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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Zwischen zwei Welten schwankt, gleich einem Stern
Das Leben, an des Morgenhimmels Saume;
Ach, was wir sind, wie wüßten wir's so gern,
Und was wir werden seyn! Im ew'gen Raume
Braust hin die ew'ge Zeitfluth; – fort trägt fern
Uns Blasen sie; in stets verjüngtem Schaume
Gehn auf und platzen sie; von einem Reich
Das Grab hebt sich, der flücht'gen Woge gleich.
Byron.

Von Herman Mordaunt selbst wurde jetzt angekündigt, daß die Wachen für die Nacht festgesetzt seyen, und daß sich Jeder nunmehr zur Ruhe begeben möchte. Die Ueberfüllung des Nestes mit Menschen war so groß, daß es nicht leicht war, einen Platz zum Schlafen zu finden; und unsre Betten bestanden nur aus Stroh. Endlich fanden wir unsre Lagerstätten, freilich von sehr ärmlicher Beschaffenheit; und die Wahrheit gebietet mir zu gestehen, daß trotz Allem, was an diesem Abend vorgefallen war, ich bald in tiefem Schlafe lag. Keiner von der Gesellschaft von Mooseridge machte, glaube ich, eine Ausnahme, und die Erschöpfung zeigte sich mächtiger als glückliche Liebe, als unglückliche Liebe und als persönliche Besorgniß.

Es war etwa drei Uhr Morgens, als ich einen bedeutungsvollen Druck am Arm spürte, wie man Einen faßt, wenn man etwas besonders Wichtiges zu sagen hat. Es war Jason Newcome, beschäftigt die Männer im Hause zu wecken, ohne doch einen Lärm zu machen, der den draußen Befindlichen zu Ohren kommen könnte. In wenigen Minuten waren Alle auf und bewaffnet.

Da der Morgen, gerade vor dem Anbruch des Lichts, wo der Schlaf am festesten zu sein pflegt, die Stunde ist, wo die Wilden gewöhnlich angreifen, war Niemand überrascht über diese Vorkehrungen, die, wie man vernahm, von Herman Mordaunt selbst angeordnet waren, der auch auf den Beinen und an einem zur Beobachtung günstigen Ort auf der Spähe war. Mittlerweile versammelten wir Männer, drei oder vierundzwanzig im Ganzen, uns im Hofe, des Befehls gewärtig, uns an das Thor oder an die Schießscharte zu begeben. Jason hatte seinen Auftrag so geschickt ausgeführt, daß weder Frauen noch Kinder Etwas von unserm Aufbruch erfuhren; Alle schliefen oder schienen zu schlafen in der Sicherheit einer friedlichen Heimath. Ich benützte eine Gelegenheit, dem Expädagogen und neuen Müller ein Compliment zu machen über die Gewandtheit, die er bewährt hatte; und dieß verwickelte uns in ein in leisem Tone geführtes Gespräch.

»Ich habe schon gedacht, dieser Krieg könnte diesen Ansiedlungen ein ganz anderes Gesicht geben, Corny,« fuhr Jason fort, nachdem wir eine kurze Zeit uns besprochen hatten; »ganz besonders in Bezug auf die Besitztitel.«

»Ich kann nicht einsehen, wie diese davon sollten berührt werden, Mr. Newcome, falls nicht etwa die Franzosen die Colonie erobern, – eine nicht sehr wahrscheinliche Sache.«

»Das ist es gerade; genau das was ich meine, den Grundsatz betreffend. Haben nicht diese Huronen diese bestimmte Ansiedlung erobert? Ich behaupte, ja! Sie sind im Besitz von dem Ganzen, dies Haus ausgenommen; und es scheint mir, wenn wir je wieder davon Besitz nehmen, so geschieht es durch eine zweite Eroberung. Nun ist, was ich wissen möchte, dieß: gibt nicht die Eroberung den Eroberern das Recht auf das eroberte Territorium? Ich habe noch keine Bücher hier: aber ich müßte fürchterlich vergeßlich seyn, wenn ich nicht gelesen habe, daß dieß wirklich Rechtens ist.«

Ich glaube, dieß war die erste offene Demonstration, welche Jason gegen das Eigenthumsrecht Herman Mordaunt's machte. Seit jener Zeit hat er noch manche weitere gemacht, und einen Theil derselben werde ich, oder wird derjenige, welchem es zufällt, diese Erzählung fortzusetzen, wahrscheinlich berichten; aber ich wollte hier diese nicht übergehen, als die erste einer langen Reihe von Machinationen, welche Jason Newcome versucht und ausgeübt hat, um das Lehngut, das Mühlloos zu Ravensnest, aus einem Eigenthum derjenigen, welchen es gesetzlich zugehörte, zum Eigenthum seiner eignen bescheidnen aber höchst verdienstlichen Person zu machen.

