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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Un sold'!

Un sold'!« sagte der kleine Benedetto, während er abwechselnd auf und neben dem Sträßchen, das von Monte Oliveto herab nach Asciano führt, lief und sprang, als fühlte er mit seinen nackten Füßen keinen Unterschied zwischen groben Steinen und weichem Wiesenboden. »Un sold'!« rief er immer wieder in gleichen Zwischenräumen mit bittendem Ausdruck der Mienen und der Stimme, unverwandt den Fremden anblickend, dem seine unverdrossene Bitte galt und dem zu Ehren er bald durch die Wiese, bald auf der Straße dahinglitt, je nachdem dieser seinen Weg nahm und er selber die eine oder die andere Hand bittend erhob. »Un sold'!« bettelte er unermüdlich, wenn auch der Arm, nachdem er ihn zu lange erhoben hatte, steif wurde und schmerzte; dann hob er eben die andere Hand und lief auf des Wanderers andere Seite, damit die Hand des Bittenden der Hand dessen, der geben sollte, recht eindringlich nahe sei.

Dieser aber blieb unempfindlich für alles. Er hatte nicht auf die Dinge geachtet, die Benedetto 54 ihm dienstbereit gewiesen hatte; er hatte sich um die Räder nicht gekümmert, die Benedetto vor seinen Augen geschlagen hatte, von den Händen auf die Füße und von den Füßen auf die Hände vor ihm dahinrollend, so geschmeidig, als wäre er ein Kautschukgeflecht, so offensichtlich empfindungslos, als wären seine Sohlen und Handflächen aus Leder gefertigt und mit Eisen beschlagen, so geschickt, als hätte er sein Leben lang sich nur im Radschlagen geübt, während er es erst vor kurzem von einem Jungen in Asciano unten gesehen hatte. Und Antwort gab der Fremde gar keine. Gleich zu Anfang, als er aus dem Tor des alten Klosterbaues, den der Staat in Beschlag genommen hatte, geschritten war, hatte er einmal das Haupt verneinend geschüttelt und ein kurzes entschiedenes »no« gesagt, und dann hatte er nur noch ein paar Worte gesprochen, an denen selbst Benedetto, der doch gewiß kein Schriftgelehrter war, gleich merkte, daß sie mühsam von einem zusammengestoppelt waren, der mit der Sprache des Landes nicht ganz vertraut war. »Non molestarmi,« hatte er gesagt, »io non do mai qualcosa a ragazzi, che mi disturbano.« Und dann war er weiter gegangen, ohne mehr einen Blick auf Benedetto zu werfen oder sonst irgendwie Notiz von ihm zu nehmen.

So leicht gab aber Benedetto seine Sache nicht auf. Er war auf einem der Höfe da aufgewachsen, die fernab der Straße liegen; da hütete 55 er die Schafe und trieb sie das eine Mal den Berg hinauf, das andere Mal den Berg hinab, wie das Wetter und die Jahreszeit waren. In die Nähe der Straße aber, auf der die Wagen mit Fremden fuhren oder wohl gar Wanderer zu Fuße zogen, die es verlangte, die Bilder der Lebensgeschichte seines Namenspatrons in dem Hofe des ehemaligen Benediktinerklosters zu besichtigen, die Signorelli und Sodoma dort auf die Wände gepinselt hatten, in die Nähe dieser Straße kam er nur selten; denn fernab lagen seine Weidegründe. Weit von der Straße, schon auf der anderen Seite des Berges; und noch weiter ab von dem Karrenwege, den der Fremde ohne Zögern eingeschlagen hatte, wo das Sträßlein von der Straße abzweigte, sicher wie einer, der alle Abkürzungen genau kennt, so sicher, daß Benedetto nicht einmal Beachtung fand, als er auf die schlechte Art des Weges hinwies und sich hilfsbereit als Führer anbot.

Nur selten kam Benedetto da herüber und doch kannte er fast jeden Stein und jede Bodenfurche, denn dafür hatte sich sein Auge und sein Sinn geschärft, seit er mit den Schafen an derlei Hängen herumzog, und ein paarmal war er doch herübergekommen, schon bevor er den Vetter unten in Asciano besucht hatte. Und da unten in Asciano, da war ihm dieser Weg, den er jetzt dem Fremden zur Seite trabte, sogar Gegenstand stiller Sehnsucht geworden, und aufmerksam war 56 seitdem immer sein Auge jeder Windung, jeder Bodenwelle gefolgt.

