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Satanstoe, oder die Familie Littlepage

James Fenimore Cooper: Satanstoe, oder die Familie Littlepage - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleSatanstoe, oder die Familie Littlepage
publisherS. G. Liesching
seriesAmerikanische Romane
volumeVierundzwanzigster Band
year1846
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid48a5f5b7
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Zwölftes Kapitel.

In die Köpfe steigt ihnen dann der Wein,
Und hinaus drängt den Witz er zum Schwärmen,
Und statt seiner zieht nun der Unsinn ein,
Und die Späße ersticken im Lärmen.
Die spaßhafte Gesellschaft.

Guert Ten Eyck sah mich bedeutungsvoll an, als der Schlitten um eine Ecke des Gebäudes wirbelte und verschwand. Dann schlug er vor, wir wollten weiter gehen. Als wir die Hauptstraße hinauf schritten, war ich nicht wenig überrascht über die Unterhaltung und Kurzweil, welche ich hier im Gange sah, und an welcher mir alle jungen Leute der Stadt Theil zu nehmen schienen. Unter jungen Leuten verstehe ich hier nicht Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, sondern Jünglinge von achtzehn bis zwanzig Jahren, und die Kurzweil bestand darin, in Schlitten die Anhöhe herunter zu rutschen. Die Anhöhe war sehr steil, und lang genug, um den Schlitten recht in Schuß zu bringen, welcher eine kleine Strecke unter der englischen Kirche in Bewegung gesetzt wurde, – in einen Schuß, der ihn bis über die holländische Kirche hinab trieb, eine Entfernung von etwas mehr als eine Viertelmeile. Die dazu benützten Handschlitten waren nach Gestalt und Bau den Körperverhältnissen der darauf Fahrenden angemessen; und natürlich war kein New-Yorker, der nicht gelernt hätte, die Bewegung dieser Fuhrwerke zu lenken, und zwar mit der pünktlichsten Feinheit und größten Leichtigkeit selbst wenn sie die steilste Höhe hinunter glitten. Als Kinder, oder als Knaben bis zum vierzehnten Jahre, hatten alle Mannspersonen in der Colonie, und nicht wenige Frauenzimmer, sich diese Kunst zu eigen gemacht; aber dieß war der erste Ort, wo ich je Erwachsene diese Kurzweil treiben sah. Der zufällige Umstand, daß ein Berg von der Hauptstraße eingenommen wurde, verbunden mit der Strenge des Winters, hatte erwachsenen Leuten ein Vergnügen annehmlich gemacht, welches sonst ausschließlich nur von Kindern genossen wurde.

Bis wir zur Höhe der englischen Kirche hinaufgestiegen waren, kam eine Gesellschaft junger Offiziere vom Fort herab, lustig von den Bechern und dem Gesang des Regimentstisches. Sobald sie den Abfahrtsplatz der Schlitten erreichten, bemächtigten sich drei oder vier der Jüngeren eben so vieler Schlitten, und herab fuhren sie, wie die Kugel aus dem Rohr. Niemand schien dieß sonderbar zu finden; im Gegentheil, ich bemerkte, daß die älteren Leute mit einem wohlgefälligen und beifälligen Ernst zusahen, welcher anzudeuten schien, wie lebhaft ihnen dieß Schauspiel die Tage ihrer eignen Jugend in die Erinnerung zurückrufe. Ich kann jedoch nicht sagen, daß die Fremden sonderlich glücklich gewesen wären in Handhabung und Leitung ihrer Schlitten, denn meist blieben sie damit sitzen, ehe sie den Fuß des Berges erreicht hatten.

»Wollt Ihr auch einen Schlitten nehmen, Mr. Littlepage?« fragte mich Guert mit höflichem Ernst, welcher zeigte, wie ernsthaft er diese Kurzweil nahm. »Hier ist ein großer und starker Schlitten, der eine doppelte Last tragen kann, und Ihr dürft Euch mir sicher anvertrauen, wenn auch ein Regiment Cavallerie unten in Parade da stände.«

»Aber sind wir nicht ein wenig zu alt für eine solche Unterhaltung in den Straßen einer großen Stadt, Mr. Ten Eyck?« antwortete ich in zweifelndem Tone, indem ich mich mit unsicherm Wesen umsah, wie Einer, der sich Etwas nicht recht getraut, und doch Bedenken trägt, eine ablehnende Antwort zu geben. »Die königlichen Offiziere, wißt Ihr, sind privilegirte Leute.«

»Niemand hat ein höheres Privilegium, sich der Straßen von Albany zu bedienen, als Mr. Cornelius Littlepage, Sir, das kann ich Euch versichern. Die jungen Ladies beehren mich oft mit ihrer Gesellschaft und noch nie hat sich ein Unfall ereignet.«

»Und wagen die jungen Ladies diese Straße hinab zufahren, Mr. Ten Eyck?«

»Nicht oft, Sir, das gebe ich Euch zu; aber doch ist es auch schon geschehen in Mondscheinnächten. Es gibt jedoch einen abgelegeneren Ort, nicht weit von dieser Straße entfernt, welchen die Frauenzimmer vorziehen. Seht, Mr. Littlepage! – da gleitet der ehrenwerthe Kapitän Monson, vom – –ten Regiment, herab, und er wird den Berg drunten und wieder oben seyn, ehe wir abfahren, wenn Ihr Euch nicht beeilt. Nehmt Euren Sitz ein, nach Damenart, und überlaßt mir die Führung des Schlittens.«

Was konnte ich machen? Guert war so gar höflich gewesen, es war ihm jetzt so sehr Ernst, Jedermann schien es von mir zu erwarten, und der ehrenwerthe Kapitän Monson war schon hundert Schritte weit auf seiner Fahrt den Berg hinab, mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles dahin schießend. So nahm ich denn meinen Sitz ein und stellte meine Füße zusammen auf den vordern Bogen nach Damenart, wie ich angewiesen war. In einem Augenblick war Guert's männliche Gestalt hinter mir, ein Bein auf jeder Seite des Schlittens ausgestreckt, dessen Lenkung, wie jeder nördlich vom Potomak geborene Amerikaner wohl weiß, durch leichte Berührungen des Bodens mit den Fersen geschieht. Guert rief den Knaben zu ihm Bahn zu machen, und hinab schoßen wir wie das Schiff vom Stapel in sein ihm bestimmtes Element, nach dem Ausdruck der Dichter. Wir stießen glücklich ab und verließen den Platz wie der Pfeil vom Bogen stiegt.

