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Scala santa

Max Eugen Burckhard: Scala santa - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleScala santa
authorMax Burckhard
year1911
firstpub1911
publisherDeutsch-Österreichischer Verlag
addressWien
titleScala santa
pages216
created20140727
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lebensverschiebung

Ein Delirium

Also,« sagte ich, indem ich noch einmal den länglichen Metallkasten aufmerksam betrachtete, der auf vier niederen Rädern vor mir stand, »also, es ist alles in Ordnung.«

»Alles,« erwiderte mein Neffe, der mit ernster Miene neben mir stand.

»Und wir haben hoffentlich nichts vergessen . . .«

»Nichts.«

»Den Stiftbrief habe ich heute morgen selbst noch einmal genau durchstudiert; ich glaube wirklich, es ist keine Möglichkeit übersehen, mit der man überhaupt rechnen kann.«

»Teufel, Teufel!« Mein Neffe kratzte sich nachdenklich am Kopf. »In dem Stiftbrief steckt meine einzige Sorge. Wenn am Ende doch der ganze Staat, während des Urlaubs, den du dir da nimmst, zusammenkracht . . .«

»Na, dann kommt eben ein anderer Staat nach ihm!«

»Ist das so ausgemacht? Und wer weiß, ob der sich um Stiftungen und derlei Dinge kümmert!«

»Das wird schließlich jeder Staat.«

»Und das hältst du wirklich für ganz 162 ausgeschlossen, es könnte auf einmal das ganze Stiftungsvermögen flöten gehen? Und ist kein Geld mehr da, so kümmert sich natürlich kein Mensch mehr um deine irdischen Reste.«

»Na, die Jahre, die du lebst, doch natürlich du . . .«

»Ich natürlich – aber die paar Jahre!«

»Dann ist das Interesse der Wissenschaft da an meinem Experiment.«

»Weißt du, das Interesse für das Geld ist doch viel sicherer.«

»Nun und auch daran kann es nie fehlen. Darum habe ich außer allen möglichen Wertpapieren und hypothekarischen Sicherstellungen in den drei größten Banken Gold erlegt.«

»Gerade das Gold ist aber völlig wertlos, sobald der nächste hergelaufene Kerl unter besonderen Druck- und Temperatur-Verhältnissen, eventuell mit Zuhilfenahme irgend einer Emanation, das Gold aus ein Paar billigen Elementen zusammensetzt.«

»Mit solchen außerordentlichen Denkbarkeiten muß man sich schließlich bei allem im vorhinein abfinden. Es könnte ja auch der Mond oder irgend ein anderes kosmisches Gebilde auf einmal in die Erde hineinfallen.«

»Dann ist eben alles aus.«

»Gewiß, aber in deinem Falle ist es bei mir noch lange nicht aus.«

163 »Ich meine doch. Denn wenn deine Stiftung erlischt oder sonstwie die Summen entfallen, aus denen diese Anlagen erhalten und betreut, Kurator und Personale bezahlt werden . . . .«

»Dann wird eben keine Kohlensäure mehr nachgefüllt, in meiner Kühlkammer wird es immer wärmer und wärmer und die künstliche Erstarrung, die wir durch die Kälte hervorrufen werden, hört dann ebenso langsam auf, als sie heute eintreten wird. Die Blutzirkulation beginnt von neuem, ich schlage die Augen auf, und der Unterschied ist nur . . . .«

»Daß du allein in dem unheimlichen Raum wach wirst, in dem dich, wenn du deine hundert Jahre Erstarrung glücklich durchgemacht hättest, das ganze Stiftungspersonal und vielleicht Kaiser und Papst oder doch Vertreter aller Hochschulen freundlich lächelnd begrüßen würden . . .«

»Lauter Kerle, die ich nicht kenne.«

». . . . und daß du,« fuhr unbeirrt mein Neffe fort, »wenn dein Geld beim Teufel ist, eben ohne einen Knopf Geld dasitzest oder zunächst daliegst.«

»Die Hauptsache ist, daß ich einen zweiten Schlüssel im Sack habe und herauskann. Ich werde halt dann arbeiten und mir ein Geld verdienen.«

»Das wird dann wohl nicht so leicht sein. Denn zunächst wirst du all die neuen Dinge zu lernen haben, die man wird wissen und können müssen, um überhaupt ein nützliches, ja ein mögliches Glied der Gesellschaft zu sein.«

