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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Sie schaut mit leerem Blick in manch Gesicht,
Auf manch Erzeigen, ohne daß sie's schätzt;
Warum man bei ihr wache, fragt sie nicht,
Nicht kümmert sie's, wer an ihr Bett sich setzt.
Zwar sprachlos nicht, doch auch kein Seufzer spricht
Aus, was sie denkt; umsonst schweigt oder schwätzt
Man zum Versuch bei ihr; kund immer gab
Ihr Athmen nur, daß sie verließ das Grab.
Byron.

Es war ein höchst peinlicher Augenblick für mich, als Herman Mordaunt, eine Stunde nachdem diese Thatsachen sich herausgestellt hatten, kam, um mich zu Anneke und Mary Wallace zu rufen. Ein Schimmer von Freude, Ein Strahl vom Sonnenschein des Herzens flog über Anneke'ns süßes Antlitz, als sie mich unverletzt ins Zimmer treten sah; aber rasch verschwand er in dem lebhaften Mitgefühl, das sie mit den Schmerzen ihrer Freundin empfand. Was Mary Wallace betraf, so hätte der Tod selbst sie kaum farbloser machen, ihren Zügen kaum ein finstreres Gepräge geistigen Leidens aufdrücken können. Anneke war es, die zuerst sprach.

»Gott sey gepriesen dafür, daß diese fürchterliche Nacht vorüber ist, und Ihr und mein Vater mir gerettet seyd!« sagte das köstliche Mädchen mit Inbrunst, meine Hand, welche eine Hand von ihr ergriffen hatte, mit beiden drückend. »Dafür wenigstens haben wir Grund dankbar zu seyn; wollte Gott, ich dürfte hinzusetzen, für die Rettung von uns Allen!« »Sagt mir auf einmal das Schlimmste, Mr. Littlepage,« begann Mary Wallace; »ich kann Alles eher ertragen als die Ungewißheit. Mr. Mordaunt sagt, Ihr kennet die Umstände besser als irgend Einer, und Ihr müßt sie mir erzählen. Sprecht also, und wenn mir auch das Herz darüber brechen sollte, es zu hören! – ist er getödtet?«

»Ich hoffe zur Barmherzigkeit des Himmels, nein! In Wahrheit, ich glaube nicht; obwohl ich fürchte, er wird wohl ein Gefangener seyn.«

»Dank Euch für das, lieber, lieber Mr. Littlepage! Oh, Dank Euch für das, von Grund meines Herzens. Aber können sie ihn nicht martern? Martern nicht diese Huronen ihre Gefangene? Verhehlt mir Nichts, Corny! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Selbstbeherrschung ich habe, und wie gut ich mich benehmen und fassen kann! Oh, verhehlt mir Nichts!«

Das arme Mädchen! In dem Augenblick, wo sie sich ihrer Seelenstärke und ihrer Kraft, Alles ertragen zu können, rühmte, zitterte sie am ganzen Leib, vom Kopf bis zum Fuß; ihr Antlitz hatte die Farbe des Todes und das Lächeln, mit welchem sie sprach, war entsetzlich hohläugig. Die zurückgedrängte Leidenschaft, welche so lang mit ihrer Klugheit gekämpft hatte, ließ sich jetzt nicht mehr unterdrücken; daß sie Guert wirklich liebte, und daß ihre Liebe stärker seyn würde als ihre ängstliche Besonnenheit, daran hatte ich seit einigen Monaten nicht mehr gezweifelt; aber da ich früher nie Gelegenheit gehabt, die Stärke eines so lang und so schmerzlich unterdrückten Gefühles zu beobachten, muß ich gestehen, daß dieser Anblick eines so tiefen, heftigen Leidens bei einem so zarten, so trefflichen und so lieblichen Wesen mich beinahe überwältigte und übermannte. Ich ergriff Mary Wallace bei der Hand und führte sie zu einem Sessel, kaum wissend was ich sagen sollte, um sie zu beruhigen, zu trösten. Diese ganze Zeit über verwandte sie ihr Auge nicht von dem meinigen, wie wenn sie hoffte, nur mittelst des Gesichtssinnes die Wahrheit erfahren zu können. Wie angstvoll, eifersüchtig, mißtrauisch und doch so flehend war dieser Blick!

»Wird er gemartert werden?« flüsterte sie mehr in dumpfheiserem Tone, als daß sie laut fragte.

»Ich hoffe, zu Gottes Barmherzigkeit, nicht. Sie haben auch meinen Sklaven Jaap gefangen; und es ist weit wahrscheinlicher, daß in einem solchen Fall er das Opfer werden würde, als Mr. Ten Eyck.«

»Warum nennt Ihr ihn Mr. Ten Eyck? Ihr habt ihn neuerlich immer Guert genannt – Ihr seyd sein Freund – Ihr denkt gut von ihm – Ihr könnt nicht weniger sein Freund seyn jetzt, wo er elend ist, als da er glücklich, und in seiner Kraft und männlicher Schönheit die stolze Lust aller menschlichen Augen war!«

»Theure Miß Wallace, faßt Euch, ich bitte Euch – Niemand kann treuer an Guert halten als ich.«

»Ja, das habe ich immer gedacht – immer gefühlt. Guert kann nicht gemein, nicht niedrig in seinen Gesinnungen seyn, so lange ein gebildeter Gentleman, wie Corny Littlepage, sein Freund ist. Ich habe an meine Tante geschrieben, und wir müssen nicht zu hastig seyn in unsern Urtheilen. Der wilde Geist und die Thorheiten der Jugend werden bald vorüber seyn, und dann werden wir an Guert Ten Eyck einen glänzenden Charakter finden. Ist es nicht wahr, Anneke?«

Anneke kniete neben ihrer Freundin, schloß sie in ihre Arme, zog das bebende Haupt an ihren mitfühlenden Busen, und hielt sie so einen Augenblick in der ergreifendsten Haltung der schützenden, tröstenden Liebe. Nach einer kleinen Pause brach Mary Wallace in Thränen aus, und ich habe immer geglaubt, daß diese Erleichterung, unter Gottes gnädiger Fügung, ihren Verstand gerettet habe. Nach wenigen Minuten wurde die Leidende ruhiger, wo sie denn, wie ihre Gewohnheit war, sich in sich selbst zurückzog, und Anneke'n und mir die weitere Erörterung des Gegenstandes überließ. Nachdem wir alle Wahrscheinlichkeiten und denkbaren Fälle in unserm Gemüthe hin und her erwogen, versprach ich meinen Gesellschafterinnen, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, alle Mittel zu ergreifen, um jeden nur möglichen Aufschluß über Guert's Schicksal einzuziehen und alles Mögliche zu thun, um ihn zu retten.

