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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Siebentes Kapitel.

»Sir Valentin, ich frage Nichts nach ihr.«
»Ich acht' ihn einen Narren, der sein Leben
Wagt um ein Mädchen, welches ihn nicht liebt.«
»Nicht ich begehre sie, drum ist sie dein.«
Zwei Edelleute von Verona.

Ich sah Anneke Mordaunt mehrere Male, theils auf der Straße, theils in ihrem Hause, zwischen jenem Abend und dem Tage, wo ich bei ihrem Vater speisen sollte. Am Morgen dieses letztern Tages beehrte mich Mr. Bulstrode mit einem Besuche, und verkündigte mir, er werde auch von der Gesellschaft in Crown-Street seyn; und die ganze Gesellschaft werde sich dann ins Theater begeben, um am Abend seinen Cato und Scrub zu sehen.

»Wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, in der Krone und Bibel, ganz hier in der Nähe, vorzusprechen, in Hanover Square, oder Queen Street, dem Hause des ehrlichen Hugh Gaine, so werdet Ihr dort eine Anzahl Billete finden für Euch, für Mr. und Mrs. Legge, und Euren Verwandten Mr. Dirck Follock, wie, glaube ich, der Gentleman genannt wird. Diese Holländer haben ganz außergewöhnliche Namen, das müßt Ihr zugeben, Mr. Littlepage.«

»So mag es einem Engländer erscheinen, obgleich unsre Namen für Fremde ebenso seltsam lauten. Aber Dirck Van Valkenburgh ist kein Verwandter von mir, wohl aber von den Mordaunt's, Euren Verwandten.«

»Nun, es ist Alles einerlei! Ich wußte, daß er verwandt sey mit Jemand den ich kenne, und so bildete ich mir ein, mit Euch. Gewiß, ich sehe ihn nie, ohne zu wünschen, daß er in unserer Grenadierkompagnie wäre.«

»Dirck würde jedem Corps Ehre machen, aber Ihr wißt, wie es mit den holländischen Familien ist, Mr. Bulstrode; sie behalten immer viel von ihrer Anhänglichkeit an Holland und nehmen nicht so häufig Dienste in der Armee oder Flotte, wie wir von englischer Abkunft.«

»Ich hätte geglaubt, ein Jahrhundert könnte sie etwas abgekühlt haben in ihrer Verehrung für die Wiesen von Holland. Im Heimathlande ist man der Meinung, daß New-York eine ganz besonders wohlgesinnte Colonie sey.«

»Das ist es auch, wie ich von allen Seiten höre. Was die Holländer unter uns betrifft, so habe ich meinen Großvater sagen hören, die Regierung König Wilhelms habe einen mächtigen Einfluß geübt, sie mit dem neuen Gouvernement auszusöhnen, aber seit seiner Zeit seyen sie weniger loyal als früher. Dennoch gelten die Van Valkenburghs für so gute Unterthanen, als das Haus Hannover nur irgend welche hat. Unter keiner Bedingung möchte ich ihnen in Eurer Meinung Schaden thun.«

»Gut oder schlecht, wir hoffen Euren Freund zu sehen, der irgendwie, nach Eurer Angabe, ein Verwandter Mordaunt's ist. Ihr werdet nur eine schwache Vorstellung von Dem bekommen, was eines der königlichen Theater ist, Littlepage, wenn Ihr dieser unserer Vorstellung anwohnt, obgleich es schon gut seyn mag, die Zeit zu tödten. Aber ich muß jetzt zur Probe; wir sehen uns wieder um drei Uhr.«

Hier machte mir mein munterer und tapferer Major seinen Bückling und verabschiedete sich. Ich begab mich nach dem Hause mit dem Schild der Krone und Bibel, wo ich eine Menge Leute versammelt fand, welche kamen um Karten zu holen. Da die Elite der Stadt für sich allein noch kein hinlängliches Publikum bildete, um den hochstrebenden Ehrgeiz der Schauspieler zu befriedigen, wurden mehr als die Hälfte der Billete verkauft, und das Geld für die kranken Familien von Soldaten bestimmt, welche keine Ansprüche ans Unterstützung von der Regierung hatten. Es wurde als eine sehr schmeichelhafte Auszeichnung angesehen, wenn man Freibillete bekam, obgleich Alle, welche so glücklich waren, sichs zur Pflicht machten, bei Mr. Gaine ein Geschenk für den Fond zurückzulassen. Nachdem ich meine Karten in Empfang genommen, verließ ich den Laden, und da es die Stunde zum Morgenspaziergang war, ging ich Wall-Street hinauf, nach dem Wall, wie Trinity Church Walk damals schon genannt wurde. Hier erwartete ich Dirck zu treffen und hoffte Anneke zu sehen, denn der Platz wurde Morgens und Abends von den muntern jungen Leuten sehr fleißig besucht. Die Musikbanden verschiedener Regimenter waren auf dem Kirchhof aufgestellt und die sich einfindende Gesellschaft wurde oft mit reichlicher, schöner, kriegerischer Musik regalirt. Einige Wenige von den Skrupulösen hielten sich auf über diese Entweihung des Kirchhofs, aber die Armee hatte so ziemlich in Allem ihren eignen Willen. Da man voraussetzte, daß sie nichts thue, als was auch in der Heimath gestattet und gebilligt werde, achtete man wenig auf die abweichende Meinung, und ich glaube, die Armee würde sich nicht viel darum gekümmert haben, wären auch die Beschwerdeführer zahlreicher gewesen.

