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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

                                  Es ist zu grausenhaft!
Das traurigste, mühsamste ird'sche Leben,
Das Alter, Armuth, Siechthum und Gefängniß
Aufbürden der Natur, ein Paradies ist's
Mit dem verglichen, was der Tod uns droht!
Maß für Maß.

Es dauerte nicht lange, bis wir den Punkt auf dem Patent erreichten, wo die Landvermesser thätig gewesen waren, wo es dann keine große Schwierigkeit haben konnte, ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort aufzufinden. Die bezeichneten, angehauenen Bäume waren uns Führer, welche uns von dem ganzen Verlauf ihrer Arbeiten in Kenntniß setzten. Anderthalb Stunden jedoch schritten wir rasch voran, Susquesus an unsrer Spitze, schweigend, ernst, wachsam, und ich fürchte, ich muß hinzusetzen: rachegierig. Keine Sylbe war während dieser ganzen Zeit gesprochen worden, aber wir hatten alle unsre Sinne offen und gespannt, und wir vermieden jedes stärkere Gebüsch, welches etwa einen Hinterhalt verstecken konnte; plötzlich machte der Indianer Halt; im nächsten Augenblick war er hinter einem Baum. Wir Alle thaten es ihm, schnell wie ein Gedanke, nach; denn dazu waren wir zuvor angewiesen worden für den Fall, daß wir einem Feinde begegneten; und wir Alle begriffen wohl, wie wichtig es beim Waldkrieg war, einen deckenden Schirm zu haben. Dennoch war kein Feind sichtbar. Nachdem wir ein paar Minuten lang den Wald in jeder Richtung durchspäht, und ihn so leer und still wie nur je gefunden, verließen Guert und ich unsere Bäume und begaben uns zu Trackleß, der am Fuß einer ungeheuern Fichte stand.

»Wozu das, Susquesus?« fragte der Albanier etwas scharf; denn er begann zu argwöhnen, es sey dieß ein wenig Komödie gespielt, um die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Indianers in ein um so glänzenderes Licht zu stellen; »hier ist weder Bleichgesicht noch Rothhaut. Laßt diese Thorheit fahren und führt uns weiter!«

»Nicht gut – Krieger hier gewesen; vielleicht fort, vielleicht nicht; bald sehen. Auge aufthun und sehen.«

Da eine Geberde diese Rede begleitete, schauten wir noch einmal uns um, und dießmal in der rechten Richtung, Hundert Schritte von uns entfernt, stand ein Kastanienbaum, welchen man von den Wurzeln bis zu den Aesten sah. Auf dem Boden, zum Theil versteckt von dem Baume, zum Theil frei, sah man das Bein eines Mannes, in einer Lage, wie sie dieß Glied haben mußte, vorausgesetzt daß der Mann schlafend auf dem Rücken dalag. Man sah daran einen Mokkasin und die gewöhnliche Fußbekleidung eines Indianers, der Schenkel aber und der ganze übrige Körper war versteckt. Das scharfe Auge des Onondago war auf diesen kleinen Gegenstand schon in solcher Entfernung gefallen, hatte auf Einen Blick Alles gefaßt, und dann hatte er, wie erzählt, den schirmenden Versteck gesucht. Guert und ich hatten einige Mühe diesen Gegenstand zu erkennen, selbst nachdem wir darauf hingewiesen worden waren; aber bald unterschieden wir ihn und verstanden Alles.

»Ist das das Bein einer Rothhaut?« fragte Guert, die Mündung seiner Büchse senkend, wie wenn er im Begriff stände, seine Geschicklichkeit daran zu versuchen.

»Weiß nicht,« antwortete der Indianer; »hat Indianerstrumpf, hat Mokkasin; kann nicht Farbe sehen. Sieht sehr aus wie Bleichgesicht; dickes Bein.«

Was Einem möglich machen konnte, auf eine solche Entfernung zwischen dem Bein eines Weißen und dem Bein eines Indianers zu unterscheiden, das überstieg zuerst alle unsre Begriffe und Muthmaßungen weit; aber der Onondago erklärte es uns, auf unser Befragen, in seiner gewohnten bündigen Weise, indem er sagte:

»Zehen auswärts gekehrt – Indianer einwärts – gar nicht gleich sehen. Bleichgesicht dick; Indianer nicht sehr dick.«

Das Erstere war ganz richtig beim Gehen, und es erschien wahrscheinlich, daß der Unterschied auch beim Schlafen stattfinden möge. Guert erklärte jetzt, es nütze Nichts, noch länger zu zögern; sey es ein Schlafender, so wolle er sich dem Kastanienbaum vorsichtig nähern, und den Unbekannten gefangen nehmen, falls er ein Indianer sey, ehe er aufstehen könne; sey er ein Weißer, so müsse es ein Angehöriger unserer Gesellschaft seyn, der vermuthlich nach einem anstrengenden Marsch ein Schläfchen mache. Susquesus mußte sich inzwischen überzeugt haben, daß keine unmittelbare Gefahr in der Nähe sey; denn mit den Worten: »Alle zusammen gehen,« verließ er seinen Versteck und ging auf den Kastanienbaum zu mit hastigen aber geräuschlosen Schritten. Da wir in Einem Haufen vorwärts gingen, erreichten wir alle Fünf den Baum in demselben Augenblicke, und fanden dort Sam, einen von unsern Jägern, den wir bei Mr. Traverse glaubten, auf dem Rücken liegend, todt, mit einer Wunde von einem Messer in der Brust. Auch er war skalpirt worden!

