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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Mein Vater hatte eine Tochter; die
Liebt' einen Mann – wie ich vielleicht, wär' ich
Ein Weib, Euch lieben würde, Herr.
Viola.

Da der Leser nunmehr eine ziemlich deutliche Vorstellung von unsrer Art, in der Wildniß zu marschiren, haben wird, will ich mich bei der Beschreibung unsrer Reise nicht lange aufhalten. Wir marschirten in raschem Schritte vorwärts und unser Führer hatte die gewöhnliche Route verlassen, welche nachgerade eine ziemlich leicht zu erkennende Fährte geworden war, und schlug eine andre ein, auf welcher er, wie mir schien, keinen andern Leiter und Wegweiser hatte als seinen Instinkt. Guert hatte dem Susquesus von der Schlucht gesagt, und wie wünschenswerth es wäre, sie zu erreichen, und zur Antwort nur ein stilles Nicken mit dem Kopf und einen leisen Ausruf erhalten. Indessen betrachteten wir es als ausgemacht, daß wir uns der Feste Herman Mordaunt's auf diesem Zugang nähern würden.

Mittag war vorüber, als wir Mooseridge verließen, und Keiner von uns hoffte, Ravensnest vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Es kam, wie wir erwartet hatten; die Nacht zog ihren Schleier über die Landschaft etwa eine halbe Stunde, ehe Trackleß in das nördliche, gegen den Wald zu gelegene Ende der Schlucht eindrang. Bis dahin hatten wir durchaus keine Anzeichen von der Nähe von Feinden bemerkt. Unser Marsch war still, rasch und wachsam gewesen, war aber völlig ungestört geblieben. Wir wußten jedoch, daß der kritischste Theil uns noch bevorstand; und gerade als die Sonne unterging, hatten wir Halt gemacht, um nach unsern Waffen zu sehen. Es dürfte jetzt angemessen seyn, auch ein paar Worte über die Lage von Herman Mordaunt's »Garnison« zu sagen, so wie über die umliegende Ansiedlung. Ich nenne Ravensnest die »Garnison,« denn dieß Wort ist vom New-Yorker Sprachgebrauch schon längst auf die Feste selbst angewendet worden, nicht blos auf ihre Verteidiger. Einige Kritiker behaupten, es fehle nicht an Autoritäten zur Rechtfertigung dieser Praxis, und ich sehe aus den Wörterbüchern, daß sie nicht ganz Unrecht haben.

Das Nest stand eine volle halbe Meile von dem Wald, wo er am nächsten war, entfernt, ausgenommen einen Gürtel von Bäumen, welcher den Rand der Schlucht säumte und ihre Vertiefung füllte. Nahe dabei und dem Auge ganz offen befand sich der Kern und Mittelpunkt der Ansiedlung selbst, welche sich in östlicher und westlicher Richtung volle vier Meilen weit erstreckte. Diese Bodenfläche war jedoch nur in der Weise der Ansiedlungen gelichtet, und es standen ganze Strecken Urwaldes noch reichlich da und dort darauf unangerührt. Das Mühlloos, wie Jason's Pachtstück genannt war, lag auf dem entferntesten von dort aus sichtbaren Punkte, aber bis jetzt war dort noch keine Axt angelegt worden. Ich hatte bei meinem vorigen Besuch auf dem Grundstück bemerkt, daß, wenn man vor Herman Mordaunt's Thüre stand, etwa ein Dutzend Blockhäuser zugleich in verschiednen Theilen der Ansiedlung zu sehen waren, und daß diese Zahl bis auf zwanzig sich erhöhen mochte, wenn der Beobachter seine Stellung veränderte.

Natürlich war der ganze offene Platz mehr oder weniger entstellt durch Stumpen, todte und geringelte Bäume, verkohlte Klötze, Haufen von Scheitern, Reisig und Buschwerk und all die übrigen unlieblichen Erscheinungen, welche in den ersten acht bis zehn Jahren der Existenz von einer neuen Ansiedlung unzertrennlich sind. Man kann diese Periode in der Geschichte eines Landes mit unsern Tölpel- oder Flegeljahren vergleichen, wenn wir das Anmuthige der Kindheit verloren und die vollendeten Formen der männlichen Gestalt noch nicht erreicht haben.

Herman Mordaunt's Ansiedlung hätte in einer Hinsicht als ein starker und günstiger Punkt zu einem Gefecht gelten können, wäre genug Mannschaft da gewesen, um einer feindlichen Partei von einiger Stärke Widerstand zu leisten. Aber ich hatte ihn sagen hören, er habe nur etwa siebzehn Büchsen oder Musketen, auf welche man sich verlassen könne, da einige seiner Leute Europäer und mit dem Gebrauch und der Handhabung von Feuerwaffen unbekannt waren, während die Erfahrung gezeigt hatte, daß Andere, wenn ein Lärmruf sich erhob, jedesmal mit ihren Familien in die Wälder sich flüchteten, statt sich um das Banner der Ansiedlung zu schaaren. Solche feige Pflichtverletzungen kommen, glaube ich, unter allen Umständen und bei allen Fällen vor, indem die Liebe des Lebens ein noch stärkerer Trieb und Instinkt ist als die Liebe zu Hab' und Gut. Dann und wann jedoch verbarrikadirte sich ein handfester, entschlossener Bursch unter seinem Rindendache, mit dem Entschluß, es aufs Aeußerste ankommen zu lassen und sich zu wehren; und manchmal kamen Verteidigungen vor, welche einem Helden Ehre gemacht hätten.

