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Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen

Otto Ernst: Satiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorOtto Ernst
titleSatiren, Fabeln, Epigramme, Aphorismen
publisherL. Staackmann-Verlag
addressLeipzig
seriesGesammelte Werke
volume6
year1916
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100401
modified20151204
projectidd0fba52c
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August Gutbier oder Die sieben Weisen im Franziskanerbräu

Im Zirkus, lieber Leser, hast du neben den schönen, starken und mutigen Männern und Frauen, den herrlichen Pferden, Löwen, Tigern und Elefanten immer auch einen Mann gesehen, der fortgesetzt die lebhaftesten Gebärden machte, als wolle er es den kühnen Reitern und Ringern, Fliegern und Springern gleichtun, der aber wohlweislich nie dergleichen tat oder, wenn er es dennoch unternahm, mit großem Nachdruck auf die Nase fiel. Du weißt: das ist der »dumme August,« und hast gewiß weidlich über ihn gelacht. Mir wenigstens ist der dumme August immer ein unbezahlbares Vergnügen gewesen.

Wenn du die Augen nur ein wenig auftust, wirst du in der Weltarena, bei den gefährlichen Kämpfen und Spielen, die man das menschliche Leben nennt, neben den schönen Menschen und den gewaltigen Bestien, neben dem herrlichen todesmutigen Michel und seinen Feinden überall auch den dummen August am Werke sehen. »Am Werke« ist er aber eigentlich nicht; er macht immer nur die Gebärde des Wirkenden. Auch Worte macht er fleißig dazu; aber ganz wie der August im Zirkus hütet er sich vor der Tätigkeit und ihren Gefahren. Und wiederum ist er von diesem sehr verschieden. Der Clown des Zirkus stellt sich dumm. Der Clown des Lebens stellt sich klug. Jener ist ein freiwilliger, dieser ist ein unfreiwilliger Spaßmacher. O, Spaß macht er viel; ich wenigstens habe in meinem Leben viel über ihn lachen müssen! Aber er hat auch – und das unterscheidet ihn ferner von dem Zirkuskünstler – eine verflucht ernste Seite, die du, mein lieber Leser, mit deiner Findigkeit schon entdecken wirst.

Der feine französische Dichter Alphonse Daudet hat uns in seinem Tartarin von Tarascon solch einen August geschildert; aber er hat ihn fast nur als »kühnen« Jäger, als Löwentöter mit dem Maule dargestellt. Mein Tartarin ist bei weitem vielseitiger; er schießt nicht nur auf Tiere, er schießt auch auf Menschen, auf Kunst und Literatur, auf Staat und Gesellschaft, auf Moral und Religion. Solltest du trotzdem, geschätzter Leser, über meinen August irgend wann und wo einmal lachen, so vergiß nicht, daß ich dich gleich am Eingang dieses Buches auf die Ernsthaftigkeit dieses Mannes hingewiesen habe. Ich hoffe, du wirst dessen gedenken und wirst meine Verteidigung führen, wenn der Verein der sauren Nachteulen gegen mich den zermalmenden Vorwurf erheben sollte, daß meine Erzählung an einzelnen Stellen unterhaltend zu lesen sei.

 

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