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Johann Hermann Detmold: Satiren - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
authorJohann Hermann Detmold
titleSatiren
publisherR. Bredow / Verlag
editorHanns Martin Elster
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130925
projectidc909b889
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Jul. Giore, Porträt Detmolds

Einleitung

Jedermann kannte im Hannover der Biedermeierzeit die kleine mißgestaltete Erscheinung des Advokaten Johann Hermann Detmold. Nicht weil er ein hervorragender Anwalt gewesen wäre oder sonst eine rühmliche Tat getan hätte. Sondern um seines Witzes und seines Geistes, um seiner Kunsteinsichten und scharfen, ironischen, aber nie böswilligen Seitenhiebe willen. Er war eine populäre Figur in der damals noch kleinstädtischen Haupt- und Residenzstadt, in ihrer immerhin nicht kulturlosen Gesellschaft. Er spielte eine führende Rolle in allen ihren Kunstangelegenheiten, nicht weil er sich bedingungslos auf die Seite der modernen, damals modernen Richtungen gestellt hätte, sondern wegen der Sachlichkeit und Unbestechlichkeit seines nur auf den inneren Wert des Werkes gestellten Urteils. Als ein in jeder Beziehung unabhängiger Mann konnte er sich erlauben, ausschließlich seiner Überzeugung zu leben. Der am 24. Juli 1807 geborene Sohn eines angesehenen, viel beschäftigten und begüterten Arztes, des Hofmedikus Detmold, der mit seiner Familie vom Judentum zum Christentum übergetreten war, hatte zwar nach Absolvierung des Gymnasiums in der Heimatstadt die Rechtswissenschaften in Heidelberg und Göttingen studiert und sich, kaum dreiundzwanzig Jahre alt, im Elternhause als Advokat niedergelassen, aber die juristische Praxis konnte nicht das eigentliche Feld seiner Interessen und Betätigung werden: seine gute zeichnerische und schriftstellerische Begabung wies ihn in die Kreise der Künstler und Literaten, soviel davon an der Leine aufzutreiben waren. Schon als Student hatte er sich schriftstellerischen, dichterischen Neigungen hingegeben. Er hatte sich eines Tages an Heinrich Heine, mit dem er in Göttingen, wo Heine promovierte, bekanntgeworden war, gewandt, und Heine hatte sich der Manuskripte des zehn Jahre Jüngeren angenommen. Er schrieb ihm am 28. Juli 1827 aus Ramsgate, nachdem die Erstlingsprodukte »ungewöhnlichen Eindruck auf ihn gemacht hätten«, müsse er nun leider über die neuen Einsendungen sagen, daß er nicht den freudigsten Eindruck davon gehabt: »Ihr Talent hat sich nach jener Nachtseite der Poesie gewendet, die Hoffmann schon so leuchtend dargestellt«. »Lassen Sie Hoffmann und seine Gespenster«, rät er: »Ich bin es, Heine ist es, der Ihnen diesen Rat gibt.« Seine weiteren Produkte solle er ja senden. Heine will ihm beim Debüt ins Publikum behilflich sein: er rät, mit Prosa anzutreten und sähe es gern, mehr Prosa als Verse zu erhalten. Die Verbindung mit Heine blieb aufrecht. Alle Jahre wanderte ein Brief hin und her, über Heines Ardinghello. Heine empfahl Detmold schon im Juli 1828 an das Cottasche Morgenblatt und traf abermals den Studenten in Heidelberg. Detmold war seinerseits ein glühender Verehrer Heinescher Dichtung und Kunstauffassung.

