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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Scala santa

Und doch, Kinder,« sagte der Major, »Ihr könnt mir's glauben, verdanke ich einem Geistlichen eines der schönsten und pikantesten Abenteuer meines Lebens. Wenn man vielleicht auch finden mag, es sei, für ein Abenteuer wenigstens, schlecht ausgegangen.« Da waren wir jungen Leutnants nun natürlich furchtbar neugierig, dieses Abenteuer kennen zu lernen, und der Major war auch keiner von denen, die sich beim vollen Glase lang bitten lassen, eine Geschichte zum besten zu geben. So erzählte er denn, und wir sassen andächtig an dem wackligen, runden Wirtshaustisch um ihn herum und lauschten.

»Wie Ihr vielleicht wißt« – hub der Major an, nachdem er durch eine kleine Kunstpause die Aufmerksamkeit noch erhöht hatte – »wie Ihr vielleicht wißt, war ich als junger Offizier in Rom unserem Militärbevollmächtigten zugeteilt. Das war wohl eine herrliche Zeit. Zu tun hatte ich nur sehr wenig, außer abends fleißig- in Gesellschaften zu gehen und dort die Ehre unseres Vaterlandes und unseres Standes zu 10 repräsentieren. So lief ich den größten Teil des Tages – in Zivil natürlich – in den Galerien und Kirchen herum und gaffte mir stundenlang die herrlichen Sachen an, die es dort gibt.

Aber nicht nur Statuen und Säulen und Bilder und Vasen und tausend solcher Dinge sind dort haufenweise, sondern auch prächtige Weiber, lebendige Weiber, findet man dort allenthalben herumstehen. Und für die Weiber habe ich nun immer eine besondere Schwäche gehabt. Um diese Zeit als ganz junger Kerl, und ledig war ich natürlich auch noch, schon gar. Da gibt's Euch alles mögliche durcheinander. Engländerinnen, Französinnen, Amerikanerinnen, deutsche Frauen und Jungfrauen und natürlich auch Italienerinnen selbst – aber die sieht man sich besser in den Kirchen an als in den Museen, oder die hübschen, pikanten Blumenmädel und Modelle aus dem Albanergebirge auf den Treppen unter dem Kapitol oder im Fremdenviertel.

Für mich war das natürlich ein Fressen. Ich habe nur so gegafft. Und natürlich nicht immer nur gegafft. Aber auch außerdem hat mich interessiert, was auf die Weiber besonderen Bezug hat. So hat's mir zum Beispiel einen großen Spaß gemacht, mir immer wieder im Lateran, das ist auch so wie der Vatikan ein ungeheurer Kasten, der dem heiligen Vater gehört, in der alten Taufkirche das Oratorium Johannes des Täufers anzusehen. Da sind zwei 11 Bronzetüren, wenn die der Sakristan in den Angeln dreht, geben sie einen wunderbaren Ton, jede anders, aber in der Oktave zusammengestimmt, und so weich und voll, wie die schönste Orgel. Aber deshalb bin ich natürlich nicht so oft hin. Aber weil der Johannes – Ihr wißt ja, wenn auch das Stück von Wilde, einer hat auch eine Oper daraus gemacht, hier in der Garnison natürlich nie gegeben worden ist (wir Leutnants lachten bei diesen Worten des Majors pflichtschuldigst, obwohl eigentlich nichts darüber zu lachen war, daß wir in einer elenden galizischen Garnison lagen, in die auch noch nie die elendeste Komödiantenschmiere sich verirrt hatte) – aber Ihr wißt ja, daß der Johannes enthauptet worden ist, weil so ein Frauenzimmer sich eingebildet hat, eine Tochter des Salomon, glaube ich, war sie, sie muß seinen Kopf auf einer Schüssel haben. Also weil der Johannes an solch einem tückischen Frauenzimmer kaput gegangen ist – nun so darf zur Strafe kein weibliches Wesen in diese Kapelle hinein – außer an einem einzigen Tage im Jahr. Da könnt Ihr Euch nun vorstellen, welches Angehen die Weiber haben, daß sie doch hineinkommen in diese Kapelle, und was für Listen und Kniffe sie da verwenden und wie sie sich da winden und drehen und den Sakristan herumzukriegen oder anzuschmieren suchen, um mit anderen hineinzurutschen.

