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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die drei größten Erznarren der Welt

(«Etwas frei« nach Christian Weise)

In einer deutschen Stadt lebte einst ein Mann, schlicht und recht, und da er auf sein Hauswesen sorgsam achthatte, seine Geschäfte mit Rührigkeit und Besonnenheit besorgte, und der gute Gott auch seinen Segen dazu gegeben hatte, war sein Wohlstand immer mehr und mehr gewachsen, und wiewohl er mit seinem Ränzlein auf dem Rücken und drei Groschen im Sacke in die Stadt gekommen war, war er nach Jahr und Tag der reichste Mann daselbst. Da er einen ruhigen und genügsamen Sinn hatte, war er mit dem, was ihm Gott beschieden, zufrieden und zog sich langsam von seinen Geschäften ins Privatleben zurück mit dem Gedanken, sich dieses so angenehm zu machen wie möglich. Er beauftragte seine Baumeister, ihm ein schönes und bequemes Wohnhaus zu bauen, und nahm sich vor, seine Zeit in die Überwachung des Baues, die Verwaltung des Hauswesens und die Erziehung seiner Kinder zu teilen. Um diese hatte er sich nämlich bisher im Drange seiner Geschäfte nicht viel umzusehen vermocht, und so war sie fremden Leuten zugefallen: denn seine Frau hatte, 72 nachdem sie ihm – nach kurzen Zwischenräumen – das dritte Knäblein geboren, das Zeitliche gesegnet.

Aber der Mensch denkt, und Gott denkt auch, aber manchmal anders als der Mensch. Und so war es auch hier. Das große Haus war noch lange nicht fertig, und der gute Mann hatte des Baues wegen noch immer nicht Zeit gefunden, die Erziehung seiner drei inzwischen ziemlich herangewachsenen Söhne selbst in die Hand zu nehmen, da fand ihn eines Morgens die alte Haushälterin, da sie ihm die Morgenpfeife bringen wollte, tot in seinem Bett. Sie schickte noch schnell nach dem Arzt, aber der mußte zugeben, daß der Alte auch ohne seine Mitwirkung zu sterben vermocht hatte, und auch der Pfarrer, den man geholt hatte, meinte, wenn der alte Herr nicht von selber in den Himmel gekommen sei, woran er nicht zweifle, könne er ihm nun auch nicht mehr hineinhelfen.

Aber noch einer kam, nach dem niemand geschickt hatte, und das war der Notarius; der kam mit einer großen Brille und einer noch größeren Perücke, aber das Allergrößte, was er mitbrachte, war eine Pergamentrolle: die enthielt des Alten Testament. Darin hatte er seinen drei Söhnen vor Augen gestellt, wie er arm angefangen, und wie er es nur durch Eifer und Mäßigkeit, Ordnung und Sparsamkeit zum reichen Manne gebracht habe, und hatte sie eindringlichst 73 ermahnt, nicht abzuweichen von dem Wege, den er gewandelt sei. Das alles aber und vieles andere noch hörten die Jungen nur mit halbem Ohr, denn sie waren schon begierig, wie viel Goldfüchse ihnen der Alte wohl hinterlassen habe. Auch an den vielen frommen Stiftungen und Vermächtnissen für Waisen- und Krankenhäuser hatten sie keine sonderliche Freude und trösteten sich nur damit, daß ihnen noch immer ein hübsches Sümmchen bleiben werde. Und so war es auch. Denn alles andere hatte er seinen drei Söhnen vermacht, nur mit der Klausel, daß sie ein gemeinsames Wohnhaus, ganz nach seinen Angaben, bauen müssen und der Notarius so lange das Vermögen verwalten und ihnen nur das nach seinem Ermessen Nötige anweisen solle, bis sie den Bau nach den beigeschlossenen, genau ausgeführten Plänen würden vollendet haben. Das gefiel nun den drei Erben nicht sonderlich, denn sie hätten am liebsten gleich den goldenen Vögeln des Vaters die Flügel gelöst und sie in die weite Welt hinausgeschickt. Aber daran war nun einmal nichts zu ändern, und damit sie desto eher des Notarius ledig würden, betrieben sie mit größtem Eifer den Bau.

