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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Siebzehntes Kapitel.

Mein Herz jauchzt auf, so oft ich schau'
    Den Regenbogen entglommen!
So war es als mein Leben begann,
So ist es jetzt, wo ich ein Mann,
So sey es, wenn ich werde grau, –
    Sonst – sey mir der Tod willkommen!
Das Kind ist der Vater von dem Mann;
    Und mir sey immer Tag an Tag gereiht
    Durch stetes Band urkräft'ger Frömmigkeit.
Wordsworth.

Nur noch fünf Minuten auf dem Eise des Hauptkanals, und wir wären fortgeschwemmt worden. Während wir da saßen und die furchtbare Gewalt der raschen Strömung betrachteten, sah ich, so gut das Dämmerlicht dieser wolkigen Nacht es erlaubte, Guert Ten Eyck's Schlitten an uns vorbei gerissen; und nur eine Minute später folgte Herman Mordaunt's Schlitten; und die armen erschöpften Thiere kämpften sich von ihrem Geschirr zu befreien, um durch Schwimmen ihr Leben zu retten. Anneke hörte das Schnauben dieser unglücklichen Thiere; aber ihr ungeübtes Auge entdeckte sie, die in der Strömung tief eingesunken waren, nicht; auch hatte sie in dem an uns vorbeibrausenden Schlitten nicht den Schlitten ihres Vaters erkannt. Etwas später ertönte ein kläglicher Schrei von einem der gefesselten Pferde – ein herzzerreißender Schrei, wie ihn bekanntlich das Pferd öfters ausstößt. Ich sagte Nichts darüber, da ich wußte, daß die Liebe zu ihrem Vater ein Hauptsporn war, welcher meine Begleiterin zur äußersten Kraftanstrengung angetrieben hatte, und ich nicht Befürchtungen rege machen wollte, die im Augenblick schlummerten.

Zwei oder drei Minuten Rast waren Alles, was uns die Umstände gestatteten. Ich bemerkte, daß Alles, was auf dem Fluß sichtbar war, in Bewegung abwärts begriffen war; die Schichten von Eis, auf welchen wir uns befanden, ebenso wie die Schollen, welche in ihrem rascheren Zuge an uns vorbei blinkten. Unsere Bewegung war langsam, in Folge der gewaltigen Masse, welche ohne Zweifel auf die Untiefen der westlichen Seite des Stromes drückte, so wie auch in Folge der Reibung an den Eisfeldern auf den Seiten und manchmal auch an der Küste. Aber doch waren wir in Bewegung; und ich erkannte die Notwendigkeit, jedenfalls so bald als möglich auf den westlichen Saum unserer schwimmenden Insel zu kommen, um irgend ein günstiges Vorkommniß, welches einträte, uns zu Nutze zu machen.

Die liebe Anneke! – Wie bewundernswürdig sie sich benahm, in jener entsetzlichen Nacht! Von dem Augenblick an, wo sie wieder ihr völliges Bewußtseyn gewann, nachdem ich sie auf dem Boden des Schlittens betend gefunden, bis zu dem jetzigen Zeitpunkt hatte sie mich bei meinen Versuchen und Anstrengungen so wenig gehemmt und beschwert, als dieß nur irgend möglich und denkbar war. Vernünftig, entschlossen, sich Allem fügend, und ganz frei von aller unzeitigen Aeußerung weiblicher Aengstlichkeit hatte sie Alles, was ich sie zu thun anwies, ohne Besinnen und mit einsichtiger Klugheit gethan. Beim Ersteigen des Eishügels – unter allen Umständen ein nicht leichtes Unternehmen, – waren wir im vollkommenen Einklang zu Werke gegangen; jede meiner Anstrengungen war durch eine entsprechende von ihrer Seite unterstützt worden, wobei mein Rath und meine größere Erfahrung sie leitete.

»Gott hat uns bisher nicht verlassen, theuerste Anneke,« sagte ich jetzt, nachdem die Kraft meiner Begleiterin wieder einigermaßen zurückgekehrt schien, »und wir dürfen wohl noch auf Rettung hoffen. Ich kann mir schon ganz die Freude denken, womit wir das Herz Eures Vaters beglücken werden, wenn er Euch wieder unverletzt und in Sicherheit in seine Arme schließt!«