Im Auftrage seines Brotherrn, dem die Schafe gehörten, die er hütete, war er zu dem schon ziemlich bejahrten Verwandten in Asciano hinabgegangen, damit dieser sein nicht ganz vergäße, wenn er auf die ewige Weide müßte. Der Vetter war nicht nur alt, sondern hatte auch ein kleines Häuschen und etwas Geld und keine anderen Verwandten; und Benedetto besaß nichts als die alten Lumpen, die er am Leibe trug, und hatte niemand, der für ihn gesorgt hätte, wenn ihm nicht auf dem Hofe, auf dem er geboren war (bei welcher Gelegenheit die Mutter, die dort als Magd gedient hatte, gestorben war), der Pächter kärglichen Unterhalt und Unterstand gegeben hätte, soweit eben Benedetto, seit er dafür die Schafe hütete, überhaupt noch eines Unterstandes bedurfte. Vor wenigen Monaten erst war Benedetto beim Vetter in Asciano gewesen, ihm die Verwandtschaft in Erinnerung zu bringen, aber der hatte von der Verwandtschaft nichts wissen wollen und bloß so etwas von Vätern dahergeredet, die ihren eigenen Kindern nur die notwendigste Nahrung und den Unterstand, und auch das nur dafür gäben, daß diese ihnen die Schafe hüteten. Was aber Benedetto beim Vetter als Verköstigung fand, ging auch nicht über das zur Erhaltung des Lebens Nötigste hinaus, und da schaute er, daß er bald wieder zu seinem »Lohnherrn«, von dem er keinen 57 Lohn erhielt, auf den Berg kam. Umsomehr, als ihn auf einmal eine mächtige Sehnsucht nach der Straße erfaßt hatte, die auf ihn hinaufführte.

Bei dem alten Brunnen auf der Piazza in Asciano, zu dem alle die Fremden hinkamen, ihn aufmerksam zu betrachten, hatte er einige Burschen seines Alters kennen gelernt, die dort herumlungerten und von den Fremden einige Münzen zu erhalten suchten und gelegentlich auch erhielten, welche sie dann in verschiedenen Anschaffungen vertaten. Da gab es allerlei Dinge in Asciano, die zu erstehen waren, und in dem Laden einer alten Frau gar rote Zuckerpfeifchen, zu einem Soldo das Stück. Und so ein Zuckerpfeifchen hätte Benedetto für sein Leben gern einmal gekostet, und darum hatte er es auch versucht, sich an einen Fremden, der zum Brunnen kam, anzudrängen, wie er es von den anderen Knaben gesehen, und ihn um einen Sold' zu bitten. Da waren aber gleich die anderen über ihn hergefallen und hatten ihn windelweich geprügelt. »Was?« hatte der eine gesagt, »der Benedetto will uns die Soldi der Inglesi und Tedeschi nehmen?« – »Bleib' du oben auf deinem Monte Oliveto und such' dir dorten deine Soldi bei den Fremden!« hatte ein anderer gerufen. »Untersteh' dich!« ein dritter; »da sind, sobald für die Fremden die Zeit kommt, auf den Oliveto zu fahren, mein Bruder und andere Buben von Asciano oben, die werden dich bald weg haben, wenn du dort deine Künste versuchen willst.«

58 Da hatte er sich, nachdem er die Püffe bekommen, weggeschlichen, und nun hatte er immer nachgedacht, ob bald die Zeit käme für die Fremden, und war auch ein paarmal herübergelaufen von seinen Schafen, die er ruhig einige Stunden allein lassen konnte, und hatte sich ausstudiert, wie sich das machen ließe, daß er an die Fremden komme und doch nicht an die Buben von Asciano, die auf der Straße auf jene lauerten, wenn die Zeit für jene und für sie gekommen war. Und da war ihm das Sträßlein in den Sinn gekommen, das in großem Bogen die Straße abschnitt und gleich direkt zu Tal führte, ein Sträßlein, so steil und holperig und elend, daß sicher keine Wagen mit Fremden dort fuhren und keine Buben aus Asciano auf die Wagen mit den Fremden lauerten. Aber es kamen ja gewiß auch Fußgänger den Berg herauf, und von denen mußten doch auch Soldi herauszukriegen sein. Denn einen Soldo wollte er haben, weil er auch ein solches Zuckerpfeiflein kosten wollte, wie jener rothaarige Bursche eines genascht hatte, von dem er am meisten verhauen worden war.