Und so kam es, daß das Haus bald unter Dach stand, und die Zimmerleute und Glaser und Schreiner und Maler waren auch flink bei der Hand, und in Jahresfrist war alles fertig, nur eine Zimmerwand war noch auszumalen, die in den 74 Plänen, an deren Reihenfolge man sich, um ja nichts zu übersehen, genau hielt, zuletzt kam. Und als sie auf die letzte Seite des Planes umblätterten, fanden sie auch ganz genau, was alles hinzumalen sei, und war's auch bald geschehen; nur mit dem Mittelfelde hatte es seinen Haken. In das Mittelfeld nämlich, so hieß es, seien die drei größten Erznarren der Welt hineinzumalen.

Freilich, wenn es nur auf die drei Jungen angekommen wäre, die hätten sich hierüber nicht lange den Kopf zerbrochen und waren bald unter sich handelseins, daß man den Bürgermeister, ihren alten Lehrer und den Pfarrer in das Feld malen sollte. Den Notarius hätten sie auch nicht ungern darinnen gesehen, aber sie mochten es mit ihm doch lieber nicht verscherzen. Da sie die Goldfüchse bald in Bewegung gesetzt wissen wollten, liefen sie mit ihrer Entdeckung stracks zum Notarius. Den nun hätte es zwar nicht übel erfreut, wenn man dem Bürgermeister, dem Pfarrer und dem Lehrer, denen er allen dreien nicht zu grün war, diesen Schabernack gespielt hätte. Allein er machte die drei Brüder aufmerksam, daß ihr Vorwitz sie leicht in böse Händel bringen könnte, und daß sie darum doch noch immer nicht in des Vaters Geldkiste würden langen dürfen, da nicht die drei ärgsten Narren der Stadt, sondern die der Welt auf die Wand zu malen seien. So wenig das erste die Brüder berührt hätte, umso mehr betrübte sie die zweite Eröffnung, und es verdroß 75 sie schon, daß sie den Notarius geschont hatten. Da sie nun sahen, daß es so nicht ginge, so faßten sie den raschen Entschluß, in die Welt hinauszuziehen, um die drei Narren zu suchen, zweifelten auch gar nicht, daß sie diese bald werden ausfindig gemacht haben, und nahmen sich gleich einen Maler mit, daß er sie sofort abmalen könnte. Als dies ruchbar wurde, da gab es manche, die den Alten früher wegen seiner sonderbaren Bestimmung für nicht ganz klug erklärt hatten, nun aber ihn doch wieder in Schutz nahmen und meinten, er habe seine Söhne nur veranlassen wollen, mit achtsamen Augen die Welt zu durchreisen, bevor ihnen die Verwaltung ihres Vermögens anvertraut würde.

