Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Bleich sank die Sonn', – trüb sank der Abend nieder,
Der traur'ge Nachtwind heulte Grabeslieder;
Ein Tag sah ihre Krieger todt – ihr Haupt
Gefangen – ihres Ruhmes Kranz entlaubt!
Mrs. Hemans.

Nie werde ich diese entsetzliche Nachtreise vergessen. Susquesus ruderte allein, ohne unsern Beistand, das Canoe, denn wir waren von den Mühsalen des Tages zu erschöpft, um noch viel zu arbeiten, nachdem wir uns geborgen und in Sicherheit sahen. Selbst Jaap legte sich nieder und schlief einige Stunden – den Schlaf der Ermattung. Ich glaube jedoch, Keiner von uns schlief während der ersten paar Stunden, denn die Scenen, welche wir so eben erlebt hatten, und in der That auch diejenigen, die wir eben jetzt erlebten, wirkten diesem Erholungsmittel und Genuß entgegen. Es muß etwa neun Uhr Abends gewesen seyn, als unser Canoe die unselige Küste am Südende des George-See's verließ und stet und schweigend am östlichen Rande des Wasserspiegels dahinglitt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wenigstens fünfhundert Boote abgesegelt, um dem obern Ende des See's zuzusteuern, da der Rückzug lange vor Sonnenuntergang angefangen hatte. Bei diesem traurigen Zuge wurde keine Ordnung beobachtet, sondern jedes Fahrzeug stieß ab, sobald es seine volle Ladung hatte. Alle Verwundeten befanden sich auf den friedlichen Gewässern des »Heiligen See's,« wie einige Schriftsteller diesen durchsichtigen klaren Wasserspiegel genannt haben, als wir uns in Bewegung setzten; und die Laute von abfahrenden Booten zeigten uns an, daß die Unverletzten ihnen so schnell folgten als die Umstände es gestatten wollten.

Welch eine Nacht war das! Kein Mond stand am Himmel, und ein Schleier von dunklen Dünsten war über das Himmelsgewölbe gezogen, die meisten der milden Sommersterne verhüllend, welche man zu ihres Schöpfers Ehre und Preis hätte funkeln sehen sollen. In der Tiefe, zwischen den Grenzen der Berge, rührte sich kein Lüftchen, obgleich wir manchmal das Säuseln gelinder Luftströmungen in den Wipfeln der Bäume über uns vernahmen. Da die östliche Küste weniger Krümmungen hatte als die westliche, folgten die meisten Boote ihrer dunkelemporragenden Masse, weil dieß die nächste Route war, und wir befanden uns bald in der Linie der sich zurückziehenden Fahrzeuge. Ich nenne es eine Linie, denn obgleich keine Ordnung beobachtet wurde, und Alle nur so schnell sie konnten dem gemeinschaftlichen Bestimmungsort zueilten, waren doch so viele Boote zu gleicher Zeit in Bewegung, daß, so weit das Auge bei dem trüben, dämmernden Lichte reichte, eine ununterbrochene Folge derselben sichtbar war. Die Bewegung unsres Canoe's war rascher als die der schwerbeladenen und schwach mit Ruderern besetzten Fahrzeuge; denn die Soldaten waren nach dem Tag, den sie durchgemacht hatten, zu erschöpft, um an den Rudern zu arbeiten. Daher überholten wir fast alle und kamen bald in parallelen Curs mit den Booten, indem wir einige Ruthen näher dem Ufer hinfuhren als sie. Dirck jedoch bemerkte, daß zwei oder drei kleine Fahrzeuge selbst uns überholten. Sie fuhren in der That so nahe am Berge hin, ganz unter seinem Schatten, daß es schwer war zu sagen, was sie eigentlich waren; man vermuthete jedoch es seyen Walfischboote, deren mehr als hundert bei der Flotille waren und Offiziere von Rang trugen.

Niemand sprach. Es schien mir, keine menschliche Stimme erhebe sich unter diesen gedemüthigten und geschlagenen Tausenden; das Plätschern der Ruder allein unterbrach, so lange wir in einiger Entfernung von der Linie waren, das Schweigen der Nacht; aber dieß dauerte auch unaufhörlich fort. Als jedoch unser Canoe weiter vorwärts kam, etwa ein paar Stunden, nachdem wir das Ufer verlassen hatten und wir die Boote einholten, welche zuerst abgestoßen waren, vermischte sich das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten mit den einförmigen Tönen der Ruder. In zwei Hinsichten jedoch hatten diese Unglücklichen, trotz ihrer Leiden, Ursache sich noch glücklich zu preisen. Keine Armee hätte ihre Verwundeten mit weniger Schmerzen für die Verletzten transportiren können; und der fieberhafte Durst, welcher immer die Folge von Blutverlust ist, konnte mittelst des durchsichtigen Elements gestillt werden, auf welchem wir Alle schwammen.

Nachdem Susquesus mehrere Stunden gerudert, wurde er von Jaap abgelöst; und Dirck, Guert und ich leisteten auch gelegentlich einigen Beistand. Jeder hatte ein Ruder und bediente sich desselben, wie es ihm passend schien, während der Onondago schlief. Gelegentlich nickte ich ein, wie auch meine Genossen; und wir Alle fühlten uns erquickt durch die Nacht und den Schlaf. Endlich erreichten wir den engen Paß, welcher den obern vom untern See trennte, und kamen jetzt auf den letztern. Dieß ist in der Nähe des Platzes, wo die Inseln so zahlreich sind, und wir mußten unausweichlich ganz dicht an einigen der Fahrzeuge passiren. Ich sage an einigen, denn die Linie wurde an diesem Punkt unterbrochen, da jedes Boot durch die Wasserstraße fuhr, die ihm die bequemste war.