Und am ersten schönen Tag war er herübergelaufen; aber von Wagen und Fremden sah man noch nichts. Und auch von Buben, die auf Soldi warteten, nichts. Da strich er beherzt bis zum Kloster hinauf. Einmal war er ohnedies schon oben gewesen, weil er vom Padrone eine Post auszurichten hatte, und da hatte er staunend 59 den großen Klosterhof und die schönen Bilder an dessen Wänden gesehen, und ein Mann hatte ihm gar erklärt, was die Bilder, die vom heiligen Benedetto handelten, vorstellten und von wem sie seien. Und das hatte er sich gar wohl gemerkt, weil er ja selbst Benedetto hieß. Und da dachte er sich jetzt, wie schön das wäre, wenn er einem Fremden, der heraufstiege, gleich von den Bildern erzählen könnte, die er sehen werde.

Und jetzt erblickte er auf einmal einen Fremden, der gerade aus dem Tore trat. Benedetto verschlug es fast die Rede vor Aufregung und Hast, als er seiner so plötzlich ansichtig wurde, und er hätte im Augenblick gar nichts herausbringen können über die Bilder, die ja übrigens der Fremde sicher schon selbst gesehen hatte, und er hatte zunächst nur einen Gedanken und ein Wort: »Un sold'!« Aber der Fremde war zähe. Und alle Bitten und Künste Benedettos blieben umsonst. Und der Fremde hätte eigentlich doch ihm gehört und nicht den Buben, die zum Überfluß heute nicht einmal da waren auf ihren Posten. Ihm gehört! Denn der Fremde war zu Fuß, und als das Sträßlein abzweigte, das Benedetto sich als sein Gebiet ersehen hatte, war der Fremde richtig dessen Zuge gefolgt. Ihm hatte den Fremden die Madonna gesandt, daß er auch seinen Soldo erhielte, wenn ihm den auch die anderen Knaben nicht gönnen wollten; und er hatte sich seinen 60 Soldo redlich verdient, denn es war kein kleines Stück, das er da herübergelaufen war von der anderen Seite des Berges und seinen Schafen.

Und nun brachte der Fremde ihn um das, was ihm gehörte, und der Mann sah gar nicht danach aus, als wäre es ihm auf den einen Soldo angekommen für einen Knaben, der barfuß neben ihm lief. Bitterkeit und Ingrimm erfaßten Benedetto und fast etwas Tückisches leuchtete in seinen Blicken, die sonst so gutmütig, fast traurig dreinsahen, auf, da er den Fremden nun von der Seite anschaute, seine Bitte nochmals eindringlich erneuernd. Aber das war umsonst. Unbekümmert um Benedetto schritt der Fremde talab. Ja, wenn die Fremden so waren, dann war es kein Wunder, wenn die Leute gelegentlich einen erschlugen und ihm seine Soldi und Silber und Gold, und was er sonst bei sich trug, wegnahmen. Von der Art war wohl auch der Fremde gewesen, den man, wie Benedetto von Padrone gehört hatte, einmal vor vielen Jahren hier auf dem Berge mit einem Messerstich im Herzen und bis auf einige Kupfermünzen ausgeraubt gefunden hatte. Aber der Mörder hatte es dumm gemacht. Er hatte mit dem Gelde großgetan und gleich eine größere Note in Asciano unten umgewechselt. Da hatten ihn aber die Karabinieri bald beim Kragen und als er leugnete, verglich man das Maß der Wunde mit dem seines Messers, und die stimmten so genau, daß seine Schuld klar zutage lag.

61 Nein, so dumm würde Benedetto nicht sein. Er würde nur nehmen, was ihm gehört, nur seinen Soldo. Und wenn er auch ein Messer hatte, mit dem er sein Brot schnitt, mit dem Messer würde er den Fremden nicht anfallen, daß die Wunde nicht sein Messer und ihn verriete.

Was aber könnte er sonst machen? Am liebsten hätte er diesem elenden Hund, der ihm seinen Soldo nicht gab, der jetzt sogar spöttisch zu grinsen schien, da Benedetto nochmals bittend seinen Versuch aufnahm, und der eine unwillige Bewegung machte, wie Benedetto bei seinem »Un sold'!« ihn mit dem zur Bitte erhobenen Arm streifte, mit dieser seiner zur Seite geschobenen Hand erwürgt. Aber wenn Benedetto auch stark war für sein Alter, dazu hätte seine Kraft doch nicht ausgereicht und der Fremde hätte ihn wohl gar den Berg hinabzustoßen vermocht. Da fiel Benedetto eines der Bilder im Kloster oben ein. Da stürzte der Teufel einen eine Mauer hinab, und wenn der nicht gestorben war davon, war es nur, weil der heilige Benedikt ihn wieder zum Leben zurückgerufen hatte. Denn erschlagen war er schon von der mitgefallenen Mauer. Den Benedetto würde sein Schutzpatron wohl nicht retten, denn der schien sich überhaupt nicht viel zu kümmern um ihn. Warum aber mußte der Fremde denn ihn hinabwerfen? Konnte nicht er den Fremden in plötzlichem Ansprung hinabschleudern, irgendwo, wo es recht steil war?