164 »Ich lasse mich, wenn alle Stricke reißen, einfach ums Geld anschauen. Einen Impresario wird es doch geben, der mich per Luftballon, oder wenn dieses Verkehrsmittel schon wieder veraltet ist, sonstwie in den x Weltteilen und den umliegenden Ortschaften herumführt. Das muß ja allein ein Heidengeld tragen, einen Menschen herzeigen, der sich vor hundert Jahren hat einschläfern lassen, um den Rest des Lebens in Raten abzudienen, und der nun als lebendiger Berichterstatter einer entschwundenen Zeit herumgeht.«

»Bist du sicher, daß dir das nicht andere schon werden nachgemacht haben?«

»Wenn sie nicht die von mir ersonnenen Maßregeln getroffen haben, platzen ihnen schon beim Erstarren ein paar Gefäße und sie werden dann höchstens wach, damit sie sofort der Schlag trifft, der sie eigentlich schon damals vor hundert Jahren hätte treffen sollen.«

»Auf alle diese Dinge, die du, ja gewiß sehr sinnreich, ausgedacht hast, kann im Laufe der Zeit auch ein anderer kommen.«

»Soll er. Aber ich habe noch als Student Richard Wagner einmal am Bahnhofe empfangen, kann von meinen Begegnungen mit Ibsen erzählen, habe mit Arthur Schnitzler eine Zeitlang in einem Hause gewohnt und . . . .«

»Nun, mir kann es recht sein. Mich geht ja das eigentlich alles gar nichts an, und wir haben 165 es auch zum Überfluß schon oft genug durchgesprochen. Für mich als Arzt ist die Hauptsache, daß die Kühlkammer in Ordnung ist und das ›Medizinische‹ der Sache tadellos funktionieren wird – soweit es eben eine menschliche Berechnung gibt. Hoffen wir, daß es in deinem Gebiet, mit dem ›Juristischen‹, ebenso gut bestellt ist. Nur darauf habe ich noch einmal hinweisen wollen. Aber da du meinst, es stimme auch da alles . . .«

»Gewiß, natürlich auch hier, soweit es eben eine menschliche Berechnung gibt.«

» . . . . und allem Anscheine nach fest entschlossen bist . . .«

»Steif und fest.«

»Offen gesagt, ich habe eigentlich doch immer geglaubt und, ich darf wohl hinzufügen, gehofft, du wirst es dir im letzten Augenblick, wenn es nämlich darum und daran ist, noch anders überlegen. Ich mag mir zehnmal sagen, daß du mich ja fast um ein Jahrhundert überleben wirst – eigentlich stirbst du in dem Augenblick doch für mich, wo du dich in den Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir dich zugleich narkotisiert und in die Kühlkammer hineinrollen läßt. Und zum Überfluß müßte ich daher eigentlich hinterher auch noch die Empfindung haben, daß ich dich umgebracht habe.«

»Da du doch praktischer Arzt bist, wird dir ja diese Art Empfindung nicht so neuartig sein.«

166 »Verzeihe, ich übe die Chirurgie aus, und nicht die interne Medizin . . .«

»Deine Empfindung übrigens ist mir ganz interessant. Mir geht es nämlich, offen gestanden, momentan ganz ähnlich. Auch mir ist es in dem Augenblicke, seit ich den Gedanken gefaßt habe, mir den Rest meines Lebens für später aufzubehalten, nun zum ersten Male völlig klar, daß ich eigentlich doch jetzt sterbe, indem ich von allen Menschen, die ich kenne, auf dieser ganzen Welt, mit der ich vertraut bin, scheide, um dereinst unter unbekannten Umständen und völlig fremden Leuten wieder zu erwachen.«

»Weißt du was? Gib wenigstens noch einige Tage zu.«

»Nein, nein. Ich muß mit meinem künftigen Leben sparsam sein. Jeder von den Tagen, die meine Lebenskraft bei vernünftiger Lebensführung noch währt, fehlt mir, falls ich die Maschine jetzt weiter laufen lasse, dann dereinst, wenn ich wieder zu leben beginne. Und deine plötzliche Stimmung beruht ja doch nur auf einer falschen Sentimentalität. Ich bin eben ein Auswanderer, der für immer seiner Heimat und allen Freunden Lebewohl sagt, indem er das Schiff besteigt, das ihn nach fernem Eiland bringen soll.«