»Kommt näher mit diesem Rindencanoe,« rief uns ein Offizier von einem Fahrzeug an; »ich wünschte zu erfahren, Wer darin ist.«

»Wir sind Freiwillige, welche sich dem – sten Regiment anschloßen, an dem Tage, wo die Armee aufbrach, und waren Gäste von Major Bulstrode. Bitte, Sir, könnt Ihr uns wohl sagen, wo dieser Offizier zu finden ist?«

»Der arme Bulstrode! er erhielt eine sehr verdrießliche Wunde, schon frühe am Tag, und ward an mir vorbei getragen. Er wird einige Monate weder gehen noch reiten können, wenn auch sein Bein gerettet wird. Ich hörte den Oberbefehlshaber Befehl ertheilen, ihn auf dem ersten Boot mit Verwundeten über den See zu befördern; und Jemand hat mir gesagt, Bulstrode selbst habe die Absicht ausgesprochen, sich nach dem in einiger Entfernung befindlichen Hause eines Freundes tragen zu lassen, um den Greueln eines Armeen-Hospitals zu entgehen. Der Bursche hat Pferde genug, um sich in einer Pferdesänfte bis Kap Horn transportiren zu lassen, wenn er Lust hat. Ich will Euch dafür stehen, Bulstrode findet den Weg in ein gutes Quartier, wenn immer ein solches in Amerika zu finden ist. Ich vermuthe, dieser mein Arm wird herunter müssen, sobald wir das Fort William Henry erreichen; und wenn der Spaß vorüber ist, würde ich, muß ich gestehen, ihm erstaunlich gern Gesellschaft leisten. Fahrt zu, Gentlemen. Ich hoffe; ich habe Euch nicht aufgehalten, aber da ich ein Rinden-Canoe sah, hielt ich für meine Pflicht, mich zu vergewissern, ob uns keine Spione folgten.«

Dieß also war auch wieder ein Opfer des Krieges! Er sprach zwar von dem Verlust eines Arms mit einer Kaltblütigkeit, als hätte es sich nur um den Verlust eines Zahnes gehandelt; aber dennoch zweifle ich nicht daran, daß er insgeheim in Bitterkeit des Herzens über dieß Unglück trauerte. Nie tragen die Menschen mit größerer Geschicklichkeit die Maske, als wenn sie durch den Ehrgeiz der Waffen aufgeregt und aufgestachelt sind. Und also Bulstrode nach Ravensnest! Er konnte sich nirgendshin sonst so leicht tragen lassen; und falls seine Wunde nicht von solcher Beschaffenheit war, daß sie beständige ärztliche Behandlung erheischte, wo konnte er besser untergebracht werden, als unter dem Dache Herman Mordaunt's? Soll ich gestehen, daß dieser Gedanke mich sehr quälte, und daß ich Thor genug war, zu wünschen, auch ich möchte im Falle seyn, zu Anneke zurückkehren und ihr Mitgefühl in Anspruch nehmen zu können, indem ich ein verwundetes Glied mit mir schleppte?

Unser Canoe kam jetzt ganz nahe an einem andern Fahrzeug vorbei, dessen kommandirender Offizier aufrecht dastand, und, wie es schien, unsre Bewegungen beobachtete. Er schien unverletzt zu seyn, war aber vermuthlich mit einem besondern Auftrage betraut. Wie wir vorbeiruderten, fand folgende sonderbare Besprechung statt:

»Ihr rudert schnell zurück, meine Freunde,« bemerkte der Fremde. »Ich bitte Euch, mäßigt Euren Eifer. Andere sind Euch schon vorangeeilt mit der schlimmen Zeitung.«

»Ihr müßt eine schlimme Meinung haben, Sir, von unserm Patriotismus und unsrer Loyalität, daß Ihr meint, wir eilten so sehr mit der Nachricht, daß den britischen Waffen Schach geboten worden,« antwortete ich mit so trockenem Tone und in beinahe ebenso zweideutiger Art, wie der Andere gesprochen hatte.

»Schach geboten! – Ich bitte tausendmal um Verzeihung – Ich sehe, Ihr seyd Patrioten, und zwar vom reinsten Wasser! Schach geboten, das ist das rechte Wort; obwohl schach matt noch anschaulicher und bezeichnender wäre; ein reizendes Spiel haben wir gehabt, Gentlemen! Was sagt Ihr? – der Zug ist jetzt an Euch!«

»Die Truppen haben viele Festigkeit und Tapferkeit an den Tag gelegt,« antwortete ich, »was wir, die wir nur Freiwillige waren, jederzeit bereitwillig bezeugen werden.« »Ich bitte Euch wiederholt um Verzeihung,« erwiederte der Offizier, den Hut lüftend und sich tief verbeugend – »ich wußte nicht, daß ich die Ehre habe, mit Freiwilligen zu reden. Ihr habt Anspruch auf die allerhöchste Achtung, Gentlemen, daß Ihr als Freiwillige zu einem solchen Kampf gekommen seyd. Ich für meinen Theil finde die Ehre ganz erdrückend, obgleich ich mich keiner solchen überverdienstlichen Tugend zu rühmen habe. Freiwillige! Auf mein Wort, Gentlemen, Ihr werdet viele Wunder zu erzählen haben, wenn Ihr in den Familienkreis zurückkommt?«

»Wir werden zu erzählen haben von der Tapferkeit der Hochländer, denn wir sahen Alles, was sie thaten und was sie litten.«

»Ha! So waret Ihr also in der Nähe dieses tapfern Corps!« rief der Andere; und jetzt zum ersten Mal schien seine Stimme und der Sinn seiner Worte wirklich ein ehrliches, natürliches Gefühl zu verrathen; »ich ehre Männer, welche auch nur Zeugen und Zuschauer von so viel Muth waren, zumal wenn sie ihn in einiger Nähe in Augenschein nahmen. Darf ich Euch um Eure Namen fragen, Gentlemen?«

Ich antwortete, nannte ihm unsre Namen, und erwähnte des Umstandes, daß wir Bulstrode's Gäste gewesen, und wie verdrießlich und leid es uns sey, nicht blos unsern Freund, sondern auch sein Corps verfehlt zu haben.

