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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kampf um Erinnerungen

Nun also, grüß' dich Gott, liebe Emma!« rief ich beim Eintreten ins Zimmer; und »wo steckst du?« fügte ich nach einer Weile des Umherspähens hinzu. Das war so ein alter Brauch, ein altes Vorrecht, daß ich unangemeldet bei ihr eintreten konnte – in ihrem Wohn- und Arbeitszimmer natürlich nur. War das ja schon sehr viel bei einem, wenn auch nicht mehr ganz jungen, so doch noch lange nicht alten Mädchen und einem Herrn, wenn dieser Herr auch im Laufe der Jahre ebenfalls nicht der allerjüngste geworden war. Wir waren aber wirkliche Freunde. Wenn es auch heißt, derlei gebe es nicht zwischen Mann und Frau. Aber wir waren es doch. Als Kinder schon hatten wir auf dem Gute ihrer Eltern zusammen gespielt, und da gleichalterige Mädchen gleichalterigen Knaben gewöhnlich ein wenig über sind, hatte sie mich ein paarmal aufs heftigste in den Haaren ihres Cousins verteidigt, wenn dieser mich hatte prügeln wollen, was leider damals offenbar eine lasterhafte Neigung aller Cousins war, eigener und fremder, mit denen ich bekannt wurde.

182 Und so waren Emma und ich schon als Kinder befreundet. Und wir blieben es dann. Denn merkwürdigerweise hatten wir nie etwas wie einen Flirt oder, wie man die Sache damals auf gut deutsch nannte, eine Liebschaft miteinander angefangen; umso merkwürdiger, als sie ein sehr hübsches Mädchen war, und ich einige Zeit lang sogar bei ihrer Mutter Gastfreundschaft als Zimmerherr genossen hatte. So merkwürdige Dinge geschehen eben auf der Welt.

Und weil wir nichts miteinander hatten, was einer Liebschaft ähnlich sah, fehlte es auch an jedem Anlaß für uns, zu sticheln oder zu streiten oder sonstwie wortgemein zu werden. Sie erzählte mir unbefangen ihre galanten Abenteuer; die waren meist äußerst harmlos, aber sie waren nicht zu wenige. Und ich machte aus meinen galanten Abenteuern, es waren auch nicht allzu wenige, wenn auch nicht immer ganz harmlos, ihr gegenüber kein Hehl, wobei ich immer so rücksichtsvoll war, das nicht erst ausdrücklich sagen zu wollen, was eben keiner besonderen Hervorhebung bedurfte um verstanden zu werden. Ich finde, ein derartiger Umgang fehlt eigentlich den meisten unserer jungen Leute. Und das ist sehr schade. Erotische Dinge, wie ja doch Liebeshändel sie immer sind, mit einer vertrauten Person des anderen Geschlechts unerotisch zu behandeln, hilft einem jungen Menschen sehr, klar über sich und andere zu werden und das Gefühl zu schärfen 183 für die Grenze, wo die Anständigkeit begänne in Dummheit überzugehen, und umgekehrt die Klugheit anfinge in Gemeinheit auszuarten.

Da ich von meiner Freundin keine Antwort auf meinen Gruß erhalten hatte, war ich nähergetreten an den Rand des festungsartigen Einbaues, der sich in ihrem Zimmer erhob. Diese Festung stammte noch aus den Zeiten ihres Vaters. Der war ein Sammler von allem möglichen, insbesondere von Bildern und Kupferstichen, gewesen und hatte außerdem an einem ungeheuren Werk gearbeitet. Einer Enzyklopädie sämtlicher Wissenschaften und Künste, von der Philosophie angefangen bis zur Reitkunst, nebenbei bemerkt der einzigen Abteilung seines Werkes, die er ganz zum Abschluß gebracht hatte, weil er vorsichtsweise als des Reitens vollkommen unkundig mit ihr begonnen hatte.