Es mußte Solchen, welche mit der Kriegführung der Wilden vertrauter waren, einleuchten, daß die Schlucht, als der einzige bewaldete Punkt in der Nähe von Herman Mordaunt's Feste, derjenige Punkt sey, in welchem am wahrscheinlichsten ein Feind zu treffen seyn mußte, welcher ausschließlich mittelst natürlicher, begünstigender Hülfsmittel der Garnison sich zu nähern suchte. Wir erkannten dieß wohl; und Guert, welcher mit Eifer das Commando bei uns übernahm, als wir dem gefährlichen Punkte näher rückten, ertheilte seine Befehle, daß Jeder von uns wachsam und gerüstet seyn solle, damit keine Verwirrung stattfinde. Wir hatten unsere Weisungen über die Art, wie wir uns benehmen sollten, sobald der Allarmruf erschalle; und Guert, der ein vortrefflicher Mimiker war, hatte uns zuvor einige Anrufe und Vereinigungssignale gelehrt, welche insgesammt Nachahmungen des Geschreis von verschiedenen Waldbewohnern, hauptsächlich von Vögeln waren. Diese Signale rührten ursprünglich von den rothen Männern her, welche sich ihrer oft bedienten; aber man behauptete, sie würden mit noch mehr Erfolg von unsern Jägern und Schützen angewendet, als selbst von denjenigen, welchen sie ihre Entstehung verdankten.

Als wir die Schlucht betraten, wurde unsere Marschordnung geändert. Während Susquesus und Jumper noch immer voran schritten, rückten Guert, Dirck, Jaap und ich in Einer Linie, eng an einander geschlossen, vor. Das dichte Laub und das tiefe Dunkel, welches im Innern dieser höhlenartigen Schlucht herrschte, machte diese Vorsicht nothwendig. Es wurde in der That so dunkel, daß unser einziger Wegweiser der Bach war, welcher in der Tiefe der Schlucht mit gurgelndem Geplätscher dahinfloß und der, wie wir wußten, am Ende derselben auf den offenen Grund herauskam, um sich in ein Flüßchen zu ergießen, welches in mäandrischen Krümmungen natürliche Wiesen westlich von dem Nest durchströmte, und in der Sprache des Landes creek Heißt eigentlich: Bucht. genannt wurde. Dieser Mißbrauch guter alter englischer Worte wird, mit Leidwesen muß ich es sagen, nur allzu gewöhnlich bei uns; und doch habe ich Amerikaner prahlen gehört, daß wir die Sprache besser sprechen als das Mutterland! Daß wir unter uns keine Klasse haben, welche einen unverständlichen Dialekt spricht, wie der von Lancashire oder Yorkshire, ist allerdings wahr; und daß bei uns weniger Personen sind, welche entschieden gegen die Gesetze der Grammatik sündigen, als in England, mag auch wahr seyn; aber gewiß wäre uns zu rathen, erst gar viele Fehler zu verbessern, in welche wir ohne Frage verfallen sind, ehe wir so zuversichtlich der Reinheit unseres Englisch uns rühmen. Doch zurück zu unserer Schlucht!

Wir waren in der dunkeln, tiefen Schlucht so weit vorgedrungen, daß wir einen Punkt erreicht hatten, wo das schwache Licht des offenen Feldes und die Sterne am Firmament sichtbar wurden, als wir uns plötzlich neben Trackleß und Jumper stehend fanden. Diese Indianer hatten Halt gemacht, denn ihre scharfen, adlerartigen Blicke hatten die Anzeichen von Feinden entdeckt. Auch war diese Entdeckung nicht sehr schwer zu machen gewesen, obgleich einige Vorkehrungen getroffen waren, um zu verbergen, was vor uns vorging. Eine Gruppe von etwa vierzig Wilden, Jeder in seiner Kriegsbemalung, hatten unter einem überhängenden Felsen ein Feuer angezündet und waren um dasselbe herum mit ihrem Nachtessen beschäftigt. Das Feuer hatte schon seine Schuldigkeit gethan, und glostete jetzt nur noch fort, wobei es ein schwaches, flackerndes Licht auf die dunkeln, wilden Züge der um dasselbe versammelten Gruppe warf. Wir hätten uns in jeder andern Richtung dem Platze nähern können, ohne der Gefahr zu rechter Zeit inne zu werden, um ihr noch auszuweichen, aber die gütige Vorsehung hatte die beiden Indianer gerade auf einen Punkt geführt, wo die ersterbende Glut ihnen unmittelbar ins Auge fiel, und wo sie, wie gesagt, Halt machten. Ich glaube nicht, daß wir über vierzig Schritte von dieser furchtbaren Bande von Wilden entfernt waren, als ich ihrer zuerst ansichtig wurde; und so sehr ich bis auf einen gewissen Grad abgehärtet worden war durch den Kriegszug und die Scenen, von welchen ich so eben herkam, will ich doch gestehen, daß mir das Blut bei diesem Anblick fast erstarren wollte.

Nur in flüsterndem Tone konnten wir uns besprechen. Da standen wir, zusammengeschmiegt unter einer riesigen Eiche, deren Schatten das Dunkel, jetzt unsern einzigen Schutz, noch tiefer und schwärzer machte. So aufeinander gedrängt standen wir da, daß sogar Jaap mit mir in unmittelbare körperliche Berührung kam. Susquesus schlug vor, auf einem Umweg den Feind zu umgehen, indem wir den Bach überschritten, welcher zum Glück an diesem Punkte über einige Felsen herabstürzend ein uns sehr zu Statten kommendes Getöse machte, und so an unsren Feinden vorbei kämen, welche wahrscheinlich mit ihrer Mahlzeit nicht zu Ende seyn würden, ehe wir die »Garnison« erreicht hätten. Dagegen aber legte Guert sein Veto ein. Er war der Meinung – und ich habe es immer so angesehen, daß dieß die Entscheidung eines Mannes gewesen, der zum Soldaten geboren war, – daß wir uns in einer Lage und Stellung befänden, wie wir sie uns nicht besser wünschen könnten, um der Familie einen großen Dienst zu leisten und dem Feind einen panischen Schrecken einzujagen. Durch einen Angriff würden wir ganz gewiß die Schaar vor uns überraschen und dieß würde einen solchen Eindruck auf sie machen, daß sie sich entschließen dürften, die Ansiedlung zu verlassen. Dirck und ich traten dieser Ansicht bei, welche auch durch Jaap's Stimme unterstützt ward.

»Ja, Sah! – ja, Masser Corny, jetzt Zeit zu rächen armen Pete!« murmelte er, und zwar etwas lauter, als der Vorsicht gemäß schien.

