Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.

Mein schönes Roß! mein schönes Thier, steht da so fromm gemuth,
Mit glänzend dunklem Schwanenhals, das dunkle Aug' voll Glut;
Auf deinen Rücken spring' ich so, durch's Feld dahin wir rennen, –
Dahin, dahin, wer mich holt ein, soll sein dich dürfen nennen!
Der Araber zu seinem Pferd.

Bulstrode schien sehr erfreut, mich zu treffen, und beklagte sich, daß ich ganz vergessen zu haben schiene, mit welcher Genugthuung alle New-Yorker, nach seiner Darstellung der Sache, mich im vorigen Frühjahr aufgenommen. Natürlich dankte ich ihm für seine Artigkeit, und wir wurden bald so gute Freunde, wie wir früher gewesen waren. Nach ein paar Minuten gesellte sich Mary Wallace zu uns, und wir begaben uns Alle an den Frühstücktisch, wo sich bald auch Dirck einfand, welcher durch Privatangelegenheiten etwas aufgehalten worden war.

Herman Mordaunt und Bulstrode führten während der ersten Minuten das Gespräch hauptsächlich und ausschließlich. Mary Wallace war ihrem Wesen und ihrer Art nach schweigsam, Anneke dagegen, ohne geschwätzig zu seyn, war zum Sprechen hinlänglich aufgelegt. An diesem Morgen jedoch sprach sie wenig, außer was die Artigkeit bei Tische der Herrin des Hauses zur Pflicht machte, und dieß Wenige in so wenigen Worten als möglich. Ein paar Male konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß ihre Hand auf der Handhabe eines köstlich gearbeiteten Theekruges ruhen blieb, nachdem diese Hand ihre Obliegenheit schon erfüllt hatte, und daß ihr süßes, tiefes, blaues Auge ins Leere hinaus, oder auf einen Gegenstand vor ihr mit leerem Blick hinstarrte, wie Einem geschieht, wenn man in tiefen Gedanken ist. Jedesmal wenn sie aus diesen kleinen Träumereien erwachte, zeigte sich ein leichtes Erröthen auf ihrem Antlitz, und sie schien beflissen, die unwillkürliche Zerstreutheit zu verhehlen. Diese Art von Abwesenheit dauerte fort, bis Bulstrode, welcher mit unserem Wirth über die Bewegungen der Armee sich unterhalten hatte, plötzlich das Wort an mich richtete.

»Ich hoffe,« sagte er, »wir verdanken diesen Euren Besuch in Albany Euerer Absicht, Mr. Littlepage, auf dem nächsten Feldzug Euch uns anzuschließen. Ich höre von mehreren Gentlemen von den Colonien, welche uns auf unserm Marsch nach Quebec zu begleiten gedenken.«

»Das ist etwas weiter, als ich zu gehen im Sinne hatte, Mr. Bulstrode,« war meine Antwort, »sofern ich nie glaubte, daß die Streitkräfte des Königs einen so weiten Marsch beabsichtigten. Mein und Mr. Follock's Vorhaben ist, uns Erlaubniß zu erbitten, an ein Regiment uns anzuschließen, und wenigstens bis Ticonderoga mitzuziehen, denn der Gedanke, daß die Franzosen einen solchen Posten, so weit in den Grenzen unserer eigenen Provinz gelegen, inne haben, behagt uns gar nicht.«

»Wacker gesprochen, Sir; und ich hoffe, es wird mir erlaubt seyn, einigen Beistand zu leisten, wenn die Zeit kommt, das Einzelne in Ordnung zu bringen. Unsere Tischgesellschaft würde sich immer glücklich schätzen, Euch unter sich zu sehen; und Ihr wißt, daß ich an ihrer Spitze stehe, seit der Oberstlieutenant uns verlassen hat.«

Ich sagte ihm meinen Dank und das Gespräch nahm eine andere Richtung.

»Ich begegnete Harris heute Morgen auf dem Wege hieher.« fuhr Bulstrode fort, »und er erstattete mir auf seine konfuse irische Weise, – denn ich bleibe dabei, er ist ein Irländer, obwohl in London geboren, – nun, er erstattete mir einen etwas verworrenen Bericht von einem Nachtessen, dem er gestern Abend angewohnt, welches, wie er sagte, von einer fouragirenden Bande junger Albanier weggeschleppt und in die Lagerzelte gebracht worden, um einige unserer Gentlemen damit zu traktiren. Das war arg genug, obgleich man mir sagt, ein Holländer verzeihe immer einen solchen lustigen Streich; aber Harris stellt die Sache noch ärger dar, indem er weiter berichtet, die ihres Nachtessens beraubte Gesellschaft habe sich schadlos gehalten durch einen Angriff auf die Küche Mr. Mayors, dem sie seine Enten und Rebhühner weggetragen, und nicht eine Kartoffel übrig gelassen habe.«

Ich fühlte, daß ich im Gesicht roth wurde wie Scharlach, und ich bildete mir ein, Jedermann sehe auf mich, während Herman Mordaunt es auf sich nahm, zu antworten.

