucksack ab und legte ihn an eine geschützte Stelle in der Ecke, dann erst entledigte sie sich des ihren und setzte ihn zu dem andern. Und dann setzten sie sich selber.

Er war wohl ein Student und sie eine Lehrerin. Aber sie hatte so etwas, daß man sich unwillkürlich denken mußte, sie hätte auch mehr werden können als eine Lehrerin. Die Kleidung sehr einfach, aber es lag doch etwas darin. Nur der Hut zum Beispiel. Offenbar selbst gemacht. Solche Hüte kriegt man nicht zu kaufen. Was sie dazu verwendet hatte, das hatte gewiß nicht mehr als eine Mark gekostet. Eine alte Form, der sie mit ein paar kühnen Griffen eine ganz eigene, merkwürdige Gestalt gegeben hatte, und eine alte Blume darauf. Ein Nichts von einer Blume, wenn Ihr wollt. Aber wie sie darauf gesteckt war, das hättet Ihr sehen müssen. Mein Schatz, der sich auf solche Dinge versteht, riß die Augen nur so auf. Beschreiben kann ich es euch übrigens nicht, solche Dinge lassen sich nicht beschreiben.

Ihr fragt mich, wie alt sie war und ob sie hübsch war? Gott! Alt und hübsch, das sind so leere Redensarten. Ihm gefiel sie offenbar. Und uns, meinem Schatz und mir, gefiel sie auch, sonst 97 hätten wir sie ja doch nicht immer so angesehen. Die Gestalt war vielleicht etwas dürftig und die Nase ein wenig zu spitz in die Höhe strebend. Aber das sind ja nur kleine Äußerlichkeiten. Und dafür hatte sie Augen, die im raschen Wechsel ernst und freundlich blicken konnten und die, wenn sie mit Fürsorge und Stolz und etwas wie Freude am Besitz auf ihren Gefährten blickte, einen ganz seltsamen Glanz bekamen. Aber das Interessanteste war ihre Hand. Eine schmale, lange, vielleicht etwas zu magere Hand. Aber eine Hand, die von vielem erzählte, von langen Sehnsuchten und von traurigen Enttäuschungen, eine Hand, der man ansah, daß sie gesonnen war, mit festem Griff zu halten, was sie ernstlich erfaßt hatte, und mit aller Kraft zu behaupten.

Aber noch mehr als sie mußten wir ihn ansehen. Nicht etwa, daß er an sich etwas Besonderes in seiner Erscheinung gewesen wäre. Aber von ihm ging es aus wie ein Leuchten des Glückes und der Freude. Wohin er nur schaute, was er nur ansah, alles gefiel ihm, und alles vergoldete er mit dem Abglanz seines Wesens. Ich glaube, wenn eine Kellerassel vor ihm über den Tisch gekrochen wäre, hätte er gesagt: »Da schau her« – denn die zwei duzten sich natürlich – »da schau her, wie schön!« Man hatte ihnen einen bescheidenen Imbiß und zwei Stutzgläser Wein vorgesetzt und, da sie es ausdrücklich verlangt hatte, auch eine Flasche Wasser gebracht. Aber 98 zu dem Wasser nur ein Glas. Und so mußten sie das Wasser aus dem selben Glase trinken. Und das war wohl der Grund, daß sie beide so schrecklich viel Wasser tranken.

Der Abend sank, und sie mahnte zum Aufbruch. »Wir haben noch kein Quartier,« sagte sie. Der Ehemann an unserem Tische schmunzelte leicht und die Frau errötete etwas. Ich dachte mir, sie schämte sich wohl nur, daß der Mann geschmunzelt hatte und die zwei es etwa gemerkt haben könnten. Aber die merkten nichts. Sie hängte ihm, nachdem er die kleine Zeche gezahlt hatte, seinen Rucksack um, und dann schlüpfte sie rasch in die Riemen des ihren, und beide sagten uns artig »Guten Abend« und gingen lustig von dannen.

»Ein Liebespaar,« sagte der Ehemann, geringschätzig die Oberlippe verziehend. – »Warum?« fragte sie. – »Das sieht man doch!« – »Es kann doch ein Ehepaar sein,« meinte sie, »wenn sie auch keine Eheringe angesteckt haben.« – »Lächerlich!« Und da sie nichts mehr entgegnete, sagte er ärgerlich: »Nicht wegen der dummen Eheringe, die sie nicht haben! Aber du hast doch gesehen, wie sie immer gelacht und getuschelt haben, und wie zärtlich sie sich immer angeschaut haben!« – »Das kommt wohl bei Ehepaaren gar nicht vor?« entgegnete sie etwas spitz. – »Nein!« erwiderte er brutal, »auf Reisen schon gar nicht – außer in den ersten paar Tagen nach der 99 Hochzeit.« Und da sie wieder schwieg, fragte er mit einer gewissen Hartnäckigkeit: »Also was sollen sie sonst sein, wenn sie nicht ein Liebespaar sind?« – »Ach!« sagte sie gelangweilt, »laß mich in Ruh'!« und mit einem Anflug von Eigensinn setzte sie hinzu: »Sie können ja auch Geschwister sein!« – »Geschwister!« lachte er laut, »na hörst du, heut' bist du wieder einmal! Es ist nur, daß du etwas zum Streiten hast.« – »Gott,« sagte sie, »ich habe doch das Thema gar nicht aufs Tapet gebracht. Mir ist es nur, weil der Bursch so harmlos und so froh in die Welt hineinsieht. – Und ein Liebesverhältnis, das ist doch schon der Anfang vom Ende.« – – »Nun, und dann erst die Ehe?« fragte er höhnisch, »du hast ja früher gar gesagt, sie seien verheiratet?« – »Ach, das habe ich ja nur so gesagt! Natürlich sind sie nicht verheiratet.« – »Also gibst du zu, daß sie ein Liebespaar sind?« – »Ach ja, meinetwegen,« sagte sie leicht gähnend, »aber es ist so unmoralisch.«

Da wendete ich mich zu meinem Schatz und fragte ihn ganz leise: »Und was, mein liebes Kinderl, glaubst du?« Da sah sie mich mit ihren lieben Augen an und sagte, auch ganz leise: »Ich weiß schon, warum sie noch so glücklich sind.« Und da ich sie fragend anblickte, antwortete sie: »Weißt du, die haben sich halt auch nur inwendig lieb, so wie wir.« 101

 

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