»Ihr werdet mich nicht täuschen, Corny,« flüsterte Mary Wallace, beim Abschiednehmen mir die Hand mit ihren beiden Händen drückend. »Ich weiß, ich kann mich auf Euch verlassen, denn er rühmt sich, Euer Freund zu seyn!«

Anneke'ns schmerzliches Lächeln verstärkte noch diese Bitte, und ich riß mich los, ungern eine so Leidende verlassend, aber außer Stand, zu bleiben. Ich sah Herman Mordaunt im Hofe mit Susquesus sich besprechen, und eilte sogleich zu ihm, entschlossen keine Zeit zu verlieren.

»Ich sprach so eben mit dem Trackleß über denselben Gegenstand,« erwiederte mir Herman Mordaunt, sobald ich ihm mein Vorhaben erklärt hatte, »und erwarte jetzt seine Antwort. Haltet Ihr es denn für sicher, einen Boten an die Huronen hinauszusenden, um uns nach unsern Freunden zu erkundigen und mit ihnen zu unterhandeln?«

»Nicht schicken? – warum nicht?« versetzte der Indianer. »Rother Mann froh, einen Boten zu sehen. Gehen, wann er will; zurückkommen wann er will. Wie machen einen Handel, wenn Boten skalpiren?«

Ich hatte gehört, daß selbst die wildesten Stämme einen Abgesandten respektirten; und in der That lag in der Nothwendigkeit hievon selbst schon eine Art Bürgschaft, daß dieß so seyn müsse. Allerdings mochte der Träger einer Flagge in größerer Gefahr seyn bei einer solchen Sendung, als er im Lager von civilisirten Kriegern gewesen wäre; aber diese Canada-Indianer hatten lange bei den Franzosen als Krieger gedient, und ihre Häuptlinge mußten ohne alle Frage einige Begriffe von der Art der Kriegführung bei den Bleichgesichtern sich angeeignet haben. Ohne viel Bedenken daher und voll besorgter Theilnahme für meinen Freund und meinen Sklaven, – denn auch Jaap's Schicksal lag mir sehr am Herzen – erbot ich mich freiwillig, selbst mit der Friedensflagge zu den Huronen zu gehen. Herman Mordaunt schüttelte den Kopf und schien sich zur Einwilligung nicht entschließen zu können.

»Anneke würde es mir schwerlich verzeihen, wenn ich darein willigte,« erwiederte er. »Ihr müßt jetzt bedenken, Corny, daß ein sehr zärtliches und empfindliches Herz an Euer Schicksal geknüpft ist, und nicht mehr handeln wie ein unbesonnener lediger Mann. Es wäre weit besser, diesen Onondago zu schicken, wenn er sich dazu bereit zeigt. Er versteht die rothen Männer und wird im Stande seyn, die Aspekten mit mehr Zuverläßigkeit zu deuten, als Einer von uns. Was sagt Ihr, Susquesus; wollt Ihr als Abgesandter zu den Huronen gehen?«

»Gewiß! – warum nicht gehen, wenn er will? Gut, Abgesandter zu seyn manchmal. Wo Wampum? – Was ihm sagen?«

So ermuthigt beriethen wir uns zusammen, und bald war Susquesus bereit abzugehen. Der Indianer legte alle seine Waffen ab, wusch sich die Kriegsbemalung vom Gesicht, legte ein Calikohemd um seine Schultern und nahm ganz die Friedenstracht an. Wir gaben ihm eine kleine weiße Fahne zu tragen, überzeugt, daß die Häuptlinge der Huronen ihre Bedeutung verstehen müßten, und weil wir für besser hielten, daß bei Ueberbringung einer Botschaft von Bleichgesichtern, der Ueberbringer selbst ein bei den Bleichgesichtern übliches Symbol seiner Sendung habe. Susquesus fand auch einen Wampum vor; – und auf diesen setzte er vermuthlich so viel Vertrauen als auf sonst Etwas. Dann machte er sich auf den Weg, mit dem Auftrag den Huronen ein reichliches Lösegeld anzubieten für die lebenden, unverletzten Personen Guert Ten Eyck's und Jaap Satanstoe's. Wir hegten keinen Zweifel, daß der Feind in der Schlucht zu finden seyn werde, denn dieß war in jeder Hinsicht der für die Belagerungsoperationen günstigste Punkt, da er in der Nähe des Hauses und vollkommen gedeckt war, Wasser, Holz und andre Bequemlichkeiten enthielt. Von diesem Punkt aus konnte das Nest beobachtet und jede günstige Gelegenheit benützt werden. Dahin also wiesen wir Susquesus an sich zu begeben, obwohl wir nicht für räthlich erachteten, einen so schlauen Mann durch zu viele Instruktionen zu binden. Einige von uns begleiteten den Onondago an das Thor, und sahen ihm nach, wie er durch die Felder dem Walde zu eilte in seinem gewöhnlichen hüpfenden Trabe. Ein Vogel konnte kaum in geraderer Richtung auf sein Ziel zufliegen als er.