»Die Geschichte verliert natürlich nichts dadurch, daß sie von Mund zu Mund geht,« versetzte unser Wirth, »obwohl sie in der Hauptsache wahr ist. Wir Alle haben gestern Abend bei Mr. Cuyler gespeist, und wissen, daß er viel mehr als eine Kartoffel auf seinem Tische hatte.«

»Alle! –. Was, auch die Ladies?«

»Auch die Ladies – und Mr. Littlepage obendrein,« antwortete Herman Mordaunt, mir einen Blick zuwerfend und lächelnd. »Wir Alle sammt und sonders wollen bezeugen, daß er nicht nur ein reichliches Nachtessen hatte, sondern auch ein sehr gutes.«

»Ich merke aus dem allgemeinen Lächeln,« rief Bulstrode, »daß hier ein sous-entendu waltet, und ich bestehe darauf, auch in das Geheimniß eingeweiht zu werden.«

Herman Mordaunt erzählte jetzt die ganze Geschichte, wobei er nicht eben sehr beflissen war, die komischeren Partieen zu verhehlen, verweilte mit einigem Nachdruck bei der Vorlesung, welche Mr. Worden Doortje gehalten, und forderte mich auf, zu bezeugen, ob ich sie nicht vortrefflich gefunden. Bulstrode lachte natürlich; aber mich wollte bedünken, die jungen Ladies hätten gewünscht, daß nicht von der Sache die Rede gewesen wäre. Anneke versuchte sogar ein paar Mal ihren Vater von gewissen Bemerkungen, die er machte, und worin er von dergleichen Streichen und Kurzweil überhaupt etwas leicht sprach, abzuziehen.

»Dieser Guert Ten Eyck ist ein Charakter!« rief Bulstrode, »und zwar einer, den ich manchmal in Verlegenheit bin zu begreifen. Einen männlicher aussehenden, hübscheren, keckeren, jungen Gesellen kenne ich nicht; und oft ist er in seinen Ansichten und Urtheilen ebenso männlich und achtbar, als er dem Auge erscheint; während er zu Zeiten in seinem Geschmack und seinen Neigungen kindisch ist. Wie erklärt Ihr dieß. Miß Anneke?«

»Einfach so, daß die Natur Guert Ten Eyck zu etwas Besserem bestimmte, als Zufall und Erziehung, oder der Mangel an Erziehung ihn haben werden lassen. Wäre Guert Ten Eyck in Oxford gebildet worden, es wäre ein ganz andrer Mensch aus ihm geworden, als er jetzt ist. Wenn Einer nur die Erziehung und Bildung eines Knaben empfängt, so wird er lange ein Knabe bleiben.«

Ich war überrascht durch die Keckheit und Entschiedenheit dieser Ansicht, denn es war nicht Anneke'ns Art, ihre Urtheile über Andere so offen auszusprechen; aber es stand nicht lange an, so machte ich die Entdeckung, daß sie Guert in Gegenwart ihrer Freundin nicht schonte, in Folge einer tiefen Ueberzeugung, daß er der Macht über die Gefühle von Mary Wallace, die er sichtlich gewann, nicht würdig sey. Herman Mordaunt theilte und unterstützte, wie mich bedünken wollte, die Ansichten seiner Tochter in dieser Hinsicht; und es ergab sich bald Gelegenheit zu bemerken, daß der arme Guert in dieser Familie keine andere Verbündete hatte, als den Einen, welchen ihm seine schöne, männliche Person, sein offenes Wesen und Gemüth und seine seltene Treuherzigkeit und Freimüthigkeit in der Brust seiner Angebeteten gewonnen hatte. Gewiß lag etwas sehr Gewinnendes und Einnehmendes in Guert's Art und Gewohnheit, sich selbst zu unterschätzen, was ihm Alle geneigt machte, die ihn reden hörten; und ich für meine Person will gestehen, ich wurde bald sein Freund in dieser ganzen Sache und blieb es bis ans Ende.

Bulstrode und ich verließen miteinander das Haus, und begaben uns Arm in Arm nach seinem Quartier, während Dirck bei den Ladies blieb. »Das ist eine bezaubernde Familie,« sagte mein Begleiter, als wir zur Thüre hinaus waren, »und ich bin stolz darauf, daß ich im Stande bin, mich einiger Verwandtschaft mit ihr zu rühmen, obwohl diese nicht so nahe ist, als sie, hoffe ich, dereinst werden mag.«

Ich fuhr zusammen, riß meinen Arm beinahe aus dem des Majors heraus, und drehte mich zugleich halb um, ihm ins Gesicht zu schauen. Bulstrode lächelte, behielt aber seine ganze Selbstbeherrschung, und setzte in der stoischen Art, welche Männern von vornehmem Tun und sicherm Benehmen eigen ist, sein Gespräch fort.

»Ich sehe, daß meine Offenheit Euch eine kleine Ueberraschung bereitet hat,« sprach er weiter; »aber die Wahrheit ist die Wahrheit; und ich halte es für unmännlich an einem Gentleman, der den Entschluß gefaßt, als Bewerber um eine Lady aufzutreten, aus seinen Absichten ein Geheimniß zu machen; – ist das nicht auch Eure Gesinnung, Mr. Littlepage?«

»Gewiß, was die Dame betrifft, und vielleicht auch, was die Familie betrifft; aber nicht ebenso auch in Beziehung auf alle Welt.«

»Ich verstehe Eure Unterscheidung, welche in gewöhnlichen Fällen ganz gut seyn mag; aber in dem Falle von Anneke Mordaunt dürfte es doch der Menschenliebe gemäß seyn, durch die Welt ziehende junge Männer, wie Ihr seyd, Corny, den wahren und wirklichen Stand der Dinge wissen zu lassen. Ich verstehe Euer besonderes Verhältniß zu der Familie Mordaunt recht gut; aber Andere dürften sich ihr mit ganz verschiednen und interessirteren Absichten nähern.«