»Mein lieber, guter Vater! Welche Todesangst muß er jetzt meinetwegen ausstehen! Kommt, Corny, laßt uns sofort zu ihm uns auf den Weg machen, wenn es möglich ist!« Mit diesen Worten stand das köstliche Mädchen auf und legte ihren Halspelz in einer Weise zurecht, daß er sie nicht hindern sollte, – wie Jemand, der bereit ist, mit Aufbietung aller Kräfte zur Ausführung einer ernsten Aufgabe zu schreiten. Den Muff hatte sie auf dem Fluß fallen gelassen, denn Keines von uns hatte irgend Empfindlichkeit für die Kälte. Jedoch war die Nacht für diese Jahreszeit ganz mild, und wir hätten wahrscheinlich auch bei weniger gewaltsamen Anstrengungen nicht vom Froste gelitten. Anneke erklärte sich bereit, weiter zu gehen; und ich machte mich sofort an die schwierige und bedenkliche Aufgabe, ihr über eine Insel aus Eisstücken hinüber zu helfen, um deren westlichen Rand zu erreichen. Wir standen volle dreißig Fuß hoch in der Luft, und ein Fall in eine der zahlreichen Höhlen und Vertiefungen, zwischen welchen unser Weg hinging, wäre wohl tödtlich gewesen, hätte wenigstens die schlimmsten Verletzungen zur Folge gehabt. Dann war auch die Oberfläche des Eises so glatt, daß darauf zu gehen eine sehr kitzliche Aufgabe war, zumal da die Schollen in jeder Art von schiefen Senkungen da lagen. Zum Glück trug ich hirschlederne Moccasins über meinen Stiefeln: und dieß rauhe Leder half mir gar sehr, fest auf den Füßen mich zu halten. Auch Anneke hatte Uebersocken von Tuch; ohne diese hätte sie, glaube ich, unmöglich vorwärts kommen können. Mittelst dieser Fußbekleidungen jedoch, und indem wir mit der äußersten Vorsicht dahin schritten, war es uns wirklich gelungen, unsern Zweck zu erreichen, als die schwimmende Masse in einen Wirbel hineinschoß, und in Folge dieser neuen Einwirkung sich langsam umdrehend, uns wieder auf die äußere Seite der Insel versetzte! Kein Laut des Murrens entfuhr Anneke bei dieser Vereitlung unserer Hoffnung; sondern mit einer Sanftmuth, welche bündiger als alle Worte es vermocht hätten, von der natürlichen Trefflichkeit ihrer Gemüthsart zeugte, erklärte sie sich bereit, ihre Anstrengungen zu erneuern. Darein wollte ich jedoch nicht willigen; denn ich sah, daß der Strudel uns beständig umtrieb; und ich hielt für das Beste, uns seinem Einfluß wo möglich ganz zu entziehen, statt unsere Kräfte nutzlos zu verschwenden. Statt daher wieder über den Eisberg zurück zu klimmen, sagte ich meiner holden Begleiterin, wir wollten auf eine Scholle herabzusteigen suchen, welche eben auf dem Wasser lag, und gegen die übrige Masse so vorsprang, daß sie das Ufer berühren mußte, falls wir demselben wieder näher kamen. Dieß Herabsteigen ward mit nicht geringer Mühe und Angst bewerkstelligt, aber ich war genöthigt, Anneke gänzlich in meine Arme zu nehmen, um es zu vollführen. Wirklich vollführte ich es auch; und ich setzte das süße Mädchen unverletzt an meiner Seite nieder auf der äußersten und niedersten Scholle unserer wirren Eisschichte.

In einigen Beziehungen war dieß eine günstige Veränderung; in anderer verbesserte sie unsere Lage eben nicht. Anneke und ich kamen dadurch hinter einen Schutz und Schirm gegen den Wind zu stehen, der, obwohl weder sehr stark noch sehr kalt, doch märzenhaft genug war, um uns diesen Wechsel angenehm finden zu lassen. Auch wurde meine Begleiterin einer Stellung enthoben, wo die Bewegung schwierig und oft gefährlich war, und auf ein ebenes, gleichmäßiges Terrain versetzt, wo sie sicher und leicht hinschreiten und sich durch Bewegung das Blut im Umlauf erhalten konnte. Auch befanden wir uns nunmehr in der möglichst besten Lage, jede Berührung des Ufers, in dessen Nähe jetzt unsere Insel langsam dahintrieb, uns zu Nutze zu machen.

Ueber den Zustand des Flusses überhaupt konnte kein Zweifel mehr seyn. Er war aufgebrochen; der Frühling war gekommen, wie ein Dieb in der Nacht; und da das Eis unten gewichen war, während die Masse oben zu viel Gewalt gewonnen hatte, als daß ihr Etwas hätte widerstehen können, war Alles in Bewegung gekommen; und, wie beim Tode eines starken Mannes, hatte die Losreissung und Zertrümmerung von an sich so dicken und festen Eisfeldern einen Kampf herbeigeführt, welcher den gewöhnlichen Kampf der Jahreszeiten weit hinter sich ließ. Dennoch hatte die Bewegung abwärts ernstlich begonnen, und die Mitte des Stromes war wie eine geöffnete Schleuse, in ihrer Strömung die Massen fortreißend, welche so eben noch oben ein so drohendes Hinderniß gebildet hatten. Zum Glück war unser Eishügel etwas seitwärts von dem großen Zug und Strom abwärts. Ich habe seither gedacht, er habe Wohl den Grund berührt, was seine Bewegung hemmte, und auch bewirkte, daß er sich drehte. Wie dem auch seyn mochte, wir blieben in einer kleinen Bucht, langsam uns im Kreise herum drehend; und mit Freuden sah ich, daß unsere niedere Scholle durch die Drehung wieder dem westlichen Ufer ganz nahe gerückt wurde. Jetzt erheischte der Augenblick Entschlossenheit; und ich bereitete Anneke darauf vor, zu Allem gefaßt zu seyn. Eine große, niedere, glatte Scholle hatte an das Ufer hingetrieben, und ragte so weit vor, daß wir uns versprechen durften, unsere Scholle werde sie in ihrer kreisenden Bewegung berühren. Ich wußte, daß das Eis im Ganzen durchaus nicht in Folge seiner eigenen Schwäche gebrochen war, sondern rein nur in Folge der Wucht eines ungeheuern Drucks von oben und der gewaltigen Macht der Strömung; und daß wir wenig oder keine Gefahr liefen, wenn wir uns auch dem äußersten Rande eines irgend beträchtlichen Stückes anvertrauten. Daher nahmen wir unsere Stellung in der Nähe eines Vorsprungs der Scholle, auf welcher wir standen, worauf wir die gehoffte Berührung erwarteten. In solchen Augenblicken wirkt das mindeste Fehlschlagen der Hoffnung mit der Gewalt der wichtigsten Ereignisse. Mehrere Male schien uns unsere Insel auf dem Punkte zu seyn, die feststehende Eisscholle zu berühren, und ebenso oft neigte sie sich auf die Seite; und nie kamen wir derselben näher, als auf sechs bis acht Fuß. Diese Entfernung zu überspringen wäre für mich leicht genug, gewesen; für Anneke aber war es eine so unübersteigliche Kluft als der grenzenlose Abgrund. Das holde Mädchen erkannte dieß; und sie benahm sich unter diesen Umständen ganz so, wie es von ihr zu erwarten war. Sie ergriff meine Hand, drückte sie, und sagte ernst und mit süßer Ergebung und Geduld:

»Ihr seht, wie es steht, Corny; es ist mir nicht bestimmt, mich zu retten; aber Ihr könnt leicht das Ufer erreichen. Geht denn, und laßt mich in der Hand der Vorsehung. Geht! ich werde nie vergessen, was Ihr schon für mich gethan habt; aber es hilft Nichts, wenn wir miteinander umkommen.«

Ich habe nie gezweifelt, daß es Anneke'n vollkommen Ernst war mit ihrem Wunsche, ich wenigstens solle mein Leben retten. Das Gefühl, womit sie sprach, die Verzweiflung, die sich ihrer bemächtigte, und die Bewegung unserer Eisinsel, welche in diesem Augenblick Miene machte, ganz vom Ufer wegschießen zu wollen, machte in mir den Gedanken eines allerdings sehr gewagten und kühnen Versuchs rege. Ich zittere selbst noch nach so langer Zeit, indem ich die nähern Umstände niederschreibe. Eine kleine Eisscholle schwamm eben zwischen uns und derjenigen, welche fest am Ufer lag. Ihre Größe war so, daß sie zwischen beiden durchpassiren konnte, doch nicht ohne ihnen nahe und wenigstens mit einer, wo nicht mit beiden in Berührung zu kommen. Ich bemerkte das Alles; und Anneke'n ein Wort der Ermuthigung zurufend, schlang ich einen Arm um ihren Leib – wartete den geeigneten Augenblick ab und sprang vorwärts. Ich mußte, mit meiner kostbaren Bürde im Arm, einen kurzen Satz machen, um diese schwimmende Brücke zu gewinnen; aber er war geschehen und war gelungen. Kaum Anneke'n Zeit lassend, mit dem Fuß diesen zerbrechlichen Haltpunkt zu berühren, der unter unserer beiderseitigen Last schon zu sinken begann, passirte ich mit zwei oder drei Schritten die Scholle und raffte all meine Kraft zu einer letzten, verzweifelten Anstrengung zusammen. Auch dießmal gelang es; und ich erreichte die festere Scholle mit einem Herzen ganz erfüllt von Dank gegen Gott; die Empfindung beim Auftreten sagte mir sogleich, daß wir gerettet waren; und im nächsten Augenblick erreichten wir die feste Erde. Unter solchen Umständen schaut man sich gewöhnlich um, die eben überstandene Gefahr noch einmal recht ins Auge zu fassen. Das that auch ich; und ich sah, daß die schwimmende Eisscholle schon hinabgetrieben, und außer unserm Bereich war; während die Masse, welche das Mittel unserer Rettung gewesen, ihr langsam folgte, von der wüthenden Strömung des Flusses aufs Neue ergriffen und fortgedrängt. Aber wir waren gerettet; und aufs inbrünstigste dankte ich meinem Gotte, der uns so gnädig aus so drohenden Gefahren durch seinen Beistand gerettet hatte.

Ich war genöthigt, auf Anneke zu warten, welche auf ihre Kniee fiel und eine volle Minute im Gebete liegen blieb, ehe ich ihr den steilen Abhang hinauf helfen konnte, welcher an dieser Stelle das westliche Ufer des Hudson bildete. Wir erreichten jedoch binnen kurzer Frist die Uferhöhe, nachdem wir ein paar Male stehen geblieben, um Athem zu schöpfen; und jetzt erst übersahen wir ganz die wahre Beschaffenheit der Scene, der wir nunmehr glücklich entronnen waren. So trüb das Licht war, so reichte es doch hin, um von diesem höhern Standpunkte aus eine beträchtliche Strecke des Flusses zu übersehen. Der Hudson glich einem Chaos, das zwischen den hohen Ufern hin in wildem sich Ueberstürzen dahin brauste. Mit Eisschollen, welche zum Theil einzeln vorbeischoßen, zum Theil haushoch emporgethürmt waren, war natürlich der Strom gefüllt; aber einen großen, dunkeln Gegenstand sah man eben den Kanal herabkommen, auf welchem Anneke und ich vor nicht einer Stunde gestanden hatten, der sich in der Strömung mit entsetzlicher Schnelligkeit bewegte. Es war ein Haus; ein nicht sehr bedeutendes zwar, aber doch groß genug, um dem Auge auf dem Fluß aufzufallen. Eine ziemlich ansehnliche Brücke folgte; und eine Schaluppe, welche auf den Werften von Albany weggerissen worden war, wurde bald darauf sichtbar in dieser seltsamen Gesellschaft, welche sich so plötzlich auf dieser großen Pulsader der Colonie zusammen fand.

