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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Noch lang wird den gezückten Speer
    Des Häuptlings, scheue Angst hier schau'n,
Wird's der Vernunft vor einem Heer
    Von Schatten und Wahnbildern grau'n.
Freneau.

Es ist nicht nöthig bei der Art und Weise zu verweilen, wie Herman Mordaunt und seine Gesellschaft sich in Ravensnest einrichteten. Zwei oder drei Tage genügten ihnen, um es sich so behaglich zu machen, als die Umstände es irgend gestatteten; dann gedachten Dirck und ich weiter zu ziehen, um die Ländereien von Mooseridge aufzusuchen. Mr. Worden und Jason lehnten Beide ab, weiter zu reisen; der Mühlsitz, welchen der Letztere aufsuchte, befand sich, wie ich jetzt erfuhr, auf dem Gute Herman Mordaunt's, und war einige Zeit der Gegenstand einer Negotiation zwischen dem Pädagogen und dem Landeigenthümer gewesen. Was den Geistlichen betraf, so erklärte er, er sehe da, wo er sey, ein geeignetes »Feld« für seine Missionsbestrebung; während leicht zu sehen war, daß er stark bezweifelte, ob es da, wohin wir gehen wollten, Felder irgend einer Art gebe.

Unsere Gesellschaft, als wir Ravensnest verließen, bestand aus Dirck und mir, Guert, Mr. Traverse, dem Landvermesser, drei Meßkettenträgern, Jaap oder Yaap, Guert's Diener, Pete, und einem Waldmann oder Jäger. Hiemit hätte unsere ganze Macht aus zehn rüstigen und wohlbewaffneten Männern bestanden. Man hielt jedoch für angemessen, noch zwei Indianer mitzunehmen, in der doppelten Eigenschaft als Jäger und als Läufer oder Boten. Einer von diesen Rothhäuten wurde Jumper (Springer) genannt in der Sprache der Niederlassung, wo wir sie trafen; und der zweite Trackleß (Spurlos); dieser Spitznamen war ihm gegeben worden wegen der Eigenschaft, die er besaß, auf seinen Wanderungen und Märschen wenige oder gar keine Spuren zurückzulassen. Dieser Indianer war etwa sechsundzwanzig Jahre alt und hieß ein Mohawk, da er mit dem Volke dieses Stammes zusammen lebte, obgleich er in der That, wie ich später erfuhr, der Geburt nach ein Onondago war. Sein eigentlicher Name war Susquesus, was »krumme Wendungen« bedeutet; ein Name, der zu seinem Vortheil oder Nachtheil gedeutet werden konnte, je nachdem man ihn als Bezeichnung seiner moralischen oder physischen Eigenschaften ansah.

»Nehmt diesen Mann in alle Wege mit Euch, Mr. Littlepage,« sagte Herman Mordaunt's Geschäftsführer, als die Sache der Erörterung unterlag. »Ihr werdet ihn in den Wäldern so nützlich finden wie Euren Taschenkompaß, außerdem daß er ein ziemlich guter Jäger ist. Er ging von hier aus ab als Läufer, während des stärksten Schnee's, im vorigen Winter, und es wurde ein Versuch gemacht, seine Spur zu finden, nur eine halbe Stunde nachdem er die Lichtung verlassen hatte, aber ohne Erfolg. Er war noch nicht eine Meile weit in den Wäldern, als schon alle Spuren von ihm so vollständig verschwunden waren, wie wenn er die Reise durch die Luft gemacht hätte.«

Da Susquesus im Rufe der Nüchternheit stand, wie dieß bei den Onondago's nicht selten der Fall war, wurde der Mann in Dienste genommen, obwohl Ein Indianer für unsere Zwecke hinreichend gewesen wäre. Aber der Springer war früher schon gemiethet worden; und es wäre, in unsrer Lage, gefährlich gewesen, einen rothen Mann dadurch zu beleidigen, daß man ihn gegen einen Andern aufgab, selbst wenn man ihn für seine vereitelte Erwartung vollständig entschädigt hätte. Daher nahmen wir auf Mr. Traverse's Rath Beide. Der indianische oder mohawk'sche Name Jumpers war Quißquiß, ein Ausdruck, der, wie ich glaube, nichts sehr Ehrenvolles oder Berühmtes bedeutete.

Die Mädchen legten die innigste Theilnahme für uns an den Tag, als wir Abschied nahmen; mehr, kam mir vor, als Beide je zuvor hatten blicken lassen. Guert hatte mir im Vertrauen von seinem Vorsatz gesagt, Mary Wallace wieder einen Heirathsantrag zu machen; und ich bemerkte die Spuren davon in den thränenvollen Augen und den flammenden Wangen seiner Geliebten. Aber in einem solchen Augenblick hält man sich nicht lange damit auf, viel an solche Sachen zu denken; denn es standen Thränen in Anneke'ns Augen so gut wie in denen ihrer Freundin. Wir tauschten tausend gute und freundliche Wünsche und versprachen den Verkehr zwischen den beiden Partien mittelst unserer Läufer wöchentlich zwei Mal zu unterhalten. Die Entfernung, wechselnd zwischen fünfzehn und dreißig Meilen, gestattete dieß wohl, da jeder der beiden Läufer sie zu dieser Jahreszeit in einem Tage mit größter Leichtigkeit zurücklegen konnte.

