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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Viertes Kapitel.

Lasset uns denn rüstig handeln,
    Stark das Herz, frei jeder Schuld,
Unsre Bahn uns mannhaft wandeln,
    Lernet Arbeit und Geduld.
Longfellow.

Im Frühling des Jahres, wo ich zwanzig alt wurde, machten Dirck und ich unsern ersten Besuch in der Stadt in der Eigenschaft von jungen Männern. Obgleich Satanstoe nicht über fünfundzwanzig Meilen von New York entfernt war, auf dem Wege über Kings-Bridge, die Straße, welche wir immer einschlugen, um die Fähre zu vermeiden, war es doch damals keineswegs so gewöhnlich, die Hauptstadt zu besuchen, wie es jetzt geworden ist. Ich weiß Gentlemen in unsrer Nachbarschaft, die jetzt wohl alle vierzehn Tage hin und zurück reisen, oder wohl gar alle acht Tage; aber vor dreißig Jahren war das Etwas, was man selten that. Meine liebe Mutter reiste immer zweimal jährlich hin, im Frühjahr, um die Osterwoche dort zuzubringen, und im Herbst, um ihre Wintereinkäufe zu machen. Mein Vater reiste gewöhnlich viermal hin im Verlauf von zwölf Monaten; aber er stand im Rufe eines Herumrutschers, und viele Leute meinten, er gehe so oft von Hause weg, als er kaum sollte. Mein Großvater ging, da bei ihm das Alter heranrückte, selten mehr von Hause weg, wenn nicht etwa, um verabredete Besuche bei gewissen alten Kriegskameraden zu machen, welche in mäßigen Entfernungen wohnten, und bei welchen er unwandelbar jeden Sommer einige Wochen zubrachte.

Der von mir erwähnte Besuch fiel einige Zeit nach Ostern, einer Zeit des Jahres, welche viele von unsern Landfamilien in der Stadt zuzubringen pflegten, um den Vortheil zuhaben, täglich dem Gottesdienst in der alten Trinity-Kirche anwohnen zu können, wie die Hebräer sich nach Jerusalem begaben, um das Passahfest zu feiern. Meine Mutter reiste in diesem Jahre nicht hin, wegen meines Vaters Podagra, und ich ward, um ihren Platz auszufüllen, zu meiner Tante Legge geschickt, welche so lange schon gewohnt war, um diese Zeit Eines von der Familie bei sich zu sehen, daß ich dießmal substituirt wurde. Dirck hatte selbst auch Verwandte, bei welchen er sich aufhielt, und so war Alles glatt und eben gemacht. Um nach Bequemlichkeit aufbrechen zu können, kam mein Freund in der Woche zuvor über den Hudson herüber, und nachdem er in Satanstoe drei Tage sich verschnaubt hatte, verließen wir den Landhals, um nach der Hauptstadt zu reisen, auf einem Paar so guter Rosse, als in der Grafschaft zu finden waren, und das will viel heißen; denn die Morrises und de Lancey's und die Van Cortlandts hielten Alle Rennpferde und gaben uns manchmal im Herbste eine treffliche Kurzweil mit Jagen und Rennen. West Chester, und damit ist nicht Mehr gesagt als billig, war eine Grafschaft mit einer aufgeweckten Gentry, deren keine Colonie sich hätte zu schämen gebraucht.

Meine Mutter hatte ein höchst zärtliches Herz und war voll ängstlicher Besorgniß um ihr einziges Kind. Sie wußte, daß das Reisen immer mit mehr oder weniger Gefahr verknüpft ist, und wünschte deßhalb, daß wir uns bei Zeiten aufmachen sollten, um gewiß zu seyn, daß wir die Stadt vor Anbruch der Nacht erreichen würden. Landstraßenräuber waren, Gott sey gepriesen! und sind noch jetzt etwas in den Colonieen Unbekanntes; aber es gab andere Gefahren, welche meiner trefflichen Mutter große Sorgen machten. Nicht alle Brücken galten als zuverlässig; die Straßen waren, wie noch jetzt, nicht in gerader Linie gezogen und es war sehr leicht sich zu verirren; und man sagte, es seien Fälle vorgekommen, daß Leute die Nacht auf Harlem-Common zugebracht, einer unbewohnten Oede, welche etwa sieben oder acht Meilen von der Stadt, gegen uns zu, entfernt liegt. Meiner Mutter erste Sorge war daher, daß Dirck und ich früh am Morgen aufbrächen; deßhalb stand sie bei Licht schon auf, gab uns unverweilt unser Frühstück, und setzte uns so in Stand, Satanstoe zu verlassen, gerade als die Sonne den östlichen Himmel mit ihren Flammenfarben entzündet hatte.

Dirck war an diesem Morgen in allerbester Laune, und, die Wahrheit zu gestehen, Corny empfand Nichts von jener Niedergeschlagenheit, welche, nach den Gesetzen der Schicklichkeit, vielleicht den ersten wahrhaft freien Ausflug eines so jungen Abenteurers aus dem Schatten des väterlichen Daches hätte begleiten sollen. Wir zogen unseres Weges dahin, lachend und plaudernd wie zwei Mädchen, die so eben der Pension entflogen sind. Ich hatte Dirck nie mittheilsamer gesehen, und ich gewann ganz neue Blicke in seine Gefühle, Gesinnungen, Hoffnungen und Aussichten, wie wir an jenem Morgen die Heerstraße der Colonie entlang ritten, welche nachmals für uns Beide Gegenstände von sehr großem Interesse werden sollten. Wir waren noch nicht eine Meile von den Kaminen von Satanstoe entfernt, als mein Freund sich also vernehmen ließ:

»Ich vermuthe, Ihr habt gehört, Corny womit die beiden alten Gentlemen die letzte Zeit beschäftigt gewesen sind?«

»Euer und mein Vater? – Ich habe nicht eine Sylbe Neues gehört.«

»Sie haben von dem Gouverneur und dem Rath ein gemeinsames Patent ausgewirkt für den Strich Land, den sie von den Mohawks gekauft, als sie das letzte Mal mit einander bei der Colonie-Miliz Dienste thaten.«

Ich muß hier erwähnen, daß, obgleich meine Väter nur wenige Feldzüge im regulären Heere gemacht hatten, doch Jeder mehrere in der bescheidenen Eigenschaft eines Milizoffiziers mitgemacht hatte.