»Gentlemen, ich ehre den Muth, mag er kommen, woher er will,« sagte der Unbekannte, mit lebhaftem, unverstelltem Gefühl, »und bewundere ihn am meisten, wenn ich ihn bei Eingeborenen dieser Kolonien in ihren eignen Händeln und Fehden finde. Ich habe gehört, daß Ihr in der Nähe des armen Howe gewesen, als er fiel, und ich hoffe mehr von Euch zu erfahren. Was den Mr. Bulstrode betrifft, so ist er jetzt vor einigen Stunden nach Süden zu abgegangen und beabsichtigt, sich bei Verwandten, die er in dieser Provinz hat, heilen zu lassen. Laßt dieß nicht unsre letzte Unterredung seyn, ich bitte Euch darum, sondern erinnert Euch des Kapitäns Charles Lee, vom – sten Regiment, der sich freuen wird, Euch Allen insgesammt die Hand zu bieten, wenn wir wieder ins Feld rücken.«

Wir sprachen unsern Dank aus; aber da Susquesus dem Canoe plötzlich eine andere Richtung gegen das Ufer hin gab, ward die Unterredung auf einmal unterbrochen.

Der Indianer war mittlerweile erwacht, und übte wieder sein gebietendes Ansehen auf dem Canoe. Zwischen den Inseln durchsteuernd, setzte er uns bald ans Land, genau an demselben Punkte, wo wir uns vor nur fünf Tagen eingeschifft hatten.

Nachdem der Onondago seine kleine Barke in Sicherheit gebracht und befestigt hatte, führte er uns in die Schlucht hinauf, und nach einer stundenlangen, mühseligen Anstrengung gelangten wir wieder auf den kahlen Bergscheitel, wo wir früher geschlafen hatten.

Wenn die Nacht so denkwürdig gewesen, so war es das Bild nicht minder, welches sich unsern Augen mit Anbruch des Tages darbot! Wir erreichten den hohen Luginsland etwa um dieselbe Zeit am Morgen, zu welcher mich einige Tage vorher der Indianer geweckt hatte, und hatten, was die Natur und Landschaft betrifft, dieselbe Aussicht. In einem gewissen Sinne waren auch die künstlichen oder zufälligen Bestandtheile derselben die nämlichen, obwohl sie sich in einem ganz andern Lichte darboten. Ich glaube die Wahrheit um Weniges oder gar nicht zu überschreiten, wenn ich sage, auch jetzt seyen, wie früher, tausend Boote sichtbar gewesen. Wenige, zwölf etwa zum Höchsten, schienen das obere Ende des See's erreicht zu haben; alle übrigen von der ungeheuren Flotille waren über die ruhige Fläche des reizenden Wasserspiegels hin zerstreut und bildeten eine lange Zickzacklinie dunkler Flecke, welche sich auf der einen Seite bis an den Strand unter Fort William Henry erstreckte, und auf der andern, so weit nur das Auge reichte. Aber wie ganz anders nahm sich der traurige, unterbrochene Zug von Booten aus, als die stattliche Ordnung, die kriegerischen Musikbanden, die freudigen Truppen und die Menge von feurigen jungen Männern, welche vor noch nicht einer Woche, erfüllt von Hoffnungen und triumphirend im Gefühl ihrer Kraft, in schimmernden Brigaden sich vorwärts drängten! Wie ich auf das Schauspiel hinstarrte, konnte ich nicht umhin, mir die ungeheure Summe von physischen Schmerzen, das bittre, geistige Leiden, und die tiefe Kränkung und Bekümmerniß auszumalen, welche unter dieser Schaar zurückkehrender Abenteurer sich finden mußte! Wir kamen so eben mitten von dieser Scene menschlichen Jammers und Elends her, und unsre Einbildungskraft vermochte sich Einzelheiten zu vergegenwärtigen, welche auf dem hohen Standpunkt, den wir jetzt inne hatten, ausser dem Bereich unsrer Sinne lagen.

Eine Woche früher war der Name Abercrombie in Amerika in jedem Munde gewesen; die Erwartung hatte seinen Ruf auf jene schwindelnde Höhe gestellt, wo die wirkliche Leistung selbst sich kaum sicher fühlen darf. In der kurzen dazwischen liegenden Frist war er vernichtet. Die geneigt gewesen waren, ihn zu segnen, häuften jetzt Flüche auf sein verfehmtes Haupt, und Keiner war leicht so kühn, Etwas zu seinen Gunsten geltend zu machen. Die Menschen in Masse sind, wenn getäuschte Erwartung sie reizt und erbittert, nie gerecht. In der That ist es für das Individuum schon schwer, es dahin zu bringen, dieß zu lernen; aber frei von der engeren, persönlichen Verantwortlichkeit folgt der Einzelne dem großen Haufen und beschwichtigt seine eigne Beschämung und seinen verletzten Stolz dadurch, daß er in das Geschrei mit einstimmt, welches ein Opfer bezeichnet und fordert. Und doch war Abercrombie nicht der thörichte und eigensinnige Trotzkopf, als welchen Braddock sich erwiesen hatte. Sein Unglück war, daß er der Kriegführung des Landes unkundig war, wo er Dienste leisten sollte, und vielleicht daß er die eingebildete Unüberwindlichkeit der von ihm angeführten Veteranen überschätzte. In ganz kurzer Zeit ward er zurückberufen, und Amerika hörte Nichts mehr von ihm. Einige Vergütung für die Schmach, welche aufs Neue die britischen Waffen betroffen, war es, daß Bradstreet, ein Soldat welcher das Land kannte, und welcher viel Vertrauen in den jungen Mann setzte, den ich, einen Angehörigen ihrer Familie und ihres Hauses, bei Madame Schuyler getroffen hatte, an der Spitze einer starken Schaar von Provinzialen gegen Frontenac in Canada marschirte; ein Unternehmen, das mit Talent geleitet und durchgeführt, mit einem Triumph endete.

