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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Zweites Kapitel.

Ich wollte es gäbe kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig
Jahren; oder die Jugend könnte das Uebrige verschlafen.
Wintermährchen.

Es ist nicht nöthig. daß ich von den vierzehn ersten Jahren meines Lebens Viel sage. Sie verflossen, wie die Kindheit und Jugend der Söhne der meisten Gentlemen in unserer Colonie zu damaliger Zeit verfloß, nur mit Einem Unterschiede. Es gab eine Classe unter uns, welche ihre Knaben in der Heimath erziehen ließ. Diese Classe war allerdings nicht sehr zahlreich, auch war es nicht immer die hinsichtlich des Vermögens und Ranges am höchsten stehende. Viele von den großen Grundeigenthümern waren natürlich von holländischer Abkunft; und diese sandten zur Zeit meiner Kindheit selten oder nie ihre Kinder nach England um dort Etwas zu lernen. Ich höre, daß jetzt einige Wenige ihre alten Vorurtheile in diesem Punkte überwinden, und sich allgemach überzeugen, daß Cambridge oder Oxford ganz eben so gelehrte Schulen seyn mögen, wie die zu Leyden; aber während meiner Knabenjahre hätte man keinem Van diesen Glauben beibringen können. Manche von den holländischen Grundbesitzern geben ihren Kindern überhaupt nur sehr wenig Bildung und Erziehung irgend welcher Art, obwohl die Meisten ihnen Lehren der Rechtschaffenheit einprägten, welche eben so nützlich waren als das Wissen, wenn Beides wirklich unzertrennlich gewesen wäre. Ich für meinen Theil, während ich gerne zugebe, daß im Lande viel Kenntniß und Wissen im Umlauf ist, das gerade hinreicht um Einen in Stand zu setzen, ein Mitgeschöpf um seine Rechte zu bringen und zu überlisten, werde doch nie der Meinung beitreten, welche unter dem holländischen Theil unsrer Bevölkerung so vorherrschend ist und die Behauptung aufstellt: daß die Schulen der Provinzen von Neu-England der Grund seyen, warum die Abkömmlinge der Puritaner in dieser Beziehung sich nicht des besten Rufes erfreuen. Ich glaube, ein Knabe kann tüchtig unterrichtet werden und dadurch nur um so rechtschaffener werden; obgleich ich zugebe, daß man freilich wohl einen jungen Menschen eben so gut in falschen Grundsätzen und Begriffen heranziehen und schulen kann, als in wahren und gesunden. Aber wir hatten eine Klasse, hauptsächlich von englischer Abstammung, welche ihre Söhne gut erziehen ließ, indem sie sie gewöhnlich in das Heimathland auf die großen englischen Schulen sandte, und zuletzt auf den Universitäten ihre Bildung beendigen ließ. Diese Leute jedoch lebten vorzugsweise in der Stadt, oder, wenn sie Güter am Hudson hatten, brachten sie hier ihren Winter zu. Zu dieser Klasse gehörten die Littlepages nicht; denn weder ihr Vermögen noch ihre Lebensgewohnheiten versuchten sie, einen so hohen Flug zu nehmen. Was mich betrifft, so lernte ich hinreichend Latein und Griechisch um in das Kollegium treten zu können, bei dem hochwürdigen Thomas Worden, einem englischen Geistlichen, welcher Rektor von St. Jude war, dem Kirchspiel, welchem unsre Familie angehörte. Dieser Gentleman galt für einen guten Gelehrten und war sehr beliebt bei der Gentry der Grafschaft; er besuchte alle Gastmahle, Clubs, Wettrennen, Bälle im Umkreis von seinem Wohnsitz. Seine Predigten waren dürftig und kurz, und er sprach immer von den halbstündigen Predigern als von ungebildeten, unwissenschaftlichen Schwätzern, welche es nicht verstünden, ihre Gedanken zusammen zu drängen. Zwanzig Minuten war sein Maß, obwohl ich mich erinnere, von meinem Vater gehört zu haben, er wisse Fälle, wo er zweiundzwanzig Minuten lang gesprochen. Wenn er sie auf vierzehn Minuten zusammen drängte, betheuerte jedesmal mein Großvater, wie entzückt er sey.

Ich blieb bei Mr. Worden, bis ich die zwei ersten Bücher der Aeneis und das ganze Evangelium Matthäi ziemlich geläufig übersetzen konnte; und dann begannen mein Vater und mein Großvater – der Letztere ganz besonders, denn der alte Herr hielt gar große Stücke auf Gelehrsamkeit, – in ihrem Gemüthe zu überlegen, in welches Collegium ich gesandt werden solle. Wir hatten die Wahl unter zweien, in welchen beiden die gelehrten Sprachen und die Wissenschaften in einem Grade und in einer Vollkommenheit gelehrt werden, welche für ein so junges Land wirklich überraschend ist. Diese Collegia sind Yale, zu New-Haven, in Connektikut, und Nassau-Hall, welches sich damals zu Newark in New-Jersey befand, nachdem es eine kurze Zeit in Elizabethtown gewesen, das aber seitdem nach Princeton verlegt worden ist. Mr. Worden lachte über beide; sagte, in keinem finde sich so viel Gelehrsamkeit als in einer englischen Grammatikschule zweiten Ranges; und einer der geringern Knaben von Elton oder Westminster könnte auf beiden den Magistergrad erwerben, und obenein noch für ein Wunder von Kenntnissen gelten. Mein Vater, der, in der Colonie geboren, ein gut Theil ächter Colonialgesinnung besaß, war hierüber, wie ich mich erinnere, ärgerlich; während mein Großvater, im alten Lande geboren, aber in den Colonien erzogen, in Verlegenheit war, wie er die Sache ansehen sollte. Der Capitän hatte große Achtung vor seinem Heimathlande, und betrachtete es unverkennbar als das Paradies auf Erden, obgleich er keine sehr deutliche Erinnerungen mehr davon hatte; aber zugleich liebte er Old-York, und West-Chester insbesondere, wo er geheirathet und sich in Satans-Toe niedergelassen hatte; oder, wie er es buchstabirte und schrieb, und wir Alle jetzt schon manchen Tag her: Satanstoe. Ich war anwesend bei der Unterredung, wo die Frage entschieden wurde, welche meine fernere Bildung betraf, und welche statt fand in dem gewöhnlichen Gesellschaftszimmer, um ein loderndes Feuer herum, etwa acht Tage vor Weihnachten, in dem Jahre wo ich Vierzehn alt wurde. Zugegen waren Capitän Hugh Roger, Major Evans, meine Mutter, der hochwürdige Mr. Worden und ein alter Gentleman von holländischem Namen und Abkunft, genannt Abraham Van Valkenburgh, von seinen Freunden vertraulich 'Bram Follock, oder Oberst Follock oder Volleck genannt, je nachdem diese mehr oder weniger ceremoniös, oder mehr oder weniger holländisch waren. Follock jedoch glaube ich war die Lieblingsbenennung. Dieser Oberst Van Valkenburgh war ein alter Waffenbruder meines Vaters und überdieß ein Verwandter, eine Art von Vetter, von meiner Urgroßmutter her, neben dem daß er ein Mann von vielem Ansehen und von Gediegenheit war. Er wohnte im Rockland, gerade über dem Hudson drüben, verfehlte aber nie um diese Jahreszeit einen Besuch in Satanstoe zu machen. Dießmal war er begleitet von seinem Sohne, Dirck, welcher mein Freund war, und gerade ein Jahr jünger als ich.