Das machte er nun, als junger Advokat, im hannoverschen Literaturleben praktisch geltend. Seine über die Grenzen Hannovers schweifenden Blicke stellten kritisch das hannoversche Kunstgetriebe in Beziehung zur großdeutschen, zur europäischen Kunst: er wollte den heimischen Kunstbemühungen den Flachsenfingencharakter nehmen und machte sich unter der jungen Generation zum Erzieher und Führer in Kunstangelegenheiten für seine engere Heimat. Freilich mußte er zuerst einmal die Grundlage schaffen und angehen gegen die Heuchelei, Denkfaulheit und Bequemlichkeit des besitzenden, urteilenden Publikums. Die erste hannoversche Gemäldeausstellung 1833 hatte ihm erschreckend genug enthüllt, wie sehr das Urteil der Hannoveraner noch ohne jede Selbständigkeit und Gediegenheit war, allein der Phrase folgte und sich traditioneller Heuchelei überließ. Man schaut in die Seele der Biedermeierzeit, wenn man heute sieht, wie ein frischer, lebendiger Kopf opponieren mußte gegen die Stagnation des geistigen Lebens. Ernsthaft ließ sich diese eingeschlafene, traditionsbeschwerte Landläufigkeit in Kritik und Betrachtungsweise nicht einmal erledigen, denn dann wäre niemand aufgerüttelt worden. Zudem forderte das Verhalten des Biedermeierbürgers vor den Gemälden der Ausstellung den Spott und Witz geradezu heraus. So kam Detmold ganz natürlich, seiner sarkastischen Art gemäß, zu seiner ersten satirischen Schrift, nach den Erfahrungen der ersten Kunstausstellung anläßlich der zweiten: »Anleitung zur Kunstkennerschaft oder Kunst, in drei Stunden ein Kenner zu werden« (Hannover 1834) – Er nannte das Büchlein selbst einen Versuch, und doch hatte er damit eine dauernd gültige Geißelung des Kunstbanausentums und aller Kunstkennerheuchelei geschaffen. Echtester satirischer Geist füllte jedes Wort mit einem vergnüglichen Doppelsinn, so daß die Lektüre des Büchleins, ganz abgesehen von seiner unvergänglichen Frische der sachlichen Richtigkeit seiner Haltung und Ausführungen, zu der reizvollsten gehört, die man innerhalb deutscher Kunstliteratur haben kann. Detmold fand auf Anhieb den richtigen Ton, in dem sich das Kunstleben allein satirisch auffassen läßt, ohne in haltlose Karikaturen zu verfallen.

