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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Sechstes Kapitel.

                              Nein, seyd kurz!
Ich seh' das Ende schon, und bin beinah
Ein Mann.
Cymbeline.

Da Dirck Miß Mordaunt nach ihres Vaters Haus in Crown-Street Jetzt Liberty-Street. Kronenstraße – Freiheitsstraße. begleitete, ergriff ich eine Gelegenheit, mich Jason's zu entledigen, da ich nicht in der Stimmung war, seine Vorlesungen über das, was im Leben schicklich sey, anzuhören, und verließ das Pinkster-Feld so schnell ich konnte. Trotz der Größe und Bedeutung von New-York mußte doch ein solcher Fest- und Feiertag nothwendig große Menschenmassen herbeilocken, welche Zuschauer der Spiele und Kurzweil abgaben. Im Jahr 1757 stand James de Lancey an der Spitze der Regierung der Provinz, so wie überhaupt, thatsächlich, während eines großen Theils seines Lebens; und ich erinnere mich auf meinem Weg in die Stadt, seinem Wagen begegnet zu seyn, welcher die jüngern Kinder der Familie auf das Feld hinaus führte. Da der Tag vorrückte, sah man Wagen von verschiedner Art im Broadway erscheinen, hauptsächlich mit den Kindern ihrer Eigenthümer besetzt. Alle diese gehörten Leuten vom höchsten Range; Und ich sah das Schiff, das Wappenabzeichen der Livingstons, die Lanze der de Lancey's, das brennende Schloß der Morrises, und andere in der Provinz wohlbekannte heraldische Abzeichen. Allerdings waren Wagen im Jahr 1757 nicht so allgemein, wie sie es seitdem geworden sind; aber die meisten unserer vornehmen Leute fuhren in ihren Kutschen, Chaisen oder Phaetons, oder welche Namen ihre Fuhrwerke sonst haben mochten, wenn es eine Gelegenheit gab zu einem so weiten Ausflug aus der Stadt wie der Gemeindeanger, da wo jetzt der Park ist. Die Straßen auf der Insel Manhattan waren recht hübsch und malerisch, zogen sich zwischen Felsen und durch Thäler hin, und waren mit Hainen und Gehölzen eingefaßt, so daß die Fahrt dann etwas ganz Ländliches und Heimliches hatte. Da und dort kam man an ein Landhaus, den Wohnsitz irgend einer bedeutenden Person, welches durch Behaglichkeit und Zierlichkeit genügendes Zeugniß von Reichthum und gutem Geschmack ablegte. Mr. Speaker Nicoll Die hier gemeinte Person war William Nicoll, Esquire, Patentirter von Islip, einem großen Gut auf Long-Island, welches noch der Familie gehört, in Folge eines im Jahr 1683 bewilligten Patents. Dieser Gentleman war ein Sohn des Staatssekretärs Nicoll, welcher, wie man glaubt, ein Verwandter von Oberst Nicoll war, dem ersten englischen Gouverneur. Mr. Speaker (Sprecher) Nicoll, wie der Sohn genannt wurde, weil er dieß Amt beinahe ein Menschenalter hindurch bekleidete, war der direkte Stammvater der Nicolls von Islip und Shelter-Island, so wie von einem Zweige, der längst in Stratford, in Connektikut, sich angesiedelt hat. Das von Mr. Littlepage als eine Reliquie aus der alten Zeit – der amerikanischen alten Zeit, darf man nicht vergessen! – erwähnte Haus stand vor wenigen Jahren, wenn es nicht noch steht, auf dem Punkt, wo die alte Bostoner Straße und die Neue-Straße sich vereinigen, fast gerade gegenüber dem Schluß der langen Allee, welche nach Rosehill, ursprünglich einem Landsitze der Watt's, führte. Das Haus stand in kleiner Entfernung über dem jetzigen Union-Square, und nicht weit von dem jetzigen Gramerey. Es war, oder ist ein backsteinernes, einstockiges Haus, mit einem kleinen Hofplatz vorn; das Zufluchthaus stand in geringer Entfernung rechts davon. Wenn es noch steht, muß es eines der ältesten Gebäude überhaupt in einer Stadt von 400,000 Seelen seyn! Da Mr. Speaker Nicoll im Jahr 1718 auf den Stuhl verzichtete, muß dieß Haus wenigstens 130 oder 140 Jahre alt seyn; und es dürfte sich fragen, ob ein Dutzend so alte öffentliche oder Privat-Häuser auf der ganzen Insel zu finden wären.
Da die gewöhnlichen Familienwohnsitze der Nicoll's in Suffolk waren, oder auf ihren Gütern, so ist wahrscheinlich, daß der erwähnte Sitz gewissermaßen von einer Verschwägerung mit den Watt's herrühren mochte, ebensowohl als von dem Umstande, daß der Sprecher nothwendig viele Zeit am Sitze der Regierung zubringen mußte. Der Herausgeber.
hatte seit einer langen Reihe von Jahren eine Wohnung dieser Art inne, welche etwa eine Stunde von der Stadt entfernt lag und welche noch jetzt steht, denn ich komme auf meinen Reisen zwischen Satanstoe und York immer daran vorbei. Ich habe den Patentirten nie selbst gesehen, da er lange vor meiner Geburt starb; aber sein Haus in der Nähe der Stadt steht noch, wie ich gesagt, zum Andenken an vergangene Zeiten!

Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu seyn, und Jedermann trug ein Verlangen, auch einen Blick auf die Kurzweil auf dem Pinkster-Feld zu werfen; obwohl die Gesetzteren und Gebildeteren Selbstverläugnung genug besaßen, sich davon entfernt zu halten, da es sich mit ihren Jahren und mit ihrer Stellung nicht vertragen haben würde, daß man sie an einem solchen Ort gesehen hätte. Der Krieg hatte jedoch viele Regimenter in die Provinz geführt, und ich begegnete wenigstens zwanzig jungen Offizieren, welche zu der Scene der Unterhaltung hinausschlenderten, während ich in die Stadt zurückkehrte. Ich will gestehen, ich gaffte diese Jünglinge mit Bewunderung und nicht ganz ohne Neid an, wie sie paarweise an mir vorüberkamen, lachend und sich belustigend an den grotesken Gruppen von Schwarzen, denen sie gelegentlich begegneten, wie sie von ihrer Kurzweil zurückkehrten. Diese jungen Männer hatten, das wußte ich, das Glück gehabt, in der Heimath gebildet zu werden, ein Theil von ihnen wahrscheinlich auf den Universitäten, und Alle inmitten der hohen Civilisation und des Geschmackes von England. Doch es ist übereilt, wenn ich sage, Alle; denn es waren auch junge Männer von den Colonien darunter, welche vermutlich dieser Vortheile sich nicht zu erfreuen gehabt haben. Das bequeme Wesen, die Zuversicht, und der ruhige – wie soll ich es nennen? – Uebermuth wäre ein zu starkes Wort, und ein Ausdruck, den ich, der Sohn und Enkel ehemaliger Offiziere des Königs, nicht gern gebrauchen möchte, und doch kommt er dem am nächsten, was ich meine, um das Tieferliegende im Benehmen dieser jungen Männer zu bezeichnen – aber, was es auch war, dieser eigenthümliche Ton und Anstrich hauptstädtischer Ueberlegenheit gegenüber von provinzialer Unwissenheit und provinzialer Abhängigkeit, welcher ganz gewiß alle die jüngeren Männer dieser Classe auszeichnete, machte einen Eindruck auf mich, welchen ich schwer finde, zu beschreiben. Ich war ein loyaler Unterthan – liebte den König – und zwar ganz besonders, seitdem er so mit der protestantischen Erbfolge identificirt wurde – liebte Alle vom königlichen Geblüte, und hegte für Nichts heißere Wünsche, als für die Ehre und den Glanz der englischen Krone. Ein junger Mann von solchen Gesinnungen mußte wohl nothwendig die Offiziere des Königs mit wohlwollenden und freundschaftlichen Gefühlen betrachten; und doch, ich will es gestehen, gab es Momente, wo dieser Ton übelverhehlter Ueberlegenheit, dieß Benehmen, welches so sehr dem des Herrn gegen den Diener, des Vornehmen gegen den von ihm Abhängigen, des Patrons gegen den Clienten glich, mich tief kränkte, und mich mit so bittern Gefühlen erfüllte, daß ich ernstlich kämpfen mußte, sie zu unterdrücken. Aber damit greife ich der Zeit vor und unterbreche den ordentlichen Verlauf meiner Erzählung. Ich bin geneigt, zu glauben, es müsse immer viel von diesem Gefühl da vorhanden seyn, wo das Verhältnis von Oberherrlichkeit und Abhängigkeit besteht, wie zwischen verschiednen Territorien.

Ich war ziemlich aufgeregt und auch etwas erschöpft durch den Spaziergang und die Vorfälle des Morgens, und beschloß, mich sofort nach Duke-Street zu begeben, und an dem kalten Mittagessen meiner Tante Theil zu nehmen; denn wenige Privatfamilien in New-York, deren Essen ihren regelmäßigen Köchen oder Köchinnen übertragen war, bekamen an diesem und an den zwei folgenden Tagen etwas Warmes auf ihren Tisch. Hier und dort fanden sich jedoch weiße Stellvertreter, und wir hatten um halb zwei Uhr das Glück, einen solchen Beistand zu bekommen. Es war dieß der englische Diener eines Obersts Mosely, eines Offiziers der Armee, welcher mit dem Hause meines Oheims genau bekannt war, und die Artigkeit hatte, bei dieser Gelegenheit seinen Koch anzubieten. Ich erfuhr nachmals, daß viele Offiziere dasselbe Wohlwollen gegen mehrere andere Familien an den Tag legten, mit welchen sie auf vertrauterem Fuße standen.

Heirathen zwischen jungen englischen Offizieren und unsern lieblichen, zarten Yorker Schönheiten kamen sehr häufig vor, und ich hatte ein paarmal an diesem Morgen eine Herzbeklemmung verspürt, wegen Anneke'ns, als ich an jungen Männern vom 55sten Regiment, vom 60sten, den Loyalen Amerikanern, dem 17ten und andern vorbeikam, welche damals in der Provinz standen.

Meine Tante kam eben vom Gesellschaftszimmer herab, in förmlichem Anzug zum Essen, – denn das unterläßt eine Lady nie, wenn sie auch nur einen kalten Pudding zum Essen bekommt. Als ich die auf die Straße gehende Thüre aufmachte, kam Mrs. Legge nicht bloß herunter, um ihren Sitz am Tisch einzunehmen, sondern da sie, in Folge der Abwesenheit des größten Theils ihres Gesindes einige ausserordentliche Obliegenheiten zu besorgen hatte, war sie eben hiemit beschäftigt. Als sie jedoch mich erblickte, blieb sie auf dem Treppenabsatz stehen und winkte mir zu sich.