Die Festung aber, die er um seinen Schreibtisch herum angelegt hatte, diente ihm nicht nur zur geordneten, übersichtlichen Bereithaltung aller Werkzeuge und Utensilien, die er als Bastler und Sammler, der mit alten Sachen zu hantieren hatte, stets zur Hand haben mußte, und zur Aufbewahrung seines Manuskriptes der Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste nebst allen zu ihm gehörigen Schematen und Notizen, sondern sie war ihm auch ein Bollwerk wider alle unliebsamen Störungen seitens der Außenwelt, unter der er in allererster Linie seine Familie verstand; nicht nur wider 184 unbefugtes Eindringen, sondern auch wider beirrende Annäherung in Gesichsweite. Wenn er so in dem Innern seines Bollwerkes mit den sich mächtig auftürmenden Regalen, Fächern und Laden saß, dann konnte in der Welt niemand, der in das Zimmer trat, seiner ansichtig werden und von ihm gesehen werden, solange der Eindringling nicht eine schlagbaumartige Brücke aufgehoben hatte, die den Schreibtisch mit einem Werkzeugschrank verband, und nicht das Défilé, das dazwischen lag, passiert hatte.

Zur Zeit, da der Vater noch lebte, hatte Emma natürlich nie in jenem Heiligtume nach Gutdünken wirtschaften dürfen, und überhaupt nur in den feierlichsten Momenten war ihr gestattet gewesen, unter Aufsicht des Vaters dort einzudringen. Jetzt aber war sie die Herrin aller Schätze, die einst den Eltern gehört hatten, und gleich beim Eintritte hörte ich an einem eigentümlichen, sich in regelmäßigen Zwischenräumen fortsetzenden Knistern von Papieren, daß sie in der Festung saß und dort mit einer Arbeit beschäftigt war, die in das Gebiet des Ordnungmachens oder von dergleichen einschlug. Aber als ich bis an den Festungswall trat und mich endlich sogar über die Schlagbrücke des Défilés hinüberbeugte, sah ich noch immer nichts von meiner Freundin, wenngleich ich ihre regelmäßigen Atemzüge wie aus der Tiefe heraus emporsteigen hörte.

185 Entschlossen schlug ich den Schlagbaum zurück und trat ein, und nun sah ich sie auch. Sie saß auf dem Fußboden, vorn, rechts und links von zierlich mit Bändchen zusammengebundenen Paketen Briefe umgeben, deren eines sie eben geöffnet hatte und lesend durchblätterte. Ihre blonden Haare hatten an den Schläfen schon jenen leisen Schimmer, der aus dem Goldblond in das Aschblond führt und der Vorläufer des Grau ist; aber wie jetzt im Eifer des Lesens und Blätterns sich die Wangen gerötet hatten, schien diese Nuance des Ergrauens nur wie eine erhöhte Pikanterie eines jugendfrisch gefärbten Gesichtes.

»Ja, was liest du denn so eifrig?« fragte ich. Da begrüßte sie mich erst, auf dem Boden sitzen bleibend. »Du entschuldigst schon, daß ich dich früher gar nicht bemerkt habe, aber ich bin eben gerade einmal in der Vergangenheit. Weißt du, ich bin da heute über meines guten Sándors Briefe gekommen, weil ich etwas gesucht habe, und da habe ich zu lesen angefangen, und jetzt lese ich schon drei volle Stunden. Und je länger ich lese, umso herrlicher steigt die Vergangenheit in mir auf. Es gibt doch nichts Schöneres als die Erinnerung!«

Sándor, das war nämlich einmal Emmas Bräutigam gewesen. So ein ganz ernstlicher. Aber wie es schon geht in solchen Dingen, zuerst hatten sie nicht heiraten können, und dann hatten sie nicht mehr heiraten mögen.

186 »Ich wußte gar nicht, daß dir noch leid ist um ihn. Ich glaubte . . .«

»Nein, nein. Natürlich,« fiel sie ein, »es war ja das Beste, das Einzige. Aber weißt du, jetzt, wo es vorbei ist, war es doch schön.«

»Ja, aber gewinnt das Schöne an Schönheit dadurch, daß du jetzt in den alten Briefen kramst? Wird da nicht der Hauch, den das Ganze in der Erinnerung hat, völlig abgestreift?«

»Aber im Gegenteil! Dieses Erinnern ist eigentlich das Schönste, es ist ja noch schöner als die Vergangenheit selbst war.«

»Nein,« sagte ich lebhaft; denn in mir regte sich der Widerspruchsgeist und das betraf einen der Punkte, in denen ich mich in lebhaftem Gegensatze zu meiner Freundin wußte. »Ich hasse dieses Graben und Wühlen in Erinnerungen.«

»Du hast halt keine schönen Erinnerungen erlebt.«

»Erlaube . . .«

»Oder jede deiner Erinnerungen hat irgendeinen Fleck; die Sache hat einen Abschluß genommen, der dich jetzt verdrißt, der dir . . .«

»Liebste Emma, da hast du wieder einmal sehr unrecht. Gerade an die schönsten Dinge meines Lebens will ich am wenigsten denken.«

»Wohl eine Entweihung!« meinte sie spöttisch.