Sobald Trackleß sah, welchen Gang die Sache nehmen würde, so schickten auch er und Jumper sich so kaltblütig als nur Einer von uns zum Kampfe an. Unsere Anordnungen waren sehr einfach und bald getroffen. Wir wollten nur Eine Salve geben von dem Punkt aus, wo wir standen, laut jauchzen und dann mit Messer und Tomahawk angreifen. Es sollte jedoch keine Zeit versäumt werden; und statt in der Nähe des Feuers, so schwach und trüb es war, zu verweilen, wollten wir nach der Mündung der Schlucht vordringen und von dort aus einzeln oder in Einem Haufen, wie es sich gerade schicken würde, so schnell wir könnten nach dem Thore von Ravensnest eilen. In einem Augenblick standen wir in schußfertiger Stellung und erwarteten die Befehlsworte.

»Denkt an Traverse!« sagte Guert finster, »denkt an Sam und alle unsere ermordeten Freunde!« Dieß sprach er mit ganz holländischem Accent, wie er gewöhnlich in großer Aufregung zu thun pflegte. Und wir dachten an die Todten; und ich habe oft gedacht, obwohl nie mit völliger Gewißheit erfahren, es habe bei dieser blutigen Gelegenheit Jeder von uns den Manen unserer verlorenen Genossen ein Opfer dargebracht. Unsere Büchsen knallten, oder krachten, wäre der richtige Ausdruck, beinahe in Einem Augenblick; ein gellender Schrei erhob sich unter den Wilden um das Feuer; unser wildes Jauchzen mischte sich in dieß Geschrei, und wir stürzten uns vor, bemüht unsere Zahl wie die von Hunderten erscheinen zu lassen.

Man behält von einem solchen in der Dunkelheit gemachten Angriff außer dem Allgemeinsten nur sehr unbestimmte Züge und Bilder in der Erinnerung. Wir stürmten gerade unter die Getödteten und Verwundeten hinein und ich hörte, wie Jaap ein paar fürchterliche Streiche auf die Leichname führte; aber Niemand leistete uns Widerstand. Einen Augenblick, nachdem wir an dem erlöschenden Feuer vorbei waren, wurden drei oder vier Schüsse auf uns abgefeuert, aber kein Zeichen verrieth, daß sie Einen von unsrer Gesellschaft getroffen. Die Entfernung vom Feuer bis zur Mündung der Schlucht mochte hundert Schritte betragen; und das Licht von außen; oder die verminderte Dunkelheit würde der richtigere Ausdruck seyn, diente uns den Weg zu weisen. Dorthin drängten wir uns, so schnell wir konnten, jedoch keineswegs in geschlossener Ordnung.

Von hier an kann ich, was diese Affaire betrifft, nur von mir allein berichten. Ich sah Männer rasch zwischen den Bäumen sich bewegen, und ich vermuthete, daß es meine Genossen seyen; aber wir hatten uns getrennt, da verabredet war, daß jetzt Jeder für sich selbst sorgen solle. Da unsre Büchsen abgefeuert waren, und wir keine Zeit hatten, sie wieder zu laden, hätte es in der That wenig genützt, Halt zu machen. Dieß einsehend, trat ich aus der Schlucht nicht unmittelbar am Bache heraus, sondern hielt mich mehr seitwärts und kam hervor etwas höher als die daran stoßende Ebene lag. Hier machte ich Halt, um zu laden, da der Versteck gut und meine Stellung in jeder Hinsicht günstig war. Während ich so beschäftigt war, hatte ich Zeit, mich umzusehen, und mich vom Stand der Dinge auf der Ansiedlung durch eigne Anschauung zu überzeugen, soweit die Stunde und die Finsterniß es gestatteten.

Die Ebene flimmerte und glostete von den Ueberbleibseln zwölf gewaltiger Feuer, den Ruinen ebenso vieler Blockhäuser und Scheunen. Das Licht derselben diente nur eben, die Dunkelheit der Nacht noch augenfälliger zu machen, und einen schwachen Begriff zu geben von dem Umfang der bereits verübten Verwüstungen. Das Haus Ravensnest jedoch war unberührt. Da stand es, und dunkel und düster nahm es sich aus; denn da es keine Fenster nach aussen hatte, sah man kein anders Licht, als eine einzige Kerze, die vermuthlich in einer Lucke als Signal aufgesteckt war. Tiefe Stille herrschte in dem Gebäude und ringsumher, und machte den Eindruck von etwas Geheimnißvollem, was unter solchen Umständen an sich schon als ein mächtiger Beistand gelten konnte. Das Licht war nicht hinreichend, um die Gegenstände in einiger Entfernung unterscheiden zu können und nachdem ich meine Büchse wieder geladen hatte, hielt ich fürs Klügste, so schnell als möglich nach dem Thore zu eilen. In diesem Augenblick hatte für mein Gefühl die Stille hinter mir etwas förmlich Grausenerregendes an sich.

Allerdings war es ziemlich gewagt, in einem solchen Augenblick und unter solchen Verhältnissen einen Versteck zu verlassen; aber es war unumgänglich nothwendig, diesen Gefahren mich auszusetzen. Mein erster Sprung brachte mich den halben Abhang hinunter, und bald befand ich mich auf ebenem Grund. Vor mir waren zwei Männer, wovon mir der Eine den Andern gepackt zu haben schien. Da sie sich zwar langsam, in der Richtung nach dem Hause hin bewegten, wagte ich zu fragen: »Wer da?« »Oh, Corny, mein Junge, seyd Ihr es?« antwortete Guert. »Gott sey gepriesen! Ihr scheint unverletzt, und kommt gerade zu rechter Zeit, um mir diesen Huronen weiter schleppen zu helfen, auf den ich in der Dunkelheit stieß und den ich entwaffnet und gefangen habe. Gebt ihm einen Tritt oder Puff, wenn Ihr so gut seyn wollt; denn der Kerl sträubt sich und bleibt zurück wie ein widerspenstiges Schwein.«