»Nun denn,« begann der Oberst, in holländischem Accent, das Gespräch, indem er die Asche aus seiner Pfeife zum zweiten Mal diesen Abend ausklopfte, nachdem er erst einen Schluck heißen Flip, – ein damals wie noch jetzt sehr beliebtes Getränke Von Zucker, Bier und Branntwein., – genommen hatte – »nun denn, Evans, was ist Euer Vorhaben mit dem Knaben? Soll er ein Collegiumsgelehrter werden, wie sein Großvater, oder nur ein in der Schule Unterrichteter, wie sein Vater?« Die Anspielung auf den Großvater war ein Scherz des Obersts, welcher behauptete, alle im alten Mutterlande Gebornen seyen durch Instinkt schon Collegiumsgelehrte.

»Die Wahrheit zu gestehen, Bram,« versetzte mein Vater, »das ist ein noch nicht ganz fest ausgemachter Punkt, denn es sind verschiedene Meinungen über den Ort, wohin er geschickt werden sollte, vorausgesetzt auch, daß er überhaupt hingehen soll.«

Der Oberst heftete seine großen, vorstehenden blauen Augen auf meinen Vater, in einer Art und Weise, welche sehr sprechend seine Ueberraschung zu erkennen gab.

»Wie denn, gibt es hier so viele Collegien, daß es schwer ist zu wählen?« fragte er.

»Es sind nur zwei, welche für uns zweckdienlich seyn können, denn Cambridge ist viel zu weit entfernt, als daß man daran denken könnte, den Knaben dahin zu schicken. Wir hatten einmal Cambridge im Sinne, aber der Gedanke ist aufgegeben.«

»Wo ist denn Cambridge?« fragte der Holländer, die Pfeife aus dem Munde nehmend, um eine so wichtige Frage zu thun, – eine Ceremonie die er für gewöhnlich nicht nöthig fand.

»Es ist ein Collegium in Neu-England, in der Nähe von Boston, keine halbe Tagereise davon entfernt, glaube ich.«

»Schickt den Cornelius nicht dahin!« sprudelte der Oberst heraus, indem er diese Worte neben der Mundspitze der Pfeife heraus zu bringen wußte.

»Ihr meint nicht, Oberst Follock?« mischte sich die ängstlich besorgte Mutter ein; »darf ich Euch nach dem Grund dieser Eurer Meinung fragen?«

»Zu viel Sonntag, Matam Littlepage – der Knabe wird verderbt werden durch die Pfaffen. Er wird hingehen als ein ehrlicher Junge, und zurückkommen als ein Schelm. Er wird beten und betrügen lernen.«

»Ei pfui! mein edler Oberst!« rief der hochwürdige Mr. Worden, größere Entrüstung heuchelnd, als er in Wahrheit empfand. »Also bildet Ihr Euch ein, die Geistlichkeit und zu viel Sonntag seyen im Stande einen ehrlichen Jungen in einen Schurken zu verwandeln!«

Der Oberst gab keine Antwort und rauchte nur philosophisch fort, obgleich er die Gelegenheit ergriff, während er die Pfeife in einer der periodisch wiederkehrenden Fristen aus dem Munde nahm, eine bedeutungsvolle Geberde damit gegen Sonnenaufgang zu machen, deren Sinn von allen Anwesenden verstanden wurde, und so viel hieß als: nach Osten zu, wie man sagt, um die Colonien von Neu-England zu bezeichnen. Daß er von dem hochwürdigen Mr. Worden verstanden wurde, ist höchst wahrscheinlich, denn dieser Gentleman fuhr fort, den Flip aus einem Gefäß in ein anderes zu gießen, damit die Bestandtheile der Mischung sich noch inniger vermischten, mit einer Kaltblütigkeit, als wäre gar keine Bemerkung über seinen Beruf gefallen.

»Was haltet Ihr von Yale, Freund 'Bram?« fragte mein Vater, welcher jene Geberde so gut als Einer der Anwesenden verstand.