Die Blicke, die wir mit einander wechselten, sagten Alles, was sich über diese wichtige und traurige neue Entdeckung sagen ließ. Susquesus allein ward nicht aus der Fassung gebracht; ich glaube fast, er hatte das vermuthet, was wir fanden. Nachdem er den Leichnam besichtigt, schien er seiner Sache gewiß, und sagte blos: »Getödtet, letzte Nacht.«

Daß der arme Sam schon einige Stunden todt war, ließ sich nicht bezweifeln, und dieser Umstand beseitigte jede Besorgniß von einer unmittelbaren Gefahr von Seiten seiner Mörder. Die erbarmungslosen Krieger der Wälder verweilten selten lang in der Nähe des Ortes, wo sie Verwüstung und Gemetzel angerichtet, sondern zogen vorüber wie ein Gewitter oder wie eine Windsbraut. Guert, der immer rüstig und bereit war, wenn es Etwas zu thun gab, deutete auf eine natürliche Höhle in der Erde; eine jener Höhlen, welche im Wald so häufig vorkommen und gewöhnlich der Entwurzlung von Bäumen in unvordenklicher Zeit zugeschrieben werden, und schlug vor, wir sollten uns ihrer als eines Grabes bedienen. Demgemäß ward der Leichnahm in die Höhle gelegt, und wir bedeckten ihn so gut wir konnten; es gelang uns etwa einen Fuß tief leichten Lehm nebst einigen flachen Steinen darauf zu schichten; und dann wälzten wir Holzklötze darauf, wie wir bei dem Grabe Pete's gethan hatten. Inzwischen waren Guert's Gefühle so mächtig aufgeregt, daß er, außer dem Vaterunser und dem Credo, welche er wieder in sehr anständiger und andächtiger Weise sprach, die ganze Ceremonie noch mit einer kurzen Rede schloß. Und bei Allem, was Guert bei diesen beiden feierlich ernsten Gelegenheiten sagte und that, war es ihm voller, heiliger Ernst; seine Worte, wie seine Handlungen, waren rein nur die Ergüsse und Aeußerungen eines einfachen Gemüths, welches ein Verlangen nach Frömmigkeit und Schriftwahrheit empfand, ohne zu wissen, wie dieß Verlangen, diese Sehnsucht aussprechen; und dieß Alles trotz der sinnlichen Neigungen und der muntern Lebensgewohnheiten, welche die Folge seiner physischen Organisation und seiner Temperamentsanlagen waren.

»Der Tod, meine Freunde,« sagte Guert mit großem Ernst, und mit stark holländischem Accent, wie gewöhnlich, wenn er warm wurde, »der Tod ist ein plötzlicher Gast. Er kommt wie ein Dieb in der Nacht, wie Ihr Alle oft den Dominie habt sagen hören, und glücklich ist, Wessen Lenden gegürtet und Wessen Lampe angezündet ist. Das ist, hoffe ich, bei Euch Allen der Fall; denn es läßt sich nicht verhehlen, daß wir ernste Arbeit höchst wahrscheinlich vor uns haben. Hier sind ohne alle Frage Indianer gewesen, und zwar Indianer, welche aus sind auf dem Kriegspfad, um englische Skalpe zu holen; oder, was für Mr. Follock und mich ebensowichtig ist, auch holländische Skalpe in den Kauf; und dieß macht es um so mehr Jedem zur unerläßlichen Pflicht, auf seiner Hut zu seyn, und gewärtig seines Werkes, wann es kommen mag, wie der Bullenbeißer gewärtig und gefaßt ist, den Stier zu packen. Gott verhüte, daß ich sollte Rache predigen über dem Grabe eines Freundes; aber der Soldat ficht nicht schlechter, wenn er weiß, daß er in seinen Gefühlen schwer verletzt worden, wie dieß ganz gewiß bei uns der Fall gewesen ist. Vielleicht sollte ich ein Wort über den Todten sagen, da dieß das letzte und einzige Mal ist, wo ein Mitgeschöpf Anlaß hat, von ihm zu sprechen. Sam war ein trefflicher Jäger, wie ihm sein ärgster Feind zugestehen muß; und nun er dahin ist, sind wenige Bessere übrig. Er hatte Eine Schwachheit, welche ein ehrlicher Mann, an seinem Grabe stehend, nicht zu verhehlen suchen muß; er liebte gebrannte Flüssigkeiten; aber darin stand er nicht allein da. Aber doch war er ehrlich und redlich; und sein Wort galt, wo manchen Mannes Schein und Bürgschaft nichtig waren; und ich empfehle ihn hiemit den gnädigen Händen seines Schöpfers. Meine Freunde, ich habe nur noch Weniges zu sagen, und das ist: dieses Leben ist ungewiß und der Tod ist sicher. Samuel ist uns nur eine kleine Frist vorangegangen; und mögen wir Alle ebenso gefaßt und bereit seyn, zu unserer großen Rechenschaft uns zu stellen. Amen!«

Lächelte Einer von den Anwesenden bei dieser Rede? Keineswegs. So seltsam, unzusammenhängend und einfältig sie Manchen erscheinen mag, – sie hatte ein großes Verdienst, welches nicht immer in den Reden derer zu entdecken ist, welche bei den kunstgerechtesten Leichenbegängnissen funktioniren. Es war Guert aufrichtiger Ernst, obwohl er weder sehr logisch noch sehr klar seyn mochte. Das zeigte sich in seinem Gesicht, in seiner Stimme, in seinem ganzen Wesen. Ich für meine Person will gestehen, daß ich damals an dieser Rede nichts besonders Unpassendes fand, und auch jetzt noch scheint sie mir weder unfromm noch sonst ungeeignet und unzeitig gewesen zu seyn.