Am Ende sollte ja auch die Trennung nur kurz seyn, denn wir hatten versprochen, an Herman Mordaunt's fünfzigstem Geburtstag, welcher in drei Wochen einfiel, herüber zu kommen und bei ihm zu Mittag zu essen. Diese Verabredung machte uns jungen Männern den Abschied erträglich, und unsere natürliche Munterkeit that das Uebrige. Eine halbe Stunde nach dem letzten Frühstück in Ravensnest waren wir Alle auf unserm Wege, getrost, wo nicht eigentlich vergnügt. Herman Mordaunt begleitete uns drei Meilen weit, bis an das Ende seiner Ansiedlungen und bis an den Saum des Urwaldes. Hier verabschiedete er sich von uns und wir verfolgten mit der größten Emsigkeit und Aufmerksamkeit Stunden lang unsern Weg, der Compaß unser Führer, bis wir die Ufer eines kleinen Flusses erreichten, welcher unserer Voraussetzung nach etwa drei oder vier Meilen von den südlichen Grenzen des von uns gesuchten Patents lag. Ich sage unserer Voraussetzung nach; denn es herrschte und herrscht, glaube ich, noch große Unsicherheit in Betreff der Grenzen der verschiedenen Güter und Besitzungen in den Wäldern. Am Ufer dieses Flusses, welcher tief aber nicht breit war, rief uns der Landvermesser ein Halt! zu, und wir trafen unsere Vorkehrungen zum Mittagsmahl. Leute, die so weit und so rasch gegangen waren, wie wir, machten nur wenig Umstände; und zwanzig Minuten lang waren Alle lediglich mit Stillung ihres Hungers beschäftigt. Sobald jedoch dieß abgethan war, so berief Mr. Traverse die Indianer zu dem gefallenen Baum, auf welchen wir uns gesetzt hatten, und es ergab sich jetzt die erste Gelegenheit, das Maß der Intelligenz der beiden Läufer auf eine Probe zu stellen. Zugleich wurde auch der erste Meßkettenträger, ein Mann, der sein ganzes Leben in seinem dermaligen Berufe hingebracht hatte, in folgender Weise mit in die Berathschlagung verflochten:

»Wir sind jetzt an den Ufern dieses Flusses, und ungefähr an dieser Krümmung desselben,« begann der Landvermesser, auf die Krümmung des Flusses auf einer vor ihm ausgebreiteten Karte deutend, an welcher wir, nach seiner Voraussetzung, eben jetzt standen; »und das Nächste ist nun, daß wir den Hügelrücken auffinden, auf welchem das Elenu getödtet wurde, und über welchen, wie wir wissen, die Linie des von uns gesuchten Patents hinläuft. Diese Urkunde über das Patent weist uns an, einen Punkt aufzusuchen, etwa eine oder anderthalb Meilen aufwärts von dieser Krümmung des Flusses – eine schwarze Eiche, deren Wipfel vom Winde abgeknickt ist, die inmitten eines Dreiecks stehe, gebildet durch drei Kastanienbäume. Ich meine, Ihr habt mir gesagt, David, daß Ihr nie eine Meßkette auf einem dieser Hügel getragen habt?«

»Nein, Sir, niemals,« antwortete David, der schon erwähnte alte Meßkettenträger, »mein Geschäft hat mich nie so weit östlich geführt. – Eine schwarze Eiche, besonders kenntlich gemacht, der Wipfel vom Wind gebrochen und zwischen drei Kastanienbäumen stehend, – nun die kann doch gewiß nicht so gar schwer zu finden seyn für Jemand, der nur ein wenig mit der Gegend bekannt ist. Diese Indianer werden wohl am ehesten den Baum kennen, wenn sie überhaupt von Haus aus mit der Gegend bekannt sind.«

Einen Baum kennen! Wir waren jetzt, und schon seit vielen Stunden, im Herzen des Waldes, und Bäume zu Tausenden standen um uns herum: Bäume hatten sich während unseres Marsches erhoben, wie Horizont um Horizont sich auf dem Meere erhebt, und dieser Meßkettenträger bildete sich ein, es müsse für Einen, der oft diese dunkeln, unbewohnten Labyrinthe durchwandert habe, möglich seyn, einzelne von diesen zahllosen Eichen, Buchen und Fichten wieder zu erkennen! Dennoch schien Mr. Traverse die Aeußerung David's gar nicht so ungeheuerlich zu finden, denn er wandte sich zu den Indianern und redete sie an.

»Wie ist's?« fragte er; »Springer, wißt Ihr Etwas von einem solchen Baum, wie ich ihn beschrieben habe?«

»Nein!« war die kurze, bündige Antwort.