Soll ich die Wahrheit sagen, und bekennen, daß ich einen Augenblick Vergnügen fand an der Aufregung, welche die schnelle Bewegung verursachte, das Wettrennen, das wir mit einem andern Schlitten anstellten, und die Geschicklichkeit und Sicherheit, womit Guert, beinahe ohne den Boden zu berühren, uns unverletzt durch verschiedene enge Passagen und an der Reihe von mit Holz und Wildpret beladenen Schlitten vorbei steuerte, so daß wir fast die Nasen ihrer Pferde streiften. Ich vergaß, daß ich diese seltsame Schaustellung meiner eignen Person an einem fremden Ort und in der Gesellschaft eines beinahe Fremden zum Besten gab. So schnell jedoch war die Bewegung des Schlittens, daß die Gefahr, erkannt zu werden, nicht sehr groß war, und so Viele waren da, welche die Aufmerksamkeit der Anwesenden theilten, daß der tolle Streich ganz übersehen worden seyn würde, ohne einen höchst unerwarteten und unerwünschten Zufall. Wir hatten mit bestem Glück den ganzen Raum zwischen den beiden Kirchen durchflogen, – unter dem lauten und gellenden Zuruf einiger gesetzten, ernsten, respektabel aussehenden alten Bürger: »Bravo Guert!« – denn Guert schien der allgemeine Liebling zu seyn, wenigstens im Punkte der Kurzweil und lustigen Streiche, – als wir, um eine Ecke des alten holländischen Tempels biegend, in der ehrgeizigen Absicht daran vorbei zu fliegen und noch weiter hinab und den Uferdamm hinauf zu fahren, uns in drohendster Gefahr sahen, unter die Vorderfüße zweier schäumenden Rosse zu gerathen, welche mit einem Schlitten um eben diese Ecke der Kirche herum brausten. Nichts rettete uns als Guert's Geistesgegenwart und physische Stärke. Indem er eine Ferse in den Schnee hineinstieß, bewirkte er, daß der Schlitten in einem rechten Winkel von seiner frühern Bahnlinie weg, und wir herunter flogen, kopfüber kopfunter, ohne viele Rücksicht auf Anstand in Stellung und Lage; der Neger, welcher den Schlitten kutschirte, zog in demselben Augenblick den Zügel so heftig an, daß seine Pferde sich auf die Hanken setzten. Das Ergebniß dieser Bewegungen zusammen war, daß Guert und ich dergestalt hinunterrollten, daß wir gerade neben dem Schlitten wieder auf unsere Füße zu stehen kamen. Wirklich legte ich, als ich aufstehen wollte, eine Hand auf die Seite des Fuhrwerks, um mir so einen Halt zu geben bei meinem Bestreben.

Welch ein Anblick bot sich meinen Augen dar! Vorn stand der Neger, von einem Ohr bis zum andern grinsend; denn ihm schien jeder Unstern, welcher den Schlittenrutschern zustieß, ein ganz natürlicher Anlaß zur Lustigkeit. Wer hätte nicht gelacht, so oft er einen Schlitten umstürzen gesehen? – und es war demgemäß ganz in der Ordnung, zu lachen bei einem Schauspiel, wo zwei erwachsene Knaben von einem Handschlitten herunter purzelten. Ich hätte den Schuft von Herzen gern zu Boden schlagen mögen, aber es wäre nicht angegangen eine Lustigkeit zu ahnden, welche einen so vollgültigen Grund hatte. Wäre ich aber auch geneigt gewesen anders zu handeln, so wäre die erforderliche Kraft und der Muth, um so Etwas zu thun, ganz in mir vernichtet gewesen durch den Umstand, daß ich mich, nur drei Fuß entfernt, gerade Anneke Mordaunt und Mary Wallace gegenüber sah! Die Beschämung, so ertappt und entdeckt zu werden bei dem unglücklichen Ausgang eines so knabenhaften Schlittenfluges überwältigte mich Anfangs beinahe. Was Guert's Empfindungen waren, weiß ich nicht, aber einen Augenblick wünschte ich ihn in die tiefste Tiefe des Hudson, und ganz Albany, seine holländische Kirche, Schlitten, Berg und schmauchende Bürger mit eingeschlossen, hinter ihm drein.

»Mr. Littlepage!« entfuhr den rosigen Lippen Anneke'ns, in einem Tone, der nicht zu mißdeuten war.

»Mr. Guert Ten Eyck!« rief Mary Wallace, in einem Ton und mit einem Wesen, welche Unmuth verriethen.

»Zu Euren Diensten, Miß Mary!« versetzte Guert, der etwas verdutzt aussah über den Ausgang seines Unternehmens, obwohl aus einem Grunde, den ich zuerst nicht begriff, indem er sich zugleich den Schnee von der Mütze wischte; »zu Euren Diensten jetzt und immerdar, Miß Mary. Aber glaubt ja nicht, es sey Ungeschicklichkeit gewesen, was diesen Zufall verursacht hat, ich bitte Euch darum. Es war ganz und gar die Schuld des Knaben, welcher aufgestellt ist, um ein Zeichen zu geben, wenn Schlitten unter der Kirche herankommen, und der seinen Posten verlassen haben muß. Wenn irgend einmal Eine von Euch jungen Ladies mir die Ehre erzeigen will, einen Sitz auf meinem Schlitten einzunehmen, so will ich meinen guten Namen als ein Albanier verpfänden, sie an den Fuß des höchsten und steilsten Berges in der Stadt herunterzusteuern, ohne daß ihr ein Band verrückt werden soll.«