»Das ist mir etwas Neues, Dirck,« antwortete ich. »Warum mögen wohl die alten Gentlemen so heimlich in der Sache zu Werke gegangen seyn?«

»Das kann ich Euch nicht sagen, wenn es nicht das war, daß sie dachten: Schweigen sey das Beste, um die Yankees fern zu halten. Ihr wißt, mein Vater hat eine große Scheue davor, daß ein Yankee bei irgend einem Handel von ihm die Hand ins Spiel bringe. Er sagt, die Yankees seyen die Heuschrecken des Westens.«

»Aber wie erfuhret denn Ihr Etwas von der Sache, Dirck?«

»Ich bin kein Yankee, Corny.«

»Und Euer Vater hat es Euch anvertraut, auf den Grund dieser Empfehlung hin?«

»Er sagte es mir, wie er mir die meisten Dinge sagt, von welchen er für gut hält, daß ich sie wisse. Wir rauchen zusammen und dann schwatzen wir mit einander.«

»Ich würde das Rauchen auch lernen, wenn ich glauben könnte, dadurch auch zum Besitz so nützlicher Kenntnisse und Mittheilungen zu gelangen.«

»Es läßt sich Viel lernen bei der Pfeife!« sagte Dirck, und hier nahm er einen leisen holländischen Accent an, wie es bei ihm manchmal der Fall war, wenn sein Geist eine geheime Richtung gegen Holland annahm, obwohl er für gewöhnlich ein so gutes Englisch sprach wie ich, und ein unendlich besseres, als das Wunder von Geschmack, Gelehrsamkeit und Tugend, Mr. Jason Newcome, A. B. (Artium Baccalaureus) von Yale, und muthmaßlicher Vorsteher dieses oder irgend eines andern Institutes.

»So scheint es wirklich, wenn Euer Vater Euch in den Stunden, wo Ihr mit einander raucht, Geheimnisse mittheilt. Aber wo ist dieß Land, Dirck?«

»Es ist im Mohawk-Lande, oder vielmehr es liegt in der Gegend nahe bei den Hampshire-Grants, und nicht weit entfernt vom Mohawk-Lande.«

»Und wie viel mag es seyn?«

»Vierzigtausend Acres; und zum Theil gute fruchtbare Ebenen, heißt es; so wie sie ein Holländer liebt.«

»Und Euer und mein Vater haben all dieß Land gemeinschaftlich gekauft, sagt Ihr, zu gleichen Theilen, halbpart, wie man zu sagen pflegt?«

»So ist es.«

»Ei, und sagt mir doch auch, wie viel sie für einen so großen Strich Land bezahlen!«

Dirck nahm sich Zeit, diese Frage zu beantworten. Zuerst zog er aus seinem Busen ein Taschenbuch, welches er öffnete, so gut er es bei der Bewegung des Reitens konnte, denn Keiner von uns mäßigte den raschen Schritt seines Pferdes, da es unerläßlich war, vor Nacht die Stadt zu erreichen. Endlich gelang es meinem Freunde, des Papiers das er suchte, habhaft zu werden, worauf er es mir reichte.

»Da,« sagte er, »dieß ist das Verzeichniß der Artikel, welche den Indianern bezahlt worden sind, die ich mir abgeschrieben habe, und dann sind dem Gouverneur und seinen Beamten einige hundert Pfund Sporteln und Gebühren bezahlt worden.«

Ich las das Verzeichniß wie folgt, und die Worte kamen nur stoßweise hervor, so wie das Traben meines Pferdes mir das Lesen gestattete:

»Fünfzig Decken, jede mit gelben Schnüren und gelbem Besatz; zehn eiserne Töpfe, jeder vier Gallonen haltend; vierzig Pfund Schießpulver; sieben Musketen; zwölf Pfund kleine Perlen; zehn Schnüre Wampuim; fünfzig Gallonen Rum, reiner Jamaika von bester Sorte; zwanzig Maultrommeln, und drei Dutzend Tomahawks von bester englischer Arbeit.«

»Nun, Dirck!« rief ich, so bald ich mit dem Lesen fertig war, »das ist nicht Viel für vierzigtausend Acres Land in der Colonie New-York. Ich glaube fast, um hundert Pfund Courant (250 Dollars) kann man das Alles kaufen, selbst den Rum und die Tomahawks von bester englischer Arbeit.«

»Neunundsechszig Pfund, dreizehn Schilling, sieben Pence, drei Heller war die Totalsumme der ganzen Berechnung,« antwortete Dirck bedächtlich, indem er sich anschickte, seine Pfeife anzuzünden; denn er konnte ganz behaglich rauchen, so lange er nicht rascher trabte als um sechs Meilen in einer Stunde zurück zu legen.

»Ich finde das nicht Viel für vierzig tausend Acres; ich vermuthe, die Musketen, der Rum und andre Dinge wurden ausdrücklich für den Handel mit den Indianern gefertigt.«

»Gar nicht, Corny; Ihr wißt wie es mit den alten Gentlemen ist – so ehrlich wie der Tag.«

»Desto besser für sie, und desto besser für uns! Aber was soll mit dem Land geschehen, nachdem sie es nun einmal haben?«

Dirck antwortete nicht, bis wir etwa zwanzig Ruthen weiter geritten waren; denn während dieser Zeit hatte er mit seiner Pfeife zu schaffen, und von dem Augenblick an, wo der Rauch sichtbar wurde, hielt er sein Auge darauf geheftet bis er eine helle Gluth vor seiner Nase sah.