Die halbe Stunde, welche auf das Verschwinden des Susquesus in der Mündung der Schlucht folgte, war eine Zeit der ängstlichsten, peinlichsten Spannung. Wir blieben Alle vor dem Thore stehen, das Ergebniß abzuwarten, Dirck, Mr. Worden, Jason und ein Halbdutzend Ansiedler miteingeschlossen. Endlich erschien der Onondago wieder; und zu unsrer unbeschreiblichen Freude folgte ihm eine Gruppe, in welcher sich die beiden Gefangenen befanden. Diese waren gebunden, konnten aber gehen. Diese Gruppe mochte aus etwa zwölf Feinden bestehen, Alle bewaffnet. Sie bewegten sich langsam aus der Schlucht hervor und stiegen auf die Felder herauf, welche in gleicher Linie mit dem Hause lagen, und etwa vierhundert Schritte von uns entfernt machten sie Halt. Als wir diese Bewegung sahen, lasen wir genau dieselbe Zahl von Männern aus und gingen den Indianern entgegen, machten aber in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten von ihnen Halt. Hier erwarteten wir unsern Abgesandten, welcher weiter schritt, nachdem die Huronen stehen geblieben. So weit sah Alles günstig aus.

»Bringt Ihr uns gute Neuigkeiten?« fragte Herman Mordaunt lebhaft. »Sind unsre Freunde unverletzt?«

»Haben Skalp – nicht verletzt – gefangen genommen – auf sie losgesprungen zehn, zwei, sechs, sie gepackt dann. Thut auf Augen; seht sie.«

»Und die Huronen? Scheinen sie geneigt, das Lösegeld anzunehmen? Rum, Büchsen, Decken, Pulver; Ihr habt Alles angeboten, hoffe ich, Susquesus?«

»Gewiß. Nicht vergessen; das schlecht. Alles das gesagt; noch mehr dazu.«

»Und sie sind gekommen, mit uns zu unterhandeln? Was haben wir jetzt zu thun, Susquesus?«

»Setzt nieder Büchsen – geht hin und sprecht. Ihr gehen, – Priester gehen – junger Häuptling gehen – das Drei. Dann drei Krieger Büchsen niederlegen, auch kommen, zu sprechen. Gefangene warten. Alles gut.«

Dieß war hinreichend verständlich, und da wir dachten, jede Zögerung und Bedenklichkeit könnte die Lage Guert's hoffnungslos machen, schickten wir uns an, so zu thun. Ich bemerkte wohl, daß der Hochwürdige Mr. Worden keinen sonderlichen Geschmack an dem Handel hatte, aber sich schämte zurückzubleiben, da er Herman Mordaunt ganz getrost zu der Besprechung vortreten sah. Uns Dreien kamen ebenso viele Huronen entgegen, worunter Jaap's Freund, Muß, welcher sichtlich die vornehmste Person unter ihnen war. Guert und Jaap wurden gebunden gehalten, etwa hundert Schritte weiter zurück, doch nahe genug, daß man mit erhobner Stimme zu ihnen sprechen konnte. Guert war im Hemd und Beinkleidern, den Kopf unbedeckt, sein schönes lockiges Haar im Winde flatternd, und ich glaubte einige Blutspuren an seinem Weißzeug zu bemerken. Dieß konnte sein eignes seyn, oder auch von einem Feinde herrühren. Ich rief ihm daher zu und fragte ihn, wie es ihm gehe und ob er verletzt sey.

»Nichts der Rede Werthes, Corny, ich danke Euch,« war die muntere Antwort; »diese rothen Gentlemen haben mich an einen Baum gebunden gehabt, und probirt, wie nahe sie ihre Tomahawks schleudern könnten ohne mich doch zu treffen. Das ist eine ihrer gewöhnlichen Belustigungen und ich habe bei der Kurzweil ein paar Schmarren abgekriegt. Ich hoffe, die Ladies sind guten Muthes, und lassen sich die Geschichte von der vorigen Nacht nicht bekümmern und niederschlagen?«

»Ich habe kostbare Nachrichten für Euch, Guert. Susquesus, fragt diese Häuptlinge, ob ich mich meinem Freunde nähern dürfe, um ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Bei meiner Ehre, ich werde keinen Versuch zu seiner Befreiung machen, bis ich wieder hieher zurückgekehrt bin.«

Ich sprach mit großem, angelegentlichem Ernst und der Onondago dollmetschte, was ich gesagt hatte, in der Sprache der Huronen. Ich hatte dieß etwas kühne Verlangen ausgesprochen in Folge eines unwiderstehlichen innern Dranges; und war ebenso überrascht als erfreut, mir meinen Wunsch gewährt zu sehen. Diese Wilden trauten meinem Wort und verließen sich auf meine Ehre mit einem mannhaften Zartgefühl, welches dem Benehmen civilisirter Könige Ehre gemacht haben würde, und bekümmerten sich dem Anschein nach gar nicht um mein Thun und Treiben, obgleich es in ihrem Rücken vorging. Es war zu spät, um die Sache rückgängig zu machen; so überließ ich es denn Herman Mordaunt, den Versuch zum Abschluß eines Uebereinkommens mit Muß und seinen beiden Begleitern zu machen, und schritt keck, ein argloses Wesen annehmend, auf die bewaffneten Männer zu, welche Guert und Jaap als Gefangene bewachten. Es schien mir, meine Annäherung verursachte wirklich eine leichte Bewegung unter diesen Wilden; und es wurden Fragen und Antworten zwischen ihnen und ihrem Anführer getauscht. Der Letztere sagte nur ein paar Worte, aber diese mit herrischem, nachdrücklichem Tone und mit einer gebieterischen Geberde mit der Hand. So kurz diese Worte waren, erreichten sie doch ihren Zweck, und ich ward während meiner kurzen Besprechung mit meinem Freunde weder belästigt noch angeredet. »Gott segne Euch, Corny, für dieß!« rief Guert mit lebhaftem Gefühl, als ich ihm mit Wärme die Hand schüttelte. »Es erfordert ein warmes Herz, und ein kühnes dazu, daß ein Mann in die Höhle des Löwen sich wagt. Bleibt nur einen Augenblick, damit Euch nicht ein Unheil begegnet, ich bitte Euch. Dieser Händedruck ist für einen Mann in meinem Zustand so viel werth als ein ganzes Gut; aber denkt an Anneke. Ach, Corny, mein lieber Freund, ich würde selbst jetzt noch glücklich seyn, wenn ich wüßte, daß Mary Wallace um mich Leid trüge.«