Mary Wallace antwortete Nichts, und es wollte mich bedünken, sie sehe etwas traurig aus. Es ist möglich, daß Anneke ihre Empfindung bemerkte und verstand, denn sie antwortete mit einer Lebhaftigkeit, die ich früher nie an ihr bemerkt hatte:

»Nein, nein, Mr. Ten Eyck,« sagte sie, »wenn Miß Wallace oder ich den Wunsch haben sollten, auf dem Schlitten den Berg herab zu rutschen und wieder kleine Kinder zu werden, so werden wir uns Knaben anvertrauen, welche vermöge beständiger Uebung vermuthlich erfahrener seyn werden, als Männer es seyn können, welche die Zeit gehabt haben, die Gewohnheiten ihrer Kinderjahre zu vergessen. Pompejus, wir wollen nach Haus zurückfahren.«

Die kalte Verbeugung des Hauptes, welche auf diese Worte folgte, und die doch noch artig genug war, um die Gesetze der Höflichkeit nicht zu verletzen, zeigte nur zu deutlich, daß weder Guert noch ich durch diese knabenhafte Schaustellung seiner Geschicklichkeit mit dem Handschlitten in der Achtung unsrer Angebeteten gestiegen waren. Wären die beiden jungen Ladies Albanerinnen gewesen, so hätten sie vermuthlich über unser Mißgeschick gelacht; aber da kein hoher Berg gerade nach New-York sich hineinzog, herrschte der in Albany übliche Brauch in der Hauptstadt nicht. Nur kleine Knaben bedienten sich in jener Gegend der Colonie des Handschlittens, während bei den stabileren und beharrlicheren Holländern der Geschmack daran sich länger erhielt. Natürlich blieb uns Nichts weiter zu thun übrig, als tiefe Bücklinge zu machen und den Neger fortfahren zu lassen.

»Da haben wir's, Littlepage,« rief Guert mit einer Art von Seufzer; »jetzt werde ich die ganze nächste Woche nur eiskalte Blicke bekommen, und das Alles nur darum, weil ich den Berg vier oder fünf Jahre älter, als die Regel ist, hinabgefahren bin. Jedermann hier herum belustigt sich mit dem Handschlitten bis ins achtzehnte Jahr oder so, und ich bin erst fünfundzwanzig alt. Bitte, wie alt seyd denn auch Ihr, mein lieber Kamerad?«

»Einundzwanzig, erst seit etwa einem Monat. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre erst zehn.«

»Also um die Ecke herum! – nun, das ist unglücklich; aber wir müssen die Sache so gut drehen und wenden, als wir können. Mein Geschmack sind Possen, und das habe ich der Miß Wallace öfters gestanden; aber sie erklärt mir, nach einer gewissen Altersperiode sollten Männer ihre Blicke auf ernstere Dinge richten und an ihr Vaterland denken. Sie hat mir schon einmal eine Vorlesung gehalten über den Gegenstand des Schlittenrutschens, obwohl sie zugibt, daß Schlittschuhlaufen eine männliche Uebung ist.«

»Wenn eine Lady sich die Mühe nimmt, Einem eine Vorlesung zu halten, so ist das ein sicheres Zeichen, daß sie einiges Interesse für ihn hat.«

»Bei St. Nicolas! daran habe ich nicht gedacht, Littlepage!« schrie Guert, der trotz der großen Vortheile, die ihm sein Gesicht und seine Gestalt gaben, dennoch, wie sich zeigte, weniger Eitelkeit auf seine Person hatte, als fast jeder andere Mann, der mir vorgekommen. »Eine Vorlesung hat sie mir gehalten, und das mehr als Einmal!«

»Die Lady, die mir eine Vorlesung hält, Sir, wird meiner gewiß am Ende derselben nicht los!«

»Das ist männlich gedacht! Das gefällt mir, Littlepage; und Ihr gefallt mir auch. Ich sehe voraus, wir werden vertraute Freunde werden; und wir wollen ein ander Mal mehr von dieser Sache sprechen. Nun, Mary hat mir vom Krieg gesprochen und darauf hingedeutet, daß ein unverheirateter Mann wie ich, dem die ganze Welt offen steht, wohl etwas thun könnte, seinen Namen in ihr bekannt zu machen. Mir gefiel das nicht; denn ein Mädchen, das einen jungen Burschen liebte, würde nicht wünschen, daß er todt geschossen würde.«

»Ein Mädchen, das kein Interesse für ihren Anbeter hätte, Mr. Ten Eyck, würde nicht darnach fragen, ob er Etwas thue oder nicht. Aber ich muß Euch jetzt verlassen, da ich mich verpflichtet habe, um sechs Uhr bei Mr. Worden in dem Gasthause zu seyn.«

Guert und ich schüttelten uns jetzt, zum zehnten oder zwölften Mal an diesem Tage, die Hände, und trennten uns mit der Verabredung, daß er bei uns vorsprechen solle, um unsere Gesellschaft zu dem Nachtessen zu begleiten, um die früher schon festgesetzte Stunde. Als ich dem Gasthaus zuschritt, sann ich in höchst ärgerlicher und mißmuthiger Stimmung über das so eben Vorgefallene nach. Daß Anneke Mißfallen an der Sache empfunden, war nur allzu sichtbar; und ich fürchtete sehr, ihr Mißfallen sey nicht ganz ohne eine Beimischung von Verachtung. Was Guert betraf, so schien mir sein Fall nicht halb so verzweifelt zu stehen als der meinige; denn es war gar nichts Unnatürliches, sondern gewissermaßen gerade das Gegentheil, wenn Frauen von Verstand und gesetztem Wesen, falls sie einen jungen Mann von entgegengesetzter Gemüthsart gerne sehen – und ich erinnerte mich, von meinem Großvater gehört zu haben, daß dieß nicht selten der Fall sey, – ihre Anbeter in ihren Lebensbestrebungen und ihrem Charakter zu heben suchten. Hätte Anneke sich die Mühe genommen, mir Vorstellungen zu machen über die Thorheit dessen, was ich gethan, so hätte ich wieder Muth gefaßt; aber die kalte Gleichgültigkeit ihres Benehmens, um nicht zu sagen: Verachtung, schnitt mir tief und bitter ins Herz. Es ist wahr, Anneke schien mehr für ihre Freundin zu fühlen; aber ich konnte die Miene der erstaunten Ueberraschung nicht mißdeuten, womit sie mich, Cornelius Littlepage, unter ihrem Schlitten aufstehen, und mich den Schnee von meinen Kleidern wegbürsten sah, mich großes Kalb, das ich war! Kein Mann kann es ertragen, lächerlich zu werden in Gegenwart der Geliebten! In der Nähe des Gasthauses begegnete ich Dirck, sein ganzes Gesicht leuchtend im Ausdruck der Freude.