Ich hatte wenig Zeit eine Antwort zu geben auf diese ganz absonderliche Art zu argumentiren; denn gerade jetzt erschien Herman Mordaunt unter uns, und trug uns sehr ernste Obliegenheiten zu erfüllen auf. Die Erläuterungen, welche er seinen Befehlen voranschickte, waren folgende. Wie man vermuthete, hatten die Indianer das einzige Mittel ergriffen, welches sich, ohne den Beistand von Geschütz, gegen eine solche Feste wie das Nest wirksam erweisen konnte. Sie machten Anstalten, das Gebäude in Brand zu stecken, und waren die ganze Nacht beschäftigt gewesen, eine große Masse von Fichtenzweigen, Wurzeln u. s. w. zu sammeln, welche ihnen gelungen war gegen die äußern Blöcke und Scheiter emporzuthürmen, auf dem Punkt, wo der eine Flügel den Fels berührte, und wo die Formation des Terrains ihnen gestattete, sich dem Gebäude ohne große Gefahr zu nähern. Ihr Verfahren verdient berichtet zu werden. Einer der Kühnsten und Gewandtesten von ihnen war an die Stelle hingekrochen und hatte sich so dicht an das Holzwerk hin postirt, daß er nicht beobachtet werden konnte, und auch vor Kugeln so ziemlich sicher war. Dann hatten seine Genossen ihm das eine Ende eines langen Pfahles hinaufgeboten, während sie unten standen, die Einen auf einem Vorsprung des Felsen, die Uebrigen auf ebenem Boden; und Alle waren vor Kugeln geschützt, so lange sie, Jeder seinen vorsichtig gewählten Posten inne hatten. In solcher Stellung brachten die Söhne des Waldes Stunden in geduldiger Arbeit hin, mittelst eines Korbes die Kienstücke und andere brennbare Stoffe dem Krieger hinaufreichend, welcher seinen Posten dicht unter dem Gebäude nicht verließ, und Alles auf die Weise aufschichtete, welche zu Erreichung seines Zweckes die günstigste schien.

Susquesus hatte das Verdienst, den Anschlag zu entdecken, dessen Vorbereitungen der Aufmerksamkeit der Schildwachen ganz entgangen waren. Es scheint, der Onondago, wohl bekannt mit den Listen der rothen Männer, und insbesondere vertraut mit dem Charakter von Jaap's Freund, Muß, hatte nicht geglaubt, die Nacht werde ohne einen ernstlichen Angriff auf das Haus vorübergehen. Die Seite gegen den Felsen hin war bei weitem der schwächste Punkt der Feste, denn sie hatte keinen andern Schutz, als die natürlichen Hindernisse der Felsen selbst, welche nicht unzugänglich, obwohl etwas schwierig zu ersteigen waren, und das schon erwähnte niedere Pfahlwerk. Unter diesen Umständen war der Indianer fest überzeugt, der Sturm würde von dieser Seite her erfolgen. Er stellte sich daher auf die Lauer und entdeckte die ersten Vorbereitungen der Huronen, that aber Herman Mordaunt Nichts davon zu wissen, bis sie beinahe vollendet waren; und sein Grund, die Mittheilung so zu verzögern, war die Ungeduld der Bleichgesichter, die, wie er dachte, den Feind sein Vorhaben nicht würden ganz ausführen lassen, was die Zurüstungen betraf; und dieß gerade schien ihm das Allerwünschenswertheste. Wenn man die Huronen ihre Zeit und Kraft verschwenden ließ mit den Vorkehrungen zu einem Angriff, den man voraussah, und welchen man durch kräftigen Widerstand vereiteln konnte, so war damit ein großer Vortheil gewonnen; während sich voraussehen ließ, daß, wenn man sie zu früh in einer Kriegslist störte, womit man sie beschäftigt wußte, sie dann nur einen neuen Anschlag ersinnen und ins Werk zu setzen suchen würden, wo dann die Schwierigkeit, denselben zu entdecken, zu unsern übrigen Nachtheilen hinzukam. So argumentirte Susquesus, wie man damals angab; und gewiß ist wenigstens, daß er so handelte.

Aber die Zeit war gekommen, diesen verdeckten Vorbereitungen zu begegnen, und Herman Mordaunt hielt jetzt eine Berathung über die Art, wie wir zu Werke gehen sollten. Die vorgelegte Frage war: ob wir die Huronen noch fortmachen lassen sollten; ob wir den verwegenen Wilden, der, wie man wußte, noch unter den Blöcken des Hauses postirt war, mittelst eines Ausfalls niederschießen und sein Gerüste von brennbarem Holz zerstreuen sollte; oder ob es klüger wäre, den Feind sein Feuer wirklich anzünden zu lassen, ehe wir die Maske abnähmen. Zu Gunsten eines jeden dieser Plane ließ sich Etwas sagen. Wenn wir den Wilden, der unter unsern Wänden ein Logement angelegt hatte, niederschoßen, und das Gerüste von Holz und brennbaren Sachen zerstörten, vereitelten wir ohne Frage den gegenwärtigen Angriff; aber aller Wahrscheinlichkeit nach hatten wir dann in der folgenden Nacht einen neuen zu erwarten, während, wenn wir bis zum letzten Augenblick warteten, unsere Feinde so nachdrücklich zurückgeworfen werden mochten, daß dadurch ihrem ganzen Kriegszug auf einmal ein Ende gemacht werden konnte.

Wie bei der Berathung alle sich darbietenden Punkte erwogen wurden, entschied man sich, den letztern Plan vorzuziehen. Nur von Einer Stelle aus hatte man die Aussicht auf das Gerüste, und diese Stelle war eine Lucke, welche erst am Tage zuvor in das Haus gehauen worden war, und welche gerade auf den Platz hinunter sah, von einem Vorsprung aus, welcher am zweiten Stockwerk angebracht war und um das ganze Gebäude herum lief. Diese Vorsprünge waren in der Architektur der Provinzen in jener Zeit etwas ganz Gewöhnliches, und wurden oft bei ausgesetzter Lage und Stellung der Gebäude ausdrücklich deßwegen angebracht, um Mittel darzubieten, die untern und äußern Theile der Häuser zu schützen. Auch das Nest besaß diesen Vorteil, obgleich die Lucken, welche erforderlich, um diese Einrichtung zu vervollständigen, erst ganz neuerlich hineingehauen worden waren. An diese Lucke nun stellte ich mich einige Zeit und beobachtete, was unten vorging. Die Nacht war finster, doch hielt es nicht schwer, das Gerüste von brennbaren Stoffen zu unterscheiden, welches mir einige Fuß hoch zu seyn schien, und eine ziemliche Länge hatte, so wie auch die Bewegungen des Wilden zu bemerken, der es erbaut hatte. In dem Augenblick, wo ich meine Stellung an der Lucke einnahm, war der Indianer wirklich beschäftigt, die brennbaren Sachen anzuzünden.