»Soll ich das so verstehen, Mr. Bulstrode, daß Miß Mordaunt Eure Verlobte sey?«

»Oh, keineswegs; denn sie hat sich noch nicht entschlossen, mich zu erhören. Aber das sollt Ihr wissen, daß ich Herman Mordaunt, mit Vorwissen und Zustimmung meines Vaters, meinen Antrag gemacht habe, und die Sache in petto ist. Ihr könnt selbst entscheiden über den muthmaßlichen Ausgang, da Ihr, als Zuschauer, ein besseres Urtheil habt, als ich, der zunächst Betheiligte, in welcher Weise Anneke meine Bewerbung ansieht und aufnimmt.«

»Ihr müßt bedenken, ich habe Euch seit zehn Monaten nicht mehr beisammen gesehen bis diesen Morgen; und ich setze voraus, Ihr wünscht nicht, daß ich glaube, sie habe Euch diese ganze Zeit auf eine Antwort warten lassen.«

»Da ich Euch als einen ami de famille betrachte, Corny, sehe ich keinen Grund, warum ich Euch nicht den ganzen Stand der Dinge offen darlegen sollte, denn jene Geschichte mit dem Löwen wird Euch immer zu einem halben Mordaunt machen. Ich hatte Anneken meinen Antrag gemacht, als Ihr mich zuerst saht, und den gewöhnlichen Bescheid, wie es bei den Ladies üblich ist, erhalten: das liebe Geschöpf sey zu jung, um daran zu denken, sich durch ihr Wort zu binden, was allerdings damals wahrer war, als jetzt; daß ich Verwandte im Mutterland hätte, die ich befragen müßte; daß ihr Zeit gelassen werden müsse, oder die Antwort würde nothwendig verneinend ausfallen, und was dergleichen herkömmliche Antworten mehr sind, solange die Unterhandlung in dem einleitenden Stadium steht.«

»Und so steht die Sache seither?«

»Keineswegs, mein lieber Kamerade, nichts weniger als das. Ich hörte Herman Mordaunt, – denn er hauptsächlich brachte dergleichen Reden vor, – mit der Geduld eines Heiligen an, bemerkte, wie schicklich ich das Alles fände, und erklärte meine Absicht, Alles meinem Vater vorzulegen, und dann, verstärkt durch seine Zustimmung und Ermächtigung die nähern Bedingungen anzubieten, von neuem zum Sturme vorzurücken.«

»Und das Alles bekamt Ihr mit umgehendem Schiffe, nachdem Ihr heim geschrieben?« fuhr ich fort; denn ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ein Mensch sich sollte besinnen können, Anneke Mordaunt zur Schwiegertochter anzunehmen. »Ha, nicht gerade mit umgehendem Schiffe, obgleich Sir Harry viel zu viel gute Sitte hat, als daß er die Beantwortung eines Briefes vernachlässigte. Ich habe nicht gehört, daß er in seinem Leben je das gethan hätte; nein, selbst dann nicht, wenn ich ihn etwas hart drängte, wenn mein ausgesetztes Geld zu Ende war vor dem Schluß des Vierteljahrs, wie Einem im Collegium wohl geschehen kann, wißt Ihr, Corny. Euch die Wahrheit zu gestehen, mein lieber Junge, Sir Harry's Einwilligung kam nicht mit umgehendem Schiffe, wohl aber eine Antwort. Es ist eine verwünschte Entfernung über das atlantische Meer hinüber, und es braucht Zeit, eine Frage zu erörtern und mit den gehörigen Gründen zu unterstützen, wenn beide Theile tausend Meilen von einander getrennt sind.«

»Erörtern! – Welche Gründe mochten denn erforderlich seyn, um den Sir Harry Bulstrode zu überzeugen, wie angemessen es wäre, daß Ihr Anneke Mordaunt zur Gattin nähmet, wenn Ihr könntet

»Das ist aufrichtig und gerade heraus gesprochen, bei meiner Ehre. – Aber ich liebe Euch um der einfachen Ehrlichkeit Eures Characters willen, Corny, und werde daher Alles günstig ansehen. Wenn ich könnte! Nun, das werden wir erfahren am Ende des bevorstehenden Feldzugs, wenn Ihr und ich zurückkommen von unserm Ausfluge nach Quebec.«

»Ihr habt aber meine Frage noch nicht beantwortet, in Betreff Sir Harry Bulstrode's?«

»Ich bitte Sir Harry und Euch um Verzeihung. Welche Gründe erforderlich gewesen, um meinen Vater zu überzeugen? – Nun, Ihr seyd nie im Mutterlande gewesen, Littlepage, und könnt deßwegen auch nicht vollkommen verstehen, welche Gesinnungen man dort eigentlich gegenüber von den Colonien hegt – und davon hängt Viel ab, müßt Ihr wissen.«

»Ich hoffe, die Mutter liebt ihre Kinder, so wie die Kinder, das weiß ich gewiß, ihre Mutter lieben.« »Ja, Ihr seyd ganz loyal; – ich will das vollkommen gelten lassen von Euch, obwohl Albany nicht gerade Bath ist, und New-York nicht Westminster. Ich denke Ihr wißt, Littlepage, daß die Kirche auf dem Berge dort, welche St. Peterskirche genannt wird, obgleich eine sehr gute Kirche und eine sehr respektable Kirche, mit einer sehr respektabeln Gemeinde, doch eben nicht Westminster-Abtey, noch auch nur St. James ist?«

»Ich glaube Euch zu verstehen, Sir; und so blieb also Sir Harry hartnäckig auf seinem Kopfe?«