Aber von dieser Kapelle will ich eigentlich 12 gar nicht erzählen, sondern von einer anderen, die gerade gegenüber liegt. Wenn ich sage, gerade gegenüber, so meine ich das nach römischem Verhältnisse. Ein riesiger Platz liegt nur dazwischen, über den man fast eine Viertelstunde im Sonnenbrand zu gehen hat – sonst ist es ›gerade gegenüber.‹ Dort sind die Stufen aus dem Palaste des Landpflegers Pontius Pilatus in Jerusalem, die eine fromme Kaiserin – Helene soll sie geheißen haben – einmal hat nach Rom bringen lassen. Aber oben liegt die alte Hauskapelle der Päpste, und da hat man vor ein paar Jahren erst die wunderbarsten Reliquien in einem Altar gefunden, die schon einmal als gestohlen gegolten hatten. Sachen darunter, ich kann Euch gar nicht sagen, was, denn ich bin ein gutgläubiger Christ, und es ginge gegen den Respekt, den ich vor meinem Heiland habe, wenn ich davon reden wollte. Um Euch aber von den anderen Dingen, die es da gibt, eine Vorstellung zu machen, will ich Euch nur sagen, daß in diesem Reliquienschrein auch noch ein Fläschchen mit Milch aufgefunden wurde, mit der die heiligste Jungfrau Maria das Christuskind gestillt hat.

Aber von all dem will ich ja doch nicht reden. Sondern von der Stiege. Diese Stiege hat Euch also diese fromme Kaiserin – achtundzwanzig Stufen aus weißestem Marmor sind es gewesen – zu Schiff von Jerusalem nach Rom bringen lassen, und später hat man sie dann dort 13 in jener Kirche aufgestellt, wo sie heute noch stehen, alle achtundzwanzig. Damit man aber die Steine nicht beschädigt oder entweiht, auf denen der Fuß unseres Heilands auf seinem Wege zu Gericht geruht, hat man sie mit Brettern gut zugedeckt. Das finde ich ganz in der Ordnung. Und auch, daß man dort, wo Tropfen seines Blutes niedergeflossen sind – Ihr wißt doch, man hatte ihm eine Dornenkrone auf das Haupt gesetzt – und man noch die Spuren des Blutes sieht, Löcher in die Bretter gemacht und die mit durchsichtigen Kristallplatten bedeckt hat. Da ist nun aber die Verehrung für diese Stufen so, daß man auch über die Bretter nicht hinaufgehen darf, sondern daß man nur auf den Knien diese heilige Treppe – sie heißt auch die scala santa – ersteigen darf.

Da knien die Leute – hauptsächlich natürlich Weiber, und nicht nur etwa alte und solche, wie man sie bei Klosterpforten auf die Bettlersuppe warten sieht – und nachdem jeder auf der einen Stufe eine Zeitlang gekniet hat, rutscht er mit dem Knie auf die nächste und zieht dann das andere Knie nach. Lacht nicht, Kinder, es ist halt doch ein frommer Glaube, mag es auch komisch genug aussehen, wenn da Männlein und Weiblein hinaufhumpeln von einem Knie auf das andere. Und es sind solche darunter, die gewiß recht empfindlich sind in den Knien und denen die geschlungenen Spitzenzacken in den Höschen 14 sich recht schmerzhaft eindrücken mögen in die weiche Haut, wenn sie so auf den Knien hinaufgehen.

Also für sich mag- ja jeder machen, was er will, und da mag er so streng sein, als ihm beliebt. Aber von anderen Christenmenschen kann man das doch nicht verlangen, daß sie auch so sind gegen sich, das ist doch eine Sache des freien Willens, und nur als ein Werk dieses freien Willens mag ja dies alles einen gewissen Wert haben.

Also wie ich mir einmal wieder diese Geschichte ansehe, da fällt mein Blick auf eine dunkle, außerordentlich zierliche und doch so gerundete und ebenmäßige Gestalt, die da unter den anderen kniet. Wie ich aber endlich das Gesicht sehen kann, ist es ein zartes, feines, weiches und doch ausdrucksvolles Gesicht, so eigens, daß ich gar nicht mehr habe wegschauen können. Ein schimmernd weißer Teint, und wundervolles flachsblondes Haar ringsherum. So was gefällt einem in Italien unter all diesen Kohlschwarzen natürlich doppelt. Ich also natürlich kein Auge von der Knienden abgewandt.