»Nein. Gar keine Entweihung. Aber die Erinnerung an alles, was einmal schön war und nun in meinem Leben nicht mehr ist, macht mich so 187 unsagbar traurig. Darum will ich mich an nichts erinnern, das mir einmal etwas war.«

»Merkwürdig,« sagte nachdenklich meine Freundin, »und das wird die Freude meines Alters sein, daß ich mich an alles Schöne meiner Jugend erinnere.«

»Und mir wird es die Qual meines Alters werden, wenn ich nicht vergessen kann, wie schön meine Jugend war. Schon darum, weil ich mir denken müßte, daß all den Mädchen, die einst frisch und hübsch, lieb und jung waren, mit den Jahren der Schimmer der Jugend verflogen ist, würde es mich traurig stimmen, ihrer zu gedenken, würde . . .«

»Was? Und wenn du so auf einmal einer begegnetest, die du früher irgendwann ›geliebt‹ hast? Hättest du da nicht eine Narrenfreude, und wenn sie auch zehnmal ein altes Weib geworden wäre?«

»Schrecklich! Der Gedanke allein ist mir entsetzlich!«

»Sonderbar, sonderbar! Wie verschieden doch die Menschen sind. Und irrst du dich da nicht?«

»Nein, da irre ich mich nicht.«

»Sonderbar! . . . Wie arm bist du da eigentlich.«

»Nein, wie reich bin ich, Emma! Meine Erinnerungen sind ein Schatz. Ein herrlicher Schatz. Aber ich vergeude, ich entheilige diesen Schatz nicht, indem ich zwecklos in ihm wühle. Und ich beschütze ihn gegen das Leben, damit mir keine 188 schöne Erinnerung vom Leben zerstört wird, daß sie vielmehr so am Horizont meiner Seele dahinschwebt, ruhig, in ewiger Jugend und Schönheit, genau so, wie ich jede meiner Schönen sah, da sie mir am liebsten war.«

»Merkwürdig! Da müßtest du eigentlich vernünftigerweise immer in dem Zeitpunkt mit jeder ein Ende gemacht haben, wo sie dir am besten gefiel.«

»Ach ja, das wäre vielleicht sehr klug gewesen. Aber so klug ist man eben glücklicherweise nicht. Und wenn man mit Berechnung klug sein will, geht die Sache gewöhnlich dumm aus. Das Ganze konsolidiert sich nur in der Erinnerung so, und sobald man über das Unangenehme und das Häßliche, das eigentlich in jedem Abschied liegt, hinaus ist, schnappt das Bild, das damals etwas verschoben und verwischt wurde, mit einem hörbaren Rucke auf einem gewissen Fleck ein, und dieser Punkt ist just der, wo es uns in der Erinnerung am schönsten erscheint. Und auf diesem Punkt muß man es nun für sein weiteres Leben zu erhalten suchen, und dazu ist erforderlich, daß man alles Störende fernhält, als da sind: alte Blumen, alte Briefe, überflüssige Begegnungen. Mit einem Worte alle Erinnerungen an Einzelheiten.«

»Ach, das bildest du dir ja doch nur ein, daß du so bist, und wenn du wieder einmal eine deiner verflossenen Linis oder Tinis da um die 189 Ecke herüberkommen sehen könntest, renntest du doch schnell hinüber und . . .«

»Gewiß nicht, liebe Emma.«

»Dann ist es eben die Sentimentalität des Altwerdens, die dich erfaßt hat.«

»Du hast Unglück mit deinen Argumenten, liebe Emma. Denn just so eine Geschichte, wo ich einen Kampf um eine Erinnerung plötzlich begann, habe ich als ziemlich junger Kerl einmal durchgemacht, freilich, weil damals schon ich das Traurige fühlte, das im Altwerden liegt.«

»Also um den Preis deiner Geschichte will ich mich von meinen Erinnerungen losreißen.«

Rasch packte sie ihre Briefe zusammen, schloß sie in das Regal zu der Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste, führte mich hinaus aus den Festungsmauern und nahm Platz neben mir auf den blumigen Wiesen, die in unserer jugendlichen Phantasie immer von den Teppichen und der Ottomane des Salons dargestellt wurden. Und ich hub an:

»Ich war noch ein ganz junger Kerl, so jung, daß mir nichts auf der Welt lieber war als mit dem Ranzen auf dem Rücken durch die Täler und über die Berge zu ziehen; ganz allein, denn wenn man so jung ist, ist man ja doch nie allein, und ein je besserer Freund der wäre, den man als leibhaftigen Reisegefährten mitnähme, desto schlechter käme man des Weges weiter, weil man dann nach der Wanderung immer bis zu der Zeit, 190 wo man schon wieder aus dem Bett springen und weiter wandern sollte, beim Glase säße.