»Wie der Teufel! – Es brauchte nicht weniger als drei Briefe, und der letzte war ziemlich keck, um ihn herumzubringen, was mir am Ende doch gelang; und so ist nun seine Einwilligung in bester Form Herman Mordaunt eingehändigt worden. Ich kämpfte in der Sache mit einigem Vortheil auf meiner Seite, sonst wäre ich wohl nimmermehr Meister geworden. Aber Ihr werdet bald sehen, wie es war. Sir Harry ist gichtisch und asthmatisch und steckt überhaupt in keiner guten Haut, und jede Hufe Landes, die er besitzt, ist Familien-Fideicommiß, und so handelte es sich bei der ganzen Sache nur um einen Unterschied in der Zeit.«

»Das Alles habt Ihr natürlich Anneke'n und Herman Mordaunt mitgetheilt?«

»Wenn ich das gethan, will ich mich hängen lassen! Nein, nein, Master Corny, ein solcher Gelbschnabel bin ich nicht; daß ich so handelte! Ihr Provinzialen seyd so dünnhäutig wie raisin de Fontainebleau, und man darf Euch nicht so grob anfassen. Ich glaube, Anneke würde den Herzog von Norfolk selbst nicht heirathen, wenn die Familie das mindeste Bedenken blicken ließe, sie aufzunehmen.«

»Und hätte Anneke nicht Recht, einem so achtungswerthen Gefühle zu folgen?«

»Ha, Ihr wißt, sie würde ja nur den Herzog heirathen, und nicht seine Mutter und Tanten und Oheime. Ich kann die Nothwendigkeit nicht einsehen, daß eine junge Dame sich deßhalb sollte Sorgen und Bedenken machen. Aber wir sind noch nicht daran, denn ich muß Euch erklären, Littlepage, daß ich noch nicht erhört bin. Nein, nein! Die Gerechtigkeit gegen Anneke verlangt, daß ich das sage. Sie weiß jedoch von Harry's Einwilligung, und das ist sehr zu meinen Gunsten, wie Ihr zugeben müßt. Ich vermuthe, ihre Haupteinwendung wird seyn, daß sie ihren Vater nicht verlassen wolle, der kein anderes Kind hat, und bei ihm wird es wirklich etwas hart gehen; und dann wird sie vermuthlich Etwas vorbringen vom Tausche des Vaterlandes, denn Ihr Amerikaner seyd Alle gewaltig darauf versessen, in Euerem Lande zu leben und zu bleiben.«

»Ich sehe nicht, wie Ihr uns das billiger Weise zum Vorwurf machen könnt, da doch allgemein unter uns zugestanden wird, daß im Mutterlande Alles besser ist als in den Colonien.«

»Ich glaube in der That, Corny,« erwiederte Bulstrode, gutmütig lächelnd, »wenn Ihr jetzt der alten Insel einen Besuch abstattetet, Ihr würdet selbst gestehen, daß manche Dinge es wirklich sind.«

»Ich England besuchen! – Ich gestehe, mir gar nicht vorstellen zu können, wie ich dazu komme, als ein Solcher genannt zu werden, der es könnte läugnen wollen. Handelte es sich um Guert Ten Eyck oder auch um Dirck Follock, so ließe es sich eher begreifen; aber ich, der ich aus englischem Blut abstamme und einen in England gebornen Großvater habe, welcher in diesem Augenblick wohl und gesund zu Satanstoe lebt, darf nicht unter die gezählt werden, welche England mit Abneigung betrachten.«

Bulstrode drückte meinen Arm, und sein Gespräch nahm im weitern Verlauf einen vertraulicheren Ton an. »Ich glaube, Ihr habt Recht, Corny,« sagte er; »die Colonie ist, der Himmel weiß, royalistisch genug; aber ich finde, diese Holländer sehen uns Rothröcke kälter an, als die Leute aus englischem Blut, weiter unten. Sollte es dem Phlegma ihres Wesens zuzuschreiben seyn, oder einem alten Groll und Verdruß, der noch von der Eroberung ihrer Colonie herrührt?«

»Wohl schwerlich ist Letzteres der Fall, sollte ich meinen, da ja die Colonie beim endlichen Friedensschlusse gegen eine Besitzung ausgetauscht wurde, welche die Holländer jetzt in Südamerika haben. Es hat jedoch nichts Auffallendes, wenn die Abkömmlinge vom Volke der Holländer Diese den Engländern vorziehe.«

»Ich versichere Euch, Littlepage, man hat unter uns gesprochen von der Kälte, womit wir von den Albaniern angesehen werden, obgleich die meisten der angesehensten Familien uns gut behandeln und uns in Allem beistehen, wo sie nur können. Sie sollten bedenken, daß wir hier sind, um ihre Schlachten zu fechten, und die Franzosen abzuhalten, sie zu überfallen.«

»Darauf würden sie wahrscheinlich antworten: die Franzosen würden sie nicht belästigen, ohne ihren Streit mit den Engländern. Hier müssen wir uns trennen, Mr. Bulstrode, da ich Geschäfte zu besorgen habe. Noch ein Wort jedoch will ich hinzufügen, ehe wir auseinander gehen, und das ist: daß König George II. keine loyalere Unterthanen in allen seinen Ländern hat, als die in seinen amerikanischen Provinzen wohnen.«

Bulstrode lächelte, nickte beistimmend, schwenkte die Hand, und wir trennten uns.