»Das Erste, Corny, wird seyn, daß man es findet. Wenn ein Patent unterzeichnet und förmlich ausgestellt und übergeben ist, dann müßt Ihr eine geeignete Person abschicken, um das Land ausfindig zu machen, über welches darin verfügt ist. Ich habe von einem Gentleman gehört, welchem vor fünf Jahren zehntausend Acres bewilligt wurden; und obgleich er seither jeden Sommer Jagd darauf macht, hat er das Stück Land doch noch nicht finden können. Zehntausend Acres sind freilich ein kleiner Fleck Land, wenn man ihn in den Wäldern suchen soll.«

»Und unsre Väter beabsichtigen dieß Land zu suchen, so bald die gute Jahreszeit eintritt?«

»Nicht so schnell, Corny, nicht so schnell! das war der Plan von Euers Vaters welschem Blut, aber der meinige geht mit mehr Bedachtsamkeit zu Werke. Laßt uns warten bis zum nächsten Jahr, sagte er, und dann können wir die Knaben hinschicken. Bis dahin wird auch der Krieg eine Art Gestalt annehmen, und wir werden besser wissen, wie wir für die Kinder sorgen sollen. Der Gegenstand ist reiflich besprochen worden zwischen den beiden Patentirten, und wir sollen im nächsten Frühjahr bei guter Zeit hingehen, aber dieß Jahr noch nicht.«

Die Idee, Jagd auf ein Stück Land zu machen, war mir ganz und gar nicht zuwider; auch war es mir kein unangenehmer Gedanke, daß ich Anwartschaft haben sollte, als Erbe, auf zwanzigtausend Acres Land, neben den Besitzungen von Satanstoe. Dirck und ich besprachen im Weiterreiten die Sache, bis wir Beide anfingen zu bedauern, daß die Expedition noch in so weiter Ferne liege.

Der Krieg, dessen Dirck erwähnte, war wenige Monate vor unserem Besuch in der Stadt ausgebrochen; ein Mr. Washington von Virginien, – derselbe welcher seither so berühmt geworden ist als Oberst Washington durch den Sieg über Braddock und andere Ereignisse im Süden, war mit einer Abtheilung seiner Leute gefangen worden in einem kleinen Fort, welches in der Nachbarschaft der Franzosen, an den den Ohio verstärkenden Flüssen errichtet worden war: und dieser Fluß ergießt sich bekanntlich in den Mississippi, in sehr großer Entfernung westlich. Ich wußte damals, wie auch jetzt noch, sehr wenig von diesen entfernten Gegenden, außer daß es solche Orte gibt, und daß sie manchmal von Detachements, Streifparteien, Jägern und andern Abenteurern von den Colonien heimgesucht werden. Mir scheint es kaum der Mühe werth, um solche entfernte und wüste Gebiete zu kämpfen; denn Jahrhunderte müssen ja verstreichen, ehe sie irgend für die Zwecke der Civilisation brauchbar sind. Dirck und ich, wir Beide bedauerten, daß der Sommer wahrscheinlich verstreichen werde, ohne daß wir den Feind zu sehen bekommen würden; denn wir gehörten Familien an, welche gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten verwendet wurden. Wir dachten, unsre beiden Väter dürften ausziehen; obgleich auch das noch ein Punkt war, der noch unentschieden blieb.

Wir aßen zu Mittag und rasteten zu Kingsbridge, und hatten im Sinne in der Hauptstadt zu Nacht zu essen. Während das Essen gekocht wurde, machten Dirck und ich einen Spaziergang auf die Höhen, welche die Aussicht auf den Hudson haben; denn ich kannte diesen herrlichen Fluß weniger, als ich ihn zu kennen wünschte. Wir unterhielten uns unterwegs mit Gesprächen; und mein Gefährte, welcher den Fluß weit besser kannte als ich, da er häufig Gelegenheit gehabt, ihn auf- und abwärts zu passiren, zwischen dem Dorf Haverstraw und der Hauptstadt, auf seinen häufigen Besuchen bei seinen Verwandten weiter unten, gab mir manche nützliche Aufschlüsse.

»Schaut hier, Corny,« sagte Dirck, nachdem er sich offenbar viele Mühe gegeben, um eines Gegenstandes in der Ferne, den Fluß hinab, ansichtig zu werden, »schaut hier hinaus, Corny.' seht Ihr das Haus dort, in der kleinen Bucht unter uns mit dem Rasen, der sich bis ans Wasser erstreckt, und den herrlichen Obstgarten dahinter?«

Ich sah, auf was Dirck hindeutete. Es war ein nahe am Fluß stehendes, aber geschirmtes und abgeschlossenes Haus, mit dem genannten Rasenplatz und Obstgarten, obwohl in einer Entfernung von zwei oder drei Meilen nicht alle Schönheiten des Platzes erblickt werden konnten, und ich viele derselben meinem von Bewunderung derselben erfüllten Begleiter aufs Wort glauben mußte. Doch sah ich ziemlich deutlich die genannten Hauptgegenstände, und unter andern das Haus, den Obstgarten und den Rasenplatz. Das Gebäude war von Stein – wie überhaupt die meisten besseren Häuser in der Gegend, – lang, unregelmäßig, und hatte jenes Aussehen solider Behaglichkeit, welches man gewöhnlich an solchen Gebäuden findet. Die Mauern waren nicht geweißt, gemäß dem lebhaften Geschmack unserer holländischen Mit-Colonisten, welche alle ihre Lebhaftigkeit in der Pfeife und in der Bürste zu erschöpfen scheinen, sondern sie hatten ihre natürliche, graue Farbe; ein Umstand, welcher die Gestalt und die Dimensionen des Gebäudes auf den ersten Blick etwas weniger deutlich hervortreten ließ, als wohl sonst der Fall gewesen wäre. Wie ich jedoch eine Weile hinschaute, wollte es mich nachgerade reizend bedünken, das Bild auf diese Weise etwas gedämpft zu finden, und ich hatte mein Vergnügen daran, durch einige Anstrengung des Sehorgans die verschiedenen Winkel, Mauern, Dächer und Kamine aus dem Hintergrund hervorzuziehen. Im Ganzen kam mir vor, die kleine abgeschlossene Bucht, die bewaldeten und felsigen Küsten, der kleine aber gut angelegte Rasenplatz, der Obstgarten und all die übrigen Bestandtheile bildeten mit einander eines der hübschesten Besitzthümer der Art, die ich je gesehen. Da ich so dachte, säumte ich auch nicht, meinem Gefährten meine Gedanken mitzutheilen. Ich galt dafür, einigen Geschmack in solchen Dingen zu besitzen, und war von ein paar Nachbarn in der Grafschaft zu Rathe gezogen worden bei der Anlage von Grundstücken. »Wessen Haus ist dieß, Dirck?« erkundigte ich mich; »und wie kommet Ihr dazu, Etwas davon zu wissen?«