Ich kannte jedoch die indianische Rachsucht zu gut, als daß ich zu dem angerathenen Mittel gegriffen hätte; sondern ich packte den Gefangenen am einen Arm, während Guert den andern hielt, und so schleppten wir ihn in raschem Lauf mit geringer Schwierigkeit hinauf zu dem Verhau, welcher dem Thor der Garnison zum Schutz diente. Hier fanden wir Herman Mordaunt und ein Dutzend seiner Leute, Alle bewaffnet, bereit uns aufzunehmen. Sie erwarteten unsre Ankunft, sowohl in Betracht der Stunde, als auch in Folge des Geschreis in der Schlucht, welches man im Hause ganz deutlich gehört hatte. In weniger als einer Minute befanden sich Alle sicher und unverletzt drinnen. In der That war unser Angriff so plötzlich erfolgt, daß wir Alles vor uns niedergeworfen oder verjagt und die Feinde nicht Zeit gehabt hatten, von ihrem panischen Schrecken sich zu erholen, als bis wir Alle sicher unter Dach gekommen waren. Einmal in den Thoren von Ravensnest liefen wir keine weitere Gefahren, als diejenigen, welchen solche hölzerne Festen bei den Kriegen der Wildniß überhaupt ausgesetzt sind.

Es wäre für eine so ungeübte Feder, wie die meinige, nicht leicht, den Uebergang zu schildern von der Düsterheit der Schlucht, dem kurzen, aber blutigen Angriff, dem Jauchzen, dem Stürmen und dem Rückzug draußen in der nächtlichen Welt, zu der Scene häuslicher Sicherheit, die wir in dem Nest fanden, verschönert durch weibliche Anmuth und Lieblichkeit, und in mancher Hinsicht auch durch weibliche Eleganz. Anneke und ihre Freundin empfingen uns in einem hellen, freundlichen, behaglichen Gemach, das uns noch viel anziehender wurde durch ihre Thränen und ihr Lächeln; und an beidem ließen es die Mädchen nicht fehlen. Ich bemerkte, daß Beide in entsetzlicher Unruhe und Gemüthsbewegung gewesen waren; aber die Freude gab ihren holdseligen Gesichtern die Farbe wieder und führte das Lächeln zurück. Die Lage des Platzes war vielleicht von der Art, daß die Freude weder sehr anhaltend, noch sehr lebhaft seyn konnte; aber das zärtlichste Weib kann ihr Herz plötzlich so seiner Bürde von Besorgnissen entlastet fühlen, daß sie für den Augenblick vergnügt und glücklich scheinen mag mitten unter den sie umgebenden Schrecknissen des Krieges. Dieß ungefähr war der Charakter des Empfanges, der uns jetzt zu Theil wurde, neben tausend Danksagungen dafür, daß wir ihre Briefe so rasch in eigner Person und mündlich beantwortet. Die köstlichen Geschöpfe waren so freundlich und zartsinnig, daß sie die rasche Willfährigkeit gegen ihre Wünsche, die wir an den Tag gelegt, gar nicht unsrer Besorgniß um unsre eigne Sicherheit, sondern einzig unserm Wunsche, ihnen gefällig zu seyn und sie zu beschützen, zuzuschreiben schienen. Der Leser begreift wohl, daß alle Erklärungen von beiden Seiten nicht im ersten Augenblick gegeben werden konnten. Dazu kam es jedoch bald; denn die thatsächlichen Umstände drängen sich in solchen Augenblicken mit unwiderstehlicher Gewalt und Schwere der Aufmerksamkeit auf. Das Eis ward gebrochen dadurch, daß Herman Mordaunt in das Gemach trat, und uns mit der Miene eines Mannes anredete, welcher merkt, daß eine große Versäumniß begangen worden.

»Wir hatten das Thor geschlossen und die Späher an die Lucken gestellt,« sagte er, »ehe ich erfahren, daß noch nicht Eure ganze Gesellschaft hier ist. Ich sehe Nichts von Traverse und seinen Meßgehülfen, noch von Sam und Tom, Euern Jägern. Sie sind doch hoffentlich nicht im Walde zurückgeblieben?«

Keiner von uns Dreien sprach. Aber unsre Mienen müssen die traurige Geschichte verkündet haben, denn Herman Mordaunt schien uns im Augenblick zu verstehen.

»Nein!« rief er aus – »Ist es möglich? Doch hoffentlich nicht Alle?«

»Alle, Mr. Mordaunt, und auch sogar mein armer Sklave, Petrus,« antwortete Guert mit feierlichem Ernst. »Sie wurden zerstreut, so vermuthe ich, angegriffen, und ermordet, während wir noch auf unserm Kriegszuge abwesend waren.«

Die lieben Mädchen rangen die Hände, und mir schienen Anneke'ns blasse Lippen wie im Gebet sich zu bewegen. Ihr Vater schüttelte den Kopf, und schritt eine Zeitlang schweigend im Zimmer auf und ab. Dann ermannte er sich, wie Einer, der sich der Notwendigkeit bewußt ist, kaltblütig und zur That bereit zu seyn, und setzte das Gespräch fort.

»Gott sey Dank, daß Mr. Bulstrode wohlbehalten bei uns eingetroffen, gestern Abend, gerade nachdem wir den Läufer abgeschickt hatten; er ist nun doch für den Augenblick den Krallen dieser Teufel entgangen!«

Nach diesem waren wir im Stande, uns zusammenhängender zu besprechen, und wir tauschten Erzählungen und Erklärungen aus, welche jede der beiden Parteien in Stand setzten, sich eine genaue Vorstellung von dem Zustand und den Verhältnissen der andern zu bilden. Dann wurden wir nach Bulstrode's Gemach geführt, denn er hatte den Wunsch ausgesprochen, uns zu sehen, sobald man uns entbehren könne. Unser Feldzugsgenosse empfing uns in guter Laune, für einen Mann in seiner Lage; er sprach von den Ereignissen vor Tikonderoga verständig, und ohne daß er das Leidwesen und die Beschämung, die er, sammt dem ganzen britischen Reiche, empfand, zu verbergen suchte. Seine Verletzung war durchaus nicht schlimmer Art; sie mochte ihn wohl für einige Wochen zum Gehen untüchtig machen, aber das Bein war in keiner Gefahr.