»Dann, fürchte ich, ist wenig Hoffnung vorhanden, daß Spurlos Mehr weiß, da Ihr ein geborener Mohawk seyd, und er, wie man mir sagt, eigentlich ein Onondago. Was sagt Ihr, Spurlos? könnt Ihr uns den Baum auffinden helfen?«

Mein Auge war auf Susquesus geheftet, von dem Augenblick an, wo der Indianer Erwähnung geschah. Da stand er, aufrecht und grade wie der Stamm einer Tanne, leicht und gelenkig von Person, ohne andere Kleider als seine Hosen, Mokkasins, und ein blaues Calikohemd um die Lenden gegürtet mit einem Scharlachband, durch welches die Handhabe seines Tomahawk geschoben, und an welchem seine Jagdtasche sammt Pulverhorn befestigt war, während er die Büchse, den Kolben abwärts, an sich gelehnt hatte. Trackleß (Spurlos) war ein ausgezeichnet schöner Indianer, und die unangenehmen Eigenthümlichkeiten seines Volkes waren nur schwach in seinem Gesicht und seiner Gestalt angedeutet; während die edlern und schönern Eigenschaften sehr stark hervortraten. Seine Nase war beinahe adlerartig, sein Auge, dunkel wie die Nacht, war beweglich und durchdringend, seine Glieder Apollo-mäßig, und seine Stirne und Miene hatten ganz die furchtlose Würde eines Kriegers, verbunden mit natürlicher Grazie. Der einzige auffallende Mangel war in seinem Gang bemerklich; denn, nach Art der Indianer, ging er mit einwärts gekehrten Zehen und mit nicht gestreckten Knien; aber dagegen waren seine Bewegungen leicht, springend und behende. Seiner Gestalt nach erschien er mir als das wahre Ideal eines Läufers.

Während der Landvermesser gesprochen, hatte das Auge des Susquesus dem Anschein nach ins Leere hinausgestarrt, und ich hätte den schärfsten Beobachter herausfordern mögen, in den Gesichtszügen dieses Stoikers der Wälder eine Spur davon zu entdecken, daß er die mindeste Kunde von dem nehme, was eben verhandelt wurde. Es war nicht seine Sache zu sprechen, wenn ein älterer Läufer und älterer Krieger – beides war nämlich der Springer – anwesend war, und er wartete ab, ob Andere, die Mehr wissen konnten, mit ihrem Wissen herausrückten, ehe er das seinige preisgab. Aber als er so unmittelbar aufgefordert wurde, verschwand alle Zurückhaltung und er trat zwei oder drei Schritte vor, warf einen neugierigen Blick auf die Landkarte und legte sogar einen Finger auf den Fluß, dessen unregelmäßigen Lauf er auf der Karte verfolgte, ganz wie ein Kind einem solchen Gegenstand nachgehen würde, der seine Aufmerksamkeit auf sich zöge. Susquesus wußte Wenig von Karten, das war ganz klar; aber die Folge zeigte, daß er sehr Viel von den Wäldern, dem natürlichen Felde seiner Thätigkeit, wußte.

»Nun, was haltet Ihr von meiner Karte, Trackleß?« wiederholte der Landvermesser. »Ist sie nicht nach Eurem Geschmacke entworfen?«

»Gut!« erwiederte der Onondago mit Nachdruck. »Jetzt zeigt dem Susquesus Eure Eiche.«

»Hier ist sie, Trackleß. Ihr seht, es ist ein Baum, mit Tinte gezeichnet, mit abgebrochenem Wipfel, und hier sind die drei Kastanienbäume, eine Art Dreieck um ihn herum bildend.«

Der Indianer besah den gezeichneten Baum mit einigem Interesse und ein leises Lächeln erhellte sein schönes obwohl dunkles Gesicht. Offenbar gefiel ihm dieser Beweis von Genauigkeit bei den Landvermessern der Colonie, und ohne Zweifel flößte ihm die Treue ihres Werkes einen um so bessern Begriff von ihnen ein.

»Gut!« wiederholte er mit seiner leisen, gutturalen, beinahe weiblichen Stimme, die einen so sanften und milden Ton hatte. »Sehr gut. Die Bleichgesichter wissen Alles! Nun möge mein Bruder auch den Baum selbst finden!«

»Das ist leichter gesagt als gethan, Susquesus,« antwortete Traverse lachend. »Etwas Anderes ist, einen Baum auf eine Landkarte zeichnen, und etwas Anderes, seine Wurzel auffinden, so wie er im Walde steht, umgeben von Tausenden andrer Bäume.«

»Das Bleichgesicht muß ihn zuerst sehen, wie denn sonst ihn malen? Wo der Maler?«

»Ja, der Landvermesser hat den Baum einmal gesehen und ihn einmal sich gemerkt, aber damit ist er noch nicht wiedergefunden. Könnt Ihr mir sagen, wo die Eiche steht? Mr. Littlepage wird dem Mann, der den Punkt findet, eine französische Krone geben. Stellt mich nur irgendwo auf die Linie der alten Vermessung, so will ich Niemand weiter nach Etwas fragen.«

»Gemalter Baum da,« sagte Susquesus, etwas höhnisch, wie mich dünkte, auf die Karte deutend. »Bleichgesicht kann ihn nicht im Walde finden. Lebendiger Baum dort! Indianer weiß.«

Trackleß deutete mit großer Würde gegen Nordosten, und stand während der Zeit bewegungslos wie eine Bildsäule, als wollte er die allerschärfste Prüfung herausfordern zur Untersuchung der Richtigkeit seiner Behauptung.

»Könnt Ihr uns zu dem Baum hinführen?« fragte Traverse lebhaft. »Thut es, und das Geld ist Euer!«

Susquesus machte eine zustimmende Geberde; dann machte er sich daran, die spärlichen Ueberbleibsel seines Mittagsmahls zu sammeln, eine Vorsicht, die wir ihm nachmachten, da ein Nachtessen in einigen Stunden ebenso erwünscht seyn mußte, als das so eben eingenommene Mahl. Nachdem Alles weggeräumt und die Päcke auf unsern Schultern waren – nicht auf den Schultern der Indianer, denn sie ließen sich selten herab, Lasten zu tragen, was ein Geschäft für Weiber war – stellte sich Trackleß an unsere Spitze und führte uns in der bezeichneten Richtung.