»Ist kein Unterschied, Evans; sie Alle predigen und beten zu viel. Rechtschaffene Leute haben nicht so viele Religion nöthig. Wenn ein Mensch wirklich gut ist, so thut ihm die Religion nur Schaden. Ich meine die Yankee-Religion.«

»Ich habe eine andere Einwendung gegen Yale,« bemerkte Capitän Hugh Roger, »und das ist ihr Englisch.«

»Oh!« rief der Oberst – »Ihr Englisch ist entsetzlich! Aerger als irgend Etwas für unser holländisch Ohr!«

»Ha, das wußte ich nicht,« sagte mein Vater. »Sie sind Engländer, Sir, so gut wie wir, und warum sollten sie die Sprache nicht so gut wie wir sprechen?«

»Warum spricht ein Mann von Yorkshire oder von Cornwall nicht so gut wie ein Londoner? Ich will Euch Etwas sagen, Evans, ich will den besten Kampfhahn auf dem Landhals gegen den geringsten Düngerhaufenhahn setzen, den der Pfarrer hat, der Präsident von Yale spricht peen aus wie pen und roof wie ruff u. s. f.«

»Meine Vögel sind alle von der Gattung der Kämpfer,« bemerkte der Geistliche dazwischen; »ich halte keine andere Zucht.«

»Wahrhaftig Mr. Worden, Ihr ermuntert und billigt doch wohl nicht Hahnenkämpfe durch Eure Gegenwart?« sagte meine Mutter, mit einem so vorwurfsvollen Ton und Wesen, als sich nur irgend mit dem heiligen Amt des Angeredeten und mit ihrer eigenen sanften Gemüthsart vertrug. Der Oberst blinzelte meinem Vater zu und lachte durch seine Pfeife, ein Kunststück, das er, wie man sagen konnte, beinahe stündlich machte. Mein Vater lächelte ebenfalls; denn, die Wahrheit zu gestehen, er war wirklich ein paar Male zugegen gewesen, wo die Neugier des Pfarrers diesen verlockt hatte, ein wenig zuzuschauen; mein Großvater aber machte ein sehr ernstes und würdevolles Gesicht. Mr. Worden selbst begegnete dem Verdacht wie ein Mann. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: wenn er kein Ascetiker war, so war er auch kein seufzender und weinender Heuchler, wie es nur zu häufig der Fall ist bei Solchen, welche Schüler und Diener unseres heiligen Herrn seyn wollen.

»Warum nicht, Madame Littlepage?« fragte Mr. Worden mannhaft. »Es gibt schlimmere Plätze als die der Hahnenkämpfe; denn, bemerkt das wohl, ich wette nie, nein! auch nicht bei Pferderennen; und das ist eine Gelegenheit, wo jeder Gentleman ein paar Guineen ganz ehrenhafter und anständiger Weise daran wagen darf. Es gibt in diesem Lande so wenige Unterhaltungen für Personen von Erziehung, Madame Littlepage, daß man nicht allzu wählerisch seyn darf. Freilich wenn es hier Hunde und Jagd gäbe, wie im Heimathland, solltet Ihr nie von meiner Anwesenheit bei einem Hahnenkampf hören, das versichere ich Euch.«

»Ich muß sagen, ich billige die Hahnenkämpfe nicht,« versetzte meine Mutter sanft, »und ich hoffe, Corny wird man nie bei einem sehen. Nein – nie – nie!«

»Darin habt Ihr Unrecht, Madame Littlepage,« bemerkte der Oberst, »denn der Anblick des Muthes der Hähne wird dem Knaben selbst Muth geben. Mein Tirck hier, geht zu allen in der Nachbarschaft, und er ist selbst ein Kampfhahn, laßt mich Euch sagen. Komm, Tirck, – komm mein Hähnchen, zeig' dich!«

Dieß war völlig wahr, wie ich recht gut wußte, so jung ich war. Dirck, der dem Anschein nach ein so schwerfälliger, träger und unbeweglicher Knabe war, wie man unter Tausenden kaum Einen finden konnte, war im Grunde seines Wesens durchaus kampflustig, und er war, wie er mir selbst erzählt hatte, schon bei manchem Strauß gewesen. Wie viel von seinem Muth und seiner Kampflust die Folge davon war, daß er solchen Schauspielen angewohnt hatte, will ich mir nicht anmaßen zu entscheiden; denn ich habe in den neuern Zeiten bezweifeln hören, ob solche Schauspiele den Muth der Zuschauer wirklich erhöhen oder nicht. Aber Dirck hatte Feuer, und zwar im Ueberfluß, und in diesem Punkte wenigstens täuschte sich sein Vater nicht. Des Obersts Meinung hatte immer Gewicht bei meiner Mutter, sowohl wegen seiner holländischen Abkunft als wegen seiner anerkannten Rechtschaffenheit; und die Wahrheit zu gestehen, ein Grundsatz oder ein Wort von ihm hatte bei ihr viel mehr Geltung und Gewicht als dieselben im Munde des Geistlichen gehabt hätten. Sie schwieg daher für den Augenblick von den Hahnenkämpfen, was dem Capitän Hugh Roger Gelegenheit gab, den Gegenstand der englischen Sprache weiter zu erörtern. Der Großvater, ein eingefleischter Liebhaber jener Art von Unterhaltung, würde sich hier gern in das Gespräch eingemischt haben, aber er hatte eine große Zärtlichkeit für meine Mutter, welche beiläufig bemerkt von Jedermann geliebt wurde, und er bezwang sich, froh darüber, daß ein so wichtiges Interesse in so gute Hände wie die des Obersts, gefallen war. Er wäre eben so leicht von der Kirche als von einem Hahnenkampf weggeblieben, und doch hielt er sehr streng auf Beobachtung der religiösen Pflichten.