»Das ist Lilaksbusch,« antwortete mein Freund, »und es gehört dem Vetter meiner Mutter, Herman Mordaunt.«

Ich hatte schon von Herman, oder wie man den Namen aussprach Harman Mordaunt gehört. Er war ein Mann von nicht geringem Ansehen in der Colonie, da er der Sohn eines Major Mordaunt war, von der britischen Armee, welcher die Erbin eines reichen holländischen Kaufmanns geheirathet hatte, woher der Name Herman stammte, welcher mit dem Geld auf den Sohn übergegangen war. Die Holländer hatten eine solche Vorliebe für ihr Blut, und einen solchen Stolz darauf, daß sie nie verfehlten, diesem Mr. Mordaunt seinen Taufnamen zu geben; und so war er in der Colonie gemeinhin unter dem Namen Herman Mordaunt bekannt. Weiteres wußte ich Wenig von dem Gentleman, wenn nicht etwa das, daß er für reich galt und daß er der Annahme nach zu der besten Gesellschaft gehörte, obgleich er nicht eigentlich ein Mitglied der begüterten oder politischen Aristokratie der Colonie war.

»Da Herman Mordaunt Eurer Mutter Vetter ist, Dirck,« versetzte ich, »so vermuthe ich, daß Ihr schon in Lilaksbusch gewesen seyd, und Euch vergewissert habt, ob das Innere des Hauses eben so angenehm und stattlich ist wie das Aeußere.«

»Oft, Corny; so lange Madame Mordaunt lebte, pflegte meine Mutter und ich jeden Sommer hin zu gehen. Jetzt ist die arme Dame todt, aber ich gehe doch noch hin.«

»Warum rittet Ihr nicht bis nach Lilaksbusch, und requirirtet ein Mittagessen bei Euren Verwandten? Ich sollte meinen, Herman Mordaunt könnte es empfindlich nehmen, wenn er erfährt, daß ein Bekannter, oder ein Verwandter in einem Gasthause nur ein paar Meilen von seinem Hause entfernt, eingekehrt sey. Ich glaube fast, er kennt den Major und den Capitän Littlepage, und ich versichere, ich finde es notwendig, ihm ein Billet mit einer Entschuldigung zu schicken, daß wir nicht bei ihm einsprachen. Dergleichen, Dirck, sollte nicht vorkommen unter Personen von einem gewissen Schlag, von welchen man voraussetzen darf, sie wissen, was sich schickt.«

»Das wäre Alles ganz recht, Corny, wäre Herman Mordaunt oder seine Tochter in Lilaksbusch; aber sie wohnen im Winter in Crown-Street in der Hauptstadt und kommen nie früher heraus als nach den Pinkster-Feiertagen, mögen diese nun einfallen, wann sie wollen.«

»Oh! ist er ein so vornehmer Mann, wirklich? – hat ein Haus in der Stadt und auf dem Lande? Aber am Ende weiß ich doch nicht, ob es anginge, bei einem Manne von seiner Stellung in der Welt sich die Freiheit zu nehmen, nur so ohne Weiteres, ohne vorhergegangene Benachrichtigung, zum Mittagessen zu kommen?«

»Unsinn, Corny! Wer nimmt Anstand vor irgend eines Gentleman's Thüre Halt zu machen, wenn man auf der Reise ist? Herman Mordaunt würde uns aufs herzlichste willkommen geheißen haben, und ich wäre nach Lilaksbusch geritten, wüßte ich nicht gewiß, daß die Familie zu dieser Jahrszeit in der Stadt sich aufhält. Ostern ist dieß Jahr frühe gefallen, und morgen ist der erste Tag der Pinkster-Feiertage. So bald sie vorüber sind, werden Herman Mordaunt und Anneke herauskommen, um sich ihres Lilaks und ihrer Rosen zu erfreuen.«

»Ah, ah! ist also auch eine Anneke da, neben dem alten Gentleman? Bitte, wie alt mag Miß Anneke seyn, Master Dirck?«

Wie ich diese Frage that, wandte ich mich um, meinem Freund ins Gesicht zu sehen, und ich sah, daß sein ganzes schönes, glattes, helles, holländisches Antlitz von einer rothen Glut bedeckt war, welche sich gewöhnlich von seinen derbröthlichen Wangen nicht so weit erstreckte. Dirck war jedoch zu sehr ein Mann, um sich abzuwenden, oder sich zu bemühen, solche verräterische Röthen zu verhehlen; sondern er versetzte standhaft: »Meine Base, Anneke Mordaunt, hat gerade ihr siebzehntes Jahr angetreten; und ich will Euch etwas sagen. Corny« –

»Wohl – ich höre mit beiden Ohren um Euer Etwas zu vernehmen. – Heraus damit, Freund! meine beiden Ohren sind offen.«

»Nun, Anneke ist eines der allerhübschesten Mädchen in der Colonie! – Und was noch mehr ist, sie ist so hold und gut als sie hübsch ist!« und wie Dirck dieß mit Lebhaftigkeit sagte, verfiel er in den holländischen Accent.