Aber mit all diesem steht meine Geschichte nicht eigentlich in Verbindung. Sobald wir den kahlen Berggipfel erreicht hatten, hieß der Onondago Jaap ein Feuer anzünden, während er aus einem früher hier zurückgelassenen Vorrathe einige nothwendige Bestandtheile einer Mahlzeit hervorholte. Da Keiner von uns seit dem Morgen des vorigen Tages eine Speise gekostet hatte, war dieser Imbiß sehr willkommen, und wir Alle ließen es uns wie Halbverhungerte schmecken. Der Neger bekam natürlich auch seinen Theil; und dann traten wir zu einem Rath über unser weiteres Verfahren zusammen.

»Die Frage ist, ob wir stracks nach Ravensnest uns auf den Weg machen sollen,« bemerkte Guert, »oder ob zuerst zu dem Landvermesser uns begeben, und sehen, wie die Dinge dort gehen.«

»Da die Gefahr einer Verfolgung von Seiten der Franzosen nicht sehr groß seyn kann, weil ja alle ihre Boote auf dem andern See sind,« bemerkte ich, »so ist der Zustand des Landes so ziemlich derselbe wie vor dem Aufbruch der Armee.«

»Befragt darüber den Indianer,« sagte Dirck in bedeutungsvollem Tone.

Wir sahen Susquesus fragend an, denn eine Miene genügte immer, uns ihm verständlich zu machen, wenn nur zuvor eine irgend deutliche Bemerkung geäußert worden war. »Schwarzer Mann närrische Sachen machen,« bemerkte der Onondago.

»Was ich gethan, Ihr Rothhautteufel?« fragte Jaap, der eine Art natürlicher Antipathie empfand gegen alle Indianer, gute oder schlechte, treffliche oder mittelmäßige; ein Gefühl das der Indianer mit wenig verhehlter Verachtung erwiederte. »Was ich thun, rother Teufel, he? daß Ihr das Masser Corny zu sagen wagt?«

Susquesus zeigte keine Erbitterung über diese heftige und ziemlich grobe Frage, sondern er blieb unbewegt sitzen, als hätte er sie nicht gehört. Dieß verdroß Jaap nur noch mehr; und da mein Bursche bei allen Veranlassungen, wo sein Stolz gereizt wurde, sehr kampflustig war, hätte es unverweilt zu einem Kriege zwischen den Beiden kommen können, hätte ich nicht einen Finger aufgehoben, um auf einmal dem Ausbruch von Jakob Satanstoe's Zorn wirksam zu wehren.

»Ihr solltet keine solche Beschuldigung gegen meinen Sklaven vorbringen, Onondago« sagte ich, »wenn Ihr sie nicht zu beweisen im Stande seyd.«

»Er geschlagen rothen Krieger wie Hund.«

»Was das thun?« brummte Jaap, durch meinen warnenden Wink nur halb beschwichtigt. »Wer je gehört, Rothhaut verletzt, wenn mit Seilstumpen geschlagen?«

»Kriegers Rücken wie Squaw's Rücken. Schläge verletzen ihn. Nie vergessen.«

»Gut, er daran denken;« grinste der Neger, seine Elfenbeinzähne von einem Ohr bis zum andern zeigend. »Muß mein Gefangener gewesen; und was mich nützen, wenn er laufen gelassen ohne Züchtigung? Ich wünschen, Ihr das sagen Masser Corny, statt Unsinn zu schwatzen ihm. Wenn er mich peitschen, Wer mich je gehört murren?«

»Ihr habt nicht halb genug Schläge bekommen, Jaap, oder Euere Sitten müßten besser seyn,« dieß hielt ich für nöthig ihm zu sagen, denn der Bursche hatte nie früher in meiner Gegenwart eine solche Streit- und Händelsucht an den Tag gelegt; höchst wahrscheinlich, weil ich ihn nie früher im Hader mit einem Indianer gesehen. »Laßt mich davon Nichts weiter hören, oder ich werde genöthigt seyn, Euch die Rückstände auf der Stelle auszuzahlen.«

»Ein wenig Gerben thut einem Neger gut, manchmal,« bemerkte Guert bedeutungsvoll.

Ich bemerkte, daß Dirck, der selbst meinen Neger liebte, hauptsächlich weil er mein war, den Widerspenstigen vorwurfsvoll anschaute; und durch diese vereinigten Demonstrationen gelang es uns, des Burschen Zunge zu bändigen.

»Nun, Susquesus,« fuhr ich fort, »wir Alle lauschen, zu hören was Ihr meint.«

»Musquerusque Häuptling – Huronenhäuptling – hat sehr empfindlichen Rücken; nie vergessen den Strick.«

»Ihr wollt uns zu verstehen geben, daß meines Schwarzen Gefangener Wohl einen Versuch machen dürfte sich zu rächen für die Schläge, die er von Jenem erhalten?«

»Richtig. Indianer gutes Gedächtniß – nicht vergessen Freund, – nicht vergessen Feind.«

»Aber Euer Hurone wird in Verlegenheit seyn, uns zu finden, Onondago. Er wird uns bei der Armee vermuthen; und sollte er auch wagen, uns hier aufzusuchen, so seht Ihr wohl, er wird sich getäuscht sehen.«

»Nicht wissen das. Wald voll Pfade – Indianer voll Listen. Warum sprechen von Ravensnest?«

»Wurde der Name Ravensnest in Gegenwart des Huronen genannt?« fragte ich, mehr beunruhigt durch einen so geringfügigen Gegenstand, als ich wohl hätte gestehen mögen.

»Ja, es wurde etwas davon gesprochen, aber nicht so, daß der Kerl es verstehen konnte,« antwortete Guert gleichgültig. »Möge er nur kommen, wenn er noch nicht genug von uns hat.«

Das war jedoch nicht meine Art, die Sache anzusehen; denn die Erwähnung von Ravensnest ließ Anneke vor meine Seele treten, umringt von den Schrecknissen indianischer Rache.