Ich war in das Ötztal gezogen und am frühesten Morgen schon über das ›Hochjoch‹ ins Schnalsertal marschiert, so daß es mir eigentlich zu früh war, schon den Tagmarsch zu beenden; da der Tag eben erst begann. Da traf ich einen Mann, der behauptete, als Schafhirte schon auf den verschiedenen Jöchern herumgekommen zu sein und auch auf dem Langgrubferner sich wohl auszukennen, über den man nach meinen kartographischen Studien und Berechnungen und den dunklen Versicherungen des Wirtes in ein Tal, das ›Matschertal‹ kommen mußte, das dann hinaus in das Vintschgau mündet. Rasch war der Handel geschlossen, und als ich noch meinen Kompaß zu Rate gezogen hatte, den ich bei Fußreisen immer statt meiner Uhr trug, die ich in solchen Zeiten lieber als kapitalwerbende Kraft benützte, kletterten wir auch schon – es war, wie ich mit Hilfe einer vorsichtsweise mitgenommenen Tabelle über den Sonnenstand konstatiert hatte, so um neun Uhr – rüstig den Langgrubferner hinauf. Das war nun anfangs sehr schön. Aber Touristensteige gab es damals noch wenige in Tirol, und die Schafe, mit denen mein Führer gezogen sein wollte, hatten es wohl nie sehr genau mit den Wegen genommen, und so wurde das, was anfangs als Einzelfall sehr lustig gewesen war, zu einer immer mehr als störend und lästig empfundenen Regel. Zuerst 191 sausten mein ›Führer‹ und ich in fünf Minuten über ein herrliches Schneefeld hinab. Und dann mußten wir eine Stunde lang wieder über das Schneefeld, das wir im Fluge passiert hatten, hinaufklettern, weil es dort unten nicht mehr weiter ging.

Stunden waren so vergangen. Endlich hatte der Führer doch einen Orientierungspunkt gefunden, da wir zu einem herrlichen kleinen Eissee gekommen waren, dessen grüne Wasser ganz wundersam aus Wänden wie von Kristall heraufschimmerten. Aber nun begann wieder endlose Kletterarbeit und ich hatte bereits auf jede Hoffnung verzichtet, je noch irgendwohin zu gelangen, da es auch schon zu dämmern begonnen, als plötzlich von ferne ein Kirchturm winkte, und dann, als man den Kirchturm im Dunkel, das sich hob, bereits nicht mehr sah, eine Glocke schlug und endlich von fern her ein Licht schimmerte.

Noch eine fast endlose Zeit, und wir standen in dem Dörflein Matsch vor dem Wirtshaus, und ich war schon gefaßt, darauf ganz zu verzichten, irgend etwas voraussichtlich ja doch Ungenießbares (wie etwa ein sauer gewordenes Selchfleisch) hinabzuschlingen, und war ziemlich entschlossen, mich, wie ich stand, auf ein muffiges Lager zu werfen.

Aber wie ward mir, da wir eintraten. Musik und ganz an Zivilisation mahnender Bratenduft! Und nun sah ich gar junge Paare sich drehen, 192 und jetzt kam der Wirt herbei und begrüßte erstaunt die späten Gäste und bot zugleich den Erstaunten des Rätsels Lösung. Des Wirtes Sohn, der draußen in Meran studiert hatte, war geistlich geworden und feierte heute im Elternhause das Fest seiner Primiz.