Nach einer Weile nun sehe ich, wie sie sich erhebt und dann gleich wieder auf die nächste Stufe sich hinkniet. Und da kniet sie Euch, mit einer solchen Andacht und Versunkenheit betend, als hätte sie weiß Gott was für Sünden von einer schwarzen Seele abzubeten. Und sah doch aus wie ein unschuldsvolles Himmelskind.

15 Da hatten aber auch schon ein paar alte, spitze Zackeln, die in ihrer Nähe knieten, mit sehr bösen Blicken nach ihr sich umgedreht. Ich hatte zunächst gar nicht geahnt, warum, sondern nur die grünen, stechenden Augen durch das dämmernde Halbdunkel funkeln sehen. Als aber nun nach einer Weile meine Schöne wieder sich erhob und mit der lichtbehandschuhten Rechten ihr einfaches schwarzes Kleidchen zierlich etwas raffte und sich eben anschickte, auf die nächste Stufe die weiche Rundung ihres Körpers niederzulassen – da sahen die Weiber noch wütender sich um nach ihr, und plötzlich zuckte aus einer anderen Ecke ein tückischer Blitz auf, und wie ich rasch dorthin die Augen wende, sehe ich dort einen Geistlichen stehen. So einen von den Langen, Hageren mit den eingefallenen Wangen und der aus ihnen weit herausspringenden Habichtsnase.

Und in dem Augenblick hörte ich auch schon seine Stimme, schrill und scharf, die Heiligkeit des Raumes nicht achtend. Und nun schoß er heran. Ganz herzu konnte er nicht so rasch – denn er durfte ja auch nicht wie ein ordentlicher Mensch über die Stufen steigen, aber unten war er so weit hingerannt, daß er mit wenigen Sprüngen auf den Knien die Frevlerin hätte erreichen müssen. Scheltend und zeternd schrie er sie an ob ihres gottlosen Unterfangens, und wären nicht andere Kniende dazwischen 16 gewesen, wäre er gewiß auch im Nu oben gewesen, die Ärmste herunterzureißen.

Die stand Euch oben, ein Bild des Jammers und Entsetzens. Zuerst war ihr liebes Gesicht ganz bleich geworden wie Wachs, so war sie erschrocken über den rohen Burschen. Dann aber überkam sie die Scham wegen all der anderen Leute, und da ergoß sich eine Welle dunkeln Blutes in ihr Antlitz, und wie sie so hold erglühte, da erschien sie mir noch viel schöner als vorher.

Die Heiligen im Himmel selbst hätten Mitleid mit ihr gehabt, wenn sie sie so gesehen hätten. Nun könnt Ihr Euch erst vorstellen, welche Empfindungen mich erfüllten. Im ersten Moment wollte ich mich auf den schwarzen Mageren hinstürzen und ihn selbst zurückreißen, daß seine Klauen das holde Engelskind nicht berühren. Dann aber fiel mir ein, daß ich durch eine regelrechte Keilerei die Lage der Ärmsten nur noch schlimmer hätte machen können – denn wer weiß, ob einige der Megären, die es da gab, sich nicht gar auf sie gestürzt hätten. Jedenfalls wäre sie aus dem Regen in die Traufe gekommen.

Da gab mir der Himmel plötzlich einen Gedanken ein. Ich kann, müßt Ihr wissen, manchmal schrecklich dumm sein. Ich verstehe einfach etwas nicht, wenn ich meine Gründe habe, etwas nicht verstehen zu wollen. Und dann hab' ich eine eigene Anlage in den Sprachen. Ich verstehe außer polnisch und deutsch noch ein paar Sprachen 17 ganz gut – italienisch vor allem natürlich famos. Aber wenn ich nicht will, versteh' ich einfach nicht ein Wort. Nicht einmal deutsch oder polnisch. Und dann schau' ich einen, der zu mir redet, so mit einem gewissen unschuldigen Gesicht an und zucke höchstens die Achseln.