»Ich will Euch zu dem Huronen zurückschicken, Susquesus,« fuhr ich fort, »wenn Ihr mir den Preis nennen könnt, mit welchem sich sein Vergessen des Vorgefallenen erkaufen läßt.«

Der Onondago schaute mich einen Augenblick bedeutungsvoll an; dann beugte er sich vor, fuhr mit dem Zeigefinger seiner Hand um den Kopf Jaap's herum, in der Linie, welche gewöhnlich von dem Messer des Kriegers beschrieben wird, wenn er seinem Opfer die Siegestrophäe abschneidet. Jaap verstand den Sinn dieser sehr anschaulichen Geberde so gut als Einer von uns, und die Art, wie er mit den Fäusten in sein Wollenhaar griff, gleich als wolle er den Skalp an seinem Platze festhalten, machte uns Alle lachen. Der Neger theilte unsere Heiterkeit nicht; sondern ich sah wie er den Indianer anstarrte, ungefähr wie der Bullenbeißer die Zähne weist, ehe er seinen Sprung macht. Ein wiederholtes Aufheben meines Fingers jedoch erstickte seinen Ungestüm. Es war nothwendig, dieser Sache ein Ende zu machen, und Jaap erhielt Befehl, unsere Bündel für den bevorstehenden Marsch in Bereitschaft zu setzen. Seiner Gegenwart entledigt baten wir Susquesus, sich deutlicher zu erklären.

»Ihr kennt Indianer,« versetzte der Onondago. »Jetzt, er denkt Rothröcke verjagt und weggekehrt, er aussehen nach Skalpen. Liebt alle Arten Skalpe – alten Skalp, jungen Skalp – Mannes Skalp, Weibes Skalp – Knaben Skalp, Mädchen Skalp – für alle bekommt Geld, bekommt Ehre. Kein Unterschied für ihn.«

»Ja!« rief Guert, mit gewaltigem Aufathmen, wie es wohl bei einem Manne vorkommt, der lebhaft empfindet; »er ist ein eingefleischter Teufel, wenn er einmal recht die Witterung vom Blut hat! Also erwartet Ihr, diese französischen Indianer werden einen Einfall machen unter den Ansiedlern hier im Südwesten?«

»Gehn zu den Nächsten – fragen nicht Wer es sey. Der Nächste Euer Freund; würde Euch nicht lieb seyn, vermuthlich.«

»Ihr habt ganz Recht, Onondago, wenn Ihr das sagt. Es würde mir nicht lieb seyn, und auch meinen Begleitern hier würde es nicht lieb seyn; und das Nächste, was Ihr zu thun haben werdet, wird seyn, uns in geradester Richtung wie der Vogel fliegt, nach Ravensnest zu führen; das verbarrikadirte Haus; wißt Ihr, wo wir unsere Schätzchen gelassen haben.«

Susquesus verstand ohne Schwierigkeit Alles, was gesprochen wurde, und zum Beweise hievon lächelte er bei der Anspielung darauf, welchen kostbaren Werth die Bewohnerinnen des Hauses für uns hätten, welches aufzusuchen ihm Guert gebot.

»Squaw hübsch genug,« antwortete er schmunzelnd. »Kein Wunder, junger Mann an ihr Gefallen haben. Aber kann jetzt nicht dahin gehen. Erst finden Freunde, das Land messen. Alles einmal indianisches Land!«

Diese letzte Bemerkung wurde in einer Art ausgesprochen, die mir nicht gefiel; denn der Gedanke schien dem Onondago so plötzlich durch den Kopf zu fahren, daß ihm die reine Erbitterung des Gemüthes diesen kurzen Satz abpreßte.

»Es würde mir sehr leid thun, wenn das nicht der Fall wäre, Susquesus,« bemerkte ich, »denn unser Rechtsanspruch darauf ist deßhalb nur um so besser, wie die Urkunde unseres Kaufvertrags mit den Indianern darthun wird. Ihr wißt natürlich, daß mein Vater und sein Freund, Oberst Follock, dieß Land von den Mohawks gekauft und ihnen den von ihnen geforderten Preis dafür bezahlt haben.«

»Rother Mann nie messen Land so. Er mit dem Finger deuten, Busch abbrechen, und sagen: Da, nehmt von diesem Wasser bis zu jenem Wasser.« »Alles ganz richtig mein Freund; aber da diese Art von Vermessung nicht dem Zweck entspricht, abgesonderte Güter zu bilden, sind wir genöthigt, das Ganze wieder in kleinere Loose vermessen zu lassen. Die Mohawks gaben zuerst meinem Vater und seinem Freunde so viel Land, als sie in zwei Tagen umgehen könnten, die Nacht zum Rasten darein gerechnet.«

» Das guter Handel!« rief der Indianer mit lebhaftem Nachdruck. »Fuß kann nicht betrügen – Feder arger Schelm!«

»Nun, wir haben den Vortheil doppelter Bewilligung; denn die Eigenthümer umschritten wirklich das Besitzthum, und eine Abtheilung Indianer begleitete sie, um zu sehen, daß Alles redlich zugehe. Darnach unterzeichneten die Häuptlinge eine schriftlich ausgefertigte Urkunde, damit kein Mißverständniß obwalte, und dann erhielten wir die Billigung des Königs.«

»Wer gibt denn dem König Land, Wer? – Alles Land hier rothen Mannes Land; Wer es geben dem König?«

»Wer machte die Delawaren zu Weibern? – Die Krieger der Sechs Nationen; nicht so, Susquesus?«

»Ja, mein Volk geholfen. Sechs Nationen große Krieger, und Unterröcke angezogen den Delawaren, – so können sie nicht mehr betreten Kriegspfad. Was hat zu thun das mit Königs Land?«

»Nun, des Königs Krieger, wißt Ihr, mein Freund, haben von diesem Lande Besitz genommen, gerade wie die Sechs Nationen Besitz nahmen von dem der Delawaren, ehe sie sie zu Weibern machten.«