Wir verließen das Grab des Jägers in der Tiefe dieses endlosen Waldes, wie das Schiff von der Stelle im Ocean weiter steuert, wo es seinen Todten versenkt hat. In künftigen Tagen vielleicht einmal wird die Pflugschaar die Gebeine aufwühlen, und der Landmann grübeln und sinnen über das muthmaßliche Schicksal des so einsam verscharrten Mannes, dessen Ueberreste dann wieder an das Licht des Tages kommen werden. Als wir den Platz verließen, hielt uns der Indianer noch einen Augenblick zurück, um uns zur Wachsamkeit zu ermahnen.

»Huronen das gethan,« sagte er bedeutungsvoll. – »Keinen Unterschied sehen, he? Ihr nicht sehen hangen wie Pete!«

»Das ist ganz wahr, Susquesus,« versetzte Guert; denn Guert hatte jetzt, vermöge seines Alters, seiner größern Vertrautheit mit den Wäldern, seines hohen Muthes und seiner persönlichen Entschlossenheit und Kühnheit ohne Widerstreben von unsrer Seite eine Art Hauptmannschaft über uns angenommen. »Könnt Ihr uns aber den Grund sagen?«

»Muß, so Ihr nennt Ihn, wunden Rücken – das Alles. Kenne ihn wohl, liebt nicht Schläge; kein Indianer liebt Schläge.«

»Und Ihr glaubt also, Jaap's Gefangener habe hier die Hand im Spiel, und der Kriegspfad stehe der Rache offen ebenso wie dem öffentlichen Dienst – wir werden gejagt und verfolgt, weniger um unsrer Skalpe willen, als damit ein Pflaster auf den Rücken des Huronen gelegt werde?«

»Gewiß. Drei Canoes an uns vorbei auf See – das Muß, wie Ihr ihn nennt. Kenne ihn wohl. Er will nicht schlafen, bis Rücken heil ist. Seht wie er behandelt Neger! Ihn hängen an Baum – Bleichgesicht nur tödten und nehmen Skalp!«

»Glaubt Ihr, er habe diesen Unterschied in der Behandlung seiner beiden Gefangenen wegen der Farbe gemacht? Er sey so grausam mit Petrus verfahren, weil Jaap, auch ein Neger, ihn gepeitscht?«

»Gewiß! ganz so. Rücken weniger schmerzen nach diesem. Gut für Rücken, Neger zu hängen. Jaap sehen, in einiger Zeit.«

Ich will meinem Burschen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ihm bezeugen, daß, was den Muth betrifft, er Wenige seines Gleichen hatte. Wie ich früher gesagt, er fürchtete sich nur vor dem Spuck, oder vor holländischen Gespenstern; denn die Scheue, die er vor mir hatte, war so gemischt mit Liebe, daß sie den Namen Furcht nicht verdiente. Gewöhnlich wenn das Wetter nicht sehr kalt war, hatte sein Gesicht eine dunkele, schwarze, glänzende Farbe, Sargfarbe, wie die Knaben es manchmal nannten; aber jetzt bemerkte ich, daß seine Haut, trotz seiner starken Nerven und seines lebhaften Verlangens nach Rache wegen der grausamen Mißhandlung seines Genossen und Bruders, eine gräuliche Farbe annahm, wie man es in der Regel bei den Menschen seiner Raçe nur bei starkem Frost sieht. Es war unverkennbar, daß die Art, wie Trackleß gesprochen, nicht ohne Wirkung geblieben war; und ich bin immer der Ansicht gewesen, daß der Eindruck, den seine Worte auf Jaap machten, für uns von unendlichem Nutzen gewesen, sofern dadurch alle Kräfte und Vermögen seines Leibes und Geistes in Bewegung gesetzt und in lebendiger Thätigkeit erhalten wurden. Ich überzeugte mich hievon während wir weiter zogen, indem Jaap eine Strecke weit mir dicht auf den Fersen folgte, um seine Bekümmerniß und Besorgniß in meiner Seele niederzulegen.

»Ich hoffen, Masser Corny, Sah,« begann der Neger, »Ihr Nichts halten von allem Dem, was Indianer hier sagen?«

»Ich halte dafür, Jaap, daß es nöthig seyn wird, daß Du deine Augen aufthust, um ja nicht in die Hände deines Freundes Muß, wie Du ihn nennst, zu fallen, sonst möchte er dich sogar noch schlimmer bedienen, als er den armen Pete bedient hat. Ich hoffe auch, es wird dir dieß eine Warnung seyn, und dir die Notwendigkeit einprägen, deine Gefangene menschlich zu behandeln, solltest du je wieder einen machen.«

»Ich nicht glauben, Masser Corny, Ihr die Sache recht erwägen, Sah. Was es nützen, ein Neger gefangen nehmen Indianer, wenn er ihn wieder laufen läßt und ihn nicht gerbt ein Bischen. Nur ein Bischen, Masser Corny. Alles so einladend, Sah – Strick ganz bereit, Rücken nackt und Herz wild, natürlich, weil so lange Zeit gebraucht, das Gezücht zu packen, Sah!«

»Nun, Jaap, was geschehen ist, ist geschehen, und es hilft jetzt Nichts mehr, es mit Worten zu bedauern. Eines jedoch darfst du gewiß glauben: dir wird keine Gnade zu Theil werden, falls dieser Bursche, Muß, wirklich hier herum, uns auf den Fersen ist, und du so unglücklich seyn solltest, ihm in die Hände zu fallen!«

Der Neger gab brummend und halb heulend sein Mißvergnügen kund, und ich bemerkte deutlich, daß er entschlossen war, sich mannhaft zu wehren, ehe er seine Wolle von dem Messer eines Wilden sich würde in Unordnung bringen lassen. Einen Augenblick trat er beiseite, und ließ ehrerbietig Dirck den ihm gebührenden Platz in der Marschlinie zunächst hinter mir, einnehmen.