»Dann seid nur glücklich, Guert! Mein einziger Zweck, warum ich mich hieher wagte, war, Euch zu sagen, daß Ihr in dieser Hinsicht Alles hoffen dürft. Es wird keine Sprödigkeit, kein scheues Bedenken, kein Mißtrauen mehr sich zeigen, wenn Ihr nur einmal uns wieder geschenkt seyd.«

»Mr. Littlepage, Ihr würdet doch gewiß nicht spielen mit den Gefühlen eines elenden Gefangenen, der zwischen Marter und Tod schwebt, wie jetzt mein Schicksal ist? Ich kann kaum meinen Sinnen trauen; und doch würdet Ihr gewiß meiner nicht spotten!«

»Glaubt Alles, was ich Euch sage – ja, Alles, was Ihr wünscht, Corny. Selten liebt ein Weib, so wie sie liebt, und das kann ich Euch beschwören. Ich gehe jetzt nur um Herman Mordaunt behülflich zu seyn, Euch die Freiheit zu verschaffen, zurückzukehren an den Ort, wo Ihr mit eignen Ohren hören sollt, wie wahr das ist, was ich Euch, selbst ein Ohrenzeuge, mitgetheilt habe.«

Guert antwortete nicht, aber er war, wie ich wohl sah, tief erschüttert. Ich preßte seine Hand und wir trennten uns, in bester Hoffnung von meiner Seite wenigstens, daß die Trennung nur kurz seyn werde. Ich habe Grund zu glauben, daß Guert Thränen vergoß; denn wie ich zurückschaute, bemerkte ich, daß er sein Angesicht von den ihm zunächst Stehenden weg wandte. Auf Jaap konnte ich nur Einen Blick werfen. Mein Bursche stand etwas rückwärts, wie es seiner Farbe geziemte; aber er beobachtete mein Gesicht mit der Wachsamkeit einer Katze. Ich hielt für's Beste, nicht mit ihm zu sprechen, obwohl ich ihm heimlich einen aufmunternden Blick zuwarf.

»Diese Häuptlinge sind nicht sehr friedlich und freundlich gestimmt, Corny,« sagte Herman Mordaunt, sobald ich wieder bei ihm war. »Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Jaap unter keiner Bedingung werde frei gegeben werden. Sie müßten seinen Skalp haben, wie mir Susquesus sagt, wegen einer harten Behandlung, die er selbst sich gegen einen dieser Häuptlinge erlaubt habe. Um mich ihrer Ausdrücke zu bedienen, sie wollten ihn haben als Pflaster auf ihres Kriegers Rücken. Sein Schicksal, scheint es, ist besiegelt, und er ist nur dorthin vorgeführt worden, um Hoffnungen in ihm zu erregen, welche getäuscht werden sollen. Die Elenden tragen kein Bedenken dieß geradezu in ihrer kurzen, bündigen Weise zu gestehen. Was Guert betrifft, so sagen sie, er habe zwei ihrer Krieger erschlagen, und deren Weiber würden ihre Gatten vermissen und sich nicht leicht beruhigen, wenn sie nicht auch seinen Skalp sähen. Sie erbieten sich jedoch ihn frei zu geben unter zweierlei Bedingungen. Sie wollen Guert frei geben gegen zwei Häuptlinge, wie sie sich ausdrücken, oder gegen vier gemeine Männer. Wenn uns diese Bedingung nicht gefällt, so wollen sie ihn auswechseln unter der Bedingung, daß wir zwei gemeine Männer für ihn geben und ihnen das Nest überlassen, indem wir mit allen meinen Leuten ausziehen, ehe die Sonne über unsern Häuptern steht.«

»Bedingungen, Sir, die Ihr, fürchte ich, unter keinen Umständen annehmen könnt?«

»Gewiß nicht; die Auslieferung von zwei Männern kann gar nicht in Frage kommen – könnte es nicht, wenn es auch die Rettung meines eigenen Lebens gälte. Was das Nest betrifft und was darin ist, so würde ich herzlich gern Alles preisgeben, einige Papiere ausgenommen, wenn ich nur im Mindesten das Vertrauen hätte, daß die Häuptlinge im Stande wären, ihre Leute im Zaum zu halten; aber das fürchterliche Gemetzel von William-Henry ist mir noch in zu frischer Erinnerung, als daß ich ein solches Vertrauen haben könnte. Meine Antwort habe ich ihnen schon gegeben und wir stehen im Begriff uns zu trennen. Vielleicht, wenn sie uns entschlossen sehen, stimmen sie ihre Forderungen etwas herab.«

Muß, der sich bei dieser Besprechung mit großer Würde benommen hatte, schwenkte ernst die Hand zum Abschied, und die drei Huronen begaben sich mit einander weg.

»Am besten, gehen!« sagte Susquesus bedeutungsvoll. »Vielleicht Büchsen brauchen, den Huronen Ernst seyn.«