»Ich bin so eben Anneke und Mary Wallace begegnet!« sagte er, »und sie ließen ihren Schlitten halten, um mit mir zu sprechen. Herman Mordaunt ist schon den halben Winter hier und er gedenkt den größten Theil des Sommers zu bleiben. Es wird dieß Jahr kein Lilaksbush geben, sagten mir die Mädchen, aber Herman Mordaunt hat ein Haus gemiethet, wo er mit seinen eigenen Dienern wohnt, und sich sein Fleisch im eigenen Topfe siedet, wie er es nennt. Wir werden da natürlich ganz zu Hause seyn, denn Ihr steht in so hohen Gunsten, Corny, seit jener Geschichte mit dem Löwen! Anneke habe ich nie so schön gesehen, wie heute.«

»Hat Miß Mordaunt gesagt, sie werde sich freuen, uns auf dem alten Fuß wieder zu sehen, Dirck?«

»Ob sie das gesagt? – Ich denke wohl. Sie sagte: ich werde mich freuen, Euch zu sehen, Cousin Dirck, so oft Ihr kommen könnt, und ich hoffe, Ihr werdet manchmal den Geistlichen mitbringen, von welchem Ihr gesprochen habt.«

»Aber Nichts von Jason Newcome oder Corny Littlepage? Sagt mir die Wahrheit gerade heraus, Dirck; mein Name ward nicht genannt?« »Doch genannt wurde er; ich nannte ihn mehrere Male, und erzählte ihnen, wie lange wir unterwegs gewesen, und wie Ihr kutschirtet, und wie Ihr den Schlitten sammt den Pferden schon verkauft habet, und ein Dutzend andre Sachen. Oh! wir sprachen gar Viel von Euch, Corny; das heißt, ich, und die Mädchen hörten zu.«

»Ward mein Name ausdrücklich genannt, Dirck, von einer oder der andern der jungen Ladies?«

»Ganz gewiß; Anneke hatte Etwas über Euch zu sagen, obgleich es so gar nicht in den Gang des Gesprächs hereingehörte, daß ich Euch im Augenblick kaum sagen kann, was es war. Oh, jetzt erinnere ich mich; sie sagte: ›Ich habe Mr. Littlepage gesehen und ich meine, er sey gewachsen seit wir zuletzt zusammen waren; er verspricht über kurz oder lang ein Mann zu werden.‹ Was konnte das meinen, Corny?«

»Daß ich ein Narr bin, ein großer, vollausgewachsener Knabe und wünsche, daß ich Albany nie gesehen hätte; das meint es. Kommt, laßt uns hineingehen; Mr. Worden wird uns erwarten. Ha, Wer Teufels ist das, Dirck?«

Ein lauter holländischer Ausruf entfuhr Dirck, ohne daß er beachtete, daß er sich auf der Straße befand, und sein ganzes Gesicht strahlte auf in hellem, teilnehmenden Lächeln. Ich war eines Schlittens ansichtig geworden, welcher die Anhöhe hinunterglitt, die wir langsam hinauf stiegen, und welcher an uns vorbeiflog gerade als jene Worte aus meinem Munde gingen. Es saß Niemand darauf als Jason, welcher ebenso entzückt schien von der Unterhaltung als irgend ein anderer großgewachsener Knabe auf dem Berge. Dahin flog er, den Stülphut hoch auf dem Haupte, darunter den erbsengrünen Rock und die gestreiften wollenen Strümpfe und die schweren versilberten Schnallen auf beiden Seiten hinausgestreckt, die Bewegungen des Schlittens lenkend mit der Sicherheit eines mit der Sache ganz vertrauten Jungen.

»Das muß ein kapitaler Spaß seyn, Corny!« sagte mein Begleiter, der sich kaum zu halten wußte in der Freude, die er empfand. »Ich habe große Lust selbst auch einen Schlitten zu entlehnen und eine Fahrt zu machen.«

»Aber ja nicht, wenn Ihr die Absicht habt, die Miß Mordaunt zu besuchen, Dirck. Nehmt mein Wort darauf, sie sieht es nicht gern, wenn Männer die Kurzweil von Knaben nachmachen.«

Dirck starrte mich an, aber da er von Natur schweigsam war, sagte er Nichts, und wir traten in das Haus. Dort fanden wir Mr. Worden, eine alte Predigt überlesend, die er für den nächsten Sonntag bereit hielt; und sich hinsetzend, begann er über die Stadt und ihre Vortheile vergleichende Betrachtungen anzustellen. Der Geistliche war ganz in Entzücken. Was die Holländer betraf, so kümmerte er sich nicht viel um sie und hatte nur Wenige derselben gesehen, ganz in der Art eines Hauptstadtbewohners sie übersehend; aber er hatte so viele englische Offiziere getroffen, hatte so viel vom Mutterlande gehört und so viele Einladungen erhalten, daß sein Feldzug Nichts als Annehmlichkeiten versprach. Wir saßen da, über diese Dinge plaudernd, bis der Thee gebracht wurde, und nachher noch ein paar Stunden. Meine Verkäufe wurden gerühmt, meine rasche Gewandtheit – die rasche Gewandtheit Guert's wäre richtiger gewesen – wurde gepriesen, und man sagte mir, meine Eltern sollten den ganzen Verlauf der Sache getreulich erfahren. Kurz, unser Mentor, weil er für seine Person in guter Laune und Stimmung war, war geneigt, auch gegen jeden Andern die freundlichste Stimmung und Gesinnung zu zeigen.