Einige Minuten lang beobachteten Guert und ich unsern Feind, während er so beschäftigt war, denn der Hurone mußte mit der äußersten Vorsicht zu Werke geben, damit nicht ein zu frühe ausstrahlendes Licht ihn verriethe. Vorsichtig zündete er seine Kienhölzer ganz im Innern des Gerüstes an, und hatte zu diesem Behufe einen Raum frei gelassen, und seine Brennmaterialien standen schon recht in Flammen, ehe das Feuer anfing, seine Helle in einiger Entfernung zu verbreiten. Wir hatten in dem Gemach, von welchem aus wir alle diese Bewegungen beobachteten, eine ziemliche Masse Wasser in Vorrath, und konnten jeden Augenblick das Feuer löschen, indem wir durch unsre Lucke einen Guß hinabschütteten, vorausgesetzt daß wir nicht zu lange warteten. Aber Guert setzte sich dagegen, »das Spiel zu verderben,« wie er es nannte, indem er standhaft behauptete, die Holzblöcke, woraus das Haus bestand, würden nur langsam und schwer Feuer fangen, und wir könnten jeden Augenblick mittelst eines raschen Ausfalls die dürren Zweige und Büschel zerstreuen. Sein Wunsch war, den Feind in seinem Beginnen so weit als nur irgend sicher und gerathen war, fortfahren zu lassen, um dann seine Niederlage desto zerschmetternder zu machen.

Vermöge unsrer Stellung gerade über seinem Haupte war es nicht möglich, das Gesicht des Brandstifters zu sehen, während er mit seinem Werke beschäftigt war. Endlich warf er einen Blick aufwärts, als wollte er die Wirkung der Flamme beobachten, welche mit ihren gespaltenen Zungen über das Gerüst heraufzulecken anfing, wo wir dann Beide Jaap's Gefangnen, Muß, erkannten. Dieser Anblick war zu Viel für Guert's Philosophie, und die Mündung seiner Büchse zu der Lücke hinaus streckend, drückte er auf ihn ab, ohne sorgfältig zu zielen. Der Knall war eine Art Signal zum Kampf, denn das ganze Haus und die ganze Welt draußen schien in einem Augenblick voll Lärm und Geschrei zu seyn. Ich konnte Muß nicht sehen, aber Einer unsrer Späher, welcher ihn am längsten im Gesicht hatte, erzählte mir, nachdem Alles vorüber war, der Bursche habe sehr erschrocken geschienen über diesen so plötzlichen Angriff; er habe einen Augenblick nach der Lucke hinaufgeschaut, einen gellenden Ausruf gethan, dann so laut er konnte das Kriegsgeheul angestimmt, und in Sprüngen in die Dunkelheit hinaus geeilt, wie ein unerwartet von seinem Lager aufgescheuchter Rehbock. Die Felder rings herum um das Nest schienen zu wimmeln von wild heulenden Dämonen. Herman Mordaunt hatte für die Verschönerung seines Sitzes wenig gethan, und Baumstumpen standen zu hunderten herum, viele nicht über zwanzig Schritte von dem Gebäude entfernt. Es schien jetzt, als habe jeder dieser Baumstumpen einen indianischen Krieger hinter sich beherbergt, während Schaaren derselben in der Finsterniß, zwischen den Felsen herumhüpfend, sichtbar waren. Einmal bildete ich mir ein, wir müßten von Hunderten dieser grausamen Feinde eingeschlossen seyn, während ich jetzt glaube, daß ihre Anzahl nur durch ihre Beweglichkeit und ihr höllisches Geschrei so groß erschien. Dennoch zeigten sie keine Lust anzugreifen, sondern streiften fortwährend in allen Richtungen mit wildem Kreischen um uns herum, gelegentlich eine Büchse abfeuernd, aber der größten Zahl nach den Augenblick erwartend, wo das Feuer seine Wirkung gethan haben würde. Für die entsetzliche Lage, in welche Herman Mordaunt versetzt war, zeigte er eine bewunderungswürdige Fassung. Was mich betrifft, so war mir, als hätte ich fünfzig Leben zu verlieren, da Anneke immer meiner Seele gegenwärtig war. Die Frauen hielten sich indessen außerordentlich gut; sie machten durchaus keinen Lärmen und boten all ihre Selbstbeherrschung auf, um ihre Gatten und Freunde in ihren Anstrengungen nicht zu stören und sie davon abzuziehen. Einige der Frauen der stämmigen, derben Ansiedler legten in der That eine Art von trotzigem Muth an den Tag, wie er Soldaten Ehre gemacht haben würde; sie erschienen bewaffnet im Hofe, und zeigten sich sonst nützlich. Es geschah oft, daß Weiber, dieser Art, welche sich im Schießen auf Hirsche, Wölfe und Bären geübt hatten, ziemlich gut mit Feuerwaffen umgehen lernten, und bei Angriffen auf ihre Wohnungen gute Dienste leisteten. Ich bemerkte bei der ganzen gemeinen Classe von Frauen in dieser Nacht eine Art trotziger Feindseligkeit gegen ihre wilden Feinde, in welchen sie ohne Zweifel nur die Mörder von Kindern sahen, Elende, die keinen Unterschied von Geschlecht und Alter berücksichtigten, wenn sie ihrer herzlosen Kriegführung nachgingen. Viele von ihnen schienen mir den Weibchen mancher Thiere zu gleichen, wenn ihre Jungen in Gefahr sind.