Auf diesen Wink kehrten wir zu unsern Freunden zurück und nahmen unsre Waffen wieder auf. Was nun folgte, erfuhr ich theils durch die Erzählung von Andern, theils bin ich selbst Augenzeuge davon gewesen. Es scheint daß Jaap vom ersten Augenblick an das Verzweifelte seiner Lage begriff. Die Erinnerung an die Mißhandlung, die er Muß zugefügt, dessen specieller Gefangener er war, vermehrte höchst wahrscheinlich noch seine Besorgnisse, und seine Gedanken waren beständig darauf gerichtet, sich die Freiheit durch Mittel zu verschaffen, welche ganz unabhängig waren von aller Unterhandlung. Von dem Augenblick an, wo er aus der Schlucht herausgeführt wurde, hatte er alle Augen offen und lauerte auf jede, wenn auch noch so kleine günstige Gelegenheit, sein Vorhaben auszuführen. Es traf sich, daß Einer der Wilden sich so vor den Neger, der ganz nahe hinter ihm stand, hinstellte, daß Jaap im Stande war, dem Huronen das Messer unbemerkt aus der Scheide zu ziehen. Er that dieß, während ich mich bei der Truppe befand, und alle Augen auf mich geheftet waren. Guert und er selbst waren gefesselt, indem ihnen die Arme über dem Ellbogen auf den Rücken gebunden waren; und als Guert sich auf die Seite wandte, um Thränen zu vergießen, wie ich schon erzählt, gelang es Jaap, dessen Bande zu zerschneiden. Dieß konnte nur geschehen, während die Wilden meine sich entfernende Gestalt mit den Augen verfolgten. Zugleich gab Jaap das Messer Guert, welcher ihm denselben Dienst leistete. Da die Indianer nicht aufmerksam wurden, blieben die beiden Gefangenen noch einen Augenblick stehen, indem sie die Arme so hielten, als wenn sie noch gebunden wären, um sich umzusehen. Der Indianer zunächst bei Guert hatte zwei Büchsen, seine eigne und die von Muß, nachlässig an seine Schulter gelehnt, die Kolben auf der Erde. Auf diese Waffen deutete Guert; und als die drei Häuptlinge auf dem Punkte waren, wieder zu ihren Freunden zu treten, welche aufmerksam allen ihren Bewegungen folgten, um das Ergebniß zu erfahren, packte Guert diesen Wilden am Arm, drehte ihm denselben herum, bis der Indianer vor Schmerz schrie, und ergriff dann die eine Büchse, während Jaap sich der andern bemächtigte. Beide feuerten und Jeder streckte seinen Mann nieder; dann machten sie mit den Kolben ihrer Gewehre einen Anfall auf die Uebrigen. Dieser kühne Angriff, so verzweifelt er erscheinen mußte, war doch das Klügste, was sie thun konnten; denn unmittelbare Flucht würde ihren Feinden Gelegenheit gegeben haben, ihnen die geflügelten Verfolger aus ihren Büchsen nachzuschicken.

Die erste Kunde, die uns von einem Beginnen solcher Art wurde, bestand in dem Knall der Büchsen. Dann sah ich nicht nur, sondern hörte auch den fürchterlichen Schlag, welchen Jaap auf Muß's Kopf führte, einen Schlag, welcher das Opfer und das Werkzeug seines Todes zugleich zerschmetterte. Obgleich der Kolben der Büchse zerbrochen war, blieb doch noch der schwere Lauf, und der Neger schwang ihn mit einer Macht, die Alles vor ihm niederschlug. Es ist kaum nöthig zu sagen, daß Guert bei einem solchen Kampfe nicht müßig blieb. Er kämpfte für Mary Wallace ebenso wie um sein eignes Leben, und er streckte zwei weitere Indianer in einem Nu, so zu sagen, nieder. Hier leistete Dirck unsern Freunden einen guten Dienst. Er hatte seine Büchse in der Hand, und kaltblütig anlegend schoß er einen gewaltigen Wilden nieder, der auf dem Punkt stand, Guert von hinten zu packen. Dieß war der Anfang eines allgemeinen Kampfes, indem jetzt Salven von beiden Seiten erfolgten; von uns und von dem Feind, der im Versteck des Waldes lag. Eingeschüchtert durch die Wuth des persönlichen Angriffs, der sie bedrohte, sprangen die übrigen Indianer in der Nähe Guert's und des Negers mit gellendem Geschrei davon, zu ihren Genossen, und ließen ihre bisherigen Gefangenen befreit zurück, aber dem Feuer mehr ausgesetzt, als da sie noch von Feinden umringt gewesen waren.

Alles ging mit furchtbarer Schnelligkeit vor sich. Guert ergriff die Büchse eines gefallnen Indianers und Jaap bemächtigte sich ebenfalls einer, worauf sie sich auf uns zurück zogen, wie zwei verfolgte Löwen, auf jedem Schritte von Büchsenkugeln umsaust. Natürlich feuerten wir auch und rückten ihnen entgegen vor; ein unkluger Schritt, da die Hauptmasse der Huronen sich in gutem Versteck befand, was den Kampf ungleich machte. Aber man konnte dem sympathetischen Drang eines solchen Augenblickes nicht widerstehen, noch dem Triumphgefühl über die vor unsern Augen verrichteten Thaten Guert's und Jaap's, das wir Alle empfanden. Wie wir uns einander näherten, jauchzte der Erstere und schrie:

»Hurrah, Corny, mein edler Camerad! – laßt uns den Wald angreifen – es soll in fünf Minuten keine Rothhaut mehr darin seyn. Vorwärts, meine Freunde! Alle vorwärts!«

Gewiß war es ein aufregender Augenblick! Wir Alle jauchzten ebenfalls, und schrieen Alle zusammen: Vorwärts! Selbst Mr. Worden stimmte in das Jauchzen mit ein und drängte vorwärts. Auch Jason kämpfte muthig; und wir gingen auf den Wald los wie eben so viele Bullenbeißer. Ich bilde mir ein, der Pädagog dachte, das freie Eigenthum seiner Mühlen hänge von dem Ausgang des Kampfes ab. Vorwärts drangen wir, in offner Reihe, unser Feuer sparend bis zum letzten Augenblick, während einzelne Schüsse auf uns fielen, die uns keinen Schaden thaten, bis wir das Dickicht erreichten.

Die Huronen waren entmuthigt und sie flohen. Obgleich ein panischer Schrecken nicht häufig vorkommt bei diesen wilden Kriegern, sammeln sie sich doch selten auf dem Schlachtfeld wieder. Wenn sie einmal mit Gewalt zum Weichen gebracht sind, so zerstreut eine scharfe Verfolgung sie gewöhnlich auf längere Zeit; und das war auch jetzt der Fall. Bis ich recht in die Schlucht hineinkam, sah und hörte ich Nichts mehr von einem Feind. Meine Freunde waren rechts und links um mich, jauchzend und vorwärts drängend; aber kein Feind war sichtbar. Guert und Jaap waren voran, denn wir konnten sie nicht einholen; und sie hatten gefeuert, denn sie hatten die letzten Feinde fliehen gesehen. Nur noch Ein Schuß von den Huronen fiel in die Schlucht. Er ward abgefeuert von Einem der zurückweichenden Bande, welcher hinter den Uebrigen mußte zurückgeblieben seyn. Der Knall tönte weit die Schlucht herauf, und es war wie ein End- und Abschiedsschuß. Aber so entfernt er war – doch war es der unheilvollste Schuß für uns, der bei diesem ganzen Gefecht abgefeuert wurde. Ich wurde Guert's durch die Bäume hindurch ansichtig, und sah ihn fallen. In einem Augenblick war ich an seiner Seite.