Wir mochten zwei Meilen weit von dem Platze entfernt seyn, wo wir den Jäger begraben hatten, als der Indianer auf einem kleinen Bühl den Arm emporstreckte, zum Zeichen daß er wieder eine Entdeckung gemacht. Dießmal jedoch schien die Geberde mehr Triumph als Entsetzen anzudeuten. Da er im selben Augenblick jählings Halt machte, drängten wir Alle uns plötzlich an ihn heran und gewahrten bald, was die Ursache seines plötzlich veränderten Benehmens war.

Der Grund fiel eine Strecke weit vor uns in einer Art Wellenlinie ab; und da die Bäume alle von der größten Art und ohne Unterholz und Gebüsch waren, hatte der Platz Etwas vom Aussehen eines mächtigen Waldgebäudes, bei welchem der Blätterbaldachin oben das Dach und die Stämme von Eichen, Linden, Buchen und Ahornbäumen die tragenden und stützenden Säulen zu bilden scheinen konnten. In dieser weiten, düstern doch nicht ungefälligen Halle war ein trübdämmerndes Licht, wie das, welches durch die Fenster eines Gebäudes vom alten Baustyl fällt, und Alles ernst und weich erscheinen läßt. Eine Quelle süßen Wassers sprudelte aus einem Felsen, und daneben saßen im Kreise Mr. Traverse und seine beiden Meßkettenträger, dem Anschein nach ihre Morgenmahlzeit einnehmend, oder vielmehr nach derselben sich zur Ruhe legend, Eimer, Teller und Speisereste vor sich; wie Männer die nach Stillung des Hungers noch ein Wenig rasten und einige Minuten müssig mit Geplauder hinbringen.

Tom, der zweite Jäger und Zimmermann lag etwas entfernt schlafend da.

»Hier hat, Gott sey Dank! noch nicht einmal ein Allarm stattgefunden,« sagte Guert getrost und heiter, »und wir kommen noch zu rechter Zeit, um sie von ihrer Gefahr in Kenntniß zu setzen. Ich will sie anrufen; es wird ihrem Ohr süß lauten.«

»Nicht Anruf,« sagte Trackleß rasch; »nicht gut jetzt, hallo zu rufen. Bald dort seyn und es ihnen sagen mit leiser Stimme.«

Da dieß offenbar der Klugheit gemäß war, wollten wir Alle mit einander vorwärts, ohne uns jedoch Mühe zu geben, unser Herannahen zu verhehlen, sondern in ziemlich lauten taktmäßigen Schritten auf sie zu gehend. Ein seltsames Gefühl beschlich mich, als wir uns näherten, und keiner von den Landvermessern sich rührte! Eine Ahnung der entsetzlichen Wahrheit drängte sich meiner Seele auf; aber ich kann kaum behaupten, daß deßwegen mein Entsetzen geringer gewesen, als wir, nahe kommend, an den fahlen Gesichtern, den starren gläsernen Augen und dem herabhängenden Kinn sahen, daß alle unsere Freunde todt waren. Mit wilder erfinderischer Spaßhaftigkeit hatten die Indianer die Leichname in eine zurückgebeugte Stellung gebracht, und ihnen eine solche Lage gegeben, daß sie eine entsetzliche Aehnlichkeit mit dem Zustande von Schlafenden oder Bequemausruhenden hatten.

»Heiliger Himmel!« rief Guert, den Kolben seiner Büchse auf den Boden stoßend; »wir kommen zu spät!«

Niemand sonst sprach ein Wort. Als die Mützen weggenommen wurden, fand sich, daß Alle skalpirt worden, und daß die Männer insgesammt, die wir vor wenigen Tagen verlassen, stolz in ihrer Kraft und in der Fülle des frohen Lebens, dahin waren und von uns nicht mehr lebendig wieder gesehen werden sollten. Nur das Schicksal Jumper's, des andern Indianers, war noch nicht erkundet. Büchsenkugeln hatten hier das Todeswerk vollbracht; Alle vier waren von Schüssen durchbohrt, und Mr. Traverse hatte nicht weniger als drei Kugeln erhalten.

Ich will gestehen, daß ein Verdacht gegen den Oneida, jetzt zum ersten Mal, durch meine Seele zuckte; und ich trug kein Bedenken, dieß meinen Begleitern auszusprechen, sobald wir nur wieder im Stande waren zu reden und zu hören.

»Nicht wahr!« sagte Trackleß mit nachdrücklicher Bestimmtheit. »Jumper armer Indianer – das so – liebt Rum – kein Schelm, Freunde zu tödten. Musohoeenah ein Krieger das zu thun. Sieht ihm ganz gleich. Nein; Jumper Thor – liebt Rum – kein schlechter Indianer!«