»Rein gedankenmäßig stimmt es ja. Und doch . . .«

»Und was gewinne ich nicht dafür! Ich werde wieder leben, werde leben und ferne Zukunften 167 miterschauen als Zeuge der menschlichen Entwicklung, während Ihr alle längst werdet aufgehört haben zu sein.«

»Und woher weißt du, daß wir aufhören werden zu sein? Daß nicht jedes Leben nur die Fortsetzung früherer Leben ist? Daß nicht ich und einer, der vor mir war, und einer, der nach mir sein wird, nur verschiedene Formen, nur Fortsetzungen ein und desselben Wesens sind?«

»Und du und ich auch dasselbe Wesen! Nein, nein, lieber Freund, in transzendentale Erörterungen lasse ich mich so kurz vor dem Einschlafen nicht mehr ein, ich, der ich erst in einer Zeit wieder erwache, wo man Bücher über Philosophie mit genau derselben Schätzung betrachten wird, wie wir etwa heute Werke über Astrologie ansehen. Rasch, rasch! Mich erfaßt jetzt plötzliche Ungeduld – eine stürmische Sehnsucht. – – Was soll ich noch hier! Jeder Augenblick, den ich noch lebe, ist verloren. Fort, fort! Lebe wohl. Grüße mir noch alle. Und tausend Dank für all deine Freundschaft, Hilfe, Mühe, Teilnahme . . .«


* * *

Es war ein ganz eigentümliches Gefühl, das mich mählig zu erfassen begann. Mich? Nein, irgend einen Menschen, der dalag. Es ging etwas vor. Aber ich wußte nicht nur nicht, was vorging, auch nicht, mit wem es vorging, vor allem nicht, 168 daß es mit mir vorging. So mag wohl einem trockenen Fels zu Mute sein, wenn in seinen Spalten auf einmal Wasser zu sickern, zu rieseln, zu fließen beginnt. Oder einer Buche, wenn im Frühjahr die Säfte wieder emporsteigen, sich, dem Auge noch unsichtbar, zartes Grün unter der harten Außenrinde bildet, und es an den Spitzen und in den Winkeln und allenthalben längs der Achsen zu schwellen beginnt. Und dann war ein Geräusch. Irgendwo. Oder eigentlich nirgends. Es war nur. Aber ohne Vorstellung von Nähe oder Ferne. Und dann war auf einmal etwas anderes. Zuerst wie ein kaltes, stechendes Gefühl, und dann wie etwas Weiches, Warmes, Wonniges. Und jetzt wußte ich es, das war ja Licht. Und ich sah. Sah die Wände eines kleinen Raumes, sah mich, sah mir zur Seite, leicht über mich gebeugt, eine Gestalt stehen, die zu mir sprach. Aber die Gestalt konnte ich noch nicht erfassen, ihre Worte, die ich wohl zuerst als das ferne Geräusch vernommen, nicht verstehen.

Und nun mit einem Schlage wußte ich alles. Das war die Kammer, die ich mir als Ruhestätte für ein Jahrhundert erwählt, und das Jahrhundert war nun um, und ich erwachte zu neuem Leben. Wer wohl da vor mir jener ernste Mann war, der mich von den Spätgeborenen begrüßte? – – – Aber nein! Das war ja nicht möglich! Da mußte etwas geschehen sein. Ich konnte wohl nur viel kürzere Zeit hier gelegen haben. Der Mann, der 169 da vor mir stand und so gespannt auf mich blickte, war ja – mein Neffe!