Welch ein Wechsel und Uebergang ist es doch vom Triumph des Sieges zu dem plötzlichen Herannahen des Todes! Ich erkannte an dem Ausdruck von Guert's Gesicht, wie ich ihn in meinen Armen aufhob, daß die Wunde tödtlich war. In der That war die Kugel gerade durch den Leib gegangen, hatte keinen Knochen getroffen, aber die edelsten Theile verletzt. Man kann sich nicht täuschen in dem Ausdruck des Gesichts bei einer tödtlichen Wunde – wenn diese eine augenblickliche, nicht eine entfernte Wirkung hat. Die Natur scheint das Opfer an sein Ende zu mahnen. So war es bei Guert.

»Dieser Schuß hat mir den Garaus gemacht, Corny,« sagte er, »und es scheint der allerletzte zu seyn, den sie abzufeuern gedenken. Ich hoffe jetzt beinahe, was Ihr mir von Mary Wallace gesagt habt, kann nicht wahr seyn!«

Es war weder die Zeit noch der Ort von so etwas zu reden, und ich antwortete Nichts. Von dem Augenblick an, wo man erfuhr, daß Guert gefallen, hörte die Verfolgung auf, und unsre ganze Gesellschaft sammelte sich um den Verwundeten. Der Indianer allein schien noch nicht vergessen zu haben, wie wichtig es für uns sey, zu wissen was der Feind beginne, denn seine Philosophie ließ sich nicht lange aus der Fassung bringen durch das plötzliche Auftreten des Todes in unsrer Mitte. Dennoch liebte er Guert, so wie Jeder, der über die Schwächen seines mehr äußerlichen Charakters weg sah und die edeln Grundzüge seiner durchaus männlichen Natur erkannte. Susquesus sah einen Augenblick den Leidenden ernst und nicht ohne Theilnahme an; dann wandte er sich zu Herman Mordaunt und sagte:

»Das schlimm – aber Skalp gerettet, das doch gut. Ihn tragen in das Haus. Susquesus folgen der Fährte und sehen was Indianer im Sinn haben.«

Da dieß der Klugheit gemäß war, trug man ihm auf, den Feind zu beobachten, während wir unsern Freund in das Nest trugen. Dirck verstand sich dazu, uns vorauszugehen und die traurige Nachricht zu verkündigen, während ich bei Guert blieb, welcher auf dem ganzen Weg meine Hand in der seinigen hielt. Wir bildeten einen höchst trübseligen Zug, für Sieger. Keiner von unsrer Schaar hatte bei diesem letzten Gefecht eine ernste Verletzung davongetragen, mit Ausnahme von Guert's Wunde; aber ich zweifle, ob der Tod von zwei oder drei Andern mehr wirkliche Betrübniß und Kummer verursacht hätte. Wir waren unsere Lage gewohnt geworden – es ist zum Verwundern, wie bald das beim Soldaten der Fall ist; der Tod wird Einem da vertrauter und der Hälfte seiner Schrecken entkleidet; aber Unfälle können eintreten, und treten wirklich ein, welche in einem Heere das Bewußtseyn von seiner wahren Natur, und da er von der Vorsehung verhängt werde, wieder erwecken. Dieß war die Wirkung des Falles von Lord Howe auf die Truppen vor Ticonderoga gewesen, und dieß war jetzt die Wirkung des Falles von Guert Ten Eyck auf die kleine Schaar, welche hier versammelt war, um die Besitzungen und die Herde von Ravensnest zu vertheidigen.

Wir traten durch das Thor des Hauses und fanden dessen meiste Insaßen schon im Hofe, versammelt wie eine Brüderschaft in einer Kirche, welche das Hereintragen des Todten erwartet. Herman Mordaunt hatte Befehl geschickt, sein eignes Zimmer für den Leidenden bereit zu halten, und dahin trugen wir Guert. Er ward auf das Bett gelegt; dann entfernten sich schweigend die Meisten. Ich bemerkte, daß Guert ängstlich und suchend die Augen herumlaufen ließ, und ich sagte ihm mit leiser Stimme, ich wolle selbst die Ladies holen. Ein Lächeln und ein Händedruck sagte mir, wie richtig ich seine Gedanken errathen hatte.

Ich war etwas überrascht, als ich Mary Wallace blaß zwar, aber vergleichungsweise gefaßt und Herrin ihrer selbst traf. Jener Instinkt der Schicklichkeit, welcher ein Element der Natur eines gebildeten Weibes ausmacht, hatte sie von der Notwendigkeit der Selbstbeherrschung überzeugt, damit kein Ausbruch ihrer Gefühle den Leidenden erschüttere. Anneke war ganz so, wie es sich von ihr erwarten ließ, weich, trauernd und voll Mitgefühl für ihre Freundin.

Sobald sie vom Zweck meines Kommens unterrichtet waren, legten die beiden Mädchen ihre Bereitwilligkeit an den Tag, zu Guert zu gehen. Da sie den Weg wußten, begleitete ich sie nicht, sondern schlug absichtlich eine andere Richtung ein, um nicht Zeuge der Zusammenkunft zu seyn, Anneke hat mir jedoch seither erzählt, daß Mary's Selbstbeherrschung sie nicht gänzlich verlassen habe, während Guert's dankbare Freude sie vermuthlich insoweit täuschte, daß in ihr eine kurz andauernde Hoffnung auflebte, die Wunde sey nicht tödtlich. Ich für meine Person brachte eine Stunde damit zu, den Stand der Dinge im Hause und um das Haus zu untersuchen, um mich zu überzeugen, daß keine Versäumniß und Nachläßigkeit noch jetzt unsre Sicherheit gefährde. Nach Verfluß dieser Zeit kehrte ich zu Guert zurück und begegnete Herman Mordaunt nahe bei der Thüre seines Zimmers.