»Ich würde Evans nach Yale geschickt haben, wäre nicht die erbärmliche Art, das Englische zu sprechen, die sie in Neu-England haben,« begann mein Großvater wieder; »und ich wünschte nicht, einen Sohn zu haben, der für einen Cornwalliser gelten könnte. Wir werden diesen Knaben nach Newark, in New-Jersey, schicken müssen. Die Entfernung ist nicht so groß, und wir werden dann auch die Gewißheit haben, daß er keine solche rundköpfische Begriffe von der Religion einsaugt. Oberst 'Bram, Ihr Holländer seyd auch nicht ganz frei von diesen leidigen Thorheiten!«

»Zum Henker damit!« brummte der Oberst durch seine Pfeife; denn kein Anhänger des Liberalismus und Latitudinarismus in der Religion konnte ein größerer Feind der Extra-Frömmigkeit seyn als er. Der Oberst gehörte jedoch nicht der holländischen reformirten Kirche an, er war ein Episkopale, wie wir auch, seine Mutter hatte diesen Zweig der Follocks in die Kirche gebracht; und daher theilte er mit Herz und Hand alle unsre Gesinnungen in Betreff der Religion. Vielleicht stand Mr. Worden bei keinem Mitglied der vier Kirchspiels in größerer Gunst als bei Oberst Abraham Van Valkenburgh.

»Ich würde mich weniger bedenken, Corny nach Newark zu schicken,« sagte meine Mutter, »wäre es nicht, daß er übers Wasser muß!«

»Ueber's Wasser muß!« wiederholte Mr. Worden. »Das Newark das wir meinen, Madame Littlepage, ist nicht in dem Heimathland; das Jersey, von dem wir sprechen ist die nahe gelegene Colonie dieses Namens.«

»Ich weiß das wohl, Mr. Worden; aber es ist nicht möglich, nach Newark zu kommen, ohne die fürchterliche Reise zwischen New-York und Powles' Hook zu machen. Nein, Sir, es ist unmöglich; und jedesmal, wenn das Kind heim kommt, ist diese Gefahr zu bestehen. Es würde mir manche schlaflose Nacht verursachen!«

»Er kann auf Dobb's Fähre hinüber kommen, Madam Littlepage,« bemerkte der Oberst ruhig.

»Dobb's Fähre kann nur sehr wenig besser seyn als die bei Powles' Hook,« versetzte die zärtliche Mutter. »Eine Fähre ist eine Fähre; und der Hudson bleibt der Hudson, von Albany bis New-York. Wasser ist eben Wasser.«

Da dieß Alles unbestreitbare Sätze waren, so führten sie eine Pause im Gespräch herbei; denn die Menschen gebahren mit neuen Ideen nicht so leicht und frei wie mit den alten.

»Es gibt ein Mittel, Evans, wie Ihr und ich aus Erfahrung wissen,« begann der Oberst, wieder meinem Vater zublinzelnd, »nämlich ganz um den Hudson herumzugehen. Allerdings ist es ein langer Weg und geht ein Bischen durch die Wälder; aber besser man unternimmt das, als man läßt den Knaben seine Kenntnisse wieder verlieren. Die Reise läßt sich wohl in zwei Monaten machen, und die Bewegung und Anstrengung wird ihm gut thun. Der Major und ich waren nie frischer, als wie wir an den Quellen des Hudson operirten. Ich will Corny den Weg beschreiben.«

Meine Mutter sah daß man über ihre Besorgnisse spottete, und sie war klug genug, um zu schweigen. Die Erörterung aber hatte nichtsdestoweniger ihren Fortgang, bis nach einer stundenlangen weitern Erwägung der Gründe für und wider, entschieden war, daß ich nach Nassau-Hall in Newark, in New-Jersey, geschickt, und mit dem Collegium jenen Ort verlassen sollte, wenn immer dieß Ereigniß eintrete.

»Ihr werdet Dirck auch dahin schicken,« sagte mein Vater, sobald die Sache in Betreff meiner ganz entschieden war. »Es wäre Schade die Knaben zu trennen, nachdem sie so lange bei einander gewesen und sich so sehr an einander gewöhnt haben. Ihre Charaktere sind sich auch so verwandt, daß sie mehr wie Brüder als sehr entfernte Verwandte sind.«

»Sie werden einander nur um so lieber haben, wenn sie ein wenig verschieden werden« antwortete der Oberst trocken.

Dirck und ich waren einander so unähnlich als ein Pferd und ein Maulthier.

»Ja, aber Dirck ist ein Junge, der einer Erziehung Ehre machen wird – er ist solid und ernst, und bei einem solchen Jüngling wird die Gelehrsamkeit nicht verloren seyn. Wäre er in England, dieser gesetzte Knabe könnte es wohl zum Bischof bringen.«

»Ich brauche keine Bischöfe in meiner Familie, Major Evans; auch brauche ich keine große Gelehrsamkeit. Keiner von uns hat je ein Collegium gesehen, und wir haben uns Alle ganz gut durch die Welt gebracht. Ich den Oberst und Mitglied der Assembly; mein Vater war auch Oberst und Mitglied der Assembly; und mein Großvater wäre auch Oberst und Mitglied der Assembly geworden, aber es gab zu seiner Zeit keine Obersten und Mitglieder der Assembly; Tirck aber dort kann wohl Oberst und Mitglied der Assembly werden, ohne über das Wasser zu gehen auf der entsetzlichen Fähre, welche der Matam Littlepage so große Angst macht.«

Es lag meist etwas Humor in Allem, was Oberst Follock sagte und that; obwohl man gestehen muß, es war Humor nach holländischem Zuschnitt; Niederländerspaß, wie Mr. Worden es zu nennen pflegte. Dennoch war es Humor; und all die jüngern Generationen der Familie Littlepage hatten holländisches Blut genug in sich, um sich daran zu erfreuen. Mein Vater verstand ihn, und meine Mutter hörte noch manchesmal von der entsetzlichen Fähre sprechen, bis nicht nur ich, sondern das Collegium selbst Newark verlassen hatten; denn die Anstalt wurde, einige Zeit ehe ich meinen Grad erwarb, nach Princeton verlegt, wo sie sich noch jetzt befindet.