»Corny,« sagte sie, »was habt Ihr denn gethan, mein Sohn, das Euch eine solche Ehre eingebracht hat?«

»Ehre! – Ich wüßte nicht, daß mir irgend eine zu Theil geworden wäre! Was meint Ihr denn wohl, meine liebe Tante?«

»Da ist Herman Mordaunt gekommen und wartet, um Euch zu sehen, im Gesellschaftszimmer. Er hat ganz besonders angelegentlich nach Euch gefragt; wünscht Euch zu sehen; drückt sein Bedauern aus, daß Ihr nicht zu Hause seyet, und schwatzt nur von Euch!«

»In diesem Fall muß ich wohl so schnell als möglich die Treppen hinauf eilen, um ihn zu begrüßen. Ich will Euch Alles über Tisch erzählen, Tante; – für jetzt entschuldigt mich.«

Fort eilte ich mit pochendem Herzen, um einen Besuch von Anneke'ns Vater anzunehmen. Ich vermag kaum einen Grund anzugeben, warum dieser Gentleman gewöhnlich, wenn man von ihm sprach, und manchmal auch, wenn man mit ihm sprach, Herman Mordaunt genannt wurde, wenn es nicht anders daher rührte, daß, weil er zum Theil von holländischer Abkunft war, der Name, welcher dieß andeutete – (Hermanus, von den Holländern Hermaanus ausgesprochen), – von einem Theil der Leute zur Bezeichnung dieses Umstandes gebraucht wurde, und daß dann Andere dieser Gewohnheit sich bequemten. Aber Herman Mordaunt wurde er gewöhnlich genannt; und zwar in achtungsvoller Weise, und nicht so, wie gemeine Personen von Vorgesetzten und Höheren zu reden sich oft herausnehmen, um sich gleichsam ihrer vertrauten Bekanntschaft mit denselben zu rühmen. Ich hätte es zu jeder Zeit meines Lebens zur Ehre geschätzt, einen Besuch von Herman Mordaunt zu empfangen; aber mein Herz pochte förmlich, wie schon gesagt, als ich die Treppen hinauf sprang, um Anneke'ns Vater zu begrüßen.

Mein Oheim war nicht zu Hause und ich fand meinen Besuch allein mich im Gesellschaftszimmer erwartend. Wohl bekannt mit dem Zustand unserer, so wie in der That aller Familien während der Pinkster-Zeit, hatte er darauf bestanden, daß meine Tante ihn verlassen sollte, während er einige neue Bücher durchsah, welche vor Kurzem vom Mutterlande angekommen waren; und unter diesen befand sich eine neue und sehr schöne Ausgabe vom Spectator, einem Werke, welches sich in allen Colonien einer verdienten Berühmtheit erfreut.

Mr. Mordaunt trat mir, so bald ich mich näherte, zur Begrüßung entgegen mit kunstgerechter Artigkeit, aber mit einer Wärme, welche nicht wohl erheuchelt seyn konnte. Bei alledem war sein Betragen bequem und natürlich; und mir erschien er als der feinstgebildete Mann, den ich je gesehen.

»Ich bin dem Himmel dankbar, daß ich die Verpflichtung, in der ich Euch stehe, mein junger Freund,« sagte er sogleich und ohne irgend eine Einleitung, wenn man nicht sein Benehmen dafür gelten lassen wollte, »dem Sohne eines Gentleman schulde, welchen ich so hoch achte, wie Evans Littlepage. Ein loyaler Unterthan, ein rechtlicher Mann und ein Gentleman von guter Herkunft und guten Verbindungen wie er, mag wohl der Vater eines muthigen Jünglings seyn, welcher sich nicht bedenkt, selbst Löwen entgegen zu treten, wenn es die Verteidigung des schwächern Geschlechts gilt.«

»Ich will mir nicht die Miene geben, als verstände ich Euch nicht, Sir,« antwortete ich, »und ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück, daß die Sache nicht schlimmer ablief, obwohl Ihr die Gefahr gar sehr überschätzt. Ich zweifle, ob selbst ein Löwe das Herz hätte, Miß Mordaunt ein Leid zu thun, wenn sie in seiner Gewalt wäre.«

Ich denke, das war eine ganz hübsche Rede für einen zwanzigjährigen Jüngling; und ich gestehe, ich erinnere mich derselben noch jetzt mit Wohlgefallen. Wenn ich gelegentlich Schwächen dieser Art blicken lasse, so bitte ich den Leser zu bedenken, daß ich die Rolle eines ehrlichen Geschichtschreibers spiele, und daß mein Bestreben dahin geht, nichts zu verhehlen, was man wissen sollte.

Herman Mordaunt setzte sich nicht wieder, weil es schon so spät, halb zwei Uhr, war; aber er versicherte mich vielfach seiner Freundschaft, und lud mich auf Freitag zum Mittagessen ein – als die früheste Zeit, wo er wieder über die Dienste seines Gesindes gebieten könne. Die Armee hatte spätere Stunden eingeführt, als früher üblich war, die Einladung lautete auf drei Uhr; und es wurde damals, wie ich mich wohl erinnere, gesagt, daß die Leute nach der Mode und vom guten Ton in London sogar noch später sich zu Tische setzten. Nachdem er noch fünf Minuten bei mir geblieben, verabschiedete sich Herman Mordaunt. Natürlich begleitete ich ihn bis unter die Thüre, wo wir unter vielen Bücklingen uns trennten.

Beim Mittagessen erzählte ich meinem Oheim und meiner Tante Alles, was vorgefallen war, und freute mich, Beide so günstig von meinen neuen Bekannten sprechen zu hören.