Ich glaube wohl fünfzig junge Damen spazierten auf dem Kirchhofweg, als ich ihn erreichte, und beinahe ebenso viele junge Männer, die ihnen das Geleite gaben; nicht Wenige von den Letztern waren Scharlachröcke, obgleich auch die Biberröcke hier ihre Vertreter zählten. Auch einige Blaujacken waren unter uns, denn es lagen zwei oder drei königliche Kreuzer im Hafen. Da Niemand sich zur Promenade auf den Wall heranwagte, wer nicht ein gewisses Gepräge von Achtbarkeit hatte, war die ganze anwesende Gesellschaft hübsch gekleidet; und ich will gestehen, daß ich das erste Mal, als ich mich unter dieser bunten, müssiggängerischen Welt zeigte, von dem Schauspiel, das der Platz gewährte, sehr überrascht wurde. Der Eindruck jenes Morgens auf mich war so lebhaft, daß ich versuchen will, die Scene zu schildern, wie sie mir jetzt vor der Seele steht.

Erstlich war da die stattliche Straße, völlig achtzig Fuß breit, wo sie am engsten ist, und allmälig sich erweiternd, wenn man gegen die Bucht hinsah, bis sie sich auf dem Platz, welcher Bowling-Green heißt, zu mehr als der doppelten Breite ausdehnt. Dann kam das Fort, eine scharfe Höhe krönend, und Alles in diesem Stadttheil überschauend. Hinter dem Fort oder vor demselben, wenn man den Standpunkt auf dem Wasser nahm, lagen die Batterien, auf den Felsen erbaut, welche das südwestliche Ende der Insel bilden. Ueber diesen Felsen, welche schwarz und malerisch waren und den Batterien, welche sie trugen, hatte man die Ansicht auf die herrliche Bucht, da und dort besät mit Segeln oder Wohl auch mit einem Fahrzeug, das in ihrem friedlichen Schooße vor Anker lag. Von den zwei Reihen eleganter Häuser, meist von Backstein, und mit sehr wenigen Ausnahmen durchweg zwei Stockwerke hoch, ist kaum nöthig, zu sprechen, da es wohl nur Wenige gibt, die nicht von Broadway sprechen gehört und sich eine Vorstellung davon gebildet haben, – von dieser Straße, welche nach allgemeiner Übereinstimmung dereinst der Stolz der Westwelt seyn wird.

In der andern Richtung war, wie ich gern zugebe, die Ansicht nicht ebenso ausgezeichnet, da die Häuser meist aus Holz bestanden und ein minder vornehmes Aussehen hatten. Dennoch behauptete man, daß die Armee diese Häuser ebenso fleißig besuchte, als irgend welche in der Stadt. Nachdem man den Common, jetzt Park genannt, erreicht hatte, wo die große Bostoner Straße auf das freie Feld hinausführte, war die Ansicht gerade das Gegentheil von derjenigen auf der entgegengesetzten Seite. Hier war Alles binnenländisch und ländlich. Zwar stand hier das neue Bridewell aufgeführt und auch ein neues Gefängniß, beide gegenüber dem Common; und hinten hatten die königlichen Truppen Baracken; aber hohe, scharf abgeschnittene, kegelförmige Hügel, mit tiefem Marschland, Obstbäumen und Wiesen verliehen diesem ganzen Theile der Insel einen eigenthümlich neuen und ziemlich malerischen Charakter. Viele der Hügel in dieser Gegend und in der That über den größten Theil der Insel hin, sind jetzt geziert mit Landhäusern, wie deren auch schon damals einige vorhanden waren, namentlich Petersfield, der alte Sitz der Stuyvesant's, und das Landgut, das nach dem Rücktritt des alten holländischen Gouverneurs genannt, der dahin führenden Straße den Namen Bowery oder Bouerie gegeben hat, und Bowery-Hause, wie es hieß, der Landsitz des damaligen Lieutenant-Gouverneurs, James de Lancey: Mount Bayard, der achtbaren Familie dieses Namens angehörend; Mount Pitt, das Eigenthum der Mrs. Jones, der Gattin von Mr. Justin Jones, einer Tochter von James de Lancey, und verschiedene andere Berge, Häuser, Hügel und Landsitze, welche der Gentry und dem Volke von New-York wohl bekannt sind.

Aber der Leser kann sich selbst den Eindruck vorstellen, welchen eine solche Straße wie Broadway macht, beinahe eine halbe Meile lang, auf der einen Seite sich schließend mit einem hohen, weithin herrschenden Fort, mit dem Hintergrund von Batterien, Felsen und der Bucht, und auf der andern mit dem Common, worauf jetzt fortwährend Soldaten paradirten, mit Bridewell und dem Gefängniß und der so eben beschriebenen neuen Scenerie. Auch ist die Trinity-Kirche selbst nicht zu vergessen. Dieß Gebäude, immerhin eines der edelsten, wo nicht das edelste seiner Art in allen Colonien, mit seiner gothischen Architektur, seinen in Stein gemeißelten Statuen und seinen Seitenmauern gehörte noch ganz mit zu der Ansicht und verlieh dem Ganzen moralische Großartigkeit und Weihe. Wie gesagt, ich fand die Mall wimmelnd von jungen Leuten von Stand und gutem Ton. Diese Mall hatte eine Länge von beinahe hundert Schritten, und daraus erhellt, daß eine ansehnliche Masse von Jugend und Schönheit da zu schauen seyn mochte. Das schöne Wetter hatte angefangen; der Lenz war förmlich gekommen; Pinkster-Blumen (das wilde Geißblatt) hatte man schon die ganze Woche im Ueberfluß gesehen, und Alles, Menschen und Dinge, schien fröhlich und glücklich.