Wo blieb aber Jumper? Er allein von Allen, die wir hier zurückgelassen, blieb uns noch zu finden übrig. Wir suchten lange nach seinem Leichnam, aber ohne Erfolg. Susquesus untersuchte die Fußtapfen und die Leichname, und gab seine Meinung dahin ab, daß der Landvermesser und seine Gehülfen vor etwa drei oder vier Stunden getödtet worden seyn möchten; und daß die Mörder – denn als Solche erschienen in unsern Augen diejenigen, welche die schnöde That verübt hatten – kaum zwanzig Minuten vor unserer Ankunft den Platz verlassen hätten. Es konnte ganz wohl vorgefallen seyn, ohne daß wir den Knall der Büchsen hörten, da die Entfernung von der Hütte einige Meilen betrug, und wir vor zwei Stunden noch nicht weit von dem Ort entfernt gewesen seyn konnten, wo wir die Nacht zugebracht hatten. Daß der Angriff nach Tagesanbruch erfolgte, war ziemlich gewiß; und da Pete ganz gewiß lebendig ergriffen worden war, konnten die Wilden von ihm Aufschlüsse erhalten haben, welche sie auf den Platz führten, wo die auswärts kampierende Gesellschaft ihn vermuthlich erwartete. Dennoch blieb dieß immer eigentlich eine bloße Vermuthung, und wir erfuhren nie mit Sicherheit, welches Opfer zuerst fiel, oder ob der Neger überhaupt nahe an dem Platz gefangen worden war, wo sie ihn aufhingen. Die teuflische Grausamkeit seiner Peiniger mochte ihn eine Zeit lang als Gefangenen aufbewahren vor der endlichen Katastrophe, und sie konnten ihn so mit sich herum führen, um dem Elenden möglichst große Qualen zuzufügen, denn wie Susquesus sagte: »Muß's Rücken sehr wund!«

Wir begruben den armen Traverse und seine Meßkettenträger in der Nahe der Quelle, und bedienten uns dazu derselben natürlichen Höhlen in der Erde, in deren einer wir den Jäger begraben hatten. Als wir nachsuchten, fanden wir, daß ihre Waffen sammt Munition weg und die Taschen der Todten ausgeleert waren. Der amerikanische Indianer ist selten ein Dieb im gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber er betrachtet das Eigenthum derer, die er tödtet, als das seinige. In diesem Punkt unterscheidet er sich nicht wesentlich vom civilisirten Soldaten, bei dem, glaube ich, die Plünderung der Todten als rechtmäßiger Vortheil und Gewinn des Kriegers betrachtet wird. Die Huronen hatten sich des Compasses und der Meßgeräthe bemächtigt, denn davon fanden wir Nichts, aber sie hatten das Feldbuch und die Notizen von Traverse liegen gelassen, als Dinge die ihnen unnütz waren. In andern Beziehungen schien aus manchen Zeichen zu erhellen, daß der Aufenthalt der Wilden auf diesem unheilvollen Platze nur kurz und hastig gewesen war. Dießmal machte Guert keinen Versuch in Moral oder Beredtsamkeit. Das Entsetzen hatte uns Alle für so Etwas untüchtig gemacht, und wir entledigten uns unserer Pflichten mit der ernsten Emsigkeit und Nachdenklichkeit von Menschen, die nicht wußten, ob nicht der nächste Augenblick sie in einen tödtlichen Kampf verwickeln würde. Wir begaben uns eifrig und etwas hastig an die Arbeit, und waren bald bereit, uns wieder auf den Weg zu machen. Nach einer eilfertigen Berathung wurde beschlossen, den Spuren der Huronen zu folgen, als das sicherste Verfahren, um einerseits sie zu überraschen, andrerseits sie zu hindern, uns zu überfallen. Dem Indianer konnte es nicht schwer fallen, die sehr ins Auge fallenden Fußtapfen zu verfolgen, welche dem Anschein nach von wohl einem Dutzend Männern herrühren mußten.

Der Leser, sofern er mit den Gebräuchen der amerikanischen Wilden nicht bekannt ist, darf nicht glauben, diese Bande habe den Wald in einer ungeordneten Gruppe durchzogen; gleichgültig, welche Spuren ihre Wanderung zurücklasse. Der eingeborne Krieger thut das nie; gewöhnlich marschirt er in einer Linie von nur Einem Reihen, welche bei uns den Namen der indianischen Reihe erhalten hat; und wenn sie dringende Gründe haben, ihre Zahl zu verheimlichen, so haben sie den Brauch, daß jeder Folgende so genau als möglich in den Fußtapfen des ihm vorangehenden Kriegers tritt, wodurch die Berechnung ihrer Zahl schwer, wo nicht unmöglich wird. Auf diese Art waren offenbar unsere Feinde marschirt; Susquesus aber, welcher die Merkmale um die Quelle herum genau untersucht hatte, so lange wir mit Beerdigung der Todten beschäftigt gewesen waren, sprach seine Meinung dahin aus, daß unsere Feinde nicht weniger als zwölf Krieger zählen könnten; dieß war keine sehr tröstliche Nachricht, da der Sieg in einem etwaigen Kampf nahezu hoffnungslos erschien. So wenigstens kam mir die Sache vor, obwohl Guert sie in einem ganz andern Licht ansah. Dieser im höchsten Grad unerschrockene Mann konnte es nicht über's Herz bringen, die Idee aufzugeben, so grausame Feinde aus dem Lande zu jagen; und ich glaube, er würde ohne Bedenken hundert Wilden die Spitze geboten haben, als wir die Quelle verließen.

Es fiel dem Onondago nicht schwer, die Spuren zu verfolgen, welche uns zuerst eine Strecke weit in gerader Richtung nach Ravensnest zu führten, dann aber plötzlich gegen die Hütte hin sich seitwärts wandten. Dieser Bogen, und der Mangel an einem festen Plan und Zweck auf Seiten der Huronen war vermuthlich Schuld daran, daß wir ihnen nicht begegneten auf unserm Marsche nach der »blutigen Quelle,« wie die Stelle, wo Traverse getödtet worden war, später genannt wurde.