»Herman Mordaunt könnte ein noch viel angesehenerer Mann seyn, als er ist,« bemerkte mein Oheim, »wenn er Lust hätte, ins öffentliche Leben einzutreten. Er hat Talente, eine gute Erziehung und Bildung, ein sehr schönes Besitzthum, und gewiß recht gute Verbindungen in der Colonie; Manche behaupten, auch im Mutterlande.«

»Und Anneke ist ein holdes junges Geschöpf,« setzte meine Tante hinzu; »und wenn Corny einmal einer jungen Lady beispringen sollte, so bin ich herzlich froh, daß es Anneke war. Sie ist ein treffliches Wesen, und ihre Mutter war eine meiner vertrautesten Freundinnen, und ebenso von meiner Schwester Littlepage. Ihr müßt heute Abend hingehen und Euch nach ihrem Befinden erkundigen, Corny. Eine solche Aufmerksamkeit ist unerläßlich, nach Allem was vorgefallen ist.«

Ob ich wünschte, diesem Rathe zu folgen? Ohne alle Frage; doch aber war ich zu jung und zu wenig frei und unbefangen, als daß ich ohne mancherlei Bedenklichkeiten zu dieser Ceremonie mich hätte entschließen sollen. Zum Glück kam Abends Dirck in unser Haus; und als meine Tante ihre Meinung vor meinem Freunde wiederholte, erklärte er sogleich, er finde dieß ganz schicklich, und er glaube, Anneke habe wohl das Recht, es zu erwarten. Da er sich mir zum Begleiter anbot, befanden wir uns bald auf dem Wege nach Crown-Street, wo Mr. Mordaunt ein treffliches Haus besaß und bewohnte. Wir wurden von Mr. Mordaunt selbst eingelassen, da noch keiner von seinen Schwarzen vom Pinkster-Feld zurückgekommen war.

Dirck schien nicht nur mit Herman Mordaunt, sondern auch mit seiner reizenden Tochter auf dem besten Fuße zu stehen. Ich hatte bemerkt, daß die Letztere ihn immer: »Cousin Dirck« nannte, und ich wußte selbst nicht recht, ob ich dieß als ein Zeichen von besonderer, persönlicher, oder von Familien-Vertraulichkeit ansehen sollte. Daß Dirck Anneke Mordaunt lieber hatte als irgend ein menschliches Wesen, konnte ich leicht erkennen; und ich gestehe, daß diese Entdeckung mir schon einiges Mißbehagen zu verursachen anfing. Ich liebte Dirck, und ich wünschte, daß er eher jedes andere Wesen geliebt hätte, als gerade dasjenige, auf welches sich, wie ich fürchtete, seine Neigung geworfen hatte.

Herman Mordaunt führte mich die stattliche, breite, mit Mahagoniholz bekleidete Treppe seines Hauses hinauf und in ein sehr hübsches, obwohl nicht sehr großes, aber wohlerleuchtetes Gesellschaftszimmer. Hier saß Anneke, seine Tochter, in der Lieblichkeit ihrer jungfräulichen Reize, etwas sorgfältiger vielleicht gekleidet als gewöhnlich, denn sie hatte drei oder vier junge liebenswürdige Mädchen bei sich und fünf oder sechs junge Männer; und unter diesen befanden sich nicht weniger als drei Scharlachröcke.

Ich will nicht versuchen meine Schwäche zu verhehlen. Erst zwanzig Jahre alt, unerfahren und nicht an städtische Gesellschaften gewöhnt, fühlte ich mich befangen und unbehaglich, sobald ich in das Zimmer trat; auch verlor sich während der ersten halben Stunde diese Empfindung nicht. Anneke trat mir ein paar Schritte entgegen zur Begrüßung; und ich konnte bemerken, daß sie beinahe ebenso verwirrt und verlegen war, wie ich. Sie erröthete, wie sie mir für den Dienst dankte, den ich ihr geleistet, und drückte ihre Freude darüber aus, daß ihr Vater so glücklich gewesen, mich zu Hause zu treffen, und Gelegenheit gehabt habe, einem Theil seiner Gefühle über diesen Vorfall Worte zu geben. Dann lud sie mich ein, Platz zu nehmen, nannte der Gesellschaft meinen Namen und sagte mir von zweien oder dreien der jungen Damen, wer sie seyen. Von diesen Letztern wurde mir manches beifällige Lächeln zu Theil, was ich als Danksagung für den ihrer Freundin geleisteten Dienst nahm, während ich nicht umhin konnte zu bemerken, daß ich für die Meisten der anwesenden Männer ein Gegenstand der genauen Beobachtung und Prüfung war. Die drei Offiziere insbesondere betrachteten mich am schärfsten und am längsten.

»Ich hoffe, Euer kleiner Unfall, der an sich von keiner großen Bedeutung seyn konnte, da Ihr so leicht davon kamet, hat Euch doch nicht verhindert, den kostbaren Spaß dieser Pinkster-Geschichte zu genießen?« sagte Einer der Scharlachröcke, sobald die Bewegung, welche mein Empfang verursacht hatte, vorüber war.

»Ihr nennt es einen kleinen Unfall, Mr. Bulstrode,« erwiederte Anneke mit einem vorwurfsvollen Schütteln ihres Köpfchens, »aber ich kann Euch versichern, es ist keine Kleinigkeit für eine junge Lady, sich in den Tatzen eines Löwen zu sehen.«

»Also ein ernster Unfall; denn ich sehe, Ihr seyd entschlossen, Euch als ein Opfer zu betrachten,« versetzte der Andere; »aber ich hoffe doch, nicht ernsthaft genug, um Euch um den Spaß zu bringen?«

»Das Pinkster-Feld und die Pinkster-Lustbarkeiten sind für uns nichts Neues, Sir, da wir sie jedes Jahr haben; und ich bin alt genug, daß ich sie in den letzten zwölf Jahren nie versäumt habe.«

»Wir hörten, Ihr seyet draußen gewesen,« bemerkte ein anderer Rothrock, welchen ich hatte Billings nennen hören, »begleitet von einer kleinen Armee Leichter Infanterie, wie Bulstrode sie nannte.«