Wie ich also den langen Schwarzen schon dort am Rande der Treppe stehen sehe und man merken konnte, das arme Opfer oben hätte sich am liebsten in die Erde versenkt, sah ich rasch noch einmal recht harmlos, unschuldsvoll um mich – und da gerade vor mir die Schar der Knienden nicht dicht war, sondern eine Lücke aufwies, schritt ich ruhig die Stiege hinauf. Gott, ich brauchte es ja nicht zu wissen, woher die Stiege stammte und was in diesem Lokal der Brauch war. Ein paar Schritte nur hatte ich gemacht – und schon war das armselige Opfer befreit, denn schon schoß der Schwarze auf mich los, wie ein wütender Stier, mir zuherrschend, ich solle mich augenblicklich auf die Knie werfen. Ich natürlich verstand kein Wort – Ihr wißt ja – ja, zuerst merkte ich gar nicht, daß er mit mir redete. Ich sah mich nur erstaunt nach dem Störenfried um. Und als ich ihn schon hinter mir am Rande der Treppe sah, schreiend, gestikulierend und winkend, da schüttelte ich nur verwundert den Kopf, wie einer, der gar nicht weiß, wie er sich etwas zusammenreimen soll. Und dann – schritt ich ruhig weiter.

18 Das war jetzt eine seltsame Jagd. Es muß nicht so leicht sein, das Gehen auf den Knien. Ich hab' es zwar auch hinterher nicht probiert, aber ich hab' damals gesehen, daß, obwohl ich ganz gemächlich schritt, der Schwarze hinter mir sich humpelnd furchtbar abzappelte in grotesken Bewegungen, ohne mich erreichen zu können. Und so war ich schon oben und mein Verfolger noch lange nicht. Und ich war auf der anderen Stiege, die nebenan wieder herunterführt, wieder unten, als jener erst oben erschien, und konnte, als er nun herabschoß hinter mir her, ihm die schwere Kirchentür gerade vor der Nase zufallen lassen.

Auf dem großen Platze draußen aber sah ich schon meine Schöne, die, nachdem ich ihr durch meine Flankenbewegung Luft gemacht hatte, offenbar gleich selbst zum Rückzug geblasen hatte. Drinnen war es mir schon selber ein bissel unheimlich geworden, denn so in der Kirche drinnen, da ist man doch so ganz solch einem Kuttenträger ausgeliefert. In der Sonne heraußen auf dem großen Platz, da hatte ich aber wieder meinen ganzen Mut gefunden und steuerte auch gleich auf die Schöne los – und von unserem Widersacher war überhaupt nichts mehr zu sehen: der fühlte sich auf dem sonnigen leeren Platz offenbar nicht mehr so sicher wie unter der Schar der Seinen in der dunkeln Kirche.

Als sie meine Schritte hinter sich hallen und 19 von der Kirche her ihr näher kommen hörte, da mochte sie wohl meinen, der böse Schwarze sei es, der sie noch weiter verfolge, denn sie fing fast zu laufen an. Das nützte ihr freilich nur wenig. Als ich sie aber eingeholt hatte und sie nun erschreckt einen ängstlichen Blick nach mir warf, da flog ein Schimmer der Freude und Dankbarkeit über ihre Wangen. Gleich hatte sie mich erkannt, daß ich der Retter war. Und daß ich das ihr zuliebe getan, das hatte ihr ihr Herz auch gleich gesagt. Ohne ein Wort zu sagen, hielt sie mir dankend beide Hände entgegen und bei einem Haar hätte ich sie auf dem offenen Platze in die Arme geschlossen.

Gott, war Euch das ein liebes Wesen. Davon kann man sich gar keinen Begriff machen, wenn man es nicht gesehen hat. Von da an hat mir Rom erst so recht zu gefallen angefangen, wie ich nun seine Schätze mit ihr genießen konnte. Und in das Oratorium des Johannes hab' ich sie natürlich auch hineingeschmuggelt. In einem weiten Mantel von mir. Wie ein Bub hat sie ausgesehen, da ich sie als Herrn kostümierte.«

Der Major hatte eine Pause gemacht. Wir aber rührten uns gar nicht. Denn wie wir den Major schon kannten, wußten wir, daß da noch etwas nachkam. Aber der Major schwieg. Da konnte sich endlich einer nicht zurückhalten und meinte: »Ja, aber du sagtest doch, Herr Major, daß die Geschichte schlecht ausgegangen sei.«

20 »Ach nein, Kinder, da habt Ihr mich schlecht verstanden. Die Geschichte ist sehr gut ausgegangen. Ich habe nur gesagt, es könnte vielleicht einer finden, die Sache sei für ein Abenteuer schlecht ausgegangen. Aber ich möchte keinem von Euch raten, so respektlos gegen Eure Majorin zu sein und zu finden, daß das Abenteuer schlecht ausgegangen sei, weil ich die Schöne später geheiratet habe.« 21

 

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