Es stand nicht lange an, so befanden wir uns ganz in der Nähe unsrer eignen Fährte, obgleich wir, zum Glück für uns vielleicht, sie nicht wirklich berührten. Wäre unsre Bewegung entdeckt worden, so wäre uns der Feind vermuthlich in den Rücken gekommen, eine Stellung, in welcher die Indianer höchst furchtbar sind. So jedoch hatten wir diesen großen Vortheil auf unsrer Seite und verfolgten unsern Weg mit um so größerer Zuversicht, als wir gewiß wußten, daß nur von vorn Gefahr für uns zu besorgen stehe, wohin wir Alle mit angestrengtesten Blicken spähten.

Obgleich unser rückwärts gehender Marsch rasch war, war er doch so still wie ein Zug von Leidtragenden. Leidtragende waren wir auch in der That, denn unmöglich konnten menschliche Herzen so verhärtet seyn, daß sie gefühllos geblieben waren bei der Masse von Leiden, welche über unsere Genossen, die wir vor so kurzer Zeit noch frisch und gesund gesehen, ergangen seyn mußten und bei ihrem plötzlichen, jämmerlichen Tode. Keiner sprach, und nie waren wir Susquesus so dicht auf den Fersen gefolgt, wie er uns an diesem Morgen hinter sich fand. Der Fuß des Zugführers hatte kaum seinen Platz verlassen, als auch schon der seines Nachtreters die geräumte Stelle einnahm.

Die Fährte führte uns ganz nahe an die Blockhütte, die wir fast um Mittag erreichten. Als wir uns derselben näherten, gebrauchten wir die äußerste Vorsicht, für den Fall, daß unsre Feinde im Hinterhalt darin lauerten. Die Fußtapfen reichten jedoch nicht ganz an das Gebäude hin, sondern bogen in westlicher Richtung davon ab, auf einem Punkte, der etwa hundert Schritte von unsrer Wohnung entfernt seyn mochte, wo man sie aber ganz vor Augen hatte. Hier fanden wir Spuren davon, daß sich die Truppe zu einem Haufen versammelt, und wir vermutheten hieraus, daß ein Rath gehalten worden darüber, ob man noch einmal in die Hütte gehen, oder sich seitwärts wenden solle, um einen andern Zweck zu verfolgen, Susquesus stellte auf diesem Punkte eine genaue Untersuchung an, und gab wieder seine Meinung dahin ab, daß die Feinde wenigstens ein Dutzend, wie er schon behauptet hatte, stark seyn müßten. Er überließ es uns, etwaige Zeichen um unsre Wohnung herum zu beobachten, von Verstecken aus, die wir zu diesem Behuf aufsuchten, und er selbst verfolgte die Fährte noch eine halbe Meile, um sich zu versichern, ob sie sich dem Blockhause nicht in der entgegengesetzten Richtung nähere. So wenig jedoch war dieß der Fall, daß er vielmehr sich überzeugte, sie führe in geradester Linie nach Ravensnest. Dieß war wo möglich eine noch leidigere Nachricht für Guert und mich, als wenn der Onondago die Bestätigung seiner ersten Vermuthung zurückgebracht hätte, daß die Huronen uns vermuthlich in unserm eignen, für einige Zeit uns zum Aufenthalt dienenden Hause auflauerten. Aber Klagen waren vergebens, und wir unterdrückten unsre Besorgnisse, so gut wir eben konnten.

Susquesus war nicht der Krieger, der in die Zeichen und Spuren eines offen zu Tage liegenden Marsches ein unbedingtes Vertrauen gesetzt hätte. Erfahrene Waldmänner ließen häufig leicht sichtbare Fährten zurück, ausdrücklich in der Absicht, zu täuschen; und der Onondago, welcher Muß, wie Jaap ihn nannte, persönlich kannte, wußte recht gut, daß er es mit einem gründlich listigen und schlauen Feind zu thun hatte. Selbst durch das, was er gesehen, noch nicht ganz überzeugt und befriedigt, warnte er uns, unsern Versteck anders als unter seiner Anführung zu verlassen; und dann fing er an, sich der Hütte in einer Art zu nähern, welche rein indianisch war, und welche in ihrer Art viel von dem Kunstmäßigen der Approchen civilisirterer Belagerer, mittelst ihrer Schanzgräben und Zickzacks, an sich hatte. Unser Vorrücken ward folgendermaßen geregelt: Jeder wurde angewiesen, je den nächsten Baum auszuwählen, der ihn dem Blockhaus näher brachte, und von dem alten Versteck nach dem neuen so rasch und plötzlich vorzuspringen, als ihm seine Behendigkeit nur immer möglich mache. Unter Beobachtung dieser Vorsicht und mittelst großer Eilfertigkeit hatten wir uns binnen zehn Minuten der Thüre der Hütte bis auf zwanzig Schritte genähert. Länger konnte sich aber Guert zu diesem langsamen, und wie er es nannte, unmännlichen Verfahren nicht bequemen; sondern er verließ jetzt seinen Versteck, schritt strack und gerade auf die Thüre des Blockhauses zu, riß sie auf, und verkündete uns, daß es leer sey. Susquesus untersuchte noch einmal genau Alles um das Gebäude herum und sagte uns, er sey fest überzeugt, das Haus sey von Niemand besucht worden, seit wir es am Morgen verlassen hätten. Das war uns allen eine angenehme Nachricht, da dieß die einzig denkbare Art gewesen wäre, wie unsre Feinde überhaupt unsre Rückkehr nach dem Patent hätten erfahren können.