Wohl verdiente, wie mir schien, der Onondago seinen Namen, wie er durch den dunklen, düstern Wald hin, ohne Pfad, ohne Merkzeichen, ohne irgend eine für ein anderes Auge erkennbare Spur seinen Weg fand. Sein Gang hielt die Mitte zwischen eigentlichem Schritt und gelindem Trab, und wir mußten alle Kraft unserer Muskeln aufbieten, um nicht hinter ihm zurückzubleiben. Er schaute weder rechts noch links, sondern schien seinen Weg zu verfolgen, geleitet von einem Instinkt, oder so wie der Hund mit der scharfen Spürkraft den unsichtbaren Spuren des Wildes folgt. Dieß dauerte etwa zehn Minuten, wo Traverse wieder Halt! rief, und wir uns zur Berathung zusammen thaten.

»Wie weit glaubt Ihr, daß es noch bis zu dem Baum sey, Onondago?« fragte der Landvermesser, sobald die ganze Gesellschaft in einem Kreise versammelt war. »Ich habe einen Grund, dieß zu fragen.«

»So viele Minuten,« antwortete der Indianer, fünf Finger, oder den Daumen und die vier Finger seiner rechten Hand emporstreckend. »Eiche mit gebrochenem Wipfel und Merkzeichen von Bleichgesichtern dort

Die Genauigkeit und Zuversicht, womit Spurlos den Punkt bezeichnete, überraschte mich nicht wenig, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein menschliches Wesen es dahin bringen konnte, eines solchen Umstandes so ganz zweifellos gewiß zu seyn unter den Umständen, worin wir uns befanden. Aber so war es, und so wies es sich am Ende aus. Inzwischen fuhr Traverse fort, seine eigenen Plane zu verfolgen.

»Da wir dem Baume so nahe sind,« sagte der Landvermesser, denn er setzte nicht den mindesten Zweifel in die Genauigkeit der Angabe des rothen Mannes, »müssen wir auch der Linie nahe seyn. Die letztere läuft auf dieser Seite des Patents nördlich und südlich, und wir werden sie bald durchkreuzen. Zerstreut Euch daher, Meßkettenträger, und seht Euch um nach Bäumen mit Brandzeichen; denn man mag mich, wo man will, auf die Grenzen hinstellen, ich stehe dafür, daß ich jede Eiche, Buche und jeden Ahornbaum finden will, der angegeben ist.«

Sobald dieser Befehl gegeben war, gehorchten sämmtliche Untergebene des Landvermessers, erweiterten ihre Marschlinie, und breiteten sich dergestalt aus, daß sie in der That viel besser im Stande waren, in größerem Umkreis Beobachtungen anzustellen. Als Alles bereit war, wurde dem Indianer ein Zeichen gegeben, weiter zu gehen. Susquesus gehorchte, und bald waren wir wieder Alle in rascher Bewegung.

Guert bei seiner Rüstigkeit und Kraft war im Stande dem Onondago zunächst zu folgen, und ein freudiger Schrei aus einer kräftigen, volltönenden Kehle verkündete zuerst das vollständige Gelingen der Nachforschung. In einem Augenblick drangen wir Uebrigen vor und hatten bald das Ziel unserer Reise erreicht. Da stand Susquesus, ruhig an den Stamm der gebrochenen Eiche sich lehnend, ohne den leisesten Ausdruck von Triumph in seiner Miene oder in seinem ganzen Wesen. Was er gethan hatte, das hatte er ganz als das Allernatürlichste gethan, ohne daß eine Anstrengung, oder eine Unsicherheit sichtbar geworden wäre. Für ihn hatte der Wald seine Zeichen und Abschnitte und Merkmale – so wie der Bewohner der ungeheuern Hauptstadt seine Mittel besitzt, in ihrem Labyrinth mit der Leichtigkeit sich zurecht zu finden, welche die Folge vertrauter, altgewohnter Bekanntschaft ist. Was Traverse betrifft, so besichtigte er zuerst den Wipfel des Baumes, wo er den angemerkten Bruch und Riß fand; dann sah er sich um nach den drei Kastanienbäumen, von welchen jeder an seinem Platze war; und dann trat er näher, um nach den bestimmten Zeichen zu sehen, die für den Mann vom Fach berechnet waren und sie fanden sich auch; drei Seiten der Eiche, nach innen gewendet, waren geschält, zum Zeichen, daß es ein Grenzbaum und Winkelbaum war; und die vierte, welche keine solche Spur an sich trug, ging nach Außen, abgewendet von dem Patent Mooseridge. Gerade als alle diese erwünschten Umstände ermittelt wurden, verkündeten die freudigen Rufe der Meßkettenträger südlich von uns, daß sie die Linie entdeckt hatten – denn Männer ihrer Art waren ebenso scharfsichtig in Auffindung ihrer eigenthümlichen Merkzeichen, wie der Eingeborne des Waldes es ist, wenn es gilt, den Weg zu finden an einem Ort wo er einmal gewesen, und den er etwa wieder besuchen will. Der Linie folgend, trafen die Männer bald bei uns ein, worauf sie uns die weitere Nachricht brachten, daß sie wirklich das Skelett des Glennthieres gefunden, welches dem Besitzthum seinen Namen gegeben hatte.