Unsere drei Brüder trabten indes mit dem Maler lustig auf der Landstraße fort und sahen sich fleißig um, ob ihnen kein Narr begegne. Da kamen sie, als sie schon einen ganzen Tag unterwegs waren und noch nichts Erkleckliches entdeckt hatten, gen Abend zu einer Schenke, und da sie müde und hungrig und durstig waren, kehrten sie ein, ließen sich gut Essen und Trinken geben und bestellten ein Nachtlager für sich und den Maler, ließen dabei auch fleißig die Goldenen und Silbernen sehen, die ihnen der Notarius als Reisegeld mitgegeben hatte. Da sie ordentlich tafelten und in der Schänke Gäste, die viel sitzen ließen, nicht zu oft einkehren mochten, ließen es weder der Wirt noch auch die Wirtin, die eine 76 frische, dralle, junge Person war, an Aufmerksamkeiten fehlen. Ja, diese setzten sich schließlich zu unseren Reisenden an den Tisch, um sich das Woher und Wohin der Reise erzählen zu lassen, und was sonst die Fragen sind, die Wirtsleute gern an Reisende stellen. Die Befragten nahmen auch keinen Anstand, den bedeutsamen Zweck ihres Auszuges auseinanderzusetzen, und verschworen sich, da der reichlich genossene Wein schon zu wirken anfing, gar hoch und teuer, ehe drei Tage um seien, wollen sie die drei Narren, die sie brauchen, kennen. Weder der Wirt noch sein Ehegespons ließen sich aber ihr Erstaunen über die wunderlichen Reden der drei anmerken, und als im Laufe des Gespräches das Gefragtwerden auch an die Reihe der Wirtsleute kam, da ergab sich's, daß der Wirt, der die erste Jugend schon längst hinter sich hatte, und die Wirtin ein erst halbjähriges Ehepaar waren. Der Alte war ganz entzückt von seiner jungen Beiliegerin und freute sich recht herzlich, daß sie auch unseren drei Helden gefiel, benahm sich auch wohl hin und wieder mit ihr etwas zärtlich, ohne sich allzugroßen Zwang anzutun, und wurde, wenn die allerseits Bewunderte in häuslichen Geschäften die Stube verließ, und er sie nicht, was auch einmal vorkam, als sorgsamer Ehemann geleitete, nicht müde, sein Weibchen zu loben und insbesondere zu rühmen, wie gut sie ihm sei und welche unerreichte Tugend und Treue sie besitze. 77 Den jüngsten jedoch unter den Dreien, so sehr er dem sonstigen Lobe beistimmte, wollte es in seinem Inneren bedünken, daß der Wirtsfrau Treue nicht allzu fest sein könne, denn sie hatte ihm etlichemale gar sanfte Blicke zugeworfen, die nur unschwer zu mißdeuten waren. Und da sie ihn einmal wie von ohngefähr mit dem Fuße streifte und durchaus nicht ungehalten ward, als er den zarten Angriff zurückgab, da war sein Glaube an ihre Tugend und Treue ganz geschwunden. Zärtlich drückte er ihr unter dem Tisch die Hand, und sein Druck blieb nicht unerwidert. Und wie es zu gehen pflegt, daß im Schlechten bald einer schlau genug ist, so hatte der so in Anspruch Genommene, den die Wirtin das schönste Weib der Welt däuchte, bald Gelegenheit gefunden, ihr ein heimlich geschriebenes Zettelchen zuzustecken, in dem er sie gar flehentlich um eine Zusammenkunft bat. Und siehe, als die so mit Unrecht Gepriesene das nächstemal von einer kurzen Nachschau in der Küche zurückkehrte, da glitt auch schon in seine Hände eine Antwort. Sie war zwar nicht auf rosa Papier geschrieben, duftete auch von Schmalz und Speck und was man sonst in der Küche verwendet, aber ihn machte sie doch zum Glücklichsten, als er sie heimlich las. Auf dem Zettel stand lediglich, ihr Mann müsse sehr zeitlich ausfahren und schlafe diese Nacht nicht in ihrer Kammer, sondern bei den Pferden. Dem Beglückten schmeckte kein Bissen 78 und kein Tropfen mehr, und wirklich brachte er es durch sein Treiben zum Aufbruch dahin, daß die Gesellschaft sich bald in ihr Zimmer zurückzog. Kaum oben angelangt, konnte er es sich nicht versagen, seinen Brüdern, die schon bei Tische manchen der minniglichen Blicke aufgefangen und ihn um sein Glück im stillen beneidet hatten, den Zettel zu zeigen. Da waren sie alle einig darüber, daß man den größten Narren schon gefunden, denn der sei der Wirt, der die Treue seines Weibes so hoch preise, während sie einem wildfremden Menschen gleich ein Stelldichein in ihrer Kammer gewähre. Und sie beauftragten sofort den Maler, den Wirt am folgenden Tage für ihr Bild zu malen. Aber auch die Wirtin, meinten die zwei anderen, solle man dazufügen, die, da sie doch die Wahl unter zwei ganz anderen Burschen hätte haben können, ihre Augen auf einen geworfen habe, der einen Vergleich mit jenen nicht im entferntesten auszuhalten vermöge.