»Ich habe die Entschlossenheit und das Geschick gehabt, Corny, mir ein gutes Quartier zu verschaffen – abgesehen von dieser unerwarteten Belagerung,« bemerkte er gegen mich, als die Andern sich zurückzogen und uns allein ließen. »Diese unsre Nebenbuhlerschaft hat einen ganz großmüthigen Charakter und wir haben wohl jetzt den freiesten und besten Spielraum dafür. Wenn wir dieß Nest Herman Mordaunt's verlassen, ohne die eigentliche Beschaffenheit von Anneke'ns Gesinnungen und Gefühlen auszumitteln, so verdienen wir wohl, für unsre übrige Lebenszeit zum Cölibat verurtheilt zu werden. Nie gab es zwei solche Gelegenheiten, mit Vortheil zu werben!«

»Ich gestehe, unsre Lage leuchtet mir nicht als so ganz besonders günstig ein, Mr. Bulstrode,« versetzte ich. »Anneke muß zu viel Besorgniß für sich selbst und um Andere empfinden, als daß sie für die zarten Gefühle der Liebe so empfänglich wäre, wie dieß in der friedlichen Sicherheit von Lilaksbush der Fall seyn möchte.«

»Ha, aus dieser Bemerkung erhellt ganz deutlich, daß Ihr das weibliche Geschlecht nicht versteht, Corny. Ich will Euch zugeben, daß, ohne vorangegangene Werbung, und ohne daß zuvor schon ein Grund gelegt wäre, wenn ich mich so unehrerbietig ausdrücken darf, Eure Theorie Recht behalten möchte, aber nicht unter den hier obwaltenden Umständen. Hier ist eine junge neunzehnjährige Lady, welche weiß, daß sie nicht nur gesucht wird, sondern schon lange gesucht worden ist, ja mit Wärme und glühender Leidenschaft gesucht worden ist von zwei jungen Männern, gegen welche sich vernünftiger Weise Nichts einwenden läßt, in eine Lage versetzt, wo alle ihre Gefühle von dem Einen oder dem Andern müssen aufgeregt und in Anspruch genommen werden; und glaubt mir nur, die Sache wird entschieden werden, noch vor Ablauf dieser gesegneten Woche. Sollte ich der Glückliche seyn, so hoffe ich im Stande zu seyn, ein großmüthiges Mitleid an den Tag zu legen; und vice versa werde ich von Euch dasselbe erwarten. Aber freilich ist dieser traurige, traurige Handel vor Ty eine gute Vorbereitung zur Demuth gewesen.«

Ich konnte nicht umhin, zu lächeln über Bulstrode's eigentümliche Art, unsre Werbung anzusehen; aber da Anneke für mich immer der anziehendste Gegenstand eines Gesprächs war, fühlte ich mich, trotz unserer Lage, die gewiß nicht sonderlich geeignet und günstig für die Liebe war, nicht fähig, dieß Thema so plötzlich zu verlassen. So wurde denn der Gegenstand weiter verfolgt. Als ich Bulstrode bat, sich weiter zu erklären, gab er mir folgende Erläuterung seiner Theorie.

»Nun, ich argumentire so, Corny. Anneke liebt Einen von uns Beiden, das ist keine Frage. Daß sie liebt, darauf will ich schwören; ihr Erröthen, ihre strahlenden Augen, ihre Schönheit selbst, – Alles ist erfüllt von dem Liebreiz dieses Gefühls. Nun ist es nicht möglich, daß sie einen Andern, als Einen von uns, lieben sollte, aus dem einfachen Grunde, weil sie keinen andern Anbeter hat. Ich will offen gegen Euch seyn, und Euch gestehen, daß ich glaube der Begünstigte zu seyn, während Ihr, glaube ich fast, eben so sanguinisch seyd und Euch für den Bevorzugten haltet.«

»Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Major Bulstrode, ein so anmaßender, ungeziemender Gedanke hat nie –«

»Ja, ja, ich verstehe das Alles. Ihr seyd der Liebe von Anneke Mordaunt nicht würdig, und habt deßwegen nie den vermessenen Traum gehegt, sie könnte dieselbe einem so armen, elenden, werthlosen Taugenichts wie Ihr, schenken. Ich hege großentheils auch dieß sehr geziemende Gefühl, aber daneben hofft Jeder von uns, voll Zuversicht, auf einen Erfolg und Triumph, sonst würde er die Bewerbung längst aufgegeben haben.«

»Ich versichere Euch, Bulstrode, Nichts weniger als Zuversicht mischt sich mit meinen Gefühlen in Betreff dieses Gegenstandes. Ihr mögt Gründe haben, Euch Eurer Sache so gewiß zu glauben; aber ich kann mich dessen in keiner Weise rühmen!«

»Ich habe keine andern Gründe, als Eigenliebe, deren jeder Mensch ein zu seinem Behagen und seinem Seelenfrieden genügendes Maß besitzt. Ich behaupte, Hoffnung ist zur Liebe unerläßlich nothwendig, und die Hoffnung geht mit der Zuversicht Hand in Hand. Meine Argumentation über diese Punkte ist sehr einfach. Und nun zu den besondern Vortheilen, die uns jetzt zu statten kommen, um die Sache zu einer Entscheidung zu bringen. Erstlich bin ich verwundet, wie Ihr bedenken müßt, – leidend an einer ehrenvollen Blessur, in offener Schlacht erhalten, im Kampf für König und Vaterland. Sodann bin ich frisch vom Schlachtfeld in meiner Sänfte zu meiner Geliebten gebracht worden, an meiner Person das Zeugniß tragend meiner bestandenen Gefahren, und, hoffe ich, meines guten Benehmens. Es ist nicht Ein Weib unter Tausenden, die, wenn sie zwischen uns schwankte, sich nicht allein auf diese Gründe hin zu meinen Gunsten entschiede. Ihr habt keinen Begriff davon, Corny, wie die Herzen dieser süßen, zarten, hingebungsvollen, großmüthigen, kleinen amerikanischen Mädchen in Sympathie hinschmelzen bei dem Leiden eines armen Elenden, von dem sie sich angebetet wissen! Macht ein weibliches Wesen zu Eurer Krankenwärterin – sie wird neunmal unter zehn die Eurige! Das ist ein Meisterstreich von mir, aber ich hoffe, Ihr werdet ihn verzeihen. Stratageme sind entschuldbar in der Liebe wie im Krieg.«