»Was geworden aus Königs Krieger jetzt?« fragte der Indianer mit Blitzesschnelle. »Wohin er entlaufen? Wo jetzt Land Tikonderoga? Wessen Land jetzt das am andern Ende des See's?«

»Nun, des Königs Truppen haben allerdings einen Unfall erlitten; und für den Augenblick sind ihre Rechte und Ansprüche geschwächt, das muß man zugeben. Aber über kurz oder lang kann dieß Alles sich ändern, und der König wird sein Land wieder bekommen. Ihr werdet Euch erinnern, er hat nicht Tikonderoga an die Franzosen verkauft, wie die Mohawks Mooseridge an uns; und das macht, wie Ihr gestehen müßt, einen großen Unterschied. Ein Kauf ist ein Kauf, Onondago.«

»Ja, Kauf, Kauf – das gut. Gut für rothen Mann, gut für Bleichgesicht – kein Unterschied – was Mohawk verkauft, er nicht wieder nehmen, sondern es Bleichgesicht lassen – aber wie Mohawk und König dazu kommen, zu verkaufen? Eignes Land von Beiden, he?«

Das war eine Frage, die einem Indianer zu beantworten seine großen Schwierigkeiten hatte. Wir Weißen begreifen es ganz gut, daß eine humane Regierung, welche nach den unter civilisirten Nationen anerkannten Grundsätzen Ansprüche hat auf die Jurisdiktion über ausgedehnte, in den Urwäldern liegende Territorien, die nur, und zwar nur gelegentlich, von gewissen wilden Stämmen als Jagdgründe benützt werden, es für recht und billig hält, diese Stämme durch Kauf zufrieden zu stellen, ehe sie ihre Ländereien zum Behuf und für die Zwecke des civilisirten Lebens vertheilt; aber nicht so leicht ist es wohl, einem einfältig natürlichen Sinne begreiflich zu machen, daß ein und dasselbe Gut zwei Eigenthümer haben soll. Das Verfahren ist einfach und einleuchtend genug für uns und zeugt für unsre guten Gesinnungen, denn wir hätten die Macht, diese Ländereien zu verwilligen, ohne den indianischen Rechtstitel auszulöschen, wie der Ausdruck lautet; aber es hat Schwierigkeiten für den Verstand von Solchen, die nicht daran gewöhnt sind, die Gesellschaft von den vielfachen Interessen der Civilisation umsponnen zu sehen. In der That gewährt der Abkauf von den Indianern, nach unsern Gesetzen, keinen weitern Rechtstitel, als die Befugniß, bei dem Rathe einen Anspruch auszuwirken, durch die Bewilligung der Krone zu erwerben, wofür letzterer eine solche Erkenntlichkeit zu entrichten ist, als sie in ihrer Weisheit zu verlangen für gut findet. Doch war es nothwendig, dem Onondago eine Antwort auf seine Frage zu geben, damit er nicht das irrige Vorurtheil mit sich nähme, als besäßen wir unser Eigenthum nicht mit Recht.

»Gesetzt Ihr findet eine Büchse nach Eurem Geschmack, Susquesus,« sagte ich, nachdem ich einen Augenblick über die Sache nachgedacht, »und es finden sich zwei Indianer, welche Beide behaupten, sie gehöre ihnen; wenn Ihr nun jedem Krieger den von ihm geforderten Preis bezahlt, ist dann Euer Besitzrecht deßwegen schlechter, weil Ihr dieß gethan habt? Ist es nicht vielmehr besser?«

Der Indianer war über diese Antwort betroffen, welche seiner Denkweise zusagte. Er streckte seine Hand aus, faßte die meinige und schüttelte sie herzlich, als wollte er damit sagen, daß er zufrieden gestellt sey. Nachdem diese Episode so befriedigend abgemacht war, wandten wir uns zu der wichtigeren Frage, was wir zunächst beginnen, wohin unsre Schritte richten sollten?

»Es scheint fast, der Onondago erwartet, daß die französischen Indianer jetzt einen Schlag gegen die Ansiedlungen führen werden,« bemerkte ich meinen Begleitern, »und daß unsre Freunde zu Ravensnest unsrer Hülfe bedürfen könnten; aber zugleich ist er der Meinung, wir sollten zuerst nach Mooseridge zurückkehren und die Landvermesser aufsuchen. Welche Handlungsweise leuchtet Euch als die beste ein, meine Freunde?«

»Laßt uns zuerst die Gründe des Indianers hören, warum wir die Landvermesser aufsuchen sollen,« versetzte Guert. – »Wenn er triftige Gründe für seinen Vorschlag hat, so bin ich bereit ihm zu folgen.«

»Landvermesser hat Skalp, so gut wie Squaw,« sagte Susquesus in seiner kurzen, bündigen Art.

»Das muß die Sache ins Reine bringen!« rief Guert. »Jetzt verstehe ich Alles. Der Onondago meint, die Gesellschaft in Mooseridge könne, allein und ohne Unterstützung, abgeschnitten werden, und wir sollten sie von dieser Gefahr in Kenntniß setzen.«

»Alles ganz richtig,« versetzte ich; »und als unsre Leute haben sie auch das Recht, dieß von uns zu erwarten. Dennoch, Guert, sollte ich meinen, die Landvermesser seyen da, wo sie jetzt sind, mitten im Herzen des Waldes, wohl noch ein ganzes Jahr sicher. Ihr Geschäft ist gewiß nicht bekannt, und Wer sollte sie denn verrathen?«

»Sehen!« sagte Susquesus mit Ernst. »Tödtet Hirsch, laßt ihn im Wald. Würde nicht Rabe das Aas finden?«

»Das mag ganz wahr seyn; aber der Rabe hat einen Instinkt, den ihm die Natur gegeben, um ihm seine Nahrung zu verschaffen. Er fliegt hoch in der Luft, überdieß, und kann weiter sehen als ein Indianer.«