62 Da hob sich plötzlich vor seinen Augen eine Stelle, wo ein Seitenweg, der wieder von dem Seitenweg abzweigte, auf einigen Holzprügeln über ein tief ausgewaschenes Rinnsal an einem steil abfallenden Felsen vorbeiführte. Ja, wenn der Fremde diese Abkürzung kannte und einschlug! Er konnte sie ihm ja zeigen, falls er sie nicht kannte. Nein! Dann würde der Fremde gewiß nicht dort gehen, schon um Benedetto nur ja keinen Soldo für sein Weisen des Weges geben zu müssen. Aber vorauseilen konnte er auf ihrem jetzigen Weg, so als hätte er sein Bitten aufgegeben, und dann, wenn er dem Fremden aus dem Auge war, hinabrennen zu dem lockeren Steg; sich dort auf der anderen Seite des jetzt trockenen Wildbaches unter dem Felsen, wo er überhing, verstecken und auf den Fremden harren, ob er nicht etwa diesen Weg nähme! Und wenn der Fremde käme, und wenn er den Steig betrat – dann brauchte Benedetto nur die vermorschten Prügel des Steges zu heben, zu drehen oder hinabzustoßen und der Fremde lag mit ihnen unten auf den Steinen, und dafür, daß er genug hatte, sollten wohl einige andere Steine sorgen, die Benedetto noch rasch vorher auf den Steg legen oder dann hinabschleudern wollte. Denn mit so einem Steine konnte er sich wohl trauen, sein Ziel zu treffen, der Benedetto; und dazu, ein paar tüchtige Steine von oben hinabzuwerfen, dazu reichte schon seine Kraft.

63 Und schon flog er, im Umherblicken sich überzeugend, daß niemand weit und breit zu sehen sei, das Sträßlein dahin und jetzt den Berg hinab; und dabei betete er zu seinem Schutzpatron und zur Madonna, daß sie ihm den Fremden schicken mögen. Und da war Benedetto auch schon unter dem Abhang vor dem Steg, und kaum blieb ihm Zeit, sich zu vergewissern, daß sich die Prügel des Steges wirklich leicht heben und hinabstoßen ließen, und sich, zitternd vor gespannter Erregung, jenseits des Steges zu verbergen – als er auch schon von der anderen Seite her die Schritte des Fremden hörte. Also die Madonna oder der heilige Benedikt oder beide hatten ihn doch auf diesen Weg gelenkt.

Nun galt es, atemlos lauschen in seinem Versteck, von dem aus ja er den Fremden so wenig sehen konnte als dieser ihn zu gewahren vermochte, atemlos lauschen auf die sich nahenden Schritte, daß er es gleich hörte, wenn der Fremde den Fuß auf den Steg setzte, und daß er bei dem nächsten Schritt, der laut werde, rasch vorstürzen und die Balken in die Höhe reißen und samt dem Fremden hinabschleudern könne – alles so schnell, daß der andere nicht Zeit hatte, noch zurückzuspringen und schon unten lag, bevor er zur Besinnung kam.

Da – was war das? Die Schritte, die ganz nahe gekommen waren, hielten auf einmal inne. Wollte der Fremde umkehren und doch den anderen 64 Weg nehmen? Nein, das konnten San Benedetto und die Madonna nicht zulassen, denn ihm hatte ihn die Madonna gesandt, nicht den Jungen unten beim Brunnen von Asciano.

Aber der Fremde mochte sich wohl nur etwas am Schuhzeug geordnet haben, denn wieder erklang sein Schritt und näher und näher kamen die nächsten, und jetzt ertönte der erste, der mit dem Nägelbeschlag das locker hin und her klappernde Holz des leichten Steges traf, und jetzt der zweite – und im nächsten Augenblick polterten die Hölzer die kleine Felswand hinab und der Fremde mit ihnen.