»Die wenige Hoffnung, die wir hatten, ist verschwunden,« sagte der Letztere in kummervollem Tone. »Der arme Ten Eyck hat ohne Zweifel seine Todeswunde empfangen und nur noch wenige Stunden zu leben. Wären meine Leute in Sicherheit, ich wollte, daß lieber Alles in Ravensnest, Häuser und Güter, zu Grunde gegangen wären, als daß uns dieß getroffen hätte!«

Durch diese Erklärung vorbereitet, war ich nicht so sehr überrascht, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, über die große Veränderung, die mit meinem Freunde, seit ich sein Zimmer verlassen, vorgegangen war. Es war unverkennbar, daß er den Ausgang voraussah. Dennoch war er ruhig, ja, dem Anschein nach vergnügt und glücklich. Auch war er nicht so schwach, daß er nicht hätte vernehmlich und ohne große Mühe sprechen können. Wenn die Maschine des Lebens stille steht in Folge des plötzlichen Zerreißens eines das Leben zusammenhaltenden und bedingenden Bandes, ist das Herannahen des Todes, obgleich rascher als bei Krankheiten, doch selten so augenfällig. Die ersten Anzeichen eines tödtlichen Ausgangs werden hier mehr durch die Beschaffenheit der gewaltsamen Verletzung an die Hand gegeben, als daß sie in den sichtbaren Wirkungen hervortreten.

Ich habe gesagt, Guert habe vergnügt und glücklich geschienen, obwohl so nahe dem Tode. Anneke erzählte mir später, Mary Wallace habe ihm ihre Liebe gestanden, auf eine ernste und dringende Anfrage und Bitte von ihm, und von diesem Augenblick an habe er sich ausgesprochen wie Einer der seinem nahen Tode zufrieden entgegen steht. Der arme Guert! Er dachte wenig an die ernste Zukunft oder an die Kirche auf Erden, außer sofern letztere ein Recht auf seine äußere Achtung und Huldigung besaß, die er ihr auch bei jeder Gelegenheit spendete. Es schien, daß Mary Wallace, gewöhnlich so zurückhaltend und schweigsam unter ihren Freunden, gewohnt gewesen, mit Guert ganz ungezwungen zu sprechen, und daß sie es sich während ihres Aufenthalts zu Albany zur ernstlichen Aufgabe gemacht hatte, seinen Geist aufzuklären, oder vielmehr seine Gefühle zu erwecken in Bezug auf diesen hochwichtigen Gegenstand, und daß Guert, empfänglich für den Genuß, aus einer solchen Quelle Belehrung zu empfangen, ihr immer mit Aufmerksamkeit zuhörte. Als ich in das Zimmer trat, war eben eine dahin zielende Rede gefallen.

»Ohne Euch, Mary, würde ich wenig besser seyn als ein Heide,« sagte Guert, die Hand seiner Geliebten in der seinigen haltend, und kaum einen Augenblick seine Augen von ihrem Idol wegwendend. »Wenn Gott mir gnädig ist, so ist es um Euertwillen und durch Euch!«

»Oh! nein – nein – nein, Guert, sagt das, glaubt das nicht?« rief Mary Wallace, erschrocken über dieß Uebermaß von leidenschaftlicher Anhänglichkeit, obwohl ihr selbst geltend, in einem solchen Augenblick. »Uns Allen wird Gnade und Vergeltung zu Theil durch den Tod und die Mittlerschaft seines gepriesenen Sohnes. Nichts sonst kann Euch, oder Eines von uns retten und selig machen, mein theurer, theurer Guert; und ich beschwöre Euch, nichts Anderes zu glauben!«

Guert sah etwas erstaunt aus, aber dennoch vergnügt. Der erste Ausdruck seines Angesichts war vermuthlich die Folge davon, daß er die Art dieser geheimnißvollen Versöhnung nicht recht begriff, welche den unerleuchteten Geist des Menschen übersteigt, und in der That mehr gefühlt als verstanden seyn will. Der vergnügte Ausdruck hatte seinen Grund in dem »theuern, theuern Guert,« und mehr noch in dem Bewußtseyn, beinahe gegen sein Hoffen die ganze Liebe des Weibes zu besitzen, das er so lange geliebt hatte. Guert Ten Eyck war ein Mann von kühnem und rücksichtslosem Charakter in Allem was Gefahren, Lustbarkeiten und jugendliche Abenteuer betraf; aber der sanfteste und bescheidenste Christ konnte kaum ein demüthigeres Bewußtseyn von seinen Schwachheiten und Sünden haben, als dieser feurige und wilde junge Mann es hegte, in Betreff seiner Ansprüche auf die Achtung und Anerkennung eines solchen Wesens wie Mary Wallace. Ich habe mich oft gewundert, daß er sich überhaupt nur erkühnte, sie zu lieben, aber ich glaube, diese anscheinende Eitelkeit muß erklärt werden aus der unwiderstehlichen Macht einer Leidenschaft, welche bekanntlich die stärkste in der menschlichen Natur ist. Es war auch eine Art von moralischer Anomalie, daß zwei Personen von so entgegengesetztem Charakter – das Eine dem Extrem der Rücksichtslosigkeit sich nähernd, das Andere die vorsichtige Klugheit beinahe bis zur Prüderie treibend; er so heiter, daß er nur für Lustbarkeiten zu leben schien, sie so still und verschlossen – diese lebhafte Neigung zu einander fassen konnten; aber so war es. Ich habe jedoch behaupten hören, daß diese Verschiedenheiten des Temperaments Interesse erwecken, und daß Solche, welche mit solchen Unähnlichkeiten angefangen, aber durch Verkehr, Anhänglichkeit und Gewöhnung sich einander angeähnlicht haben, am Ende die glücklichsten Paare geben.