So weit war Alles gut, und unser Erfolg übertraf weit unsre Hoffnungen. Die Jäger wurden ausgesandt um eine Quelle zu suchen; und nachdem sie in geringer Entfernung eine gefunden, begaben wir uns Alle dahin und bereiteten uns für die Nacht eine Lagerstätte. Nichts konnte einfacher seyn als unser Lager, denn es bestand aus Zelten von Baumzweigen gemacht, und zu Betten hatten wir Laub und Häute. Am nächsten Tage jedoch, wo Traverse die Lage für seine Arbeit günstig fand, beschloß er die Stelle zu seinem Hauptquartier zu wählen; und wir Alle machten uns an die Errichtung eines Blockhauses, worin wir eine Zuflucht im Fall eines Gewitters finden, und wo wir unsere Werkzeuge, Geräthschaften, entbehrliche Munition und die Vorräthe, die wir auf dem Rücken tragend mit uns gebracht hatten, niederlegen könnten. Da Alle mit bestem Eifer und Fleiß an der Errichtung dieses rohen Gebäudes arbeiteten, und die Arbeiter im Gebrauch der Axt sehr bewandert waren, hatten wir es bis zum nächsten Sonnenuntergang beinahe fertig. Traverse wählte diesen Platz, weil er gutes Wasser im Ueberfluß hatte, und ein kleiner Bühl in der Nähe der Quelle war, bedeckt mit jungen Fichten, die etwa vierzehn oder fünfzehn Zoll im Durchmesser hielten, während sie beinahe hundert Fuß hoch empor wuchsen, mit wenigen Aesten, und so gerade wie der Onondago. Diese Bäume wurden gefällt, in Stücke von zwanzig und dreißig Fuß Länge zerhauen, an den Enden gekerbt und abwechselnd in einander geschoben und geschichtet, so daß sie einen Raum einschlossen, der um ein Guttheil länger war als breit. Die Kerben waren tief, so daß die Holzblöcke nur zwei oder drei Zoll von einander abstanden; und die Zwischenräume wurden mit Stücken gespaltenen Kastanienbaumholzes ausgefüllt; eine Holzart welche leicht und in geraden Linien splittert; und diese Stücke wurden fest in die Lücken hineingetrieben, so daß sie weder Wind noch Regen einließen. Da das Wetter warm und das Gebäude jedenfalls ziemlich luftig war, ließen wir die Fenstereinschnitte weg, hatten aber eine schmale Thüre in der Mitte einer der längeren Seiten. Zum Dach bedienten wir uns der Rinde der Schierlingstanne, welche in dieser Jahrszeit in großen Stücken absprang, und welche auf Pfähle gelegt wurde, die man mittelst eines Querbalkens so hoch als man wollte, ansteigen ließ.

Auf diese Art entstand eines der gewöhnlichen Blockhäuser der neuen Ansiedlungen, jedoch in kunstloserer Weise und mit größerer Eilfertigkeit als gewöhnlich der Fall war. Wir hatten keinen Kamin, denn unser Kochen konnten wir im Freien besorgen; und auf das Werk überhaupt und dessen zierliche Vollendung ward weniger Aufmerksamkeit verwendet, als wohl geschehen seyn würde, wenn wir die Absicht gehabt hätten, den Winter hier zuzubringen. Der Fußboden war ziemlich grob, aber er erhob uns etwas über die Erde und machte unser Quartier vollkommen trocken; ein Vortheil, den man in den Wäldern nicht immer hatte. Er bestand aus auf drei Seiten roh behauenen Holzblöcken auf Unterhölzern ruhend. Zu meiner Ueberraschung gab Traverse die Weisung, eine Thüre von gespaltenen Scheitern zu machen, welche mittelst Querhölzer an einander genagelt wurden und die in den gewöhnlichen hölzernen Angeln hing. Als ich von diesem als einer unnöthigen Arbeit sprach, deren Vollendung zwei Männer einen ganzen Tag in Anspruch nehme, erinnerte er mich daran, daß wir weit über die Ansiedlungen vorgedrungen sehen; daß ein lebhaft geführter Krieg rings um uns im Gange sey, und daß die Agenten der Franzosen sehr geschäftig gewesen unter unsern Stämmen, während die in Canada oft ihre Streifparteien bis weit in unsere Grenzen hinein vorschoben. Er habe immer ein Gefühl ebensowohl von Genugthuung als von Sicherheit empfunden, wenn er eine Art Citadelle gehabt, in die er sich habe zurückziehen können, wenn er Vermessungen an so ausgesetzten Punkten angestellt; und er vernachläßige daher nie die nöthige Vorsicht, wenn er sich auch nur der mindesten Gefahr ausgesetzt glaube.