»Was ist's?« fuhr ich auf – »warum weckst du mich schon?«

»Schon? Das gibst du gut,« sagte er mit herzlichem Lachen. »Aber nur ruhig – keine zu heftigen Bewegungen im Anfang – deine Muskeln und Gefäße müssen doch erst ein klein bißchen Zeit haben, sich an die neue Tätigkeit zu gewöhnen.«

»Ja, wie lange schlafe ich denn dann?«

»Nun, genau hundert Jahre. Wie du angeordnet hast.«

»Mach' keine dummen Witze. Wie kämest du dann her?«

»Das werde ich dir gleich erklären, schauen wir nur, daß wir aus dieser Gruft hier herauskommen, die Luft ist trotz aller Vorkehrungen doch nicht die allerbeste hier herinnen, und draußen findest du herrlichen Frühling.«

»Ich mache keinen Schritt heraus, bevor du mir nicht aufklärst, was da vorgeht und warum ich erweckt worden bin. Ich will wissen, wie viel Uhr, das heißt, welches Jahr es ist.«

»Nun 2009 ist es, das ist doch sehr einfach. – Komme nur. Deine Kleider riechen wirklich etwas muffig. Ich habe dir oben einen Anzug nach der neuesten Mode hergerichtet. Du wirst staunen . . . .«

»Nun, wenn er so verrückt aussieht wie deiner . . . .«

170 »Aber hygienisch, Freund – hygienisch! – Doch komm' nur, komm' nur. Siehst du, jetzt sind wir schon in deinem Schlafzimmer. Etwas wurmstichig halt das Ganze! Und die Stoffe arg verschossen. Ich habe hier absichtlich nichts richten lassen.«

»Jetzt wirst du mir aber gleich erklären . . .«

»Nein, daß du noch nicht selbst darauf gekommen bist! Es ist doch eigentlich so einfach und naheliegend. Ich habe deine Idee, je länger ich darüber nachdachte, um so herrlicher gefunden, meine Zeitgenossen sind mir immer ekelhafter geworden, vorbereitet war alles auf das genaueste, Platz war auch für zwei dort unten, ein zweiter Kasten war bald gemacht, und so brauchte ich nur statt meiner einen anderen Kurator zu bestellen und mich unter seiner Assistenz in die Kühlkammer schieben zu lassen.«

»Ja, wer hat dich denn dann aufgeweckt?«

»Nun der Kurator, der im Jahre Zweitausendundacht diese Würde bekleidete und die mit ihr verbundenen Bezüge genoß.«

»Zweitausendundacht?«

»Natürlich. Ich ließ mir es nämlich mit achtundneunzig Jahren genug sein, und da ich genau ein Jahr nach dir zu Kasten ging, ließ ich mich auch ein Jahr vor dir wieder zum Aufstehen veranlassen, damit dich wenigstens ein bekanntes Gesicht begrüßt.«

»Das ist aber wirklich sehr lieb von dir gewesen . . .«

171 »Weißt du, das war faktisch ekelhaft, dieses Erwachen. Diese Schar von Gaffern – und dieser blöde Kerl, den sie da zum Kurator bestellt hatten! Den dümmsten vom ganzen Kuratelsgericht. Weil er der Schwager eines Ministers ist.«

»Mir scheint, es hat sich nicht viel geändert auf der Erde.«

»O doch, doch! Du wirst schon sehen. In gewissen Dingen freilich . . .«

»Und da hast du mir auch die ganze Zeremonie mit Kaiser und Papst abgenommen?«

»Päpste gibt es überhaupt nicht mehr. Über das sind wir wenigstens hinaus. Seit sie den Papst Alexander erwischt haben, wie er einem Pilger die Uhr abgezwickt hat . . .«

»Ein Papst ein derartiges Verbrechen – wie könnte denn das nur möglich sein?«

»Gott, erinnere dich doch nur aus der Geschichte! Da sind doch ganz andere Sachen vorgekommen . . .«

»Aber ich will den Geschichtsstudien, die du neu anzustellen haben wirst, nicht vorgreifen. Für heute nur, daß es auf der ganzen Welt nur mehr einen einzigen Staat gibt. Einer hat alle aufgefressen.«

»Deutschland? Oder England?«

»Nein. Monaco. Weil er das meiste Geld hatte. Aber das ist ja doch schließlich ganz gleichgültig. Schau lieber zum Fenster hinaus. Ist er nicht herrlich der See?«

172 »Ja, natürlich ist er schön. Aber das war er doch immer. Doch etwas kleiner kommt er mir vor.«

»Und da ist jetzt der Wasserstand noch besonders hoch. Ja, die Seen sind halt alle in den achtundneunzig Jahren ziemlich zurückgegangen.«

»Hundert, bitte!«

»Bei mir achtundneunzig! Du entschuldigst schon, daß ich nach meiner Zeitrechnung gerechnet habe.«