Jetzt erhob sich die Frage, was wir weiter beginnen sollten. Nichts stand zu gewinnen durch längeres Verweilen auf unserm Grundstück, während die Klugheit und die Gefahr unsrer Freunde gleichermaßen uns hinwegriefen. Wir erkannten, daß der Versuch, Ravensnest zu erreichen, etwas sehr Gewagtes seyn würde; aber wir fühlten auch, daß dieß eine Gefahr sey, welcher uns auszusetzen wir die Verpflichtung hätten. Während die Sache besprochen wurde, bemühten diejenigen unter uns, welche Appetit hatten, den Aufenthalt, um zu Mittag zu essen. Ein Indianer auf dem Kriegspfad ist gleich bereit zu essen, wie zu fasten; und was er in beiderlei Hinsicht aushalten und leisten kann, ganz besonders wenn die Speise in Wildpret besteht, grenzt ans Wunderbare.

Während Susquesus und Jaap insonderheit mit großer Emsigkeit ihre Rolle in dieser Weise spielten und wir Uebrigen einige wenige Bissen flüchtig einnahmen, mehr in der Art von Solchen, deren geistige und gemüthliche Empfindungen die physischen Bedürfnisse und Triebe unterdrückten und entkräfteten, wurde ich ganz in der Ferne der Gestalt eines Mannes ansichtig, wie sie in ziemlichem Abstand von uns durch die Bäume dahinschlüpfte. Überraschung und Grausen waren so mächtig in mir, daß ich nicht reden konnte, sondern nur mit dem Finger lebhaft in der geeigneten Richtung hinausdeutete, um dem Onondago denselben Gegenstand auch bemerklich zu machen. Susquesus jedoch entdeckte sehr bald den Fremden; denn ich glaube, er muß ihn gesehen haben, sogar noch ehe ich ihn gewahr wurde. Statt jedoch irgend eine Gemüthsbewegung blicken zu lassen, hörte der Onondago nicht einmal auf zu essen; sondern er nickte nur mit dem Kopf und sagte: »Gut – jetzt Neuigkeiten hören – Jumper kommen.«

Und wirklich war es Jumper; und seine leibhaftige Erscheinung nicht nur lebend, sondern unverletzt, erregte einen allgemeinen lauten Jubel unter uns, als er hereintrat, mit solchen langgedehnten, hüpfenden Schritten, wie sie dem Gang eines Läufers eigentümlich zu seyn pflegen. In einem Augenblick war er unter uns, – ruhig, gefaßt, regungslos. Er begrüßte uns nicht, sondern setzte sich ruhig auf einen Block; er wartete, bis er befragt wurde, ehe er redete; denn Ungeduld gilt als eine weibische Schwäche.

»Jumper, mein ehrlicher Gesell!« rief Guert, nicht ohne Gemüthsbewegung, denn die Freude kämpfte mächtig mit seinen Sprachorganen, »Ihr seyd herzlich willkommen! Diese eingefleischten Teufel, die Huronen, haben Euch wenigstens kein Leid gethan!«

Geistige Getränke hatten Jumper's Geisteskräfte im Ganzen etwas stumpf gemacht, obwohl er jetzt vollkommen nüchtern war. Er warf eine Art trägen und matten Erkennungsblicks dem Redenden zu, und murmelte seine Antwort in leisem, schläfrigem Tone her:

»Huronen genug,« sagte er; »Lichtung voll; Bleichgesichter im Fort senden Jumper mit Botschaft.«

Wir würden den Burschen mit Fragen überschüttet haben, hätte er nicht einen Zipfel seines Caliko-Hemdes entfaltet und mehrere Briefe zum Vorschein gebracht, deren jeder bald in den Händen desjenigen sich befand, an den er adressirt war. Guert, Dirck und ich, Jeder bekam seine Epistel; und noch ein vierter Brief, von der Hand Herman Mordaunt's, hatte den Namen des armen Traverse als Überschrift. Spätere Ereignisse haben es mir möglich gemacht, Abschriften von allen Briefen zu geben, die wir so erhielten. Mein eigner lautete also:

»Mein lieber Vater ist so beschäftigt, daß er wünscht, ich möchte Euch dieß Billet schreiben. Mr. Bulstrode hat gestern einen Expressen geschickt, welcher Ueberbringer der traurigen Zeitungen von Tikonderoga war. Er meldete uns auch seine bevorstehende Ankunft, und wir erwarten ihn diesen Abend in einer Pferdesänfte. Gerüchte sind in der Ansiedlung verbreitet, man habe in unsern Wäldern Wilde gesehen. Ich bestrebe mich zu hoffen, daß dieß nur eines jener eiteln Gerüchte sey, dergleichen in neuesten Zeiten so viele umgelaufen sind. Mein Vater jedoch ergreift alle Vorsichtsmaßregeln und er trägt mir auf, Euch dringend die Nothwendigkeit vorzustellen, Eure ganze Gesellschaft zu sammeln, falls Ihr wieder in Mooseridge seyd, und Euch ohne Verzug zu uns zu begeben. Wir haben durch den von Mr. Bulstrode vorausgeschickten Mann gehört, daß Ihr wohlbehalten seyd, und wie tapfer Ihr Euch benommen; sein Gebieter hatte von Euch Allen gehört, daß Ihr wohlbehalten in einem Canoe über den See gefahren, in der Nacht nach der Schlacht, von einem Mr. Lee, einem Gentleman von sehr excentrischem Charakter, jedoch, wie es heißt, von großen Talenten, mit welchem Papa zufällig bekannt ist. Ich hoffe, dieß Billet wird Euch in Eurer Hütte treffen, und wir werden Euch Alle in möglichst kurzer Frist bei uns sehen.