Aber es war spät Abends; ich hatte noch für Anneke zu sorgen; es war nothwendig ein Obdach zu suchen. Fortwährend meine holde Begleiterin unterstützend, welche jetzt ihre Besorgnisse wegen ihres Vaters und der andern Freunde zu äußern begann, schlug ich den Weg landeinwärts ein, da ich wußte, daß eine Landstraße dem Fluß parallel und nicht weit entfernt von ihm hinlief. Wir erreichten binnen zehn Minuten diese Straße und wandten uns dann nördlich, weil diese Richtung nach Albany führte. Wir waren noch nicht weit gekommen, als ich die Stimme von Männern hörte, die gegen uns kamen, und hoch erfreut war ich, darunter die Stimme Dirck Follock's unterscheiden zu können. Ich rief ihnen laut zu, und die Antwort darauf war ein Jubelgeschrei, der, wie ich nachher vernahm, ihm unwillkürlich entfuhr, als er die Gestalt Anneke'ns erblickte und erkannte. Dirck war entsetzlich aufgeregt und erschüttert, als wir mit ihm zusammentrafen; ich hatte nie früher einen ähnlichen Gefühlsausbruch an ihm gesehen, und einige Zeit stand es an, bis ich mit ihm sprechen konnte.

»Natürlich ist Eure ganze Gesellschaft in Sicherheit?« fragte ich in etwas zweifelndem Tone; denn ich hatte in der That Alle, die in Herman Mordaunt's Schlitten gewesen, verloren gegeben.

»Ja, Gott sey Dank, Alle, bis auf den Schlitten und die Pferde. Aber wo sind Guert Ten Eyck und Miß Wallace?«

»Ans Ufer gegangen auf der andern Seite des Flusses; wir trennten uns und sie schlugen jene Richtung ein, während wir uns hieher wandten.« Ich sagte das, um Anneke'ns Besorgnisse zu beschwichtigen, aber ich war in Angst, ob sie wirklich überhaupt das Land erreicht hätten. »Aber laßt mich nun hören, auf welche Weise Ihr der Gefahr entkommen seyd.«

Dirck erzählte uns nun was vorgegangen war; und die ganze Gesellschaft kehrte mit uns um, sobald ich ihnen sagte, daß ihr Zweck – die Pferde aufzusuchen, – ein nicht mehr zu erreichender sey. Folgendes war das Wesentliche dessen, was wir vernahmen: bei dem ersten Versuch, das westliche Ufer zu gewinnen, war Herman Mordaunt wirklich auf das von Guert vorausgesehene Hinderniß gestoßen, und er wandte sich südlich in der Hoffnung, wenn er weiter von dem oben entstandenen Damm sich entfernte, einen Platz zu finden, wo er ans Land kommen könnte. Nach wiederholten Versuchen, bei welchen nahezu der Schlitten und die ganze Gesellschaft untergegangen wären, erreichten sie einen Punkt, wo Herman Mordaunt beschloß, auf jede Gefahr hin seine Begleiterin ans Ufer zu bringen. Dieß sollte geschehen durch Uebersetzen über schwimmende Eisschollen, in einer Strömung, welche schon die Geschwindigkeit von vier oder fünf Meilen auf die Stunde hatte. Dirck blieb zurück, um über die Pferde zu wachen, während der Versuch angestellt wurde; als er aber die Abenteurer in großer Gefahr sah, eilte er zu ihrem Beistand herbei, worauf die ganze Gesellschaft, wiewohl nicht tief, im Wasser einsank. Sich selbst überlassen und erschreckt durch das Plätschern im Fluß und das Knirschen der Eisschollen, gingen Herman Mordaunt's Rothbraune in der Verwirrung des Augenblicks durch. Der Mrs. Bogart wurde der nöthige Beistand geleistet um ans Land zu kommen, und die nächste Wohnung zu erreichen, – ein behagliches Pächterhaus, etwa eine Viertelmeile von dem Punkt entfernt, wo wir die Gesellschaft getroffen hatten. Dort war Mrs. Bogart in ein warmes Bett gebracht und die Gentlemen mit trockenen Kleidern versehen worden, so gut die ländliche Garderobe dieser einfachen Leute sie zu liefern vermochte. Nachdem der Kleiderwechsel vorgenommen war, machte sich Dirck wieder auf den Weg, um, wie schon erwähnt, zu erkunden, was aus dem Schlitten und den Pferden geworden sey.

Auf meine Erkundigungen erfuhr ich, daß die Stelle, wo Anneke und ich ans Land gestiegen waren, volle drei Meilen unter der Insel sich befand, auf welche Guert und ich den Schlitten gezogen hatten. Beinahe diese ganze Strecke waren wir mit dem Berg von zertrümmertem Eis, während der kurzen Zeit, die wir darauf gewesen, hinabgeschwommen; ein Beweis von der rasenden Eile, womit die Strömung dahinbrauste. Niemand hatte Etwas von Guert und Mary gehört; aber ich ermuthigte meine Begleiter zu dem Glauben, sie müßten ganz gewiß wohlbehalten auf dem andern Ufer des Flusses seyn. Allerdings hielt ich dieß selbst für sehr zweifelhaft, aber es nützte ja Nichts, sich im Voraus das Schlimmste vorzustellen.

Als wir das Pächterhaus erreichten, da kann man sich Herman Mordaunt's Entzücken und Dankbarkeit leichter vorstellen, als schildern. Er schloß Anneke an sein Hetz und sie weinte wie ein Kind an seiner Brust. Auch ich ward nicht vergessen bei dieser rührenden Scene, sondern wurde zu meiner vollen Befriedigung berücksichtigt.