Wir brauchten eine ganze Woche zur vollständigen Herstellung unseres Hauses; aber nach dem ersten Tage befaßten sich auch der Landvermesser und seine Meßkettenträger nicht mehr weiter mit dieser Arbeit, als daß sie gelegentlich einen Rath gaben. Traverse und seine Männer gingen ihrem besondern Geschäft nach, die Linien zu ziehen, um das Patent in die großen Loostheile zu vertheilen, von welchen jedes tausend Acres enthalten sollte. Es muß erwähnt werden, daß die Vermessungen zu jener Zeit in der liberalsten Weise statt fanden, so daß unsere vierzigtausend Acres, wie sich am Ende ergab, auf volle dreitausend mehr sich beliefen. So war es auch mit der Untereintheilung des Patents, von welchem jedes Stück auch mehr als die nominelle Fläche enthielt. Angebrannte Bäume und in die Rinde gehauene Merkzeichen dienten, die Linien anzuzeigen, während eine Karte gleichen Schritt mit der Arbeit hielt, und das Feldbuch eine Beschreibung jedes Loostheils enthielt, damit der Eigenthümer des Gutes einige nähere Begriffe von der Beschaffenheit des Bodens und der Oberfläche, so wie von der Beschaffenheit und Größe der darauf stehenden Bäume erhalte.

Die ursprünglichen Landvermesser, diejenigen, deren Arbeiten dem von dem König bewilligten Patent zu Grunde lagen, hatten eine vergleichungsweise geringfügige Aufgabe zu erfüllen. So lang sie nur einen erträglich richtigen Umriß von einem Areal gaben, welches vierzigtausend Acres Land, etwas mehr oder weniger, enthalten sollte, und keinen Uebergriff auf schon vergebenes Land sich zu Schulden kommen ließen, konnte kein sehr bedeutender Fehler und Schaden vorkommen, da in der Colonie kein Mangel an Bodenfläche war; aber Mr. Traverse mußte etwas mehr ins Einzelne herabsteigen. Es ist wahr, er vermaß seine hundert Acres täglich, indem er die Winkel bezeichnete und die auf der Linie stehenden Bäume anschälte oder anbrannte, wie es der Brauch ist; aber er hatte doch nahezu die Arbeit eines Sommers vor sich; dieß begriff er sehr gut, und sein Verfahren war so methodisch und überlegt, wie die Beschaffenheit seiner Lage und Aufgabe es erheischte.

In sehr wenigen Tagen waren die Dinge in ordentlichen Gang gekommen und Jeder auf irgend eine nutzenbringende Weise beschäftigt. Die landvermessende Gesellschaft machte sehr befriedigende Fortschritte und theilte und maß ihre größern Loose von einem Tage zum andern ab, während Dirck und ich die Bemerkungen über ihre Beschaffenheit aufsetzten, welche Mr. Traverse uns diktirte. Guert that Wenig außer Schießen und Fischen, und hielt unsere Vorrathskammer gut versehen mit Forellen, Tauben, Eichhörnern und dergleichen, so gut die Jahreszeit es gestattete, wo man doch manchmal auf ein freilich mageres Stück Wildpret stieß. Die Jäger lieferten auch ihren Theil Nahrungsmittel; und es ging uns in diesem Punkte ganz gut, zumal da es Forellen im Ueberfluß gab. Yaap, oder Jaap, wie ich ihn in Zukunft nennen will, und Pete verrichteten die häuslichen Geschäfte und übernahmen die Rolle von Köchen und Aufwärtern, obgleich der Erstere viel besser geeignet war den Dienst eines Waldmanns zu versehen. Die zwei Indianer thaten die ersten vierzehn Tage nicht viel, als zwischen Ravensnest und Mooseridge hin und her laufen, wobei sie Briefe und Botschaften hin und her trugen und den Jägern als Führer dienten, welche während dieser Frist auch zweimal hin und her gingen, um uns Vorräthe von Mehl, Gewürzen und sonstigen Bedürfnissen zu holen; denn kein Versprechen vermochte die Indianer dazu, Etwas zu tragen, was entweder dem Gewicht oder dem Aussehen nach sich einer Last näherte.

Die landvermessende Gesellschaft kehrte nicht immer des Nachts in die Hütte zurück, sondern kampirte auswärts, wie sie es nannten, so oft ihr Geschäft sie weit auf die entgegengesetzte Seite des Landstrichs führte. Mr. Traverse hatte den Punkt für sein Hauptquartier mehr im Hinblick auf die Nähe der Ansiedlung zu Ravensnest gewählt, als mit Berücksichtigung der Lage des Patents im Ganzen. Es lag so ziemlich in der Mitte des Patents, was die nördliche und südliche Grenze betraf, aber ganz auf der westlichen Seite des Besitzthums. Wie sich daher die Vermessungen nach Osten hin zogen, war er oft zu weit von dem Gebäude entfernt, als daß er jede Nacht zurückkommen konnte, obgleich sein Ausbleiben nie über den Abend des dritten Tages hinaus sich erstreckte. In Folge dieser Einrichtung waren seine Leute im Stande, die Nahrungsmittel, deren sie für die Zeit ihres Wegseyns bedurften, ohne Unbequemlichkeit mit sich zu führen, und sie kamen zurück, um frische Vorräthe zu holen, wenn die gezogenen Linien sie wieder nach Westen führten. Die Sonntage wurden von uns Allen streng als Ruhetage gehalten; eine Achtung des geheiligten Tages, an die man sich in den Wäldern nicht immer bindet; denn Wer in der Einsamkeit der Wälder lebt, wie derjenige, der über die Wüsten des Oceans dahinschweift, vergißt oft, daß der Geist des Schöpfers uns gleichmäßig auf dem Land und auf dem Meer nahe ist, bereit die Huldigung von seinen Geschöpfen zu empfangen, welche ein Tribut ist, den sich gebührt zu zollen einer unbegrenzten Güte, einer fleckenlosen Heiligkeit, einer wesenhaften, unveränderlichen Wahrhaftigkeit.