Mary Wallace verlor alle ihre Zurückhaltung in dem Erguß von Zärtlichkeit und Mitgefühl, der jetzt Alles mit sich fort riß. Diesen ganzen Morgen wich sie nicht von Guert, wie eine Mutter, die über ihrem kranken Kinde wacht. Wenn sein Durst Stillung verlangte, so reichte ihre Hand ihm den Becher; wenn sein Kissen anders gelegt werden sollte, so entdeckte ihre Sorgfalt, daß eine solche Veränderung nöthig sey; wenn seine Stirne abgetrocknet werden mußte, so leistete sie ihm diesen Dienst, und ließ Niemand sonst zwischen sich und den Gegenstand ihrer zärtlichen, bekümmerten Sorge treten.

Es gab Augenblicke, wo die Art, wie Mary Wallace sich über Guert beugte, unendlich rührend war. Anneke und ich wußten, daß sie in innerster Seele darnach verlangte, seinen Gedanken eine bleibendere Richtung zu geben auf den großen, ihm so nahe bevorstehenden Wechsel. Dennoch überwog die Zärtlichkeit des Weibes so sehr selbst die ängstliche Besorgniß der Christin, daß wir wohl bemerkten, sie fürchtete einen nachtheiligen Einfluß auf seine Wunde. Endlich – und es war ein Glück, denn ihre Angst wurde nachgerade zu peinlich, als daß sie es noch lang hatte ertragen können, – sprach Guert selbst davon. Ob seine Seele aus eigener Regung auf diesen Gegenstand sich richtete, oder ob er die Bekümmerniß seiner zärtlichen Wärterin wahrnahm und errieth, vermag ich nicht zu sagen.

»Ich kann nicht mehr lange bei Euch bleiben, Mary,« sagte er, »und es wäre mir lieb, wenn Mr. Worden, in Gemeinschaft mit Euch, seine Gebete für mich dem Himmel darbringen wollte. Corny wird wohl den Dominie holen für einen alten Freund?«

Ich eilte aus dem Zimmer und blieb zehn Minuten aus. Nach Verfluß dieser Zeit war Mr. Worden in seinem Chorhemd bereit, und wir gingen in das Krankenzimmer. Allerdings hatte unser alter Pastor nicht die Art und Weise, den Einfluß der Religion zu bethätigen, wie man es gewöhnlich in den Colonien findet, besonders in dem nördlichen und östlichen Theile des Landes; aber doch hatte er zu Zeiten eine Herzlichkeit in seiner Art zu beten, die mich beinahe überzeugte, daß er ein guter Mensch war. Ich will jedoch gestehen, daß Mr. Worden zu denjenigen Geistlichen gehörte, welche weit inniger und aufrichtiger für gewisse Personen beten können, als für andere. Er hatte eine Vorliebe für den armen Guert; und ich glaube in der That, dieß zeigte sich in seinem Tone bei dieser traurigen Gelegenheit. Der Sterbende fühlte sich gestärkt und erbaut durch diese Erfüllung der Gebräuche der Kirche. Guert war kein Metaphysiker; und zu keiner Zeit seines Lebens, glaube ich, ließ er sich sehr tief ein auf die Erwägung jener großen und hehren Fragen, welche sein Daseyn, seinen Ursprung, seine Bestimmung und seinen Platz auf der großen Stufenleiter der lebendigen Wesen betrafen. Er hatte über diese Gegenstände die allgemeinen Vorstellungen und Begriffe, welche alle civilisirte Menschen durch die Erziehung und den Verkehr mit ihren Mitmenschen einsaugen, aber Mehr nicht. Er glaubte, daß es eine Pflicht sey, zu beten, und ich zweifle nicht, er dachte, es gebe Zeiten und Tage, wo diese Pflicht dringender und gebieterischer sey, als sonst; und wieder Zeiten und Tage, wo man sich davon freisprechen dürfe.

Wie zärtlich und ängstlich wachte Mary Wallace über ihrem Kranken während dieses ganzen traurigen Tages! Sie schien keine Müdigkeit und Erschöpfung zu fühlen. Gegen Abend, gerade als die Sonne die Wipfel der Bäume mit ihrem scheidenden Licht röthete, kam sie auf Anneke und mich zu, mit einem Angesicht schwach erleuchtet wie von einem Schimmer von Freude, und flüsterte uns zu, Guert sey besser. Zehn Minuten nach diesem näherte ich mich dem Bette, und sah den Kranken eine leichte Bewegung mit der Hand machen, wie wenn er wünschte, daß ich ihm näher trete.

»Corny,« sagte Guert mit leiser, matter Stimme, – »es ist bald ganz vorüber. Ich wünschte Mary Wallace noch einmal zu sehen, ehe ich sterbe.«

Mary war nicht weit entfernt – konnte es nicht seyn. Sie fiel auf ihre Kniee und schloß ihren immer schwächer werdenden Geliebten an ihr Herz. Kein Wort wurde gesprochen auf beiden Seiten; oder wenn sie etwas sprachen, so war es nur in leise flüsterndem Tone, und von zu heiliger Art und Beschaffenheit, als daß es Andern mitgetheilt werden dürfte. In dieser Stellung blieb diese Jungfrau, lange so scheu, spröde und unentschlossen, beinahe eine Stunde, und in dieser ruhigen, liebevollen, weiblichen Umarmung hauchte Guert Ten Eyck seinen letzten Athemzug aus.

Ich ließ den Leidenden so viel allein mit dem Weibe seines Herzens, als sich mit der Klugheit und der gebührenden Aufmerksamkeit von meiner Seite vertrug; aber es war meine traurige Pflicht, ihm die Augen zuzudrücken. So früh und vor der Zeit endete die irdische Laufbahn eines so männlichen Geistes, als nur je einer in einem menschlichen Leibe wohnte. Daß er Unvollkommenheiten hatte, hat meine Feder nicht verschwiegen; aber die langen, seither verflossenen Jahre haben die Freundschaft und Liebe nicht ausgelöscht, welche eine so edle Gemüthsart nothwendig erwecken mußte.

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