»Ich brauche Nichts von den nähern Umständen zu hören, edler junger Mann,« – ich habe mir zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit zu schreiben, und man muß es mir verzeihen, wenn ich derlei Dinge berichte, aber – »Ich brauche Nichts von den nähern Umständen zu hören, edler junger Mann,« sagte Herman Mordaunt, meine Hand pressend, »um überzeugt zu seyn, daß ich, nächst Gott, das Leben meines Kindes zum zweiten Mal Euch verdanke. Ich wünschte zu Gott! – aber lassen wir das – es ist jetzt zu spät– eine andere Art und Weise kann und muß sich darbieten. Ich weiß kaum, was ich sage, Littlepage, aber was ich meine, ist: ich möchte nur, wenn auch schwach, einen kleinen Theil der Dankbarkeit an den Tag legen, die ich fühle, und Euch zu erkennen geben, wie tief und aufrichtig Eure Dienste empfunden und gewürdigt werden.«

Der Leser mag es sonderbar finden, daß diese unzusammenhängende, aber inhaltsschwere Rede für den Augenblick wenig Eindruck auf mich machte, abgesehen von der wohlthuenden Ueberzeugung, Anneke'n und ihrem Vater wirklich den größten möglichen Dienst geleistet zu haben; aber später hatte ich bessere Gelegenheit, mich derselben zu erinnern. Es ist unnöthig bei den Vorfällen in dem Pächterhause ausführlicher zu verweilen. Die guten Leute thaten, was sie konnten, es uns behaglich zu machen, und binnen einer halben Stunde waren wir Alle warm im Bette.

Am folgenden Morgen ward ein Wagen bespannt, und wir verließen diese einfachen Landleute, Männer und Frauen, – welche jede Art Belohnung oder Ersatz ablehnten, als Etwas, das sich von selbst verstehe, – und begaben uns nach Hause. Ich habe behaupten hören, wir Amerikaner seyen lohnsüchtig; das mag seyn; aber wahrscheinlich gibt es keinen Menschen in den Colonien, der sich für eine solche Hülfeleistung Geld bezahlen ließe! Wir brauchten zwei Stunden, bis wir mit diesem Fuhrwerk Albany erreichten und fuhren gegen zehn Uhr in der Stadt ein, in ganz anderm Aufzug, als wir sie am Tage zuvor verlassen hatten. Im Hinfahren führte uns die Heerstraße häufig auf Punkte, wo man die Aussicht auf den Fluß hatte, und wir bekamen somit oft Gelegenheit, uns von den Folgen der Ueberschwemmung zu überzeugen. Eis war sehr wenig mehr da. Da und dort sah man noch eine Scholle oder einen Haufen am Ufer haften und gelegentlich schwammen einzelne Stücke hinab; aber im Ganzen hatte der Strom alles rein vor sich her fortgeschwemmt. Ich richtete mein Augenmerk besonders auf die Insel, wo wir Zuflucht gesucht hatten. Sie stand gänzlich unter Wasser, aber ihre Umrisse waren erkennbar an den Gebüschen, welche ihre niedern Ufer einfaßten. Die meisten Bäume am obern Ende waren abgeknickt, und alle; die darauf wuchsen, wären ohne Zweifel hin gewesen, wenn nicht der Damm so bald nachgegeben hätte. Eine große Zahl von Bäumen war auf allen Inseln umgerissen; und große Wipfel und schwere Stämme trieben noch im Strome dahin, welche kürzlich noch im Walde geprangt hatten und gewaltsam entwurzelt und weggeführt worden waren.

Wir fanden auch den ganzen untern Theil von Albany unter Wasser. Boote fuhren förmlich durch die Straßen, und ein beträchtlicher Theil der Einwohner hatte kein anderes Mittel, mit den Nachbarn zu verkehren. Eine Schaluppe von einiger Größe saß auf einem der niedrigstgelegenen Punkte auf, und da das Wasser schon sank, hieß es, sie würde hier bleiben, bis sie von den Schiffsbauern weggeschafft werde. Niemand in der Stadt war ertrunken, denn es ist bei den Leuten in diesen Colonien nicht der Brauch, zu solchen Zeiten im Bett liegen zu bleiben und abzuwarten, bis der Feind vor den Fenstern sich zeigt. Wir lesen oft von solchen Unglücksfällen, welche in der alten Welt Hunderten den Tod bringen; aber in der neuen Welt ist das menschliche Leben zu hoch geschätzt, zu viel werth, als daß man es unnöthig wegwürfe, und daher lassen wir es uns auch Anstrengung kosten, es zu erhalten.

Wie wir in die Straße fuhren, worin Herman Mordaunt wohnte, hörten wir einen jauchzenden Schrei, und als wir uns umwandten, sahen wir Guert Ten Eyck seine Mütze gegen uns schwenken, und Freude malte sich in jedem Zuge seines schönen Gesichts. Im nächsten Augenblick war er an unserer Seite.

»Mr. Herman Mordaunt,« rief er, diesem Gentleman mit der größten Herzlichkeit die Hand schüttelnd, »ich betrachte Euch wie Einen von den Todten wieder Auferstandenen – Euch und meine vortreffliche Nachbarin Mrs. Bogart, und Mr. Follock hier! Wie Ihr vom Fluß heraus kamt, ist mir ein Geheimniß, denn ich weiß sehr gut, daß das Wasser gewöhnlich zuerst unter der westlichen Küste durchbricht. Corny und Miß Anneke – Gott segne Euch Beide! Mary Wallace ist in Angst, es möchten von irgend Einem von Euch schlimme Neuigkeiten einlaufen; aber ich will voraneilen und ihr diese Botschaften mittheilen.«

Guert hielt sich nicht mit weiteren Reden auf. In einer Minute war er in Herman Mordaunt's Hause – noch nach einer Minute hielten sich Anneke und Mary Wallace einander in die Arme geschlossen. Nachdem man sich gegenseitig begrüßt, wurde Mrs. Bogart nach ihrer Wohnung geführt, und hiemit hatte diese denkwürdige Expedition ein Ende.