Wenn Jumper oder Trackleß von ihren beständig erneuten Besuchen bei unsern Nachbarn zurückkamen, erwarteten wir jungen Leute mit Ungeduld den Brief, welchen der Bote gewiß mitbringen mußte; dieser Brief war manchmal von Herman Mordaunt selbst geschrieben, öfter aber von Anneke oder von Mary Wallace. Er war an Keinen namentlich adressirt, sondern hatte immer die gleiche Überschrift: »An die Einsiedler von Mooseridge;« auch lag in der Sprache Nichts, was eine besondere Aufmerksamkeit für den Einen oder den Andern von der Gesellschaft verrathen hätte. Vielleicht hätte es uns besser gefallen, wenn wir hätten Briefe bekommen können, welche in diesem Punkte ein etwas schärferes Gepräge gehabt hätten; aber die uns wirklich zukommenden waren viel zu köstlich, als daß sie wirklich ernsten Grund zu Klagen hätten geben können. Einer von Herman Mordaunt erreichte uns am Abend des zweiten Samstags, wo unsere ganze Gesellschaft zu Hause und ums Nachtessen versammelt war. Er wurde überbracht von dem »Spurlosen« und enthielt unter Anderem Folgendes:

»Wir erfahren, daß bei den Armeen die Sachen jede Stunde ein ernsthafteres Aussehen bekommen. Unsere Truppen rücken in großen Schaaren nach Norden vor, und man sagt, daß die Franzosen Verstärkungen an sich ziehen. Da wir außer der geraden Marschlinie und volle dreißig Meilen hinter den alten Schlachtfeldern uns befinden, würde ich gar keine Besorgnisse empfinden, wäre nicht ein Gerücht, das mir zu Ohren kommt, daß die Wälder voll von Indianern seyen. Ich weiß recht gut, daß ein solches Gerücht unausbleiblich das Herannahen von Feindseligkeiten an den Grenzansiedlungen begleitet, und nur mit großen Einschränkungen geglaubt werden darf, aber es ist so wahrscheinlich, daß die Franzosen ihre Wilden auf dieser Flanke unserer Armee vorschieben werden, um sie im Vorrücken zu belästigen, daß ich gestehen muß, das Gerücht macht einigen Eindruck auf mich. Wir haben uns noch stärker befestigt, und ich möchte Euch rathen, eine solche Vorsicht nicht ganz zu vernachläßigen. Die kanadischen Indianer sollen schlauer und feiner seyn als die unserigen, auch ist die Regierung nicht ganz ohne Besorgniß, es möchten auch die unserigen gegen uns aufgestiftet worden seyn. Es hieß schon in Albany, man habe viel französisches Silbergeld in den Händen der Leute von den Sechs Nationen gesehen; und selbst französische Decken, Messer und Tomahawks fänden sich in größerer Menge bei ihnen, als sich aus den gewöhnlich bei ihrer Kriegführung vorkommenden Plünderungen erklären lasse. Einer von Euren Läufern, der Mann, den man Trackleß nennt, soll ausserhalb seines eignen Stammes leben, und solche Indianer sind immer verdächtig. Ihre Trennung von den Ihrigen rührt manchmal von Ursachen her, die ihnen zur Ehre gereichen, weit öfter aber von Ursachen entgegengesetzter Art. Es dürfte gerathen seyn, ein wachsames Auge auf das Benehmen dieses Menschen zu haben. Am Ende stehen wir aber in den Händen eines gütigen und gnädigen Gottes, und wir wissen, wie oft seine Barmherzigkeit uns in schwereren Fällen und Gefahren als diese gerettet hat.«

Dieser Brief ward mehrere Male von uns, Mr. Traverse eingeschlossen, gelesen. Da die Meisten von unsrer Gesellschaft so weit von uns weg, daß sie uns nicht hören konnten, mit Essen beschäftigt waren, und die Indianer uns verlassen hatten, veranlaßte der Brief natürlich ein Gespräch, welches sich mit den Gefahren beschäftigte, denen wir ausgesetzt waren, und mit der Wahrscheinlichkeit, daß der Susquesus falsch seyn könnte.

»Was das Gerücht anlangt, daß die Wälder voll von Indianern seyen,« bemerkte der Landvermesser ruhig, »so verhält es sich damit ganz so, wie Herman Mordaunt schreibt – man sieht nie eine Decke, ohne daß die Sage einen ganzen Ballen daraus macht. Es steht Gefahr zu besorgen von den Wilden, das will ich zugeben, aber nicht halb so viel als die Ansiedler sich gewöhnlich einbilden. Was die Franzosen betrifft, so werden sie aller ihrer Wilden bei Ty benöthigt seyn; denn man hat mir gesagt, General Abercrombie rücke mit dreifach stärkerer Mannschaft gegen sie an.«

»Wenigstens mit so großer Ueberlegenheit,« versetzte ich; »aber ist es nicht am Ende doch wahrscheinlich, daß ein scharfblickender Offizier in der hier angegebenen Weise seine Flanke zu beunruhigen suchen sollte?«

»Wir befinden uns volle vierzig Meilen östlich von der Marschlinie; und wie sollten sich einzelne Parteien so fern vom Feinde weg ziehen?«