Eine Pause von zehn bis fünfzehn Minuten muß eingetreten seyn zwischen dem Augenblick, wo Guert seine Büchse abfeuerte, und dem, wo der Kampf förmlich begann. Während dieser ganzen Zeit stieg das Feuer höher hinan, und unsere späten Versuche, es zu löschen, blieben ganz vergeblich. Man hegte jedoch deßhalb wenig Besorgniß, vielmehr war die Flamme ein Vortheil für uns, indem sie ihr Licht weit auf das Feld hinaus und selbst unter die Felsen warf, während in den Hof gar seine Helle fiel, und so einen Theil des Feindes, im Fall eines Angriffs, einem hellen Licht aussetzte, während wir im Dunkeln blieben. Der einzige Punkt jedoch, wo wir einen ernstlichen Angriff fürchten konnten, war bei den Felsen, wo der Hof keinen andern Schutz hatte, als dichtes und ziemlich starkes Pfahlwerk. Zum Glück gestattete auf dieser Seite die Formation des Terrains Einem, der auf den Wiesen unten stand, nicht, innerhalb der Tragweite einer Büchse in den Hof zu feuern. Dieser Umstand war auch bei der Anlegung der Garnison in Betracht gekommen.

Dieß war der Stand der Dinge, als Anneke'ns Mädchen kam, mich zu bitten, falls es mir möglich wäre, meinen Posten zu verlassen, wenn auch nur auf eine Minute zu ihrer Gebieterin zu kommen. Da ich keine besondere Obliegenheit zu erfüllen hatte, so war es nicht ungeeignet, einem Wunsche zu entsprechen, der an sich in jeder Weise für mein Gefühl so wohlthuend war. Guert war gerade in meiner Nähe und hörte den Auftrag der jungen Negerin an mich; dieß veranlaßte ihn, zu fragen, ob sie keine Botschaft an ihn zu bestellen habe, aber selbst in diesem ernsten Augenblick ließ sich Mary Wallace nicht erweichen. Sie war, wie der Albanier zugab, in ihrem Benehmen am vorigen Abend freundlicher als gewöhnlich gewesen; aber zugleich hatte sie auch ihrer Entschlossenheit so zu mißtrauen geschienen, daß sie ihm sogar noch weniger Aufmunterung zu Theil werden ließ, als sie bei frühern Gelegenheiten unwillkürlich ihm gegeben hatte.

Ich fand Anneke mich erwartend in dem kleinen Gesellschaftszimmer, wo ich erst vor so kurzer Zeit, am Abend zuvor, die süßen Geständnisse ihrer Zärtlichkeit vernommen hatte. Sie war allein, denn der Instinkt ihres Geschlechts sagte ihr, daß es unter so schweren und ängstlichen Verhältnissen passend sey, keine Zeugen von den Gefühlen und Worten zu haben, welche zwei so wie die unsrigen verbundnen Herzen entströmen mochten. Das liebe Mädchen war bei meinem Eintreten blaß wie der Tod; sie hatte ohne Zweifel an den herannahenden Kampf gedacht, und an seine möglichen, entsetzlichen Folgen; aber mein Erscheinen bewirkte im Augenblick, daß ihr Antlitz von hohem Erröthen übergossen wurde, da ihr so sein fühlendes Gemüth nothwendig zu dem zurückkehren mußte, was so kurz erst zwischen uns vorgefallen war. Dieß treue Festhalten an dem instinktmäßigen Prinzip ihrer Natur könnte im Weibe kaum je erstickt werden; selbst in der höchsten Gefahr und Noth. Trotz der Lebhaftigkeit und dem raschen Wechsel ihrer verschiedenartigen Gefühle sprach doch Anneke zuerst.

»Ich habe nach Euch geschickt, Corny,« sagte sie, eine Hand auf ihr Herz legend, als wollte sie dessen Pochen beruhigen, »um Euch ein Wort der Warnung zu sagen – ich hoffe es ist nicht unrecht.«

»Ihr könnt nichts Unrechtes thun, geliebte Anneke,« versetzte ich, »oder Nichts, was in meinen Augen als unrecht erschiene. Seyd nicht so ängstlich. Eure Furcht hat die Gefahr vergrößert, die wir als eine Kleinigkeit betrachten. Die Gefahren, in welchen Guert, Dirck und ich schon geschwebt, waren zehnfach größer als die, welche uns jetzt bedrohen.«

Das liebe Mädchen ließ mich einen Arm um ihren Leib schlingen, worauf sie ihr Haupt an meine Brust sinken ließ und in Thränen ausbrach. Diese Erleichterung setzte sie in Stand, ihrer Gefühle wieder ein wenig Meister zu werden, und es währte nicht lange, so raffte sich Anneke auf aus meiner zärtlichen Umarmung, zu der mich der Augenblick unwiderstehlich drängte, obwohl sie mir noch ihre beiden Hände ließ, und sie schaute auf in mein Gesicht mit dem vollen Vertrauen der Liebe, indem sie das Gespräch wieder anknüpfte.