»Ihr habt Euch ganz gut in der Welt fortgebracht ohne eine Collegiums-Erziehung, wie Jedermann zugeben muß, Oberst,« antwortete Mr. Worden; aber Niemand weiß, wie viel besser es Euch noch ergangen wäre, wenn Ihr ein Artium Magister geworden. Ihr hättet im letztern Falle General und Mitglied des Geheimenrathes werden können.«

»Es gibt keinen General in der Colonie; den Oberbefehlshaber und Statthalter Seiner Majestät ausgenommen,« erwiederte der Oberst. »Wir sind keine Yankee's, daß wir aus Bauern Generale machten.«

Hierauf klopften der Oberst und mein Vater in demselben Augenblick die Asche aus ihren Pfeifen und Beide lachten, – eine Heiterkeit, in welche der Pfarrer, mein Großvater, meine gute Mutter und ich selbst einstimmten. Selbst ein Negerknabe, etwa von meinem Alter, dessen Name Jakob, oder Jaap war, aber gewöhnlich Yaap genannt wurde, grinste bei dieser Bemerkung, denn er hegte eine gründliche Verachtung gegen das Yankee-Land und alle seine Bewohner; eine beinahe so gründliche Verachtung, als die war, welche das Yankee-Land gegen New-York und seine holländische Bevölkerung hegte. Dirck war der Einzige von allen Anwesenden, der ein ernsthaftes Gesicht behielt; aber Dirck war seinem ganzen Wesen nach so ernst und gesetzt, als wäre er dazu geboren, ein Bürgermeister zu werden.

»Ganz recht, 'Bram,« rief mein Vater; » Oberste sind gut genug für uns; und selbst wenn wir Einen dazu machen, sehen wir ein Bischen darauf, daß er achtbar und für den Posten tüchtig ist. Dennoch wird Gelehrsamkeit dem Corny nicht schaden, und in's Collegium soll er, mögt Ihr auch mit Dirck thun, was Euch beliebt. So ist also diese Sache abgemacht, und braucht nicht weiter davon gesprochen zu werden.«

Und abgemacht war die Sache, und in's Collegium ging ich ab, und zwar obendrein auf der grauenvollen Fähre von Powle's-Hook. So nahe der Stadt wir wohnten, machte ich doch auf der Insel Manhattan meinen ersten Besuch an dem Tage, wo mein Vater und ich nach Newark uns auf den Weg machten. Ich hatte eine Tante, welche in Queen-Street wohnte, nicht sehr weit entfernt vom Fort, und sie hatte mich und meinen Vater freundlich eingeladen einen Tag bei ihr, auf unserm Wege nach New-Jersey, zuzubringen, und diese Einladung ward angenommen. In meiner Jugendzeit war die Welt überhaupt nicht darauf aus, herumzufegen, wie es jetzt der Brauch wird, und weder mein Großvater noch mein Vater reisten mehr als zweimal im Jahr in die Stadt, außer wenn ihr Beruf bei der Legislatur sie dahin rief. Meiner Mutter Besuche daselbst waren noch seltener, obwohl Mrs. Legge, meine Tante, ihre leibliche Schwester war. Mr. Legge war ein Advokat von vielem Ruf, aber er hatte Neigung, Opposition zu machen, oder er stellte sich in der Politik auf die volksthümliche Seite; und zwischen einem Manne von dieser Gesinnung und unsrer Familie konnte keine sehr große Herzlichkeit bestehen. Ich erinnere mich noch, – wir waren keine Stunde im Hause, als schon eine sehr warme Erörterung zwischen meinem Vater und meinem Oheim sich entspann über die Frage, ob der Unterthan das Recht habe, die Regierungshandlungen zu prüfen und zu tadeln. Wir waren von Hause abgereist unmittelbar nach einem zu guter Zeit eingenommenen Frühstück, um vor Dunkel die Stadt zu erreichen; aber ein langer Aufenthalt bei der Fähre zu Harlem nöthigte uns, in diesem Ort zu Mittag zu essen, und es war ganz Nacht, bis wir in Queen-Street ankamen. Meine Tante bestellte das Nachtessen recht frühe, damit wir bald in's Bett kämen, uns von unsern Strapazen erholten und am nächsten Tage frisch wären, um Alles zu sehen. Wir setzten uns deßhalb binnen weniger als einer Stunde nach unsrer Ankunft zum Nachtessen; und während wir zu Tische saßen, fand die oben erwähnte Erörterung Statt. Wie es scheint, hatte sich in der Stadt unter den Unloyalen, und ich möchte fast sagen, den Mißvergnügten eine Partei aufgethan, welche für den Unterthan das Recht in Anspruch nahm, zu erfahren, auf welche Art jeder Shilling des durch Steuern aufgebrachten Geldes verausgabt werde. Dieser ganz offenbar ungeeigneten Einmischung von Seiten der Regierten in Sachen, die sie nichts angingen, ward von Seiten der Regierenden entgegengetreten, und zwar mit Nachdruck; insofern solche Erkundigungen und Nachforschungen ganz natürlich zu Ergebnissen führen konnten, welche die Autorität der Regierung in Mißachtung bringen, die Regierten anmaßend und vorlaut in ihren Gesinnungen machen, und viele Unordnung und Ungelegenheit für den regelmäßigen und wohlthätigen Gang der Regierung herbeiführen würden. Mein Vater verneinte die Frage, während mein Oheim sie bejahte. Ich erinnere mich wohl noch, wie meine arme Tante so ängstlich und mißbehaglich aussah, und dem Gespräch eine andere Wendung zu geben bemüht war, indem sie unsre Neugier auf einen neuen Gegenstand zu lenken suchte.