»Nichts weiter sehen als Indianer! Rothmann auch hoch fliegt. Sieht vom Salzsee bis zum süßen Wasser. Kennt jedes Ding in den Wäldern. Kann ihm nichts sagen, das er nicht kennt.«

»Ihr glaubt doch nicht, Susquesus, daß die Huronenkrieger unsre Vermesser in Mooseridge finden könnten?«

»Warum nicht sie finden? Finden Glenn; warum nicht auch finden den Hügelrücken? Finden Mooseridge, gewiß; finden Landvermesser.«

»Alles erwogen, Corny,« bemerkte Guert nach einigem Nachsinnen, »würden wir wohl daran thun, dem Rathe des Indianers zu folgen. Ich habe von so vielem Unglück gehört, welches Leute im Busch betroffen hat, in Folge davon, daß sie den Rath von Indianern verschmäht haben, daß ich mich zu einigem Aberglauben in diesem Punkt bekenne. Bedenkt nur, was gestern sich ereignet hat! Hätte man die Ansicht der Rothhäute beachtet, so möchte Abercrombie jetzt ein Sieger seyn, statt ein elender, geschlagener Mann!«

Susquesus hob einen Finger auf und sein dunkles Angesicht wurde von einem Ausdruck erleuchtet, der noch beredter war als seine Zunge.

»Warum nicht öffnen das Ohr der Rede des rothen Mannes?« fragte er mit Würde. »Mancher Vogel singt ein Lied, das gut – mancher singt schlechtes Lied – aber alle Vögel kennen ihren eignen Gesang. Mohawk Krieger an den Wald gewohnt und verfolgen einen krummen Kriegspfad, wenn er begegnet vielen Feinden. Großer Yengeese-Häuptling denkt, sein Krieger hat zwei Leben, daß er ihn hinstellt vor Kanone und Büchse, daß er steht und erschossen wird. Kein Indianer so Thörichtes thun – nein nie!«

Da sich gegen die Wahrheit dieser Behauptungen Nichts einwenden ließ, so ward die Sache nicht weiter erörtert; und nachdem wir unter uns beschlossen, uns von dem Onondago auf dem Weg, welchen wir gekommen, zurück führen zu lassen, erklärten wir ihm unsre Bereitwilligkeit aufzubrechen, sobald es ihm beliebe. Da er genugsam ausgeruht war, stand Susquesus, der Alles ganz systematisch that, und nie weder Ungeduld noch Verdrossenheit blicken ließ, auf und führte uns von dannen. Unsre Richtung war jetzt gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die wir verfolgt, als wir von Mooseridge auszogen; und ich ermangelte nicht zu bemerken, daß, so genau war die Ortskenntniß unsres Führers, wir an vielen Gegenständen vorbei kamen, an welchen uns früher unser Weg vorbei geführt hatte. Da war Nichts von einem Weg oder einer Fährte, außer hin und wieder Fußtapfen von unsrem frühern Marsche her; aber es war unverkennbar, daß der Onondago diesen nicht die mindeste Aufmerksamkeit zuwandte, da er andere, sichrere Merkmale für seine Führung besitzen mußte.

Guert schritt zunächst hinter dem Indianer und ich war der Dritte in der Linie. Wie oft, an diesem mühevollen Tage, betrachtete ich meinen Vorgänger, voll Bewunderung seiner Gestalt und Haltung! Die Natur schien ihn zum Soldaten bestimmt zu haben. Obwohl so stark, war doch sein Körper gelenkig, ein Punkt worin er von Dirck verschieden war; denn an diesem, so jung noch, waren doch schon Symptome einer nicht allzu fern bevorstehenden Schwerfälligkeit zu bemerken. Sodann war Guert's Haltung eben so schön als seine Gestalt. Den Kopf hielt er aufrecht; das Auge hatte einen ebenso steten als feurigen Blick; und der Tritt war elastisch und fest dabei. Bis zur letzten Stunde auf diesem langen und ermüdenden Marsch, sprang Guert über Holzblöcke, und über Spalten und Schluchten auf dem Wege und beurkundete noch sonst, daß seine stählernen Sehnen und gehärteten Muskeln noch ihre volle Kraft besaßen. Wie er vor mir her schritt, sah ich erst, daß ein Theil des Besatzes seines Jagdhemdes im Gefecht abgerissen worden und eine Musketenkugel durch seine Mütze gegangen war. Ich erfuhr nachher, daß Guert wohl wußte, wie er so drohenden Gefahren entgangen, aber seine Natur war so mannhaft, daß er nicht daran dachte, es zu erwähnen.

Wir machten wie früher nur ein einziges Mal halt, um zu Mittag zu essen; aber wenig ward bei diesem Imbiß gesprochen und keine Abänderung unseres Planes wurde beantragt. Wir befanden uns jetzt auf dem Punkt, wo wir von unserer bisherigen Richtung abgehen mußten, wenn wir zuerst nach Ravensnest uns wenden wollten, aber obgleich Alle das wußten, wurde doch kein Wort über den Gegenstand gesprochen.

»Wir werden dem Mr. Traverse und seinen Leuten unwillkommene Zeitungen bringen,« bemerkte Guert ein paar Minuten ehe wir wieder aufbrachen; »denn ich nehme als ausgemachte Sache an, daß die Neuigkeit uns nicht vorausgeeilt seyn kann.«

»Wir die Ersten,« versetzte der Onondago. »Noch zu bald für Huronen. Denke so – Niemand weiß.«

»Ich wünschte, Corny,« fuhr der Albanier fort, »wir hätten daran gedacht, ein Wort wegen dieser verwünschten Expedition zu Doortje zu sagen. Es taugt Nichts, wenn Einer sich über seine Angelegenheiten hinweg setzt, und Wer sich dem Schicksal in den Weg stellt, dürfte wohl dann und wann Nutzen davon ziehen, wenn er eine Schicksalsverkündigerin befragte.«

»Hätten wir das auch gethan, und es wäre uns Alles so geweissagt worden, wie es geschehen, meint Ihr es würde an den Ergebnissen Etwas geändert haben?«