Ich konnte bemerken, daß meine Person in diesem Menschengewühl die Aufmerksamkeit auf sich zog – als ein Fremder. Ich sage als ein Fremder; denn ich möchte nicht gern so viel Eitelkeit verrathen, daß ich die Art und Weise, wie viele Augen mich verfolgten, eingebildeter Weise dem Umstand zuschreiben möchte, daß ich gekannt oder bewundert worden wäre. Doch will ich die mir von einer gütigen Vorsehung verliehenen Gaben auch nicht so verläugnen und herabsetzen, daß ich behaupten oder vermuthen lassen sollte, mein Gesicht, meine Person, mein äußeres Wesen überhaupt sey besonders unangenehm. Das wäre unrichtig; und ich habe jetzt ein Lebensalter erreicht, wo man die Wahrheit sagen darf, ohne der Einbildung beschuldigt zu werden. Meine Mutter rühmte oft gegen ihre nächsten Bekannten: »Corny sey einer der bestgewachsenen, hübschesten, rüstigsten und artigsten Jünglinge in der Colonie.« Das weiß ich; denn dergleichen Dinge kommen aus; aber man weiß, daß die Mütter in Bezug auf ihre Kinder ganz besondere Schwächen haben. Da ich das einzige am Leben gebliebene Kind meiner theuren Mutter, und sie eine der wohlwollendsten, liebevollsten Frauen war, die je gelebt haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Meinung, die sie von ihrem Sohn hegte, gar sehr gefärbt war von ihrer Liebe zu mir. Es ist wahr, man hat meine Tante Legge mehr als Einmal eine ziemlich gleichlautende Ansicht aussprechen hören; aber es ist wohl Nichts natürlicher, als daß Schwestern, in einer Familiensache dieser Art gerade, gleichen Sinnes sind; zumal da meine Tante Legge nie ein eignes Kind hatte, welches sie hätte lieben und preisen können.

Mag alle dem seyn wie ihm will, tüchtig angegafft wurde ich, als ich mich an dem bezeichneten Tage unter die Müssiggänger von Trinity Church Walk mischte. Was mich selbst betrifft, so heftete sich mein Auge begierig auf das Angesicht eines jeden hübschen, zarten, jungen Geschöpfes, das an mir vorbeikam, in der Hoffnung, Anneke zu sehen. Ich wünschte und fürchtete zugleich, ihr zu begegnen; denn die Wahrheit zu gestehen, mein Gemüth war wohl mehr als die halbe Zeit mit ihrer Schönheit, ihrem Gespräch, ihren gefühlvollen Reden, ihrer Anmuth und Sanftheit, und besonders mit ihrem Geiste beschäftigt. Ich empfand einige Beklemmungen, ich will es gestehen, wegen Dirck's; aber Dirck war so jung, daß am Ende doch seine Gefühle nicht sehr tief betheiligt seyn konnten; und dann war Anneke seine Base im zweiten Glied, und das war offenbar eine zu nahe Verwandtschaft, um einander zu heirathen. Mein Großvater hatte sich immer aufs entschiedenste gegen jede Verbindung zwischen näher als im dritten Gliede Verwandten erklärt; und ich erkannte jetzt, wie triftig seine Gründe waren. Wenn sie noch entfernter verwandt seyen, sagte er, nur um so besser; und um so besser war es auch!

Wenn mich der Leser fragen sollte, warum ich unter diesen Umständen fürchtete, Anneke Mordaunt zu begegnen, so dürfte ich in Verlegenheit seyn, ihm eine ganz verständliche Antwort geben zu können. Ich fürchtete mich selbst, das holde Antlitz zu sehen, das ich suchte; und oh! wie sanft, mild und engelhaft war es in dem Knospenalter von siebzehn Jahren! – aber obgleich ich beinahe bange davor war, es zu sehen: als ich endlich sie, welche ich so ängstlich und begierig gesucht hatte, sich mir nähern sah, Arm in Arm mit Mary Wallace, Bulstrode an ihrer Seite und Harris an der Seite ihrer Freundin, da wandte ich plötzlich mein Auge weg, als wäre es ganz unerwartet auf etwas Widerliches gefallen. Ich wäre an ihnen vorbeigegangen, ohne sie auch nur mit einem Bückling zu begrüßen, wären nicht meine Bekannten unbefangen und mehr an die freie Art und Weise des Stadtlebens gewohnt gewesen, als dieß bei mir der Fall war.

»Was ist denn das, Cornelius Coeur de Lion!« rief Bulstrode, indem er stehen blieb, und so die ganze Gesellschaft veranlaßte, auch stehen zu bleiben, wenn sie nicht das Ansehen haben wollten, als wünschten sie mir auszuweichen; »wollt Ihr uns nicht wieder erkennen, obgleich es noch keine Stunde ist, seit wir beide uns trennten? Ich hoffe, Ihr habt die Karten bekommen: und wenn Ihr: Ja! geantwortet habt, hoffe ich, Ihr werdet umkehren und mir die Ehre erweisen, diesen Ladies eine Verbeugung zu machen.«

Ich entschuldigte mich, und ich fürchtete, daß ich erröthete; denn ich bemerkte, daß Anneke mich, wie mir schien, mit einiger Theilnahme betrachtete, als ob sie Mitleid empfände mit meiner linkischen, unstädtischen Verlegenheit. Was Bulstrode betrifft, so verstand ich ihn damals nicht; denn es gieng über meine Beobachtungsgabe hinaus, mit Sicherheit auszumachen, ob er mich für wichtig genug ansah oder nicht, um bei seiner sehr augenfälligen Bewerbung um Anneke meinetwegen wirkliche Unruhe zu empfinden. Dennoch hatte ich keine Veranlassung, mich beleidigt zu glauben, da er mir mit Herzlichkeit und Achtung begegnete, während er eine so freimüthige Sprache gegen mich führte. Natürlich kehrte ich um und wandelte mit der Gesellschaft weiter, nachdem ich die Damen und Mr. Harris gehörig begrüßt hatte.