»Ich konnte Euch nicht in diese schreckliche Kampfesscene hinaus entlassen, Corny,« sagte sie, »ohne ein Wort, einen Blick, ein Zeichen, die Theilnahme aussprechend, die ich für Euch fühlte. Mein guter lieber Vater hat Alles gehört, und obgleich es gegen seine Wünsche und Hoffnungen geht, mißbilligt er es doch nicht. Ihr wißt, mit welcher Wärme er sich den Mr. Bulstrode zum Sohne gewünscht hat, und werdet den diesem Manne gegebenen Vorzug wohl entschuldigen; aber er verlangte vor noch nicht zehn Minuten, als er mich verließ, nachdem er mir einen Kuß und seinen Segen gegeben, ich solle nach Euch schicken und Euch sagen, daß er Euch hinfort als den von mir und ihm Gewählten ansehen werde. Der Himmel allein weiß, ob wir uns wieder sehen werden, oder nicht, lieber Corny; aber sollte uns dieß auch nicht vergönnt seyn, so wird es, das fühle ich, Euch auch ein Trost seyn und eine Freude, zu wissen, daß wir uns wieder treffen werden als Glieder Einer Familie.«

»Wir sind die einzigen Kinder unsrer Eltern, Anneke, unsre Verbindung wird ihre Herzen beinahe ebenso sehr erfreuen, als dieß bei uns selbst der Fall ist.«

»Ich habe daran auch schon gedacht. Ich werde jetzt eine Mutter haben; ein Segen, den ich kaum je empfunden!«

»Und eine Mutter, die Euch innig, innig lieben wird, wie ich aus ihren eignen Aeußerungen über Euch weiß, die sie hin und wieder in meiner Gegenwart fallen ließ.«

»Dank Euch, Corny, und Dank auch dieser verehrten Mutter. Jetzt geht, Corny, ich fürchte, diese selbstsüchtige Befriedigung unsrer Herzen vermehrt nur die Gefahr des Hauses; geht! ich will für Euer Leben beten!«

»Noch ein Wort, Theuerste! Der arme Guert! – Ihr könnt Euch nicht denken, wie schmerzlich betrübt er ist darüber, daß ich allein hieher entboten werde in einem solchen Augenblick!« Anneke schien nachdenklich, und es fiel mir auf, daß sie ein wenig bekümmert war.

»Was kann ich thun, um dieß zu ändern?« sagte sie nach einer kurzen Pause. »Das Urtheil einer Frau und ihre Gefühle können sie in entgegengesetzter Richtung bewegen; und dann ist Mary Wallace ein Mädchen, welches die Schicklichkeit so hoch anschlägt!«

»Ich verstehe Euch, Anneke. Aber Guert hat eine so edle Gemüthsart, und anerkennt alle seine Mängel mit so viel Demuth und Aufrichtigkeit! Ein Mann kann ein Weib nicht inniger lieben, als er Mary Wallace liebt. Ihre ausnehmende Vorsicht selbst ist eine Tugend in seinen Augen, trotzdem daß er so darunter leidet!«

»Ich kann der Mary Wallace Natur nicht ändern, Corny,« sagte Anneke, traurig lächelnd, und in einer Weise, die, wie ich glaubte, sagte: ›Wäre ich es, so sollten Guert's Tugenden bald seine Fehler überwiegen!‹ »aber Mary bleibt Mary und wir müssen uns darein ergeben. Vielleicht der morgende Tag bringt ihr schwankendes Gemüth zu einer Art Entscheidung; denn diese jüngsten Ereignisse haben sehr zu Gunsten Mr. Ten Eyck's gewirkt. Aber Mary ist eine Waise, und die Vorsicht hat sich ihr als ihr Hauptschutz empfohlen. Jetzt geht, Corny, damit man Euch nicht vermißt.«

Gerade als ich den Hof erreichte, hörte ich ein gellendes Geschrei draußen, das, wie meine Erfahrung von Ty mich belehrt hatte, der Schlachtruf war, den die Huronen beim Angriff erhoben. Ein knatterndes Feuer folgte, und im Nu waren wir in einen heißen Kampf verwickelt. Unsre Leute hatten beim Gefecht einen Vortheil auf ihrer Seite, welcher den Nachtheil ihrer geringern Zahl mehr als aufwog. Während zwei Seiten des Gebäudes, mit Einschluß der nach den Wiesen zu liegenden, oder derjenigen, von welcher her allein ein Sturm gelingen konnte, in hellem Lichte standen, blieb der Hof noch dunkel genug, um den Zwecken der Vertheidigung sehr zu entsprechen. Wir konnten einander wohl sehen, aber in einiger Entfernung nicht gesehen werden. Auch müssen unsre Gestalten, von Außen gesehen, sich mit den wallenden Schatten des Pfahlwerks vermischt haben.

Als ich mich den Pfählen näherte, durch deren Lücken unsre Leute schon ein abwechselndes Feuern auf die dunkeln Dämonengestalten unterhielten, welche auf den Wiesen unten herumsprangen, erfuhr ich von Herman Mordaunt selbst, welcher mich mit einem warmen Händedruck empfing, daß eine große Schaar von Feinden unmittelbar unter dem Felsen versammelt sey, und Guert es auf sich genommen habe, sie zu verjagen. Er hatte, um dieß auszuführen, Dirck, Jaap und drei oder vier der besten Männer, die Indianer eingeschlossen, mit sich genommen. Die Art, wie er seinen Zweck erreichen wollte, war kühn und ganz im Charakter des Anführers der Truppe. Da so viel davon und von dem glücklichen Erfolge abhing, will ich das Wesentlichste davon etwas näher erläutern.