»Bitte, bitte. – Jetzt muß es Nachmittag sein. Denn an einem Nachmittag habe ich mich ja niedergelegt.«

»Ganz richtig.«

»Also wie beginne ich das neue Leben? Denn heute nacht werden wir wohl noch hier bleiben müssen!«

»Was würdest du zu einer Theatervorstellung sagen?«

»Aber, lieber Freund, dafür habe ich mir mein Leben nicht aufgespart, um mir dann in St. Gilgen eine Theatervorstellung anzusehen.«

»Wer spricht denn von St. Gilgen!«

»Wir sind ja doch in St. Gilgen! Oder gibt es etwa einen Luftexpreß, der uns bis zu Beginn der Vorstellung noch nach Wien oder München bringt?«

»Du bist eben noch sehr weit zurück in deiner Bildung. Ins Theater gehen wir jetzt nur mehr zu Premieren.«

»Eine Premiere habe ich noch weniger Lust mir hier anzusehen. Das könnte ein feiner Dichter 173 sein, der hier die ›überhaupt ersten Aufführungen‹ seiner Stücke veranstalten läßt.«

»Lieber Onkel, habe keine Sorgen. Du wirst ein gutes, älteres Stück hören und sehen in ausgezeichneter Besetzung und Darstellung. Eine Mustervorstellung, gespielt von den allerbesten Schauspielern.«

»Also wo wirst du mich hinführen?«

»In dein Studierzimmer. Dort habe ich alles mit modernstem Komfort für dich einrichten lassen. Du brauchst dich nur in deinem Schreibtischfauteuil zu setzen – es ist noch der alte nach Kolo Mosers Zeichnung, den dir der Bahr geschenkt hat – und kannst dort ruhig warten, bis die Vorstellung beginnt.«

»Also wohl eine telephonische Verbindung mit dem Burgtheater? Oder gar mit Berlin?«

»Wo du willst. Aber so einfach, wie du dir das vorstellst, ist die Sache nicht. Auch handelt es sich nicht nur um das Hören. Du wirst auch alles sehen, genau, als säßest du in einem wirklichen Theater.«

»Hat man es richtig so weit gebracht, daß man auch die Lichtbilder mit Hilfe des elektrischen Drahtes in jeder Entfernung sehen kann?«

»Das ist heute ganz einfach.«

»Und da sieht man auch das ganze Theater?«

»Das ganze Haus.«

»Wenn aber alle es so machen wie ich, ist ja kein Mensch darinnen. Das ist dann eigentlich doch ziemlich öde.«

174 »Freilich ist kein Mensch darinnen. Aber du siehst doch das volle Haus. Das Bild von jedem, der sich die Vorstellung anschaut, wird nämlich von demselben Draht, der ihm zum Sehen hilft, auf den Sitz projiziert, den er bestellt (und natürlich bezahlt), und so siehst du nicht nur die Schauspieler, sondern auch alle Zuhörer und Zuseher par distance so, als säßen sie im Kreise um dich. Und dasselbe sieht jeder andere auch, so daß ich dir empfehle, dich noch umzukleiden, wenn du mit deinem altmodischen Röckchen nicht ringsum unliebsames Aufsehen erwecken willst. Dafür wirst du deine Nachbarin, wenn du eine bekommst, gewiß auch in eleganter Toilette erblicken.«

»Was nützt mir die schönste Nachbarin, wenn sie nicht wirklich neben mir sitzt!«

»Ja, soweit haben wir es freilich noch nicht gebracht. Aber schließlich, die Schauspieler stehen ja auch nicht in Wirklichkeit auf der Bühne.«

»Was? Keine Schauspieler? Am Ende Puppen?«

»Gott bewahre. Stimmplatten und wunderbar gemachte kinematographische Aufnahmen. Also genaueste Reproduktionen des gesprochenen Wortes und des sich gleichsam abrollenden Bühnenbildes.«

»Da gibt es somit von jedem Stück eigentlich nur eine einzige Aufführung, und die wird mit Apparaten aufgenommen und schnurrt dann optisch und akustisch alles herunter.«