Da ging es wohl sehr lustig her, und weil ich noch so jung war und guter Trunk und die für die ländliche Abgeschiedenheit seltsamsten Genüsse mir winkten (mir ist merkwürdigerweise ein herrliches Bozner Senfobst in besonderer Erinnerung geblieben, von dem ich, wohl weil es meiner Ausgetrocknetheit etwas abhalf, einen ganzen Kübel ausfraß), so erholten sich bald meine Lebensgeister, und als ich nun gar die liebliche Schwester des Primiziats sah, die zugleich die himmlische Seligkeit bei dem kirchlichen Fest und die irdische Seligkeit bei Tanz und Gelage verkörperte, da fühlte ich mich immer frischer und frischer, und auf einmal hatte ich in einer Ecke meine schweren und nicht übel zugerichteten ›Grobgenähten‹ abgestreift und aus dem Rucksack ein paar Lederhalbschuhe praktiziert, und jetzt tanzte ich auch schon mit dem zierlichen ›Katherl‹ im Saale herum.

So ein reizendes Mädel habe ich wohl noch selten gesehen. Durch die braunen Wangen schlug jenes leuchtende Rot, das man da unten in manchen Tälern bei Mädeln und Burschen sieht. In ihr selbst aber war die wunderbarste Mischung 193 von Ungezwungenheit und Natürlichkeit einer Dorfschönen, und von Koketterie, studentischen Allüren und sogar einer gewissen Belesenheit, die sie alle in den Ferien im Umgange mit dem Bruder und gelegentlichen studentischen Besuchern angenommen hatte. Mir erschien das Ganze wie ein Märchen. Nach den Strapazen des Tages, den Entbehrungen der letzten Wochen – denn ein Tourist im Tiroler Hochgebirge hatte damals nichts zu lachen – nun hier bei Musik und Tanz, an der Seite eines reizenden, lieben Mädels, das mich so treuherzig ansah (die irdischen Genüsse wie Speise und Trank auch nicht zu vergessen), es war wirklich wie ein Traum.

Der Hausvater ließ den Rummel fürsorglich nicht zu lange in die Nacht hinein dauern, und so kam ich immerhin noch früh genug zu Bette, daß ich mich schüchtern erkundigen konnte, wie ich am nächsten Morgen – der war ein Sonntagsmorgen – werde geweckt werden und hinaus in die nächste Ortschaft im Etschtal den Weg finden könne. ›Da sind Sie nur ohne Sorge, weckt Sie schon meine Katherl,‹ sagte der alte Renner, ›und die geht ohnedies hinaus ins Hochamt, haben Sie gleich eine Führerin auch.‹

Und am nächsten Morgen weckte mich das Katherl und jetzt bei Tag sah ich eigentlich erst, wie sauber sie war und wie ihre Wangen leuchteten, da sie so in der frischen Morgenluft neben mir herwandelte. Was wir geredet – ich weiß 194 es nicht. Aber schön war alles, so herrlich schön. Und es war so eine eigentümliche Hoheit und Zartheit in allem, was sie machte und sagte, daß ich gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, mir irgendetwas gegen sie herauszunehmen. Sie aber war so ungezwungen und natürlich, daß sie, als wir jetzt vor der Kirche hielten und sie mir zum Abschiede die Hand gereicht hatte – denn wir hatten uns etwas verspätet und von drinnen klang schon die Orgel heraus – mich einfach um den Hals nahm und mir einen langen, herzhaften Kuß gab.«

»Nun, das wird doch eine schöne Erinnerung sein?« fragte beifällig nickend Emma, sich selbst an dem Abenteuer des Freundes erbauend und erfreuend. »Das reizende Katherl hast du doch wieder besucht, oder bist wohl erst gar nicht weitergezogen?«

»Dann wäre ja vielleicht die Erinnerung gar nicht so reizend, wenn ich dort geblieben wäre. Welche Bewandtnis es aber mit meinem Wiederkommen hatte, das ist eben meine lehrreiche Geschichte. Also höre nur!

Ungefähr zehn Jahre waren vergangen. In Tirol war mit dem Alpinismus auch ein System neuer Hütten und verbesserter Wege in Schwang gekommen, und ich hatte mit deren Hilfe eben in den letzten Tagen Touren in den Stubaiern gemacht und dann die Wildspitze und die Weißkugel von verhältnismäßig nahegelegenen 195 Nachtstationen aus besucht; während ich das erste Mal endlose Wanderungen im Tale mit der eigentlichen Besteigung unfreiwillig hatte verbinden müssen. Und als ich jetzt wieder, diesmal von einem Vertrauen weckenden Führer geleitet, über das Hochjoch auf leidlich gehaltenem Wege zog, da sah ich auf einmal einen gebahnten Weg rechts abbiegen, wo damals alles ganz unwirtlichen, wilden Eindruck gemacht hatte. Und als ich den Führer fragte, wo dieser Weg hinführe, antwortete er einfach: ›Matsch‹, und er nannte mir gleich auch die Stundenzahl, eine Zahl, die in gar keinem Verhältnisse stand zur fast endlosen Dauer unserer damaligen Irrfahrten.