Ich hatte für den Rest dieses Tages Beschäftigung genug. Yaap kam gegen Mittag mit seiner »Schlitten-Brigade« an, und ich ging, Guert aufzusuchen, in dessen Gesellschaft ich mich wieder nach dem Bureau des Lieferanten begab. Pferde, Geschirr, Schlitten, Mundvorräthe und Alles wurde mir zu hohen Preisen abgenommen und ich wurde für Alles in spanischem Golde bezahlt; denn Josephs – und halbe Josephsstücke waren damals bei uns wenigstens eben so sehr im Umlauf als das Geld des Königreichs. Spanisches Silber hat immer unsere kleinere Münze ausgemacht, und ein englischer Shilling oder ein Sixpencestück ist etwas ganz Fremdes unter uns. Achtelstücke, oder Dollars sind zwar unser gewöhnliches Geld, aber bei allen größern Handelsgeschäften bedienen wir uns gerne des halben Josephsstücks. Ich habe in meinem Leben zwei oder drei Noten der englischen Bank gesehen, aber sie kommen sehr selten in den Colonien vor. Es gibt Colonie-Wechsel unter uns, aber sie sind nicht beliebt, und unsere meisten Geldgeschäfte werden mittelst spanischen Goldes und spanischen Silbers abgemacht, welche von den Inseln und von den spanischen Besitzungen ihren Weg zu uns finden. Der Krieg jedoch, von welchem ich hier berichte, hat eine Menge Guineen unter uns in Umlauf gebracht, da die meisten Truppen in dieser Geldmünze bezahlt wurden; aber die Lieferanten fanden es in der Regel leichter, Josephsstücke als Guineen anzuschaffen. Von ersteren hatten Dirck und ich, nachdem alle unsere Verkäufe beendigt waren, mit einander nicht weniger als hundert und elf, oder achthundert und achtundachtzig Dollars dem Werthe nach in Händen.

Ich fand Guert bei dieser Gelegenheit ebenso bereitwillig und ebenso freundschaftlich, als er sich am Tage zuvor gezeigt hatte. Nicht nur wurden unsere Güter verwerthet, sondern auch alle unsere Neger, mit Ausnahme Yaap's, wurden für die Armee auf die Dauer des Feldzuges gemiethet. Die Bursche, welche die Schlitten kutschirten, gingen noch an demselben Nachmittag mit ihren Gespannen in bester Laune nach dem Norden ab, ebenso bereit zu lustiger Kurzweil, als irgend welche weiße Jünglinge in der Colonie. Ich erlaubte Yaap auch mit seinem Schlitten weiter zu gehen und ein paar Tage auszubleiben, aber er sollte umkehren und wieder bei uns eintreffen, ehe wir uns, nachdem der Winter gebrochen wäre, aufmachten, das »Patentland« zu suchen.

Es wurde spät Nachmittags bis Alles ins Reine gebracht war, worauf Guert mich einlud, mit ihm in seinem Schlitten eine Spazierfahrt auf dem Fluß zu machen. Ich hatte mittlerweile erfahren, daß mein neuer Freund ein junger Mann von sehr hübschem Vermögen war, ohne Vater und Mutter, und daß er auf einem so großen Fuß lebte, als es nur irgend die einfachen Lebensgewohnheiten seiner Umgebung gestatteten. Unsere vornehmsten Familien in New-York zeichneten sich einigermaßen aus durch ihren Ueberfluß an Silber, Tischweißzeug und anderen Haushaltungssachen der Art, während sich auch dann und wann Einer fand, welcher gute Gemälde besaß. Die Letztern jedoch waren selten, wie ich guten Grund habe zu glauben, obwohl gelegentlich das Werk eines Meisters den Weg nach Amerika fand, hauptsächlich von Holland und Flandern. Guert hatte eine Junggesellenwirthschaft in einem hübschen und guten Hause, mit dem Giebel gegen die Straße, wie dort gewöhnlich, jedoch nicht groß; aber Alles daselbst zeigte, daß seine alte schwarze Haushälterin unter einem régime gebildet worden, wo man auf strengste Sauberkeit hielt; denn was diesen Punkt betrifft, so sah Alles in Albany aus, als ob es von Zeit zu Zeit gescheuert würde. An den Straßen selbst konnte man, so lange Schnee lag, diese Operationen nicht vornehmen; aber sobald man einmal unter ein Dach trat, so war Alles verbannt, was an Koth und Schmutz mahnte. In diesem Punkte war Guert's Junggesellen-Residenz so tadellos, als wenn derselben eine Hausfrau vorgestanden hätte, und diese Hausfrau Mary Wallace gewesen wäre.

»Wenn sie je einwilligt, mich zu nehmen,« sagte Guert, und er seufzte förmlich bei diesen Worten, und ließ seine Augen in dem sehr hübschen kleinen Gesellschaftszimmer herumlaufen, welches ich so eben sehr gerühmt hatte aus Gelegenheit des Besuchs, den ich ihm diesen Nachmittag in seiner Wohnung machte; »wenn sie je einwilligt, mich zu nehmen, Corny, so werde ich mir ein neues Haus bauen müssen. Dieses ist jetzt hundert Jahre alt, und obgleich es zu seiner Zeit als sehr stattlich galt, ist es doch für Mary Wallace nicht halb gut genug. Mein lieber Kamerad, wie beneide ich Euch um die Einladung zum Frühstück heute Morgen! in welcher Gunst müßt Ihr bei Herman Mordaunt stehen!«

»Wir sind recht gute Freunde, Guert,« – denn vermöge der in unsern Colonien geltenden Freiheit des Benehmens hatten wir schon die vertrauliche Art angenommen, einander »Corny« und »Guert« zu nennen; – »wir sind recht gute Freunde, Guert,« antwortete ich, »und ich habe Grund zu vermuthen, daß ich Herman Mordaunt nicht zuwider bin. Es wurde mir das Glück voriges Frühjahr der Miß Anneke einen kleinen Dienst leisten zu können, und die ganze Familie war so gütig, dieß in freundlichem Andenken zu bewahren.«