Detmold war aber nicht etwa daran gelegen, nur kritische, negierende Arbeit zu leisten. Sein Besserwissen suchte die positive Tat in den » Hannoverschen Kunstblättern«, die er 1835 und 1836 in je 12 Nummern von acht bis zwölf Spalten Umfang zusammen mit dem Maler G. Osterwald, der für die Redaktion verantwortlich zeichnete, herausgab. Diese kleine Zeitschrift, für die er selbst kleine ironische Titelbilder nach der Fabel von dem mit Sohn und Esel zur Stadt ziehenden Vater zeichnete, war für seine Zeit einzig in ihrer Art: sie machte den Herold der damaligen Ausstellungen. Bild für Bild ward darin ruhig und mit gediegenem Geschmack besprochen. Da die Münchener, Düsseldorfer, Berliner, Dresdener, Kasseler und Hannoveraner Künstler reichlich vertreten waren, ergibt sich aus den »Kunstblättern« eine lebendige Übersicht über die Kunst der Zeit: wenn sie keine hervorragenden Namen aufweist, war das nicht Detmolds Schuld. Der Ton der »Kunstblätter«, deren Text Detmold schrieb, und zu dem der Maler Osterwald die notwendigen Holzschnittabbildungen nach einzelnen Bildern anfertigte, fällt in seiner Gemessenheit angenehm auf. Hier wurde belehrt, ohne lehrhafte Aufdringlichkeit, erzogen ohne erzieherische Anmaßung. Hin und wieder meldete sich der Schalk Detmolds, der es nicht lassen konnte, einige kleine satirische Federzeichnungen zwischen die Abbildungen zu streuen; sie enthüllten sein gewandtes Talent. Ein grundlegender Aufsatz »Allgemeines über Bestrebungen und Tendenzen neuer Kunst« wurde im Jahrgang 1836 eingeschoben und enthüllte, wie sicher Detmold das Wesen der Kunst seiner Zeit erkannte. Er legte übersichtlich seine Kunstanschauungen dar: »die alte griechische Kunst belebte vornehmlich die Materie durch die Einhauchung der Psyche«. Die Fabel vom Prometheus, der sein Kunstwerk aus Ton formte und mit dem aus höheren Regionen stammenden Funken beseelte, stellt das ganze altklassische Kunstprinzip sehr schön dar. Das moderne – besser christliche – Kunstprinzip ist das rein umgekehrte. Die Idee, der Gedanke ist das Frühere, von dem die Kunst ausgeht. Die Materie gibt nur den Stoff her zur sinnlichen Darstellung des geistigen Inhalts. Dort das Idealisieren und Verallgemeinern, hier das Realisieren und Individualisieren ... Aus dieser Grundverschiedenheit der Prinzipe geht auch hervor, daß die christliche Kunst keineswegs auf die antike gegründet oder aus ihr hervorgegangen ist! Zur schöpferischen Tat des Künstlers sprach Detmold sich aus: »Das Natürlichste und Schönste ist immer das am nächsten Liegende.« »Jede Zeit hat ihre gerechten Ansprüche an alles, was in ihr besteht, – auch die Kunst. Also muß diese sich aus ihr assimilieren, sofern sie auch ihrerseits nicht fremd und wirkungslos darin bleiben will. Und das soll sie nicht, da sie ein Hauptmittel ist zur Sittigung und moralischen Entwicklung der Menschheit.« Für Detmold war vernunftgelenkter Idealismus Richtschnur. Er sah das Gute der Romantik, lehnte aber eine sentimentalische Romantik Jean Paulscher Herkunft ab: »Religion und Geschichte werden für und für diejenigen Gebiet« für die Malerei bleiben, die nicht veralten und aus der Mode kommen«, dabei »muß unsere Kunst bei allen denjenigen hohen Eigenschaften, mit denen sie unsern Sinn himmelwärts ziehen soll, dennoch mit uns auf demselben Boden wurzeln, wenn sie nicht als etwas Fremdartiges außer unserm Leben und seinen Anforderungen bleiben will.« Das Ideale mit dem Natürlichen, Realen auf vernunftgemäßer Grundlage verbinden! Detmold gab damit in Heinescher Nachfolge die Kunsttheorie des jungen Deutschlands. Er trat ein für das Natürliche nach Maßgabe des Gegenstandes. Die Richtigkeit des Ausdrucks sollte angestrebt werden, niemals aber Korrektheit auf Kosten des Ausdrucks. Nicht um nur den Schein der wirklichen Dinge zu geben, sondern um einer Idee, um eines seelischen, geistigen Gehaltes willen, den der aus der Natur entnommenen Materie aufzuprägen, einzuhauchen, »ohne Frage der geistigste Akt des bildenden Künstlers« ist, »ein Akt der Begeisterung und Offenbarung«, in dem sich der Beruf des Künstlers ausspricht, nicht in dem inneren Anschauungsvermögen, für das natürlich auf Klarheit und Bestimmtheit nicht verzichtet werden kann. Die Gegenwart zeige nun – sagte Detmold weiter – in der Kunst vielseitigste Bildung, darum auch »eine gewisse Seichtigkeit im einzelnen«, Zersplitterung mit sehr vielen und verschiedenen, aber nicht sehr beachtenswerten Resultaten. »So ist denn die Kunst unserer Tage keine dem Ganzen gemeinsame Totalität, sondern sie besteht lediglich in fragmentarischen Stückwerken«; von Deutschland mit Overbeck, Cornelius, Veit, Schadow, Heß, Hübner, Bendemann, Schnorr, Lessing erwartet er das Heil für die Zukunftsentwicklung der Malerei. – Die Kunstgeschichte hat allen Anlaß, auf Detmolds Ausführungen Bezug zu nehmen: sie geben Grundlagen für die Erkenntnis der Kunstanschauungen der Biedermeierzeit.