»Es fällt mir nicht schwer Eure Politik zu begreifen, Bulstrode, wohl aber einigermaßen, ich gestehe es, Euere Offenherzigkeit. Aber nun es einmal so ist, hoffe ich, Ihr werdet überzeugt seyn, daß ich sie nicht mißbrauche. Jetzt aber, was meine Lage betrifft, welche besondere, den Eurigen das Gegengewicht haltende Vortheile kommen mir zu Gute?«

»Die eines Verteidigers! Oh, das ist an und für sich schon ein Sturmbock! Dieser verwünschte Angriff auf die Ansiedlung, der, wie man mir sagt, ziemlich ernsthaft ist, und noch einige Tage lebhafte Besorgnisse rege erhalten kann, ist für mich etwas sehr Unglückliches, höchst vortheilhaft dagegen für Euch. Ein Verwundeter kann nicht halb so viel Interesse und Theilnahme erregen, als unter andern Umständen möglich wäre, wenn Andere jede Minute ganz leicht getödtet werden können. Sodann ist die Rolle eines Vertheidigers eine sehr wichtige und dankbare; und da ich ein großherziger Rival bin, Corny, wie ich Euch immer erklärt habe, rathe ich Euch, sie Euch aufs beste zu Nutze zu machen. Ich verhehle Nichts, und beabsichtige allen möglichen Vortheil aus meiner Wunde zu ziehen.«

Es war kaum möglich nicht zu lachen über diese seltsam offenherzige, und doch, wie ich fest glaube, seltsam aufrichtige Erklärung; denn Bulstrode war ein Humorist trotz all seinem konventionellen Wesen und seinen Londoner Begriffen, und war mehr gewohnt, genau das zu sagen was er dachte, als man es gewöhnlich bei Männern seiner Klasse findet. Nachdem ich noch eine halbe Stunde bei ihm gesessen, und mit ihm über die letzten militärischen Operationen geplaudert hatte, über welche er mit Gefühl und mit Verstand sich aussprach, verabschiedete ich mich für die Nacht.

»Gott segne Euch, Corny,« sagte er, mir die Hand drückend, als ich ihn verließ; »benützt die Gelegenheit auf Euere Weise, denn ich versichere Euch, ich werde es auf die meinige thun. Es ist gegenwärtige Tapferkeit gegen vergangene Tapferkeit. Wäre ich selbst nicht der eine Betheiligte, – es lebt kein Mensch auf der Welt, dem ich mehr von ganzem Herzen den Sieg wünschte als Euch!«

Und ich glaube, Bulstrode überschritt bei diesen seinen Versicherungen die Grenze der Wahrheit nicht. Daß ich bei Anneke'n den Sieg davon tragen würde, glaubte er nicht, wie mir dieß ganz klar war aus seinem Wesen und Benehmen überhaupt, bei dem Bewußtseyn, das er von seinen Vortheilen und Vorzügen, Rang und Vermögen betreffend, so wie in Folge davon haben mußte, daß Herman Mordaunt so sehr ihm geneigt war und seine Wünsche begünstigte. Seltsam genug! als ich meinen Nebenbuhler unter so ganz eigenthümlichen Verhältnissen verließ, ward ich zufällig mit meiner Geliebten zusammengeführt, und zwar allein! Anneke befand sich allein in dem kleinen Zimmer, in welchem die Mädchen sich gewöhnlich aufhielten, als ich dahin zurückkehrte, da Guert Mary Wallace dazu gebracht hatte, im Hof mit ihm einen Gang zu machen – dem einzigen Ort, welcher jetzt den Ladies zu Gebote stand, um sich in freier Luft zu ergehen: während Herman Mordaunt, Mr. Worden und Dirck mit einander in dem allgemeinen Gesellschaftszimmer waren, und einige Verabredungen mit dem bestürzten Haufen der Ansiedler, welche sich in das Nest geflüchtet hatten, wegen der Nachtwache trafen. Ich will mich nicht damit aufhalten, mein Entzücken zu schildern, als ich Anneke hier traf; auch ward es keineswegs vermindert, als ich den sanften Ausdruck ihres mir begegnenden süßen Auges bemerkte, und das Erröthen sah, welches ihre Wangen bedeckte. Ohne Zweifel hatte das Gespräch, das ich so eben gehabt, seine Wirkung auf mich; denn ich beschloß sofort bei mir, daß eine so günstige Gelegenheit, meine Bewerbung zu verfolgen, nicht versäumt werden solle; ich ward, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, gestachelt durch die Furcht vor Bulstrode's Wunde.

Was ich zu Anfang dieser Unterredung sagte, das vermöchte ich nicht mehr ganz genau zu berichten, wenn ich auch glaubte, es würde mich in vorteilhaftem Licht erscheinen lassen, während ich freilich vielmehr das Gegentheil fürchte; aber ich machte mich wenigstens verständlich, was, wie ich mir einbilde, nicht einmal allen Liebhabern bei solchen Scenen gelingt. Zuerst sprach ich, wie ich besorgen muß, verwirrt und etwas unzusammenhängend; aber mein Gefühl siegte in so weit über diese Mängel, daß ich im Stande war, vorzubringen, was ich zu sagen wünschte. Gegen das Ende muß, wenn ich nur entfernt mit der Wärme und Klarheit sprach, wie ich fühlte, meine Sprache und mein ganzes Wesen einen leisen Anflug von Beredtheit an sich gehabt haben. Da dieß zudem das erste Mal war, daß ich überhaupt Gelegenheit hatte, meine Bewerbung in ganz offener und entschiedener Weise zu verfolgen, so war da so Viel zu sagen, so Viel aufzuklären, und die Versäumniß so vieler scheinbar günstiger Gelegenheit zu entschuldigen, daß Anneke während der ersten zehn Minuten fast Nichts zu thun hatte als nur mir zuzuhören. Ich habe immer die Fassung und Selbstbeherrschung, welche meine Gesellschafterin während der übrigen Unterredung an den Tag zu legen im Stande war, dem Umstand zugeschrieben, daß ihr so einige Zeit vergönnt war, ihre Gedanken zu sammeln.