» Coeur de Lion ist ein besserer Name für einen Soldaten als für einen Civilisten,« sagte Anneke während wir weiter schritten; »und wie sehr auch Mr. Littlepage den Titel verdienen mag, weiß ich doch nicht so gewiß, Mr. Bulstrode, ob er ihn nicht lieber Euch Gentlemen überlassen würde, die Ihr dem Könige dient.«

»Ich freue mich der Gelegenheit, Mr. Littlepage, Euch für meine Partei anzuwerben, in einem Kriege, den ich mit Miß Anneke Mordaunt zu führen gezwungen bin,« sagte der Major munter. »Er betrifft das große Verdienst von uns armen Burschen, die wir das weite atlantische Meer durchschifft haben, um die Colonien zu schützen – New-York unter andern, und seine Bewohner, Miß Mordaunt und Miß Wallace eingeschlossen, gegen die Krallen und Klauen ihrer verruchten Feinde, der Franzosen. Erstgenannte junge Lady hat eine Art, die Sache anzusehen und darzustellen, der ich nicht beipflichten kann, und ich bin geneigt, Euch zum Schiedsrichter zwischen uns zu wählen.«

»Ehe Mr. Littlepage dieß Amt annimmt, ist es passend, daß er dessen Obliegenheiten und Verantwortlichkeiten kennen lerne,« sagte Anneke lächelnd. »Erstlich wird er finden, daß Mr. Bulstrode, trotz der lauten Betheuerungen seiner Anhänglichkeit an die Colonien, sehr geneigt ist, sie für Provinzen zu halten, welche ihre Existenz selbst England verdanken; während ich behaupte, Engländer sind es, aber nicht England, die so Viel in Amerika geleistet haben. Was New-York betrifft, Mr. Littlepage, und insbesondere Euch und mich, so können wir auch zu Gunsten von Holland ein Wörtchen sagen. Ich bin sehr stolz auf meine holländischen Verwandten und meine holländische Abkunft.«

Ich war sehr erfreut und geschmeichelt durch das »was Euch und mich betrifft«; obwohl ich mich, glaube ich, weniger um Holland kümmerte als sie. Ich gab eine Antwort, wie sie mir der Augenblick und seine Aufregung eingab; das Gespräch wandte sich bald auf das militärische Theater, welches eröffnet werden sollte.

»Ich fürchte Euch sehr als Kritikerin, Cousine Annie,« so nannte Bulstrode öfters Anneke, wie ich bald bemerkte; »ich finde, Ihr seyd gegen uns Leute von der Cokarde nicht allzufreundlich gesinnt, und ich glaube, Ihr habt auf unser Regiment einen ganz besondern Zahn. Ich weiß, daß auch Billings und Harris die größtmögliche Angst vor Euch haben.«

»Dann fürchten sie sich vor einer sehr unwissenden Kritikerin; denn ich war in meinem Leben noch nie bei einer theatralischen Vorstellung zugegen,« antwortete Anneke mit vollkommenster Aufrichtigkeit. »So viel ich weiß, ist nur Einmal eine regelmäßige Truppe in dieser Colonie gewesen; und das war zu einer Zeit, wo ich noch ein sehr kleines und sehr junges Mädchen war – wie ich denn auch jetzt noch weder eine sehr große noch sehr alte Jungfrau bin.«

»Ihr seht, Littlepage, mit welcher Gewandtheit und Einsicht meine Cousine vermeidet hinzuzusetzen ›noch auch sehr uninteressant, sehr häßlich, sehr unangenehm und sehr ungesucht‹ und fünfzig andere Eigenschaften, welche sie auch mit vollkommenster Wahrheit und Bescheidenheit hinzusetzen dürfte. Aber ist es wahr, daß das Theater nur Einmal eine Zeitlang hier eröffnet war?«

»So sagt mir mein Vater, aber ich weiß sehr wenig von der Sache selbst. Heute Abend werde ich mich zum ersten Mal einer Bühne gegenüber befinden, während Ihr, Mr. Bulstrode, wie ich voraussetze, zum ersten Mal auf einer Bühne auftretet.«

»In einem Sinne ist Letzteres wahr, in einem andern aber nicht ganz. Als Schulknabe habe ich oft gespielt in Schultheaterstücken; aber dieß ist etwas ganz Neues für uns, in einem Liebhaber-Theater aufzutreten.«

»Es mag undankbar erscheinen, da Ihr Euch so viele Mühe gebt, hauptsächlich, wie ich überzeugt bin, um uns jungen Damen eine Unterhaltung zu verschaffen, wenn ich frage, ob dieß eben so klug gethan, als neu ist. Ich muß dieß als Cousine fragen, wißt Ihr, Henry Bulstrode, um ganz dem Vorwurf der ungehörigen Zudringlichkeit zu entgehen.«

»In der That, Anneke Mordaunt, ich bin nicht so ganz fest überzeugt, ob es klug ist. Unsere Sitten fangen jedoch an sich zu ändern, und ich kann Euch versichern, daß verschiedene Edelleute Unterhaltungen dieser Art auf ihren Landsitzen gestattet haben. Die Sitte ist französisch, wie Ihr vermuthlich wißt, und alles Französische findet bei uns in Friedenszeiten ungeheuern Beifall. Sir Henry billigt es nicht ganz, und was die Lady, meine Mutter, betrifft, so hat sie wirklich über diesen Gegenstand mehr als ein abmahnendes Wort in ihren Briefen fallen lassen.«

»Ein unumstößlicher Beweis, daß Ihr ein höchst pflichtgetreuer Sohn seyd. Vielleicht jedoch, wenn Sir Henry und Lady Bulstrode von Euern großen Erfolgen hören, werden sie das Feld übersehen, auf welchem Ihr Eure Lorbeeren gewonnen habt. Aber unsere Stunde ist gekommen, Mary; wir haben gerade nur noch Zeit, diesen Gentlemen für ihre Höflichkeit zu danken und dann nach Hause zurückzukehren, um uns zum Essen anzukleiden. Ich habe selbst eine Rolle beim Diner zu spielen, wie Ihr, hoffe ich, Alle Euch erinnern werdet.«

Mit diesen Worten machte Anneke ihre Knixe in einer Art, welche jedes Anerbieten, sie nach Hause zu begleiten, ausschloß, und ging ihres Weges mit ihrer schweigsamen aber verständig aussehenden und hübschen Freundin. Bulstrode nahm meinen Arm mit einer Miene der unbefangenen, zuversichtlichen Ueberlegenheit und schritt mit mir seiner Wohnung zu, welche in Duke-Street sich befand. Harris schloß sich einer andern Gesellschaft an, denn er that es nicht anders, als daß er immer spät zum Essen kam.