Hier mischten sich drei oder vier von den andern jungen Frauenzimmern in das Gespräch und legten sofort Einsprache dagegen ein, daß Mr. Bulstrode ihre jüngern Schwestern so cavalierement unter die Armee stecke; eine Anklage, welche Mr. Bulstrode zu pariren suchte, indem er seine Hoffnung aussprach, sie Alle über kurz oder lang nicht nur in der Armee, sondern sogar in seinem eigenen Regiment zu sehen. Auf dieß entstand eine gewisse Heiterkeit, und wurden mehrfache Protestationen laut, die Abgeneigtheit aussprechend, sich anwerben zu lassen, woran jedoch, wie ich zu meiner Freude bemerkte, weder Anneke, noch ihre vertrauteste Freundin, Mary Wallace, Theil zu nehmen für passend fanden. Mir gefiel ihr zurückhaltendes Benehmen weit besser, als die kindische Schwatzhaftigkeit ihrer Freundinnen; und ich bemerkte wohl, daß die Männer sie nur um so mehr deßhalb achteten. Es folgten nun mancherlei allgemeine unzusammenhängende Gespräche, welche ich nicht weiter verfolgen und berichten will, sondern mich auf solche Beobachtungen beschränke, welche Bezug hatten auf Dinge, die mich persönlich berührten.

Da keiner von den jungen Soldaten mit seinem militärischen Titel angeredet wurde, – denn dergleichen geschah, wie ich jetzt entdeckte, nie in den bessern Kreisen, und am wenigsten in denjenigen, welche Beziehungen mit dem Heere hatten, konnte ich damals den Rang der drei Rothröcke nicht erfahren; jedoch erfuhr ich später, daß der Jüngste ein Fähnrich war, mit Namen Harris, fast noch ein Knabe, und der jüngere Sohn eines Parlamentsgliedes. Der im Alter auf ihn Folgende, Billings, war Kapitän und es hieß, er sey der natürliche Sohn eines Edelmannes; während Bulstrode wirklich der älteste Sohn eines Baronets war, von drei bis viertausend Pfund jährlicher Einkünfte, und, obgleich erst vierundzwanzig Jahre alt, durch Stellenkauf sich schon zum Major hinaufgeschwungen hatte. Dieser Letztere war wirklich ein hübscher Bursch; und ich hatte kaum eine Stunde in seiner Gesellschaft zugebracht, als ich schon deutlich genug erkannte, daß er ein eifriger Bewunderer von Anneke Mordaunt war. Die zwei Andern bewunderten offenbar zu sehr sich selbst, als daß sie sehr lebhafte Gefühle für andere Personen hätten haben können. Was Dirck betrifft, so hielt er, jünger noch als ich, und schüchtern so wie langsam von Natur, sich ganz im Hintergrund, und unterhielt sich die meiste Zeit mit Herman Mordaunt über Landwirthschaft.

Wir waren eine Stunde beisammen gewesen, und ich hatte hinlängliche Unbefangenheit erlangt, daß ich von meinem Sitz aufstand und ein paar Gemälde betrachtete, welche die Wände zierten und Originale aus der alten Welt seyn sollten; denn, die Wahrheit zu gestehen, die Malerkunst hat in den Colonien noch keine großen Fortschritte gemacht. Wir haben zwar Maler, und man behauptet, ein paar derselben seyen Männer von seltenem Verdienst, und die Damen sitzen ihnen sehr gern zu Portraits; aber das sind Ausnahmen. In künftigen Tagen, wenn Kritiker die Namen Smybert, Watson und Blackburn werden unsterblich gemacht haben, werden die Leute dieser Provinzen die Talente kennen lernen, welche sie einst in ihrer Mitte besaßen; und, die Enkel derjenigen, welche diese genialen Männer zu ihren Lebzeiten vernachläßigt haben, – ja, ihre entferntesten Nachkommen werden die dem Verdienst und Talent widerfahrenen Unbilden bis ans Ende der civilisirten Zeit rächen. Es ist ein Fehler der Colonien, daß sie mißtrauisch sind gegen ihre eigenen Meinungen; aber ich habe Gentlemen, welche in der Heimath erzogen wurden, und einen gebildeten, feinen Geschmack besaßen, versichern hören, daß die Maler Europa's, wenn sie diese Hemisphäre besuchten, all ihre Vorzüge behalten und eben so frei und gut unter der amerikanischen wie unter der europäischen Sonne gemalt haben. Was eine Schwesterkunst betrifft – die Thespische Muse war wirklich fünf Jahre vor meinem Besuch in der Stadt im Jahr 1757, also im Jahr 1752, unter uns erschienen, und ein Theater war im Jahr 1753 erbaut und eröffnet worden in Nassau-Street, worauf eine Gesellschaft unter der Leitung des gefeierten Hallam und seiner Familie spielte. Dieß Theater zu besuchen hatte ich, seit es stand, vor Begierde gebrannt, denn ich hatte noch nie eine theatralische Darstellung gesehen; aber meiner Mutter dringende Vorstellungen hielten mich ab, hinzugehen, so lang ich im Collegium war. »Wenn du alt genug bist, Corny,« pflegte sie zu sagen, »sollst du meine Erlaubniß haben, so oft hinzugehen, als schicklich ist; aber jetzt bist du noch in einem Alter, wo Shakspeare und Rowe dein Latein und Griechisch über den Haufen werfen könnten.« Der Gehorsam war mir nicht allzu schwer gefallen, sintemal das Gebäude in Nassau-Street, das zweite regelmäßige Theater, welches im britischen Amerika erbaut worden, niedergerissen und an der Stelle desselben eine Kirche aufgeführt wurde. Diese Kirche wird jetzt in ein Postgebäude verwandelt. Die Schauspieler gingen nach den Inseln, und waren bis zu dem Zeitpunkt, von welchem ich hier erzähle, noch nicht wieder auf dem Continent erschienen; auch fand ihre Rückkehr erst im folgenden Jahre statt. Daß sie jedoch erwartet wurden, und ein neues Haus, in einer andern Gegend der Stadt, für sie gebaut worden war, wußte ich, obgleich Monat um Monat verstrich und die heißersehnte Truppe nicht kam. Ich hatte jedoch vernommen, daß die große militärische Macht, welche sich in der Colonie zusammenzog, sie vermuthlich bald zurückführen werde, und das Gespräch nahm bald eine Wendung, welche zeigte, wie lebhaftes Interesse die jungen, muntern und schönen Herren und Damen an der Sache nahmen. Ich betrachtete noch immer ein Gemälde, als Mr. Bulstrode sich mir näherte und ein Gespräch mit mir anknüpfte. Man wird sich erinnern, daß dieser Gentleman vier Jahre älter war als ich; daß er eine Universität besucht hatte; der Erbe einer Baronetschaft war; die Welt kannte; sich zum Major in der Armee aufgeschwungen hatte, und von Natur wie in Folge seiner Erziehung und Bildung angenehm und fein war, wenn er dazu Lust hatte. Diese Umstände gaben ihm, wie ich nicht umhin konnte zu fühlen, einen ungeheuren Vortheil über mich; und ich wünschte von ganzem Herzen, wir möchten lieber an jedem andern Orte stehen, als vor dem Auge von Anneke Mordaunt, als ihm so beliebte, mich durch eine Art von tête-à-tête, oder ein abgesondertes Gespräch zum Behuf einer nachtheiligen Vergleichung zu isoliren. Doch konnte ich mich nicht beklagen über sein Benehmen, welches artig sowohl als achtungsvoll war; obgleich ich mich kaum des Gedankens erwehren konnte, daß er sich insgeheim die ganze Zeit über mich lustig machte.