Guert hatte Weniger von Gefahren und Wundern mitzutheilen als ich vermuthet hatte. Aus seiner Erzählung ging hervor, daß, als er und Miß Wallace den innern Rand der letzten Insel erreichten, eine große Eisscholle in den schmalen Paß eingedrungen war und sich eingeklemmt hatte; oder vielmehr daß sie durchpassirte, gedrängt von dem ungeheuren Druck von oben, obwohl nicht ohne große Stücke zu verlieren, wie sie mit den Ufern in Berührung kam, und in Folge der Reibung einen großen Theil ihrer Masse zu Staub zu zermalmen. Guert's Geistesgegenwart und Entschlossenheit leisteten ihm hier vortreffliche Dienste. Ohne einen Augenblick zu zögern, führte er, sobald es ihm nur möglich war, Mary auf diese Scholle und schritt über den schmalen Arm des Flusses, der ihn allein noch von dem festen Lande daneben trennte, trocknen Fußes. Das Wasser begann über diese Scholle hereinzudringen, wie dieß bei den meisten der Fall war, welche nieder lagen und in ihrem Fortrücken aufgehalten wurden, aber dieß legte so raschentschlossenen Personen keine ernsten Hindernisse in den Weg. Selbst gerettet und in Sicherheit, verweilten unsere Freunde noch, um zu sehen, ob wir nicht dahin gebracht werden könnten, ihnen nachzufolgen; und der Zuruf, den wir hörten, war von Guert, welcher wirklich noch einmal auf die Insel hinüber gegangen war, in der Hoffnung uns zu treffen und uns an eine sichere Stätte zu geleiten. Guert selbst sagte nie Etwas zu mir von der Sache, aber ich entnahm nachmals aus der Erzählung von Mary Wallace, daß der junge Mann nicht ohne sehr viele Gefahren und Schwierigkeiten, und nach langen vergeblichen Nachforschungen nach seinen Begleitern, sich wieder zu ihr fand. Als sie keinen Zweck mehr dabei sahen, noch länger am Ufer zu bleiben, schlugen Guert und seine Begleiterin den Weg nach Albany ein. Gegen Mitternacht erreichten sie die Fähre gegenüber der Stadt, nachdem sie volle sechs Meilen zu Fuß zurückgelegt, voll Sorge und Unruhe um die Zurückgebliebenen. Guert war ein Mann von Entschlossenheit, und er entschied sich klüglich dafür, es werde besser seyn, selbst für die Ueberfahrt zu sorgen, als den Versuch zu machen, Insaßen eines der Häuser zu wecken, an welchen sie vorbei kamen. Der Fluß war jetzt der Hauptsache nach von Eis frei, obwohl er noch mit großer Schnelligkeit dahin strömte. Aber Guert war ein erfahrener Ruderer, und als er ein Schiff fand, beredete er Mary Wallace hineinzusteigen, und es gelang ihm wirklich, mittelst der Strudel, sie kaum zehn Schritte von dem Platze ans Land zu setzen, wo nur wenige Tage zuvor der Handschlitten ihn und mich abgesetzt hatte. Von diesem Punkt aus war es nicht schwer, nach Hause zu Fuß zu gelangen; und Miß Wallace schlief wirklich in dieser ereignißreichen Nacht in ihrem eigenen Bette – falls sie schlafen konnte!

Dieß war der Ausgang unseres Abenteuers, – eines Abenteuers, das ich wohl mit Recht denkwürdig genannt habe. Zuletzt kamen Jack und Moses gesund und wohlbehalten an, welche vermuthlich ans Land geschwommen waren. Sie wurden auf der öffentlichen Straße getroffen, in geringer Entfernung von der Stadt, und an demselben Tage noch ihrem Herrn gebracht. Jeder, der einiges Interesse für Pferde hatte – und welcher Holländer hätte das nicht? – kannte Jack und Moses; und so hielt es nicht schwer, auszumitteln, wem sie gehörten. Bemerkenswerth aber ist: beide Schlitten bekam man wieder, obwohl zu verschiedener Zeit und unter sehr verschiedenen Umständen. Der Schlitten Guert's ging mit Wolfspelzen und Allem die ganze Länge des Flusses auf dem Eis hinab und kam durch die Engpässe aufs Meer hinaus. Bei New-York muß er Nachts vorbeigekommen seyn, sonst hätte man ihn ohne Zweifel aufgegriffen; während die Schwierigkeit, ihn zu erreichen, oberhalb der Stadt sein Schutz war. Nachdem er einmal die Engpässe passirt hatte, ward er von der Fluth und den Winden an die Küste von Staaten Island geworfen, wo er ans Land gezogen und unter Dach gebracht wurde. Er wurde in unserer New-Yorker Zeitung gehörig angezeigt, und so erhielt Guert wirklich zu rechter Zeit Kunde davon, um ihn, mit Pelzen und Allem, in Empfang nehmen zu lassen durch eine der ersten Schaluppen, welche in diesem Jahre den Hudson herauf fuhren, etwa vierzehn Tage nachdem der Fluß aufgegangen war. Das Jahr 1758 war ein sehr unruhiges, wegen der Bewegungen der Armee, und man verlor damals keine Zeit unnöthigerweise.

Ganz anders war die Geschichte von Herman Mordaunt's Schlitten. Die armen Rothbraunen müssen bald nachdem wir sie in der Strömung an uns vorbeischwimmen sahen, ertrunken seyn. Natürlich sanken sie, sobald das Leben sie verlassen hatte, auf den Grund des Stromes, und zogen den Schlitten mit sich hinab, an welchen sie noch gespannt waren. Nach einigen Tagen kamen die Thiere wieder auf die Oberfläche des Wassers, wie dieß bei allen geschwollenen Leichnamen der Fall zu seyn pflegt, und brachten auch den Schlitten wieder zum Vorschein. In diesem Zustand wurde das Wrack von einer abwärts segelnden Schaluppe eingeholt, deren Mannschaft den Schlitten, das Geschirr, die Pelze, die Fußsäcke und Alles rettete, was nicht hatte fortschwimmen können.