»Das ist nicht nur eines der hübschesten, sondern auch eines der bezauberndsten Mädchen in den Colonien, Littlepage!« rief mein Begleiter, sobald wir uns von ihnen getrennt hatten, und dabei sprach er mit einem Ernst und einem Gefühl, wie ich es bei ihm gar nicht erwartete. »Wäre sie in England, sie würde mit Hülfe von etwas Ton und Schule eine der ersten Frauen dort vorstellen; und nur ganz wenig wäre erforderlich, denn es liegt ein Reiz in ihrer Naivetät, der mehr werth ist als die Kunst von fünfzig Frauen von gutem Ton und Fashion.«

»Fashion ist Etwas, das Jede entbehren kann, die nicht zufällig eine angebetete und gefeierte Dame ist.« versetzte ich, trotz der großen Ueberraschung, die ich fühlte. »Was die Schule betrifft, so kann ich an Miß Mordaunt, so wie sie ist, Nichts als Vollkommenheit entdecken, und würde alle Lehre und Bildung mir verbitten, die Etwas daran änderte.«

Ich glaube, es war jetzt die Reihe an Bulstrode, überrascht zu seyn, denn ich fühlte, daß er mich mit scharfspähendem Blicke betrachtete, obwohl ich ihn nicht erwiedern mochte. Mein Begleiter schwieg eine Minute; dann, ohne weiter Anneke'ns zu erwähnen, fing er an sehr verständig vom Theater und von Schauspielen zu sprechen. Ich fühlte mich unterhalten und belehrt; denn Mr. Bulstrode war ein gebildeter und gescheuter Mann, und ein seltsames Gefühl kam jetzt über den Geist meines Traumes, wie ich seinem Gespräche zuhörte. Dieser Mann, dachte ich, bewundert Anneke Mordaunt, und wahrscheinlich wird er sie mit sich nach England führen und ihr die Schule und Fashion angedeihen lassen, wovon er so eben gesprochen hat. Bei seinen Vorzügen und Vortheilen in Geburt, Persönlichkeit, Vermögen, Bildung und militärischem Rang kann ihm seine Bewerbung schwerlich fehlschlagen, wenn er einen ernstlichen Versuch macht; und es wird nicht mehr als der Klugheit gemäß seyn, meine eigenen Gefühle zu beherrschen, damit ich nicht das hoffnungslose Opfer einer ernsten Leidenschaft werde. So jung ich war, sah ich doch dieß Alles ein und faßte diese Vorsätze; und als ich von meinem Begleiter schied, dünkte ich mich ein viel weiserer Mann zu seyn, als da wir zusammentrafen. Wir trennten uns in Duke-Street mit dem Versprechen von meiner Seite, eine halbe Stunde später in der Wohnung des Majors vorzusprechen und mit ihm nach dem Hause Herman Mordaunt's mich zu begeben.

»Es ist ein Glück, daß es in New-York Mode ist, zu Fuß zu einem Diner zu gehen,« sagte Bulstrode, als er wieder meinen Arm ergriff auf unserm Wege nach Crown-Street; »denn diese engen Straßen müssen äußerst unbequem seyn für Wägen, obgleich ich gelegentlich einen darin sehe. Was Sänften betrifft, so verabscheue ich sie, weil es mir eines Mannes unwürdig scheint, sich darin tragen zu lassen.«

»Viele von unseren vornehmsten Familien halten Wagen, und sie scheinen damit ganz gut fortzukommen,« anwortete ich. »Dennoch ist es ganz üblich, auch für die Ladies, zu Fuße zu gehen. Ich vermuthe, daß ein großer, vielleicht der größte Theil Eures Publikums heute Abend zu Fuß nach dem Schauspielhause sich begeben wird.«

»Man sagt mir das auch,« versetzte Bulstrode, und verzog dabei die Lippe einwenig in einer Art, die mir nicht ganz gefiel. »Demungeachtet werden viele reizende Geschöpfe darunter seyn und wir werden sie willkommen heißen. Nun, Littlepage, ich verzweifle nicht daran, Euch noch unter uns zu sehen; denn, um aufrichtig zu seyn, ohne daß ich doch den Prahler machen möchte, ich glaube, Ihr werdet an dem ––sten Regiment eine so freigesinnte Schaar junger Männer finden als nur irgend im Dienst ist. Es herrscht der Wunsch, die Biberröcke unter uns zu haben, anstatt uns Scharlachröcke gänzlich abzuschließen. Dann haben auch Euer Vater und Großvater Beide gedient, und das wird eine famose Empfehlung und Vorstellung geben.«

Ich versicherte, daß ich dazu ganz ungeschickt seyn würde, da ich in meinem Leben nie dergleichen gesehen und mitgemacht hätte; aber mein Begleiter wollte davon Nichts hören; und wir suchten unseren Weg, so gut wir konnten, durch William-Street, den Wall hinauf; und dann durch Nassau nach Crown-Street; denn Herman Mordaunt besaß ein neues Haus, nicht weit von Broadway entfernt, in der letztern Straße. Es war dieß ein ziemlich entlegener Stadttheil; aber die Lage hatte den Vortheil einer guten Luft, und wenn eine Stadt sich ausdehnt, müssen immer auch Leute auf den äußersten Punkten wohnen.