Ich war ganz erstaunt über die Energie und das Gefühl, womit er dieß sagte, Dirck war ein so realistischer Camerad, daß ich nie geträumt hätte, er könnte der Leidenschaft der Liebe zugänglich seyn; auch hatte ich mir nie die Mühe genommen, die Natur unserer Freundschaft genauer zu zergliedern. Wir hatten fürs Erste einander gern vermuthlich aus Gewohnheit: sodann hatten wir so wesentlich verschiedene Charaktere, daß unsre Anhänglichkeit an einander verstärkt wurde durch jene Art von Reiz und Aufregung, welche das Kind des Gegensatzes und Widerspruches ist. Als wir älter wurden, erwarben Dirck's gute Eigenschaften ihm nachgerade meine Achtung, und die Vernunft hatte nun mehr Antheil an meiner Neigung für ihn. Ich war ganz überzeugt, daß mein Gespiele ein warmer Freund seyn könne und werde; aber die Möglichkeit, daß er je ein Liebhaber werden könnte, war mir nie in den Sinn gekommen. Auch jetzt war der Eindruck, welchen das oben Erzählte auf mich machte, nicht sehr tief noch bleibend, obgleich ich mich wohl noch der Verwunderung und des Staunens erinnere, womit ich seine flammende Wange, sein belebtes Auge und sein begeistertes Wesen betrachtete. In diesem Augenblick besaß Dirck in der That ein belebtes und Achtung gebietendes, einnehmendes Wesen und Benehmen.

»Nun, Anneke ist eines der allerhübschesten Mädchen in der Colonie!« hatte mein Freund ausgerufen. »Und Eure Base?«

»Meine Base im zweiten Grade. Ihrer Mutter Vater und meiner Mutter Mutter waren Bruder und Schwester.«

»In diesem Falle hoffe ich die Ehre zu haben, binnen Kurzem der Miß Anneke Mordaunt vorgestellt zu werden, welche gerade ihr siebzehntes Jahr angetreten hat, eines der hübschesten Mädchen in der Colonie, und eben so gut als hübsch ist«

»Ich wünschte, Ihr sähet sie, Corny, und das ehe wir wieder heim kommen,« versetzte Dirck, und alle seine Philosophie oder sein Phlegma – welche Bezeichnung immer die Philosophie andrer Leute passender finden mag – kehrte ihm zurück. »Kommt, laßt uns in das Gasthaus zurückkehren; unser Mittagessen wird sonst kalt werden.«

Ich sann, während wir nach dem Gasthause zurückwanderten, über meines Freundes ungewohntes Wesen und Benehmen nach; aber dieß war bald vergessen über der Genugthuung, ein gutes tüchtiges Mahl zu verzehren, bestehend in geröstetem Schinken mit heißen Kartoffeln, gesottenen Eiern, Beefsteak aufs Feinste zurecht gemacht, nebst den Zuthaten von gepöckeltem Fleisch, kalter Küche, Apfelpastetchen und Cider. Dieß ist ein gewöhnliches New-Yorker Gasthausmittagessen für Reisende; und ich muß sagen, ich habe mich damit ganz befreundet. Oft habe ich es mir behagen lassen nach einem tüchtigen Morgenritt; ja und besser hat mir ein solches Mahl geschmeckt als Gastereien, bei welchen welsche Hahnen, Austern, Schinken, Hachee's und andere Schüsseln figurirten, welche in viel höherem Ansehen stehen. Selbst Schildkrötensuppe, wegen welcher wir in New-York doch einigermaßen berühmt sind, hat mir nicht in dem Maße geschmeckt.

Dirck, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aß herzhaft; denn es hielt schwer, ihm den guten Appetit zu benehmen. Wie gewöhnlich trug ich die Kosten des Gesprächs, und es wurde dieses geführt mit unsrer Wirthin, die, sobald sie vernahm, daß ich der Sohn ihres vielgeschätzten und treuen Gastes, Major Littlepage, sey, sich einfand, um den Nachtisch und den Käse zu präsentiren und mir die Ehre erwies, ein Gespräch mit mir zu beginnen. Ihr Name war Light (Licht) und allerdings warf sie ein Licht auf Alles, was sie besprach; das heißt: ein Gastwirthslicht, welches einigermaßen theilnimmt an der Finsterniß, die so gerne einen nicht geringen Theil des Geistes ihrer vielen Gäste und Kunden beschattet.

»Bitte, Mrs. Light,« fragte ich, als eine günstige Pause eintrat, was nicht eher geschah, als bis die gute Frau ihren Athem zu Ehren der Familie Littlepage erschöpft hatte, – »wißt Ihr wohl zufällig Etwas von einer Familie hier herum mit Namen Mordaunt?«

»Ob ich zufällig Etwas von ihr weiß, Sir? – Ha, Mr. Littlepage, beinahe eben so gut hättet Ihr mich fragen können, ob ich je schon von einer Familie Van Cortlandt, oder Philipse, oder Morris, oder irgend sonst einer von der Gentry hier herum gehört habe. Mr. Mordaunt hat ein Landgut, und dazu ein sehr hübsches, nur zwei und eine halbe Meile weit von uns, und er und Madame Mordaunt kamen nie an unsrer Thüre vorbei, wenn sie auf das Land gingen, um Madame Van Cortlandt zu besuchen, ohne anzuhalten, um ein Wort mit mir zu sprechen und einen Shilling zu verzehren. Die arme Lady ist todt; aber es lebt ein junges Ebenbild ihrer Tugenden, das nach ihr kommt, welches gewiß einiges Unheil in der Colonie anrichten wird. Sie ist die Bescheidenheit selbst, Sir, so glaubte ich denn, ich würde ihr nichts Leides thun, wenn ich ihr sagte, als sie das letztemal hier war: man sollte sie einsperren wegen der Diebstähle, die sie wahrscheinlich noch begehen werde, wo nicht wegen derjenigen, die sie schon begangen. Sie erröthete, Sir, und sah wahrlich auf und nieder aus wie die Schaale des zartesten gesottenen Krebses, der Euch je vor Augen gekommen. Sie ist wahrlich eine entzückende junge Lady.«