»Corny hat ganz besonderes Glück gehabt, daß er gerade jetzt in die Stadt gekommen ist, da wir morgen eine Art Galatag für die Schwarzen und die Kinder haben werden.«

Ich fühlte mich nicht im Mindesten beleidigt, so in Einer Reihe mit den Negern aufgezählt zu werden, denn sie nahmen an den meisten Ergötzlichkeiten von uns jungen Leuten Theil; aber es gefiel mir nicht so ganz, unter die Kinder gezählt zu werden, da ich jetzt vierzehn Jahre alt und auf dem Wege in das Collegium war. Trotzdem ermangelte ich nicht, in meinem Gesicht Interesse zu verrathen, was nun kommen würde. Mein Vater zögerte nicht, sich Aufklärung zu erbitten.

»Diesen Morgen ist durch eine schnellsegelnde Schaluppe die Nachricht eingelaufen, daß der Patroon von Albany sich auf dem Wege nach New-York befindet, in seiner Kutsche mit vier Pferden und mit zwei Vorreitern, und daß zu erwarten sey, er werde im Laufe des morgenden Tages die Stadt erreichen. Einige meiner Bekannten haben eingewilligt, ihre Kinder eine Strecke weit auf's Land hinaus zu schicken, um ihn kommen zu sehen; und was die Schwarzen betrifft, so wißt Ihr, es ist das Beste, ihnen Erlaubniß zu geben, mitzugehen, da sonst doch die Hälfte von ihnen ungefragt hinausziehen würde.«

»Das wird eine treffliche Gelegenheit seyn, Corny Etwas von der Welt sehen zu lassen,« rief mein Vater, »und ich möchte sie ihn unter keiner Bedingung versäumen lassen. Ueberdieß ist es auch nützlich, jungen Leute frühe schon die zuträgliche Lehre einzuprägen, die Höhern und Aelteren zu ehren.«

»In diesem Sinne mag es schon recht seyn,« brummte mein Oheim, der, obwohl in seinen politischen Ansichten ein starker Latitudinarier, doch nie ermangelte, alle für's Privatleben nützlichen und nothwendigen Grundsätze anzuempfehlen, »da der Patroon von Albany Einer der Achtbarsten und Reichsten unter unsrer gesammten Gentry ist. Ich habe nichts dagegen, daß Corny zu diesem Schauspiel gehe, und ich hoffe, meine Liebe, Ihr werdet Pompejus und Cäsar auch daran Theil nehmen lassen. Es wird den Burschen Nichts schaden, wenn sie sehen, in welcher Art und Weise der Patroon sein Fuhrwerk und seine Pferde hält.«

Pompejus und Cäsar waren demzufolge auch von der Partie, doch gesellte sich der Letztere erst zu uns, nachdem Pompejus mich durch die ganze Stadt geführt und mir die Hauptsehenswürdigkeiten gezeigt hatte, da man annahm, der Patroon habe zu Kingsbridge geschlafen und werde wahrscheinlich erst gegen Mittag die Stadt erreichen. New-York war freilich im Jahr 1751 nicht die Stadt wie jetzt; aber doch war es schon zu der Zeit, als ich in das Collegium reiste, eine große und wichtige Stadt, von nicht weniger als zwölftausend Seelen, die Schwarzen mit eingeschlossen. Das Stadthaus ist ein prächtiges Gebäude, das oben in der Broad-Street steht; und dahin führte mich Pompejus, noch ehe meine Tante zum Frühstück herabgekommen war. Ich konnte dieses schöne Gebäude kaum genug bewundern, das hinsichtlich der Größe, Architektur und Lage kaum jetzt in allen Colonien seines Gleichen hat. Es ist wahr, die Stadt hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr vergrößert und verschönert; aber York war selbst schon in der Mitte dieses Jahrhunderts ein stattlicher Ort! Nach dem Frühstück begaben Pompejus und ich uns nach Broadway, in der Nähe des Forts, am Bowling-Green, und wanderten eine Strecke über den Anfang von Wall-Street hinaus, wohl eine Viertelmeile. Und hier war noch nicht das Ende der Stadt; obgleich ihre vornehmste Ausdehnung am Ufer des East-River hin sich erstreckt oder damals erstreckte. Trinity-Church konnte ich auch kaum genug bewundern; denn es schien mir, diese Kirche sey geräumig genug, um sämmtliche Kirchengenossen in der ganzen Colonie zu fassen. Der einsichtsvolle Leser wird natürlich die provinziale Bewunderung des Mr. Littlepage gehörig zu würdigen wissen, welcher, wie man leicht begreift, sich einbildete, was ihm als das Höchste erscheine, sey auch für Andere das Höchste. Die Trinitätskirche jener Zeit brannte ab bei der großen Feuersbrunst von 1776. Das Gebäude, welches beim Frieden von 1783 an ihre Stelle trat, hat auch schon einer Nachfolgerin Platz gemacht, welche mehr Ansprüche hat, mit moderner englischer Kirchenarchitektur in Städten in Eine Reihe gestellt zu werden, als irgend ein anderes Gebäude in der Union. Wenn wieder eine andere Kirche an die Stelle von dieser treten wird, um so Vieles größer und ausgearbeiteter denn ihre Vorgängerin, als diese die ihrige übertraf, und dann noch eine neue erstehen, welche dasselbe Verhältnis zu ihr hat, dann wird das Land ein Bauwerk haben, das Europa's ersten gothischen Kathedralen und Domen gleich steht. Es wäre eine nichtige Behauptung, daß die neue Trinitätskirche ohne Fehler sey, von welchen einige vermuthlich die Folgen von besondern Umständen und der Nothwendigkeit sind; aber wenn der achtbare Baumeister, der sie gebaut, auch kein anderes Verdienst hätte, so würde er doch schon den Dank jedes Mannes von Geschmack im Lande dadurch verdienen, daß er seiner Bevölkerung Kirchtürme von verhältnismäßiger Größe, Breite und Würde vor Augen stellte. Die spöttliche Kleinheit der amerikanischen Kirchthürme ist jedem einsichtsvollen, gereisten Amerikaner ein Dorn im Auge gewesen, seitdem das Land kolonisirt wurde. Der Herausgeber.