Detmolds Kunstleidenschaft zog nach den vier Ausstellungen, während deren er auch Beziehungen zu zahlreichen hervorragenden Persönlichkeiten außerhalb Hannovers angeknüpft hatte, immer weitere Kreise. Er sah, daß Hannovers Bezirk ihn zu hemmen begann, und so begab er sich denn 1837 auf eine große ›Bildungsreise‹. Sie führte ihn vor allem nach Paris, wo er seine Freundschaft mit Heinrich Heine vertiefte. Hier fesselte ihn besonders die Ausstellung im ›Salon‹. Er schrieb auf Heines Veranlassung für das Cottasche Morgenblatt von Mai bis Juli geistreiche und geistvolle Briefberichte darüber.

Neben seinen künstlerischen Interessen hatte er seit einigen Jahren auch die politischen gepflegt. Das junge Deutschland war ja erfüllt von politischen Ideen. Als nun im Sommer 1837 in Hannover ein Regierungswechsel eintrat, brach Detmold seinen Pariser Aufenthalt ab; er eilte in die Heimat in dem richtigen Bewußtsein, daß die Stunde seines politischen Wirkens gekommen sei. Er trat in den Kampf für das Staatsgrundgesetz ein, ward im Frühjahr 1838 von Münden zum Abgeordneten gewählt und schloß sich dem passiven Widerstand der Opposition an. Im folgenden Jahre hatte er einen Konflikt mit der Regierung, die ihn kurzerhand seines Mandates für verlustig erklärte, obwohl die Stadt Münden treu zu ihm hielt. Seine Abgeordnetenzeit war vorerst beendet. Er war seiner ganzen Anlage nach auch wenig geeignet zum Wirken im Parlament: so fesselnd und lebendig er sich im Privatgespräch gab, so wenig vermochte er durch seine unglückliche Figur und kleine Stimme in einem großen Raum aufzutreten. Er war kein Mann der effektsicheren Rhetorik, sondern des Dialogs, des dialektischen Kampfes. Er entwickelte sich infolgedessen nie zum berühmten Parlamentarier, wenngleich er wegen der Freiheit seiner Rede und der Unbekümmertheit seines Urteils, wegen seiner Ironie, seines Witzes und Geistes in parlamentarischen Kreisen eine der bekanntesten Persönlichkeiten war.

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Schwind, Politisches Zeitbild aus Hannover

Seitdem die Regierung ihm das Mandat entzogen hatte, trat er vor allem als Journalist für seine politischen Anschauungen ein: in der Münchener »Allgemeinen Zeitung«, in dem Stuttgarter »Deutschen Courier«, in Gutzkows »Telegraph«, in Hamburger und Bremer Blättern verfocht er die Sache der Opposition, deren Sammelpunkt sein elterliches Haus in der Düvenstraße in Hannover wurde. Eine ausgedehnte Parteikorrespondenz ließ seinen Einfluß überall an Stärke gewinnen. Mit Stüve, dem späteren Minister, gab er von 1838 bis 1841 in vier Bänden als »Hannoversches Postfolio« sämtliche Aktenstücke des Verfassungsstreites heraus. Die Regierung sah immer mehr in ihm ihren Hauptfeind und drangsalierte ihn, wo immer es nur möglich war. Er wurde seiner Bewegungsfreiheit beraubt: er mußte sich für jede Überschreitung der hannoverschen Bannmeile eine besondere Erlaubnis holen, wollte er ein Gut vor den Toren Hannovers aufsuchen, mußte er kraft eines königlichen Befehls von einem Gendarmen begleitet werden. Diese Beschränkung seiner persönlichen Freiheit ließ er sich nicht bieten: eine Interpellation in der Kammer stellte am 11. Juni 1841 fest, daß das Vorgehen gegen Detmold »unvereinbar mit dem Rechte der Untertanen und der Verfassung des Landes« sei. Detmold wußte mit Humor und Erfindungskraft seine besondere Lage zu einem Spiel mit den Beamten zu machen, wobei er die Lacher auf seiner Seite hatte.