»Ihr seyd ein glücklicher Mann,« begann er, »Mr. Littlepage, daß Ihr im Falle gewesen, der Miß Mordaunt einen so wichtigen Dienst zu leisten. Wir Alle beneiden Euer gutes Glück, während wir Euren entschlossenen Muth bewundern, und ich bin überzeugt, die Männer unseres Regiments werden gebührende Kunde davon nehmen. Miß Anneke ist im Besitz der Hälfte unserer Herzen, und wir müßten noch herzloser seyn, wenn wir einen solchen Dienst übersehen könnten.«

Ich murmelte eine halb verständliche Antwort auf sein Kompliment, und mein neuer Bekannter fuhr fort:

»Ich bin beinahe erstaunt, Mr. Littlepage,« sagte er, »daß ein Mann von Eurem lebhaften Geist in so lebhaften und bewegten Zeiten wie die jetzigen nicht auch zu uns kommt. Man sagt mir, Euer Vater und Großvater haben gedient, und Ihr seyet ganz Euer eigener Herr. Ihr werdet gar viele Männer von Verdienst und von gutem Ton unter uns finden, und ich hege keinen Zweifel, sie würden dazu beitragen, Euch die Zeit recht angenehm vertreiben zu helfen. Es werden große Verstärkungen erwartet, und wenn Ihr Lust zu einer Fahne hättet, so weiß ich, glaube ich, ein Bataillon, in welchem ein paar erledigte Stellen sind, und welches gewiß in den Colonien dienen wird. Es würde mir großes Vergnügen machen, Euch behülflich seyn zu können in Erreichung Eurer Absichten und Wünsche, falls Ihr geneigt seyn solltet, sie auf die Armee zu richten.«

Nun sagte er das Alles mit anscheinend sehr offenem und aufrichtigem Wesen, welches, wie mir schien, um so sichtbarer hervortrat in Folge des Umstandes, daß Anneke so saß, daß sie nothwendig jedes Wort hören mußte, das gesprochen wurde. Ich bemerkte sogar, daß sie ihr Auge auf mich heftete, als ich antwortete, obwohl ich mir nicht getraute, sie meinerseits so scharf zu beobachten, daß ich den Ausdruck ihres Gesichts gesehen hätte.

»Ich bin Euch sehr verbunden, Mr. Bulstrode, für Eure großmüthigen und wohlwollenden Gesinnungen,« antwortete ich, ziemlich förmlich, denn mein Stolz kam mir zu Hülfe; »aber ich fürchte, es steht nicht in meiner Macht, sofort oder auch überhaupt je, mir dieselben zu Nutze zu machen. Mein Großvater lebt noch, und er übt einen großen Einfluß über mich und mein Schicksal, und ich weiß, es ist sein Wunsch, daß ich in Satanstoe bleibe.«

»Wo?« fragte Bulstrode, mit mehr Lebhaftigkeit und Neugier, als sich vielleicht mit guter Lebensart im strengen Sinne vertrug.

»In Satanstoe; ich wundere mich nicht, daß Ihr lächelt, denn es klingt gar seltsam, aber es ist der Name, den mein Großvater dem Familienbesitzthum in West-Chester gegeben hat. Gegeben, sage ich, obwohl ich vielleicht richtiger sagen würde: übersetzt, da, wie ich gehört habe, die jetzige Benennung eine ziemlich buchstäbliche Uebertragung aus dem Holländischen ins Englische ist.«

»Mir gefällt der Name ausnehmend, Mr. Littlepage, und ich bin überzeugt, mir würde auch Euer guter, alter, ehrlicher, angelsächsischer Großvater gefallen. Aber, verzeiht, ist es wirklich sein Wunsch, daß Ihr zu Satansfoot Würde Satans fuß heißen. bleibt?«

»Satans toe, Sir; wir machen nicht Anspruch auf den ganzen Fuß. Es ist meines Großvaters Wunsch, daß ich zu Hause bleibe bis zu meiner Volljährigkeit, das heißt jetzt noch einige Monate.«