175 »So ähnlich ungefähr.«

»Da kann ja einer noch weiterspielen, wenn er schon längst tot ist?«

»Natürlich. Eine Menge Rollen in alten Stücken spielt heute im Burgtheater noch der Kainz. Ein Schauspieler wird erst abgesetzt, wenn man einen hat, der besser ist als er.«

»Wie weiß man denn das?«

»Da wird eben immer probiert.«

»Und wer entscheidet?«

»Das Publikum natürlich.«

»Wenn keines da ist!«

»Man sieht dich doch applaudieren und hört dich applaudieren und zischen, genau so, als wärest du da.«

»Aber zum Teufel, ich werde mich doch nicht hinsetzen, um über einen Schauspieler, der vielleicht elend ist, zu urteilen, wenn ich einen hören kann, von dem ich weiß, daß er glänzend ist.«

»Und wie oft hat das nicht auch das Publikum im alten Theater tun müssen? Erinnere dich nur aus deinen eigenen Zeiten, was für Gäste du oft dem Publikum vorgeführt hast!«

»Das habe ich doch tun müssen, weil ja viele meiner Mitglieder alt und alle von ihnen sterblich waren. Aber heute, wo die Sache so liegt . . .«

»Eine Abwechslung muß es immer geben, und darum gibt es auch Films mit Doppelbesetzungen und sogar mit Teilen, die man auswechseln kann. Und die Möglichkeit einer 176 fortschreitenden Entwicklung muß auch vorhanden sein. Diesem Zwecke dient eben die Institution der Probeaufnahmen, die zunächst bei jedem Versuche gemacht werden und auf Grund der dann erst die Hauptfilms revidiert und eventuell neu zusammengestellt oder neu angefertigt werden.«

»Da geht man also gar nicht mehr ins Theater, sondern macht alles bei Telephon und Teleskop, oder wie Ihr das andere Ding nennt, zu Hause ab?«

»In das Theater gehen wir schon auch noch. Aber nur mehr zu den Premieren.«

»Mich wundert nur, daß Ihr nicht die auch noch zu Hause absolviert.«

»Ja, lieber Onkel, das geht freilich nicht. Da kämen wir ja um das Hauptvergnügen, das eine Premiere gewährt.«

»Ihr genießt doch das Stück des Dichters und die Darstellung des Künstlers in Eurem eigenen Fauteuil auch sonst genau so wie auf dem Theatersitz. Und Zischen und Applaudieren könnt Ihr ja zu Hause auch ganz vernehmlich.«

»Ja, aber nach den Premieren wird sehr oft gerauft und so weit sind wir doch noch nicht, daß man auch die Prügeleien in absentia auf elektrischem Wege vornehmen kann.«

»Also, da muß ich dir gleich sagen, um das Raufen ist es mir nicht, aber ich will zu einer Premiere gehen. Ich will wirkliche Menschen im Theater haben. Auf der Bühne und im 177 Zuschauerraum auch. Wie lange braucht man nach Wien? Für heute ist es natürlich schon zu spät.«

»Zu spät vielleicht noch nicht, denn man reist jetzt wirklich außerordentlich schnell in den pneumatischen Caissons – aber, obwohl heute Premierentag wäre, ist doch heute keine Premiere. In Wien nicht, in Berlin nicht, in München nicht.«

»Warum denn nicht? Ist etwas geschehen?«

»Ein großer Fackelzug aller Schauspieler ist heute, weil die Volksvertretung in die erste Lesung des Theatergesetzentwurfes über die ›Rechte der Schauspieler‹ eingetreten ist, den Ihr seinerzeit ausgearbeitet habt . . .«


»Nun, wie steht es?« fragte draußen teilnahmsvoll die Typewriterin den Arzt, der eben aus dem Zimmer heraustrat.

»Er bildet sich noch immer ein, er habe hundert Jahre in einer Kühlkammer in künstlicher Erstarrung gelegen, wir schrieben jetzt 2009 und er sei eben erwacht. Mich hält er für seinen Neffen, und jetzt will er sich von seinem Schreibzimmer aus eine Theatervorstellung ansehen.«

»Er hat seit Wochen nichts getan als gelesen. Alle Stücke, die im Laufe des letzten Jahres erschienen sind . . .«

»Ja, das hält freilich kein Mensch aus. Mich wundert da nur, daß er nicht geradezu tobsüchtig geworden ist.« 179

 

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