Dieser aber achtete nicht auf den Spott und konnte es kaum abwarten, bis alles im Hause dunkel ward und er zu seiner Schönen schleichen konnte. Er fand sie auch wirklich in der Kammer, deren Türe nur angelehnt war, schlang seinen Arm um sie und gab ihr einen feurigen Kuß. Aber gar kurz nur sollte sein Liebesglück währen. Denn in demselben Augenblicke hörte er die Tür knarren und spürte auch schon, wie sich eine 79 Faust, die einen Prügel schwang, auf seinem Rücken regte, und des Wirtes donnernde Stimme dröhnte in seinen Ohren. Die Wirtin aber schien vor Schreck alle Besinnung verloren zu haben, denn statt den Angegriffenen loszulassen, damit er sich wehren oder entrinnen könne, klammerte sie ihre Arme nur umso fester um seinen Hals, als wollte sie Schutz bei ihm suchen. Als die Brüder auf das jämmerliche Hilfegeschrei, das er ausstieß, herbeiliefen, da waren sie doch froh, daß nicht sie die Beglückten waren, und lösten mit vieler Mühe den arg zugerichteten aus des Wirtes Händen. Der aber hielt die Sache mit dem Prügeln noch nicht für abgetan und erklärte, er werde den Frevler gegen seine Hausehre vor Gericht bringen und seine Abstrafung verlangen. Weder gute Worte noch Drohungen verfingen etwas bei dem Wirte, dem sein Knecht, ein baumlanger Kerl, zu Hilfe gekommen war, und nur nach langen Vorstellungen willigte er gnädig darein, tausend Taler dafür anzunehmen, daß er die Sache auf sich beruhen lasse. Nur, wie er sagte, aus Rücksicht auf des Missetäters große Jugend steckte er endlich die tausend Taler in den Sack, und die Gesellschaft konnte nun ungehindert ihres Weges ziehen. Der Maler fragte zwar noch, ob er denn nicht vorerst noch den Wirt abmalen solle, die anderen aber, die über den Vorfall ihre eigenen Gedanken hatten, wollten hiervon nichts mehr wissen.

So zogen sie eine Zeit auf der Straße weiter, 80 und keiner machte ein sonderlich vergnügtes Gesicht. Insbesondere, als sie die Barschaft überzählten, die ihnen verblieben war, sahen sie sich sehr trübselig an, denn es war ihnen kaum mehr hinreichend Geld für zwei Tage geblieben. Und dem Notarius wollten sie doch nicht gleich um Geld schreiben, weil sie ja dann hätten bekennen müssen, wie schlecht ihnen die Ausforschung der Narren bekommen habe. Als daher ein Roßtäuscher des Weges kam, da boten sie ihm ihre vier Pferde an, und wenn er ihnen auch nur ein Dritteil des Wertes zahlen wollte, so waren sie doch bald handelseins, denn sie wußten kein anderes Mittel, zu Geld zu kommen. Sie stiegen daher von ihren Pferden, nahmen den Kaufpreis in Empfang und wanderten fürbaß auf der Straße weiter. Dies behagte aber keinem von ihnen sonderlich gut.