Die liebe köstliche Anneke! wie bewundernswerth benahm sie sich in jener denkwürdigen Nacht! Gewiß war es eine ganz außerordentliche Lage, um von Liebe zu sprechen; dennoch zweifle ich sehr, ob die Gefühle in solchen Augenblicken nicht eher wahrer und natürlicher seyn dürften, als wenn die Umstände erlauben, mehr nach den Auskunftsmitteln des Alltagslebens zu greifen. Ich bemerkte wohl, daß meine holde Zuhörerin gerührt war vom ersten Augenblick an, wo ich anfing, und daß ihr Angesicht ein zärtliches Interesse an meinen Worten verrieth. Hierauf vertrauend, oder ermuthigt durch ihr Erröthen und ihre niedergeschlagenen Augen, wagte ich eine Hand zu fassen, und sah, daß ich nicht zurückgewiesen wurde. Da fand ich denn Worte, welche wirklich meiner Gesellschafterin Thränen ins Auge lockten, und Anneke war im Stande mir zu antworten.

»Das ist eine so ungewöhnliche – eine so außerordentliche Zeit, von solchen Dingen zu sprechen, Corny,« sagte sie, »daß ich kaum recht weiß, was ich antworten soll. Eines jedoch fühle ich, aufs bestimmteste und lebhafteste: Personen, so wie wir, umringt von Gefahren, die jeden Augenblick unsern Untergang herbeiführen können, haben eine sonst nicht gewöhnliche Verpflichtung und Berechtigung zur Aufrichtigkeit. Der Ziererei war ich, hoffe ich, nie ergeben, und Prüderie, das weiß ich, würdet Ihr verdammen. In meiner Seele herrscht in diesem Augenblick ein Gefühl vor, das ich auszusprechen wünsche, aber ich weiß kaum, wie –«

»Unterdrückt es nicht, geliebte Anneke; seyd so großmüthig als Ihr, das weiß ich, aufrichtig seyd.«

»Corny, es ist dieß. Ich weiß, wir sind in Gefahr – in sehr drohender Gefahr, überwältigt zu werden; gefangen, vielleicht getödtet zu werden von den grausamen Wesen, welche um unsere Wohnung herum streichen, und ich weiß, daß Keiner in diesem Hause auf noch einen Tag Leben rechnen kann, auch nur mit der gewöhnlichen eiteln Sicherheit der Menschen. Sollte nun jetzt Euch Etwas zustoßen, und ich Euch überleben, so würde ich den Rest meiner Tage hindurch fortwährend um Euern Verlust trauern und die lebhafteste Reue empfinden, daß ich Bedenken getragen hätte, Euch zu gestehen, welchen Antheil ich lange schon an Euch genommen, und wie glücklich mich das Bewußtseyn des Vorzugs gemacht hat, den Ihr mir, Euerem offenen und ehrlichen Geständniß vor Monaten zufolge, in Euerem Innern gegeben habt.«

Da Erröthen und Thränen diese Geständnisse Anneke'ns begleiteten, war es mir nicht möglich, die Wahrheit dessen was ich hörte zu bezweifeln. Von diesem Augenblick an knüpfte eine Welt von Vertrauen und ein Strom reinen, süßen, starken natürlichen Gefühls uns immer enger und enger an einander. Guert war in einer glücklichen Stimmung, um Mary Wallace bei sich zurückzuhalten; und der Drang der Umstände kam mir in Bezug auf die Uebrigen sehr zu Statten. Ueber eine Stunde hatte ich Anne Mordaunt ganz für mich allein; und wenn das Herz offen ist, wie viel kann da über einen Gegenstand wie die Liebe gesagt und verstanden werden in einer Stunde des rückhaltlosen Vertrauens und des übermächtigen Gefühles! Anneke gestand mir, ehe wir uns trennten, daß sie oft an den ritterlichen Knaben gedacht, der freiwillig sich zum Kämpfer für sie aufgeworfen, als sie selbst noch kaum mehr als ein Kind war, und an ihn gedacht habe, wie ein großherziges Mädchen unter solchen Umständen an einen tüchtigen Jungen denken mag. Diese aus so frühen Jahren stammende Gunst war bedeutend gesteigert und gekräftigt worden durch den Vorfall mit dem Löwen und unsern darauf folgenden Verkehr. Bulstrode, dieser furchtbare ermuthigte Rival, ermuthigt von ihrem Vater, wenn auch nicht von ihr selbst, hatte sie nie im Mindesten interessirt, über die Grenze eines aus der Blutsverwandtschaft natürlich folgenden Gefühls hinaus; und ich hätte mir manche Stunde banger Angst seinethalben ersparen können, wenn ich nur hätte sehen können, was mir jetzt so ohne Rückhalt bekannt wurde. Der arme Bulstrode! ein Gefühl von Mitleid beschlich mich, als ich die Versicherungen meiner Gesellschafterin anhörte, daß er nie im Mindesten ihr Herz gerührt habe, während sie zu derselben Zeit, hoch erröthend, zugestand, daß ich diese Macht besaß. Ein dahin gehender Ausdruck entschlüpfte sogar ihren Lippen:

»Bekümmert Euch nicht wegen Mr. Bulstrode's, Corny,« sagte Anneke, schalkhaft lächelnd, so daß man vermuthen konnte, sie habe sämmtliche Für und Wider bei dieser Sache in ihrer Seele reiflich erwogen; »er mag sich ein wenig gekränkt fühlen, aber er wird diese Phantasie bald vergessen in der Freude darüber, daß er nicht einer flüchtigen Neigung nachgegeben und sich nicht mit einem jungen, unerfahrnen amerikanischen Mädchen verbunden habe, das Wohl kaum dazu taugte, sich in den Kreisen zu bewegen, in welchen seine Gattin leben muß. – Ich glaube, Mr. Bulstrode zieht mich jetzt gerade allen andern Frauen vor, die er eben kennen mag; aber seine Neigung, wenn sie den Namen verdient, hat nicht das Gemüth in sich, lieber Corny, das, wie ich weiß, in der Eurigen lebt. Man sagt, wir Frauen entdecken es schnell, wenn wir wirklich geliebt werden, und ich gestehe, daß meine eigne kleine Erfahrung mich geneigt macht zu glauben, daß diese Behauptung uns nur Gerechtigkeit widerfahren lasse.«

Darauf sprach ich von Guert, und drückte die Hoffnung aus, daß seine aufrichtige, offenkundige, männliche Ergebenheit am Ende das Herz seiner Geliebten rühren, und daß mein neuer Freund, für welchen ich schon ein Gefühl wie für einen alten Freund zu haben anfing, am Ende durch Erwiederung einer Leidenschaft werde beglückt werden, die nach meiner vollen Ueberzeugung so tief und aufrichtig sey wie meine eigene; eine Vergleichung die, wie ich wohl fühlte, so stark war, als ich nur irgend eine zu Gunsten Guert's machen konnte.

»Ueber diesen Gegenstand dürft Ihr nicht erwarten, daß ich Viel sage, Corny,« antwortete Anneke lächelnd. »Jede Frau ist Herrin ihrer eignen Geheimnisse hinsichtlich eines solchen Gegenstandes, und wenn ich der Mary Wallace Gesinnung oder Wünsche in Bezug auf Mr. Ten Eyck vollständig kennte, wessen ich mich jedoch keineswegs rühmen darf, so würde ich mich doch nicht berechtigt glauben, sie zu verrathen, selbst nicht gegen Euch. Ich habe vor Corny Littlepage kein, meine Person betreffendes Geheimniß mehr, aber man darf nicht erwarten, daß ich so schwach mich zeigen werde, indem ich mein ganzes Geschlecht verriethe, als ich mich gezeigt, indem ich mich selbst verrathen habe.«

Ich war genöthigt, mit diesem süßen Geständniß, und mit der Ueberzeugung, daß ich schon lange geliebt gewesen, mich zu begnügen. Als Anneke mich verließ, was sie nach Verfluß von mehr als einer Stunde sich nicht mehr wehren ließ, hatte ich, schwelgend in dem Bewußtseyn alles dessen, was zwischen uns vorgegangen, Mühe mich zu überzeugen, daß ich nicht träumte. Diese Aufklärung war so plötzlich gekommen, so gänzlich unerwartet für Beide, glaube ich, daß sie uns wohl wie ein Traum erscheinen konnte; aber doch, bin ich überzeugt, wir trennten uns nicht ohne das tiefe innige Bewußtseyn, daß wir Beide glücklicher waren, als wie wir uns hier zusammen fanden. Dennoch betheure ich feierlich, daß ich Sorge, beinahe Bekümmerniß, um Bulstrode empfand. Der arme Bursche hatte offenbar erst noch vor einer oder zwei Stunden so zuversichtlich auf seinen Erfolg gerechnet, daß ich es nicht über mich vermocht hätte, ihn von meinem Triumph in Kenntniß zu setzen, wenn er auch auf und im Stande gewesen wäre, seine Bewerbung zu betreiben; in seiner gegenwärtigen Lage aber wäre mir ein solches Verfahren roh und brutal erschienen.

Was Guert Ten Eyck betrifft, so war er, als er sich wieder bei mir einfand, trauriger und verzweiflungsvoller als je.

»Es fiel mir ein, Corny, daß wenn Mary Wallace die mindeste Zuneigung für mich hege, sie sie wohl in einem Zeitpunkt kund geben würde, wo man von uns Allen sagen kann, daß wir zwischen Leben und Tod schweben. Ich habe oft sagen gehört, daß das Weib, das mit einem jungen Burschen ihr Spiel triebe auf einem Ball oder auf einer Schlittenfahrt, und ihn wie einen Hund behandelte, während Alles lachte und sich belustigte, sich umdrehe wie ein Wetterhahn auf unsern holländischen Scheunen, wenn der Wind umschlägt, im Augenblick wo Noth oder Unglück ihren Anbeter treffe. Mit andern Worten, daß dasselbe Mädchen, welches im Glück und Wohlergehen launenhaft und unzuverläßig sey, plötzlich ganz zärtlich und treuhingebend werde, sobald Sorge und Kummer bei dem Mann einkehren, der sie zu haben wünsche. Im Vertrauen auf dieß nun nahm ich mir vor, in Mary zu dringen nach meinem besten, obwohl geringen Vermögen, – und Ihr wißt, Corny, daß es gar schwach ist, – mir nur einen Schimmer von Hoffnung zu gewähren; aber ohne Erfolg. Nicht eine Sylbe mehr konnte ich aus ihr herausbringen, als daß die Zeit nicht geeignet sey, von solchen Dingen zu schwatzen; und ich glaube, ich wäre bereit, hinaus zu gehen und diesen Teufeln von Huronen im Handgemenge entgegenzutreten, wäre nicht doch der Umstand, daß das Mädchen, das sich so unerbittlich zeigte, volle zwei Stunden bei mir blieb und anhörte, was ich ihr zu sagen hatte, obwohl ich von nichts Anderem sprach. Darin lag ein Körnchen Trost, mein Junge, oder ich verstehe Nichts von der menschlichen Natur.«

So war es allerdings. Dennoch konnte ich nicht umhin, meiner Anne Mordaunt großherzige, unter denselben obwaltenden Umständen bewiesene Offenheit damit zu vergleichen, und ich meinte, die Aussichten des einfachen, warmherzigen, mannhaften jungen Albaniers seyen doch weit minder schmeichelhaft als die meinigen.

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