»Herzensdiebstähle meint Ihr natürlich, meine gute Mrs. Light?« »Nichts Anderes, Sir; junge Ladies sind gar geneigt, Herzen zu stehlen, wißt Ihr. Mein Wort darauf, Miß Anneke wird eine große Räuberin werden; auf ihre eigene Art, wißt Ihr, Sir.«

»Und bitte, mit Wessen Herzen wird sie denn vermuthlich davon laufen? Es würde mich freuen, die Namen einiger ihrer Opfer zu hören.«

»Guter Himmel, Sir! sie ist noch zu jung, als daß sie schon Viel könnte gethan haben, aber wartet nur zwölf Monate, dann will ich Eure Frage beantworten.«

Ich bemerkte während der ganzen Zeit wohl, daß Dirck sich etwas unbehaglich fühlte, und es belustigte mich, das Arbeiten seines Gesichts zu beobachten. Meine boshaften Absichten jedoch erlitten eine plötzliche Unterbrechung. Wie um weitere Gespräche und zugleich auch weiteres Ausspioniren abzuschneiden, stand mein junger Freund vom Tische auf und bestellte die Pferde und die Rechnung.

Während unseres Rittes nach der Stadt war nicht mehr die Rede von Lilaksbusch, von Hermann Mordaunt und von seiner Tochter Anneke. Dirck war schweigsam, aber das war seine Gewohnheit so nach dem Mittagessen, und ich war hinlänglich in Athem erhalten durch die Aufgabe, die Straße zu finden, welche durch den Gemeindeanger führte, da wir in dieser Richtung zu reiten wünschten. Zwar hätten wir in die Stadt kommen können auf dem Wege über Bloomingdale, Greenwich, die Wiesen und Collekt, und so hinabwärts an dem Gemeindeanger vorbei nach dem Anfang von Broadway; aber meine Mutter hatte ausdrücklich gewünscht, daß wir durch Bowery-Lane kommen, an den Häusern, die sich in diesem Viertel befinden, vorbei passiren und so bald als möglich in die Queen-Street gelangen möchten. Wenn wir diesen Weg einschlügen, dachte sie. würden wir um so weniger leicht unsern Weg in der Stadt selbst verfehlen können, welche freilich voll enger und verwickelter Gassen und Gänge ist. Mein Oheim Legge war nach Duke-Street gezogen, in der Nähe von Hanover-Square; und ich wußte wohl, daß wir durch die Queen-Street gerade vor seine Thüre hin geführt werden würden. Queen-Street ist in der That die große Pulsader von New-York, durch welche sein meistes Blut cirkulirt.

Es war gegen die Abenddämmerung, als wir dem Stalle zu trotteten, wo wir unsere Pferde stehen ließen, und nachdem wir einen Schwarzen bekommen, der unsere Mantelsäcke auf die Schultern nahm, begannen wir das Labyrinth der Hauptstadt zu Fuße zu durchwandern. New-York war ohne Frage schon im Jahr 1757 ein wegen seines Handels bewundernswerther Platz! Schiffe begannen sichtbar zu werden schon in einiger Entfernung östlich von Fly-Market, und es lagen sicherlich nicht weniger als zwanzig Schiffe, Briggs und Schoner in dem East-River, als wir die Queen-Street hinab wandelten. Natürlich schließe ich bei dieser Schätzung alle Schiffe ein, welche in der See gehen. Im gegenwärtigen Augenblick wäre natürlich eine doppelt so große Zahl zu sehen. Hier blieben Dirck und ich mehr als einmal unwillkührlich stehen, um das Schauspiel von Reichthum und Handel zu betrachten, das sich uns darbot, je tiefer wir in das Innere der Stadt gelangten. Meine Mutter hatte mich ganz besonders davor gewarnt, daß ich nicht auf diese Art meine ländliche Abkunft verrathen solle, und ich fühlte mich sehr beschämt, so oft ich zu dieser Schwäche mich wieder verleiten ließ; aber ich fand die Versuchung unwiderstehlich. Endlich trennten wir uns, ich und mein Freund, und Jeder begab sich nach dem Hause seiner Tante. Ehe wir jedoch von einander gingen, verabredeten wir, am folgenden Morgen auf den Feldern oben bei Broadway uns zu treffen, auf dem Gemeindeanger, der, wie wir gehört, der Schauplatz der Pinksterbelustigungen seyn sollte.