Er hatte sich offenbar nicht einmal viel getan, denn taumelnd erhob er sich gleich und wollte nach einem Holzstück greifen, das sich querüber gespreizt hatte. Aber schon traf ihn der erste Stein, den Benedetto nach ihm geschleudert hatte. Genau auf den Kopf. Und ein zweiter ebenso. Und jetzt kam ein noch größerer, den Benedetto nicht geworfen, sondern auf den Fremden hinabgewälzt hatte, nachdem dieser, als der zweite ihn traf, wieder hingestürzt war. Und dieser dritte fiel ihm gerade auf die Brust; und war ihm früher schon Blut vom Kopfe geronnen, so brach jetzt ein häßlicher Blutstrom aus seinem Munde. Und nun folgten noch Steine auf Steine. Bei dem ersten zuckte der Körper noch, bei dem zweiten blieb er schon ganz ruhig. Er lag in einer Lache Blutes und rührte sich nicht.

65 Nun sprang Benedetto rasch hinab. Ein Blick zeigte ihm, daß da kein Wiedererwachen mehr zu besorgen war; selbst der heilige Benedikt hätte seine Mühe gehabt, das aus der Schädelhöhle gequollene Gehirn wieder so in die zerbrochene Decke hineinzuschieben, daß sie zuheilen konnte. Der war tot und wurde nicht mehr wach. Warum hatte er ihm auch so hartnäckig seinen Soldo verweigert! Nun mußte Benedetto nur achthaben, daß er sich nicht mit Blut besudle. Dann mochte jeder meinen, der Fremde sei selber in die Schlucht gefallen und die mitgerissenen Prügel des Steges hätten im Sturz die Steine mitgenommen, die ihn dann erschlugen. Das hatte er ja auf einem anderen Bilde Signorellis oben gesehen, wie die Teufel Mauern und Balken herabstürzten, da einer von ihnen den Florenzo, der Frauenzimmer ins Kloster gebracht hatte, durch die Lüfte entführte. Nun, und da hatte eben der Fremde in seinem Sturz Hölzer und Steine selbst mitgerissen.

Also jetzt Vorsicht und Achtung! Da um die Brust, wo der Fremde seine Brieftasche stecken haben mochte, war alles voll Blut, so daß es unmöglich gewesen wäre, ohne sich ganz naß und rot zu machen, zur Brieftasche zu gelangen. Aber was ging Benedetto auch des Fremden Brieftasche an. Das, was er suchte, mochte er sicher in einem der Säcke des Beinkleides finden, und dort war ja gar kein Blut hingeronnen oder hingespritzt. In dem einen Sack war ein Messer. Gott, war das 66 Messer schön! So eines hätte Benedetto wohl gern gehabt. Aber er zuckte nicht mit der Wimper, da er es jetzt wieder in die Tasche zurücksteckte, in der es gewesen war. In der anderen Tasche aber, da war ein Beutel. Ein richtiger, schwerer Geldbeutel. Zitternd vor Aufregung öffnete ihn Benedetto. Da waren große Silberstücke, und die kleinen gelben Stücke, die darunter lagen, waren wohl Gold. Aber kein Stück Kupfergeld fand Benedetto unter ihnen, so emsig er auch suchte. Da griff er mit der Hand nochmals in den Sack, in dem der Beutel gesteckt hatte – nichts. Und jetzt in den, wo das Messer war. – Ja! da war etwas. Einige große runde Stücke fühlte er dort, derart, wie die Kupfermünzen sind. Er zog sie heraus, und richtig waren es Zweisoldistücke! Und nochmals griff er in den Sack, und nun fand er auch zwei Einsoldostücke. Der Fremde hätte also gehabt, um was Benedetto ihn gebeten hatte. Und doch hatte er es ihm nicht gegeben! Rasch steckte Benedetto der Leiche den Beutel wieder zu und dann versenkte er auch die Kupfermünzen in die andere Tasche. Nur eine, die behielt er; da wollte er sich, wenn er wieder nach Asciano kam, so ein Zuckerpfeifchen kaufen, wie er es den roten Burschen hatte naschen sehen. Nur einen Augenblick zuckte es noch ihn ihm, da er bei dem Hineinstecken der Kupfermünzen in den Sack das Messer spürte. Aber da wäre er ja ein Dieb gewesen, wenn er 67 das nahm, ein ganz gewöhnlicher Dieb! Und schon sprang er davon, fest in seiner Hand den Soldo haltend, mit dem ihm die Madonna den Fremden gesandt hatte. Und der mußte eben das Leben lassen, weil er den Soldo nicht hatte lassen wollen, auf den zwischen Asciano und Monte Oliveto und auch anderswo noch die Buben ein Recht haben. 69

 

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