Der Konflikt mit der Regierung und den Behörden artete auch zu einer gerichtlichen Tragikomödie aus: Detmold hatte sich schon am 15. Juli 1839 an der Vorstellung beteiligt, die hannöversche Magistratsmitglieder beim Bundestage gegen ihre Regierung erhoben hatten; wie die anderen Teilnehmer wurde Detmold aber nicht begnadigt, sondern zu dreißig Talern oder sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Detmold parierte diese lächerliche Verurteilung mit der Veröffentlichung seiner »Randzeichnungen«, deren Ertrag die Strafsumme decken sollte, und sprach es ganz offen im Vorwort der ersten Ausgabe, die »die schwierige Aufgabe« und das politische »Kindermärchen« brachte, aus: »Die beiden nachfolgenden Scherze sind zum Teil schon vor längerer Zelt entstanden und wurden ursprünglich nur zu des Verfassers eigener Ergötzung und ohne Gedanken an Veröffentlichung niedergeschrieben. Daß sie jetzt der Oeffentlichkeit übergeben werden, hat seinen Grund lediglich in einem äußeren Ereignisse (vom Mai d. J.). – Die Art der Entstehung sowie der Grund der Veröffentlichung mögen das Eine oder Andere darin entschuldigen. Hannover, 22. September 1843.« Diese »Randzeichnungen«, deren erste wohl noch in Detmolds Kunstliebhaberzeit vor 1837 entstanden ist, zeigen das für alle Satire, für jeden ursprünglichen Witz unumgänglich notwendige Ferment echten Erlebens bei frischem Temperament, klarem Urteil, freiester Beobachtung und großzügigen Anschauungen. Er übergießt in »der schwierigen Aufgabe« das übertriebene, nur der Selbstvergötterung dienende Kunstvereinlertreiben von Leuten, die innerlich der Kunst ganz fremd gegenüberstehen, in unübertrefflicher Weise mit der Lauge übermütigster Kritik: kleinstädtische Kunstauffassung hat hier ihr klassisches Konterfei im satirischen Stil erhalten. Im bedeutungsloseren »Kindermärchen«, das nachzudrucken heute wenig Sinn hat, geißelt er politische Zustände seiner Zeit nicht mehr ganz durchsichtig in einer Reineke-Voß-Einkleidung, ohne jedoch zu plastischer Gestaltung durchzudringen. Bei ihrer ersten Verbreitung erregten die »Randzeichnungen« in der hannoverschen Gesellschaft großes Aufsehen. Man schob den Satiren Tendenzen unter, die gar nicht beabsichtigt waren. Vor allem nahm man an der köstlichen Figur des Pastors Wehmeyer Anstoß, mit der Detmold gar nicht den Pfarrerstand hatte verspotten wollen, sondern nur eine Einzelfigur. Er entschloß sich infolgedessen für die zweite Auflage im Sommer 1847 zu »durchgreifenden Aenderungen«: der Pastor Wehmeyer wurde durch den Landrat Wehmeyer ersetzt und allzu Temperamentvolles mehr gezügelt, denn nichts lag Detmold ferner, als im bösen Sinne kränken oder beleidigen zu wollen; ihm kam es stets auf die Sache an und auf eine künstlerisch starke Satire.

Detmold war keine schöpferische Natur im weiteren Sinne. Als er 1845 anonym eine romanartig angelegte Novelle » Die tote Tante« herausgab, wurde die einfache Erb- und Heiratsgeschichte, die ganz schlicht heruntererzählt war und nur eine Begabung des Knotenschürzens, nicht aber des Gestaltens erwies, auch nirgends beachtet, –sie verdient auch keine Wiederauferstehung, da sie zugleich merkwürdig temperamentlos und unfarbig geschrieben ist. Detmold brauchte eben als Schriftsteller die Aufreizung des Augenblickserlebens, das erregende Moment, sei es im Widerspruch mit irgendeinem Ereignis oder sei es im allgemeinen Drüberstehen über dem Geschehenen.

Als er nach einigen Jahren Stille mit den Tagen der Revolution von 1848 wieder in die politische Arena der Zeit trat, fand er sofort den Stoff zu seiner bedeutendsten politischen Satire, zu den unsterblichen »Taten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Mayn«, die er 1849 als »Professor der Freskomalerey« mit dem Düsseldorfer Adolph Schrödter herausgab. Dies unvergleichliche Werk, das neben Hogarth' und Dorésche Arbeiten gestellt werden darf, ist ein gut Stück Selbstpersiflage Detmolds.