In Duke-Street wurde mir ein herzlicher Empfang zu Theil, sowohl von Seiten meines Oheims als meiner Tante; der Erstere war ein gutherziger Mann, obwohl ein wenig zu geneigt in Ueberschwänglichkeiten zu verfallen, wo es sich von den Rechten des Pöbels handelte. Ich war vergnügt über den Willkomm der mir wurde und genoß ein vortrefflich warmes Nachtessen, zu welchem wir uns um halb neun zu Tische setzten, denn meine Tante hielt gar sehr auf die in der Stadt üblichen Stunden, sowohl des Mittag- als des Nachtessens, und ließ beide Mahlzeiten etwas später bereiten als meine Mutter, weil sie es für vornehmer und fashionabler hielt. Das Mittagessen ( dinner) des letzten halben Jahrhunderts ist, in gewissem Sinne, nur ein Ersatz und anderer Name für die petits soupers der paar vorangegangenen Jahrhunderte. Es ist so ganz vernünftig und naturgemäß, daß gebildete Leute von verfeinerten Bedürfnissen und Geschmack sich zusammenfinden, um der Genüsse der Geselligkeit sich zu erfreuen, wenn die Geschäfte des Tages vorüber sind, daß das Souper nur demselben Mahl unter einem andern Namen Platz gemacht hat, und zu Stunden, welche von den früher üblichen wenig abweichen. Der Pariser dinirt um halb sieben Uhr und bleibt bis acht Uhr am Tische sitzen. Der Engländer, später in allen seinen Stunden und schwerfälliger in seinen Gewohnheiten, setzt sich zum Essen zu der Zeit wo der Franzose aufsteht, und verläßt den Tisch zwischen neun und zehn Uhr. Der Italiener bezahlt seinem Klima seinen Tribut und hat sein frühes Mittagessen und sein leichtes Abendbrod, die er beide gewöhnlich allein einnimmt, da die Sitten des Landes ihm zur geselligen Unterhaltung die Oper und die Conversazione anweisen. Aber was ist der Amerikaner? Ein Mischmasch aus denselben sinnlosen Widersprüchen in seinen geselligen Gewohnheiten, wie er es in seinen politischen Meinungen und Politischen Sitten und Bräuchen immer mehr zu werden droht; ein im Uebergang begriffenes Wesen, durch die Umstände auf der einen und von der Nachahmungssucht auf der andern Seite gedrängt, abgeneigt, beinahe unfähig selbst zu denken und zu handeln. Der einzige Amerikaner, der zur Zeit in solchen Dingen unabhängig ist, ist der noch nicht flügge, ungehobelte Provinziale, in der ganzen Frische seiner Dorfeinbildung und seiner Dorfgewohnheiten, der, bis er durch Verkehr mit der Welt belehrt und gesittig wird, sich einbildet, die Südwestecke des nordwestlichen Kirchspiels in der Stadt Hebron, in der Grafschaft Jericho, Staat Konnektikut, sey der einzige Punkt auf der ganzen Erdkugel, wo die Vollkommenheit zu Hause sey. Wenn es sich trifft, daß er eine Schule hält oder eine Zeitung herausgibt, so wird das Gemeinwesen, in einem geringeren Grade wenigstens, seiner seltenen Vorzüge und seiner unermeßlichen Erfahrung theilhaft! Der Herausgeber. Da ich nicht umhin konnte, zu bekennen, daß ich von dem langen Ritte etwas erschöpft war, zog ich mich sogleich nach dem Essen auf mein Zimmer zurück.

Der nächste Tag war der erste von den Dreien, welche den Pinkstervergnügungen, den großen Saturnalien der Schwarzen in New-York, gewidmet sind. Obgleich dieß Fest immer mit mehr Lebhaftigkeit in Albany als in New-York gefeiert zu werden pflegt, wird es doch auch in letzterem durchaus nicht vernachläßigt. Ich hatte meiner Tante, ehe ich sie verließ, gesagt, ich würde nicht auf das Frühstück warten, sondern mit der Sonne aufstehen und Dirck aufsuchen, damit wir einen Gang an den Werften hin machen könnten, ehe es Zeit wäre uns auf den Platz zu begeben, wo die Kurzweil zu sehen war. Demgemäß verließ ich bei guter Zeit das Haus, obwohl eine Stunde später, als ich beabsichtigt hatte; denn ich hörte das Klirren von Tassen in dem kleinen Gesellschaftszimmer, – das Zeichen, daß man auf dem Tische die gewöhnlichen Vorbereitungen zum Frühstück machte. Da fiel mir nun ein, daß die Meisten von der Dienerschaft, wo nicht Alle, sieben an der Zahl, Erlaubnis erhalten würden, sich den Feiertag zu Nutze zu machen, und daß ich gut thun würde, alle meine Mahlzeiten draußen auf dem Feld einzunehmen. Ich eilte in das Zimmer zurück, setzte Juno, das Mädchen, welches ich die Geschäfte von Pompejus verrichten fand, von dieser meiner Absicht in Kenntniß und verließ mit einem Sprunge das Haus. Ich dachte, in einer so großen, mit Lebensmitteln so reich versehenen Stadt wie New-York, sey die Gefahr, Hungers zu sterben, nicht groß; und der Erfolg rechtfertigte vollkommen diese wohlbegründete Meinung.

Gerade als ich Hanover-Square betrat, sah ich einen grauköpfigen Neger, welcher sich einen Penny verdienen wollte, ehe er an den Ergötzlichkeiten des Tages Antheil nahm, zwei Eimer tragend, mit holländischer Reinlichkeit und Sauberkeit gescheuert, welche er an einem Joch, über Hals und Schultern gelegt, hängen hatte. Er schrie: »Weißer Wein – Weißer Wein!« mit klarer und sonorer Stimme, und ich war in einem Nu bei ihm. »Weißer Wein« war, und ist noch, mein Lieblingstrunk Morgens; und ich kaufte einen köstlichen Trunk des reinsten und besten Communivaw-Gewächses, wozu ich einen Kuchen verspeiste. So erquickt begab ich mich in das Square, dessen Schönheit mir aufgefallen war, als ich es am Abend zuvor durchwandert hatte. Zu meiner Ueberraschung – Wen mußte ich ganz im Mittelpunkt von Queen-Street finden, mit dem unaustilgbarsten Wesen eines Connektikuts-Mannes um sich gaffend – Wen anders, als Jason Newcome. Eine kurze Erläuterung erklärte mir das Geheimniß seiner Anwesenheit. Seine Knaben waren Alle heimgegangen, um sich der Pinksterfeiertage zu erfreuen mit den schwarzen Dienern ihrer Familien; und Jason hatte diese Gelegenheit ergriffen, um der großen Hauptstadt der Colonie seinen ersten Besuch abzustatten. Er war auf Reisen, wie ich selbst auch.