»Das konnte ich auf den ersten Blick merken; auch Anneke ist dessen eingedenk. Ich habe die ganze Geschichte von Mary Wallace gehört; es war mit einem Löwen. Ich wollte die Hälfte meines Vermögens darum geben, Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen oder irgend einer andern wilden Bestie zu sehen, nur um ihr beweisen zu können, daß Guert Ten Eyck auch Herz im Leibe hat, so gut wie Corny Littlepage. Aber Corny, mein Junge, Etwas müßt Ihr mir jetzt thun; Ihr steht in solch hoher Gunst, daß es für Euch ganz leicht ist, es zu Stande zu bringen, obwohl ich vielleicht in Ewigkeit umsonst es versuchen würde.«

»Ich will Alles, was schicklich ist, Euch zu Gefallen thun, Guert; denn Ihr habt Ansprüche an mich wegen der Dienste, die Ihr mir geleistet habt.«

»Pah! sagt Nichts von dergleichen Sachen; ich bin nie glücklicher, als wenn ich ein Pferd kaufe oder verkaufe; und wenn ich Euch half, Eure alten Thiere los zu werden, so fügte ich dem Könige keinen Schaden zu und verschaffte Euch einen Vortheil. Aber ich dachte eben an die Pferde. Ihr müßt wissen, Littlepage, es ist kein junger Mann, und auch kein alter in einem Umkreis von zwanzig Meilen um Albany, der ein solches Paar Thiere lenkte wie ich.« »Ihr verlangt doch hoffentlich nicht, daß ich diese Pferde an Mary Wallace verkaufe, Guert?« versetzte ich lachend.

»Ja, mein Junge; und dieß Haus, und den alten Bauernhof, und zwei oder drei Magazine am Fluß hin, und Alles was ich habe, vorausgesetzt, Ihr könnt mich auch mit verkaufen. Da jedoch die Ladies für jetzt keiner Pferde benöthigt sind, indem Herman Mordaunt selbst ein sehr gutes Gespann mitgebracht hat, welche Euch und mich, Corny, beinahe überfuhren, so bedarf es für jetzt keines Verkaufes; aber gern würde ich Mary und Anneke einige Meilen weit spazieren führen mit meinem Gespann und meinem eigenen Schlitten.«

»Das kann kein so schwieriger Handel seyn; denn junge Ladies willigen gewöhnlich ganz gerne ein, sich durch eine Schlittenfahrt unterhalten zu lassen.«

»Das Handpferd nimmt sich mehr wie ein Oberst an der Spitze seines Regiments aus, als wie ein unvernünftiges Thier!«

»Ich will die Sache Herman Mordaunt vortragen, oder Anneke selbst, wenn Ihr es wünscht.«

»Und das Sattelpferd hat die Bewegung einer Lady in einer Menuet, wenn man ihm die Zügel etwas anzieht. Ich fuhr mit diesen Thieren, Corny, über die Fichtenebenen nach Schenektady in einer Stunde und sechsundzwanzig Minuten, sechszehn Meilen im geradesten Zuge, – und nahe an sechszig, wenn man all den Windungen der fünfzig Straßen folgt.«

»Nun, was soll ich thun? dieß den Ladies sagen, oder sie bitten, einen Tag zu bestimmen?«

»Einen Tag zu bestimmen! – Ich wünschte von ganzer Seele, es wäre schon so weit. Es sind zwei Schönheiten.«

»Ja, das wird, glaube ich, Jedermann zugeben;« antwortete ich unschuldig, »und doch so sehr verschieden in ihren Reizen.«

»Ha, kein Bischen mehr sich gleich, als für ein gutes Paar nothwendig ist. Ich nenne den einen Jack, den andern Moses. Ich habe nie ein Thier gesehen, welches Jack hieß, das nicht seine Schuldigkeit, gethan hätte. Ich gäbe Viel darum, Corny, wenn Mary Wallace dieß Thier laufen sähe!«

Ich versprach Guert allen meinen Einfluß bei den Ladies aufzubieten, um sie zu vermögen, sich seinem Gespann anzuvertrauen; und damit ich aus eigener Anschauung und Erfahrung sprechen könne, wurde sofort der Schlitten vor die Thüre bestellt, in der Absicht, vor der Hand mit mir eine Fahrt zu machen. Die Winterequipage Guert Van Eyck's war in der That sehr geschmackvoll und zeugte von großer Kennerschaft. Ich hatte oft schönere Schlitten gesehen, was Anstrich, Firniß, Vordergestell und Simse betrifft; denn darauf schien er sehr wenig Aufmerksamkeit zu wenden. Die Eigenschaften, wegen welcher der Eigenthümer seinen Schlitten am meisten schätzte, waren erstlich die vortreffliche Art, wie er auf den Läufen ruhte, und hinten und vorn ganz leicht auflag; sodann waren die Zugriemen mehr in gleicher Höhe mit den Pferden, doch nicht so hoch, daß sie dem Ziehen Eintrag thaten. Die Farbe außen war himmelblau, eine Lieblingsfarbe der Holländer; innen feuerroth. Die Pelze waren sehr groß und alle vom grauen Wolf. Da sie mit scharlachrothem Tuche gefüttert waren, so erregte das Ganze eine Vorstellung von behaglicher Wärme. Nicht vergessen darf ich die Glocken. Außer den vier Reihen, welche am Geschirr befestigt waren, das gewöhnliche Erforderniß jeder Art von Schlittengeschirr, hatte Guert auch zwei ungeheuere Riemen, lederne Streifen, angeschafft, welche von den Sätteln bis unter den Leib von Jack und Moses hinabreichten; und noch ein Glockenriemen lief um den Hals eines jeden Pferdes; so daß das Geklingel beim Laufen um wenigstens das Vierfache gegen die sonst übliche Menge von Glocken verstärkt war.