Die Fronte des Hauses zog sich von Norden nach Süden, und lag selbst gegen Westen. Die beiden Flügel dehnten sich mithin gegen Osten und Westen. Das Feuer war angelegt worden am Rande des Felsens und an der nordöstlichen Ecke des Gebäudes. Dadurch wurde die nördliche und östliche Seite des Quadrats beleuchtet, während die westliche und südliche in tiefes Dunkel gehüllt blieben. Da das Thor sich nach Westen hin öffnete, erschien es nicht eben hoffnungslos und unausführbar, eine kleine Truppe um die südwestliche Ecke des Hauses herum an den Rand des Felsen zu führen, wo die Formation des Terrains es gestattete, eine Salve auf diejenigen Wilden zu geben, die, wie wir glaubten, gerade unter unserm Pfahlwerk ein Logement machten, in der Absicht, einen günstigen Augenblick zu Ersteigung desselben zu benützen. Auf dieß Unternehmen war, wie mich Herman Mordaunt jetzt in Kenntniß setzte, mein Freund ausgezogen.

»Wer bewacht inzwischen das Thor?« fragte ich, beinahe instinktmäßig.

»Mr. Worden, und Euer alter Bekannter und mein neuer Pächter, Newcome. Sie sind Beide bewaffnet, denn ein Pfarrer kämpft nicht nur die Schlachten des Geistes, sondern auch die des blutigen Feldes, wenn Noth an Mann geht. Mr. Worden hat sich in diesem ganzen Handel als Mann gezeigt.«

Ohne zu antworten, verließ ich Herman Mordaunt und begab mich selbst nach dem Thore, da es im Hofe wenig zu thun gab. Da waren wir stark genug, stärker vielleicht als nöthig war; aber ich war voll Sorge wegen Guert's Plane, wegen der Wache am Thor, und am meisten wegen des Feuers.

Bald war ich an Mr. Worden's Seite. Da befand sich wirklich der hochwürdige Gentleman, und dicht neben ihm Jason Newcome. Ihre Obliegenheit war, das Thor genau in dem Zustande zu halten, in welchem es in der kürzesten Frist verriegelt oder aufgeschlossen werden konnte, je nachdem Feinde oder Freunde herein wollten. Die beiden Wächter schienen das volle Bewußtseyn von der Wichtigkeit der ihnen anvertrauten Pflicht zu haben, und ich erbat mir Erlaubniß, durchzupassiren. Mein erster Zweck war das Feuer, denn es dünkte mich, Herman Mordaunt baue zu Viel auf die ihm zu Gebote stehenden Mittel, es zu löschen, und unsre Sicherheit sey nach jener Seite hin bloß gestellt. Kaum war ich daher ausserhalb des Gebäudes, so wandte ich mich, um an der Mauer hin nach der nordwestlichen Ecke zu schleichen, wo allein ich das gefährliche Gerüste übersehen konnte.

Die Helle der Gluth, welche sich über die Felder und die Stumpen ergoß, die in den Bereich des Lichts von dem Feuer fielen, erhöhte meine Sicherheit durch den Contrast mit der Finsterniß, obgleich dieser Umstand die Gefahr selbst um so bedenklicher und drohender erscheinen ließ. Die dunkeln Baumstumpen, von welchen viele durch die Feuer beim Lichten verkohlt und ganz schwarz waren, schienen bei dem flackernden Licht auf den Feldern herumzutanzen, und zweimal blieb ich stehen, bereit, Wilden, die nur Gebilde einer Augentäuschung waren, die Spitze zu bieten, ehe ich die Ecke des Hauses erreicht hatte. Beidemal jedoch war meine Besorgniß eitel und es gelang mir, die gewünschte Ansicht zu gewinnen. Nicht nur brannten da die Kienbüschel lebhaft, sondern eine ausgedehnte Flamme leckte an den Holzklötzen des Hauses und bedrohte uns mit einem bald Alles verzehrenden Brande. Die Gefahr wäre noch größer gewesen, aber ein Gewitterschauer war nur eine Stunde, ehe wir aufgeweckt wurden, über die Ansiedlung hingezogen, und da er von Norden kam, war diese ganze Seite des Hauses vom Regen tüchtig geneßt worden. Dieß geschah, nachdem »Muß« sein Gerüst schon angefangen, sonst hätte er wohl eine andere Seite des Hauses gewählt. Die tiefe Dunkelheit jedoch, welche diesen Regenguß begleitete, hatte vermuthlich auch zum Gelingen seines Werkes beigetragen. Er mußte während der ganzen Dauer des Sturmes mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen seyn.

Ich war nicht zwei Minuten ausgewesen, als ich wieder das Thor erreichte. Diese kurze Zeit hatte zu Erreichung meines ersten Zweckes genügt. Jetzt bat ich Jason, in den Hof zu gehen und Herman Mordaunt zu sagen, er möchte doch keinen Augenblick säumen, die Mittel zur Löschung der Flammen in Anwendung zu bringen. Es drohe von ihnen größere Gefahr als denkbarer Weise von irgend einem andern Angriff auf das Pfahlwerk, in der Dunkelheit des Morgens gemacht, zu besorgen stehe. Jason war kaltblütig seinem Temperament nach und er war gut zu gebrauchen zu solchen Aufträgen. Mit dem Versprechen sich zu beeilen, verließ er uns, und ich lenkte jetzt meine Schritte Guert und seiner Truppe zu. Bis jetzt hatte man von den Letztern noch Nichts gehört. Diese Stille selbst war eine Quelle der Besorgniß, obgleich man kaum glauben konnte, der kühne Abenteurer sey auf einen Feind gestoßen; da ein solches Zusammentreffen doch einigen Lärm hätte machen müssen. Ein paar vereinzelte Schüsse, alle von der westlichen Seite der Gebäude her fallend, und das flackernde Licht des Feuers – das waren die einzigen Unterbrechungen der im Uebrigen grabesähnlichen Stille der Stunde.