Insbesondere der Jüngste, dem die Prügel des Wirtes noch im Rücken saßen, fing bald jämmerlich zu fluchen an und erklärte schließlich, er könne nicht mehr weiter gehen. Da war es nun ein Glück, daß eben ein Postwagen die Straße fuhr; und da noch einige Plätze frei waren, erlegten sie das Fahrgeld und setzten sich auf. Bald stiegen einige der Mitfahrenden aus und andere wieder ein, und schließlich traf sich's, daß außer unseren Reisenden nur noch einer im Wagen fuhr; der war aber gar gesprächig und erzählte viel von seinen großen Reisen und zahlreichen Bekanntschaften, wodurch er sich ein gewisses 81 Ansehen zu geben wußte; als dies die anderen sahen, wollten sie's ihm ebenfalls nachtun, und als die Rede darauf kam, woher sie seien, da saß ihnen schon der Hochmutsteufel im Genick, und sie erzählten, sie seien drei Grafen und haben jeder drei große Grafschaften und reisen nur zu ihrem Vergnügen mit ihrem Hofmeister – dabei deuteten sie auf den Maler – ein bißchen im Postwagen, um sich die Welt besser anzusehen. Der andere aber tat gar erstaunt und war fürderhin sehr ehrerbietig und ließ nicht ab, sich ihrer Huld und Gewogenheit zu empfehlen. Sie verabsäumten auch nicht, ihn auf ihre Güter einzuladen, wenn er einmal in die Nähe käme, und er nahm dies mit großem Dank an. Unsere drei Helden unterhielten sich hierbei so gut, als wären sie das wirklich, wofür sie sich ausgaben, und je mehr sie logen, desto aufmerksamer lauschte der andere. Als er während einer kurzen Rast den Wagen verließ und erklärte, er habe nur einen Gang im Ort zu machen und werde auf einem viel kürzeren Fußsteig den Wagen bald wieder erreichen, da benutzten sie die Zeit, um sich weidlich über den Tropf lustig zu machen, der ihnen aufs Wort geglaubt habe und sich aufbinden ließ, drei Grafen, deren jeder drei Grafschaften besitze, werden in der Postkutsche fahren. Und es war nur eine Stimme, daß dieser ganz sicher einer der drei Erznarren sei, auch erhielt der Maler den Auftrag, ihn gut zu besehen, auf daß er ihn träfe.

82 Aber die Zeit verrann und als sie ein ziemliches Stück Weges gefahren waren und der Fremde noch immer nicht nachkam, da wunderten sie sich, und einer wollte seine Uhr aus der Tasche ziehen, um zu sehen, wieviel die Stunde schon sei. Aber wie erschrak er, als seine Tasche leer war; wie von einer unsichtbaren Feder bewegt, fuhren da auch die zwei anderen nach ihren Uhren – aber, o Jammer! Uhren, Ketten und, wie ein Griff in den Rocksack lehrte, auch Brieftaschen waren spurlos verschwunden. Da riefen sie dem Postillion zu, er möge doch auf ihren ausgestiegenen Reisegefährten warten, damit er nachkommen könne. Der Postillion aber wurde grob und fragte, ob man ihn zum Narren haben wolle? Der sei ja vor einer Stunde in Dingsdorf ausgestiegen, habe auch das Reisegeld nur bis dorthin erlegt und könne, wenn er noch so liefe, vor zwei Stunden nicht nachkommen. Dabei schnalzte er mit der Peitsche, und fort ging es wieder in starkem Trabe. Da sahen sie sich eine Weile sehr verdutzt an, und es sagte keiner ein Wort. Der Maler aber war der erste, der wieder zu sprechen anfing, und er bedauerte sehr, daß der Fremde nicht mehr zurückkomme und er so um seinen Narren gebracht sei; die anderen waren zwar seines Ausbleibens auch nicht froh, aber aus anderen Gründen.