Unser Abenteuer machte viel zu sprechen in den Kreisen von Albany; und ich habe Grund zu glauben, daß mein persönliches Benehmen Beifall fand bei denjenigen, welche davon hörten. Bulstrode machte mir gleich am Tage meiner Zurückkunft eigens einen Danksagungsbesuch, wobei folgendes Gespräch zwischen uns sich entspann:

»Ihr scheint vom Schicksal bestimmt, mein lieber Corny,« sagte der Major, nachdem er mir die herkömmlichen Complimente gemacht hatte, »mir immer die größten, wesentlichsten Dienste zu leisten, und ich weiß kaum, wie ich Euch alle meine Gefühle hierüber aussprechen soll. Erst der Löwe, und dann diese Geschichte mit dem Fluß, – aber dieser Guert wird ertrinken oder davongehen mit der ganzen Familie, ehe der Sommer vorüber ist, wenn nicht Mr. Mordaunt seiner Aufdringlichkeit ein Ziel setzt.«

»Dieser Zufall war ein solcher, wie er den ältesten und vorsichtigsten Mann in Albany hätte betreffen können. Der Fluß schien so fest und zuverläßig wie die Straße, als wir ihn betraten; und in einer Stunde wären wir so noch ganz sicher und wohlbehalten zu Hause gewesen.«

»Ja, aber diese Stunde hat nun beinahe Tod und Verderben über die entzückendste Familie der Colonie gebracht; und Ihr seyd das Werkzeug gewesen, den schwersten Theil des Schlages abzuwenden. Ich wünsche zu Gott, Littlepage, daß Ihr einwilligtet, in die Armee zu treten! Geht als Freiwilliger mit uns, sobald wir aufbrechen, und ich will an Sir Harry schreiben, daß er Euch ein Fähnlein verschaffe. Sobald er hört, daß wir Eurem Muth und Eurer Kaltblütigkeit das Leben der Miß Mordaunt zu verdanken haben, wird er Himmel und Erde bewegen, um seine Dankbarkeit zu bethätigen. Im Augenblick, wo dieser gute Vater sich entschloß, Miß Mordaunt als Tochter anzunehmen, begann er auch sie ganz als sein Kind zu betrachten.«

»Und Anneke – Miß Mordaunt selbst, Mr. Bulstrode, – betrachtet sie Sir Harry als einen Vater?«

»Ha, das muß natürlich allmälig kommen, wißt Ihr. Die Frauen finden sich langsamer als die Männer in solche gänzlich neue Eindrücke und Anschauungsweisen; und ich glaube fast, Anneke denkt für jetzt sey Ein Vater gerade genug für sie; obgleich sie dem Sir Harry artige Botschaften sendet, kann ich Euch versichern, wenn sie gerade in der Laune ist. Aber was macht Euch so ernst; mein guter Corny?«

»Mr. Bulstrode, es ist nicht mehr als billig, daß ich in dieser Sache so ehrlich bin wie Ihr. Ihr habt mir gesagt, daß Ihr ein Bewerber seyd um der Miß Mordaunt Hand; ich will Euch jetzt gestehen, daß ich Euer Nebenbuhler bin.« Mein Gesellschafter hörte diese Erklärung mit ruhigem Lächeln und vollkommenster Gemüthsruhe an.

»Also wünscht Ihr selbst der Gatte von Anneke Mordaunt zu werden, mein lieber Corny, wirklich?« sagte er, so kaltblütig, daß ich mir gar nicht erklären konnte, aus welchem Stoffe doch dieser Mann gemacht seyn möchte. »Ja wohl, Major Bulstrode; es ist der erste und letzte Wunsch meines Herzens.«

»Da Ihr geneigt scheint, mein Vertrauen zu erwiedern, werdet Ihr es nicht übel nehmen, wenn ich ein paar Fragen an Euch richte?«

»Gewiß nicht, Sir; Euere Offenherzigkeit soll mir als Regel meines Benehmens dienen.«

»Habt Ihr schon Miß Mordaunt errathen lassen, daß dieß Euere Wünsche sind?«

»Ja, Sir, und das in den einfachsten Ausdrücken, die gar nicht wohl zu mißverstehen waren.«

»Wie! gestern Nacht? Auf dem verfluchten Eis? Während sie glaubte, ihr Leben sey in Eueren Händen?«

»Gestern Nacht war davon gar nicht die Rede, denn wir hatten andere Gedanken, mit welchen sich unsere Seele beschäftigte.«

»Es wäre höchst ungroßmüthig gewesen, die Angst einer Lady zu benutzen –«

»Major Bulstrode! – Ich kann nicht dulden –«

»Still, mein lieber Corny,« unterbrach mich der Andere, mir aufs ruhigste und freundschaftlichste die Hand hinbietend; »es darf kein Mißverständnis zwischen Euch und mir obwalten. Die Männer sind nie größere Einfaltspinsel, als wenn sie von dem geheimen Bewußtseyn ihrer Liebe zum Leben sich zum Großthun und Pochen auf ihre Ehre hinreissen lassen, während doch ihre Ehre in der That mit der gerade vorliegenden Sache gar Nichts zu thun hat. Ich werde nicht mit Euch Händel anfangen; und muß Euch im Voraus bitten, Euch meine Entschuldigung gefallen zu lassen wegen etwaiger kleiner Verletzungen der Schicklichkeit, wozu mich die Ueberraschung hinreißen könnte; schwere Verletzungen der Schicklichkeit aber werde ich zu vermeiden wissen.«