Rasch war der Weg nach rechts eingeschlagen und beflügelten Schrittes eilten wir hinab. Denn eine wahre Sehnsucht überkam mich mit einem Male, das liebliche Katherl wieder zu begrüßen, ihr die Hand zu schütteln, ihre erstaunte Freude zu sehen und ihr zutrauliches »Grüß Gott« zu hören. Und jetzt erhob sich auf einmal da unten im Tal das Kirchlein von Matsch, und unwillkürlich verlangsamte ich den Schritt.

Ganz eigentümlich legte es sich mir aufs Herz. Das war mir früher ganz selbstverständlich erschienen, daß sie noch da sein werde, und just so sein werde, wie ich sie bei der Kirche unten verlassen hatte. Aber jetzt fiel mir auf die Seele, daß sie ja doch auch gestorben sein könnte! Ach! schüttelte ich unwirsch den Gedanken ab. Unsinn! So 196 ein gesundes, frisches Mädel, das wird gerade sterben! Und rüstig fing ich wieder an, dem Ziele unten zuzustreben. Aber es war, als wenn mein scheuer Gedanke Hemmungen ausgelöst hätte, und die Hemmungen weckten wieder neue Zweifel. Sie kann doch weggezogen sein! Geheiratet haben und da unten in Glurns, Schluderns, oder sonstwo sitzen. Zehn Jahre! schaltete ich erklärend ein. Und neun Kinder, fügte kleinlaut eine Stimme in mir hinzu. Und vielleicht sitzt sie hier auf dem väterlichen Hof mit einem vertrunkenen Kerl, der sie prügelt – oder doch mit den neun Kindern. Und das zehnte wirft vielleicht schon seinen Schatten voraus.

Und auf einmal sah ich das süße, liebe Gesicht meines Katherls; sah sie dort unten bei der Kirche mich schmeichelnd umfangen – und im nächsten Augenblick sah ich dasselbe Gesicht, aber so ganz anders. Früh gealtert, wie das ja den Mädchen auf dem Lande, die auch Bauernarbeit mitmachen müssen, ziemlich sicher widerfährt. Und die schimmernden Zähne waren vergilbt und verbrochen, und das zehnte Kind hatte ihre einst schlanken Formen in eine unförmliche Masse verwandelt, und einige gelbe Flecken um den Mund brachten zweifellos zur Erscheinung, woran die Körperform allenfalls noch hätte zweifeln lassen können.

»Führer!« schrie ich kurz und scharf. Und da der Führer, der mich bei meinem zögernden Fortschreiten etwas überholt hatte, auf meinen 197 Ruf stehen geblieben war und fragend nach mir herüberblickte, machte ich nur einen entschiedenen Ruck mit dem Kopfe, wandte mich um und eilte in schärfstem Tempo den Berg wieder hinauf und den Weg zurück, den wir gekommen waren, so daß mir der Führer kaum folgen konnte. Endlich hatte er mich eingeholt. »Ja, was ist's denn?« fragte er schnaufend, »haben Sie was verloren?« Verneinend schüttelte ich den Kopf und gab nur die Parole, indem ich bergauf deutete: »Schnalsertal!« Und nun rannte ich wieder, als würde ich verfolgt, und nicht eher hielt ich an, als bis wir oben auf der Höhe standen und der Weg wieder vor uns lag, von dem wir vorhin abgebogen waren. Da erst verschwand das Bild, das sich vor meinen Augen erhoben und, so natürlich es ja nur gewesen war, mich in wilde Flucht gescheucht hatte.

Und damals schwur ich mir, Erinnerungen von etwas Schönem und Liebem, das ich einmal erlebt, heilig zu halten und sie nicht der Gefahr auszusetzen, mit der die Wirklichkeit des Lebens den herrlichen Schimmer und Glanz bedroht, von dem sie in uns umgeben sind. Eben weil Erinnerungen unser Schönstes sind, eben darum will ich sie mir durch Erinnerungen nicht trüben und entstellen lassen.« 199

 

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