»Ich wünschte mein guter Vetter wohnte nicht so ganz in der Vorstadt,« sagte Bulstrode, als er in sehr patricischer Weise anpochte; »es ist nicht sehr bequem, wenn man so weit von seinen gewöhnlichen Revieren weg muß, um Besuche zu machen. Mich wundert, wie Mr. Mordaunt dazu kam, so weit aus der Welt hinaus zu bauen.«

»Aber die Entfernungen in London müssen noch viel größer seyn; doch freilich, dort habt Ihr Kutschen.«

»Wahr! aber kein Wort mehr von dieser Sache; ich möchte nicht, daß Anneke glaubte, ich fände je den Weg weit, ihr Besuche zu machen.«

Wir waren die Letzten, mit Ausnahme des einzigen verzögerlichen Mr. Harris, welcher darauf hielt, immer der Letzte zu seyn. Wir fanden Anneke Mordaunt umgeben von zwei oder drei Ladies von ihrer Verwandtschaft, und eine versammelte Gesellschaft von einem vollen Dutzend Personen. Da die meisten Anwesenden einander täglich, und oft zwei- oder dreimal jeden Tag sahen, waren die Begrüßungen und Complimente bald vorüber, und Herman Mordaunt begann sich umzuschauen, Wer denn noch fehle.

»Ich glaube Alle sind da, außer Mr. Harris,« bemerkte der Vater gegen seine Tochter, und unterbrach ein Gespräch von Mr. Bulstrode, um diese Thatsache kund zu thun. »Sollen wir auf ihn warten, meine Liebe? Er ist gewöhnlich so unzuverläßig und kommt so spät.«

»Aber er ist doch ein sehr wichtiger Mann,« bemerkte Bulstrode, »da er berechtigt ist, in Kraft seiner Geburt, die Dame des Hauses zu Tische zu führen; das hat es zu bedeuten, wenn man der vierte Sohn eines irischen Barons ist! Wißt Ihr, daß Harris' Vater ganz neuerlich geadelt worden ist?«

Dieß war eine Neuigkeit für die Gesellschaft, und sichtlich wurde dadurch der Zweifel sehr gesteigert, ob es schicklich sey, sich in Abwesenheit des fraglichen jungen Mannes zu Tische zu setzen.

»In Ermanglung dieses Sohnes eines neuen irischen Barons bildet Ihr Euch vermutlich ein, ich werde genöthigt seyn, meine Hand dem ältesten Sohn eines englischen Baronets zugeben,« sagte Anneke lächelnd, so daß sie dadurch einer kleinen Ironie, welche ich in ihrem Benehmen leise durchschimmern sah, die Spitze abbrach.

»Ich wünschte zum Himmel, Ihr thätet es, Anneke Mordaunt,« flüsterte Bulstrode, laut genug, daß ich es hörte, »und so, daß das Herz die Hand begleitete!«

Mir kam dieß keck und entschieden gesprochen vor; und ich sah Anneke mit gespannter Aufmerksamkeit an, um zu sehen, welchen Eindruck es auf sie mache; aber sie nahm es sichtlich nur als eine Redensart auf, denn gewiß ist, daß sie durchaus keine Gemüthsbewegung verrieth bei einer Rede, die mir so bedeutsam erschien. Ich wünschte, sie hätte ein wenig Unmuth blicken lassen; und dann war sie noch so jung, um so mit verfänglichen Reden gedrängt zu werden!

»Es wäre das Beste, das Diner auftragen zu lassen, Sir,« bemerkte sie ruhig gegen ihren Vater. »Mr. Harris würde es fast übel nehmen, wenn er nicht schon Alle bei Tische findet. Es würde ein Beweis seyn, daß seine Uhr falsch ginge, und daß er um eine halbe Stunde zu früh gekommen wäre.«

Herman Mordaunt nickte zustimmend, und verließ seine Tochter, um die nöthigen Befehle zu ertheilen.

»Ich glaube, Harris wird dieß beklagen,« sagte Bulstrode. »Ich wünschte wiederholen zu dürfen, was er erst gestern über diesen Gegenstand mir zu sagen die Verwegenheit hatte.«

»Ueber die Schicklichkeit eines solchen Verfahrens muß Mr. Bulstrode für sich selbst entscheiden; doch vermeidet man in der Regel am besten Wiederholungen dieser Art.« »Nein, der Bursche verdient es: so will ich es nur Euch und Mr. Littlepage im Vertrauen sagen. Ihr müßt wissen, als der Aeltere an Jahren und als ihm vorgesetzter Offizier überdieß, deutete ich dem Mr. Harris an, daß es unschicklich sey, wenn er immer so spät zum Essen komme; und hier habt Ihr die Antwort, die mir mein Ehrenmann gab: ›Ihr wißt,‹ sagte er, ›daß, mit Ausnahme von Lord London, dem Oberbefehlshaber, dem Gouverneur und einigen Staatsbeamten, ich jetzt den Vortritt vor beinahe allen Männern hier habe; und ich finde, wenn ich frühe zum Diner mich einfinde, so werde ich alle die ältlichen Damen zu Tische führen, und meinen Platz neben ihnen einnehmen müssen, während ich, wenn ich etwas später komme, mich neben ihren Töchtern einschleichen kann.‹ In dem vorliegenden Falle nun wird er freilich gar sehr zu Schaden kommen, da die Lady des Hauses noch nicht ganz fünfzig Jahre zählt.«

»Ich hatte dem Mr. Harris nicht so viel kecke Aufrichtigkeit zugetraut,« sagte Annecke ruhig. »Aber hier ist er, um seine Rechte in Anspruch zu nehmen.«