Zu der verabredeten Stunde kam Guert, um uns an den Ort der Zusammenkunft zu begleiten. Er war höflich, aufmerksam und so frisch und frei wie die Luft, die er athmete, in seinem Benehmen. Mr. Worden fand ausnehmend Geschmack an ihm, und man sah bald, daß er und der junge Ten Eyck leicht die besten Freunde werden dürften.

»Ihr müßt wissen, Gentlemen, daß die Gesellschaft, zu welcher ich Euch einzuladen die Ehre gehabt habe, aus einigen der tüchtigsten, herzhaftesten jungen Männern in Albany, wo nicht in der Colonie, bestehen wird. Wir kommen jeden Monat einmal zusammen im Hause eines alten Junggesellen, welcher zu uns gehört, und hoch erfreut seyn wird, mit Euch, Mr. Worden, über die Religion sich unterhalten zu können. Mr. Van Brunt ist sehr bewandert in der Religion und wir machen ihn zum Schiedsrichter in allen unsern Streitigkeiten und Wetten auf diesem Gebiete.«

Dieß klang etwas ominös, wie mir schien; aber Mr. Worden war nicht der Mann, der sich durch ein halb Dutzend unüberlegte Worte von einem guten warmen Nachtessen wegschrecken ließ. Er konnte selbst eine religiöse Erörterung ertragen, wenn er eine solche Aussicht vor sich hatte. Er schritt Seite an Seite mit Guert weiter, und bald befanden wir uns an der Thüre des Hauses Mr. Van Brunt's, des Baccalaureus Bachelor heißt Junggeselle und zugleich Baccalaureus, – ein akademischer Grad. der Theologie, wie ich ihn witziger Weise nannte. Guert trat hinein ohne anzupochen, und führte uns zu unserm quasi-Wirth.

Wir fanden in dem Zimmer eine Gesellschaft von gerade zwölf Personen, Guert mit eingeschlossen; denn dieß war die Zahl des Clubs. Es fuhr mir, auf den ersten Blick, der Gedanke durch den Kopf, daß die sämmtliche Gesellschaft das Aussehen von Bergherabrutschern habe, und daß wir vermuthlich die ganze Nacht opfern würden. Meine Bekanntschaft mit Dirck und überhaupt meine Verwandtschaft und Verbindung mit dem alten Stamme hatten mich mit einer gewissen Eigenthümlichkeit im holländischen Charakter hinlänglich vertraut gemacht. Nüchtern, gesetzt, ja phlegmatisch, wie sie gewöhnlich zu seyn schienen, trieben sie es in ihren lustigen lärmenden Gelagen ziemlich hoch und toll, wenn einmal ein rechter Anfang gemacht war. Wir waren der Meinung, daß ein junger Bursch von dem alten Stamme in West-Chester drunten Zweien vom Anglo-Sächsischen Stamme vollkommen gewachsen sey, wenn es zu einem harten Strauß bei Tische kam; denn keine gewöhnliche Kurzweil und Tollheit befriedigte die kecken Phantasien eines einmal aufgeregten, in Zug gekommnen Holländers. Die Tradition hatte mich in eine Menge Geheimnisse, ihre Excesse betreffend, eingeweiht, und ich hatte oft von den jungen Albaniern reden gehört, als Solchen, welche es zu dem höchsten Punkte, zur höchsten Meisterschaft gebracht.

Nichts konnte jedoch anständiger und rücksichtsvoller seyn, als unsre Einführung und unser Empfang. Die jungen Männer schienen ganz besonders vergnügt darüber, einen Geistlichen in ihrer Gesellschaft zu sehen, und ich zweifle nicht, die Absicht war, daß der Abend in ungewöhnlicher Nüchternheit und Mäßigkeit hingebracht werden sollte. Ich hörte das Wort »Dominie« von Mund zu Mund flüstern, und es war leicht zu sehen, welchen Eindruck es machte. Die meisten Augen hefteten sich auf Van Brunt, einen etwas dissolut aussehenden, vierschrötigen Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem rothen Gesicht, welcher die Entschuldigung für seinen Umgang mit so viel jüngeren Männern in seinen Lebensgewohnheiten und vielleicht in der Notwendigkeit des Falles zu finden schien, da Männer von seinen Jahren wohl schwerlich an seiner Gesellschaft Geschmack fanden.

»Aber Gentlemen, es ist ein trockenes Geschäft, so dazustehen und einander anzusehen,« bemerkte Mr. Van Brunt; »und wir wollen etwas Punsch trinken, um unsre Herzen ebenso wie unsre Kehlen anzufeuchten. Guert, dort ist der Krug.«

Guert war nicht faul mit dem Kruge, und Jeder bekam sein Glas Punsch, – ein Getränke, das damals, wie auch noch jetzt, in der Colonie sehr gebräuchlich war. Ich muß gestehen, daß die Mischung mit großer Sachkunde zusammengebraut war, obwohl ich, sobald ich nur mein Glas geleert hatte, bemerkte, daß der Punsch verdammt stark war. Anders verhielt es sich mit Guert. Nicht nur Ein Glas leerte er, sondern er schüttete, rasch auf einander, zwei hinunter, wie Einer, der argen Durst hat; und dabei stand er in schöner, männlicher, aufrechter Stellung da, wie ein Mann, der mit Etwas tändelt, was seine Kraft nicht halb in Anspruch nimmt. Der Krug, obwohl sehr groß, ward auf diesen Einen Angriff geleert, und zum Beweis hievon ward er von Guert selbst umgestürzt.