»Und was hat Euch hieher geführt?« fragte ich, nachdem mir der Pädagog schon gesagt, daß er seine Wohnung in einer Schenke der Vorstädte genommen, wo man Unterkunft für Pferde und Menschen zu räsonablem Preise fand. »Die Pinksterpläze sind über dem Anfang von Broadway, auf dem Gemeindeanger.«

»So höre ich,« antwortete Jason, »aber ich möchte zuerst ein Schiff sehen und Alles was dahin gekört. Es wird in zwei oder drei Stunden noch Zeit genug für Pinkster seyn, wenn anders ein Christ solche Eitelkeiten mitansehen darf. Könnt Ihr mir sagen, wo ich Hanover-Square finde, Corny?«

»Ihr seyd eben jetzt darin, Mr. Newcome; und nach meiner Ansicht ist es ein sehr stattlicher Platz!«

» Dieß Hanover-Square!« wiederholte Jason; »ha, es hat ja gar nicht die Gestalt von einem Square Square heißt Quadrat, Viereck.; es gleicht eher einem Triangel.«

»Nun, was trägt das aus, Sir? Unter einem Square in einer Stadt versteht man nicht nothwendig einen Platz mit vier gleichen Seiten und eben so viel rechten Winkeln, sondern nur einen offenen Platz, der der Luft und der Schönheit wegen frei gelassen worden ist. Hier findet man Luft und Schönheit genug, um jeden vernünftigen Menschen zu befriedigen. Ein Square kann ein Parallelogramm oder ein Dreieck seyn oder jede andere beliebige Gestalt haben.«

»Das ist also Hanover-Square! – ein New-York-Square, oder ein Nassau-Hall-Square, Corny; aber kein Yale-College-Square, darauf gebe ich Euch mein Wort! Es ist überdieß auch so klein!«

»Klein! – Die Weite der Straße am weitesten Ende muß beinahe hundert Fuß betragen; ich stehe Euch dafür, am andern Ende beträgt sie nicht halb so viel, aber das kommt von der Nähe der Häuser her.«

»Ja, es kommt Alles von der Nähe der Häuser her, wie Ihr es nennt. Nach meinen Begriffen nun sollte Hanover-Square, von welchem man auf dem Lande so viel schwatzen hört, fünfzig bis sechszig Acres Raum umschließen, und Statuen vom ganzen Hause Braunschweig sollten überdieß darin aufgestellt seyn. Warum hat man denn das Nest von Häusern, mitten in Eurem Square stehen lassen?«

»Sie sind nicht darin, Sir. Das Square hört auf, wo es an die Häuser kommt. Sie sind zu kostbar, um niedergerissen zu werden, obgleich davon die Rede gewesen ist. Mein Oheim Legge hat mir gestern Abend gesagt, diese Häuser seyen zu wenigstens zwölftausend Dollars geschätzt; und manche Leute schlagen sie gar zu sechstausend Pfund an.«

Dieß söhnte Jason mit den Häusern aus; denn er ermangelte nie, vor dem Gelde Respekt zu haben, in welcher Gestalt es ihm auch begegnen mochte. Es war die einzige Quelle menschlicher Auszeichnung, die er klar fassen und begreifen konnte, obwohl er eine leise Ahnung und Vorstellung hatte von der Würde der Krone, und von der Achtung, welche ihren Stellvertretern gebühre.

»Corny,« sagte Jason in leisem Tone, und zugleich ergriff er mich am Arme, um mich bei Seite zu führen, obgleich kein Mensch in der Nähe war, wie Einer, der sich nach einem wichtigen Geheimniß erkundigen, oder ein solches eröffnen will, »was habt Ihr denn, wie ich gesehen, für einen Bittern genommen, vor einer kleinen Weile?«

»Bittern? Ich verstehe Euch nicht, Jason. Nichts Bitteres habe ich heute noch gekostet; auch kann ich nicht sagen, daß ich irgend Lust hätte, etwas Bitteres über den Mund zu bringen.«

»Ha, ich meine das Getränke, das Ihr von dem Neger kauftet, der jetzt durch das Square, wie Ihr es nennt, zurück kommt, und das Euch so herrlich zu schmecken schien. Ich bin selbst auch ganz trocken, und es würde mir ein Trunk wundervoll behagen.«

»Oh, der Bursche verkauft weißen Wein, und Ihr werdet ihn köstlich finden. Wenn Ihr Euern ›Bittern‹ haben wollt, wie Ihr Euch ausdrückt, so könnt Ihr nichts Besseres thun, als ihn anhalten und ihm einen Penny geben.«

»Wird er es so entsetzlich wohlfeil geben?« fragte Jason, und seine Augen zwinkerten in der freudigen Erwartung von einem »Bittern.«

»Das ist der stehende Preis. Haltet ihn kecklich an; hier ist all Eure Connektikut – Bescheidenheit nicht am Platz. He, Freund, dieser Gentleman wünscht einen Becher von Euerm weißen Weine.«

Jason wandte sich voll Angst um, zu spähen, wer ihn etwa sehen könnte, und als er den Becher in der Hand hatte, schloß er die Augen, entschlossen, dessen Inhalt auf Einen Zug zu leeren, in der erprobtesten Art, den »Bittern« zu trinken. Etwa die Hälfte der Flüssigkeit floß ihm in die Kehle hinab, das Uebrige sprudelte er in einem kleinen weißen Strome zurück.

»Buttermilch, beim Jingo!« rief der getäuschte Pädagog, welcher sich auf irgend eine köstliche Mischung von Gewürzen und Rum gefaßt gemacht hatte. St. Jingo war der einzige Heilige, und ein darnation, oder darn you Statt: damnation, damn you – Verdammniß! seyd verflucht. die einzigen Flüche, deren seine puritanische Erziehung ihm gestattete sich je zu bedienen.

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