Als nun der Wagen am Abend in eine Stadt einfuhr, da waren sie schlüssig geworden, 83 sofort dem Notarius um neue Gelder zu schreiben und inzwischen im Einkehrgasthofe seine Sendung abzuwarten, den Wirt aber davon, daß die Beutel leer seien, nichts merken zu lassen. Und so taten sie auch. Da ihnen aber die Beine vom Fahren steif geworden waren und ein sternenheller Abend war, kamen sie, nachdem sie sich kräftig in der Herberge gestärkt hatten, auf den Einfall, sich noch etwas die Stadt zu besehen. Sie waren noch nicht weit gegangen, da sahen sie eine wundersame Gestalt auf sich zukommen. Es war ein Student, der von der Kneipe heimging und nicht auf den nächsten Weg kapriziert zu sein schien, sonst wäre er nicht im Zickzack marschiert. Er war ein kleiner, dicker Knirps und steckte in Riesenstiefeln, und so klein seine Mütze war, so groß war sein Pfeifenrohr. Der Raufdegen aber an seiner Seite hätte einem, der zweimal so groß gewesen wäre, ganz stattlich gelassen. Als nun die Nachtwanderer den Kleinen sahen, da war ihre Heiterkeit sehr groß, ja, sie konnten nicht umhin, ihr freien Lauf zu lassen, und bedeuteten auch dem Maler, Pinsel und Palette hervorzuziehen und frisch darauf loszumalen. Besonders der älteste unter den Dreien, der ein ziemlich großer Bursche war, wußte sich vor Heiterkeit gar nicht zu fassen, so daß der Kleine bald merkte, man lache über ihn. Da er aber hierin keinen Scherz verstand, war er mit dem Ältesten bald einig, sie gingen in ein Seitengäßchen, zogen beide vom Leder 84 und droschen wacker aufeinander los. Der Kleine aber führte seine Klinge gar fürtrefflich und ehe sich's der andere versah, hatte er eins im Gesicht, daß ihm die Wange klaffte und das Blut nur so herabrann. Der Kleine steckte nun seinen Raufdegen wieder ein und verließ, während die anderen um den arg Zugerichteten beschäftigt waren, ruhig und siegesbewußt den Kampfplatz. War ihm auch bei der lustigen Keilerei der Rausch verflogen und er ging wohlgemut und ziemlich gerade von dannen. Der Verwundete wurde, so gut es ging, verbunden, und dann führten sie ihn heim und legten ihn ins Bett, vergaßen auch, den Maler dem Studenten nachzuschicken, daß er ihn um seine Adresse wegen des Porträts frage.

Zum Glück war die Schramme nicht tief und ließ sich ziemlich gut verpappen, und so konnte sich am folgenden Abend schon wieder die ganze Gesellschaft in die Wirtsstube hinabwagen. Es war daselbst ziemlich voll und ging hoch und laut her, daß ihnen bald das Staunen kam. Die Bürgerschaft lag nämlich mit dem Rate in beständigem Streite und war ihnen nichts recht, was dieser tat, und jeder hätte es besser verstanden. Der Schlosser zog gerade über die schlechte Verwaltung der Güter los, und der Schmied behauptete, der Notarius verstünde sein Amt nicht, dem Schneider hingegen gefiel die Stadtmiliz nicht, und der Handschuhmacher hatte an dem Marktverkehre gar vieles auszusetzen, während der Schuster sich 85 vermaß, wenn er Bürgermeister wäre, wollte er überhaupt alles ganz anders machen. Da blinzelten sich unsere drei Reisenden mit den Augen gar seltsam an und gaben dem Maler einen Stoß, der aber war verlegen, bei welchem er anfangen solle, und fiel ihm die Wahl sehr schwer. Die drei Brüder aber konnten ihren Spott nicht mehr zurückhalten und sagten: »Wie kommt es, daß ihr, die ihr doch nur Handwerker seid, über Dinge redet und wegen ihrer so heftigen Tadel waget, von denen ihr doch nichts wissen könnt? Wenn ihr, die ihr jetzt so klug redet, an der Stelle derer wäret, über die ihr schmäht, meint ihr, ihr würdet es besser machen? So jagt ihn davon, den Bürgermeister und den weisen Rat, wenn sie nichts taugen, und setzt euch an ihre Stelle, wenn ihr's soviel besser wißt!«