Es war ein ehrwürdiger Bau, der damals die Sommerhitze und den Winterschnee beinahe ein halbes Jahrhundert auf seinen Dächern und an seinen Mauern, empfunden und ertragen hatte, und noch steht er da, ein Denkmal frommen Eifers und gebildeten Geschmacks. Auch andere Kirchen waren natürlich da, andern Glaubensweisen angehörig, die des Sehens wohl werth waren; um Nichts zu sagen von den Märkten. Ich glaubte niemals müde zu werden, die Pracht der Buden und Läden zu betrachten, besonders die der Silberarbeiter, von welchen einige einen Werth von tausend Dollars in Silbergeschirr hinter ihren Fenstern, oder sonst dem Auge des Beschauers ausgesetzt, liegen haben mußten. Aehnliches könnte ich auch von den andern Läden sagen, welche mit vollem Recht einen Theil meiner Bewunderung in Anspruch nahmen.

Gegen eilf Uhr zeigte uns die Masse von Kindern und von Schwarzen, die man gegen Bowery-Road hin sich bewegen sah, daß es Zeit war, jene Richtung einzuschlagen. Wir befanden uns gerade in dem oberen Theile von Broadway, und Pompejus schritt mit mir vor, um sich dem Strome anzuschließen, wobei er sich so sehr beeilte, als er konnte, da man dachte, der Reisende könnte gegen den East-River herabkommen und Queen-Street erreichen, ehe wir an dem Punkt ankämen, wo er die Wahl zwischen zwei Straßen hatte. Zwar war die alte Stadtresidenz Stephan de Lancey's, welche oben im Broadway, gerade über Trinity-Church stand, Die Lage des jetzigen Stadthofes ( City-Hotel.) Der Herausgeber. in ein Gasthaus verwandelt worden, und wir wußten nicht anders, als der Patroon werde wohl hier absteigen, da dieß das vornehmste Gasthaus der Stadt war; aber doch zogen die meisten Leute Queen-Street vor, und die neue City-Tavern war so vom Wege ab, daß Fremde besonders nicht gerne dort einsprachen. Cäsar kam ganz außer Athem daher gerannt, gerade als wir auf's freie Feld kamen.

Broadway verlassend gingen wir auf der Landstraße fort, welche damals östlich sich abbog, welche aber jetzt allmälig eine Art von Vorstadt ansetzt, und die nach Queen-Street führende Straße passirend, zweifelten wir jetzt nicht mehr, dem Reisenden zu begegnen, dessen Wagen, wie wir bald erfuhren, noch nicht vorbeigekommen war. Da in diesem Stadttheil verschiedene Gasthäuser für Landleute waren und noch sind, gingen die Meisten von uns ganz auf's freie Feld hinaus, und wanderten zu bis zu den Landhäusern der Bayard's, de Lancey's und anderer vornehmer Leute, deren einige entlang von Bowery-Road stehen. Unsere Gesellschaft machte Halt unter einigen Kirschenbäumen, nicht über eine Meile von der Stadt entfernt, fast gegenüber dem Landhause des Lieutenant-Gouverneurs de Lancey; Jetzt die Lancey-Street. Der Herausgeber. viele Knaben aber u. s. w. gingen noch eine weite Strecke auf's Land hinaus und beschlossen den Tag damit, daß sie Nüsse und Aepfel sammelten in den Besitzungen Petersfield und Rosehill, den Landresidenzen der Familien Stuyvesant und Watt, oder wie letztere jetzt genannt wird, Watts. Ich hatte Lust, selbst auch so weit vorzugehen, denn ich hatte viel gehört von diesen beiden großen Gütern; aber Pompejus sagte mir, es sey nothwendig, daß wir bis halb zwei Uhr zum Mittagsessen zurück seyen, da seine Gebieterin sich dazu verstanden, die Stunde ein Wenig hinauszuschieben, um meinem natürlichen Wunsche, so viel als möglich während meines Aufenthalts in der Stadt zu sehen, Genüge zu leisten.

Es waren nicht lauter Kinder und Schwarze, welche an diesem Tage nach Bowery-Road zogen; viele Handwerker waren auch unter uns, deren lederne Schürzen bei der Gelegenheit stattlich paradirten. Ich sah ein paar Personen, welche Degen trugen, in den Gäßchen und Gehölzen herumschlendern, Beweis, daß selbst Gentlemen ein Verlangen trugen, eine so vornehme Person wie den Patroon von Albany vorbeiziehen zu sehen. Ich werde mich nicht lange bei dem Vorüberzuge des Patroons aufhalten. Er kam an uns vorbei gegen Mittag, wie man erwartete, in seiner Kutsche mit vier Pferden, mit zwei Vorreitern und einem Kutscher u. s. w. in Livereien, wie es bei den Familien der Gentry gewöhnlich ist, und mit einem Zug schwerer, schwarzer, holländisch aussehender Rosse, welche Cäsar, wie ich mich erinnere, für Thiere von der ächten flämischen Zucht erklärte. Der Patroon selbst war ein stattlicher, gutgekleideter Gentleman, trug einen Scharlachrock, eine fliegende Perrücke und einen Stülphut; und ich bemerkte, daß der Griff seines Degens von massivem Silber war. Dieser Patroon muß Jermiah Van Rensselaer gewesen seyn, welcher ein Junggesell von vierzig Jahren war, ehe er heirathete. Wenn kein Anachronismus obwaltet, so heirathete dieser Gentleman Miß Van Cortlandt, eine der sieben Töchter des Stephanus Van Cortlandt, Besitzers des großen Gutes Cortlandt, in der Grafschaft West-Chester, welcher seiner Zeit die wichtigste Person in der Colonie war. Die sieben Töchter dieses Obersts Van Cortlandt begründeten dadurch, daß sie in die Familien de Lancey, Bahard, Van Rensselaer, Beekmann, M'Gregor, Skinner u. s. w. heiratheten, eine Verwandtschaft, deren Gewicht man in den politischen Angelegenheiten von New-York lange Zeit empfand. Die Schuyler's waren durch eine frühere Heirath mit ihnen verschwägert, und ebenso viele andere gewichtige Familien, namentlich von Long Island, durch frühere Heirathen, Diese Verwandtschaft bildete die Hofpartei, welcher eine Opposition sich entgegenstellte, an deren Spitze die Livingstons, Morris und andere Namen von ihrer Verwandtschaft standen. Dieser alte Junggeselle Jeremiah Van Rensselaer entäußerte sich, weil er glaubte, er werde nie mehr heirathen, zu Gunsten seines nächstältesten Bruders und muthmaßlichen Erben der Besitzungen Greenbush und Claverack, – Theile jener gewaltigen Besitzungen, welche in unsern Tagen hauptsächlich in Folge der strafbaren Gleichgültigkeit oder des erbärmlichen Demagogismus derjenigen, welche mit der Sorge für die öffentliche Wohlfahrt beauftragt sind, der Vorwand geworden sind, einige der einfachsten Gesetze der Moral zu verletzen, welche Gott den Menschen mitgetheilt hat Der Herausgeber.