Detmold hatte sich mit der Revolution zur äußersten Rechten hinentwickelt. Als ihn nun der 23. Hannoversche Wahlbezirk als seinen Abgeordneten nach Frankfurt entsandte, schloß er sich der Opposition gegen die Alleinberechtigung der Nationalversammlung im Kreise von Georg von Vincke und Graf Schwerin an. Getreu seiner partikularistischen Ueberzeugung. Er mußte nun den König Ernst August verteidigen, der ihn einst vor sieben Jahren unter polizeiliche Aufsicht gestellt und mit der Anwendung eines Gesetzes über die Gefangenhaltung sicherheitsgefährlicher Subjekte in polizeilichen Werkhäusern bedroht hatte. Aber er ließ sich auch diese Schwenkung nicht anfechten: er war nun einmal entschiedener Partikularist und voll des Skeptizismus gegen alles, was deutsche Einheit und Preußen hieß; er konnte sich nur für geringe nationale Reformen erwärmen; er war mit der deutschen Kleinstaaterei vor 1866 einverstanden und handelte danach. Freilich nicht allzu tätig im Parlament selbst; in den Verhandlungen und Berichten wurde sein Name ebensowenig wie die der meisten Oppositionsabgeordneten, die zum Schweigen verurteilt waren, genannt. Nur einmal bestieg er – wie sein Held Piepmeyer – die Tribüne, um die demokratische Interpellationssucht zu verhöhnen. Seiner Persönlichkeit legte Detmold in Frankfurt im übrigen keine Zügel an: er war gefürchtet und geliebt zugleich wegen seiner meisterhaft angewandten Ironie- und Spottsucht; seine beißenden Witze kümmerten sich weder um rechts noch links, sondern nur um die Sache. Sie trafen den Nagel auf den Kopf und sagten allem phrasenhaften, phantastischen, Demokratischen, jedem Masseninstinkt Fehde an. »Ohne Glauben an die Aufgabe der Nationalversammlung«, schildert Frensdorff ihn in dieser Epoche, »ohne Teilnahme für ihre Arbeiten, inmitten einer erregten Menge kühl bis ans Herz hinan, sah Detmold seiner kritischen und künstlerischen Neigung gemäß seinen Beruf darin, das politische Treiben selbst, das ihn umgab, zu beobachten, die lächerlichen Seiten seiner Gegner – und die ganze Versammlung war sein Gegner – zu erspähen und im Bilde zu geißeln.« Seinem eigenen Zeichentalent ließ er in zahlreichen Karikaturen freien Lauf. Schließlich faßte er seine Erfahrungen in den »Taten und Meinungen des Herrn Piepmeyer« zusammen. Er schuf in unsterblicher, und zwar nicht französisch gearteter, sondern durchaus deutsch begründeter Fassung die Anschauung für jenen rückgratlosen Politikertyp, der keine eigenen, festen Ueberzeugungen besitzt, sondern bald rechts, bald links urteilt, nur aus Sucht, seine Popularität zu erhalten und geschäftlich, beruflich voranzukommen. Der politische Schieber im Biedermeierkostüm und in biedermeierscher Ungefährlichkeit, in kleinstädtischer Einkleidung mit dem letzten Ziel: Berlin, Ministersessel ... Detmold war der eigentliche Schöpfer dieser Figur, der er mit humorvoller Gerechtigkeit begegnete und mit gut beobachteten, volkstümlichen Elementen Blut und Farbe verlieh. Er war es wohl auch, der seinem Freunde Adolph Schrödter, den er nach Frankfurt geholt hatte, die zeichnerischen Unterlagen für die bildlich höchst gelungene Ausstattung des kleinen Werkes gab. Auf Adolph Schrödter hatte er schon 1836 in seinen »Kunstblättern« hingewiesen: »Von A. Schrödter«, heißt es da (S. 77), »dem Meister mit dem Pfropfenzieher, dem Maler des Don Quixote, demselben Künstler, der die Geister der Flasche, das Ständchen u. a. radiert hat, dem an Geist und Humor unstreitig reichsten Maler Deutschlands, haben wir ein kleines Bildchen, fast eine Skizze, aus dem wir ihn zwar als ausgezeichneten Künstler, doch nicht in seiner ganzen reichen und originellen Eigentümlichkeit kennenlernen. Es ist ein Frachtwagen mit Kannen, wenigen Figuren. Die Beleuchtung und Färbung ist vortrefflich, der landwirtschaftliche Hintergrund sehr schön.« Adolph Schrödter ist heute vergessen, trotz Detmolds großem Lobe: er war zu seinen Lebzeiten ein bekannter Illustrator und Maler; manche Museen, wie z. B. in Münster i. Westf., bewahren von ihm noch gediegene kleine Arbeiten auf, die keine besondere Originalität verraten. Originell war er nur, wo er illustrativ, dekorativ und satirisch arbeiten konnte. Seine Ausschmückung einer beim Kladderadatsch-Hoffmann erschienenen Anthologie in Gemeinschaft mit dem jungen Menzel verrät buchkünstlerische Kultur. Und seine Piepmeyer-Bilder erwecken durch ihre Natürlichkeit, die Sicherheit ihrer Gestaltung und die nie ermüdende Phantasie den Wunsch, daß dies Werk Schrödters noch einmal seine Auferstehung erfahren möge, zumal, da der Typus des Herrn Piepmeyer immer wiederkehrt. Politischer Dilettantismus wirkt sich immer auf die Art des Herrn Piepmeyer aus: in der Wahlversammlung, bei Volksreden, im Parlamente, bei Rechenschaftsberichten vor den Wählern, in Anmaßung, Dunkel, Eitelkeit, innerer Leere, in Materialismus, Heuchelei und Angstmeiern vor Verantwortlichkeit und Entscheidungen ...