»Selbst bei dieser Voraussetzung würden die Feinde gerade zwischen uns und unsre Freunde zu stehen kommen; an sich eine nicht sehr tröstliche Aussicht. Aber was haltet Ihr von der Warnung den Onondago betreffend?«

» Daran mag etwas Wahres seyn – mehr als an dem Gerücht, daß die Wälder voll von Wilden seyen. Es ist gewöhnlich ein schlimmes Zeichen, wenn ein Indianer seinen Stamm verläßt; und dieser unser Läufer ist ganz gewiß ein Onondago; das weiß ich, denn der Bursche hat zweimal Rum ausgeschlagen. Brod nimmt er, so oft man es ihm anbietet; aber Rum hat seine Lippen nicht benetzt, seit ich ihn gesehen habe, mochte man ihm denselben bei schönem oder schlechtem Wetter anbieten.«

»Das ist ein schlimmes Zeichen,« bemerkte Guert, in einem für ihn etwas zuversichtlich behauptenden Tone. »Der Mann, der in guter Gesellschaft sein Glas ausschlägt, hat gewöhnlich etwas Fehlerhaftes in seinem moralischen Charakter. – Ich halte mich immer entfernt von solchen Burschen.«

Der gute Guert! Wie wahr war dieß, und welch einen Einfluß hatte die Meinung auf seinen Charakter und seine Lebensgewohnheiten. Ich selbst konnte den Indianer nicht so hart beurtheilen. In seinem Gesicht lag Etwas, das mich geneigt machte, Vertrauen in ihn zu setzen, in dem Augenblick, wo sein kaltes, abwesendes Benehmen – kalt und abwesend selbst für eine Rothhaut in Gesellschaft von Bleichgesichtern – Zweifel und Mißtrauen erregte.

»Gewiß, Nichts ist für einen Mann in seiner Lage leichter, als uns zu verkaufen,« versetzte ich nach einer kurzen Pause, »wenn er dazu Lust hat. Aber was könnten die Franzosen damit gewinnen, wenn sie eine so friedlich beschäftigte Gesellschaft wie diese abschnitten? Es kann für sie von keiner Bedeutung seyn, ob Mooseridge dieß Jahr oder das nächste in Loostheile vermessen wird.«

»Ganz wahr; und ich bin der Meinung, daß es Monsieur Montcalm sehr gleichgültig ist, ob es überhaupt vermessen wird oder nicht,« erwiederte Traverse, der ein gescheidter und leidlich gebildeter Mann war. »Ihr vergeßt jedoch, Mr. Littlepage, daß beide Parteien dergleichen Dinge ausbieten, wie Preise für Skalpe! Ein Hurone kümmert sich wohl wenig um unsre Linien, Winkel und Markbäume; aber er kümmert sich viel darum, ob er mit leerer Schnur wieder heim kommt, oder mit einem Halbdutzend menschlicher Skalpe an seinem Gürtel.«

Ich bemerkte, daß Dirck mit der Hand durch sein buschiges Haar fuhr und sein für gewöhnlich so gleichmüthiges Gesicht einen entrüsteten und halb wilden Ausdruck annahm. Etwas belustigt dadurch schritt ich nach dem Holzblock hin, auf welchem Susquesus, nachdem er seine Mahlzeit beendigt hatte, in ernstem Schweigen saß.

»Was bringt Ihr uns Neues von den Rothröcken, Trackleß?« fragte ich mit so vieler Unbefangenheit, als ich annehmen konnte. »Sind sie in hinlänglicher Anzahl auf den Beinen, die Franzosen aufzufressen?«

» Seht die Blätter an; zählt sie,« antwortete der Indianer.

»Ja, ich weiß, es ist ihrer eine große Menge; aber was haben die Rothhäute im Sinne? Ist die Streitaxt begraben bei den sechs Nationen, daß Ihr Euch damit begnügt, ein Läufer zu seyn, während um Tikonderoga herum Skalpe zu holen seyn dürften?«

»Susquesus ist ein Onondago,« versetzte der rothe Mann, einen starken Nachdruck auf den Namen seines Stammes legend. »Kein Mohawk-Blut fließt in seinen Adern. Sein Volk gräbt diesen Sommer die Streitaxt nicht heraus.«

»Warum nicht, Trackleß? Ihr seyd Verbündete der Yengeese, und solltet uns Euren Beistand leihen, wenn wir ihn bedürfen.«

»Zählt das Laub, zählt die Yengeese. Zu viel für Ein Heer. Brauchen keine Onondago's.«

»Das mag vielleicht wahr seyn, denn wir sind sehr stark. Aber wie ist es mit den Wäldern? Sind sie ganz frei von Rothhäuten in so unruhigen Zeiten wie diese?«

Susquesus machte ein ernstes Gesicht, gab aber keine Antwort. Doch suchte er nicht dem scharfen Blick auszuweichen, den ich auf sein Angesicht heftete, sondern saß gefaßt, ernst, starr vor sich hinschauend, da. Wohl wissend, wie vergeblich es ist, aus einem Indianer Etwas herausbringen zu wollen, wenn er einmal nicht geneigt ist, sich mitzutheilen, hielt ich für das Klügste, das Gespräch zu ändern. Dieß that ich, indem ich einige allgemeine Fragen über den Zustand der Flüsse an ihn richtete, die er mir alle beantwortete, worauf ich ihn verließ.

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