Ich erreichte ebenso glücklich die südwestliche Ecke des Hauses, als ich die nordwestliche erreicht hatte. Es kam mir vor, als hätten die Wilden die Felder in meiner Nähe ganz verlassen. Als ich mich an dieser Ecke des Gebäudes aufstellte, fand ich dessen südliche Seite ganz in Dunkel gehüllt, während über die Wiesen hin sich so viel Licht ergoß, daß die zackigen Ränder des Felsen in dieser Richtung ganz deutlich sichtbar wurden. Ich schaute die Blockmauern entlang nach diesem Lichtstreifen hinüber, konnte aber Nichts von meinen Freunden erblicken. Ich wußte gewiß, daß sie nicht unter dem Hause waren, und begann eine gefährliche Unbesonnenheit von Seiten des kecken Albaniers zu besorgen. Während ich mich bestrebte, einen Schlüssel zu Guert's Bewegungen und Manöuvers zu gewinnen, indem ich mit den Augen jeden in meinen Bereich fallenden dunkeln Gegenstand so zu sagen verschlang, fühlte ich eine leise Berührung am Ellenbogen und sah einen Wilden in seinem halbnackten Kampfaufzug an meiner Seite. So viel sah ich wohl, aber Gesichter konnte ich nicht unterscheiden. Ich suchte nach meinem Jagdmesser, als die Stimme von Trackleß meiner Hand Einhalt that.

»Er Unrecht,« sagte der Onondago mit lebhaftem Nachdruck. »Kopf zu jung – Hand gut – Herz gut – Kopf sehr schlecht. Zu viel Feuer – dunkel hier – viel besser.«

Diese charakteristische Kritik über des armen Guert's Benehmen erklärte auf einmal die ganze Geschichte. Guert hatte eine Stellung eingenommen, in welcher zu bleiben der Onondago sich geweigert hatte; mit andern Worten, er war bis an den Rand des Felsen gegangen, wo er dem Licht des Feuers ausgesetzt und nothwendiger Weise in Gefahr war, gesehen zu werden. Dennoch war noch keine Spur von ihm zu sehen, und ich stand auf dem Punkt, an der Südseite des Gebäudes hin nach dem Rand der Felsen mich zu begeben, als Trackleß wieder meinen Arm berührte und sagte: »Da!«

Und wirklich war da unsre Gesellschaft! Sie hatten den Rand des Felsen an einem vorspringenden Punkt zu erreichen gewußt, so daß sie sich in einer trefflichen Stellung befanden, den Feind zu bestreichen, der, wie man voraussetzte, an dem Pfahlwerk hinaufklimmen wollte mit der Absicht, dasselbe plötzlich zu überspringen, aber in gefährlicher Entfernung von den Gebäuden. Die Dunkelheit war ihnen behülflich gewesen, diesen Punkt zu erreichen, welcher etwa hundert Schritte von der Stelle entfernt war, wo ich sie zu finden erwartet hatte, und vortrefflich gelegen für den beabsichtigten Zweck. Das ganze Beginnen war so sehr in Guert's Art und Charakter, daß ich nicht umhin konnte, seine Kühnheit zu bewundern, während ich seine Unvorsichtigkeit tadelte. Es war jedoch keine Zeit, mich mit der Truppe zu vereinigen, oder ihren Anführer zu warnen, welchen Gefahren er sich aussetzte. Wir, die wir so weit hinter ihm standen, konnten die ganze Gefahr recht sehen und vollkommen würdigen, welche vermuthlich seinem Auge sich entzog. Da standen sie alle, deutlich, obwohl dunkel gegen den lichten Hintergrund sich abhebende kräftige Gestalten, Jeder seine Büchse anlegend und sich schußfertig machend. Guert war der Nächste am Rande des Felsen und beugte sich förmlich darüber hinaus; dicht neben ihm war Dirck; unmittelbar hinter Dirck Jaap; Jumper hart neben Jaap, und vier von den Ansiedlern, kühne und abgehärtete Männer, hinter dem Oneida.

Ich konnte vor peinlicher Spannung und Erwartung kaum athmen, als ich Guert und seine Begleiter so von der ebenen Erde hinaufsteigen und mit ihrer ganzen Gestalt vor den lichten Hintergrund kommen sah. Ich hätte ihnen zurufen und sie warnen können, welcher Gefahr sie sich aussetzten; aber es würde Nichts gefruchtet haben, und es war auch keine Zeit zu Vorstellungen. Guert mußte schon gefühlt haben, daß er eine gefährliche Stellung eingenommen hatte, und was er thun wollte, das that er sehr rasch. Zehn Sekunden, nachdem ich die dunkeln Gestalten gesehen, wurden alle ihre Büchsen abgefeuert, gleichsam mit Einem Knall. Einen Augenblick herrschte dann Todesstille auf allen Feldern und im Hofe; dann erfolgte eine Salve hinter den Baumstumpen hervor in geringer Entfernung von unsrer Seite des Gebäudes, und die Wagehälse auf den Felsen, oder so Viele von ihnen es vermochten, stürzten auf das Thor zu. Zwei jedoch von den Ansiedlern und den Oneida-Indianer sah ich selbst fallen. Der Letztere sprang förmlich in die Luft hinauf und stürzte dann den Fels hinab. Aber Guert, Dirck, Jaap und die zwei andern Ansiedler waren entronnen. In diesem Augenblick wurden meine Ohren erfüllt von gellendem Gebrülle, wie ich nicht für möglich gehalten hätte, daß es aus menschlichen Kehlen kommen könne, und alle Felder auf unserer Seite des Hauses schienen von Wilden zu wimmeln. Die Scene noch schauerlicher zu machen, war dieß gerade der Augenblick, wo das früher von Herman Mordaunt herbeigeschaffte Wasser auf die Flammen herabstürzte, und das Licht verschwand, beinahe wie man eine Kerze auslöscht. Ohne dieß von der Vorsehung so gefügte Zusammentreffen der Umstände blieb wohl kaum für Einen der Wagehälse eine Möglichkeit zu entkommen. Auch so knallte eine Büchse nach der andern unter den Baumstumpen hervor, obwohl nicht mehr möglich war, genau zu zielen.