Aber mein Vater trug auch einen Degen mit Griff von massivem Silber, ein Geschenk von meinem Großvater, als Ersterer in die Armee trat. Er verbeugte sich im Vorbeifahren zum Danke für die Begrüßungen, womit man ihn empfing, und ich dachte, alle Zuschauer müßten vergnügt seyn über das herrliche Schauspiel, eine solche Equipage in die Stadt einfahren zu sehen. Ein solcher Anblick kommt nicht jeden Tag in den Colonien vor, und ich fühlte mich ausnehmend glücklich, daß mein guter Stern mir beschieden hatte, Zeuge davon zu seyn.

Ein kleiner Zufall begegnete mir, der mir diesen Tag noch lange merkwürdig machte. Unter den bei dieser Gelegenheit an der Straße versammelten Zuschauern befanden sich auch einige Gruppen von Mädchen, welche den bessern Klassen angehörten, und welche auf das freie Feld hinausgekommen waren, entweder durch Neugier verlockt, oder durch Veranstaltung der verschiedenen schwarzen Wärterinnen, welche sie unter ihrer Obhut hatten. Unter einer dieser Gruppe befand sich ein Mädchen von etwa zehn, vielleicht auch von elf Jahren, deren Anzug, Haltung und Miene alsbald meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre großen, glänzenden, vollen, blauen Augen erschienen mir ganz besonders einnehmend; und Knaben von vierzehn Jahren sind nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheit beim andern Geschlecht, obwohl sie vielleicht öfter im Falle sind, sie bei älteren Mädchen, als sie selbst sind, als bei jüngern zu beachten. Pompejus war zufällig bekannt mit Silvia, der Negerin, welche die Aufsicht über meine kleine Schönheit hatte, gegen welche, er sich verbeugte und sie als Miß Anneke (abgekürzt von Anna Cornelia) anredete. Anneke schien mir auch ein sehr hübscher Name, und einige kleine Schritte zu einer Bekanntschaft wurden dadurch gemacht, daß ich ihr einige Früchte anbot, welche ich am Wege gepflückt hatte. Die Sache gerieth schnell in den besten Gang, und ich hatte schon verschiedene Fragen an sie gerichtet, z. B. »ob Miß Anneke je schon einen Patroon gesehen?« – »ob ein Edelmann, der vor kurzer Zeit als Offizier in der Colonie gewesen, oder der Patroon, wohl die schönere Kutsche habe?« als ein Fleischersjunge, welcher vorbeiging, roher Weise Anneken einen Apfel aus der Hand schlug, so daß sie eine Thräne vergoß.

Bei dieser muthwilligen Beleidigung fing ich Feuer, und versetzte dem Burschen einen Stoß in die Rippen, der ihm bemerklich machte, daß das junge Frauenzimmer einen Beschützer habe. Der Junge war etwa von meinem Alter und meiner Größe, und er betrachtete mich eine Minute lang mit einer Art von Verachtung, dann aber winkte er mir, ihm in einen Obstgarten ganz in der Nähe zu folgen, der aber dem Auge von der Straße aus entzogen war. Trotz Anneken's dringenden Bitten ging ich mit ihm, und Pompejus und Cäsar folgten. Wir hatten Beide schon uns kampffertig gemacht, ehe die Neger herbeikamen, denn sie waren in einem lebhaften Streite, ob man mir den Kampf gestatten solle oder nicht. Pompejus behauptete, das Mittagessen würde dadurch verzögert werden; Cäsar aber, der, wie seinem Namen geziemte, mehr Herz hatte, bestand darauf, da ich Jenem einen Schlag versetzt, sey ich verpflichtet, Genugthuung zu geben. Zum Glück war Mr. Worden geschickt im Boxen, und er hatte mir und Dirck vielfache Unterweisung darin gegeben, so daß ich bald fand, daß ich der Ueberlegene war. Ich zeichnete den Fleischersjungen mit einer blutigen Nase und einem blauen Auge, worauf er den Kampf aufgab und ich als Sieger abtrat; jedoch nicht ohne auch ein paar Faustschläge in's Gesicht erhalten zu haben, welche mir bei meiner Ankunft im Collegium einen Ruf verschafften, den ich kaum verdiente; nämlich den eines regelrechten Faustkämpfers.

Als ich nach diesem Strauß wieder auf die Straße zurückkehrte, war Anneke verschwunden, und ich war so schüchtern und einfältig, daß ich mich nicht einmal nach ihrem Familien-Namen erkundigte bei Cäsar dem Großen oder Pompejus dem Kleinen.

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