»Es sind der Worte genug, Mr. Bulstrode; ich bin kein Händelsucher, daß ich mit einem Schatten Streit anfinge, und, so hoffe ich, nicht im mindesten jenes allerverächtlichste der menschlichen Geschöpfe, ein Raufbold in der Gesellschaft, der bei jeder Gelegenheit mit dem Degen oder der Pistole droht. Solche Männer thun gewöhnlich Nichts, wenn die Sachen zu einer Entscheidung kommen; selbst wenn sie fechten, fechten sie stümperhaft und unschädlich.«

»Ihr habt Recht, Littlepage, und ich ehre Euere Gesinnungen. Ich habe bemerkt, daß der erfahrenste Fechter mit der Zunge und der tödtlichste Schütze auf die Holzscheibe, gewöhnlich so schuldlos wie Lämmer sind, was wirkliches Blutvergießen anbelangt. Sie erhitzen sich wohl bisweilen bis zu einer Begegnung mit einem Gegner, aber es geht über ihr Vermögen, ihre Waffen recht zu gebrauchen, wenn es zum Ernst kommt. Der Renommist ist immer im Grund des Herzens eine Memme, wie gut er auch eine Zeit lang seine Maske trage. Aber genug hievon. Wir verstehen einander, und werden unter allen Umständen Freunde bleiben. Darf ich weiter fragen?«

» Fragt was Euch beliebt, Bulstrode – Ich werde antworten oder nicht, nach meinem Gutdünken.«

»Dann erlaubt mir, mich zu erkundigen, ob Major Littlepage Euch ermächtigt hat, anständige Anerbietungen in Betreff des Ehekontrakts zu machen?«

»Ich bin zu keinerlei Anerbietungen ermächtigt. Auch ist es nicht der Brauch in diesen Colonien, daß der Gatte für seine Gattin besondere Zusicherungen macht, außer dem was das Gesetz, zu Gunsten ihres eigenen Vermögens, für sie festsetzt und vorsorgt. Ich sollte erwarten, Herman Mordaunt werde seine Besitzungen seiner Tochter und ihren rechtmäßigen Erben zusichern und hinterlassen, mag sie heirathen Wen sie will.«

»Ja, das ist eine ächt amerikanische Denkweise; aber eine solche, welche Herman Mordaunt, der seiner Abstammung eingedenk ist, in seiner Handlungsweise schwerlich befolgen wird. Nun, Corny, wir sind Nebenbuhler, wie es den Anschein hat; aber das ist kein Grund, daß wir nicht Freunde bleiben sollten. Wir verstehen einander, – und doch sollte ich Euch vielleicht Alles sagen.«

»Es würde mich freuen, Alles zu erfahren, Mr. Bulstrode; und ich kann, hoffe ich, mein Schicksal ertragen wie ein Mann. Was es mich auch koste – wenn Anneke einen Andern vorzieht, wird mir ihr Glück theurer seyn als das meinige.«

»Ja, mein lieber Kamerad, so sagen und denken wir Alle mit einundzwanzig Jahren, was ungefähr Euer Alter ist, glaube ich. Mit zweiundzwanzig fangen wir an einzusehen, daß unser eigenes Glück die gleichen Ansprüche an uns zu machen hat; und mit dreiundzwanzig räumen wir ihm sogar den Vorzug ein. Indessen, ich will gerecht seyn, wenn ich auch selbstsüchtig bin. Ich habe keinen Grund zu glauben, daß Anneke Mordaunt mich vorzieht; obwohl mein Vielleicht doch auch nicht ganz ohne Bedeutung ist.«

»In diesem Falle darf ich vielleicht fragen, auf was es sich bezieht und gründet?«

»Es bezieht sich auf den Vater; und ich kann Euch sagen, mein trauter Geselle, daß die Väter bei dem Arrangement von Heirathen zwischen Parthien von einigem Stande nicht ohne Einfluß und Bedeutung sind. Hätte nicht Sir Harry meinen Antrag gut geheißen und bestätigt, was hätte ich angefangen? Nicht einen Pfennig Witthum hätte ich anbieten können, so lange er Sir Harry blieb; trotzdem daß ich den ungeheuern Vortheil des gebundenen, erblichen Besitztums hatte. Ich kann Euch sagen, was es ist, Corny; die bestehende Gewalt ist immer eine wichtige Gewalt, weil wir Alle mehr an die Gegenwart als an die Zukunft denken. Das ist der Grund, warum so Wenige von uns in den Himmel kommen. Was Herman Mordaunt betrifft, so halte ich mich für verpflichtet, Euch zu sagen, daß er mit Herz und Hand auf meiner Seite ist. Ihm gefallen meine Anerbietungen in Betreff des Witthums, ihm gefällt meine Familie, ihm gefällt mein bürgerlicher und militärischer Rang; und ich bin nicht ganz ohne Hoffnung, daß ich selbst ihm gefalle.«

Ich gab darauf keine direkte Antwort, und das Gespräch nahm bald eine andere Wendung. Bulstrode's Erklärung erinnerte mich jedoch an die Rede, so wie an das ganze Benehmen Herman Mordaunt's, als er mir für die Rettung des Lebens seiner Tochter dankte. Ich begann jetzt darüber nachzudenken, und dachte während der nächsten paar Monate viel darüber nach. Am Ende wird der Leser erfahren, welchen Einfluß dieß auf mein Glück hatte.

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