Als dies aber die anderen hörten, da riefen sie: »Wie? Wer sind die Fremdlinge, die es wagen, uns zu schelten, und reden, ohne gefragt zu sein?« Und sie fielen über sie her und droschen sie weidlich durch. Es waren aber auch zwei Häscher in der Schenke, die der Rat ausgesandt hatte, um die Gespräche der Bürger zu erforschen. Als diese nun hörten, wie die Fremden die Bürger aufforderten, Bürgermeister und weisen Rat davonzujagen, da schrien sie zum Fenster hinaus »Rebellion!« und die Scharwache, die gerade vorbeizog, drang herein, und ehe die drei recht wußten, was vorging, und von den erhaltenen Schlägen zur 86 Besinnung kommen konnten, waren sie schon samt dem Maler ergriffen. Da verlangte der Wirt noch vorher seine Zeche, sie aber mußten ihm gestehen, daß sie kein Geld haben. Nun war's ein Glück für sie, daß die Scharwache da war, denn der Wirt und die Gäste hätten sie zu Tode geprügelt. Mit Mühe gelang es den Häschern, ihnen die halb bewußtlosen zu entreißen und sie in den Turm in Sicherheit zu bringen.

Da lagen sie nun und winselten und stöhnten die ganze Nacht vor Schmerzen. »Wie?« sagten sie, »auf hohen Rossen, mit schwerem Gelde und gesunden Gliedern zogen wir in die freie Welt hinaus, um die drei ärgsten Narren zu suchen? Und nun sind wir ohne Geld und Pferde, zerschunden und zerschlagen, und liegen im Gefängnis, und wer weiß, was unser noch harrt?« So sagten sie; jeder aber dachte noch etwas, jedoch keiner sagte es. So lagen sie zwei Tage und zwei Nächte im Gefängnis. Und als der dritte Tag angebrochen war, da wurden sie aus dem Arrest geholt und vor den Bürgermeister geführt. Wie aber erstaunten sie, als sie daselbst auch den Notarius trafen, der freilich kein allzu freundliches Gesicht machte. Kaum nämlich, daß der ihren Brief erhalten hatte, war er sofort aufgebrochen, um sich zu überzeugen, was die drei eigentlich begonnen hätten. Das erste nun, was er erfuhr, war das jüngste Unglück der Gesuchten. Er verfügte sich sofort zum Bürgermeister, und da sich die zwei gut kannten, 87 der Bürgermeister auch die Sprichworte: »Heute mir, morgen dir«, »eine Hand wäscht die andere«, »haust du meinen Juden, hau' ich deinen Juden« wohl inne hatte, obgleich sie im corpus juris nicht vorkommen, versprach dieser, die Gesellen loszulassen. Und nachdem er ihnen eine scharfe Predigt gehalten, tat er auch so.

Als sie der Notarius nunmehr fragte, wohin sie weiter zu gehen gedächten, da antworteten die drei wie aus einem Munde, sie wollten nach Hause zurückkehren, und es ward dem Maler schon ängstlich, daß er in der Eile aus der letzten Wirtshausgesellschaft vielleicht nicht die drei Richtigen herausgefunden habe. Sie trösteten ihn aber, daß über die drei kein Zweifel mehr sei. Und als sie nach Hause gekommen waren, da stellten sie sich gegenüber der Wand auf und sagten dem Maler, er solle nur rasch sie selber in das leere Feld malen, denn wo immer sie welche getroffen hätten, die ihnen als große Erznarren vorgekommen seien, habe sich's stets herausgestellt, daß sie selber doch noch ärgere Narren gewesen waren.

Da ging dem Maler ein Licht auf, und er bedauerte nur, daß auf der Wand wegen der Enge des Raumes für einen vierten kein Platz bleibe. Er hätte gern den hineingemalt, der mit ausgezogen war, die drei größten Narren zu suchen und nicht daraufgekommen war, daß er in ihrer Gesellschaft reise. 89

 

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