Nun folgten Gespräche, meist in englischer Sprache geführt, aus Rücksicht für den Dominie, von welchem man nicht voraussetzte, daß er Holländisch verstehe. Dieß jedoch war ein Irrthum, denn Mr. Worden kam ganz ordentlich in dieser Sprache fort, wenn er es versuchte. Ich ward beglückwünscht wegen der Verkäufe, die ich mit dem Contraktor abgeschlossen, und viele freundliche und gastliche Versuche wurden gemacht, mich in herzlicher und zutraulicher Weise unter Fremden willkommen zu heißen. Ich gestehe, ich ward gerührt durch diese ehrlichen und aufrichtigen Bemühungen, es mir recht heimisch zu machen, und als ein zweiter Krug mit Punsch herbeigebracht wurde, nahm ich recht gerne noch ein Glas, während Guert, wie gewöhnlich, zwei trank; aber das Getränke, das er zu sich nahm, brachte, wie ich später bei vielen Gelegenheiten mich überzeugte, bei ihm so wenig irgend welche sichtbare physische Wirkungen und Folgen hervor, als wenn er Nichts geschluckt hätte. Guert war kein Trunkenbold, keineswegs; er konnte nur Alle um ihn herum unter den Tisch trinken und selbst fest auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Solche Leute entgehen gewöhnlich der Beschuldigung, Säufer zu seyn, obwohl sie sehr häufig am Schluß ihrer Laufbahn ihre frühem Erfolge und Großthaten zu büßen haben. Es sind dieß die Männer, die mit Sechzig, wo nicht noch früher, zusammenbrechen, und an Gicht, Lähmungen und Unverdaulichkeit und andern ähnlichen Uebeln zu leiden haben.

Dieß war der Stand der Dinge, und die Gesellschaft kam allmählig in eine sehr vergnügte Stimmung, als Guert aus dem Zimmer gerufen wurde von einem der Schwarzen, der, während er sich seines Auftrags entledigte, ein höchst ominöses Gesicht machte. Er war kaum einen Augenblick weg, als er wieder zurückkam mit einem gewissen Ausdruck von Bestürzung in seinem schönen Gesicht. Mr. Van Brunt ward in eine Ecke gerufen, wo noch zwei oder drei der Hauptpersonen sich bald in lebhaftem Gespräche, in halb flüsterndem Tone geführt, sammelten. Ich saß dieser Gruppe so nahe, daß ich gelegentlich ein paar Worte hörte, ohne jedoch den Schlüssel zum Ganzen finden zu können. Die Worte, die ich vernahm, waren: »der alte Cuyler,« – »kapitales Nachtessen,« – »Wildpret und Enten,« – »Rebhühner und Wachteln,« – »kennt uns Alle,« – »geht nimmermehr an,« – »der Dominie der Mann,« – »Fremde,« – »Wie es machen?« und verschiedne andere Ausdrücke, welche mir den unbestimmten Eindruck machten, daß unser Nachtessen aus irgend einem Grunde in großer Gefahr schwebe; aber was der Grund seyn möge, konnte ich nicht errathen. Guert war offenbar die Hauptperson bei dieser Berathung, und Alle schienen seinen Vorschlägen mit Aufmerksamkeit und Achtung zu lauschen. Endlich trat unser Freund aus dem Kreise heraus, und theilte uns die obwaltende Schwierigkeit in höflicher, gefaßter Weise mit folgenden Worten mit:

»Ihr müßt wissen, Hochwürdiger Mr. Worden und Mr. Littlepage und Mr. Follock, und Mr. Newcome, daß wir jungen Leute in Albany gewisse eigenthümliche Bräuche unter uns haben, welche Euch Gentlemen in der Nähe der Hauptstadt vielleicht nicht bekannt sind. Die Wahrheit ist, daß wir nicht immer so weise und so nüchtern sind wie unsre Eltern und Großeltern besonders es wohl wünschen möchten. Wir halten es manchmal für einen guten Spaß, die Hühnerhäuser und Geflügelhöfe der Bürger heimzusuchen, und von den Früchten einer solchen Fouragierung ein Nachtessen zu halten. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, Gentlemen; aber ich will gestehen, daß mir Enten und Gänse, welche auf solche unschuldige, an die Jagd erinnernde Weise gewonnen sind, weit besser munden, als die auf den Markthallen gekauften; unser eignes heutiges Nachtessen war ein gekauftes, aber es ist das Opfer einer kleinen Ausdehnung des eben erwähnten Brauches geworden.«

»Wie! – wie ist das, Freund Ten Eyck?« rief Mr. Worden mit ungeheuchelter Bestürzung. »Das Nachtessen ein Opfer geworden, sagt Ihr?«

»Ja, Sir; um frei und offen mit der Sprache herauszugehen, es ist fort! fort bis auf das letzte Huhn, Beefsteak und die letzte Kartoffel. Sie haben uns nicht eine Schüssel übrig gelassen.«

»Sie!« wiederholte der Pfarrer. »Und Wer sind denn wohl die sie

»Das ist ein erst noch zu ermittelnder Punkt, denn das Manöuvre ist auf eine so feine und gewandte Art ausgeführt worden, daß keiner unsrer Schwarzen Etwas von der Sache merkte. Es scheint, es brach eben ein Feuerlärm aus und zog alle Neger auf die Straße hinaus; und während dieser Zeit wurden alle unsre Speisevorräthe zusammengepackt und unsichtbar.«

»Gnädiger Himmel! gnädiger Himmel, welch ein Unfall! welch ein schurkischer Diebstahl! Habt Ihr noch keine Spuren davon?«

»Nein, Sir, es thut mir leid sagen zu müssen, daß wir noch keine haben; aber wir geben auch einem lustigen Streich keine so harte Namen, selbst wenn wir unser Nachtessen dadurch verlieren. Es ist ein Streich von Genossen und Freunden von uns, welche heute Nacht auf unsere Kosten zu schmausen gedenken, und ohne Zweifel auch ihre Absicht erreichen werden, wenn Ihr, Gentlemen, nicht Euch dazu versteht, uns behülflich zu seyn, um unsere verlorenen Gerichte wieder zu erlangen.«

»Euch behülflich seyn, meine lieben Sir – ich will Alles thun, was Ihr nur wünschen könnt, – was wollt Ihr daß ich thue? Soll ich auf das Fort gehen und Beistand von der Armee herbei holen?«

»Nein, Sir; unser Zweck kann auch ohne dieß erreicht werden. Ich bin fest überzeugt, wir können, was uns fehlt, nur zwei oder drei Häuser von hier finden, wenn Ihr uns ein wenig, ein ganz klein wenig Beistand leisten wollt.«

»Sprecht nur, sprecht nur sogleich, ums Himmels willen, Mr. Guert. Die Schüsseln müssen ja mittlerweile kalt werden!« rief Mr. Worden, mit Lebhaftigkeit aufspringend und sich nach seinem Hut und Mantel umsehend.