»Vielleicht nicht, da wir wohl die Leute gewesen wären, die das Vernommene wieder erzählt hätten. Aber Abercrombie selbst hätte kein Bedenken tragen sollen, dieß merkwürdige alte Weib zu besuchen. Sie ist ein wunderbares Geschöpf, Corny, wie wir Alle gestehen müssen, und ein kluger General würde nicht ermangeln zu beachten was sie ihm sagte. Es ist tausendmal Schade, daß nicht entweder der Oberbefehlshaber oder der Generaladjutant bei Doortje einen Besuch gemacht, ehe sie Albany verließen. Meines Lord Howe kostbares Leben wäre dann vielleicht erhalten worden.«

»Wie so, Guert? Ich vermag nicht recht einzusehen, in welcher Weise etwas Gutes dabei herauskommen sollte?«

»In welcher Weise? nun, in der allereinfachsten Weise. Setzt nur den Fall, Doortje hätte diese Niederlage geweissagt, so ist klar, Abercrombie, wenn er irgend Glauben an das alte Weib gehabt, hätte den Angriff nicht gemacht.«

»Und so der Niederlage eine Niederlage beigebracht. Seht Ihr nicht, Guert, daß die Wahrsagerin im besten Fall nur weissagen kann, was geschehen wird, und daß, was kommen muß, auch kommt? Es wäre etwas Leichtes für Jeden von uns, einen großen Namen als Wahrsager uns zu erwerben, wenn wir weiter Nichts zu thun hätten, als Mißgeschicke zu weissagen, damit unsre Freunde sie vermeiden könnten. Da in Folge der getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Uebel abzuwenden, diese nie eintreten würden, würde ein solcher Ruf leicht und wohlfeil zu behaupten seyn.«

»Bei St. Nicholas! Corny, an das habe ich nie gedacht! Aber Ihr seyd in einem Collegium gebildet worden, und in einem Collegium gabelt man tausenderlei Dinge auf, von welchen man sich in einer Akademie nicht träumen läßt. Ich finde jeden Tag Grund, meinen Müssiggang als Knabe zu beklagen, und es wird ein Glück seyn, wenn ich ihn nicht mein ganzes Leben lang zu beklagen habe!«

Der arme Guert! Er war immer so bescheiden und demüthig, wenn das Gespräch, auch noch so zufällig und unabsichtlich von meiner Seite, auf Erziehung und Bildung kam, daß nie dergleichen erörtert wurde, ohne daß es mir wehe that, und den Wunsch in mir erregte, es zu vermeiden. Da die Frist der Rast nunmehr verstrichen, war es leicht für jetzt dieser Erörterung ein Ende zu machen durch Erinnerung an jenen Umstand, und durch Fortsetzung unseres Marsches.

Wir hatten für den Nachmittag einen harten Marsch, obgleich keiner von allen Fünfen die mindeste Geneigtheit zeigte, in unserer Eile nachzulassen. Susquesus schien mir gar nie Erschöpfung oder Hunger zu fühlen. Ohne Zweifel kannte er beide Empfindungen wohl; aber so sehr war er an strenge Selbstbeherrschung gewohnt, daß er, was er in dieser sowie in den meisten andern Beziehungen etwa litt, vollkommen zu verbergen im Stande war.

Die Sonne war dem Untergange nahe, als wir die Grenzen des Gutes Mooseridge betraten. Wir überzeugten uns von diesem Umstande, als wir an den Grenzbäumen vorbei kamen, von welchen manche Figuren in die Rinde gehauen hatten, um die Nummern der großen Abteilungen des Besitztums zu bezeichnen. Guert deutete auf diese Merkzeichen hin, denn er war mit den Wäldern viel vertrauter als Dirck und ich. Von diesen Anhaltspunkten unterstützt, fiel es uns eben nicht schwer, in ziemlich gerader Richtung auf die Hütte zuzusteuern.

Susquesus erachtete einige Vorsicht nöthig, als wir uns dem Endziel unserer Reise näherten. Er hieß uns zurückbleiben, während er selbst vorausging, um zu rekognosciren. Ein Signal von ihm führte uns jedoch bald auf den Punkt, wo er stand, wo wir dann die Hütte gerade so trafen, wie wir sie verlassen hatten, aber keine Seele in der Nähe. Dieß mochte bloßer Zufall seyn, da die landvermessende Gesellschaft häufig lieber auswärts kampirte, als nach einem anstrengenden Tagewerk noch einen langen Marsch machte; und Pete mochte es leicht vorgezogen haben, mit den andern Männern zu gehen, statt allein in der Hütte zu bleiben. Wir schritten daher zuversichtlich auf das Gebäude zu. Als wir es erreichten, fanden wir das Haus leer, wie wir vermuthet hatten, aber alle Anzeichen sprachen dafür, daß seine Inhaber es vor ganz kurzer Zeit, spätestens am Morgen, verlassen hätten.

Jaap machte sich sofort daran ein Nachtessen zu bereiten aus den regelmäßigen Vorräthen der Gesellschaft, welche man sämmtlich am rechten Orte und im Ueberfluß vorfand. Als ich den Burschen genauer ausfragte, erfuhr ich, daß er der Meinung war, Mr. Traverse sey an diesem Tage gerade weggegangen, höchst wahrscheinlich nach einem entfernten Punkte des Patents, und habe Pete mit sich genommen, da Alles mit einer Sorgfalt zugedeckt und aufgeräumt sey, welche auf eine Abwesenheit für eine kurze Zeit hindeutet. Der Indianer hörte die dahin gehende Bemerkungen des Negers, und bedeutungsvoll den Kopf emporwerfend sagte er:

»Nicht nöthig vermuthen – gehen und sehen – hell genug – Zeit genug. Indianer es bald sagen.«

Er verließ auf der Stelle die Hütte und eilte sofort, diese freiwillig übernommene Pflicht zu erfüllen.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.