siehe Bildunterschrift

Piepmeier redet in der Nationalversammlung
A. Schrödter

Detmolds politischer Weg führte nun zwar nicht wie der Piepmeyers nach Berlin, aber doch immerhin auf einen Ministersessel beim Bundesministerium, das am 16. Mai 1849 aus konservativen Leuten, wie Graevell, Merck, Jochmus und Detmold, gebildet wurde und trotz des Mißtrauensvotums der Nationalversammlung sich am Ruder erhielt. Detmold wurde als Nachfolger Robert von Mohls Justizminister, übernahm später noch das Portefeuille des Handels und der inneren Politik, ohne gerade unter Arbeit zu erliegen. Er focht jetzt aufs schärfste für seine Ideen: für Osterreich und den Partikularismus, und konnte seiner Eitelkeit die Freude des Kommandeurkreuzes des Leopoldordens und die schließliche Anstellung als hannoverscher Legationsrat und Bevollmächtigter der neuen Bundeszentralkommission nach Auflösung des Bundesministeriums gönnen. Er spielte jetzt im gesellschaftlichen Frankfurt eine gewisse Rolle: eine Dame der ersten Frankfurter Gesellschaft, die Tochter des Schöffen von Guaita, wurde seine Frau.

Lange konnte er sich aber bei der Bundesgesandtschaft nicht halten. Er war nicht zum Beamten, der nach den Anweisungen »von oben« zu arbeiten hat, geschaffen. Seine Eigenmächtigkeit in der hessischen Frage kostete ihm 1851 seine Stellung, zumal, da Hannover sich wieder Preußen näherte. Als Gesandter zur Disposition ging Detmold nach Hannover zurück und lebte hier noch einige Jahre, bis zum 17. März 1856, fern allem politischen Treiben nur seinen künstlerischen und literarischen Interessen, seinen gesellschaftlichen Freuden im Verkehr mit allen Größen der Diplomatie, des Hofes, der Wissenschaften und Künste. Zwei Bildnisse, das eine aus dem Jahre 1836 von der belgischen Reise, das andere aus der Nationalversammlung sind auf uns gekommen.