Das Treffen war jetzt ein Handgemenge geworden. Die Wilden rannten springend und wild heulend in der Finsterniß vor und harte Streiche wurden ausgetheilt und empfangen. Man hörte Guert's klare, männliche Stimme das Geschrei übertönen, wie er voll Zuversicht seine Genossen ermuthigte, sich durch den Haufen ihrer Angreifer Bahn zu brechen. Wir Beide, Trackleß und ich, feuerten unsere Büchsen ab auf die Vordersten der Huronen, und gewiß streckte Jeder seinen Mann zu Boden; aber es war nicht leicht abzusehen, was wir zunächst thun könnten. In der Ferne stehen bleiben war unmöglich, und Susquesus und ich fielen dem Feind in den Rücken. Dieser unser Angriff hatte das Ansehen eines Ausfalls und that eine entschiedene Wirkung, indem er eine freie Bahn öffnete, mittelst welcher Dirck und die zwei Ansiedler aus dem Gedränge sich herauszogen und sich mit uns vereinigten. Sobald dieß geschehen, befanden wir uns wieder in großer Bedrängniß und mußten uns, so gut wir konnten, ganz allmälig zurückziehen. Das Ergebniß würde noch immer zweifelhaft gewesen seyn, selbst nachdem es uns gelungen war, die südwestliche Ecke des Gebäudes zu erreichen, hätte nicht Herman Mordaunt an der Spitze eines Halbdutzend seiner Ansiedler eine Bewegung vorwärts gemacht. Diese Verstärkung rückte mit geladenen Büchsen zum Kampfe vor, und eine einzige Salve, abgefeuert, als sich unsere Freunde in gleicher Linie mit uns befanden, machte unsere Angreifer verschwinden, so plötzlich als sie erschienen waren. Beim Nachdenken über die Umstände und Begebenheiten dieser entsetzlichen Nacht im spätern Leben bin ich auf die Ansicht gekommen, daß die Streitkräfte der Huronen gegen hinten sich aufzulösen und zu zerstreuen begannen, selbst noch ehe wir von Herman Mordaunt Beistand erhielten, und daß die Vorderen schwächer wurden und ohne Unterstützung blieben. Jedenfalls floh, wie so eben gesagt wurde, der Feind seinen Verstecken zu, und wir zogen Alle mit einander durchs Thor hinein und schloßen und verriegelten es so rasch als möglich.

Ich vermag kaum die Veränderung zu schildern, welche in dem Aussehen der Dinge in jener ereignißvollen Nacht eingetreten war. Das Feuer war erloschen selbst bis auf die Kohlen, und tiefes Dunkel war auf das flimmernde, wallende rothe Licht der Flammen gefolgt. Das gellende Geschrei und Gebrüll, das Kreischen und Jauchzen, – denn unsere Leute hatten häufig, dem Feinde zum Trotz, seinen Kriegsruf laut jauchzend erwiedert, – war vorbei: eine Grabesstille herrschte über dem ganzen Platze. Die Verwundeten schienen sich zu schämen, auch nur zu stöhnen; und unsere Verletzten, deren es Vier waren, begaben sich finster und schweigend in das Haus, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Kein Feind war mehr unter den Schanzpfählen zu besorgen, denn die Gräue des Morgens wurde so eben über dem Walde sichtbar im Osten, und Indianer greifen selten beim Licht des Tages an. Mit Einem Wort, diese Nacht wenigstens war vorüber, und noch hatte uns die Vorsehung beschützt. Herman Mordaunt war jetzt darauf bedacht, seine Lage genauer auszumitteln, den Umfang seines eigenen Verlustes, und so weit als möglich des Verlustes, den wir dem Feinde beigebracht. Man rief nach Guert, um bei dieser Untersuchung behülflich zu seyn, aber kein Guert war zu finden! Auch Jaap fehlte. Musterung ward gehalten, und da zeigte sich, daß Guert Ten Eyck, Jaap Satanstoe, Gilbert Davis und Moses Mudge Alle vermißt wurden! Auch Jumper erschien nicht; aber ich erklärte sein und der beiden genannten Ansiedler Ausbleiben, indem ich sie Alle mit eigenen Augen hatte fallen sehen. Der Tag brach uns langsam an, während wir über diese Entdeckungen bekümmert und unruhig waren; aber er brachte uns keinen Trost. Wir wagten bald die Thore wieder zu öffnen, da wir wußten, daß kein Indianer bei Tage sehr nahe bei dem Gebäude verweilen würde; und nachdem wir all die gefährlichen Verstecke durchsucht, gingen wir zuversichtlich vor den Hof hinaus, um die Leichname unserer Freunde zu suchen. Kein Indianer war zu sehen, ausgenommen Jumper. Der Oneida lag am Fuß der Felsen, todt und skalpirt: ebenso Davis und Mudge oben auf demselben. Sonst war jede Spur von Menschen verschwunden. Dirck war überzeugt, daß sechs bis sieben Huronen in Folge der Salve von dem Felsen gefallen seyen; aber ihre Leichname waren weggeschleppt worden. Von Guert und Jaap, mochten sie todt oder am Leben seyn, war keine Spur zu finden.

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