So also fuhren wir ab von der Thüre des alten Ten Eyck'schen Hauses, und alle Schwarzen auf der Straße gafften uns voll Entzücken an und lachten, daß ihnen die Seiten schütterten – denn ein Neger drückt seine Bewunderung von irgend welcher Sache, und wäre es auch eine Predigt, immer auf diese Weise aus. Ich erinnere mich, einen Reisenden, der bis an den Niagara gekommen war, erzählen gehört zu haben, sein Schwarzer habe die ganze erste halbe Stunde, wo er diesem gewaltigen Katarakt gegenüber gestanden, nur ein schallendes, wieherndes Gelächter ausgestoßen.

Auch blieben nicht allein die Schwarzen stehen, um Guert Ten Eyck, seinen Schlitten und seine Pferde zu bewundern. Alle jungen Männer in der Stadt zollten Guert diese Huldigung, denn er galt einstimmig als der beste Kutscher und als der erste Pferdekenner in Albany, – das heißt als der beste Kenner für seine Jahre. Einige junge Frauenzimmer, welche in Schlitten saßen, schauten sich um, als wir an ihnen vorbeifuhren, ein Beweis, daß die Bewunderung sich auch auf das andere Geschlecht erstreckte. Das Alles sah und fühlte Guert, und die Wirkung hievon war sehr leicht zu bemerken in seinem ganzen Wesen, wie er da stand und sein feuriges Paar durch die Holzschlitten hin lenkte, welche noch immer in der Hauptstraße gedrängt standen.

Unser Weg ging den großen Flächen zu, welche sich nördlich von Albany Meilen weit an der westlichen Küste des Hudson hin erstrecken. Dieß war die Bahn, welche von den jungen Leuten der Stadt bei ihren Abendschlittenfahrten gewöhnlich gewählt wurde; und nicht Wenige von der höhern Klasse hielten an, um der Madame Schuyler ihre Achtung zu bezeugen, eine Wittwe aus derselben Familie, in welche sie auch geheirathet hatte, die vermöge ihres Charakters, ihrer Verwandtschaft und ihres Vermögens in dem gesellschaftlichen Kreis der Nachbarschaft eine hohe Stelle einnahm. Guert kannte diese Dame und schlug vor, daß ich ihr einen Besuch machen und ihr meine Achtung bezeugen solle – ein Tribut, den sie von den meisten Fremden von gutem Hause zu empfangen gewohnt war. Dahin fuhren wir also, so schnell die Rappen meines Begleiters uns ziehen konnten. Die Entfernung betrug nur wenige Meilen, und bald flogen wir durch das offene Thor vor dem Hause vor, wo im Sommer ein sehr hübscher, obwohl kunstloser, Rasenplatz seyn mußte.

»Beim Jupiter, wir haben Glück!« rief Guert, im Augenblick, wo er der Ställe ansichtig wurde; »dort ist Herman Mordaunt's Schlitten, und wir werden die Ladies hier finden.«

Alles dieß fand sich wirklich so, wie Guert verkündigt hatte. Anneke und Mary Wallace hatten bei Madame Schuyler zu Mittag gespeist, und ihre Mäntel und Shawls waren ihnen gerade gebracht worden, um sich zur Rückfahrt bereit zu machen, als wir eintraten. Ich hatte so viel von Madame Schuyler gehört, daß ich dieser achtbaren Dame mich nicht ohne scheue Ehrfurcht nähern konnte, und zuerst hatte ich keine Augen für ihre Gesellschafterinnen. Ich ward gut aufgenommen von der Herrin des Hauses, einer Frau von so bedeutendem Umfang, daß sie mit großer Schwierigkeit von ihrem Stuhl aufstand, aber deren Angesicht gleichmäßig Verstand, Grundsätze, freie Bildung und Wohlwollen ausdrückte. Sobald sie den Namen Littlepage hörte, warf sie den jungen Freundinnen einen bedeutsamen Blick zu; mein Auge folgte dem ihrigen, und sah, daß Anneke hoch erröthete und etwas beklommen aussah. Was Mary Wallace betrifft, so schien sie mir, wie nach meinem Dafürhalten jedesmal der Fall war, so oft Guert Ten Eyck sich ihr näherte, mit einer Art schwermüthiger Freude zu ringen.

»Ich brauche nicht erst Eurer Mutter Namen zu hören, Mr. Littlepage,« sagte Madame Schuyler, mir die Hand bietend, »da ich sie als junge Frau kannte. Um ihretwillen seyd Ihr willkommen; so wie Ihr es in Wahrheit auch um Eurer selbst willen seyn würdet, nach dem hochwichtigen Dienst, den Ihr, wie ich höre, meiner holden jungen Freundin hier geleistet habt.«

Ich konnte mich nur verbeugen und meinen Dank aussprechen; aber es ist überflüssig, zu sagen, wie angenehm mir Lob dieser Art war, das, wie ich wohl wußte, ursprünglich von Anneke selbst herrühren mußte; dennoch konnte ich mich kaum enthalten, über Guert zu lachen, welcher die Achseln zuckte und sich gegen mich wandte mit einer Miene, die sein komisches Bedauern wiederholte, daß er nicht Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen sehen konnte! Das Gespräch nahm dann die gewöhnliche Wendung, und ich bekam Gelegenheit, mit den jungen Damen zu sprechen.