Anneke

Dieß war freilich kein Brief, der die Sehnsucht eines Liebenden befriedigen konnte, doch empfand ich schon unendliches Vergnügen darüber, die zierlichen Schriftzüge, von der Hand Anneke'ns gezeichnet, zu sehen, und das Blatt küssen zu dürfen, auf welchem diese Hand geruht haben mußte. Aber es fand sich auch eine Nachschrift – derjenige Theil eines Briefes, in welchem, wie behauptet wird, die Frauen immer am meisten ihre wahren Gedanken zu erkennen geben. Sie lautete also:

»Ich sehe, daß ich das mir unterstrichen habe, wo ich von Papa's Wunsch geschrieben, daß ich gerade und kein Anderes an Euch schreiben solle. Wir haben mit einander eine schreckliche Scene durchgemacht, und ich gestehe, Corny, ich würde mich viel ruhiger fühlen, wenn, im Falle daß uns eine zweite bevorstände, Ihr und die Eurigen bei uns hier, hinter den Vertheidigungswerken dieses Hauses, als im Walde, wie dieß nicht anders seyn könnte, allen Gefahren ausgesetzt wäret. Kommt daher zu uns, ich wiederhole es, in möglichst kurzer Frist und ohne Verzug.«

Diese Nachschrift gewährte mir weit größere Zufriedenheit als der eigentliche Brief; und ich war ganz ebenso bereit, Anneke'ns Wunsch zu erfüllen, als sie selbst, das theure Mädchen, nur immer mir denselben ans Herz legen konnte. Guert's Brief lautete wie folgt:

»Mr. Mordaunt hat Anneke'n und mir befohlen, an Diejenigen von Eurer Gesellschaft zu schreiben, auf welche, wie er meint, Jede von uns den größten Einfluß habe, und Euch dringend aufzufordern, so schleunig als möglich nach Ravensnest zu kommen. Wir haben höchst traurige Nachrichten erhalten, und ein panischer Schrecken herrscht unter den armen Leuten auf dieser Ansiedlung. Wir erfahren, daß Mr. Bulstrode, begleitet von Mr. Worden nur noch einige Stunden von uns entfernt ist, und die Familien der Nachbarschaft kommen angstvoll und weinend zu uns. Ich wüßte nicht, daß ich für meine Person große Angst empfände; mein großes Vertrauen beruht auf einer gnädigen Vorsehung; aber das hehre Wesen, auf welchem meine Hoffnung steht, wirkt durch menschliche Werkzeuge; und ich wüßte Keinen, auf den ich mit größerer Zuversicht vertrauen würde, als Guert Ten Eyck.

Mary Wallace

»Bei St. Nicholas, Corny! Das sind Aufforderungen, welchen Folge zu leisten sich nie ein Mann besinnen kann,« rief Guert, indem er aufstand, und anfing seinen Bündel wieder auf die Schultern zu nehmen. »Wenn wir uns tüchtig anstrengen, können wir das Nest doch noch erreichen, ehe die Familie zu Bette geht, und so nicht nur ihnen, sondern auch uns mehr Sicherheit und Behagen verschaffen.«

Guert fand an mir einen willigen Zuhörer, und auch Dirck war gar nicht saumselig und abgeneigt, darein zu willigen. Die Briefe spornten allerdings unsern Eifer sehr; obgleich in der That uns nichts Anderes zu thun übrig blieb, falls wir nicht etwa Lust hatten, auswärts zu kampiren, allen Gefahren einer rachgierigen und wilden Kriegsweise preisgegeben. Dirck's Brief war von Herman Mordaunt; und er sprach die Wahrheit in einfacherer Sprache aus, als sie von den beiden Ladies berichtet worden war. Hier ist er:

»Lieber Dirck! – Es ist gewiß, daß sich die Wilden uns nähern, mein guter Vetter! und es wird uns Allen zum Vortheil gereichen, wenn wir unsre Streitkräfte vereinigen. Kommt, um Gottes willen, mit Eurer ganzen Gesellschaft so eilig als möglich zu uns herein. Ich habe Späher ausgeschickt und sie sind Alle mit dem Bericht zurückgekommen, daß die Zeichen von Fußtapfen in den Wäldern in Menge sich finden. Ich erwarte, daß bis morgen wenigstens hundert Krieger uns über den Hals kommen, und ich treffe dem gemäß meine Vorbereitungen. Wenn Ihr Euch dem Nest nähert, möchte ich Euch rathen, die Schlucht nördlich vom Hause einzuschlagen und Euch darin geschirmt zu halten bis ihr den südlichen Ausgang derselben erreicht. So nähert Ihr Euch dem Thore bis auf hundert Ruthen und habt weit größere Aussicht, herein kommen zu können, falls wir etwa bis zu Eurer Ankunft schon eingeschlossen seyn sollten. Gott segne Euch, lieber Dirck, und führe Euch Alle wohlbehalten zu Euren Freunden.

Ravensnest 11. Julius 1758.

Herman Mordaunt.«

Guert und ich lasen noch in Hast diesen Brief, ehe wir unsern Marsch antraten. Dann die Hütte sammt Allem was sie enthielt, dem Belieben eines Jeden preisgebend, der des Weges kommen mochte, eilten wir mit raschen Schritten unserm Bestimmungsort zu, Wenig mit uns nehmend außer unsern Waffen, Munition und die Nahrungsmittel, welche nöthig waren, um uns bei Kräften zu erhalten.

Wie früher ging Trackleß voran, und behielt Jumper ein wenig an seiner Seite, da man die Gefahr, auf Feinde zu stoßen, jetzt als um Vieles gesteigert ansehen mußte. Zwar, befanden wir uns noch im Rücken der Truppe, welche die Frevel auf Mooseridge verübt hatte; aber der Onondago folgte nicht mehr ihren Fährten; er schlug eine andere Richtung ein, eine solche welche gerade auf den von uns angestrebten Punkt hin führte.

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