Seine markante Erscheinung ward schnell vergessen, da er selbst nie für das Fortleben seiner Werke etwas getan hatte. Wohl tauchte hin und wieder ein einsichtiges Urteil über seine satirische Kraft und die Einzigartigkeit seiner Büchlein innerhalb der deutschen Literatur auf. Ferdinand Kürnberger erinnerte 1876 in einem Aufsatz in der »Schlesischen Presse« daran, daß »unser buntscheckiges Vaterland an dem hannöverschen Advokaten Detmold einen seiner pikantesten Eulenspiegel besitzt«, und daß die deutsche humoristische Literatur nur weniges aufzuweisen hat, was »der schwierigen Aufgabe« an die Seite zu stellen wäre. Später, 1887, erschien auch einmal ein etwas ungeschickter, mit stillosen Bildern von E. Klein geschmückter Nachdruck der »Aufgabe«. Reclam bemächtigte sich ebenfalls der »Randzeichnungen«, ohne freilich ernsthafter auf Detmold einzugehen; er druckte ohne Nachprüfung die zweite politisierte Fassung der »schwierigen Aufgabe« ab, während die erste gerade des attischen Salzes voll ist. Erst Richard M. Meyer bekundete nachdrücklich, daß Detmold als ein klassischer Satiriker anzusprechen sei. Nun rührt sich die Gegenwart wieder um den Verschollenen: der Leipziger Bibliophilenabend brachte ihm eine fröhliche Urständ in einem kleinen Privatdruck, und wir glauben hier der breiteren Öffentlichkeit die endgültige Ausgabe bieten zu können.

Ein klassischer Satiriker, einer der pikantesten Eulenspiegel deutscher Literatur – man muß diese Titel Detmoldisch verstehen. Detmolds Witz steht wohl Heines und Börnes Art nahe, aber er ist nie so persönlich, so subjektiv, niemals herzlos. Detmold war stets bei aller Schärfe seines aristophanischen Temperaments ein Mann von Takt, Gemüt und Kultur. Er kannte den Wert des behaglichen Humors. Er liebte auch den harmlosen Scherz. Seine Eulenspiegeleien find wohl »pikant«, aber nur im Sinne geistiger Schärfe, niemals um des Sexuellen, des Unsittlichen willen. Er bekämpfte auch nie die echte Sittlichkeit, die gesunde Prüderie, sondern nur die übertriebene Moralsexerei, die bourgeoishafte Unfreiheit, die vor allem das Kunsturteil zu verwirren droht. Er ging gegen allgemein menschliche Schwächen an, nie gegen einzelne Personen, einzelne Berufe. Wenn man ihm bei Lebzeiten die Figur des Pastors Wehmeyer so verübelt hat, hatte man ihn mißverstanden: er als Ultrakonservativer hatte nie Thron und Altar, Königtum und Pfarrertum verhöhnen wollen, er geißelte stets nur die mit dem Wesen der Sache gar nicht zusammenhängenden Auswüchse, die sich einzelne Individuen erlaubten. Seine Kunst vermochte seine Geißelung mit dauerndem Leben zu füllen: weil er sich hingab an diesen Spott, weil er ein ethisches Ziel, das wirklicher Einsicht und Höherentwicklung, damit verfolgte. In seinen Satiren quillt der Born des satirischen Entzückens und Genusses immer neu, vielfarbig und quecksilber-lebendig: zwischen den Zeilen ruht das feinste Blinkern der lustigen Augen, das geheimste Zucken der ironischen Lachfalten. Wirkt die geistreiche Persiflage des Kunstvereinswesens nicht wie ein Spott auf die Debattiersucht der Parlamente: damals in den vormärzlichen Kammern in Deutschland und heute in ...?

Wir machen dem Advokaten Detmold in Hannover noch heute nur zu gerne in Dankbarkeit unsere Reverenz für die heitere Freiheit, mit der er souverän die Formen des Lebens, das innerlich Unwahre des künstlerischen und politischen Menschengetriebes an den Pranger seines Witzes stellte.

Dr. Hanns Martin Elster

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