»Der Dienst, um den wir Euch bitten, Gentlemen, ist einfach dieser,« versetzte Guert mit einer Kaltblütigkeit, die, als ich die Begebenheiten jener Nacht überlegte, mir immer als ganz staunenswerth erschienen ist. »Unser Nachtessen, und zwar ein ganz vortreffliches, befindet sich, wie ich gesagt, ganz in der Nähe. Nichts wird leichter seyn, als es auf unsern eigenen Tisch im nächsten Zimmer zu bringen, könnten wir es nur möglich machen, die alte Doortje von ihrer Küchenpflicht abzurufen und sie etwa fünf Minuten auf dem Thorplatz ihres Hauses hinzuhalten. Uns kennt sie Alle, und würde den Lunten im Augenblick riechen, wenn wir uns zeigten; aber Mr. Worden und Mr. Littlepage hier könnten sie wohl die erforderliche Zeit täuschen und hinhalten, ohne alle Mühe. Sie ist eine außerordentliche Freundin von Dominies, und würde nicht im Stande seyn, Eure Spur in dieses Haus zu verfolgen, so daß wir das Nachtessen im Frieden verzehren könnten. Und wenn es so weit ist, so fragt Niemand nach dem Uebrigen.«

»Ich will es thun! – Ich will es thun!« rief Mr. Worden, auf den Gang hinaus eilend, um seinen Hut und Mantel zu suchen. »Es ist nicht mehr als billig, daß Ihr das Eurige wieder bekommt, und die Mahlzeit würde entweder verzehrt oder verkocht und versotten seyn, wenn wir erst Constables herbeiholen wollten.«

»Seyd ganz ruhig wegen der Constables, Mr. Worden, wir bedienen uns ihrer nie bei unsern Geflügelkriegen. Alles was wir, die wir gern unser Nachtessen wieder hätten, erwarten können, ist nur: ein Wenig heißes Wasser oder ein Scharmützel mit unsern Bekannten.«

Die näheren Umstände der Operation wurden jetzt deutlich und klar festgesetzt. Guert sollte sich an die Spitze einer Schaar stellen, mit großen Körben versehen, welche in die Küche, während Doortje's Abwesenheit, eindringen und die Gerichte wegnehmen sollten, welche noch nicht aufgetragen seyn konnten, da alle Leute in Albany, welche einer gewissen Klasse angehörten, sich pünktlich um neun Uhr zum Nachtessen niedersetzten. Was Doortje betraf, so sollte ein Neger, der im Hause war, um einem der Gäste, seinem Herrn, aufzuwarten, sie heraus locken auf den Platz vor die Hausthüre, da das Haus eine Kellerküche hatte, wo es dann Mr. Worden's Obliegenheit seyn sollte, sie drei oder vier Minuten hinzuhalten. Zu meinem Erstaunen ging der Pfarrer auf die Ausführung des tollen Streiches mit knabenhaftem Eifer ein, versichernd, daß er das Weib wohl eine halbe Stunde hinhalten könnte, wenn es nöthig wäre, indem er ihr eine Vorlesung halten würde über die wichtige Pflicht, das achte Gebot zu beobachten. Sobald die Präliminarien so in's Reine gebracht waren, machten sich die beiden Parthieen auf, um das ihnen Obliegende zu besorgen, da die Stunde an die Nothwendigkeit mahnte, keine Zeit unnöthig zu versäumen.

Mir gefiel dieser ganze Handel von Anfang an nicht, denn das Experiment mit dem Bergherunterrutschen hatte mein Vertrauen zu Guert Ten Eyck's Urtheil und Einsicht etwas geschwächt. Dennoch schickte es sich für mich nicht recht, zurückzubleiben, wenn Mr. Worden sich an die Spitze stellte, und am Ende war ja auch eben nichts sonderlich Unrechtes daran, wenn wir ein Nachtessen wieder zu gewinnen suchten, welches man uns aus unserem Hause geraubt hatte. Guert schlug nicht wie wir, den Weg über die Straße ein, sondern er ging mit seinen Genossen zu einer Hinterthür hinaus auf ein Gäßchen und wollte in den Hof des mit einem Angriff bedrohten Hauses mittelst eines ähnlichen Hinterthores gelangen. Einmal in diesem Hofe angekommen, war das Eindringen in die Küche und der Rückzug ziemlich leicht, vorausgesetzt, daß die Köchin in einem so wichtigen Augenblick von ihrer Pflichterfüllung sich abziehen ließ. Alles hing daher von der Geschicklichkeit des im Hause befindlichen jungen Negers, so wie von der unserigen ab.

Als wir das Thor des Hauptplatzes erreichten, blieben wir stehen, während unser Neger hinabstieg, um Doortje heraus zu holen. Dieß ließ uns einen Augenblick Zeit, das Gebäude zu besichtigen. Das Haus war groß, viel größer als die meisten in der Nähe, und was mir als ungewöhnlich auffiel: es war eine angezündete Lampe über der Thüre. Dieß sah so aus, als ob es eine Art von Schenke oder Speisehaus wäre, und machte mir die ganze Sache begreiflicher. Unsere kecken und ausgelassenen Plünderer hatten ohne Zweifel die Absicht, ihre Beute in dieser Schenke zu verzehren.