»Um Euch fern zu halten von den Fußtapfen des Satans, vermuthe ich. Nun, diese alten Gentlemen haben oft Recht. Solltet Ihr jedoch Eure Absichten ändern, mein lieber Littlepage, so vergeßt mich nicht, sondern erinnert Euch, daß Ihr zählen könnt auf einen Mann, der einigen geringen Einfluß besitzt, und immer bereit seyn wird, ihn geltend zu machen zu Gunsten dessen, welcher der Miß Mordaunt einen so wichtigen Dienst geleistet. Sir Harry ist ein Märtyrer des Podagras und spricht davon, mich bei der Auflösung des Parlaments an seine Stelle treten zu lassen. In diesem Falle werden natürlich meine Wünsche ein noch stärkeres Gewicht haben. Der Name Satanstoe gefällt mir ganz rasend.«

»Ich bin Euch unendlich verbunden, Mr. Bulstrode, obgleich ich gestehen will, daß ich nie daran gedacht habe, dadurch in der Welt vorwärts zu kommen, daß ich meine Freunde in Anspruch nehme. Es mag Einer gestehen, daß er Hoffnungen hat, gegründet auf Verdienst und Rechtschaffenheit –«

»Pah! pah! – mein lieber Littlepage, Rechtschaffenheit ist etwas ganz Artiges, um davon zu schwatzen, aber ich denke, Ihr erinnert Euch, was Juvenal über diesen interessanten Gegenstand sagt: Probitas laudatur et alget. Ich glaube fast, Ihr seyd noch so frisch vom Collegium her, daß Ihr des bündigen Satzes Euch noch erinnert.«

»Ich habe den Juvenal nie gelesen, Mr. Bulstrode, und trage auch gar kein Verlangen darnach, wenn Dieß die Tendenz dessen ist, was er lehrt –«

»Juvenal war ein Satiriker, wißt Ihr,« unterbrach mich Bulstrode etwas hastig, denn mittlerweile hatte auch er bemerkt, daß Anneke uns zuhörte, und er verrieth einige Ungeduld, von einem so ruchlosen Satz loszukommen, »und Satiriker reden von den Dingen so wie sie sind, und nicht wie sie seyn sollten. Ich glaube, Rom verdiente Alles, was es abbekam, denn die Moralisten entwerfen ein sehr trauriges Bild von seinem Zustand. Unter allen großen Hauptstädten, von welchen wir Kunde haben, ist London die einzige Stadt von einigermaßen leidlicher Sittlichkeit.«

Was der junge Bulstrode weiter vorzubringen sich erkühnt haben würde, vermag ich nicht zu errathen; aber eine gewisse Miß Warren, welche sich in der Gesellschaft befand und vorzugsweise die Jugendliche spielte, rief in diesem kritischen Augenblick glücklicher Weise aus:

»Ich bitte Euch nur um einen Augenblick Gehör, wenn es Euch gefällig ist, Mr. Bulstrode; ist es wahr, daß die Gentlemen von der Armee das neue Theater haben in Bereitschaft setzen lassen, und uns mit einigen Vorstellungen zu beglücken beabsichtigen? Ein Geheimniß dieser Art ist so eben verlautet von Mr. Harris, welcher sogar hinzufügt, daß Ihr uns Alles sagen könntet.«

»Mr. Harris muß dafür Arrest bekommen, obgleich ich höre, der Oberst habe schon in der vorigen Woche, an der Tafel des Lieutenant-Gouverneurs, die Katze aus dem Sack gelassen.«

»Ich kann Euch versichern, Mr. Bulstrode.« bemerkte Anneke ruhig, »daß ich solche Gerüchte schon seit vollen vierzehn Tagen gehört habe. Ihr müßt nicht den Mr. Harris allein tadeln, denn Euer ganzes Regiment hat allerorten dahin gehende Andeutungen fallen lassen.«

»Dann wird der Delinquent dieß Mal frei ausgehen. Ich gestehe die Anschuldigung zu; wir haben das neue Theater gemiethet, und beabsichtigen uns um die Ehre zu bewerben, daß die Ladies kommen und hören, wie ich Cato und Scrub ermorde; ein hübscher Klimax von Charakteren, das werdet Ihr zugeben, Miß Mordaunt!«

»Ich weiß Nichts von Scrub, obgleich ich Mr. Addisons Trauerspiel gelesen habe, und glaube, Ihr habt Euch der Rolle Cato's nicht zu schämen. Wann soll das Theater eröffnet werden?«

»Wir lassen nur den schwarzen Herrschaften den Vortritt. Sobald St. Pinkster seinen gebührenden Theil Aufmerksamkeit empfangen hat, werden wir Dom Cato und Mr. Scrub Euch vorzuführen und bekannt zu machen die Ehre haben.«

Alle die jungen Damen, mit Ausnahme von Anneke und ihrer Freundin Mary Wallace, lachten, und wiederholten zwei oder dreimal die Worte: »St. Pinkster«, als ob sie etwas viel Witzigeres enthielten, als man für gewöhnlich zu hören bekam. Eine allgemeine Fluth von Ausrufungen, von Kundgebungen der Freude, von Fragen und Antworten folgte, wobei man immer zwei oder drei Stimmen zu gleicher Zeit hörte, und während dem wandte sich Anneke zu mir, der ich in ihrer Nähe stand, da wo Bulstrode eine Minute vorher gestanden war, und schien sehr verlangend, mir Etwas zu sagen.

»Denkt Ihr wirklich im Ernst an die Armee, Mr. Littlepage?« fragte sie und erröthete selbst über die Kühnheit ihrer Frage.