»Ha, der Bursche hat an Euer Alter und wahrscheinlich auch an Eure Anziehungskraft gedacht!«

In diesem Augenblick wurde das Diner angekündigt, und aller Augen richteten sich auf Harris, in Erwartung, er werde vortreten, um Anneke die Treppen hinab zu führen. Der junge Mann, noch jünger als ich, hatte nicht wenig mauvaise honte; denn obgleich er der Sohn eines vor zwei Monaten geschaffenen irischen Peers war, war doch die Familie eigentlich nicht irisch, und er besaß ganz und gar kein ehrgeiziges Verlangen, in dieser Weise zu figuriren. Nach Allem, was ich später von ihm sah, glaube ich, daß nur das Gefühl der Pflicht gegenüber seinem Stande ihn vermochte, diese Vorrechte des Rangs überhaupt zu beachten, und daß er in der That eben so gern als der Letzte zu einem Diner gegangen wäre, wie als der Erste. Im jetzigen Falle jedoch ward er bald aus der Verlegenheit gezogen durch Herman Mordaunt, welcher im Heimathland erzogen worden war und sich auf die Gebräuche der Welt trefflich verstand.

»Gentlemen,« sagte er, »ich muß Euch bitten, die Vorrechte des Ranges für heute aufzugeben zu Gunsten von Mr. Cornelius Littlepage. Diese geehrte Gesellschaft ist hauptsächlich versammelt zu Ehren seines Muthes und seiner Hingebung für seine Mitmenschen, und er wird mir die Gunst erweisen, Miß Mordaunt die Treppe hinunter zu führen.«

Dann bezeichnete Herman Mordaunt dem ehrenwerthen Mr. Harris die der Dame des Hauses zunächst stehende Lady, und dem Mr. Bulstrode eine dritte; worauf die übrigen Alle für sich selbst sorgten. Was mich betrifft, so fühlte ich mein Angesicht von einer Glut übergossen bei dieser unerwarteten Aufforderung, und getraute mir kaum, Anneke anzusehen, als wir den Uebrigen voran nach dem Speisesaal schritten. So beschämt und schüchtern war ich, daß ich kaum die Spitzen ihrer schmalen zarten Finger berührte, und meine Hand während der ganzen Zeit, wo sie diese Obliegenheit zu erfüllen hatte, beständig zitterte. Natürlich hatte ich bei diesem Bankett meinen Sitz neben dem der jungen und liebenswürdigen Herrin des Hauses.

Was soll ich von dem Diner sagen? Es war das allererste Gastmahl dieser Art, bei dem ich zugegen war, obgleich ich mir am Tische meiner Tante Legge einige Begriffe von den städtischen Gewohnheiten bei solchen Gelegenheiten erworben hatte. Zu meinem Erstaunen kam hier Suppe, – eine Schüssel, die Satanstoe nie gesehen hatte, außer wenn es ganz familiär zuging; hier aber nahmen alle Anwesenden davon, als Etwas das sich von selbst verstehe. Alles war elegant und vortrefflich gekocht. Ueberfluß jedoch war ein Hauptzug des Essens; was, wie ich sagen gehört, bei allen Gastgeboten in New-York der Fall zu seyn pflegt. Dennoch bin ich immer der Meinung gewesen, daß, was Essen und Trinken betrifft, die amerikanischen Colonien wenig Grund haben, sich zu schämen.

»Hätte ich dieß Diner voraussehen können, Miß Mordaunt,« sagte ich, als Alle beschäftigt waren, und ich eine passende Gelegenheit zu haben glaubte, meiner schönen Nachbarin Etwas zu sagen, »so würde sich mein Vater sehr glücklich geschätzt haben, einen Hammelskopf in die Stadt zu schicken für diese Gelegenheit.«

Anneke dankte mir, und dann begannen wir vom Wildpret zu sprechen. West-Chester war und ist noch berühmt wegen seiner Rebhühner, Schnepfen, Wachteln, Enten und Lerchen, und ich verstand mich trotz Einem darauf, über solche Gegenstände mich zu verbreiten. Alle Littlepage's waren Schützen; und ich weiß Fälle, daß mein Vater zehn Paar Schnepfen an einem Morgen in den feuchten Dickichten von Satanstoe in seine Jagdtasche schob; und das mit einem Hühnerhunde zweiten Ranges, und zwar nur mit einem einzigen. Bulstrode und Harris hörten, was ich hierüber sagte, mit großer Aufmerksamkeit an, und es würde bald das Alles verschlingende Gesprächsthema geworden seyn, hätte nicht Anneke scherzend gesagt:

»Alles ganz gut, Gentlemen; aber Ihr werdet Euch erinnern, daß weder Miß Wallace noch ich Schützinnen sind.«

»Außer mit den Pfeilen Cupido's,« versetzte Bulstrode munter; »mit diesen richtet Ihr so viel Schaden an zwischen Euch,« und er legte besondern Nachdruck auf die Worte, so daß ich, der ich zwischen ihnen saß, ein gar verblüfftes Gesicht machte, »daß Ihr dazu verurtheilt werden solltet, ein ganzes Jahr Nichts zu hören als Gespräche vom Schießen von Vögeln.«

Dieß veranlaßte ein Gelächter, ein wenig auf meine Kosten, glaube ich; obgleich ich sah, daß Anneke erröthete, während Mary Wallace nur schwach lächelte; aber als jetzt die Gesundheiten begannen, hatten die Possen ein Ende. Und ein Ernst ist es, Jedermann mit Namen zuzutrinken an einer großen Tafel; ein Ernst, meine ich, für einen jungen Anfänger. Herman Mordaunt jedoch entledigte sich dieser Obliegenheit mit einer Anmuth und Würde, welche, wie ich glaube, selbst bei einem königlichen Bankett sich bemerklich gemacht haben würde. Die Ladies machten ihre Sache bewundernswerth, und vergaßen Keinen; und selbst Harris fühlte die Nothwendigkeit, es mit diesem unerläßlichen Punkte der guten Lebensart genau zu nehmen. So gut ging diese Ceremonie von Statten, daß ich glaube, versichern zu können, Jedes hatte mit Jedem getrunken, fünf Minuten nachdem Herman Mordaunt den Anfang gemacht hatte; und es war augenscheinlich, daß, nachdem Alles abgemacht war, mehr Unbefangenheit und wahre Heiterkeit an der Tafel herrschte, als vorher.