Der Neger war kaum eine Minute weg gewesen, als er mit einem jungen Schwarzen wieder heraus kam, einem Diener, den er unter einem selbstersonnenen Vorwand von seinem Posten weggelockt hatte, und die Köchin folgte ihm fast auf dem Fuß. Doortje machte viele Knixe, sobald sie den Stülphut und den schwarzen Mantel des Dominie sah, bat ihn um Verzeihung und erkundigte sich nach seinen Befehlen. Jetzt begann Mr. Worden eine ernste und nachdrückliche Vorlesung über die Sünde des Stehlens und hielt die verblüffte Doortje volle drei Minuten mit seiner Rede hin. Umsonst betheuerte die Köchin, sie habe Nichts genommen; ihres Herrn Eigenthum sey heilig in ihren Augen; sie habe nie ohne Befehl auch nur alte Speisen weggegeben, und sie könne sich nicht denken, warum man mit ihr in solcher Weise spreche. Mr. Worden, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, spielte seine Rolle bewundernswerth, obwohl er allerdings nur mit einem unwissenden Weibsbild es zu thun hatte, welchem sein Beruf den tiefsten Respekt einflößte. Endlich hörten wir ein schrillendes Pfeifen von dem Gäßchen her, das Signal eines glücklichen Erfolges, worauf Mr. Worden Doortje feierlich gute Nacht wünschte und mit all der ernsten Würde eines Priesters weg schritt. Nach ein paar Minuten waren wir wieder in dem Hause und wurden von Guert mit herzlichem Händeschütteln, mit Dank für unsern willkommenen Dienst und mit der Aufforderung zum Nachtessen begrüßt. Es scheint, daß Doortje in der That Alles angerichtet hatte, denn alle Schüsseln standen an einem heißen Feuer und erwarteten nur den Glockenschlag Neun, um aufgetragen zu werden. Bei diesem Stand der Dinge nun war die einzige Veränderung, welche das Nachtessen erfuhr, die, daß es eine kurze Strecke weit durch das Gäßchen getragen und auf unsern Tisch gestellt werden mußte, statt auf denjenigen, für welchen es unmittelbar zuvor bestimmt gewesen.

Trotz der Schnelligkeit, womit dieser Austausch von Statten gegangen, wäre es doch für einen Fremden nicht ganz leicht gewesen, irgend eine auffallende Unregelmäßigkeit bei unserem Mahl zu entdecken. Es ist wahr, es standen zwei Gänge von Gerichten auf unserem Tisch, oder vielmehr Gerichte von zwei verschiedenen Gängen; aber die Enten, das Wildpret u. s. w. waren nicht nur gehörig gekocht, sondern auch warm und gut. Daher machten sich Alle mit gutem Appetit ans Werk, und fünf Minuten lang hörte man Wenig außer dem Klirren und Rasseln von Messern und Gabeln. Dann kam das Trinken von Gesundheiten, und endlich die Toaste, die Gesänge und die Geschichten.

Guert sang superb, mit einer schönen, klaren, weichen, männlichen Stimme, und er gab einige Melodien mit englischem und holländischem Tert zum Besten. Eben hatte er eines dieser Lieder geendigt, und noch dauerte das laute und lebhafte Händeklatschen, als der junge Mann von Mr. Worden eine Dame oder einen Trinkspruch verlangte.

»Kommt, Dominie,« rief er, denn mittlerweile hatte das Gastmahl schon einen ziemlichen Grad von Vertraulichkeit bewirkt – »Kommt, Dominie, Ihr habt Euch so trefflich gehalten als ermahnender Zusprecher, daß wir Alle vor Begierde sterben, Euch predigen zu hören.«

»Eine Dame, sagt Ihr, Sir?« fragte der Pfarrer, der so lustig war als wir Alle. »Eine Dame, – eine Dame!« brüllten sechs oder sieben Stimmen auf einmal; »des Dominie's Dame – des Dominie's Dame!«

»Nun, Gentlemen, wenn Ihr es durchaus verlangt, so sollt Ihr eine haben. Ihr müßt Euch nicht beklagen; wenn sie etwas ehrwürdig ist, – aber ich gebe Euch: die Mutter Kirche!« Dieß veranlaßte ein unsinniges Gelächter, wie bei dergleichen Fällen gewöhnlich ist, und dann kam die Reihe an mich. Mr. Van Brunt verlangte in aller Form eine Dame von mir. Nachdem ich mich einen Augenblick besonnen, sagte ich, mit Geist, wie ich mir schmeichle:

»Gentlemen, ich will Euch eine beinahe ebenso himmlische geben – Miß Anneke Mordaunt!«

»Miß Anneke Mordaunt!« wiederhallte es rings um den Tisch, und ich entdeckte bald, daß Anneke der allgemeine Liebling und bereits ein sehr gewöhnlicher Toast in Albany war.

»Jetzt werde ich Mr. Guert Ten Eyck bitten, seine Lady zu nennen,« sagte ich, sobald die Stille wieder hergestellt war, denn es folgten in dieser Nacht die Becher in sehr kurzen Pausen auf einander.

Diese Aufforderung verwandelte den ganzen Ausdruck von Guert's Gesicht. Es wurde in einem Augenblick ernst, wie wenn die Erinnerung an Diejenige, deren Namen er auszusprechen im Begriffe stand, seiner beinahe wilden Lustigkeit Zaum und Zügel anlegte. Er erröthete, erhob dann die Augen, schaute sich finster rings um, wie wenn er herausfordernd fragen wollte, Wer ihm zu widersprechen wage, und gab:

»Miß Mary Wallace!«

»Ja, Guert, wir sind jetzt an diesen Namen gewöhnt,« sagte Van Brunt etwas trocken. »Dieß ist das zehnte Mal, daß ich ihn binnen zwei Monaten von Euch höre.«

»Ihr werdet ihn wahrscheinlich noch zwanzigmal hören, Sir; denn ich werde Mary Wallace und keine Andere als Mary Wallace geben, so lange die Lady Mary Wallace bleibt. Ei wie, Mr. Constable! Was mag denn die Veranlassung seyn, daß uns zu dieser Nachtzeit die Ehre eines Besuchs von Euch zu Theil wird?«

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