»Bei einem Kriege wie dieser, kann Keiner wissen, wann er berufen werden mag, auszuziehen,« antwortete ich. »Aber, wenn, überhaupt, doch nur als Vertheidiger des heimischen Bodens.«

Anneke Mordaunt schien mir mit dieser Antwort wohl zufrieden zu seyn. Nach einer kurzen Pause nahm sie das Gespräch wieder auf.

»Natürlich versteht Ihr Latein, Mr. Littlepage, obgleich Ihr die Universitäten nicht besucht habt?«

»So wie es auf unsern Collegien gelehrt wird, Miß Mordaunt.«

»Und das genügt um mir zu sagen, was der Sinn von Mr. Bulstrode's Citat ist – falls es sich für mich schickt, es zu hören.«

»Er würde sich schwerlich erkühnen, selbst in lateinischer Sprache Etwas in Eurer Gegenwart zu sagen, was Euer Ohr verletzen könnte. Der Satz, welchen Mr. Bulstrode dem Juvenal zuschreibt, heißt einfach so viel: die Rechtschaffenheit wird gepriesen und darbt.«

Es schien mir, ein gewisses Mißfallen lagere sich auf die schöne, glatte Stirne der Miß Mordaunt, welche, wie ich bald erkannte, für ein so junges Wesen viel Charakter und hochsinnige Grundsätze besaß. Sie sagte jedoch Nichts, obgleich sie einen sehr bedeutungsvollen Blick mit ihrer Freundin Mary Wallace wechselte. Ihre Lippen bewegten sich, und ich glaubte zu sehen, wie sie, doch unhörbar, die Worte lispelten: »die Rechtschaffenheit wird gepriesen und darbt!«

»Und ihr sollt den Cato geben, höre ich, Mr. Bulstrode,« rief eines der jungen Frauenzimmer, welches mehr an Scharlachröcke dachte, als ihr zuträglich war. »Wie entzückend! Werdet Ihr die Rolle in Uniform oder in Bibertuch – in altem oder modernem Kostüm spielen?« »In meiner robe de chambre, etwas verändert für die Gelegenheit, wenn nicht St. Pinkster und seine Kurzweil ein passenderes Kostüm an die Hand geben,« antwortete der junge Mann leichthin.

»Wißt Ihr genauer, was für ein Fest Pinkster ist?« fragte Anneke etwas ernst.

Bulstrode erröthete wirklich, denn es war ihm nie eingefallen, sich näher nach der Natur dieses Festes zu erkundigen; und die Wahrheit zu gestehen, die Art, wie es von den Negern in New-York begangen wurde, konnte ihn hierüber auch sehr wenig aufklären.

»Das ist ein Punkt, über welchem ich der Miß Mordaunt für Belehrung verbunden seyn werde, wie ich merke.«

»Ich werde Eure Erwartung nicht täuschen, Mr. Bulstrode; Pinkster ist nicht Mehr und nicht Weniger als das Fest des Weißen Sonntags oder das Pfingstfest. Ich hoffe, wir werden jetzt Nichts mehr von Eurem Heiligen hören.«

Bulstrode nahm diese kleine Zurechtweisung, welche sehr mild aber mit Festigkeit ertheilt wurde, mit vollkommen guter Laune auf; und mit so ehrerbietigem Wesen, daß man wohl sah, welch eine Macht Anneke über ihn besaß. Er verbeugte sich unterwürfig, und sie lächelte so freundlich, daß ich wünschte, die Gelegenheit zu dieser kleinen Pantomime hätte sich nicht ergeben.

» Unsere Vorfahren, Miß Mordaunt, haben nie Etwas von Pinkster gehört, wie Ihr bedenken müßt, und das muß meine Unwissenheit entschuldigen,« sagte er bescheiden.

»Aber von den meinigen haben die Einen und die Andern es längst verstanden und das Fest begangen,« versetzte Anneke.

»Ja, von holländischer Seite, aber wenn ich mir erlaube, von unseren Vorfahren zu sprechen, so meine ich diejenigen, in Bezug auf welche ich mich der Ehre rühmen darf, sie als Euch und mir gemeinsame zu bezeichnen.«

»So seyd also Ihr und Mr. Bulstrode verwandt?« fragte ich, gleichsam unwillkürlich und beinahe zu hastig. Anneke jedoch antwortetet in einer Weise, welche zeigte, daß sie unter den gegebenen Umständen die Frage natürlich und gar nicht unpassend finde.

»Meines Großvaters Mutter und Mr. Bulstrode's Großvater waren Geschwister,« war ihre ruhige Antwort. »Diese macht uns gewissermaßen zu Verwandten, nach den holländischen Begriffen, die er so sehr verachtet, obwohl ich glaube, daß es im Heimathlande nicht Viel gelten würde.«

Bulstrode betheuerte das Gegentheil und erklärte, er wisse aus der nachdrücklichen und ernsten Weise, womit sein Vater ihm empfohlen, die Bekanntschaft mit der Familie zu kultiviren, sobald er in New-York ankomme, welchen Werth derselbe auf die Verwandtschaft mit Mr. Mordaunt lege. Ich sah hieraus, auf welchem Fuße der furchtbare Major mit der Familie stand, und Jedermann, außer mir, schien mit Anneke Mordaunt verwandt zu seyn. Ich ergriff noch an demselben Abend eine Gelegenheit das liebe Mädchen über ihre holländischen Verwandten auszufragen, und gab ihr zugleich Nachweisungen über die meinigen; aber mit all unserm Bemühen und trotz des Beistandes von Herman Mordaunt, welcher an dergleichen Gegenständen ein Interesse fand, gleichsam ex officio, konnten wir doch keine Verwandtschaft herausbringen, welche der Rede werth gewesen wäre.

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