Nach dem, was ich von dem Charakter der Madame Schuyler gehört, war ich nicht wenig überrascht, zu finden, daß Guert in gewisser Art ein Liebling von ihr war. Aber selbst die verständigsten und feingebildetsten Frauen sind häufig geneigt – das habe ich seither Gelegenheit gehabt zu lernen – schöne, männliche, freimüthige, leichtsinnige Gesellen, wie mein neuer Bekannter war, mit ziemlicher Nachsicht zu beurtheilen. Bei all seinem Leichtsinn und seiner Neigung, sich in Excesse und tolle Streiche einzulassen, hatte Guert Etwas an sich, was es schwer machte, ihn zu verachten. Der Muth eines Löwen funkelte in seinem Auge, und seine Stirne und seine Haltung waren gerade von der Art, wie sie für Frauen am anziehendsten sind. Zu diesen Vorzügen kam noch eine anscheinende Unbewußtheit seiner Ueberlegenheit gegenüber den Meisten in seiner Umgebung, was die äußere Persönlichkeit betraf, und eine Bescheidenheit des Gemüths, die ihn oft seine Mängel in den Talenten und Kenntnissen beklagen ließ, welche den Mann von ernsten Studien und geistiger Regsamkeit auszeichnen. Nur unter robusten, rührigen, wilden Kameraden ließ Guert irgend den Ehrgeiz blicken, der Erste zu seyn und sich an die Spitze zu stellen.

»Fahrt Ihr noch immer mit den feurigen Rappen, Guert?« fragte Madame Schuyler in milder, leutseliger Art, die sie fähig und geneigt machte, ihr Gespräch dem Geschmack derjenigen anzupassen, mit welchen sie zu verkehren Luft hatte; »diejenigen meine ich, welche Ihr im Herbst gekauft habt!«

»Dessen dürft Ihr gewiß seyn. Tante,« – Jeder, der sich nur der entferntesten Verwandtschaft mit dieser liebenswürdigen Frau rühmen konnte, und Wessen Jahre die Benennung nicht als unehrerbietig erscheinen ließen, nannte sie ›Tante‹, – »dessen dürft Ihr gewiß seyn, Tante, denn ihres Gleichen sind nicht in dieser Colonie zu finden. Die Gentlemen von der Armee behaupten, kein Pferd könne gut seyn, das nicht, was sie Blut nennen, habe; aber Jack und Moses sind Beide von der holländischen Zucht, und die Schuyler's und Ten Eyck's werden nimmermehr zugeben, daß in dieser Raçe kein Blut sey. Ich habe jedem dieser Thiere meinen eigenen Namen gegeben und nenne sie Jack Ten Eyck und Moses Ten Eyck.«

»Ich hoffe, Ihr werdet die Littlepage's und die Mordaunt's nicht von Eurer Liste von Dissenters ausschließen, Mr. Ten Eyck,« bemerkte Anneke lachend, »denn Beide haben ja auch holländisches Blut in ihren Adern.«

»Sehr wahr, Miß Anneke, und Miß Wallace ist die einzige ächte und ganze Engländerin hier. Aber, da Tante Schuyler von meinem Gespann gesprochen hat, ich wünschte, ich könnte Euch und Miß Mary bereden, daß Ihr Euch gleich heute Abend damit von mir nach Albany zurückführen ließet. Euer eigner Schlitten kann nachfahren; und da Eures Vaters Pferde englischer Abkunft sind, so werden wir Gelegenheit haben, die beiden Raçen zu vergleichen. Die Anglo-Sachsen werden keine Last haben, wohl aber die Flamänder; dennoch will ich Thier gegen Thier wetten, daß die letztern ihre Sache am besten machen und in der kürzesten Zeit.«

Auf diesen Vorschlag wollte jedoch Anneke nicht eingehen; ohne Zweifel vergegenwärtigte ihr natürliches, instinktartiges Zartgefühl sogleich ihrem Geiste das Unpassende, wenn sie ihren Schlitten verließe, um eine Abendfahrt zu machen im Schlitten eines jungen Mannes, der, wie Guert, anerkannt im Rufe tollen Leichtsinns und ausgelassener Lustigkeit stand, und nicht immer so glücklich war, junge Damen der ersten Klassen zu bereden, seine Begleiterinnen zu werden. Doch hatte die Wendung, welche das Gespräch genommen, die Folge, so viele dringende Aufforderungen zu veranlassen, welche von mir unterstützt wurden, eine Probe mit den Pferden anzustellen, daß Mary Wallace versprach, die Sache Herman Mordaunt vorzulegen, und, falls er es gut hieße, Guert, Anneke und mich auf einer Spazierfahrt in der nächsten Woche zu begleiten.

Diese bedingte Zusage wurde von dem armen Guert mit tiefgefühlter Dankbarkeit aufgenommen; und er versicherte mich, als wir nach der Stadt zurückfuhren, er habe sich in den letzten zwei Monaten nie so glücklich gefühlt.

»Es steht in der Macht eines solchen jungen Weibes – jungen Engels, würde ich richtiger sagen,« setzte Guert hinzu, »aus mir zu machen, was sie will! Ich weiß, ich bin ein Tagdieb und unsern holländischen Ergötzlichkeiten allzu ergeben, und habe den Büchern nicht die Aufmerksamkeit gewidmet, die ich hätte sollen; aber laßt mich nur dieß köstliche Wesen bei der Hand nehmen, so werde ich in einem Monat ein ganz verwandelter Mann seyn. Junge Frauen können mit uns machen, was sie wollen, Mr. Littlepage, wenn sie es sich ernstlich vornehmen. Ich wollte, ich wäre ein Pferd, um das Vergnügen zu haben, Mary Wallace auf jener Spazierfahrt zu ziehen!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.