Aber die glückliche Zeit jedes Gastmahles ist, wenn das Tischtuch weggenommen worden. Wenn auf dem Grunde des dunkeln, polirten Mahagoniholzes die funkelnden Flaschen, die Obst- und Kuchen-Körbe die Runde machen, dann scheint dieser Anblick schon Einem das Verlangen nach heiterer Fröhlichkeit einzuflößen. Herman Mordaunt forderte zu Toasten auf, nachdem das Tischtuch verschwunden war, in der Absicht glaube ich, Alle in eine recht unbefangene Stimmung zu versetzen und das Gespräch allgemeiner zu machen. Man bat ihn mit gutem Beispiel voranzugehen, und er brachte sogleich einen Toast aus auf »Miß Markham«, die, wie man mir sagte, eine unverheirathete Lady von vierzig Jahren war, mit welcher er eine kleine Liebeständelei gehabt hatte. Dann kam die Reihe an Anneke, und sie brachte einen Toast aus in Form eines Spruches, trotz aller Gegenvorstellungen von Bulstrode, welcher durchaus auf einen Gentleman drang. Es gelang ihm nicht, sie dazu zu bringen, Anneke blieb fest bei ihrem Spruch: »das Thespische Corps vom ––ten Regiment; möge es eben so glücklich seyn in den Künsten des Friedens, wie es sich oft in seiner militärischen Eigenschaft in denen des Krieges bewährt hat.« Großer Beifall begleitete diesen Toast, und Harris ließ sich von Bulstrode bereden aufzustehen, und einige Worte im Namen und zur Ehre des Regiments zu sprechen. Welch eine Rede! – Sie erinnerte mich an ein Pferd, welches um diese Zeit in London als eine Merkwürdigkeit gezeigt und ausposaunt wurde, und von welchem es hieß: es habe den Schwanz da wo der Kopf seyn sollte. Bulstrode aber klatschte in die Hände und rief bei jedem dritten Wort: »Hört!« unter Betheuerungen, das Regiment werde durch die Danksagung ebenso geehrt wie durch den Trinkspruch. Harris schien nicht unzufrieden mit seiner Leistung, und, in Kraft seines Ranges, trank er, ohne auf eine Aufforderung zu warten: »Auf die Schönen von New-York; hervorragend ebenso durch Schönheit als durch Geist, – mögen sie nur ebenso gnädig und huldvoll werden, als sie siegreich sind!«

»Bravo!« rief wieder Bulstrode. »Harris ist förmlich inspirirt und bringt es immer weiter. Hätte er noch hinzugesetzt: Furcht einjagend, so hätte er noch wahrer gesprochen, denn ihr Stirnrunzeln ist ebenso drohend, als ihr Lächeln bezaubernd.«

»Soll das als Euer Trinkspruch gelten, Mr. Bulstrode, und sollen wir darauf trinken?« fragte Herman Mordaunt.

»Keineswegs, Sir; ich habe die Ehre, Lady Dolly Merton zu nennen.« Wer Lady Dolly war, wußte, glaube ich, Niemand, obgleich wir in den Colonien immer auf eine betitelte Person im Heimathlande, welche einen bekannten Namen hatte, mit sehr viel achtungsvoller Aufmerksamkeit, um nicht zu sagen, Verehrung, tranken. Andere Toaste folgten, und dann wurden die Damen gebeten zu singen. Anneke erfüllte diesen Wunsch ohne vieles Zureden, wie dieß ihrer Stellung geziemte, und nie vernahm ich süßere Laute, als die ihren Lippen entströmten! Das Lied war einfach, aber ganz Melodie und der Text hatte gerade genug vom innigsten Gefühle des Weibes, um ansprechend zu seyn, ohne daß es das Mindeste enthalten hätte, was für die jungfräulichen Lippen der Sängerin unpassend gewesen wäre. Bulstrode war, wie ich wohl sah, beinahe verzückt: und ich hörte ihn murmeln: »Ein Engel, beim Himmel!« Er selbst sang ein Liebeslied voll Zartheit und in einer Art, daß man sah, er hatte der Kunst der Musik sich mit großem Eifer gewidmet. Auch Harris sang und ebenso Mary Wallace; der Erstere so wie er sprach; die Letztere wehmüthig, aber entschieden gut. Selbst Herman Mordaunt gab eine Strophe zum Besten und dann kam die Reihe an mich. Singen war gewissermaßen eine starke Seite bei mir, und ich habe Grund zu glauben, ich machte meine Sache so gut als Einer. Ich weiß, daß Anneke zufrieden schien und ich sah Thränen in ihren Augen, als ich mein Lied beendigte, welches ganz auf eine solche Wirkung berechnet war.

Endlich stand die jugendliche Dame des Hauses auf, ihren Vater vorsorglich erinnernd, daß er den vornehmsten Schauspieler des Abends an seinem Tische habe, als drei oder vier von uns die Damen nach dem Gesellschaftszimmer geleiteten. Statt an den Tisch zurückzukehren trat ich auch in dieß Zimmer und Bulstrode that dasselbe, unter dem Vorwand, er dürfe durchaus nicht Mehr trinken in Betracht der ihm noch bevorstehenden Aufgabe.

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